Das Buch
Nach dem Tod ihres Mannes Martin bricht Nellys Welt zusammen. Martin hatte eine Geliebte – Nellys beste Freundin – und mit ihr einen Sohn. Kurzentschlossen zieht sie vom Odenwald nach München. Alles auf Anfang, und das mit zweiundfünfzig Jahren. Sie genießt das neue Leben, ihren erwachsenen Kindern geht aber alles zu schnell. Vor allem, als auf einmal gleich drei Männer Nelly umschwärmen, dabei hat sie doch eigentlich genug von der Liebe …
Die Autorin
Ulrike Sosnitza, 1965 in Darmstadt geboren, schokoladensüchtig seit frühester Jugend, liebt ihren Garten, auch wenn die Blumen dort meist nicht so wachsen, wie sie sich das vorstellt. Die frühere Bibliothekarin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Würzburg. Orangenblütenjahr ist ihr dritter Roman bei Heyne.
Lieferbare Titel
Novemberschokolade
Hortensiensommer

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Originalausgabe 03/2019
Copyright © 2019 by Ulrike Sosnitza
Copyright © 2019 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Dr. Diana Mantel
Umschlaggestaltung: Eisele Grafik Design, München
unter Verwendung von Getty Images
(LUVE_LIFE, Henry Sparrow and Kirsten Fowle),
iStockohoto (Denira777), Shutterstock (Tim UR)
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-22759-3
V001
www.heyne.de
Knospen
1
Heute begann es, mein neues Leben. Jetzt. In diesem Moment, in dem der rote Umzugswagen endlich in der Danklstraße auftauchte. Mein Leben als betrogene Ehefrau und Witwe auf dem Dorf lag hinter mir – hier in München war alles neu, die Luft war klar und frisch, und zwischen den Häuserreihen strahlte blau der Himmel.
Als der Laster geparkt hatte, machte ich schnell ein Foto und schickte es an Freunde und Familie. Dann lief ich voller Vorfreude hoch in den dritten Stock. Die Möbelpacker trotteten müde hinter mir her. Ihnen merkte man an, dass wir morgens um vier im Odenwald losgefahren waren – mir dagegen nicht, ich war voller Energie und Tatendrang.
Erst mal erläuterte ich ihnen, was sie in welche Zimmer bringen sollten. Sie nickten eifrig und redeten kaum, und ich hoffte das Beste, während immer wieder mein Handy vibrierte. Mona schickte ein paar Herzchen und kündigte ihren Besuch für abends an, meine Mutter fragte, wie die Fahrt gewesen war.
So ein kleiner Dicker trug gerade meinen Orangenbaum ins Wohnzimmer und gähnte dabei so sehr, dass ich seine Zahnplomben sehen konnte. Rumms ließ er dann auch noch den Baum mitten im Wohnzimmer fallen.
Hoffentlich war alles heil geblieben. Langsam wickelte ich die Noppenfolie ab. Erde bröselte mir entgegen, Topf und Äste schienen jedoch intakt zu sein. Vorsichtig schob ich den Baum vor die Tür des kleinen Balkons und sah, wie der Mann schon wieder verstohlen gähnte, während er die Folie wegräumte.
Hier herrschte eindeutig Koffeinbedarf, und die Espressomaschine war natürlich noch in irgendeiner Kiste verpackt.
Ich liebe es, Leute zu überraschen. Gleich in der Nähe war ein kleiner Bäcker, also schnappte ich mir meinen Geldbeutel und den Einkaufskorb und lief an zwei Männern vorbei, die gerade die Einzelteile meiner Bücherregale nach oben trugen. Hinter der Tür mit dem schwarzen Fußabtreter im ersten Stock hörte ich Schritte. Gegenüber standen Kinderschuhe. An der PC-Reparaturwerkstatt im Erdgeschoss hing ein »Geschlossen«-Schild. Auf meine neuen Nachbarn war ich schon sehr gespannt, während der Renovierungsarbeiten hatte ich leider kaum jemanden gesehen.
Ich war so froh über meine neue Wohnung hier in Sendling. Drei Zimmer, Küche, Bad, einen winzigen Balkon zur Straße, einen etwas größeren in den Innenhof, in einem gelben Altbau. Vermutlich Jahrhundertwende, so wie die weißen Muster an der Fassade und die kleinen Balkone aussahen. Sie erinnerten mich mit den geschwungenen Eisenstäben an Paris, und ich hatte sie gleich beim ersten Anblick in mein Herz geschlossen.
Die Danklstraße war eine schmale Seitenstraße, viel Verkehr gab es also nicht, parallel dazu verlief aber die Implerstraße mit allerlei Geschäften und einer U-Bahn-Station. Und eben den Bäcker, zu dem ich gerade unterwegs war.
Sendling war noch nicht so schick und teuer wie zum Beispiel Schwabing, aber auch hier standen viele alte Gründerzeit- und Jugendstilhäuser. Überall viele Bäume und kleine Parks, ein Schwimmbad, Cafés und Nachbarschaftsinitiativen. Und eine Buchhandlung! Nie hätte ich gedacht, dass ich so ein Glück haben würde.
Beim Bäcker holte ich für jeden einen großen Cappuccino und suchte belegte Brötchen mit Käse und Salami aus. »Semmeln«, wie die Verkäuferin sagte, einfach wunderbar, keine »Weck« mehr, sondern Semmeln.
Auf dem Heimweg vibrierte wieder mein Handy. Endlich, die Kinder – dachte ich. Doch da stand »Viola« auf dem Display. Na, die hatte Nerven. Mit Viola würde ich auf gar keinen Fall sprechen, nie mehr. Von wegen beste Freundin! Ein verlogenes Miststück war sie, mehr nicht. Sofort drückte ich das Gespräch weg.
