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Buch

Vor dreitausend Jahren tobte ein Krieg, der die damalige Welt in ihren Grundfesten erschütterte: Der Trojanische Krieg hat viele Helden hervorgebracht. Hier erzählen die Frauen von Troja die Legende aus ihrer Sicht.

Dies ist die Geschichte von Atalante. Das junge selbstbewusste Mädchen ist eine geschickte Jägerin und schnelle Läuferin. Als Mann verkleidet gelingt es ihr, sich Jason und den Argonauten, unter ihnen der attraktive Meleagros, anzuschließen. Gemeinsam mit ihnen begibt sie sich auf eine lange Reise auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, dem magische Kräfte nachgesagt werden. Als Jason jedoch hinter Atalantes Täuschung kommt, will er sie töten lassen …

Informationen zu Emily Hauser sowie zu weiteren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.

EMILY HAUSER

TOCHTER DES
MEERES

Historischer Roman

Deutsch von Sonja Hauser

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
»For the Winner« bei Transworld Publishers,
a division of The Random House Group Ltd., London.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2019

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Emily Hauser

First published as »For the Most Beautiful« by Transworld Publishers,
a division of The Random House Group Ltd.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by
Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur nach einem Entwurf
von Penguin Randomhouse UK

Covermotiv: Prisma Archivo/Alamy Stock Foto

Hintergrund © Nine Tomorrows/Shutterstock

Karte: © Peter Palm, Berlin, auf Basis einer Karte von Liane Payne

Redaktion: Irmi Perkounigg

BH · Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-18500-8
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für meine Eltern und für Oliver, immer

Inhalt

Prolog

TEIL I
GRIECHENLAND

Die Jagd

In die Stadt

Von den Göttern geliebt

Der Erbe kehrt zurück

Die Eberjagd

Die Suche beginnt

TEIL II
OZEAN

Auf der Argo

Auf hoher See

Frischer Wind

Heras Rache

Verrat

Im Exil

Poseidon erwacht

TEIL III
ANATOLIEN

Niederlage

Rückkehr

Goldener Apfel

Vor Griechenland

TEIL IV
GRIECHENLAND

Abschied und Willkommen

Iris’ letzte Botschaft

Rückkehr in den Palast

Der Wettlauf

Epilog

Anmerkung der Autorin

Weiterführende Literatur

Kalender der Bronzezeit

Auftretende Figuren

Erwähnte Orte

Dank

Prolog

Der Berater des Königs erklimmt den Berghang. Schneeflocken wirbeln um ihn herum; in der eisigen Luft bekommt er eine Gänsehaut. Er drückt das wertvolle Bündel, das er bei sich hat, fester an seine Brust, als könnte er es so vor dem, was ihm bevorsteht, schützen. Der Wind peitscht gegen die Kiefern und biegt sie wie Grashalme. Schnee und Dunkelheit erschweren dem Berater die Orientierung; die Kälte nagt trotz seiner Schweinslederhandschuhe an seinen Fingerspitzen. Dies ist keine Nacht, um allein auf den Hängen des Pelion-Gebirges unterwegs zu sein, den Stürmen des Zeus ausgesetzt, in denen der Schnee die Augen verklebt und sich Eiskristalle im Bart bilden. Dies ist keine Nacht für eine solche Tat.

Doch er muss dem Befehl des Königs Folge leisten. Schließlich ist er nur ein Berater, und das noch nicht lange. Was würde aus seiner Familie, wenn er sich den königlichen Anweisungen widersetzte? Er muss an seine Frau und seine Kinder, an seine kleine Tochter, denken.

Ihn schaudert.

Trotzdem wäre es ihm lieber, wenn er es nicht tun müsste.

Der Wald lichtet sich. Bald wird der Berater den Gipfel erreichen, wo nackter Fels in den Himmel aufragt. Ein Blitz erhellt den steilen, gewundenen Weg. Festhalten kann er sich nur an den Wurzeln junger Bäume, denn der Stein ist rutschig vom frisch gefallenen Schnee. Ihm ist, als würden die Windböen ihn antreiben, immer weiter, wie die Hand eines göttlichen Wesens. Donnergrollen erschüttert ihn bis ins Mark. Er murmelt Gebete, während er die glitschigen Felsen hinaufklettert, das Bündel im heulenden Wind fest an die Brust gepresst, Gebete an Götter, an die er kaum noch glauben kann, weil sie der Ausführung von König Iasos’ Befehl tatenlos zusehen. Welche Götter – die höheren Mächte mögen ihm verzeihen – können das zulassen, was er gerade tut?

Und er denkt: Nicht für sich selbst sollte er beten.

Der Gipfel des Berges ist kahl, leer gefegt von den Winden, die von Troja übers Meer herüberwehen, zu spitzen Zacken geformt wie Wellen auf hoher See. Der Berater sieht sich nach einer gegen Wind und Schnee geschützten Stelle um und verflucht sich selbst für seine Dummheit. Als würde das einen Unterschied machen.

Doch am Ende entdeckt er tatsächlich einen schmalen Spalt zwischen den Felsen und scharrt trockenes Laub, das ein wenig Wärme spendet, auf einem Haufen zusammen, bevor er das Bündel vorsichtig darauflegt. Dieses Bündel ist nicht größer als seine beiden Handflächen zusammengenommen und in feines Linnen und Wolle gehüllt. Der Säugling regt sich im Schlaf und ballt die winzigen Fäuste.

Der Berater des Königs richtet sich auf. Seine Finger zittern, als er den Rückweg in die dunkle kalte Nacht antritt.

