Zum Buch
Gärten können inspirieren, beruhigen und aufrichten. Und sie haben seit jeher einen besonderen Stellenwert für Künstler. Jane Austen suchte in ihrem Cottage-Garten nach Momenten der Stille. Für Marcel Proust, der seine letzten Lebensjahre bei geschlossenen Fensterläden in seinem Schlafzimmer verbrachte, hießen drei Bonsaibäumchen Inspiration, und die als skandalös geltende französische Schriftstellerin Colette verspürte beim Anblick ihrer Rosen ein Gefühl von Frieden und Glück. Damon Young erforscht wunderbar anregend das besondere Verhältnis zwischen Schreibenden und ihren Gärten – als spazierte man mit einem sehr klugen Freund durch einen wunderschönen Garten.
Zum Autor
DAMON YOUNG ist Philosoph und Schriftsteller, derzeit ist er Honorary Fellow in Philosophie an der Universität von Melbourne. Damons Bücher wurden international veröffentlicht und in mehrere Sprachen übersetzt, er arbeitet für The Age, den Sydney Morning Herald, The Australian und BBC, wo er regelmäßiger Gast in Radiosendungen ist. Er lebt mit seiner Frau Ruth und zwei Kindern in Melbourne.
Damon Young
Warum Jane Austen ohne Flieder
nicht leben konnte
Vom Philosophieren im Garten
Aus dem Englischen
von Mechthild Barth
Illustriert von Daniel Keating

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Philsophy in the Garden. Eleven Great Authors, and the Ideas They Discovered in Parks, Yards and Pots« bei Melbourne University Press, Melbourne.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung März 2019
by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Copyright der Originalausgabe © 2012 by Damon Young
Illustrationen © 2012 by Daniel Keating
Covergestaltung: semper smile, München
Covermotiv: © Images Of Our Lives/Getty Images
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
mr · Herstellung: sc
ISBN 978-3-641-21555-2
V001
www.btb-verlag.de
www.facebook.com/btbverlag
Freiluft-Philosophie
Jane Austen: Der Trost von Chawton Cottage
Marcel Proust: Bonsai im Schlafzimmer
Leonard Woolf: Die Äpfel von Monk’s House
Friedrich Nietzsche: Der Gedankenbaum
Colette: Sex und Rosen
Jean-Jacques Rousseau: Botanische Bekenntnisse
George Orwell: Auf und ab mit einer scharfen Sense
Emily Dickinson: Fluren voll vielleicht
Nikos Kazantzakis: Steine harken
Jean-Paul Sartre: Kastanien und das Nichts
Voltaire: Das Beste aller möglichen Anwesen
Ein Fremder an der Pforte
Bibliografie: Blättern
Danksagung

Jeder Bereich der Natur ist wundervoll …
Aristoteles: Zoologische Schriften
Aristoteles galt als Dandy. Seinem antiken Biografen Diogenes Laërtius zufolge hatte sich der Vater der wissenschaftlichen Philosophie ein modisches Lispeln angewöhnt und war für seine stilbewusste Garderobe und auffallenden Schmuck bekannt. Er scheint ein weltstädtischer Bonvivant mit einer Vorliebe für Luxus gewesen zu sein, was wohl durch seine Beziehungen zum mazedonischen Königshaus noch verstärkt wurde. Historisch betrachtet macht das Sinn: Wie Aristoteles selbst feststellte, entwickelte sich die Philosophie vornehmlich in den großen, wohlhabenden Städten, weil dort die gebildete Oberschicht gerne zu ihrem Vergnügen parlierte und Texte verfasste. Aristoteles’ eigene Schule befand sich allerdings nicht am mazedonischen Hof, in einem der angesehenen Vororte von Athen wie Kerameikos oder auf der Agora, dem geschäftigen Marktplatz der Stadt. Der Philosoph bevorzugte es stattdessen, seine berühmten Vorlesungen in einem Park abzuhalten.
