Buch
Vor dreitausend Jahren tobte ein Krieg, der die damalige Welt in ihren Grundfesten erschütterte: Der Trojanische Krieg hat viele Helden hervorgebracht. Hier erzählen die Frauen von Troja die Legende aus ihrer Sicht.
Dies ist die Geschichte von Chryseis, der Tochter des Hohepriesters von Troja, und Briseis, der Prinzessin von Pedasos. Chryseis und Briseis sind stolze junge Frauen, die ihr Leben genießen und sich leidenschaftlichen Lieben hingeben. Doch bei Ausbruch des Krieges werden sie entführt und müssen fortan ein Leben als Liebessklavinnen führen. Die mutigen Frauen ergeben sich jedoch nicht in ihr Schicksal, sondern kämpfen für ihre Freiheit und ihre Gefühle …
Informationen zu Emily Hauser sowie zu weiteren Titeln der Autorin finden Sie am Ende des Buches.
Emily Hauser

Historischer Roman
Deutsch von Sonja Hauser

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »For the Most Beautiful« bei Transworld Publishers, a division of The Random House Group Ltd., London.
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1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2018
Copyright © der Originalausgabe 2017 by Emily Hauser
First published as »For the Most Beautiful« by Transworld Publishers, a division of The Random House Group Ltd.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: UNO Werbeagentur nach einem Entwurf von Penguin Randomhouse UK
Covermotiv: www.dpcom.fr / Plainpicture
Hintergrund: Nine Tomorrows/Shutterstock
Karte: © Peter Palm, Berlin, auf Basis einer Karte von Liane Payne
Redaktion: Irmi Perkounigg
BH · Herstellung: kw
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-18498-8
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Oliver, immer
Inhalt
Prolog
TEIL I
VOR DEM KRIEG
HELENAS GESCHICHTE
DIE PRINZEN
KEHREN ZURÜCK
AUF DEM OLYMP
VERLIEBT
DIE GRIECHEN SIND DA
ÜBER DER EBENE
DIE STADT FÄLLT
IN GEFANGENSCHAFT
TEIL II
DER KRIEG BEGINNT
IM BETT DES FEINDES
IN DEN HÄNDEN
DES SCHICKSALS
KAMPF DER GÖTTER
TOTE
GETRENNTE WEGE
GEBET ZU APOLLO
PEST
ABSCHIED
GÖTTINNEN
TEIL III
ORTSWECHSEL
SCHICKSALHAFTE
WORTE
DIE GÖTTER BEREITEN
SICH VOR
GESANDTSCHAFT
ÜBERFALL
AUF DAS LAGER
NEUER PLAN
ZWEIKAMPF
APPELL AN DEN
PRINZEN
TEIL IV
TOD EINES HELDEN
LETZTE DINGE
DER LETZTE GESANG
Epilog
Anmerkung der Autorin
Dank
Kalender der Bronzezeit
Erwähnte Orte
Weiterführende Literatur
Autorin

Prolog
Hochsommer auf den Hängen des Ida-Gebirges. Schweiß tropft ihm von der Stirn, Fliegen summen unaufhörlich um seine Herde; der Gestank der Ziegen vermischt sich in seiner Nase mit der salzigen Meerluft aus dem Norden. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht und blickt zum Himmel empor. Die Sonne, der Wagen des Apulunas, hat ihren höchsten Stand erreicht.
Mittag.
Er tritt in den Schatten eines Olivenbaums, sein Hund folgt ihm auf dem Fuß. Die kühle Luft unter dem dunklen Blätterdach kühlt seinen Nacken, als er einen in steifes Leinen gewickelten Laib Brot und seinen mit Wein gefüllten Lederschlauch in die Hand nimmt. Obwohl er ein trojanischer Prinz ist, hütet er seit Kindertagen die Ziegen im Ida-Gebirge. So hofft der König, seinem Volk zeigen zu können, dass seine Söhne sich nicht zu schade sind, auf dem Land zu arbeiten, das Troja mit seinen sagenhaften Reichtümern nährt. Doch Paris interessiert sich seit jeher mehr für das leise Rascheln der Frauenkleider in den bunten Fluren des Palastes als für das Geläut der Ziegenglocken. Er löst den Riemen des Lederschlauchs von seinem Hals und lässt einige Tropfen als Gabe für die Götter, die alle Dinge erschaffen und zerstören, auf die trockene Erde fallen, die den Wein gierig aufsaugt.
Hinter ihm beginnt sein Hund zu knurren.
»Was ist, Methepon?«
Er dreht sich um. Dem Tier, dessen Schnauze bebt, sträubt sich das Fell. Er bückt sich und packt Methepon am Lederhalsband. Der Hund knurrt und bellt so wütend, dass Speichelfetzen fliegen.
»Was ist?«
Eine Bewegung, ein Rascheln wie von Blättern im Wind. Methepons Knurren und Bellen wird noch lauter, er fletscht die langen Zähne, starrt geradeaus.