»Auf Wiedersehen, Tochter des Iasos«, sagt er.

Oben auf dem Olymp, dem Zuhause der Unsterblichen, eilt eine Göttin durch die leeren Räume von Heras Palast. Das einzige Licht dringt unter der Tür des Gemachs am anderen Ende des Flurs hervor: Heras Schlafzimmer, ihre Zuflucht, wenn sie sich eine Intrige gegen Zeus ausdenkt oder zu wütend ist, das Bett mit ihm zu teilen. Iris weiß, dass die Göttermutter Hera, um diese mitternächtliche Stunde ungeduldig auf ihre Rückkehr wartend, auf dem kühlen Marmorboden hin und her läuft.

Die Götterbotin öffnet leise die Tür.

Hera steht in der Mitte des Raums, mit dem Rücken zu Iris, die lockigen dunklen Haare unter einem goldenen Eichenlaubkranz, entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie gespannt sie auf die Nachricht ihrer Botin ist. Hera wendet sich Iris bedächtig zu.

»Und?«, fragt sie.

Iris neigt das Haupt. »Es ist vollbracht.« Ihr Gesicht ist bis auf eine winzige Falte in der Mitte ihrer Stirn, wo ihre Augenbrauen zusammentreffen, ausdruckslos. Als sie den Kopf hebt, um Hera anzusehen, kräuselt sich ihr Gewand und schillert im Licht der Lampe.

Hera atmet hörbar aus. »Es ist vollbracht«, wiederholt sie leise, geht zu ihrem Bett, setzt sich darauf, betrachtet ihre Hände und denkt nach. Schließlich blickt sie Iris an. »Niemand hat gesehen, wie du gegangen bist? Nicht einmal Hermes?«

»Als ich aufgebrochen bin, hat er gerade Dionysos und die Mänaden in seinem Palast empfangen.«

Hera nickt. »Und Zeus?«

»Der schaut bei der Schlacht von Kadesch zu.«

Hera lacht, und dieses Lachen hallt von den Marmorwänden wider. »Gut gemacht, Iris – sehr gut. Nicht einmal Hermes hätte es besser gekonnt.«

»Bestimmt nicht«, meint Iris und schaut zur Decke empor, die sich zum Nachthimmel öffnet, zu samtener Schwärze mit einem Schleier aus Sternen.

Als Hera eine der flackernden Öllampen löscht, leuchten die silbrigen Sterne ein wenig heller. »Also wird das Mädchen sterben.«

»Ja.« Iris nickt.

Schweigen. Es ist, als könnten Iris und Hera sehen, wie die drei Schicksalsgöttinnen im dunkelsten Abgrund des Hades den goldenen Faden von Atalantes Leben von ihrem Spinnrad lösen und mit den Zähnen durchtrennen, sodass nur noch ein kurzes Stück übrig ist. Als könnten sie beobachten, wie die eine ihn in ihre uralten knotigen Finger nimmt und ihn über den Rand der Höhle schnippt, wie er in die unendlichen Tiefen der Unterwelt fällt und sich zu all den anderen Resten nie geführter sterblicher Leben gesellt. Iris und Hera löschen die verbleibenden Öllampen; dünne Rauchfahnen steigen in die Dunkelheit auf.

»Hast du noch andere Wünsche?«, erkundigt sich Iris. Die Göttinnen schimmern schlank und fahl im Mondlicht wie zwei Marmorsäulen.

»Nein«, antwortet Hera. »Es ist vollbracht. Endlich kann ich ruhig schlafen. Ich habe gewonnen.«

»Dann gehe ich jetzt.«

Doch als Iris die Tür hinter sich schließt und zwischen den Palästen des Olymp hindurchschreitet, in denen die Götter ruhen, fragt sie sich, ob es immer das Ende der Geschichte ist, wenn die Schicksalsgöttinnen den Faden menschlichen Lebens mit den Zähnen durchtrennen.

Und ob es möglich wäre, der Vorsehung ein Schnippchen zu schlagen.

TEIL I

Achtzehn Jahre später

GRIECHENLAND
1260 v. Chr.

Dort wachsen Ähren ohne Zahl und Trauben für den Wein: Immer wieder gehen Regenschauer hernieder, sanft legt sich Tau auf die Wiesen; das Land eignet sich gut für das Weiden von Ziegen und Ochsen, darauf wachsen Bäume jeder Art, und die Seen trocknen niemals aus.

Homer

DIE JAGD

Pelion-Gebirge

Stunde der Opfergaben
Vierter Tag des Segelmonats

Rennend schob ich Dornengestrüpp und Farne beiseite und trampelte junge Triebe nieder. Meine Oberschenkel schmerzten, mein Atem ging schnell, die Sohlen meiner Füße bogen sich, meine Arme pumpten. Der Pfad war kaum zu erkennen, ein Jagdweg, überwuchert von wildem Gras und Heidekraut, doch ich kannte mich im Gebirgswald so gut aus wie jeder erfahrene Jäger. Meine Augen brannten vom Schweiß, Strähnen meiner kastanienbraunen Haare klebten an meiner Stirn, aber trotzdem eilte ich weiter, entschlossen, erst dann stehen zu bleiben, wenn ich mich so weit von Kaladrosos entfernt hätte wie möglich. Ich wich einem tief herabhängenden Ast aus, sprang über einen umgestürzten moosbewachsenen Baum und landete sicher.

