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Bildteil

1 | Lilly Maiers erstes Treffen mit Arthur und Trudie Kern am 30. März 2003 in Wien

2 | Nach ihrem Treffen mit Arthur recherchierte Lilly das Leben seiner Mutter Frieda für ein Zeitgeschichteprojekt von Schülern. Zahlreiche Medien wie der Kurier berichteten darüber.

3 | In diesem Haus in der
Gussenbauergasse 1 wuchs Arthur auf, 60 Jahre später zog Lilly dort mit ihrer Mutter ein.

4 | 5. Mai 2003: 80.000 weiße Luftballons steigen in den Himmel über Wien auf – einer für jeden Österreicher und jede Österreicherin, die während des Holocausts ermordet wurden.

5 | Wien, Mai 2008: Tafeln
mit Zitaten von österreichischen Holocaust-Überlebenden erinnern
an die Opfer der Nazizeit.

6 | Arthur kam als Oswald Kernberg auf die Welt. Hier mit seinem großen Bruder Fritz, ca. 1929

7 | Oswald mit seinem Großvater
Yechaskell Goldfeld

8 | Oswalds Cousin Otto hat sich später als Psychoanalytiker und Psychiater weltweit einen Namen gemacht.

9 | Klassenfoto aus dem Jahr 1937/38. Oswald ist der stehende Bub rechts in der vorletzten Reihe (siehe Pfeil).

10 | Der Pass von Oswalds Eltern Hermann und Frieda wurde im Januar 1940 von den nationalsozialistischen Behörden ausgestellt.

11 | Oswalds Bruder Fritz wurde
nicht für den Kindertransport zugelassen. Er blieb mit den Eltern in Wien zurück.

12 | Das Foto wurde 1939 eigens für Oswalds Antrag für den Kindertransport aufgenommen.

13 | Oswald um 1940 in Frankreich. Zeit seines Lebens war er besonders stolz auf dieses Foto, weil er den Pullover selbst gestrickt hat.

14 | Die jüdischen Flüchtlingskinder auf einer Exkursion nach Paris im Frühjahr 1939

15 | Der OSE-Heimleiter Ernst Papanek und seine Frau Helene in Montmorency

16 | Anlässlich seines 39. Geburtstags organisierten die Kinder eine große Überraschungsfeier für Ernst Papanek.

17 | Heimkinder beim Kartoffelschälen

18 | Eine spannende Partie Schach in der Villa Helvetia

19 | Montmorency: Eine Gruppe Mädchen führt den »Tanz der aufgehenden Blüte« auf.

20 | Jugendliche treten bei Sport-Wettkämpfen in Montintin im Speerwurf an.

21 | Bei gutem Wetter unterrichtet die OSE (Organisation zum Schutz der Kinder) die jungen Flüchtlinge gerne im Freien.

22 | Anlässlich des französischen Nationalfeiertags veranstaltet die OSE 1939 einen Zirkus. Für einen Sketch verkleiden sich die Kinder als Schulmaterial: Hefte, Bücher, Kreide und eine Schere.

23 | Zeichnung aus Oswalds Geschichtenheft, das er in Frankreich geführt hat.

24 | In Frankreich erhielten die jungen Flüchtlinge eine handwerkliche Ausbildung, zum Beispiel als Schuster.

25 | Die Tischlerei in Montintin: Auch Oswald lernte hier, Möbel zu bauen.

26 | Die OSE veranstaltete regelmäßig »Olympische Wettkämpfe«, um die Kinder vom Kriegsgeschehen abzulenken.

27 | Bei einem der Sportfeste in Montintin war Oswald in der Disziplinenkommission.

28 | Picknick in den weitläufigen Parkanlagen von Montintin, ca. 1940. Oswald sitzt links neben der Erzieherin (siehe Pfeil).

29 | Von Charlie Chaplin bis zum Indianer: Verkleidete Jugendliche vor dem Château de Montintin

30 | Montmorency: Zwei Kinder lesen einen Brief ihrer Eltern.

31 | Oswald (siehe Pfeil) und seine Kameraden bei ihrer Abreise aus Frankreich im Juli 1941

32 | Oswalds Onkel Sigmund und Tante Erna vor ihrer Flucht aus Wien

33 | Eine Postkarte, die Oswald während seines Aufenthalts im Château de Montintin von seinem Onkel bekam.

34 | Dieser Lebenslauf war Teil von Oswalds Antrag für den Kindertransport nach Amerika.

