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DER AUTOR

Nachdem Len Vlahos in den 80ern die Filmhochschule in New York abgebrochen hatte, spielte er zunächst in einer Punk-Pop-Band, wechselte dann in die Buchhandelsbranche und begann schließlich selbst zu schreiben. Er lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in Denver und ist dort Inhaber einer Buchhandlung.

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Len Vlahos

Welcome to Reality

Aus dem Amerikanischen
von Anja Galić

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© 2017 by Len Vlahos

The moral rights of the author have been asserted.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Life in a fishbowl« bei Bloomsbury Children’s Books, New York

Bloomsbury is a registered trademark of Bloomsbury Publishing Plc.

Diese Geschichte ist ein fiktionales Werk. Alle Ereignisse, Namen, Figuren, Firmen, Wirtschaftsunternehmen und Organisationen in diesem Roman sind entweder der Fantasie des Autors entsprungen oder fiktiv gebraucht.

© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Anja Galić

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Getty Images / Dominik Nitze / EyeEm

kk · Herstellung: eR

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-18487-2
V002

www.cbj-verlag.de

In liebendem Gedenken an Patrick A. McCartney,
Patti Girvalo Neske, Avin Mark Domnitz
und meinen Onkel Charlie Vlahos

Prolog

(Donnerstag, 10. September)

Jackie Stone mochte ihren Vater. Sie mochte ihn sehr.

So sehr, dass sie ein Foto von ihm in ihrem Schließfach in der Schule aufbewahrte. Es klebte an der Innenseite der Tür und war ein relativ aktuelles Selfie, das die beiden in einem Skilift zeigte. Nicht einmal Jackies blonde Haare, die unter ihrer Mütze hervorquollen, konnten das strahlende Lächeln verbergen, das auf ihrem Gesicht lag. Wenn sie einen miesen Tag hatte, von denen es für Jackie gefühlt mehr gab als von den nicht miesen, machte sie einen Abstecher zu ihrem Schließfach und schaute sich das Foto an. Es war zu so einer Art visueller Schmusedecke geworden.

An den Tagen, an denen Jackies Vater Jared nicht in Salem war, wo er als Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Oregon saß, verbarrikadierte er sich in seinem Arbeitszimmer. Jackie hatte ihn im Verdacht, dass er dort wahrscheinlich mehr Zeit damit verbrachte, sich mit seiner Wii zu amüsieren, als zu arbeiten. Es machte ihm unglaublich viel Spaß, Tiger Woods auf dem Golfplatz zu schlagen, auch wenn es nur ein virtueller Golfplatz war, und dafür liebte sie ihn nur umso mehr. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu stören, wenn die Tür zu seinem Arbeitszimmer geschlossen war, egal ob er nun arbeitete oder spielte.

Aber donnerstags war es anders.

Donnerstags erledigte ihr Vater alles, was im Haushalt anstand – einkaufen und zur Post gehen oder Wäsche waschen –, und ging anschließend ins Fitnessstudio. Wenn er dann nach Hause kam, ließ er seine Tasche mit den verschwitzten Sportsachen im Flur fallen, lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hoch und setzte sich oben neben Jackie, die dort schon auf ihn wartete. Sie unterhielten sich ein bisschen, bevor sie mit Jackies Mutter und ihrer Schwester zu Abend aßen, und dann kuschelten sie sich zusammen auf die Couch und zappten. Sie und ihr Dad nannten es »Vater-Tochter-Zeit« und für Jackie war es der beste Abend der ganzen Woche.

Selbst mit fünfzehn fühlte sie sich nirgends auf der Welt so beschützt und geborgen wie an der Sicherheit spendenden, warmen Schulter ihres Vaters. Sie wusste, dass es ihm genauso ging.

Aber an diesem Donnerstag musste sie ziemlich lange auf ihren Vater warten.

Er war spät dran.

***

Jared Stone mochte sein Gehirn. Er mochte es sehr.

Natürlich gab es Momente – der eintönige Feierabendverkehr, ein sich endlos in die Länge ziehendes Baseballspiel, die tröstliche Routine des wöchentlichen Kirchgangs –, in denen es seine Aktivität herunterfuhr und auf eine Art Autopilot schaltete. Aber größtenteils war Jareds Gehirn wirklich fleißig.