»Aura – schneller!«

Aura, die Jagdhündin meines Vaters, lief mit hängender Zunge, die Ohren flach am Kopf, neben mir her. Hier standen die Eichen dicht beieinander. Krumme graugrüne Stämme bohrten sich tief in die Erde, knorrige Wurzeln wucherten über den Pfad. Bisweilen drang die fahl schimmernde Nachmittagssonne durch das Blätterdach. Ich rannte mit wild klopfendem Herzen und schweißbedeckten Oberschenkeln; mein Lederköcher – die eine Hälfte mit den Pfeilen geschlossen, die andere mit dem Bogen offen – schlug bei jedem Schritt auf meinen Rücken. Ich hastete an einem Wasserfall vorbei, der sich über Felsen in ein grünblaues Becken ergoss, und durch den Kissos-Bach. Aura sprang platschend durch eine seichte Stelle. Und weiter ging’s durch den Eichenwald zu den weit ausladenden Buchen, die die Flanken des Bergs hinanwuchsen.

Nun wurde das Licht heller und ergoss sich golden über die Blätter. Eine Lichtung tat sich auf. Ich blieb schwer atmend stehen, die Hände auf den Oberschenkeln. Aura hielt ebenfalls mit sich heftig hebenden und senkenden Flanken inne, während ich mich umsah. Felsvorsprünge wechselten sich ab mit niedrigen Kreuzdornbüschen, gelb blühendem Ginster und fahlen Baumstämmen. Der Geruch von frischen Pflanzen und Wasser vom nahe gelegenen Kissos stieg mir in die Nase. Ich holte tief Luft. Allmählich verrauchte mein Zorn; das Blut, das durch meine Adern pochte, wusch ihn aus meinem Körper heraus. Nur meine Ohnmacht blieb. Sie versteht mich nicht, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Sie meint, es gebe nichts anderes als ihr Leben in Kaladrosos, wo sie jahrein, jahraus Wolle zu Fäden verspinnt und immerzu dieselben Menschen im selben Dorf sieht.

Ich zog verächtlich schnaubend meinen Dolch aus dem Gürtel.

Und stutzte.

Aus dem Hagedorngestrüpp auf der anderen Seite der Lichtung drang Rascheln. Ich lauschte. Aura begann zu knurren, ihr sträubte sich das Fell.

»Still, Aura«, flüsterte ich und legte den Finger an die Lippen. Sofort wurde aus dem Knurren ein leises Winseln. Ich hielt sie mit der einen Hand am Nacken, während ich mit der anderen meinen Dolch fester packte. Aura wand sich und hob ihre schwarze Schnauze in Richtung der Bäume. Wieder raschelte es im Unterholz, diesmal lauter. Ein Zweig knackte unter schwerem Gewicht, das Geräusch hallte durch die Waldlichtung.

Meine Hand verkrampfte sich um Auras Nacken.

Lautlos schob ich den Dolch zurück in die Scheide, griff in den Köcher auf meinem Rücken, holte den Bogen heraus und zurrte die lose Sehne fest. Dann ging ich hinter einem Ginsterbusch auf ein Knie, nahm einen Pfeil, legte ihn auf, zog das gefiederte Ende mit der Sehne zurück und spürte den vertrauten Druck an meinen Fingern. Das Blut rauschte in meinen Ohren, und mein Puls raste vor Erregung und Angst, als ich zwischen den Zweigen hindurch einen Blick auf das Tier zu erhaschen versuchte.

Ich richtete die Spitze des Pfeils auf den niedrigsten Ast in dem Dickicht vor mir, ahnte, wo das Tier sich bewegte, spürte, wie sich sein schwerer Körper über den Waldboden schob, konnte fast hören, wie seine Tatzen sich in das Moos drückten. Nun spannte ich die Sehne des Bogens, so weit es ging, und zielte. Vergiss nicht, Atalante, du triffst immer, dachte ich.

Du triffst immer.

Doch bevor ich den Pfeil abschießen konnte, hörte ich knackende Äste links von mir. Ich wirbelte herum. Ein weiteres Tier stürmte brüllend mit gefletschten Zähnen aus etwa hundert Schritten Entfernung auf mich zu. Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich wieder dem Dickicht zuwandte, in dem ich das erste Tier gehört hatte. Nun sah ich ein zweites Muskelpaket aus etwa der gleichen Distanz durchs Unterholz auf mich zurennen. Aura bellte erneut, und die beiden Ungeheuer stürzten wie goldene Blitze mit weißen Zähnen und langen Krallen heran.

Löwen.

Mit einem Brüllen, das die Bäume bis in die Wurzeln zu erschüttern schien, lief der eine mit wogenden Muskeln auf mich zu, ein bronzefarbener Schimmer vor gelben Blumen und dunklen Blättern. Meine Finger zitterten an der Sehne des Bogens, der Ochsendarm schnitt in meine Haut, aber ich war bereit. Ich verengte die Augen, bis ich nur noch die Pfeilspitze und mein Ziel wahrnahm. Ruhig folgte ich mit dem Bogen den Bewegungen des Tieres. Als würde sich die Zeit auf eine endlose Abfolge von Einzelmomenten verdichten, sah ich, wie der Löwe sich auf die Hinterbeine aufrichtete, um über einen umgestürzten Baum zu springen. Ich hörte das Knistern des trockenen Laubs unter seinen Tatzen. In dem Augenblick ließ ich den Pfeil von der Sehne schnellen. Ich wartete nicht auf den Schmerzensschrei des Tieres, als der Pfeil durch die Brust in sein Herz drang, sondern zog noch einmal den Dolch aus meinem Gürtel und schleuderte ihn dem Pfeil nach, sodass er sich tief in den Körper des Löwen senkte. Er brüllte ein letztes Mal auf, bevor er sein Leben aushauchte.