35 | Hermann Kernberg schickte die Bewilligung für Oswalds Reise nach Amerika aus dem Ghetto in Opole, Polen.

36 | Oswald (siehe Pfeil) und eine Gruppe OSE-Kinder erreichen Lissabon am 16. August 1941.

37 | Lissabon, 20. August 1941: Oswald (siehe Pfeil) und seine Kameraden warten am Dock, um ihre Schiffsreise nach Amerika anzutreten.

38 | Nach zweiwöchiger Überfahrt erreichen Oswald (siehe Pfeil) und 44 weitere Flüchtlingskinder am 1. September 1941 New York.

39 | Ende Dezember 1941 erhielt Oswald den letzten Brief seiner Eltern – mit Glückwünschen zu seinem Geburtstag und seiner Bar-Mizwa.

40 | Oswalds Bar-Mizwa-Urkunde, 1941

41 | 1947 macht Oswald seinen Abschluss an der renommierten Stuyvesant High School.

42/43 | 1952: Oswald – nun Arthur – und seine Frau Trudie machen ihren Abschluss am City College of New York.

44 | Arthur als junger Mann mit einer Ukulele, ca. 1948

45 | Mehrere Sommer lang arbeiteten Arthur (rechts) und sein bester Freund Aaron Low (2.v.r.) als Kellner in einem Hotel in den Catskills.

46 | Hochzeitsfoto von Trudie und Arthur Kern, 9. September 1951

47 | Trudie und Arthur mit ihren zwei ältesten Söhnen Aaron und David in ihrem Garten in Kalifornien, 1957

48 | Exergy Power Inc.: Als Ingenieur führte Arthur hier Raketentests durch.

49 | Arthur mit einer Auszeichnung von seinem Arbeitgeber Rockwell International, 1992

50 | Arthur war an den Tests der Apollo-Raumkapseln beteiligt und erhielt dafür den Apollo Achievement Award.

51 | Arthur und Trudie in späteren Jahren

52 | Arthurs Enkelkinder, v.l.n.r.: Shira, Rachel, Alex und Sami

53 | Lilly bei einem ihrer zahlreichen Besuche in Los Angeles mit Shira

54 | Lilly Maier bei einem Vortrag im Deutschen Haus in New York

55 | Die Villa Helvetia beherbergt
heute das Polizeikommissariat von Montmorency.

56 | Auf diesem Pier in Staten Island kam Arthur in Amerika an.

57 | Zinkplattenradierung von Rachel Kern. Der aufgebrochene Stacheldraht und die Friedenstaube sollen symbolisieren, dass es trotz Arthurs schwieriger Vergangenheit auch Gutes in seinem Leben gab.

58 | Die Brüder Jakob und Anselm Hirsch mit Oswald (rechts) in Eaubonne, 1939

59 | Bei der OSE-Reunion 1989 stellten die drei Freunde das Bild nach.

60 | Arthur und sein bester Freund Aaron Low in Wien, 2008

61 | Arthur und seine Wiener Familie 2006. V.l.n.r.: Trudie, Valerie und Fritz Bartos, Sabine und Lilly Maier, Brigitte und Fritz Kodras

62 | Lilly mit Arthur und Trudie in ihrem neuen Zuhause in der Senior Community in Los Angeles, 2014

63 | Arthurs Großfamilie beim Thanksgiving-Fest 2015 wenige Monate nach seinem Tod. Erste Reihe v.l.n.r.: Leslie, AJ, Trudie, Shira. Zweite Reihe v.l.n.r.: Elise, Danny,Rachel, Alex, Cash, David, Nena, Aaron, Sami

LILLY MAIER

ARTHUR

UND

LILLY

Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende

ZWEI LEBEN · EINE GESCHICHTE

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Copyright © 2018 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Anja Freckmann

Bildredaktion: Sabine Kestler

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München,
unter Verwendung eines Fotos von S. Kern

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-22864-4
V001

www.heyne.de

Für Frieda und Hermann Kernberg,

die die Stärke, Liebe und Weitsicht hatten,

ihren Sohn alleine in die Fremde zu schicken  –

und ohne die ich Arthur nie kennengelernt hätte.