Paris hebt den Blick.
Außerhalb des Schattens, den der Olivenbaum spendet, stehen im Licht der Sonne drei Frauen. Wie sie dorthin gekommen sind, weiß er nicht, und letztlich ist ihm das auch egal, denn diese Frauen sind atemberaubend schön. Die dichten, welligen Haare reichen ihnen bis über die Schultern, sie haben glatte, schimmernde Haut und tragen Gewänder aus feinstem Stoff, die ihre schmalen Taillen und Oberschenkel umschmeicheln. Er entspannt sich. Wovor im Namen aller Götter hat Methepon so große Angst? Er denkt schmunzelnd an seinen Bruder Hektor, dessen Frau Andromache so unansehnlich ist wie die Felder um Troja im Winter. Es gibt durchaus Männer, die sich in Anwesenheit von drei solchen Schönheiten fürchten würden.
Paris hingegen ist der trojanische Prinz, der sich am besten mit Frauen auskennt.
Eine winkt ihn lächelnd zu sich heran. Er bückt sich, um Methepons Halsband fester zu fassen, doch der Hund wehrt sich immer noch knurrend. »Was hast du denn?«
Methepon legt sich winselnd auf den Boden.
Paris runzelt die Stirn. »Na schön, dann bleib eben hier.« Er tritt aus dem Schatten, um sich zu den Frauen zu gesellen. »Entschuldigung«, sagt er und verbeugt sich tief. »Sonst ist mein Hund nicht so …«
»Sterblicher.«
Die Stimme, die aus seinem eigenen Kopf zu kommen scheint, klingt in seinen Ohren. Er hält mitten in der Bewegung inne und sieht die Frauen an, die ihn mit funkelnden Augen anlächeln. Aus der Nähe wirken sie hart – wie mit einem scharfen Meißel aus Marmor oder anderem Stein gehauen, nicht wie aus weichem Fleisch. Er schluckt. »Wer – was – wer seid ihr?«, fragt er, bemüht, nicht auf das neuerliche Knurren seines Hundes zu achten.
»Göttinnen«, lautet die Antwort. »Die drei großen Göttinnen, denen du gerade den Wein geopfert hast. Die Göttinnen des Ida-Gebirges.«
»Göttinnen?«, wiederholt er. »Die Göttinnen von Troja?«
Er muss an seine Lieblingsgöttin Arinniti denken, der er mit Rosenblütenblättern und Granatäpfeln huldigt, deren Statue in einem Schrein in seiner Kammer steht. An Era, die Königin der Götter, die hehre Patronin, für die seine Mutter Hekuba jeden Abend ein frisch gewobenes Gewand als Opfergabe bereitlegt. An Atana, die Göttin des Krieges und der Weisheit, deren Tempel die Oberstadt von Troja ziert und die die Priesterinnen mit fast genauso viel Achtung verehren wie Apulunas.
»Das kann nicht sein«, entgegnet er. »So etwas zu behaupten, ist Gotteslästerung. Die Götter erscheinen nur ihren auserwählten Priestern in Troja.«
Als die Frauen lächeln, schimmert die Luft leicht. »Sieh uns genauer an.«
Er betrachtet Era, die mit ihrem Kranz aus goldenen Eichenblättern und dem Zepter in der Hand souverän und herrschaftlich wirkt. Trotz seiner Furcht spürt er den Reiz einer Frau, die weiß, dass die Welt ihr gehört. Die graugrünen Augen von Atana leuchten klug, und plötzlich verspürt er den Drang, mit ihr die Geheimnisse der Erde zu ergründen, zu den Gipfeln der Berge zu fliegen und Eier aus Adlerhorsten zu stehlen, oder in die Tiefen des Ozeans zu tauchen. Und die Dritte … Die Haut der Dritten ist heller als Elfenbein, leicht rosig wie von einer Ahnung voll erblühter Rosen. Sie hat glänzendes Haar, das in Wellen bis zur sanften Wölbung ihrer Brust reicht, und einen Mund, rot wie reife Äpfel.
»Was wollt ihr von mir?«, fragt er mit bebender Stimme.
Nun lächelt die Dritte, ein vielversprechendes Lächeln. Die Begierde, die seine Adern durchströmt, sagt ihm, dass sie tatsächlich Arinniti ist, seine Arinniti, zu der er jeden Morgen und Abend betet. Sie hält ihm eine Hand hin. Darin liegt ein Apfel, ein Apfel aus Gold, der im Licht der Sonne funkelt. Darauf sind Worte eingraviert, die er nicht entziffern kann.
»Wähle«, sagt sie. »Entscheide, wem dieser Apfel am ehesten gebührt.«
Er sieht sie mit großen Augen an. »Ihr seid Göttinnen. Wie könnte ich da eine Entscheidung treffen?«
Wieder lächelt Arinniti, und dabei kommen ihre weißen Zähne zum Vorschein. »Weil wir dich erwählt haben.«
Er zögert kurz, bevor er zitternd die Hand ausstreckt. Sie legt den Apfel hinein.