Dann wirbelte ich herum, holte einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, legte ihn auf, zog die Sehne bis zum Ohr zurück und wandte mich dem zweiten Tier zu. Das hatte mittlerweile mit einem argwöhnischen Blick seiner bernsteinfarbenen Augen und gefletschten Zähnen im Angriff innegehalten und begann, mich in gebührendem Abstand zu umschleichen, um den besten Angriffswinkel zu finden. Aura sträubte sich das Fell, sie fletschte ebenfalls die Zähne, und ein tiefes Knurren entrang sich ihrer Kehle.

»Aura, nein

Die Löwin machte einen Satz auf Aura zu. Ich versetzte der Hündin einen Tritt, sodass sie zur Seite geschleudert wurde, nahm, ohne auf ihr Winseln zu achten, blitzschnell, bevor sich die rasiermesserscharfen Zähne in mein Fleisch bohren konnten, den Pfeil vom Bogen und warf diesen weg. Das Untier war mir so nahe, dass ich den Speichel aus seinem Maul fliegen sah. Ich sprang mit gestrecktem Arm nach rechts, um den Pfeil, den ich in der Hand hielt, flach auf den Boden zu legen, während ich eine Rolle darüber machte. Die Löwin geriet ins Schlittern, weil ihr Gewicht sie mit Wucht nach vorne warf, und versuchte, an den Felsen Halt zu finden, während ich, Auge in Auge mit dem Tier, beide Hände um den Schaft des Pfeils, in die Hocke ging. Kurz herrschte Stille, dann setzte die Löwin mit einem gutturalen Knurren und mit ausgefahrenen Krallen zum Sprung an. Ich stieß ihr die scharfe, kalte Flintsteinspitze mitten ins Herz, tiefer und tiefer … Dann rollte ich zur Seite, ertastete den Weg in die Sicherheit eher, als dass ich ihn sah, und meine Fingerspitzen vergruben sich in die dunkle Erde. Kurz darauf hörte ich ein ohrenbetäubendes Grollen sowie den dumpfen Aufprall des riesigen Körpers auf dem Boden hinter mir und wusste, dass ich nichts mehr zu befürchten hatte. Ich erhob mich schwer atmend und betrachtete den massigen Kopf, die schlaffen Glieder und das Blut, das aus der Wunde mit dem abgebrochenen Pfeil auf den Boden tropfte. Da vernahm ich aus der Ferne ein Geräusch, das sich durchs Unterholz näherte. Ein Dritter, dachte ich, und mein Puls beschleunigte sich. Ich bückte mich, nahm meinen Bogen in die Hand und legte den nächsten Pfeil auf.

»Atalante!«

Ich drehte mich in die Richtung, aus der die Stimme kam. Aura wandte sich ebenfalls um, legte die Ohren an und stellte den Schwanz warnend auf.

»Tochter!«

Wieder die Stimme. Ich senkte den Bogen. Zwischen den Bäumen tauchte eine gebeugte Gestalt mit brauner Haut und Strohhut auf, die das Dornengestrüpp mit einem Holzstock beiseiteschob.

»Vater …« Ich atmete aus. »Was machst du denn hier?«

Er näherte sich mir langsam, eine Hand im Rücken. Ich ging in die Hocke und hielt Aura noch einmal am Nackenfell fest, die ihn begrüßen wollte.

»Atalante«, keuchte er, setzte sich auf einen mit Flechten bewachsenen Baumstumpf und wischte sich die Stirn ab, »du kannst nicht einfach so weglaufen.«

Ich ließ Aura los. Sie rannte zu meinem Vater und leckte ihm die Hand, doch er schenkte ihr keine Beachtung, weil er die beiden erlegten Löwen entdeckt hatte. Ich sah, wie er blass wurde. »Was, bei allen Göttern …«

Sein Blick wanderte über die Pfeile, die aus den Körpern der Tiere ragten, zu dem Blut um die Wunden und den dunklen, größer werdenden Fleck auf dem Laub, dann zu dem Köcher auf meinem Rücken und dem Bogen zu meinen Füßen.

»Bei allen Göttern des Olymp. Warst du das, Atalante?«

Ich nickte.

Er schluckte. »Aber wie?«

Ich nahm den Bogen in die Hand, legte einen Pfeil auf, zielte auf die andere Seite der Lichtung und ließ ihn losschnellen. Ein Rascheln, dann fiel ein Büschel Kiefernzapfen auf den Waldboden. »Mit Pfeil und Bogen, die du mir gegeben hast, Vater.« Ich wandte mich ihm zu. »Siehst du jetzt, dass ich in der Lage bin, mich zu verteidigen? Und mehr kann als …«, ich kickte einen Stein weg, »… als Frauenarbeit?«

Er nahm wortlos den Strohhut ab und wischte sich noch einmal über die Stirn. Schließlich erhob er sich und wölbte die Hände um mein Gesicht. »Ist dir klar, was hätte geschehen können?«, fragte er. Wieder wanderte sein Blick zu den Kadavern der Löwen, um die die Blutlachen größer wurden. »Warum musst du dich wieder und wieder in Gefahr begeben? Auch dreißig Jägern mit Speeren und Netzen gelingt es nicht immer, einen Löwen zu töten!«