Leider war der Chef der Truppe überhaupt nicht erfreut über die Unterbrechung. Aber ich war lange genug selber Chefin gewesen, um zu wissen, wie wichtig Pausen für die Arbeitsqualität sind, und bestand deshalb darauf, dass im Sitzen gegessen wurde und nicht irgendwie nebenbei.
Die Männer bedankten sich in vielen Sprachen und trugen meine Sachen danach viel schwungvoller und trotzdem vorsichtiger nach oben. Wenn ich mir jetzt so ansah, was sie da alles hochtrugen, hätte man nicht denken können, wie viel ich weggegeben hatte, verschenkt, eingelagert, weggeworfen. Unser Haus in Kleinfelden war so voll gewesen.
Nur mein Schlafzimmer war natürlich neu. Diese vielen Erinnerungen hätte ich nicht ertragen.
Auf meine Fotos von den wachsenden Stapeln antwortete mein Sohn Severin mit vielen Smileys und wünschte mir alles Gute. Schneller als erwartet war dann der Laster leer und meine Wohnung voll. Es roch nach Kartons und frischer Farbe, im Schlafzimmer riss ich die Tür zum Balkon auf, hörte einen Staubsauger, eine Polizeisirene, und hinter alldem geschäftiges Brummen. Meine neuen Heimatgeräusche, der Klang der Freiheit. Okay, das klingt pathetisch, aber genauso empfand ich in diesem Moment.
So viele Menschen wohnten in den bunten Häusern, die den Innenhof umgaben. Niemals würde ich sie alle kennenlernen, aber das machte nichts. In Kleinfelden hatte ich so gut wie alle gekannt, und es war mir nicht immer gut bekommen. Ich sage nur: Gerüchte. Nein, so ein bisschen Eintauchen in die anonyme Großstadtmasse würde mir ganz guttun.
Die Bäume im Innenhof waren noch kahl, die Wipptiere und die Schaukel darunter verwaist. Mir wurde kalt, ich schloss die Tür und ging ins Wohnzimmer. Da vibrierte mein Telefon erneut. Elena, endlich!
»Hallo Liebes!« Ich setzte mich auf eine der Kisten.
»Hallo Mama«, antwortete sie. »Na, alles überstanden?«
»Noch ist alles durcheinander, aber das wird wunderschön, wenn ihr Samstag kommt«, antwortete ich freudig.
Elena räusperte sich. Ja, wunderschön war nicht das richtige Wort für ihren Besuch, denn Elena und Severin kamen nicht, um meine Wohnung zu besichtigen, die kannten sie schon. Den wahren Grund vergaß ich gerne. Oder verdrängte ihn, je nachdem wie man es sehen wollte.
»Das Gästezimmer hat jetzt eine petrolblaue Wand«, versuchte ich vom Thema abzulenken. Im alten Haus war alles »mediterran« gewesen, helles Terracotta, viel Holz, Erdtöne. Nach Erde stand mir aber nicht mehr der Sinn. Blau soll beruhigend wirken. Hoffentlich brachte es etwas.
»Dann ist jetzt wirklich alles vorbei«, flüsterte Elena und räusperte sich erneut. »Ich … ich weiß nicht, ich habe irgendwie immer gehofft … Ich kann mir dich in gar keiner anderen Apotheke vorstellen. Die Löwen-Apotheke, das war doch dein Leben!«
»Mein Leben war vorbei, Liebes.«
»Wie konntest du sie nur verkaufen?«
»Wie bitte?«
»Ach, nichts«, sagte sie, wünschte mir noch alles Gute und legte ziemlich schnell auf.
Wieso hätte ich die Apotheke nicht verkaufen sollen? Es war ja nicht so, als ob sie oder Severin jemals Interesse an der Apotheke gezeigt hätten. Sie studierte Soziologie und Politikwissenschaften, er Medizin. Aber Elena hatte häufig komische Ideen, die verflogen schnell wieder. Da musste nur jemand etwas gesagt haben.
Ich stand von der Kiste auf. Die Wohnung sah auf einmal so voll und ungewohnt aus. Da – was war das Weiße dort am Orangenbaum? War da doch ein Ast abgeknickt? Oder hatte er wieder diese weißen Läuse? Als ich den Ast genauer betrachtete, erkannte ich, dass es Knospen waren. Kleine, weiße Kugeln. Er blühte, der Orangenbaum blühte, das allererste Mal! Unglaublich.
Sofort machte ich ein Foto und schickte es an Severin. Er war acht, als er wissen wollte, wozu diese nervigen Kerne in den Orangen sein sollten. Gemeinsam pflanzten wir einen ein, und all die Jahre kümmerte ich mich um den kleinen Setzling, stellte ihn Jahr für Jahr im Winter ins Warme und im Sommer nach draußen, düngte und topfte den immer größer werdenden Baum um, aber die Hoffnung auf Blüten hatte ich schon lange aufgegeben.
Jetzt hingen da Knospen am Orangenbaum, nach so langer Zeit. Das war ein Zeichen, das spürte ich sofort. Ein Zeichen dafür, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Dass man einfach nie die Hoffnung aufgeben durfte.
Ich klappte eine Kiste auf. Teller und Tassen, sie erinnerten mich daran, dass ich Hunger hatte. Der Kühlschrank war leer. Bis Mona kommen würde, dauerte es noch Stunden. Sollte ich etwas einkaufen oder lieber eine Pizza liefern lassen?