Es half ihm, sich in den endlosen Gängen des Kapitols von Oregon zurechtzufinden, wo er seine mittlerweile fünfte zweijährige Amtszeit ableistete und die Bürger von Portland repräsentierte. Es half ihm, die unergründlichen Mienen seiner Frau Deirdre und seiner beiden mitten in der Pubertät steckenden Töchter Jackie und Megan zu entschlüsseln. Es signalisierte ihm, wann sie ihn brauchten und wann er ihnen lieber aus dem Weg gehen sollte. Es wusste, was gut schmeckte, welche Frauen attraktiv waren und welche Kollegen ein Problem mit Körpergeruch hatten. Und im Großen und Ganzen schien es den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen. Man könnte sagen, dass sein Gehirn sein bester Freund war. Deswegen war es ziemlich hart für Jared, als er erfuhr, dass sein Gehirn ein Glioblastom hatte – oder besser gesagt, deswegen wäre es ziemlich hart gewesen, hätte Jared gewusst, was ein Glioblastom ist.

»Ein Glio-was?«, fragte er.

Die Ärztin, eine grauhaarige Frau mit markantem Kinn und weißen Sandalen, die genauso aussahen wie die, die Jareds Tante Eva immer getragen hatte, sah ihn einen Moment schweigend an, bevor sie antwortete. »Es tut mir leid, Jared. Das ist ein Gehirntumor.«

Er ließ sich die Worte durch den Kopf gehen: Es tut mir leid, Jared. Das ist ein Gehirntumor. Tat es ihr leid, dass es ein Tumor war, oder entschuldigte sie sich dafür, dass sie sich nicht sofort klarer ausgedrückt hatte, anstatt die Bezeichnung »Glioblastom« zu benutzen? War der Teil seines Gehirns, den er gerade einsetzte, der, in dem der Tumor saß?

»Und?«, fragte er.

»Und das sind keine guten Neuigkeiten«, antwortete die Ärztin.

»Keine guten Neuigkeiten?« Jared hörte die Worte, hatte aber Schwierigkeiten, dem Gespräch zu folgen. Er wusste, dass er sich konzentrieren musste, wusste, dass es jetzt wichtiger denn je war, sich zu konzentrieren, aber es schien ihm einfach nicht gelingen zu wollen. Genau dieses zeitweilig auftretende Unvermögen, sich zu konzentrieren, diese Anfälle von Verwirrung und Gedächtnisverlust, gemeinsam mit dem anhaltenden Schmerz in seiner rechten Schläfe, hatten ihn überhaupt erst dazu veranlasst, die Neurologin aufzusuchen.

»Nein«, sagte die Ärztin. Sie wartete, dass Jared die Information verarbeitete.

»Keine guten Neuigkeiten«, sagte er und hatte es nun begriffen.

»Er ist inoperabel.«

»Inoperabel«, wiederholte Jared und begriff diesmal sofort.

»Die einzige Behandlung, die ich Ihnen anbieten kann, ist palliativer Natur.«

»Tut mir leid, aber das Wort sagt mir nichts.« Wobei er nicht wusste, ob das schon immer so gewesen war, oder ob er das Wort einmal gekannt und mittlerweile vergessen hatte.

»Es bedeutet, dass wir versuchen können, ihr Leiden zu lindern, aber nicht in der Lage sind, das Wachstum zu stoppen. Das wird fortschreiten.«

»Das Wachstum wird fortschreiten?«

»Ja.«

Er ließ sich auch das durch den Kopf gehen und fragte sich, ob dieser Gedanke gerade durch den Tumor hindurchging, über ihn drüber, unter ihm hinweg oder um ihn herum. »Kann ich mit einem Tumor leben?«, fragte er.

Die Ärztin seufzte unabsichtlich. Noch während sie den Atem ausstieß, versuchte sie, den Laut zu unterdrücken, sodass es wie ein »Ahh« klang und sich eher zustimmend als bekümmert anhörte. Dann sagte sie: »Nein.«

»Nein«, wiederholte Jared.