INHALT

Prolog

Teil 1 – Wien

»Wir hatten ein tolles Leben!«

Die Kinder rausholen

Abschied von Wien

Teil 2 – Frankreich

Die Kindertransporte

Ankunft in Paris

Villa Helvetia

Ernst Papanek: Mehr als nur ein Lehrer

Die Villa La Chesnaie in Eaubonne

Der Sommer 1939

Kriegsbeginn

Flucht in den Süden

Château de Montintin

»Es ist vraiment zum Kotzen«

Amerika als letzte Hoffnung

Reise in die Freiheit

S.S. Mouzinho

Teil 3 – New York

Ankunft in New York

Das Schicksal von Frieda, Hermann und Fritz Kernberg

Eine Jugend in New York

Aus Oswald wird Arthur

Ein Wiener Mädchen

Teil 4 – Los Angeles

Die Kerns

Das große Wiedersehen

Ein Leben nach dem Kindertransport

Arthur und seine Familie

Ein Päckchen aus der Vergangenheit

Briefe in den Himmel

Epilog

Anmerkungen

Danksagung

Bildnachweis

Prolog

Ich schreibe dieses Buch fast fünfzehn Jahre nach meinem ersten Treffen mit Arthur und Trudie Kern. Von Zeit zu Zeit denke ich gerne an jenen Märztag zurück, an dem die Vögel sangen und die Knospen an den Bäumen den Frühling ankündigten. Niemand von uns wusste damals, wie sehr diese Begegnung unser aller Leben beeinflussen würde – und wie eine Wohnung in Wien unsere Familien für immer verbinden würde.

Arthur nannte unser erstes Treffen später »eines der Highlights seines Lebens«. Im Englischen gibt es die nostalgische Redewendung »you can never go home again«, du kannst niemals wieder nach Hause gehen. Gemeint ist damit nicht eine örtliche Beschreibung, sondern ein Gefühl von Vergänglichkeit, das es uns nicht erlaubt, in unsere Vergangenheit zurückzukehren. »Aber ich kehrte zurück«, erzählte Arthur mir vor einigen Jahren mit einem Strahlen im Gesicht. »Und es war wunderbar.«

***

Die Gussenbauergasse in Wien ist eine verschlafene, kleine Straße im Alsergrund, dem 9. Gemeindebezirk. Selbst die Taxler, wie man Taxifahrer in Wien nennt, kennen die nach dem Chirurgen Carl Gussenbauer benannte Gasse nur selten. In wenigen Minuten geht man von hier zu Fuß zum Donaukanal oder zum Palais Liechtenstein, einem der vielen Prachtbauten, die Wien seinen imperialen Charme verleihen. Die Gussenbauergasse selbst besteht nur aus sechs Häusern, fünf von ihnen wurden um die Jahrhundertwende erbaut, in den 1920ern folgte dann noch ein großer Gemeindebau, der Sigmund-Freud-Hof. Von außen betrachtet am prunkvollsten ist die Gussenbauergasse 1, ein 1911 erbautes Eckhaus mit steinernen Verzierungen. Wie in alten Wiener Häusern üblich, heißt der erste Stock hier Mezzanin, sodass das fünfstöckige Gebäude offiziell nur vier Etagen zählt und die Erbauer bei der um 1900 gängigen Stockwerksteuer sparen konnten. Das Haus hat schon bessere Tage gesehen, aber die Wohnungen protzen noch immer mit hohen Wänden, weitläufigen Räumen und stuckverzierten Decken.

Von 1999 bis 2011 – meine gesamte Schulzeit über – habe ich gemeinsam mit meiner Mutter im Mezzanin in der Gussenbauergasse 1 gewohnt. Am Anfang war unser Zuhause eine ganz normale Wohnung – doch all das änderte sich am 30. März 2003, dem Tag, als uns Arthur und Trudie Kern besuchten.

***

Der 30. März 2003 war ein Sonntag und einer der ersten warmen Frühlingstage des Jahres. Wohin man auch blickte, unsere ganze Wohnung glänzte – bis hin zu meinem Kinderzimmer, das ich in langwieriger Arbeit vom Chaos einer Elfjährigen in ein Paradebeispiel an Ordentlichkeit verwandelt hatte. All meine Bücher standen gerade in meinem Regal, meine Kuscheltiere saßen aufgereiht auf meinem Stockbett, und die frisch gewaschenen roten Leinenvorhänge verströmten einen feinen Geruch nach Waschmittel. Meine Mutter und ich waren gerade auf dem Weg in die Küche, da läutete es auch schon: Trudie und Arthur Kern standen vor der Tür.