Müde war ich auch. Schlagartig und bleischwer. Kein Wunder, nach vier unruhigen Stunden Schlaf und der ganzen Aufregung. Der Gedanke ans Bett besiegte meinen Hunger, und ich schlurfte zurück ins Schlafzimmer. Zum neuen Bett hatte ich neue Kissen und Decken und Bettwäsche gekauft, alles roch nach meinem Lavendelwaschmittel, und kaum, dass ich mich hineingelegt hatte, fielen mir schon die Augen zu.
Was? Wo? Die Türklingel schrillte ununterbrochen. Im Zwielicht suchte ich die Nachttischlampe, sie war nicht da, wo ich es gewohnt war.
Ich war in München.
Es klingelte immer noch. Mona? Ich stand auf, meine Knie waren steif. Zu viele Treppen die letzten Tage.
Vor der Tür wartete allerdings niemand, durch die Gegensprechanlage hörte ich nur energische Schritte. Vom Wohnzimmerfenster aus erkannte ich, dass es zu regnen begonnen hatte, ein Auto fuhr rauschend durch die Pfützen.
Seufzend schaltete ich in allen Räumen das Licht an. Mein Handy zeigte etliche neue Nachrichten an – inzwischen war es kurz vor neun Uhr. Da hatte ich tatsächlich fünf Stunden am Stück ohne Hitzewallungen geschlafen! Tief und fest wie seit Langem nicht mehr. Und Severin schrieb, dass er sich sehr über die Knospen am Orangenbaum freute.
Da rief auf einmal Mona an.
»Wo bist du?«, fragte sie.
»Äh – zu Hause? Hast du eben geklingelt? Sorry, ich habe geschlafen.«
Mona. Wegen ihr war ich nach München gezogen. Wir hatten zusammen studiert, gelernt, gelitten und zusammengewohnt. Zufällig saßen wir in der ersten Vorlesung nebeneinander, lästerten im Flüsterton über den näselnden Professor und blieben dann für die weiteren Jahre beieinander. Als ein Zimmer in ihrer WG frei wurde, zog ich zu ihr. Wir lernten gemeinsam unsere studentischen Freiheiten kennen, lösten uns von unserer Kindheit und Familie und liebten das Leben. Mona und ich hatten den Kontakt nie verloren, auch wenn wir uns immer weniger sahen. Aus Mona, die lieber feierte als zu lernen, war Mona, Besitzerin der »Sonnen-Apotheke« geworden, die dringend eine weitere Apothekerin in ihrem Team brauchte. Mich.
Wenige Minuten später lagen wir uns in den Armen.
»Wow«, sie sah sich um, »das Parkett ist durch das Abschleifen wunderschön geworden. Und du hast zwischen all den Kisten ja noch Platz zum Durchlaufen! Echt, ich bewundere dich, dass du euren 250-qm-Haushalt so stark dezimieren konntest.« Sie lächelte mich an und zog eine Geschenkbox aus ihrer Designerhandtasche.
»Kleines Willkommensgeschenk.«
»Ach, Mona, du brauchst doch nichts … oh, mein Gott, wie wunderschön!«
Ein Set aus Badeperlen und Körperölen einer sündhaft teuren, französischen Kosmetikserie. Lavendel und Verbene, zwei meiner Lieblingsdüfte. »Danke, Mona! Für die schönen Düfte, und für alles.« Ich umarmte sie erneut. »Ohne dich läge ich bestimmt noch immer depressiv auf der Couch.«
Mona schulterte ihre Tasche, dann lächelte sie mich an. Die vielen Jahre, in denen wir uns kaum gesehen hatten, schienen an ihr spurlos vorübergegangen zu sein. Wie sie den Kopf schräg legte und die langen blonden Haare zurückwarf – sie erinnerte mich an unsere Jugend, in der alles möglich zu sein schien.
»Dann wollen wir dich mal in deinem neuen Viertel willkommen heißen!«, sagte sie strahlend.
»Ich hätte ja nie gedacht, dass es hier in Sendling so schicke Bars gibt«, schaute sie sich erstaunt um. Ein Kronleuchter hing über der türkis beleuchteten Bar, es erklang sanfter Latin Jazz, und aus der Küche roch es verführerisch.
»Sendling, das ist zwar ganz gemütlich zum Wohnen, aber eigentlich keine Partygegend.«
Den Tipp mit dem Barocco hatte sie aus der Zeitung. Mona suchte immer so beeindruckende Bars und Restaurants aus. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch am Fenster, sie bestellte einen Gimlet, ich einen Strawberry Daiquiri.
»Ich bewundere dich ja, Nelly«, sagte sie. »So schnell habe ich selten jemanden sein Leben ändern sehen. Alleine der Verkauf einer Apotheke dauert oft Jahre, und du hast gleichzeitig auch noch ein Haus verkauft und eine Eigentumswohnung gefunden. Und das in München!«
Die Getränke wurden gebracht. Der Gimlet war mit einer Limettenscheibe verziert, der Daiquiri mit einer Erdbeere.
»Neun Monate, ich weiß, das ist Rekord!« Ich stieß mit ihr an. Der Daiquiri schmeckte wunderbar nach Erdbeeren und Frühling. »Ich habe nur den richtigen Ansporn gebraucht. Dein Angebot, bei dir zu arbeiten, war genau das Richtige. München anstelle von Kleinfelden! Alles hinter mir lassen, das war die beste Idee überhaupt.«
»Wir brauchen dich ja auch, Nelly! Du weißt, wie es personalmäßig bei uns aussieht. Und immer diese Vertretungen …«
»Erinnere mich nicht daran.«
Die Mitarbeiter in Urlaubs- oder Krankheitszeiten alleine zu lassen ging nicht, die Anwesenheit eines Apothekers war gesetzlich vorgeschrieben. Deshalb gab es eine richtige Jobbörse für Vertretungen, meist waren es Berufsanfänger, ungebunden, jung, und mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Und als ich letztes Jahr nicht arbeiten konnte, musste dann die Vertretung irgendwie alleine den Laden schmeißen.