»Nein«, sagte die Ärztin.

Ihr Tonfall war nüchtern, als würde sie die Temperatur und Luftfeuchtigkeit feststellen, aber Jared sah, wie ihr die Tränen in die Augen traten, und das tat ihm leid. Mitgefühl war ein wesentlicher Bestandteil seines Wesens, oder zumindest glaubte er das. Es gab jetzt nichts mehr, dessen er sich sicher sein konnte.

***

Das Glioblastom mochte Jared Stones Gehirn. Es mochte es sehr. Genauer gesagt, fand es sein Gehirn köstlich.

Wie die meisten Lebewesen hatte der Tumor keine Ahnung, wie er entstanden war. Fast so, wie ein Baby aus dem Mutterleib kommt und die Brust seiner Mutter findet, wachte das Glioblastom einfach eines Tages auf, fraß sich durch die graue Substanz in Jareds Frontallappen und wusste, dass es schön war, dort zu sein.

Für den Tumor war das völlig normal. Es war das, was Tumore machen: Sie verzehren die Erinnerungen ihres Wirts, bis beide – der Wirt und der Tumor – zu existieren aufhören. Während sich das Glioblastom die Neuronen des scheinbar endlos weiten Nervensystems einverleibte und den wesentlichen Kern des Geists seines Wirtes verdichtete, würde es im Laufe der Zeit immer mehr zu Jared werden, während Jared immer weniger Jared sein würde. Damit wäre dann der Moment gekommen, in dem es Game over hieße. Aber das wusste der Tumor nicht. Er wusste nur, dass er weiterfressen musste, dass Jareds Erinnerungen wundervoll schmeckten, dass sie etwas waren, was man genießen musste.

An dem Morgen, an dem Jared bei der Ärztin war, dem Donnerstag, an dem er erfuhr, dass er einen Gehirntumor hatte, schaute sich das Glioblastom Jareds Erinnerung an die Geburt seiner ältesten Tochter Jackie an.

Deirdre, Jareds Frau und Jackies Mutter, lag auf einem OP-Tisch. Verborgen hinter einem blauen Tuch, das vor ihren Oberkörper gespannt war, beugten sich ein Arzt und mehrere Schwestern über ihren Unterleib. Was sie dort machten, konnte das Glioblastom nicht sehen. Der Tumor nahm jedes Detail in sich auf. Den weißen Glanz des Bodens und der Wände; den Geruch von Blut und Desinfektionsmittel, der sich auf eine Art vermischte, die vermuten ließ, dass etwas enorm Wichtiges im Gang war; das Piepsen der Maschinen und das Schnaufen des Beatmungsgeräts. Der Tumor absorbierte alles, was er sah, roch und hörte, als würde er es selbst erleben, und so war es im Grunde auch. Für den Tumor unterschied sich die Erinnerung an das Ereignis nicht von dem Moment, in dem Jared es erlebt hatte.

Durch den Geschmack und die Beschaffenheit dieser speziellen Erinnerung wusste das Glioblastom, dass die Nabelschnur sich um den Hals des Babys gewickelt hatte, weshalb es per Notkaiserschnitt aus Deirdres Bauch geholt wurde. Jared, und jetzt auch der Tumor, waren krank vor Sorge.

Jared hielt Deirdres Hand und gab Binsenweisheiten von sich. Es wird alles gut. Der Arzt sagt, so was kommt ständig vor. Er versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen, aber der Tumor wusste, dass sein Wirt nicht wirklich an das glaubte, was er da sagte. Er wusste es, weil der Tumor selbst nicht wirklich daran glaubte.

Deirdre weinte. Das Glioblastom wünschte sich nichts mehr, als selbst etwas tun zu können, damit sie nicht mehr weinte.

Und dann … ein neues Weinen.

Ein anderes Weinen.

Ein Weinen, das von all den Geheimnissen des Universums erfüllt war.

Zuerst befand sich das Weinen mittig über Deirdres Körper, aber das Geräusch entfernte sich schnell, und Jared – und jetzt auch der Tumor – wurde panisch.