Seine Schule, das Lykeion, war nach den schattigen Hainen benannt, wo der Philosoph seine Gebäude mietete. Das Lykeion lag östlich der Stadtmauern und war dem Apollon Lykeios geweiht, dem Sohn von Zeus in seiner »Wolfsgott«-Gestalt. Es gab Wege, Rennbahnen, Umkleideräume, Ringkampfschulen, Tempel und sogenannte Stoen, Säulenhallen, die vor Sonne und Regen schützten. In diesen Hainen wurden Militärparaden ebenso wie kultische Rituale veranstaltet. Es war ein Ort für sportliche Betätigungen, Religion, Politik – und Philosophie. Aristoteles unterrichtete seine Schüler, während sie durch den Peripatos, die Wandelhalle, schlenderten, weshalb sie auch die Peripatetiker genannt wurden. Sein Lykeion beherbergte zudem den ersten botanischen Garten (der wahrscheinlich mit Pflanzen aus dem mazedonischen Reich bestückt war), welcher zweifelsohne für Aristoteles’ verloren gegangene Schrift Über Pflanzen von Bedeutung war.
In diesem Werk folgt er seinem Lehrer Platon, dessen Akademie ebenfalls in einem geweihten Hain zusammenkam und der ähnlich im Gehen unterrichtete wie Aristoteles (»Ich habe lange gezweifelt und bin dabei hin und her gewandelt wie Platon«, spottete der Dramatiker Alexis einmal, »wobei allerdings nur meine Beine müde wurden.«)

Die Begeisterung für Gärten hielt sich auch in der klassischen Antike. So verfasste Aristoteles’ Schüler und Nachfolger Theophrastos die erste systematische Abhandlung zur Botanik und hinterließ den Hain des Lykeion seinen Kollegen, »die dort Philosophie und Literatur studieren wollen … in Vertrautheit und Freundschaft«. Das Lykeion und die Akademie bildeten über zwei Jahrhunderte lang das Zentrum des intellektuellen Lebens am Mittelmeer. Epikur, einer der bedeutsamen hellenistischen Rezensenten Platons und Aristoteles’, lebte in seinem Anwesen in Athen in strenger Zurückgezogenheit (vielleicht auch Verbitterung). Seine Schule wurde der »Garten« genannt, ein Symbol für Epikurs Unabhängigkeit und die Möglichkeit, diese zu leben. »Folgt man der Natur«, wird Epikur von Porphyrios zitiert, »ist man in jeglicher Hinsicht autark.« Gebildete Römer gingen ihren wissenschaftlichen beziehungsweise geistigen Gesprächen ebenfalls häufig in Gärten nach, wobei sie sich in einer Traditionslinie mit ihren griechischen Vorläufern sahen. Nachdem Cicero sein öffentliches Amt verloren hatte, schrieb er, dass er eine »Akademie« in seiner Villa in Tusculum eröffnet habe. Er und seine Schüler spazierten dort im Freien umher, während sie ihrer geistigen Arbeit nachgingen, wobei es Cicero offenbar besondere Freude machte, den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen. »Ich bin stets begeistert«, erklärt Cato der Ältere in Über das Alter, »wenn ich die Kraft der Natur bei der Entstehung von Gemüse mit meinen eigenen Augen zu beobachten vermag.« Gegen Ende der klassischen Antike, mehr als siebenhundert Jahre nachdem Aristoteles seine Schule eröffnet hatte, wurde der platonische Theologe Augustinus in einem Garten zum christlichen Glauben bekehrt. »Ich aber warf mich, weiß nicht wie, unter einem Feigenbaum zur Erde und ließ den Tränen freien Lauf.« Philosophie fand auffallend oft im Freien statt.
Und die Gründe dafür sind zahlreich. Zum einen stellten Gärten ein wahres Bollwerk gegen Ablenkung von außen dar. Die Philosophie ist eine gesellige Angelegenheit, die am besten in sozialer Interaktion gedeiht. Zu viel Stimulation führt jedoch in den Wahnsinn, nicht zu sinnvollen Betrachtungen. Bereits im klassisch antiken und hellenistischen Griechenland waren Städte laute und geschäftige Orte, an denen man ständig in seinen Gedanken unterbrochen wurde. Athens Straßen waren schmal und verwinkelt, von seinen Bewohnern zu allen Tages- und Nachtzeiten bevölkert (die oftmals betrunken nach irgendwelchen Symposien nach Hause stolperten). Wagen fuhren den ganzen Tag rumpelnd und quietschend an einem vorbei, und wenn man dem Komödiendichter Aristophanes Glauben schenken mag, benutzten viele die Straßen dazu, ihre Blase oder den Nachttopf zu entleeren. Auch zu Hause entkamen die Athener diesem Chaos nicht, denn die meisten hielten sich Esel, Ziegen und andere Haustiere. Im Lykeion konnten Aristoteles und seine Schüler der Unruhe des städtischen Lebens entkommen und sich ganz auf ihre Themen der Logik und Metaphysik konzentrieren.
