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Zum Buch

Ein blinder Junge und eine Nonne verschwinden. Einfach so, am helllichten Tag. Dann ein Leichenfund im Garten des New Yorker Oberbürgermeisters. Vier Tote mit herausgeschnittenen Herzen – und auch die Nonne ist dabei. Doch wo ist der Junge? Die Polizei, die Politik, die Medien, es wird viel geredet in der Stadt, die niemals schläft, und noch mehr wird verschwiegen. Nur Detective Mallory ahnt, dass irgendwo da draußen ein blindes Kind ist, allein mit seinem Mörder. Und dass nicht mehr viel Zeit bleibt, das Schlimmste abzuwenden.

Zur Autorin

CAROL O’CONNELL, geboren 1947, lebt in New York. Sie ist die Autorin mehrerer Bestseller und schuf mit Kathy Mallory eine der originellsten und bestechendsten Detektivfiguren in der Kriminalliteratur. Nach ihrem Kunststudium stellte Carol O’Connell jahrelang surrealistische Gemälde in Cafés aus und finanzierte ihren Unterhalt mit Gelegenheitsjobs, bevor sie sich 1995 mit ihrem Debütroman »Ein Ort zum Sterben« in die Spitzenriege der Krimiautorinnen schrieb.

CAROL O’CONNELL BEI BTB

Ein Ort zum Sterben. Thriller
Der Mann, der die Frauen belog. Thriller
Such mich! Thriller
Tödliche Geschenke. Thriller
Kreidemädchen. Thriller
Es geschah im Dunkeln. Thriller

CAROL O’CONNELL

BLIND SIGHT

THRILLER

Aus dem Amerikanischen
von Judith Schwaab

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Blind Sight« bei G.P. Putnam’s Sons, New York.

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung November 2018

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Carol O’Connell

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with G.P. Putnam’s Sons, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: © Victor Korchenko/Arcangel Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

cb · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-21737-2
V001

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Die Wiedergeburt der Selbstverlage durch das Internet ist nicht genug, um Ideen am Leben zu erhalten und sie hell erstrahlen zu lassen, nicht in einer Zukunft, in der es nur noch einen einzigen Buchladen inmitten einer verbrannten Landschaft gibt, die sich einmal Buchmarkt nannte.

Carol O’Connell

Prolog

Das Ungewöhnliche war hier die Norm, und trotzdem verdrehten die Einheimischen die Köpfe, als sie die Straße entlangging. Andere, die Touristen, suchten nur nach Wahrzeichen dafür, wie das Leben hier früher einmal gewesen war. Was um sie herum geschah, interessierte sie kaum, und so schritt die in Schwarz gewandete Frau einfach an ihnen vorbei. Direkt vor ihren Augen. Ohne gesehen zu werden.

Läden und Cafés öffneten unter einem blauen Himmel an der schmalen, aber berühmten Straße St. Marks Place, und der erste Schwung Touristen, etwa ein Dutzend, scharte sich um ihren Stadtführer, der längst verflossene Zeiten heraufbeschwor, als das hier noch eine coole, gefährliche Gegend gewesen war, in der Drogen gehandelt wurden – ein Vergnügungsviertel, dessen Marihuanaschwaden man drei Blocks entfernt roch. »Damals brauchte man sich gar keinen Joint reinzuziehen«, sagte er. »Man holte einfach tief Luft, und schon war man bekifft. Es war eine Party, die Jahre dauerte.«

»Jahrzehnte«, sagte ein beleibter weißhaariger New Yorker, der sein langes Leben in einer Wohnung über dem Tante-Emma-Laden seiner Familie verbracht hatte. Er kehrte den Touristen den Rücken zu und machte sich an einer quietschenden Kurbelstange zu schaffen. Mit nur wenigen flinken Umdrehungen hatte er eine gestreifte Markise herabgelassen, um seinem Blumenstand etwas Schatten zu spenden. Der Stand war winzig und passte gerade eben auf den schmalen Gehweg, über den jetzt Turnschuhe und Sandalen marschierten, während die Touristengruppe ihren Marsch fortsetzte.