Arthur sah aus wie ein typischer 75-jähriger Amerikaner: Ein kurzer weißer Haarkranz umrundete seine Halbglatze, er trug eine marineblaue Hose, eine Brille mit großen runden Gläsern und ein grau gestreiftes Poloshirt, das seine kalifornische Bräune zur Geltung brachte. Dass er gerade einen Transkontinentalflug hinter sich hatte, merkte man dem pensionierten Raketentechniker überhaupt nicht an. Stattdessen leuchteten seine Augen, als er kurz nach der Begrüßung mit kräftigen Schritten durch unsere Wohnung ging. »Das war das Klavierzimmer!«, rief er begeistert, als er mein Kinderzimmer betrat.

Mein Kinderzimmer war tatsächlich einmal ein Klavierzimmer gewesen – in den 1930er-Jahren. Als kleiner Junge wuchs Arthur in derselben Wohnung auf, in die meine Mutter und ich Jahrzehnte später zogen. Und nach über sechzig Jahren sah er die Räume nun zum ersten Mal wieder!

Für den Amerikaner stellte der Besuch seiner alten Wohnung eine Reise in die Vergangenheit dar, eine Erinnerung an eine idyllische Kindheit auf einem anderen Kontinent und in einer anderen Zeit. Einer Zeit, zu der er noch einen anderen Namen trug: Oswald Kernberg.

***

Oswald Kernberg, oder Ossi, wie er von seiner Familie gerufen wurde, wohnte in der Gussenbauergasse 1 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Fritz, seinen Eltern Frieda und Hermann und einem Kindermädchen. Die Kernbergs führten das gute Leben einer wohlhabenden jüdischen Bürgerfamilie im Wien der Zwischenkriegszeit. Hermann Kernberg besaß und leitete eine Strickwarenfabrik, in der auch seine Frau Frieda arbeitete. Die Familie reiste viel – zum Skifahren an den Semmering, auf Kur oder zum Sommerurlaub nach Italien. Doch all das änderte sich schlagartig mit dem »Anschluss« Österreichs an Nazideutschland. Nur das jüngste Mitglied der Familie, Oswald, sollte den Holocaust überleben.

1941 wurden Frieda und Hermann gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Fritz nach Opole in Polen deportiert. Bereits zwei Jahre zuvor war es den Eltern jedoch gelungen, den jüngsten Sohn Ossi auf einem sogenannten Kindertransport in die Freiheit zu schicken. Der Zehnjährige kam alleine nach Frankreich, wo er gemeinsam mit anderen jüdischen Flüchtlingskindern in verschiedenen Kinderheimen lebte. Französische Adelsfamilien finanzierten die Heime, der österreichische Exilpädagoge Ernst Papanek leitete sie.

Als die deutsche Wehrmacht in Frankreich einfiel, evakuierte man die Kinder hastig in den unbesetzten Süden des Landes. Aber auch dort waren sie nicht sicher. Unter größter Anstrengung gelang es internationalen Hilfsorganisationen schließlich, Oswald und 250 weitere Kinder auf einem zweiten Kindertransport nach Amerika zu retten. 1941 reiste der Junge von Portugal aus nach New York, auf einem der letzten Schiffe, das Europa noch verlassen konnte.

Kurz nach seiner Ankunft in New York erhielt Ossi einen Brief von seiner Familie, der Glückwünsche zu seinem 13. Geburtstag und zu seiner Bar-Mizwa enthielt. »Und nun mein goldiges süßes Burli, bitte ich meine innigsten Gratulations- und Segenswünsche zu diesem Deinem grossen Festtage entgegen nehmen zu wollen«, schrieb Hermann Kernberg seinem Sohn aus dem Ghetto in Polen. »Möge dir Dein Glück so leuchten und scheinen wie die Sterne am Himmel, und möge es uns beschieden sein, Dich in unsere Arme baldigst schließen zu können, und Dir das Leben so zu verschönern, wie wir es immer dir zu verschönern bemüht waren.«

Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen von Oswalds Familie.