Die antiken Griechen waren außerdem körperorientiert, geistiger Beschäftigung ging man nicht im Sitzen nach. Die ersten Schulen waren Turnhallen für Sportarten wie Laufen oder Ringkampf. Ein öffentlicher Park stellte einen Ort dar, wo man sich nicht nur die Beine vertrat, sondern auch die geschmeidigen Muskeln dehnte. Auch das Gärtnern wurde als physische Tätigkeit betrachtet, wie Sokrates angeblich gesagt haben soll. »Manch hochgestelltem und mächtigem Mann fällt es schwer, sich vom Ackerbau fernzuhalten«, soll er nach Xenophon in dessen Oikonomikos – Ein Gespräch über die Haushaltsführung erklärt haben, »denn der Ackerbau stellt eine Verbindung zwischen einem Luxusgefühl und der tiefen Befriedigung über ein verbessertes Landgut her, während er zugleich die körperlichen Kräfte trainiert, wie sie einem Mann passen, der als freier Mensch agieren kann.«
Aristoteles war, wie viele seiner Schüler, auch empirischer Philosoph. Er gab sich nicht nur mit der Theorie zufrieden, sondern wollte auch eindeutige Beweise sehen. »Die aber infolge vieler rein logischer Argumentationen keine Betrachtungen über die Tatsachen anstellen, die[se] urteilen, weil sie nur auf Weniges ihren Blick richten, zu leichtfertig«, schrieb er in seiner Schrift Über Werden und Vergehen. Deshalb legte er wohl auch einen botanischen Garten an und ging seinen Studien im Freien nach. Sein Werk über biologische Klassifikationen war detailliert, gründlich und über Jahrtausende einzigartig, so dass Charles Darwin die bedeutenden Systematiker Linnaeus und Cuvier als »bloße Schulbuben im Vergleich zum alten Aristoteles« bezeichnete. Für den Philosophen war der Garten des Lykeion vermutlich eine Quelle für philosophische Stoffe ebenso wie für Analysen, Schlussfolgerungen und Vorträge – Exkursion und Laboruntersuchung in einem.
Es gibt allerdings auch andere triftige Gründe für eine Plein-air-Tradition in der Philosophie. Der Garten ist nicht nur ein Ort des Rückzugs oder ein Ort für körperliche Betätigungen. Er ist auch für sich genommen geistig anregend, weil er eine Verschmelzung zweier bedeutender philosophischer Prinzipien bedeutet: Mensch und Natur. Das spiegelt sich bereits im Wort selbst und in seinen Bezeichnungen in anderen Sprachen wider, wie zum Beispiel »jardin« oder »giardino«. Wie der englische Begriff »yard« oder das deutsche Wort »Garten« beziehen sie sich auf das umfriedete Gelände. Zwei Dinge sind dabei elementar: etwas Umzäuntes (die Natur) und jemand, der den Zaun errichtet (der Mensch). Beginnend mit geweihten Hainen wie dem des Lykeion steht jeder Garten für diese Verbindung: Er ist eingefasste Natur, die vom Menschen verwandelt wird.
Was Gärten so einzigartig macht, ist, dass sich in ihnen diese Verschmelzung eindeutig zeigt. Natur wird regelmäßig und radikal vom Menschen verändert. Aristoteles verstand diese Veränderung als das eigentliche Wesen des Kunsthandwerks: das Potenzial der Natur erkennen, das sich allein aus sich selbst heraus so nicht entwickeln könnte. Doch in der Kunst und auch im Handwerk sind der Einfluss der Natur und die Verschmelzung von Natur und Mensch oftmals nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Zum Beispiel wird aus Bäumen Nutzholz gewonnen. Erz wird zu Metall, Zooplankton und Algen werden erst zu Öl und dann zu Plastik. All diese Produkte sind natürlichen Ursprungs, aber Natur ist darin nicht mehr zu erkennen. Unter Natur verstehen wir Wildnis, Krankheit, geheimnisvolle Symbole – das ferne »Andere«. Und auch die menschliche Arbeit wird unsichtbar: Wir sehen Produkte und Dienstleistungen, aber nicht unbedingt die Menschen, die dahinterstehen. Im Garten wird diese doppelte Entfremdung überwunden, indem menschliche und natürliche Prozesse zusammenlaufen. Pflanzen und Steine bleiben erkennbar Pflanzen und Steine, wenn sie auch auf bestimmte Weise arrangiert, kultiviert und kunstvoll erhalten werden. Hier zeigt sich unsere besondere Beziehung zur Natur – was wir physisch und geistig aus ihr machen. Im Garten wird diese Realität, die gewöhnlich verborgen oder vergessen ist, zu einem eindrucksvollen Schauspiel, einer Inszenierung, einer Vorführung und Präsentation. Um mit Aristoteles zu sprechen, offenbart sich diese urwüchsige Beziehung in ihrem eigentlichen Kern in einem Garten: Es ist der Beweis unserer physischen und geistigen Verflechtung mit der Natur. Der Garten macht den vom Menschen geprägten Kosmos sichtbar und verständlich. Es ist eine Verschmelzung, die man sehen, spüren und denken kann.