Der Anästhesist, den der Tumor bis jetzt nicht bemerkt hatte und der neben Jared saß, musste Jareds Not gespürt haben.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Sie waschen sie und führen den Apgar-Test mit ihr durch.«

»Apgar-Test?«, fragte Jared.

»Das Baby wird untersucht, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Reine Routine.«

Kurz darauf zeigte eine Schwester in einem hellgrünen OP-Kittel und mit Mundschutz, der nur ihre Augen freiließ, Deirdre das Baby und legte es dann Jared in den Arm.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie. Der Tumor sah, dass die Schwester unter ihrem Mundschutz strahlte. Er fragte sich, wie sie sich über etwas, das sie jeden Tag machte, so aufrichtig freuen konnte.

»Hallo, Jacquelyn«, sagte Jared. »Wie klein du bist.« Der Tumor spürte, wie sich die Muskeln in Jareds Armen und Nacken anspannten; er schmeckte die Angst, die Jared empfand, Angst davor, dass er diesen winzigen neugeborenen Menschen fallen lassen könnte.

»Ich möchte sie sehen«, sagte Deirdre. Jared ging ein bisschen in die Knie und hielt das Baby in Deirdres Blickfeld. Und dann machte Jared etwas, das der Tumor nicht verstand: Er begann zu singen.

Er sang so leise, dass das Glioblastom zuerst sicher war, niemand, noch nicht einmal Deirdre, könne es hören. Es war ein Schlaflied, das er nur für seine neugeborene Tochter sang. Aber der Tumor konnte es hören und fand es wunderschön: »Seven Spanish Angels« von Willie Nelson und Ray Charles. Der Titel des Songs leuchtete plötzlich im Kopf des Tumors auf, oder hätte dort aufgeleuchtet, wenn der Tumor einen Kopf gehabt hätte, was nicht der Fall war. Aber es lief auf dasselbe hinaus.

»Sie hat aufgehört zu weinen.« In Deirdres Augen stand eine so unglaubliche Freude, dass der Tumor dachte, die Frau seines Wirts würde jeden Moment vor Glück platzen.

Jared lächelte, beugte sich vor und küsste Deirdre auf die Stirn. Dann beugte er sich über die kleine Jackie und küsste sie auf dieselbe Stelle. Deirdres Haut war rau und schweißbedeckt, die von Jackie dagegen war ganz weich und duftete nach Hoffnung und Versprechen. Das Baby krähte leise.

In diesem Moment wusste der Tumor, dass das zwischen Vater und Tochter entstandene Band unzerreißbar war. Er hielt inne, um dieses Gefühl in sich aufzunehmen und sich von dem grenzenlosen Glück einhüllen zu lassen.

Dann verschlang das Glioblastom die Erinnerung in einem Stück.

***

Jackies jüngere Schwester Megan hatte an diesem Donnerstagnachmittag ein paar Freundinnen zu Besuch und hatte klargestellt, dass Jackie nicht erwünscht war. Jackie war das mehr als recht. Das Letzte, worauf sie Lust hatte, war, sich Wiederholungen von Der Bachelor oder irgendeiner anderen dämlichen Realityshow anzuschauen, während Megan und ihre Freundinnen wie eine Horde gackernder Hühner vor dem Fernseher hockten.

Als ihr Vater nicht zur gewohnten Uhrzeit nach Hause kam, ging Jackie in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen. Sie stieg über den am Boden liegenden Wäscheberg hinweg, berührte im Vorbeigehen wie immer kurz das Filmposter von Girls Club – Vorsicht bissig! (ein abergläubisches Ritual) und schob die über ihren Schreibtisch verteilten Schulbücher und Krimis zur Seite, um an ihre Schultasche zu kommen. Dann legte sie sich bäuchlings aufs Bett und breitete ihre Unterlagen vor sich auf dem Kissen aus.

Einen Stift in der einen Hand, eine Haarsträhne um den Zeigefinger der anderen gewickelt, lächelte Jackie, als sie in ihrer Englischhausaufgabe für das zehnte Schuljahr zum »Wort des Tages« kam:

töricht (ˈtœrɪçt) 1. albern oder naiv

Das passte perfekt: Megan und ihr Gefolge aus der Achten waren definitiv albern und ziemlich naiv.