»Aber die Zeiten sind ja jetzt vorbei«, sagte ich und versenkte mich in die kleine, handgeschriebene Menükarte. Ich war echt am Verhungern. Kurz entschlossen wählte ich das Entrecôte rückwärts gegart, mit Rosmarinkartoffeln und Tomaten-Avocado-Salat, das klang sehr lecker. Mona bestellte den Wildkräutersalat, mehr nicht. Sie war noch immer genauso schlank wie früher. Ich nicht, dazu koche ich viel zu gerne.
Der Wirt, dicker Bauch und graue Haare, notierte alles und wollte schon gehen, als ich ihn fragte, wie man ein Steak rückwärts gart.
»Ganz einfach«, sagte er und lächelte mich wahnsinnig sympathisch an. »Wie braten Sie denn sonst das Fleisch?«
»Na ja, ab in die Pfanne und danach im Ofen nachgaren lassen.« Ich schaute ihn erwartungsvoll an, neue Kniffe fürs Kochen interessierten mich immer.
»Und rückwärts …?« Er machte eine auffordernde Handbewegung.
»Zuerst in den Ofen?«
»Sie haben es erfasst!« Das violette Licht ließ seine braunen Augen funkeln. »Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen werden. Zum Essen einen Rotwein? Wir hätten da einen wunderbaren Primitivo aus Apulien, sehr fruchtig, kaum Gerbsäure.«
»Was meinst du, Mona?«, fragte ich.
Mit ihrer typischen Handbewegung legte sie ihre langen blonden Haare vom Rücken auf die Schulter. »Sehr gerne.« Sie lächelte ihn von unten aus an, wie Lady Di früher, sehr gekonnt. Das würde sich auch nie ändern.
Jetzt lachte er sie noch viel stärker an als mich eben, nickte und ging wieder.
»Wann soll ich denn am Mittwoch in der Apotheke sein?«, fragte ich und genoss noch einen Schluck meines Daiquiri.
»Schaffst du denn alles bis dahin? Eine Woche zum Einrichten und geistig ankommen? Wenn du länger brauchst, ist das völlig in Ordnung.« Mona sah besorgt aus.
»Nein, nein, kein Problem. Samstag kommen ja die Kinder, und bis dahin will ich sowieso fertig sein.«
»Samstag?«, fragte Mona, dann räusperte sie sich und senkte den Blick. »Ach so. Natürlich.« Sie sprach nicht gerne Klartext, was Martin anging. Samstag war sein Todestag, mehr nicht.
»Wieder zu arbeiten ist genau das, was ich brauche«, betonte ich und biss in die Erdbeere.
»Aber erinnert es dich nicht – an die alte Apotheke?«
Der Wirt unterbrach uns und stellte die Weingläser auf den Tisch. Mona spielte nervös mit den Ringen an ihrer Hand. Zwei Eheringe waren unter den vielen Ringen an ihren Fingern. Beide Ehen waren geschieden.
Mein Ehering lag in meiner Schmuckschatulle.
»Keine Angst, Mona. Deine Apotheke mit dem Lagerroboter und dem vielen Glas in der Einrichtung kann mich gar nicht an unsere Apotheke mit den dunklen Eichenmöbeln erinnern. Und ganz bestimmt auch nicht an Martin, den Treulosen.«
»Dann ist es ja gut.« Sie ließ ihre Ringe los und sah mich an. »Mir gefallen übrigens deine Haare!«
Mein Frisör hatte gezaubert. Früher hatte ich meine Haare rot färben lassen, aber nach Martins Tod war es mir egal, wie ich aussah, ich ließ einfach alles wachsen. Zum Umzug dann entschloss ich mich, sie kurz schneiden zu lassen. Und keine Farbe mehr. Jetzt waren sie dunkelbraun, wie früher, dunkelbraun mit vielen weißen Strähnen rund um mein Gesicht. Am Hinterkopf wurde ich noch fast gar nicht grau, nur vorne.
Ich grinste. »Zu einem Neuanfang gehört doch eine neue Frisur, oder?«
»Normalerweise geht das andersrum«, sagte Mona. »Erst die Lebenskrise in Grau, dann Haare färben.«
»Normal ist langweilig.«
»Ich kenne so viele, die unbedingt von der Stadt aufs Land in die Ruhe wollen, am besten in die Provence ziehen oder in die Toskana, und du … du machst es umgekehrt! Wie dein Steak. Bleibt nur abzuwarten, ob es schmeckt.«
Ich trank noch einen Schluck. »Farbe ist Betrug. Jeder Blick in den Spiegel erinnert mich jetzt daran, dass das Leben kurz ist und ich es ausnutzen muss.«
»Okay«, sagte sie unwillig. »Ich werde ja lieber daran erinnert, wie jung ich noch bin. Und attraktiv. Aber ich habe zum Glück auch noch keine grauen Haare.«
»Grau ist modern.«
»Das waren Karottenjeans auch mal, und trotzdem waren sie unmöglich.«
Wir grinsten uns an. Auf einmal vibrierte mein Handy, aber nach einem kurzen Blick drückte ich das Gespräch weg.
»Viola«, erklärte ich.
»Na, die hat Nerven!«
»Irgendwie komisch, dass sie erst dann anruft, wenn ich weg bin.«
»Vergiss das alles. Ich habe übrigens noch ein Geschenk für dich, Karten fürs Lustspielhaus. Wenn du morgen Abend ausgehen möchtest, ansonsten natürlich nicht.«
»Du meinst – wegen Samstag? Nein, das ist eine gute Idee! Bringt mich auf andere Gedanken. Was schauen wir uns denn an?«
Sie legte eine Hand aufs Herz und hob die andere theatralisch, als ob sie eine Opernarie singen wollte.