Auf der Straße wurde es eng für die Autos, die sich den Platz mit zwei angejahrten Rock-’n’-Rollern teilen mussten, die zu Fuß auf der Fahrbahn unterwegs waren. Der Besitzer des Tante-Emma-Ladens konnte solche Leute gut einschätzen. Er nannte sie Pilger. Sie blieben stehen, um Fotos von ihrem Schrein zu machen, einem Brownstone-Haus, das einmal auf einem Plattencover abgebildet gewesen war, damals, als es Musik noch auf Vinyl gab, als die Songs auf der Platte schon alt und die beiden Männer selbst noch jung waren.

Der Ladenbesitzer trat unter seiner Markise hervor und schaute zum Himmel. Wolkenlos. Wie sehr er diese Tage im Frühsommer liebte, wenn die kleinen Ladendiebe der Gegend noch an ihre Pulte im Klassenzimmer gefesselt waren. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass sich etwas Dunkles in seine Richtung bewegte, und dieser erste Schreck des Morgens zauberte ihm sogleich ein breites Lächeln auf die Lippen.

»Angie!« Wie viele Jahre war das her? Zu viele. »So erwachsen!« Er hatte glatt gelogen, denn Angela Quill war um keinen Tag gealtert. Mittlerweile musste sie Mitte zwanzig sein, doch ihre großen grauen Augen waren immer noch die eines Kindes, das erst noch in seinen Körper hineinwachsen muss.

Er entließ das Mädchen aus seiner herzlichen Umarmung und trat einen Schritt zurück, um sich Angie genauer anzuschauen, zu sehen, was sie trug, was aus ihr geworden war. Diese Verschleierung war doch selbst in ihrer Zunft schon lange nicht mehr üblich. Und eine weiße Gimpe umrahmte ihr Gesicht. An ihrem weiten schwarzen Habit war so viel Stoff, dass drei von ihrer Statur hineingepasst hätten. Außerdem war es so lang, dass es sogar die Füße bedeckte – ganz unpassend in dieser Zeit, in der sogar für Ordensschwestern die Rocksäume nach oben gewandert waren.

Der Mann nahm sein Hörgerät aus dem Ohr und machte sich am Regler zu schaffen, weil es laut gepfiffen hatte. »Was? Sag’s noch mal!« Ach, sie war im Kloster? Diesen Weg hätte er für sie nie ausgesucht. Solche Frauen wurden weggesperrt und lebten bis ans Ende ihrer Tage hinter dicken Mauern.

Trotzdem war sie da – in der Stadt unterwegs. Wie konnte das sein? …

Sie wollte Blumen kaufen, doch die am Stand waren alle dutzendweise zu Sträußen verpackt. Würde er ihr auch nur zwei Rosen verkaufen? Sie hatte bloß Geld für zwei.

»Für dich? Hier.« Er lud ihr gleich zwei Sträuße mit zwölf roten Rosen auf die Arme, so sehr freute er sich, seine Angie wiederzusehen. »Und dein Geld nehme ich nicht.« Sie redeten eine Weile, und ein jeder Satz begann mit den Worten: »Ich weiß noch, wie …« Mit zehn war Angie sein Blumenmädchen gewesen. Nachdem es einmal einen frühen Nachtfrost gegeben hatte, hatte das kleine Mädchen ihn in seiner Wohnung besucht und die erfrorenen Rosenbüsche aus seinem Blumenkasten fortgetragen. Als dann der Frühling kam, hatte Angie die Samen dieser erfrorenen Rosen angepflanzt, in kleine Rosenbüsche in winzigen Töpfen verwandelt und ihm gebracht. Heutzutage wurden all seine Pflanzen und Schnittblumen per Lastwagen geliefert. Das war nicht dasselbe – nicht so bezaubernd wie ein kleines Mädchen mit einem grünen Daumen, das Rosen zu neuem Leben erwecken konnte.

Ob er wisse, wie viel Uhr es war?

»Musst du schon gehen?« Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Kunden abgelenkt – nur ganz kurz. Als er sich wieder zu Angie umdrehte, war sie verschwunden und nirgendwo mehr zu sehen. Wie hatte sie gehen können, ohne sich von ihm zu verabschieden? Und sie hatte ihre Rosen nicht mitgenommen. Nicht alle. Nur zwei. Und es lagen ein paar Dollarscheine da. Suchend blickte er die Straße entlang. Ihr schwarzes Ornat wäre unter all den Leuten mit nackten Beinen doch bestimmt aufgefallen.