***

Über sechzig Jahre später erzählte uns Arthur, der damals schon lange nicht mehr Oswald hieß, während unseres gemeinsamen Rundgangs durch unsere Wohnung seine Familiengeschichte. In einem kleinen Notizbuch notierte sich Arthur gewissenhaft jedes Detail der Wohnung und erweckte mit seinen Beschreibungen die Räume seiner Kindheit zum Leben. Mein Zimmer war in den 1930ern das Klavierzimmer gewesen, das Büro meiner Mutter beherbergte damals das Esszimmer, in unserem Wohnzimmer schliefen einst Frieda und Hermann Kernberg, und der schmale angrenzende Raum, den meine Mutter als Schlafzimmer nutzte, diente früher als Kinderzimmer. In dem Zimmer links von der Küche lebte einst das Kindermädchen, und die langen Flure, die typisch für Wiener Altbauwohnungen sind, wurden von Ossi gerne als Fahrradstrecke verwendet, allerdings nur, wenn seine Mutter nicht in der Nähe war.

Zurück in meinem Kinderzimmer ertönte plötzlich Für Elise, Beethovens berühmtes Klavierstück, das er zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien komponiert hatte. Über sechzig Jahre nachdem die Kernbergs mit Gewalt gezwungen worden waren, ihre Wohnung zu verlassen, füllte wieder Musik das ehemalige »Klavierzimmer«. Die Melodie kam aus einer Spieluhr in Form eines kleinen goldverzierten Pianos. Dicke Barockengelchen mit weißen Flügeln, pinken Gesichtern und dick aufgetragenem Lächeln bewegten sich zur Musik. Sobald die Musik aufhörte und die Engelchen stillstanden, brauchte es nur drei oder vier Umdrehungen, um die Spieluhr wieder zum Laufen zu bringen. Trudie und Arthur hatten sie mir mitgebracht – als Erinnerung an das Klavier, das einst in meinem Zimmer gestanden hatte.

Schließlich gingen wir ins Wohnzimmer, um den Marmorkuchen zu essen, den meine Mutter gebacken hatte. An unserem Esstisch erzählte uns Arthur seine Geschichte. Das dreistündige Gespräch fand in einem lustigen Sprachenmix aus Deutsch und Englisch statt: Ich lernte damals erst seit einem Jahr Englisch, und Trudie war zwar wie ihr Ehemann gebürtige Wienerin, erinnerte sich aber nach einem halben Jahrhundert in Amerika kaum noch an die deutsche Sprache. »Speak German«, forderte Arthur seine Frau immer wieder auf. Er selbst beherrschte seine Muttersprache noch fast fließend, auch wenn er mit einem Schmunzeln im Gesicht erklärte, dass er das Vokabular eines Zehnjährigen besaß – das Alter, in dem er Wien verlassen musste.

Jener Märztag im Jahr 2003 war schon Arthurs zweiter Versuch, die Wohnung seiner Kindheit wiederzusehen. Bei seinem ersten Wienbesuch in den 1970ern hatte er es nicht einmal geschafft, in das Gebäude hineinzukommen. Als er nun eine zweite Reise nach Wien plante, bat er ein befreundetes österreichisches Ehepaar, das er auf einer Reise in die Türkei kennengelernt hatte, um Hilfe. Im Herbst 2002 standen Brigitte und Fritz Kodras dann unangemeldet vor unserer Tür und brachten das Anliegen ihres Freundes vor. Meine Mutter lud Arthur und Trudie daraufhin sofort zu uns ein. Wir wussten, dass ein Besuch seiner alten Wohnung für Arthur wichtig und emotional sein würde, und für meine Mutter kam es gar nicht infrage, so eine Bitte abzuschlagen. Wir wussten aber nun auch, dass wir in einer Wohnung lebten, deren ehemalige Bewohner bis auf den jüngsten Sohn von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Was fängt man mit so einem Wissen an?

Der Zufall wollte es, dass zur selben Zeit ein österreichweites Zeitgeschichteprojekt für Schüler, A Letter To The Stars, startete, für das mich meine Mutter anmeldete. Die Idee des Projekts war es, Zeitgeschichte auf einer persönlicheren Ebene zugänglich zu machen und gleichzeitig die Erinnerung an den Holocaust am Leben zu halten. Mithilfe von Lehrern, Bibliothekaren und Archivaren recherchierten tausende Schüler die Lebensgeschichten von österreichischen Holocaust-Opfern – von Menschen, die vielleicht denselben Vornamen trugen wie sie, die in dieselbe Schule gegangen waren oder die wie in meinem Fall in derselben Wohnung gewohnt hatten. Es war das erste großangelegte Schulprojekt, das sich mit Österreichs lange verdrängter Nazivergangenheit auseinandersetzte, wesentlich später als deutsche Vergleichsprojekte. Über 50.000 Schüler nahmen bis heute daran teil. In einer bewegenden Gedenkveranstaltung im Mai 2003 ließen wir 80.000 weiße Luftballons in den Himmel über Wien aufsteigen – einen für jeden Österreicher und jede Österreicherin, die während des Holocausts ermordet worden waren. Die Ballons stiegen in den Himmel auf und schwebten vom Wind getragen davon – es waren so viele, dass der Luftraum über Wien für eine halbe Stunde blockiert war.