»Es ist doch nichts passiert, Vater! Ich habe sie erlegt!«

»Diesmal vielleicht, aber was ist das nächste Mal? Und danach? Du bist jung und wagemutig, doch deine Mutter und ich, wir machen uns Sorgen um dich. Du kannst nicht ewig gewinnen …«

Er setzte den Hut wieder auf, verknotete die Schnur und winkte mich zu sich heran. »Komm, Atalante. Wir müssen nach Hause. Deine Mutter möchte mit dir sprechen.«

Ich versuchte mich abzuwenden, aber er packte mein Kinn und drehte mein Gesicht ihm zu. Auf seiner Stirn waren Sorgenfalten. »Ach, Tochter, du warst schon als Kind eigensinnig.« Er schmunzelte. »Es geht um mehr als nur um Frauenarbeit. Ich muss dir etwas sagen.«

Ich bückte mich und trat in die Lehmhütte in Kaladrosos ein. Meine Augen brauchten eine Weile, bis sie sich an das verrauchte dunkle Innere gewöhnten. Die hölzerne Schöpfkelle flog über meinen Kopf und klappernd gegen die Wand hinter mir, bevor sie mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden landete.

»Was in aller Götter Namen hast du dir dabei gedacht?«

Meine Mutter nahm eine zweite Schöpfkelle in die Hand und drohte mir damit wie eine Kriegerin mit einem Bronzeschwert. Sie stand bei der Feuerstelle in der Mitte des Raums, die Schürze rußgeschwärzt, die Hände voller Asche von den brennenden Holzscheiten unter dem Fleisch, das über dem Feuer briet. Ich ließ Bogen und Köcher von meinem Rücken gleiten und lehnte beides an die Wand.

»Atalante! Antworte mir!«

»Beruhige dich, Tyro«, sagte mein Vater, der nun ebenfalls eintrat. Er nahm den Hut vom Kopf, hängte ihn an einen Holzhaken an der Wand und stellte seinen Gehstock darunter ab.

»Und was ist mit der Ziege, die nicht angebunden war und der ich in der Mittagshitze über die Felder nachjagen musste?«, fragte sie, die Hände in die Hüften gestemmt. »Und mit dem Eintopf, auf den sie für mich aufpassen sollte? Der ist angebrannt.« Sie deutete aufs Feuer, neben dem ein Tontopf mit verkohltem Inhalt stand. »Warum kannst du nicht hierbleiben und tun, was man dir sagt?« Wieder drohte sie mir mit der Schöpfkelle.

Ich setzte mich auf einen Hocker, nahm den Bogen, ein Wolltuch und Bienenwachs aus meinem Köcher, in dem sich außerdem ein Dolch, Stoffstreifen für Verbände, ein Wetzstein und einige Wachstücher befanden, und begann, das Eschenholz zu polieren, um meine Mutter nicht ansehen zu müssen. »Vielleicht weil ich mehr will, als immer nur am Feuer zu sitzen.« Ich rubbelte, spürte eine Unebenheit am oberen Ende und beseitigte sie. »Und nicht immer das Gleiche machen möchte.«

»Beruhige dich, Frau«, mischte sich mein Vater ein und legte eine Hand auf ihren Arm. Obwohl seine Miene ernst war, spielte ein Lächeln um seine Mundwinkel. »Später wird noch genug Zeit sein, Atalantes Fehler aufzuzählen. Zuerst würde ich gern mit dir reden.« Er sah mich an. »Atalante, pass auf deinen Bruder und deine Schwestern auf, während ich mit deiner Mutter spreche.«

Ich nickte, betrachtete die kleine Korykia in ihrem Bettchen, die in ein ausgefranstes Flickentuch aus Wolle gewickelt war, dann Maia und Leon, die vor sich hin plappernd mit einer Puppe vor dem Familienschrein spielten, von wo aus die schlichte Holzfigur von Artemis, der Göttin des Berges, über uns alle wachte. Mein Vater zog den dicken Vorhang vor dem Raum beiseite, in dem wir alle schliefen, folgte meiner Mutter hinein und ließ ihn hinter sich zufallen.

Ich tippte verärgert mit dem Fuß auf den Boden und wischte mit dem Tuch wieder und wieder am Holz des Bogens entlang. Hier hatte sich nie etwas verändert, in den ganzen achtzehn Jahren meines Lebens nicht: die Ziegel um die Feuerstelle, ein wenig verkohlt von den Flammen; das Kinderbettchen aus Kiefernholz; das Meckern der Ziege draußen vor dem Fenster. Wieso begriffen sie nicht, dass ich mehr wollte – und konnte? In meiner Kindheit hatte mein Vater mich in den langen Winternächten auf seinen Schoß gesetzt und mir Geschichten von den größten Helden der Griechen erzählt: von Herkules, der die männermordenden Amazonen tötete; von Perseus, der der Gorgone Medusa das Haupt abschlug; von Bellerophon auf seinem geflügelten Ross Pegasus. Ich hatte mit kindlicher Beharrlichkeit davon geträumt, ebenfalls eine Heldin zu werden. Jede Nacht hatte ich einen von Fischern aus einer Muschelschale gefertigten Dolch unter mein Kissen gelegt. Und jeden Tag hatte ich mich unbemerkt von meiner Mutter hinaus in den Wald geschlichen und war auf steinigen Pfaden mit den Hasen um die Wette gelaufen. Als ich älter wurde, hatte ich mir selbst beigebracht, wie man mit einem Pfeil den Stamm einer Kiefer trifft, wie man mit Schwert und Speer gegen dicke Äste kämpft, wie man Rotwild, Füchse und wilde Vögel jagt und schneller rennt als alle Bauern des Pelion-Gebirges. Doch meine Eltern wollten mich nur im Haus sehen, wo ich am Spinnrad sitzen und meine Glieder so verrenken sollte, wie man es bei einer Frau für schicklich hielt.