»Lass dich überraschen.«
2
In der Nacht schlief ich unruhig, wie immer. Hitzewallungen, Grübelphasen, so war das eben, wenn man über fünfzig war und eine Frau. Wenn es Menschen gab, über die man sich Sorgen machte, und Probleme, über die man nachdenken musste. Auch wenn man sie nicht lösen konnte. Und egal, wie sehr ich mich auf mein neues Leben freute, so sehr hatte ich trotzdem Angst vor dem morgigen Tag.
Um sechs gab ich endgültig auf. Ohne Kaffee würde das nichts werden, und die Espressomaschine war noch immer nicht ausgepackt. Der Kühlschrank war leer. Aber wozu lebte ich in einer Stadt, in der es von Cafés nur so wimmelte und es zum Einkaufen den berühmtesten Wochenmarkt schlechthin gab.
Duschen, anziehen, fertig. Ich schnappte mir den neuen Hausschlüssel und verschloss meine Tür. Meine Tür. Meine Wohnung. Was für ein Gefühl, das zu denken! Oder auszusprechen. Aus »unsere« war »meine« geworden. Wie damals zu Studentenzeiten. Und so beschwingt wie damals sprang ich die Treppe hinab.
Auf zum Viktualienmarkt. Ich koche ja sehr gerne und war daher neugierig, was dort angeboten wurde. Das rückwärts gegarte Steak gestern Abend war unglaublich zart gewesen, mit einer krossen Kruste, wie ich sie noch nie gegessen hatte. Das musste ich unbedingt auch mal selber ausprobieren. Manchmal war es eben eine gute Idee, einen anderen Weg auszuprobieren.
Draußen wehte ein kalter Wind, der Himmel war grau. Mütter mit Kinderwagen kamen mir entgegen, eine alte Frau mit einer Zeitung unterm Arm, Autos holperten übers Kopfsteinpflaster. Ich hätte ja nie gedacht, dass es in einer Großstadt noch Kopfsteinpflaster gab. Oder Vorgärten mit den ersten Osterglocken.
Die U-Bahn-Haltestelle war gegenüber von dem kleinen Bäcker, bei dem ich gestern bereits den Kaffee gekauft hatte. Der Cappuccino war weich und gar nicht bitter gewesen, auch jetzt kaufte ich mir einen und ließ mir von dem Becher die Finger wärmen, während ich zum Fahrstuhl gegenüber ging. Daneben stand eine lange Reihe blauer Mietfahrräder. Super, das musste ich unbedingt mal ausprobieren. Ein eigenes Rad besaß ich schon lange nicht mehr. Hier in München fuhren alle mit dem Rad, das wollte ich auch.
Zuerst aber studierte ich den Ticketautomaten. Kurzstrecke? Tageskarte? Ich entschied mich für einen normalen Einzelfahrschein. Es war lange her, dass ich mir ein U-Bahn-Ticket selber gekauft hatte. Im Urlaub, in London oder Paris – immer hatte sich Martin um alles gekümmert. Und während meines Besuchs bei Mona und der Wohnungssuche hier hatte mich das Navi im Auto immer sicher hin und her geschickt.
Einen Sitzplatz fand ich keinen, egal. Die Schüler um mich herum starrten alle in ihre Handys. Am Marienplatz stieg ich aus, und der Anblick vom Neuen Rathaus und den Kaufhäusern weckte mich schlagartig auf. München, ich war wirklich da!
Und jetzt? Ein Straßenkehrer wies mir den Weg, an einer Kirche vorbei, dann geradeaus. Gegenüber der Kirche roch es verführerisch aus einem italienischen Café, und in einem glücklichen Moment ergatterte ich einen Platz. Die Kuchen in der Auslage lockten, ich bestellte ein Stück Mandelkuchen und einen weiteren Cappuccino. Es waren fast nur Männer in Anzügen da, müde starrten sie auf ihre Bildschirme, und ich war mittlerweile so wach und voller Energie. Neugierig auf das, was kommen würde.
Der Kaffee schmeckte noch besser, als er roch, der Mandelkuchen hatte ein zartes Orangenaroma. Ach, Backen, dazu hätte ich auch mal wieder Lust.
Ich würde es sowieso nicht schaffen, bis morgen alle Kisten auszupacken. Als ob es Elena und Severin wichtig wäre, ob die Bücher im Regal standen. Die kamen aus einem ganz anderen Grund, und dafür war ein Kuchen genau das Richtige. Also, beschlossen, ich würde heute für die Kinder einen Kuchen backen.
Frisch gestärkt schlenderte ich nur wenig später über den benachbarten Viktualienmarkt. Versteckt hinter den Planen der Marktstände leuchteten Paprika, Tomaten und Zucchini bunt an diesem trüben Tag. An einem Stand stiegen mir die Düfte der unterschiedlichsten Gewürze in die Nase, am nächsten roch es nach Fisch oder geräucherten Maroni. So früh am Morgen war es noch leer. Nur wenige Menschen überquerten den Markt, die Mantelkrägen hochgeschlagen oder dicke Schals um den Hals.
Ich schlenderte hin und her, kaufte ein Bio-Rindersteak, um das rückwärts garen zu testen, dazu Pfifferlinge und einen Strauß Tulpen, und gerade, als ich voller Eindrücke und mit einem schweren Korb zur U-Bahn zurückgehen wollte, sah ich bei einem Biobauern goldgelbe Äpfel liegen. Waren das nicht …? Dieses orangefarbene Gelb, die roten Flecken? Cox Orange!