Nicht dass es eine Rolle spielte. Jackie hätte sich auch dann in ihrem Zimmer verkrochen, wenn sich Megan und ihre Freundinnen nicht im Wohnzimmer breitgemacht hätten. Ihr Zimmer war für Jackie ihr Schutzgebiet. Es war der einzige Ort im Haus, an dem sie sich rundum wohlfühlte.

Der einzige Ort außerhalb des Hauses, an dem Jackie sich wohlfühlte, war das Internet. Sie dachte oft, dass es sehr viel besser war, aus der Ferne mit der Welt verbunden zu sein, als sich tatsächlich in sie hinauszuwagen. Zum einen liebte sie die Anonymität. Man konnte sich heimlich auf Webseiten oder in Chatrooms schleichen, ohne dass es jemand mitbekam. Niemand wurde auf einen aufmerksam, und wenn doch, war man mit einem einzigen Klick wieder weg. Es kam ihr so vor, als hätte sie ihre ganz eigenen magischen roten Schuhe wie Dorothy aus dem »Zauberer von Oz« und könnte im Handumdrehen nach Kansas, Hollywood oder Tokio teleportieren.

Der einzige Mensch, mit dem sie sich jemals online unterhalten hatte, war Max. Sie hätte jetzt gern ein bisschen mit ihm geredet, wusste aber, dass er so spät nachmittags nicht zu erreichen war.

Jackie hörte, wie die Haustür auf- und zuging, sie hörte Megans Freundinnen im Chor »Hi, Mr Stone« rufen und dann ohne ersichtlichen Grund in Kichern ausbrechen. Das war eines der Dinge, das Jackie an Megans Freundinnen am meisten auf die Nerven ging: dass sie ständig grundlos kicherten.

Aber das war jetzt egal; ihr Vater war zu Hause. In null Komma nichts sprang Jackie vom Bett, lief aus dem Zimmer und setzte sich oben auf die Treppe.

Sie hörte, wie ihr Vater etwas zu ihrer Mutter sagte – sie verstand nicht, was –, und sah ihn dann um die Ecke biegen und die Treppe hochsteigen. Als sie merkte, dass ihr Vater vor sich hin murmelte und völlig abwesend wirkte, verschwand das vorfreudige Lächeln von ihrem Gesicht. Verblüfft beobachtete sie, wie er an ihr vorbeiging.

»Dad?«

Jared blieb stehen und drehte sich um. »Oh, hey, Jax. Tut mir leid, ich hab dich gar nicht gesehen.«

Das hatte es noch nie gegeben. Dass er, ohne sie zu bemerken, einfach an ihr vorbeiging, war so, als würde der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in Gedanken versunken am Podium einer Pressekonferenz vorbeigehen. So etwas passierte einfach nicht.

»Alles okay, Dad?«

»Hm? Oh, sicher. Hab nur ziemlich viel Arbeit heute.«

Jackie wusste sofort, dass das eine Lüge war.

»Ich werde gleich mal loslegen«, fügte er hinzu, dann ging er in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Jackie starrte ihm verwirrt hinterher. Er hatte sie nicht hereingebeten.

***

Jared war noch nicht bereit, mit seiner Familie darüber zu sprechen. Er konnte seiner Frau und seinen Töchtern nicht sagen, was die Ärztin ihm mitgeteilt hatte; dass seine zeitweiligen Ausfälle und die Kopfschmerzen sich verschlimmern würden und dass er in drei oder vielleicht vier Monaten tot sein würde.

So leid es ihm tat, was gerade mit Jackie auf der Treppe passiert war, er konnte sich jetzt nicht damit beschäftigen. Er musste nachdenken.

Die Ärztin hatte ihm erklärt, dass er die Ausfälle zumindest etwas in Schach halten konnte, indem er die »Außenreize«, die sein Gehirn verarbeiten musste, so gering wie möglich hielt. Jared blickte sich in seinem Arbeitszimmer nach Außenreizen um. Er schaltete den Computer, den Monitor und den Drucker aus, um sämtliche Hintergrundgeräusche zu beseitigen. Dann löschte er das Licht. Weil er sich albern vorkam, so im Dunkeln dazustehen, legte er sich auf den Boden.