Aber nein. Wusch. Weg. Und so schnell. Wie war sie nur …

Eine Frau schrie.

Angie? O Gott, nein!

Eine Gruppe junger Mädchen kam schrill lachend auf ihn zu. So laut. Er drehte am Regler seines Hörgeräts und machte die Mädchen für den Schrei verantwortlich. Alberne Gänse. Da konnte einem ja das Herz stehen bleiben.

»Alle mal nach oben schauen!« Die Touristengruppe hielt vor einem leerstehenden Laden, und ihr Guide zeigte auf das Wohnhaus gegenüber.

Die Bewohnerin des zweiten Stocks, eine ältere Dame, die ans Haus gefesselt war, dachte, der Mann meine sie, doch er sprach von einem längst verblichenen Dichter, der hier früher gewohnt hatte.

Sie wünschte, die Touristen würden endlich weitergehen. Sie versperrten ihr die Sicht.

Die Frau im Rollstuhl lebte streng nach der Uhr, und von ihrer Stunde am Fenster blieben ihr nur noch genau fünfzig Minuten, Zeit genug für ein kleines Frühstück und ihr Kreuzworträtsel. Außerdem hatte sie eine stillschweigende Übereinkunft mit dem alten Mann auf dem Gehweg gegenüber. Obwohl sie schon seit Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen hatte, lebte sie seit Urzeiten an der St. Marks Place und gehörte zu den wenigen, die wussten, wie er hieß, und sich daran erinnern konnten, dass Albert Costello einmal ein lebhafter und gesprächiger Mann gewesen war. Heutzutage war er ein Einsiedler. Trotzdem hatte er feste Zeiten, in denen er ausging, und so wusste die alte Dame ganz genau, wo sie ihn jeden Morgen gegen neun finden würde, wenn sie mit ihrem Rollstuhl ans Fenster fuhr, und da …

Oh! Wo war er denn, der magere Zausel?

Sie hatte den Blick vom Fenster abgewandt, um ein paar Kästchen in ihrem Kreuzworträtsel auszufüllen. In diesen wenigen Sekunden war ihr alter Weggefährte einfach verschwunden und hatte seinen Posten dort unter der Laterne verlassen – und das lange vor dem Ende der Stunde, die sie jeden Tag auf diese Weise miteinander verbrachten.

Wo konnte er hin sein? Albert war so alt wie sie. Er kam nicht schnell vorwärts, selbst wenn er nur bis zur Tür seines Mietshauses gegangen wäre. Sie schaute auf den Touristenstrom hinab, der sich auf dem Gehweg unter ihr entlangwälzte, doch Alberts lieben Glatzkopf sah sie nirgendwo.

Nun, das war mal was anderes. Für Rätsel hatte die alte Dame viel übrig, aber das hier fand sie eher beunruhigend.

Dass weiter unten auf der Straße eine Frau schrie, war deutlich weniger interessant.

Der Guide stellte sich vor ein Bekleidungsgeschäft. »Hier war mal ein Jazzclub, in dem Charlie Parker gespielt hat. Der größte Saxofonist aller Zeiten.« Die Gruppe blieb stehen, um Fotos von dem berühmten Nachtlokal zu machen, das es schon lange nicht mehr gab.

Jetzt hatten die Touristen die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes in Bluejeans geweckt, der auf dem Gehweg stand und sich gerade eine Schürze umband. Vor Mittag war hier nie viel los, aber er brauchte dringend eine Zigarette, bevor die ganzen bekloppten Touristen über das Café herfielen wie die Fliegen. O nein, jetzt drehten sie sich in seine Richtung. Zu spät? Na ja, es war immer noch Zeit genug für ein, zwei Züge. Eine Zigarette hing vom Mund des Kellners herab, während er sich gegen die Backsteinmauer lehnte und ein Streichholz anzündete. Er sah ein Kind um die Ecke kommen, einen blinden Jungen, der mit seinem weißen Stock über den Gehweg klapperte – und offenbar die Schule schwänzte. Gut gemacht, mein Kleiner. Dann ließ der Junge den Stock mit einem kurzen Zucken des Handgelenks zusammenklappen. Zack. Wie ein Taschenspieler.