Die wurden nur noch selten verkauft, schmeckten gebacken aber unwiderstehlich. Die musste ich haben, unbedingt!
Gerade, als ich die Verkäuferin in der knallroten Skijacke auf mich aufmerksam machen wollte, rief der Mann neben mir »Ich nehme alle Cox Orange, die noch da sind«, griff sich einen der Äpfel und roch genießerisch daran.
»Oh«, sagte ich enttäuscht und sah, wie die Verkäuferin die Äpfel auf die Waage legte.
Der Mann drehte sich zu mir um. Er trug eine dunkle Mütze, hatte braune Augen und ein kleines Grübchen am Kinn.
»Zehn Kilo«, rief da die Verkäuferin.
Er streckte ihr einen leeren Korb entgegen.
Schade. Diese neuen Sorten, Gala und Topaz und wie sie alle hießen, schmeckten gebacken einfach nicht so gut. Zu gerne hätte ich wenigstens an der Schale gerochen. Cox Orange haben so einen besonderen Duft, voller Erde und Herbst.
Die junge Frau nannte den Preis, er zog seinen Geldbeutel aus der Jacke. Ich seufzte. Da gingen sie hin, die besten Backäpfel der Welt.
»Wie viel brauchst du denn?«, fragte da der Mann und sah zu mir hinüber.
»Ich? Nur drei oder vier Stück, für einen Kuchen. Ich habe schon so lange keine Cox Orange mehr bekommen.«
Er nickte der Verkäuferin zu, und sie sortierte wirklich vier Äpfel wieder raus.
»Danke!« Ich nahm die Äpfel, legte sie in meinen Korb und strahlte ihn an. Er lächelte verschmitzt zurück.
»Wir backen auch«, sagte er, »aber ich befürchte, es wird mehr als ein Kuchen – die Äpfel sind für ein Café.«
»Was für ein tolles Café, das Kuchen aus seltenen Apfelsorten backt!«, sagte ich und reichte der Verkäuferin das Geld. Und was für ein netter Mann. Er war in eine schwarze Daunenjacke gehüllt, und eigentlich waren das Einzige, das man von ihm sehen konnte, seine Augen.
»Nächste Woche bekommen wir bestimmt noch eine Lieferung«, meinte da die Verkäuferin. »Immer freitags, die kommen von einem Bauern aus Norddeutschland.«
»Ich werde da sein«, sagte er und sah mich fragend an. Als ob er wissen wollte, ob ich auch käme. Irgendwie fühlte sich das komisch an.
»Wo ist denn Ihr Café?«, fragte ich stattdessen.
Er griff in seine Jackentasche und zog einen Flyer heraus.
Café Himmelblau, Valleystraße – direkt gegenüber vom Südbad.
Südbad – war das nicht bei mir in der Nähe? Da hatte ich schon mal geparkt. In der Danklstraße selber war es äußerst schwierig, einen Parkplatz zu finden.
»Komm doch mal vorbei, es wird dir gefallen«, sagte er. Seine Stimme war ganz tief und brummte leicht.
»Vielleicht.«
Die Bedienung reichte mir das Wechselgeld.
»Vielen Dank für die Äpfel!«, sagte ich und lächelte noch einmal, dann ging ich beschwingt Richtung Marienplatz zurück. Was für ein netter Mann! So offen und freundlich. Und dass er mich für jung genug gehalten hatte, um mich zu duzen, musste ich unbedingt Mona erzählen.
Es schneite leicht, als Mona und ich uns am Abend vor dem Lustspielhaus trafen. Anfang März war Schnee selbst für München ungewöhnlich. Die Flocken schimmerten im Licht der Straßenlaternen wie kleine Sterne und verzauberten den Abend bereits vor Beginn der Vorstellung. Innen sah es mit den griechischen Säulen, den goldgerahmten Gemälden und rot gedeckten Tischen wie in einem französischen Bistro der Jahrhundertwende aus. Nur der rote Vorhang auf der Bühne und die Scheinwerfer erinnerten daran, dass wir in einem Theater waren.
Wir gaben unsere Mäntel ab, fanden einen Tisch mit sehr guter Sicht und bestellten zwei Gläser Hugo. Den hatte ich mir auch verdient, nachdem ich den ganzen Nachmittag lang meinen Kleiderschrank eingeräumt hatte.
Mit meinem schwarzen Wollkleid kam ich mir zwischen den modisch angezogenen Menschen wie der letzte Dorftrampel vor. War ich ja auch! In meinem Kleiderschrank gab es nur Odenwald. Also, nicht, dass ich dort hätte Kleidung kaufen können, die wurde nachts im Internet bestellt. Aber sie erinnerte mich an Kleinfelden, weswegen ich keines der Kleider, die Martin so an mir gemocht hatte, anziehen konnte.
Mona sah wie immer umwerfend aus in ihrem locker fallenden, weinroten Samtkleid. Dazu als Hingucker eine lange, goldene Kette über dem großen Ausschnitt.
»Was ist denn ein Opern-Slam?«, fragte ich und zupfte an meinem Rock rum.
»Lass dich überraschen! Ein Bekannter von mir hat ihn in Hamburg gesehen und war begeistert.« Wieder einmal spielte sie mit den Ringen an ihrer Hand und erzählte dann von ihren Besuchen in Salzburg bei den Mozart-Festspielen mit ihrem ersten Mann.
Das Licht ging aus, und der lustigste Opernabend meines Lebens begann. Nicht, dass ich schon häufig in der Oper gewesen war. Ein- oder zweimal vielleicht. Niemals zuvor aber und ganz bestimmt auch niemals danach ging als Erstes eine Moderatorin mit einem Tablett durch die Reihen und gab Schnäpse aus. Limoncello, um genau zu sein.