Für A Letter To The Stars recherchierte ich das Leben von Arthurs Mutter, Frieda Kernberg. Bei seinem Besuch in Wien erzählte mir Arthur einiges über seine Familie und brachte Dokumente mit, damit ich mehr über Frieda herausfinden konnte. Schon deshalb war unser erstes Treffen weit mehr als ein kurzes Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen. Außerdem half die intensive Beschäftigung mit dem Thema meiner Mutter und mir, mit dem Wissen über das Schicksal unserer Vormieter umzugehen. Als Arthur persönlich vor uns stand, waren sowieso alle Zweifel vergessen – bis heute habe ich noch nie einen Menschen getroffen, der mehr mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen war als dieser lachende 75-jährige Holocaust-Überlebende.

Gegen Ende des Besuches fotografierte meine Mutter Arthur, Trudie und mich: Ich sitze in der Mitte und die beiden Amerikaner haben je einen Arm um meine Schulter gelegt. Trudie trägt ein bequemes Paisley-T-Shirt in unterschiedlichen Blautönen, ich eine weiße Bluse. Im Vergleich zu den großen, braungebrannten Kaliforniern wirke ich blass und klein. Wir lächeln alle drei.

Als meine Mutter auf den Auslöser klickte, waren fast drei Stunden vergangen, seitdem die Kerns unsere Wohnung betreten hatten. Dieses Foto hätte das Ende unserer Story sein können – war es aber nicht. In Wahrheit war es der Beginn einer fast märchenhaften Geschichte.

***

In den Wochen nach Arthurs Besuch schrieb ich eine kurze Biografie über seine Mutter Frieda, die in einer Anthologie des Zeitgeschichteprojekts erschien. Der Umstand, dass Arthur und ich in derselben Wohnung gewohnt hatten, erweckte auch das Interesse einiger Zeitungen. In einem Artikel der Wiener Tageszeitung Kurier erschien schließlich ein Bild von mir, wie ich ein sepiafarbenes Foto von Frieda Kernberg in die Kamera halte.

Nach Erscheinen des Artikels meldete sich eine ältere Dame beim Kurier und erbat die Kontaktdaten meiner Familie: Valerie Bartos. Zeitungen geben normalerweise keine persönlichen Daten von Leuten preis, über die sie berichten, aber Frau Bartos ließ nicht locker. Wieder und wieder rief sie beim Kurier an, bis ein Redakteur als Kompromiss meiner Mutter ihre Telefonnummer gab, sodass wir sie selbst kontaktieren konnten.

Bei unserem Telefonat stellte sich heraus, dass Valerie Bartos seit über sechzig Jahren ein Paket für Arthur Kern hütete!

Im Jahr 1941, kurz vor seiner Deportation nach Polen, hatte Hermann Kernberg alle wichtigen Familien- und Firmenunterlagen in ein Kuvert gepackt und einem Freund in Wien zur Aufbewahrung übergeben. In der im Nachhinein betrachtet utopischen Hoffnung, dass er und seine Familie aus Polen zurückkehren würden, hätten diese Dokumente den Kernbergs einen Neuanfang in Wien ermöglicht.

Die Reisepässe, Fotos, Geschäftsunterlagen, Versicherungspolicen und eine kleine Mesusa, eine Schriftkapsel, die religiöse Texte enthält und von Juden traditionell an Türpfosten angebracht wird, deponierte Hermann Kernberg bei seinem Freund Otto Kürth. Doch Kürth war selbst »Halbjude« und fühlte sich nicht sicher, daher reichte er die Dokumente an seine Cousine Valerie Bartos weiter. Auch Valerie Bartos fürchtete sich vor der Gestapo und versteckte das Paket: Sie klebte es an die Unterseite einer Holzkommode – wo es jahrzehntelang blieb. Im Frühjahr 2003 erkannte Frau Bartos dann Friedas Fotografie in der Zeitung. Über den Kontakt zu meiner Familie konnte sie die Dokumente schließlich an Arthur Kern zurückgeben.