Ich legte leise den Bogen auf dem Boden ab und schob das Tuch zurück in den Köcher. Korykia schlief, einen feisten Daumen im Mund, und Aura lag in einem Sonnenfleck auf dem Steinfußboden. Ihre Schnauze bebte leicht im Schlaf. Maia und Leon, die damit beschäftigt waren, aus Holzspänen und Stroh ein Haus für ihre Puppe zu basteln, hoben nicht einmal den Blick, als ich, dem spritzenden Fett von dem Fleisch über dem Feuer ausweichend, zur gegenüberliegenden Wand schlich.

Ich presste mich flach dagegen, spürte den kühlen Stein an der nackten Haut meines Arms und hielt das Ohr an den Spalt zwischen Vorhang und Wand.

»… es wird Zeit, dass wir es ihr erklären«, hörte ich meinen Vater so leise sagen, dass ich es beim Gebrutzel des Fleisches und Leons begeistertem Gegluckse kaum verstand.

Kurz herrschte Stille, in der lediglich das Knistern der Flammen zu vernehmen war.

»Jetzt, Eurymedon?«, fragte meine Mutter ebenso leise. »Ich dachte, das wollten wir machen, wenn sie zwanzig Jahre alt wäre.«

»Wir haben immer gewusst, dass es schwer werden würde.«

»Aber …«

»Wir haben es ihr lange genug verschwiegen.« Mein Vater klang ruhig, aber bestimmt. »Sie verdient es, die Wahrheit zu erfahren.«

»Und wie willst du es ihr sagen?« Die Stimme meiner Mutter war nur noch ein Raunen. Ich drückte mich dichter an die Wand und lauschte. »Wie soll man einem Kind erklären, dass es nicht die Tochter seiner Eltern ist?«

Mein Vater antwortete etwas, das ich nicht verstand. Summen wie von tausend wütenden Bienen erfüllte meine Ohren …

Wie soll man einem Kind erklären, dass es nicht die Tochter seiner Eltern ist?

Die Worte hallten in meinem Kopf nach, während ich versuchte, ihren Sinn zu begreifen. Mein Blick war auf den Steinfußboden gerichtet, als wollte ich mir jede Fuge und Ritze einprägen, und an den Fingerspitzen fühlte ich die raue Oberfläche des bearbeiteten Kalksteins überdeutlich. Der Schock schien meine Sinne geschärft zu haben.

Nicht die Tochter ihrer Eltern …

Mein Herz pochte gegen meine Rippen wie bei der Jagd.

Nicht die Tochter …

Da ertönte ein gellender Schrei. Ich drehte mich blinzelnd um. Korykia weinte, schlug mit den Fäusten um sich, die Augen zugepresst, Tränen auf den Wangen. Maia stieß ihrer Schwester lachend mit der Holzpuppe in den Leib, während Leon begeistert auf und ab hüpfte und immer wieder rief: »Noch mal, noch mal!«

»Verdammt!« Schnell wie eine Schlange im Unterholz schlüpfte ich, den Rauch des Feuers wegwedelnd, hinüber. Ich sprang an Maia und Leon vorbei, und es gelang mir gerade noch, Korykia aus ihrem Bettchen zu nehmen, als schon der Vorhang aufging.

Ich versuchte, die Kleine zu beruhigen, und wich dem Blick meines Vaters aus. Als ich ein Wiegenlied zu summen begann, hörte sie allmählich zu weinen auf.

»Schlaf, mein Kind, schlafe süß …«

»Atalante.«

»Schlaf, Liebes, mein Kindchen, schlaf ein …«

»Atalante.«

Ich wandte meinem Vater den Rücken zu, während ich die letzte Zeile des Lieds sang: »Mögen die Götter Schlaf dir schenken, und mögest morgen du wieder erwachen.«

Ich legte Korykia in ihr Bettchen. Die Worte, die ich soeben belauscht hatte, trommelten einen Rhythmus in meinem Kopf, als wären auch sie Teil des Liedes.

Nicht die Tochter ihrer Eltern …

Endlich richtete ich mich auf und drehte mich zu meinem Vater um. Die Spitzen meiner Finger waren warm und kribbelten. Ich empfand Angst vor dem, was nun kommen würde, vielleicht auch Vorfreude, weil sich endlich etwas änderte – was, wusste ich nicht. »Ja, Vater?«

Er deutete auf den Stuhl, auf dem ich zuvor meinen Bogen poliert hatte.

»Setz dich«, forderte er mich auf und zog einen dreibeinigen Eichenholzhocker heran. Ich war kaum zwölf gewesen, als er diesen Hocker gemacht hatte, und erinnerte mich an das Rascheln der Blätter im Sommer, als ich hinter ihm hertrabte. Ich hatte dabei sein wollen, wie der Baum auf den Hängen des Pelion-Gebirges gefällt wurde, hören wollen, wie die scharfe Axt ins Holz schlug, sehen wollen, wie die Männer aus dem Dorf – wie groß sie mir damals erschienen waren! – meinem Vater halfen, den Baum hinunterzutragen, das Holz riechen wollen, als er es zurechtsägte und -schnitzte, es mit Bienenwachs einließ, Löcher für die Beine in die Sitzfläche bohrte und sie zusätzlich mit Schnur befestigte. Bei der Erinnerung daran musste ich lächeln, und auch die Mundwinkel meines Vaters gingen ein wenig nach oben.