Nachdem er ein paar Minuten so dagelegen hatte, sagte er laut: »Tod.«

Es erschreckte ihn, seine eigene Stimme zu hören, also sagte er es noch mal. »Tod.«

Trebuchet, der betagte schwarze Labrador der Familie, der gerade ein Nickerchen im Arbeitszimmer hielt, schaute einen Moment auf, bevor er den Kopf wieder sinken ließ und erschöpft seufzte.

Jared merkte, dass die Stille im Raum ihm tatsächlich half, klarer zu denken.

»Ich werde sterben«, sagte er laut. Das ist ein Anagramm für ›Er schwebt nieder‹, dachte er. Seltsam.

Je länger er darüber nachdachte, desto weniger Angst vor dem Sterben hatte Jared. Er hatte Wichtigeres zu tun. Wie die meisten Senatsabgeordneten musste Jared noch einer zweiten Tätigkeit nachgehen, um genug Geld für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Allerdings war er im Gegensatz zu den meisten Abgeordneten nicht Rechtsanwalt, sondern Grafikdesigner. Das Einkommen aus diesen beiden Jobs würde seine Familie selbst mit Deirdres Gehalt finanziell nicht absichern. Er hatte eine Lebensversicherung, aber die belief sich auf gerade mal 500000 Dollar, hatte eine Laufzeit von zwanzig Jahren und war kurz nach Jackies Geburt abgeschlossen worden. Allein schon die Hypothek für das Haus würde diesen Betrag verschlingen wie ein Wurm, der sich durch einen Apfel fraß. Oder ein Tumor durch ein Gehirn, dachte er. Er konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, eine Lösung für das Problem zu finden, aber je angestrengter er nachdachte, desto mehr schmerzte sein Kopf. Er wusste nicht, ob der Tumor oder die Situation dafür verantwortlich war, aber das spielte auch keine Rolle.

»Ich brauche Geld«, sagte er laut. Durchgabe Chile, dachte er. Jared fragte sich, woher plötzlich all diese Anagramme kamen. Er hatte sonst eigentlich mit Wortspielen nie etwas am Hut gehabt, zumindest konnte er sich nicht daran erinnern. Vielleicht war der Tumor die Ursache dafür, vielleicht bewirkte er, dass manche Bereiche seines Gehirns leistungsfähiger arbeiteten als früher, während er ihn gleichzeitig langsam tötete.

Ihm fielen noch mehr Anagramme ein, während er »langsam einschlief« (sein Schlagmann lief) und in einem Meer aus »Buchstaben« (Buntschabe) versank.

***

Während der nächsten Tage versuchte Jackie immer wieder, ein Gespräch mit ihrem Vater anzufangen, aber das Ergebnis war von Mal zu Mal seltsamer.

»Hi, Daddy«, sagte Jackie eines Nachmittags.

»Hm? Oh, hi, Peanut. Mir geht’s gut, danke«, antwortete er und ließ sie stehen.

Nicht nur die Dauer des Gesprächs war untypisch und beunruhigend – ganz abgesehen davon, dass sie ihn nicht gefragt hatte, wie es ihm ging –, sondern auch die Tatsache, dass »Peanut« Dads Kosename für Megan war.

»Dad«, sagte sie bei einer anderen Gelegenheit, »kannst du mir bei meiner Mathehausaufgabe helfen?«

»Klar, Jax, aber vielleicht lieber später, nachdem wir Jericho geschaut haben.«

An der Antwort wäre an sich nichts auszusetzen gewesen, wenn die Serie nicht letztes Jahr abgesetzt worden wäre.

Nicht alle ihre Begegnungen verliefen so – Jared dachte immer noch daran, zu fragen, wie ihr Schultag gewesen war, und schaffte es sogar, den Anschein zu erwecken, er würde Jackie aufmerksam zuhören, wenn sie antwortete –, aber es gab für sie trotzdem genügend Anzeichen, sich zu fragen, ob etwas nicht stimmte.