Toller Trick. War der Kleine überhaupt blind? Er war so zielsicher unterwegs, dass er entweder nur eine Show abzog oder sich hier an der St. Marks Place bestens auskannte.

Eine Frau schrie. Doch in der Touristengruppe, die auf den Kellner zukam, drehten sich keine Köpfe. Nein, diese Leute waren hochkonzentriert. Hungrig. Und Schreie, die nichts mit einer Bluttat zu tun hatten, wurden unter normalem Straßenlärm verbucht. Nichts weiter.

Jetzt verstellte ihm die Touristengruppe nicht mehr die Sicht auf den …

Der blinde Junge war verschwunden. Vor einer Sekunde hatte ihn der Kellner noch gesehen – und jetzt war er fort. Er musste in irgendeinen Hauseingang geschlüpft sein. Doch auch dieses Verschwinden wirkte wie ein Zaubertrick.

Unglaublicherweise hatte die Touristengruppe nichts bemerkt, denn jedes der Augenpaare schaute in eine andere Richtung, als die Gruppe die Straße überquerte.

Die Dame aus Bora Bora beobachtete, wie die Touristen einer nach dem anderen das Café betraten. Obwohl sie Hunger hatte, konnte das Frühstück noch warten, bis ihr Sohn da war. Sie schaute gen Westen, wo seine Uni lag. Nichts von ihm zu sehen. Wo blieb er nur, ihr kleiner Student? Die Dame sprach Tahitianisch, Französisch und ein paar Brocken Japanisch, aber auf Englisch konnte sie sich nicht verständlich machen. Und so hatte in der vergangenen Woche ihr ältestes Kind sie durch diesen Teil der Welt geführt. Der Junge war spät dran, um ein letztes Mal mit ihr zu essen und ihr einen Abschiedskuss zu geben, bevor sie zum Flughafen musste.

Das Warten machte ihr nichts aus. Ihre Heimatinsel im südlichen Pazifik war ein Ort großer Schönheit und tiefen Friedens, doch auf dieser Insel hier – Manhattan – war immer etwas los, ein berauschendes Schauspiel. Ohne ihren Sohn als Dolmetscher würden ihr manche Showeinlagen für immer unerklärlich bleiben. Auch die allerletzte, bei der sich zwei Menschen in Luft aufgelöst hatten, war nach nur wenigen Sekunden vorbei gewesen.

Am Ende ihrer langen Heimreise wollte sie von dem Drama berichten, das sich dort unten auf dem Gehweg abgespielt hatte. Sie würde es als Gutenachtgeschichte ihrem jüngsten Kind erzählen, einem kleinen Jungen, der nichts mehr liebte, als sich zu gruseln. »Während sie die Straße entlangflog«, würde sie sagen, »verwandelte sich das lange schwarze Gewand der Frau in die großen Schwingen eines Vogels im Wind.«

In ihrer Wut hatte die Vogelfrau von der St. Marks Place einen muskelbepackten Mann angegriffen und sich auf seinen Rücken geschwungen wie auf ein Pferd – und zumindest dieser Teil entsprach der Wahrheit. »Sie schlug die Krallen in ihn. Ihre schwarzen Flügel flatterten im Wind. Er ruderte mit den Armen.« Der heftige Kampf zwischen dem Mann und dem riesigen Vogel hatte gerade erst begonnen, als sie verschwanden – innerhalb von Sekunden – und sich hinter der vorbeikommenden Touristengruppe, die kurz einen Vorhang bildete, in Luft auflösten. Es sah aus, als wäre die Vogelfrau einfach davongeflogen, mit ihrer Beute in den Fängen.

In Wirklichkeit hatte die Dame aus Bora Bora beim Siegesschrei des großen Vogels niemals die Augen gen Himmel gerichtet. Von dort oben war der Schrei nicht gekommen. Doch um der Geschichte willen würde sie an der magischen Logik des Moments festhalten.