In der anderen Ecke des Raums glitt meiner Mutter ein Tontopf aus den Fingern, den sie auf einen Schrank heben wollte. Er fiel zu Boden und zersprang in tausend Stücke. »Gott des Unheils! Nicht dieser Topf …« Sie kniete nieder und sammelte vor sich hinmurmelnd die Scherben in ihrer Schürze.

Mein Vater legte mir eine Hand aufs Knie. »Selbst die höchsten Bäume wachsen aus einem Samen«, begann er. »Eine Eiche aus einer kleinen Eichel, eine Buche aus einer weichen braunen Nuss. Deine Geburt bestimmt, wer du später bist. Meine Tochter …«, er schluckte, »… du musst es erfahren, denn ich sehe, dass die Welt dich ruft, und ich kenne dein Wesen.« Er holte tief Luft. »Ich habe dir immer gesagt, du bist ein Geschenk der Götter, aber das ist nicht die ganze Wahrheit.«

Ich berührte seinen Arm. »Ich weiß es schon, Vater.«

Er sah mich erstaunt an. »Du weißt es? Woher?«

»Ich habe dein Gespräch mit Mutter belauscht. Ich bin nicht eure Tochter.« Die Worte klangen merkwürdig. Achtzehn Jahre in Kaladrosos … achtzehn Jahre, in denen ich wusste, woher ich kam, wer ich war, wer ich sein sollte … und jetzt … was? Wieder spürte ich diese unerklärliche Mischung aus Furcht und Erregung. »Vater, in euch hatte ich die besten Eltern, die ich mir wünschen konnte.« Bittere Tränen brannten in meinen Augen. Ich nahm seine Hand und drückte sie.

»Du bist nicht … überrascht?«

»Natürlich bin ich bestürzt«, antwortete ich und musste ebenfalls schlucken. »Ich kann es noch kaum glauben. Doch ich bin immer schon anders gewesen als du, Mutter, Maia und Leon, nicht wahr?« Ich schaute hinüber zu Maia, als meine Mutter sie auf den Arm nahm. Ihre Haare glänzten im gleichen Goldton wie der Zopf meiner Mutter, und Leon und die kleine Korykia hatten beide die graublauen Augen meines Vaters. Wieso hatte ich das nicht früher bemerkt? »Es ist, als hätte ich es immer schon geahnt, ohne es wirklich zu wissen.«

Stille, die nur durch das knisternde Feuer und das leise Meckern der Ziege draußen durchbrochen wurde. Ich saß neben meinem Vater, meine Hand um die seine, und lauschte, wie meine Mutter die kleine Maia beruhigte, während sie das Fleisch am Spieß drehte.

Ich könnte so tun, als wäre nichts geschehen, dachte ich. Als würde ich es nicht wissen. Dann wäre alles wie immer. Ich würde weiter im Pelion-Gebirge herumstreifen, meine Mutter würde mich schelten, mein Vater mich mit einem müden Lächeln verwarnen und mich dann wieder hinaus zu den Berghängen lassen, wo ich im schattigen Wald hinter dem Rotwild herjagen würde.

Nur dass in der Realität alles anders wäre.

»Ich habe dich im Pelion-Gebirge gefunden.«

Plötzlich fühlte sich mein Mund trocken an. »Du … du hast mich gefunden?«, wiederholte ich.

Er nickte. »Ich habe im Winter in den Bergen Brennholz gesammelt – wir hatten nicht mehr viel zu Hause, und die letzten Scheite im Schuppen waren feucht, sonst hätte ich mich so spät im Jahr und so spät am Tag nicht hinaufgewagt.

Ein Wintersturm brach herein, so plötzlich, dass ich kaum Zeit hatte, Schutz zu suchen, bevor dicke Wolken sich die Hänge herabwälzten und ich von heulendem Wind und Schnee umtost wurde.«

Ich machte den Mund auf, unsicher, ob er aufhören oder weiterreden sollte. Er schien das zu spüren, legte seine andere Hand auf die meine und tätschelte sie sanft. Diese Geste war so vertraut, dass in mir ein überwältigendes Gefühl der Zuneigung und Wärme aufstieg. Ich riss mich zusammen. Nein, vor ihm würde ich nicht weinen. Ich wandte den Kopf ab und schloss die Augen. Mir war, als könnte ich die von ihm beschriebene Szene sehen: Das Eis hing in Zapfen von den Bäumen, der Schnee knirschte unter den Sohlen seiner Schuhe.

»Zeus schickte grollenden Donner«, hörte ich meinen Vater weitererzählen. »Der Wind blies so heftig und kalt, dass ich fast umgekehrt wäre, obwohl ich kaum genug trockenes Holz für ein paar Tage gesammelt hatte. Plötzlich stieß ein blendend weißer Schneefalke vom Himmel herab, der mich zu leiten schien. Wir folgten den gefährlichsten Pfaden zum höchsten Gipfel, wo es nur noch Felsen und ein paar kahle Kiefern gibt. Der Wind peitschte gegen meine Wangen, und der Falke erhob sich in die Wolken – da entdeckte ich dich. Ein winziges Bündel, weiß wie frisch gefallener Schnee. Man hatte dich, kaum einen Tag alt, zum Sterben auf die Felsen gelegt; deine kleinen Augen waren noch geschlossen … Ich konnte dich nicht dort liegen lassen und habe dich auf meinem Rücken mit nach Kaladrosos genommen.«

Er verstummte.