Diese beiden Grundprinzipien – Mensch und Natur – sind philosophisch höchst interessant. Immer wieder laden sie zu neuen Überlegungen ein, da sich beide einer Festschreibung entziehen.
Das Wort »Natur« scheint uns trügerisch vertraut deshalb bleiben uns sein Facettenreichtum und auch seine Widersprüchlichkeit oft verborgen. Denn »Natur« kann sich auf die gesamte Wirklichkeit beziehen, auf physische Dinge und Gesetze, auch auf das Leben an sich, aber auch darauf, was dem Menschen leichtfällt und seiner Gewohnheit entspricht. Doch wie weit man den Begriff auch fasst, er bleibt schwer definierbar und ausgesprochen schillernd. Wie der Philosoph Heraklit bereits ein Jahrhundert vor Aristoteles’ Geburt erklärte, verstecke sich die »Physis« gerne. »Physis« war der antike Begriff für »Natur« oder Naturbeschaffenheit, der sich heute in Wörtern wie »Physik« oder »physisch« niederschlägt. Die Natur versteckt sich insoweit, als wir alle sinnhafte Wesen sind, der Kosmos aber insgesamt nicht sinnhaft ist. In diesem Zusammenhang von »Gesetzen« zu sprechen, ist irreführend, weil das eine Art von kosmischem Gesetzgeber suggerieren würde, der bestimmt, wie die Dinge zu funktionieren haben. Die Natur läuft aber nach Mustern, Rhythmen und Regelmäßigkeiten ab, die der Philosoph Alfred North Whitehead zutreffend als »vorübergehende Gewohnheiten« bezeichnete. Sie kennt keine Gesetze und keinen Gesetzgeber – sie ist nur. Im Gegensatz zur Natur bezieht der Mensch hingegen immer Stellung hinsichtlich der Frage, was »ist« ist, bewusst oder unbewusst. So verstand Aristoteles die Natur zum Beispiel als eine Art Organismus, bestimmt von Wachstum und Bewegung. Platons Natur war eine göttliche Blaupause, Epikurs hingegen ein zufälliger Kampf von Atomen. In dieser Hinsicht ist Natur wie ein philosophischer Schwamm, der alle möglichen Interpretationen in sich aufsaugt.
Diese zu fassen, ist nie ganz möglich, weil jede Interpretation einseitig und von etwas abgeleitet ist. Außerdem gibt es immer mehr – etwas, das über unsere jeweiligen Konzepte hinausreicht. Teilweise von Heraklits Begriff der »Physis« angeregt, bezeichnete der deutsche Philosoph Martin Heidegger die menschliche Realität als »Lichtung«. Es ist typisch für Heidegger, eine so rustikal anmutende Metapher zu verwenden, was seiner griesgrämig antimodernen Haltung entsprach. Dennoch trifft sie Wesentliches. Als »Physis« taucht Natur für uns wie eine Lichtung in einem dunklen Wald auf. Gleichzeitig bleibt die Dunkelheit immer vorhanden, denn viele Aspekte der Natur entziehen sich unserer Wahrnehmung und Definition. Die Realität ist weniger eine Ansammlung von Axiomen oder Berechnungen als vielmehr ein urwüchsiges Hin und Her: Natur, die sich zeigt und verbirgt, die begegnet und die vergisst, die schafft und zerstört. Es gibt keine endgültige Definition darüber, was Natur ist – was »ist« ist.