Währenddessen erklärte sie im typischen Hamburger Singsang, dass vier Sänger bzw. Sängerinnen jeweils eine Arie zu einem bestimmten Thema singen werden und wir, das Publikum, dann per Applaus entscheiden sollten, wer am besten gesungen habe. Wie beim richtigen Poetry-Slam. Und darauf einen Limoncello!
Die Sänger waren wahre Meister: gesanglich, aber auch komödiantisch. Sie übertrieben jede Pose, flirteten mit dem Publikum und stritten sich ständig. Und dazu sangen sie wunderschöne Arien voller Sehnsucht, Liebe und Leid.
Wir wurden nach den Komponisten gefragt oder nach irgendwelchen anderen Sachen, und wer es wusste, bekam einen Schnaps. Vor allem Mona, ich hatte gar nicht gewusst, dass sie sich so gut auskannte. Einmal jedoch wusste auch ich die Lösung – ausgerechnet bei der Lustigen Witwe. Aber bevor ich länger darüber nachdenken konnte, wurde schon wieder gesungen.
»Wow«, meinte Mona in der Pause, »so hatte ich es mir nicht vorgestellt.«
»Meinst du, das ist alles abgesprochen?«
»Der rote Faden bestimmt. Was gesungen wird. Aber der Rest ist spontan, das kommt ja vom Publikum. Noch einen Hugo?« Sie winkte der Bedienung.
Ich schaute durch die bunt gemischte Zuschauermenge. War das nicht? Da, an der Wand? Der hochgewachsene Mann mit der grau melierten Haarsträhne, die ihm immer in die Stirn fiel? Cox Orange. Neben ihm eine junge Frau mit wahren Engelshaaren – langen, blonden Wellen. Sie steckten die Köpfe eng zusammen und redeten.
Und genau jetzt sah er zu mir und nickte mir zu.
»Wer ist das?«, fragte Mona und musterte ihn.
»Der Mann vom Viktualienmarkt«, antwortete ich.
»Der sieht aber gut aus.«
Das fiel in schwarzem Hemd und Hose auch viel mehr auf als in der Daunenjacke. Jetzt kam er zu uns herüber, die junge Frau folgte ihm, und ich spürte, wie mein Herz stärker schlug.
»Hallo«, grüßte er und lachte mich an, als wäre er froh, mich wiederzusehen.
»Hallo«, grüßte ich ihn zurück.
»Wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin Gabriel. Gabriel Heilemann.« Er reichte mir die Hand.
»Nelly Leonhardt. Und das ist meine Freundin Mona Brückner.«
»Annabelle«, sagte die junge Frau und beschränkte sich aufs Nicken.
»Ob es noch mehr Schnaps gibt?« Gabriel grinste.
»Sie kennen sich ja toll aus!«, lobte Annabelle Mona, und Mona richtete sich etwas auf, sodass ihre Kette klimperte. »Ach, das ist doch nichts«, wiegelte sie ab.
Unsere Getränke wurden gebracht, Gabriel und Annabelle gingen kurz zur Seite, blieben aber stehen.
»Annabelle gehört übrigens das Café«, sagte Gabriel und lächelte mich so charmant an, dass ich wegschauen musste. So viel fremde Männeraufmerksamkeit war ich gar nicht gewöhnt.
»Die Äpfel waren ja toll«, meinte Annabelle. »Gabriel hat so viele verschiedene Apfelkuchen gebacken, ich konnte mich gar nicht entscheiden, welchen wir ins Angebot aufnehmen sollen.«
Eine Fanfare ertönte.
»Die Meistersinger von Nürnberg«, erklärte Mona, »die Pause ist zu Ende.«
Gabriel und Annabelle verabschiedeten sich und setzten sich wieder auf ihre Plätze. Ich sah den beiden nach und wunderte mich über die Scheu, die ich auf einmal empfunden hatte. Was war schon dabei, sich mit einem fremden Mann zu unterhalten?
»Typisch«, flüsterte da Mona, »sich eine wesentlich jüngere Frau zu nehmen. Ich sollte mir auch mal einen jungen Kerl suchen.«
Waren die beiden ein Paar? Bislang hatte ich gedacht, sie wären einfach nur Bekannte. Aber es stimmte. So, wie er jetzt seinen Arm um sie legte, das wirkte sehr vertraut. Und sie lehnte sich sogar an ihn!
»Komm, wir suchen uns auch ein paar junge Kerle.« Mona stieß mit dem Glas an meines. »Junge Männer sehen einfach viel besser aus. Ich steh auf diese Typen mit Dreitagebart und Hut. Am besten im Anzug. Jung und schlank und Anzug, das hat Klasse!«
»Aber sieht man neben einem jungen Kerl nicht alt aus?«, versuchte ich sie auf den Arm zu nehmen.
Wieder erklangen die Bläser. Es wurde dunkel, Orchestermusik setzte ein, alle wurden still.
»Selbst wenn es so wäre, würde der Sex es wieder wettmachen, oder?«, flüsterte Mona mir noch zu, bevor uns die Moderatorin schon wieder einen Schnaps in die Hand drückte.
Ordentlich angeheitert verließen wir später das Theater. Draußen schneite es immer noch. Mona wollte noch in eine Bar, wir liefen einfach los. Wunderbar, wie viele Kneipen und Bars in Schwabing auf engstem Raum waren! In der Distillers Bar war alles voll, Mona steuerte dann das Cocktailhouse an. Es war dunkel-schummerig, wir fanden einen Tisch am Fenster.
Mona bestellte wieder einen Gimlet, ich schloss mich ihr an. Obwohl ich echt schon ziemlich beschwipst war.
»Morgen …«, sagte Mona.