Ich öffnete die Augen. Es fühlte sich seltsam an, das Licht der Sonne durch die offenen Fenster hereinströmen zu sehen, den vertrauten warmen Geruch von Aura in der Nase zu haben, vermischt mit dem des gebratenen Fleisches und des Strohs aus dem Ziegenstall, denn noch Sekunden zuvor war ich in Gedanken mit meinem Vater oben auf dem Berg gewesen, mitten im Schneegestöber, im eisig kalten Wind. Ich betrachtete meinen Bogen im Köcher, die Pfeile, die ich auf diesem Hocker gespitzt, die Federn, die ich einer Reiherente an dem See im Wald ausgerupft hatte.

»Ich war also unerwünscht«, stellte ich fest. »Sie haben mich auf dem Berg zum Sterben ausgesetzt, stimmt’s?« Ich wandte mich meinem Vater zu. »Sie wollten mich nicht.«

Ich war in Kaladrosos aufgewachsen, in dem Glauben, umsorgt und geliebt zu sein – manchmal vielleicht zu sehr, jedoch so unerschütterlich wie die Felsen des Berges. Und nun musste ich hören, dass man mich dem Tod überantwortet, dass die Mutter, in deren Leib ich herangewachsen war, mich mitten im Winter Schnee und Wind ausgesetzt hatte. Dass ich nur durch einen Zufall gerettet worden war, dass es eigentlich mein Schicksal gewesen wäre zu sterben …

Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Schluchzen. Tränen drohten, mir die Wangen hinunterzurollen, als sich in mir eine klaffende Leere auftat und mir alle Sicherheiten, die ich je zu haben geglaubt hatte, geraubt wurden.

Man wollte mich nicht.

Warum?

Mein Vater erhob sich wortlos, trat an die hölzerne Kommode an der Wand, in der er und meine Mutter ihre wenigen wertvollen Dinge aufbewahrten, schloss sie auf und nahm ein kleines viereckiges Tuch heraus, in das etwas eingewickelt war, das ich nicht erkennen konnte. »Das hattest du um den Hals, als ich dich gefunden habe«, teilte er mir mit und drückte es mir in die Hand. »Die Machart scheint mir pagasäisch zu sein – jedenfalls gibt es dort mehr Goldschmiede als in Iolkos.« Er seufzte. »Ich denke, du stammst aus einer Familie in der Stadt, aber ob dieses Schmuckstück einem wohlhabenden Edelmann gehörte oder ein Geschenk an einen Sklaven war, wage ich nicht zu beurteilen.«

Mit zitternden Fingern schlug ich das Tuch zurück. Darin befand sich ein goldener Anhänger an einem langen Lederband, zu einem dünnen Rund gehämmert, darauf ein Bild von zwei Jägern, die einem Hirsch nachstellten. Ich nahm den Anhänger, spürte, wie das Band über meine Hand glitt, sah die Scheibe im Licht des Feuers glänzen. Das Gefühl des Verlusts, das ich empfand, veränderte sich. Es wurde stärker und entwickelte sich zu einer brennenden Sehnsucht – und einer Frage: Wer bin ich?

Warum hat man mich zum Sterben ausgesetzt?

Als ich ins Gesicht meines Vaters blickte, merkte ich, dass er auf eine Reaktion wartete. Ich wickelte das Schmuckstück wieder ein, ließ den Daumen darüber gleiten und bückte mich, um es in meinen Köcher zu legen. Das Feuer in meiner Brust loderte immer heißer – ob das Schreck, Wut oder Erregung war, wusste ich nicht: Ich wusste nur, dass ich handeln musste. Nichts zu tun, würde ich nicht ertragen.

»Die Götter hätten mir keinen besseren Vater schenken können«, sagte ich. »Würdest du es verstehen, wenn ich nach Pagasä ginge? Um meine Eltern zu finden – ihnen zu beweisen, dass es falsch war, mich auszusetzen?«

Mein Vater stieß einen tiefen Seufzer aus und lächelte matt.

»Würdest du das verstehen?«, wiederholte ich.

Er drückte meine Hand. »Von dir, Atalante, hätte ich nichts anderes erwartet.«

Plötzlich hörte ich neben mir ein Geräusch. Meine Mutter hatte sich von mir unbemerkt mit Maia auf dem Arm zu uns gesellt. Sie löste einen Lederbeutel von ihrem Gürtel und reichte ihn mir. Er klirrte leise, als ich ihn öffnete. Darin befand sich eine Handvoll Silber- und Bronzemünzen. »Bei Zeus, wir haben nicht viel«, sagte sie mit ernster Miene, als wollte ich ihr widersprechen, und auf ihren Wangen schimmerten Tränen, »aber das hier habe ich beiseitegelegt, weil ich wusste, dass dieser Tag früher oder später kommen würde. Es dürfte reichen, einen Monat, vielleicht auch ein bisschen länger, in der Stadt zu überleben.«

Ich sah sie mit großen Augen an.

Mein Vater tätschelte ihre Hand. »Du bist eine gute Frau, Tyro.«

Ich nickte gerührt. »Danke euch beiden. Ich komme zurück, das verspreche ich euch.«

Doch in meinen Gedanken breitete sich der brennende Wunsch aus: Ich muss erfahren, wer ich bin.

IN DIE STADT