Das ist auch der Grund dafür, warum der Mensch ein Rätsel bleibt. Unsere Existenz ist enigmatisch, weil die menschliche Natur nicht universell oder ewig ist und wir uns selbst nicht zu durchschauen vermögen. Es gibt für uns nicht nur die Natur, sondern auch die zweite Natur – die erste ist gegeben, die zweite antrainiert. Dennoch ist oft unklar und unvorhersehbar, was den Menschen ausmacht. Darauf verweist auch das Rätsel der Sphinx, das einem der wichtigsten antiken Dramen – Sophokles’ König Ödipus – vorangestellt ist. »Der Mensch«, lautet die Antwort auf die Frage der Sphinx, was denn am Morgen auf vier Beinen, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen gehe. Doch das ist eine irreführend einfache Erwiderung. Die Spezies Mensch besteht immer weiter, und doch sind wir ständig im Wandel begriffen. Als Individuen und als Gesellschaft sind wir nie fertig, sondern von immer neuen Aussichten und Richtungsänderungen bestimmt. Der arme Ödipus war trotz seiner Weisheit sich selbst gegenüber tragisch blind. Roberto Calasso in Die Hochzeit von Kadmos und Harmonie formuliert es so: »Die Sphinx verweist auf den undurchdringlichen Charakter des Menschen, dieses schwer fassbare, vielgestaltige Wesen, das nicht anders als schwer fassbar und vielgestaltig definiert werden kann. Ödipus sah sich zur Sphinx hingezogen, und er löste das Rätsel der Sphinx, doch nur um selbst zu einem Rätsel zu werden.« Das ist eine ausgesprochen moderne Schlussfolgerung, die an Nietzsche, Heidegger oder Sartre erinnert. Es ist ein Verdacht, der bereits aus der Zeit vor Aristoteles stammt und in den griechischen Dramen expliziter formuliert wurde als in der Philosophie: Der Mensch ist und bleibt eine Frage; er ist keine Antwort.
Diese beiden Rätsel, Natur und Mensch, finden im Garten zueinander. Deshalb hat der Garten auch aus philosophischer Sicht einen besonderen Stellenwert. In ihm vereinen sich kosmologische und existentielle Ideen, in ihm sind historische Kostbarkeiten angelegt, politische Gedanken, häusliche Rhythmen. Der Garten ist vermenschlichte Natur. Aber wir erkennen in ihm auch etwas jenseits von uns selbst: den Hinweis auf einen nicht menschlichen, nicht denkenden Kosmos, der sich einer bewussten Erschließung versperrt. Das »verborgene Leben« der Pflanzen ist außerhalb von uns, wie Aristoteles mit einer gewissen Verblüffung feststellte. Aber zugleich ist es auch Teil von uns, in uns – in Form von vagen, blinden Kräften des Instinkts, die der menschlichen Psyche natürliche Notwendigkeiten hinzufügen. Ebenso bedeutsam ist es jedoch, dass sich diese im Garten vertraut und umfassend zeigen. Trotz seiner hochfliegenden Gedankenspiele erkannte Aristoteles, dass der Mensch ein körperliches Wesen ist: Ideen entstehen häufig durch körperliche Inspiration und äußern sich auch physisch. Das ist doppelt der Fall, wenn sie eine organische oder ursprüngliche Form bekommen, wie die von Pflanzen oder Steinen. Der Garten gibt elementaren Konzepten eine vitale Dynamik oder auch einen großen Ernst.
Diese intellektuelle und sinnliche Reichhaltigkeit verleiht den Gärten noch immer einen Ruf der Heiligkeit. Viele religiöse Gebäude – von den »Wolfsgott«-Tempeln des Lykeion über buddhistische Klöster bis zu mittelalterlichen Kathedralen – haben Gärten. Das sind allerdings nur die auffallenderen Beispiele. Der sakrale Garten ist allerdings nicht nur ein theistisches oder spirituelles Phänomen. Er entspringt auch elementareren Impulsen: sich ein Stück der Landschaft anzueignen und es deutlich hervorzuheben. Das spiegelt sich auch in dem Wort »sakral« wider, das vom indoeuropäischen »sak« abstammt, was »trennen«, »abgrenzen«, »teilen« bedeutet. Das Gegenteil des Sakralen ist nicht das Säkulare, sondern das Gewöhnliche, von dem es sich abheben soll. In diesem Licht betrachtet ist der Garten einer der ursprünglichen sakralen Orte, dem Haine wie der des Lykeion vorangingen – ein von der reinen Natur oder vom rein Menschlichen abgegrenztes Gelände, das aber beides in sich vereint. Obwohl er säkular ist, symbolisieren seine Mauern, Zäune, Gräben oder Hecken eine Trennung vom »Alltagsdenken«. In anderen Worten: Der Garten ist eine Einladung zum Philosophieren.