»Ja, morgen«, antwortete ich. »Morgen ist ein ganz normaler Tag, und wir sollten feiern!« Ich hob mein Glas.
»Geht es dir gut?«, fragte Mona.
»Natürlich«, sagte ich und betonte es, in dem ich einen großen Schluck trank. Es schmeckte unerwartet gut. Gin an sich riecht ja immer nach Hustensaft, finde ich, das liegt am Wacholder. Aber gemischt mit Limettensirup war das etwas anderes.
»Danke für die Einladung, so sehr gelacht habe ich schon lange nicht mehr!«
»Wann kommen denn die Kinder morgen?«
Musste das sein? Ich wollte nicht über den morgigen Tag reden. Der kam noch früh genug. Und dann vibrierte auch noch mein Telefon.
»Viola! Die kann es echt nicht lassen. Weißt du, wie man Nummern blockiert?«
»Ich finde es nur verständlich, dass sie mit dir reden will.«
»Ja?« Ich trank noch einen großen Schluck. »Hättest du es auch verstanden, wenn du im Krankenhaus nach der Kleidung deines gerade verstorbenen Mannes fragst, weil er nur im Untersuchungshemd im Bett liegt, und du ihn ja nicht mehr mit nach Hause nehmen kannst, aber seine Hose, sein Hemd, das nach ihm riechen würde, nach seinem After-Shave, das ich immer so geliebt hatte. Und dir die Schwester dann sagt, es wäre nichts da. Er sei nackt eingeliefert worden. Das hättest du auch verstanden? Ja? Und du dich fragst, wo er eigentlich gewesen war, als sein Herz zu schlagen aufgehört hat?« Auf einmal war er wieder da, der ganze Ärger, die Wut, die Verletzungen von damals. Von diesem Tag, der sich morgen das erste Mal jährte.
»Hör auf«, flüsterte Mona, aber ich konnte nicht.
»Hättest du es auch verstanden, wenn deine angeblich beste Freundin im Wartezimmer sitzt, du sie gar nichts fragen brauchst, sie dir von sich aus vorlügt, dein Mann hätte ein Medikament zu ihr nach Hause gebracht, weil ihr Sohn so starken Husten gehabt hätte, und Martin sei einfach zusammengebrochen.«
»Das hast du mir ja noch nie erzählt.« Mona beugte sich zu mir.
»Viola ist genauso für mich gestorben wie Martin.«
»Das wusste ich alles gar nicht … Was ist eigentlich ganz genau passiert?«
»Viola hatte eine Affäre mit Martin, der auch der Vater ihres Sohnes ist. Das ist alles, und über die ganzen dreckigen Details zu reden ändert auch nichts mehr.«
Sie schaute mich fragend an, dann tranken wir die Gläser aus. Mona bestellte Nachschub. Oh, wie ich Viola hasste! Was sie mir alles vorgelogen hatte, die ganzen Jahre über. Ein Unbekannter habe sie geschwängert, ein One-Night-Stand nach zu viel Alkohol. Und dann Matteo, dieser liebe kleine Kerl, den ich gewiegt und gewickelt hatte, wie man es so machte, wenn die beste Freundin Mutter wird. Und da die ohnehin oft sehr hilflose Viola schon Anfang vierzig war und niemals mit einer Schwangerschaft gerechnet hatte, brauchte sie noch mehr Unterstützung von mir, als sie bisher schon gebraucht hatte.
Matteo war mir so vertraut gewesen. Wie ein zweiter Sohn. Ich vermisste ihn. Es war jetzt fast ein Jahr her, dass ich ihn gesehen hatte.
»Hast du seitdem mit ihr geredet?«
»Nicht ein Wort, und so wird es auch bleiben. Sie hat mich genauso verraten wie Martin.«
Die neuen Drinks kamen, wir tranken sie beide auf ex.
»Ach, Mona.« Ich stand auf, um sie zu umarmen. Alles um mich herum schwankte, egal, Mona fing mich auf.
»Lass deine Wut raus«, sagte sie, als wir uns wieder gesetzt hatten. »Das ewige Schweigen hat sie gar nicht verdient.«
»Sie will doch, dass ich mich aufrege. Dann kann sie sich entschuldigen, und alles ist in Ordnung. Nein, nicht mit mir.«
Mona sah mich nachdenklich an. »Du kennst Viola besser als ich. Ich denk nur, vielleicht ist was vorgefallen, dass sie so oft versucht, dich zu erreichen. Vielleicht mit Matteo.«
Sofort machte sich ein beklemmendes Gefühl in mir breit. »Dann wüsste ich das von Elena«, versuchte ich, es zu bekämpfen. »Du weißt, wie gut sie sich mit Martins Mutter versteht. Und die kennt jedes Gerücht im ganzen Odenwald.«
»Du machst doch Yoga, bringt das eigentlich was?«, versuchte Mona das Thema zu wechseln. Umsonst.
»Kommt drauf an. Ich war jedenfalls entspannt genug, Viola nicht zu schlagen.«
»Wieso …«
»Ich war beim Yoga, als das Krankenhaus anrief. Viola fand Yoga doof. Warum kannst du dir ja denken. Zweimal Yoga die Woche, da hatten die beiden genügend Zeit, für Bewegung und Entspannung ganz anderer Art zu sorgen.«
»Scheiße.«
»Kannst du laut sagen.«
»SCHEISSE«, rief Mona. Die anderen Gäste drehten sich um, und wir brachen in Gelächter aus.
»Also kein Yoga mehr?«, fragte Mona, als wir uns beruhigt hatten.
»Im Gegenteil, ich habe sogar wieder meditiert und ein paar Asanas gemacht.«
»Gut!«
»Nein. Ich musste die ganze Zeit an Martin denken.«