Sie versuchte, mit ihrer Mom darüber zu sprechen, aber Deirdre war auf eine andere Art und Weise zerstreut, wie es berufstätige Mütter oft sind. Sie müssen sich um so viele Dinge gleichzeitig kümmern, dass sie keine Zeit haben, sich um irgendetwas Sorgen zu machen, falls nicht gerade das Haus abzubrennen droht. Und auch wenn Jareds Gehirntumor definitiv so bedrohlich war wie ein Hausbrand, hatte noch niemand den Alarm ausgelöst.

Jackie kam zu dem Schluss, dass ihr Dad wohl einfach überarbeitet war, schob ihre Beunruhigung beiseite und genoss, ohne es zu ahnen, die letzten Tage, die sie in seligem Nichtwissen verbringen würde.

***

Jared behielt die Nachricht von seinem Gehirntumor vier weitere Tage für sich und verbrachte die meiste Zeit damit, in seinem Arbeitszimmer auf dem Boden zu liegen und nachzudenken. Er achtete darauf, oft genug herauszukommen, damit seine Familie nicht auf die Idee kam, etwas könnte nicht in Ordnung sein, und kehrte sofort dorthin zurück, sobald er sich sicher war, dass sie noch nicht Lunte gerochen hatten.

Jared dachte angestrengt über eine Möglichkeit nach, sich aus seiner – wie er es nannte – finanziellen Zwickmühle zu befreien. Bald würden Collegegebühren anfallen. Und Autos und Urlaube und alles, wofür Kinder sonst noch Geld brauchten. Aber hauptsächlich versuchte er, einfach nachzudenken. Wenn er genug davon hatte, in der Dunkelheit zu liegen, schaltete er seinen Computer an und klickte sich von einer Krebs-Seite zur nächsten. Die bedrückenden Dinge, die er über Glioblastome las, verursachten ihm Kopfschmerzen, und er ertappte sich immer wieder dabei, wie er stattdessen auf verlinkte Nachrichten- und Boulevard-Seiten abwanderte.

Dabei stieß er auf einen seltsamen Artikel vom letzten Monat:

Mann versteigert nach Scheidung sein Leben online.

14. März – WorldNewsNow.com

Als Joos Smit klar wurde, dass er einen Neustart brauchte, versteigerte er seine sämtlichen materiellen Besitztümer im Internet. Von einer unbenutzten Tube Zahnpasta bis hin zu einem 2002 Toyota Camry bot Smit sein komplettes Leben dem Meistbietenden an.

Der dreiundvierzigjährige Niederländer, ein erfolgreicher Anwalt, der gern Drachen fliegt und Ski läuft, schien alles zu haben. Aber dann reichte seine Frau, eine Italienerin namens Anna Mazzucchi, nach sieben Jahren Ehe die Scheidung ein, und Smit beschloss, dass es Zeit war, etwas zu verändern.

»Ich wollte einfach keine Erinnerungen mehr an mein vorheriges Leben«, sagte er.

Smits Angebot beinhaltet sein Haus, seinen Whirlpool, seine Kleidungsstücke, seinen Fernseher, seine Katze und seinen Wagen. Er erklärte außerdem: »Meine Freunde sind ebenfalls in dem Gesamtpaket enthalten. Sie haben versprochen, nett zu demjenigen zu sein, der den Zuschlag erhält.«

Jared blickte von seinem Computerbildschirm auf und für einen Moment blieb die Welt stehen.

In Jareds Gehirn formte sich eine Idee. Eine verrückte Idee. Eine Idee, auf die nur ein Mann mit einem Glioblastom kommen konnte. Er würde sein Leben versteigern – nicht sein Hab und Gut, sondern sich selbst – auf eBay. Im Parlament übte die Sterbehilfe-Lobby Druck auf ihn aus, bei einer geplanten Gesetzeserweiterung Position zu beziehen; er würde ihr Aushängeschild werden. Jared Stone meistbietend zu verkaufen – verfahren Sie mit ihm nach Ihrem eigenen Gutdünken.

Erster Teil

Die Kaufinteressenten

(Dienstag, 15. September)