Diese Einladung richtet sich nicht nur an professionelle Philosophen; schließlich ist das Nachdenken nicht ausschließlich Lehrstuhlinhabern vorbehalten. Beginnend mit den antiken Griechen steht die Philosophie in einer langen Laientradition, die sich ebenso in der Literatur, Poesie und bildenden Kunst wie in Philosophieseminaren niederschlägt. Dafür braucht es keine Universität, sondern vielmehr die richtige Ausgewogenheit zwischen Gesellschaft und Einsamkeit, die Universitäten im Bestfall ermöglichen. Wie Aristoteles’ Lykeion stellt der Garten einen Begleiter für das Geistesleben dar. Ästhetisch richtet er sich nach unterschiedlichen Geschmäckern aus: farbenfroh oder gedämpft, geometrisch oder verschlungen, vielfältig oder streng. Wichtiger jedoch ist es, dass der Garten in einer Zeit der Beschleunigung, Reizüberflutung und ständiger Unterbrechung eine Chance liefert, zu entschleunigen, genau hinzusehen und kühn zu denken – ein Gegenmittel zur Ablenkung. »Dem Menschen«, schreibt Aristoteles in Metaphysik, »eignet bewusste Kunst und Überlegung.« Über zwei Jahrtausende später stellt der Garten noch immer ein Refugium für beides dar.
Gärten können schön sein, manchmal sogar überwältigend schön. Sie können trösten, beruhigen und moralisch aufrichten. Aber sie vermögen auch unangenehme Gefühle auszulösen beziehungsweise zu provozieren, was philosophisch gesehen oftmals wertvoller ist. Denn mit all ihren bekannten Themen – Ordnung und Chaos, Wachstum und Verfall, Stillstand und Bewegung – verweisen Gärten auf Konflikte: auf die gedankliche Zerrissenheit in jeder Zivilisation und jedem zivilisierten Geist. Deshalb gehören zur Geschichte des Gartens auch die unterschiedlichsten Charaktere mit sich widersprechenden Empfindsamkeiten. Jane Austen suchte in ihrem Cottagegarten beruhigende Vollkommenheit. Leonard Woolfs gefrorene Apfelbäume verwiesen auf das genaue Gegenteil – eine Kostprobe der gefährlichen Grausamkeiten in der Welt. Für Marcel Proust, der in seinem modrigen, nach Latrine stinkenden Schlafzimmer festsaß, symbolisierten drei Bonsaibäumchen eine Suche nach der verlorenen Zeit. Friedrich Nietzsches italienischer Gedankenbaum hingegen gab dem kränklichen Philosophen einen Schub für mehr Kraft und Mut: Vergiss die Vergangenheit, mach weiter, schaffe und zerstöre. Die als skandalös geltende französische Schriftstellerin Colette wiederum entdeckte in Rosen Momente friedlicher Kontemplation, während eine Generation später ihr kaffeehausbesessener Landsmann Jean-Paul Sartre den Ekel beschrieb, den ein Kastanienbaum auszulösen vermochte – ein existentialistischer Aufschrei, der seine Zeitgenossen mitten ins Mark traf. Durch Gärten kann demnach die Wahrheit philosophischer Uneinigkeit leichter ans Licht befördert und schlechter ignoriert werden. »Ist es doch heilige Pflicht, die Wahrheit höher zu achten«, schrieb Aristoteles in der Nikomachischen Ethik, »als die Freunde«. In diesem Sinne ist das vorliegende Buch keine Reise durch große Anwesen, sondern durch große Geister und die Gärten, die sie so schätzten (manchmal aber auch hassten). Es ist kein philosophisches Werk, sondern ein Porträt einiger ausgewählter philosophischer Leben. Der Einblick, den wir in sie gewinnen, wird uns hoffentlich die zunehmende Vertrautheit mit der Natur, dem menschlichen Wesen und ihrer geheimnisvollen Verbindung im Garten vor Augen führen.