Arthur war zehneinhalb Jahre alt, als er sich für immer von seinen Eltern und seinem Bruder verabschieden musste. Mit 75, über sechzig Jahre später, bekam er nun ein letztes Paket von ihnen – eine Nachricht aus einer für immer verloren geglaubten Zeit.

***

Auch mein Leben wurde nicht unwesentlich durch dieses Paket beeinflusst. Ich bin heute Historikerin und Journalistin. Die Liebe zum Wort ist ein Erbe meiner schreibenden Eltern, aber Geschichte habe ich nur studiert, weil ich als Elfjährige durch eine schicksalhafte Begegnung Arthur und seine außergewöhnliche Lebensgeschichte kennenlernte. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er seine Geschichte mit mir geteilt hat. Durch das Zeitgeschichteprojekt A Letter To The Stars hatte ich noch viele weitere berührende Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden. Ich fing an, die Nachwirkungen der Kindertransporte zu erforschen. Ich machte eine Ausbildung zur Referentin in der KZ-Gedenkstätte Dachau und begann, Vorträge über den Holocaust zu halten.

Aber diesem Treffen verdanke ich nicht nur meine Leidenschaft für Geschichte, sondern etwas noch Bedeutsameres: Ich erhielt ein drittes Paar »Großeltern«. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie es dazu kam, aber Arthur und Trudie begannen mich als ihre Austrian granddaughter vorzustellen, ihre österreichische Enkeltochter. Und bei meinen vielen, vielen Besuchen hat mich der gesamte Kern-Clan mit offenen Armen willkommen geheißen und wurde so zu meiner amerikanischen Familie.

Arthur erzählte mir einmal, dass er ganz bewusst beschlossen hatte, Frieden mit seiner schrecklichen Vergangenheit zu schließen – für sich selbst und auch für seine Familie. »Du musst den Hass im Herzen besiegen«, sagte er mir. Seitdem hat Arthur mehrmals Österreich besucht und in mehreren Schulen über seine Erfahrungen gesprochen.

***

Arthur ist im Sommer 2015 nach längerer Krankheit gestorben. Bis dahin aber hatte ich die Möglichkeit, ihn in vielen Gesprächen über sein Leben zu interviewen. Kurz vor seinem Tod begann ich dann, wissenschaftlich zu seiner Biografie und zu den Hintergründen seiner Rettung zu forschen. Kinder sind es, die das Überleben und die Zukunft eines Volkes garantieren. Die Nationalsozialisten kehrten diesen Gedanken um und wollten verhindern, dass die nächste jüdische Generation aufwächst. Sechs Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet, mindestens ein Viertel davon – also 1,5 Millionen – waren Kinder. Nur rund 100.000 Kinder überlebten.

Die Kindertransporte stellen in der Holocaust-Forschung eines der wenigen positiven Ereignisse in einer Zeit des Horrors und der Gräueltaten dar. Arthurs Biografie erlaubt es, exemplarisch die Geschichte der französischen Kindertransporte zu erzählen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden sehr viele der ehemaligen Kindertransportkinder äußerst erfolgreich, einige gewannen sogar Nobelpreise oder wurden Millionäre. Bis heute ist diese Gruppe Holocaust-Überlebender sehr vernetzt, was auch an Arthurs und Trudies jährlichen Gartenpartys für die ehemaligen Flüchtlingskinder liegt.

Für dieses Buch habe ich mit allen Familienmitgliedern von Arthur und mit vielen seiner Freunde gesprochen. Mit Menschen, die ihn als Kind in Wien kannten, als halbstarken Jungen im Kinderheim in Frankreich, als jungen Studenten in New York oder als Raketeningenieur und später als Rentner in Los Angeles. Ich habe monatelang Archive in Wien, Paris, New York, Washington, D.C. und Los Angeles durchsucht, Tausende Briefe und Dokumente analysiert und zahlreiche Historiker interviewt, um Arthurs Biografie, um seine Geschichte und die der anderen französischen Kindertransportkinder zu rekonstruieren.

Nächsten Herbst fliege ich wieder nach Kalifornien, um Trudie und ihre Großfamilie zu besuchen. Und wenn ich zurückkomme, erwartet mich auf meinem Bücherregal – wie immer – ein schwarzes, von dicken Barockengelchen flankiertes Miniaturklavier.

TEIL 1 – WIEN