Er hält ihn näher vors Gesicht, betrachtet seine glatte, glänzende Oberfläche.
Dann liest er die Inschrift.
ΤΗΙ ΚΑΛΛΙΣΤΗΙ.
»Der Schönsten«, flüstert er.
Die Göttinnen mustern ihn mit gespanntem Blick aus wilden, dunklen Augen.
»Wenn du dich für mich entscheidest«, erklärt Atana mit leiser Stimme, »schenke ich dir den Sieg. Du wirst jede Schlacht gewinnen, in der du kämpfst. Alle werden das Geheimnis deines Erfolgs erfahren wollen. Könige und Götter werden zu dir aufsehen. Dir wird alles gelingen, was du anpackst.«
Sie macht eine Handbewegung, goldenes Licht leuchtet auf. Städte erstehen vor ihm, belagert von Kriegern mit in der Sonne glänzenden Rüstungen und Waffen, ein ganzes Meer davon, angeführt von einem Prinzen mit seinen edlen Zügen und lockigen Haaren. Er sieht Paläste einstürzen, deren Schutzwälle zerfallen wie Sand, und vor ihm breitet sich ein Reich aus, dessen Grenzen sein Auge nicht mehr erkennen kann: unzählige Städte und Länder, die er sich nur nehmen muss …
Das Bild verschwindet so schnell wieder, wie es aufgetaucht ist.
Blinzelnd wendet er sich der großäugigen Schönheit mit dem Eichenlaubkranz zu. »Wähle mich«, haucht Era, »und du wirst über die Welt herrschen und Macht besitzen, wie du sie dir in deinen kühnsten Träumen nicht ausmalen kannst. Du wirst auf Thronen sitzen und juwelenbesetzte Zepter in der Hand halten. Selbst der Himmel wird sich vor dir verneigen. Wer muss einen Krieg gewinnen, wenn er die Völker der Erde zwingen kann, seine Befehle zu befolgen?«
Das Bild ändert sich. Nun knien in goldene Gewänder gekleidete Könige zu seinen Füßen. Er hält ein juwelenbesetztes Zepter in der Hand und trägt eine Krone auf dem Haupt. Die Könige heben ihre Zepter ihm, ihrem Herrscher, entgegen, und Hunderttausende Krieger und Sklaven senken ehrfürchtig den Kopf vor ihm und seiner Macht …
Obwohl er Arinniti durch dieses Bild hindurch nicht sehen kann, erkennt er sie am Klang ihrer Stimme – sie hört sich an wie das Meerwasser, das schäumend am Ufer leckt.
»Ich biete dir Schönheit«, erklärt sie, und noch einmal verändert sich das goldene Bild. Jetzt blickt er in die Augen einer atemberaubend schönen Frau. Ihre Haare sind weich wie fein gesponnene Seide, ihre Augen glänzen wie flüssiger Honig, ihre Haut hat die Farbe von Öl. Ihre Brüste sind rund und fest wie helle Äpfel, nur zu erahnen unter dem langen, golddurchwirkten Schleier, den sie über der nackten Haut trägt. Ein leises Stöhnen der Begierde entringt sich seiner Brust.
Arinniti lacht sinnlich und selbstbewusst. »Mein Geschenk«, verkündet sie, »ist nichts weniger als die schönste Frau der Welt.«
Er streckt zitternd die Hand aus, seine Fingerspitzen berühren den Schleier der Dame, doch da löst sich die Vision auf.
Er zögert, betrachtet die Göttinnen, im Kopf noch immer das Bild der schönen Frau.
Er ahnt nicht, dass von seiner Entscheidung ein Krieg abhängt, von dem man sich noch tausend Jahre später erzählen wird. Er ahnt nicht, dass die Helden, deren Namen man noch Jahrhunderte später kennen wird, seiner Worte wegen kämpfen, leben, lieben und sterben werden. Er weiß nur, dass Arinniti ihn ansieht mit Augen, die so klar und blau sind wie die Untiefen des Meeres, und dass ihr Atem ihm wie der Duft von Rosen im Sommer erscheint.
»Arinniti«, haucht er.
Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln.
»Helena gehört dir«, sagt sie, und ihre Finger schließen sich um den Apfel, den er ihr hinhält.
Atana und Era stoßen einen Wutschrei aus. Eine Flamme schießt zwischen den drei Göttinnen hoch, ihre Haut ist in Schatten gehüllt, und ihre Augen beginnen grell orange zu leuchten. Die Haare umwehen ihre Gesichter. Die Luft um ihn herum wird heiß, unerträglich heiß, und die Gestalten der Göttinnen schimmern noch kurz vor seinen Augen, bevor der klaffende Abgrund des Chaos sie verschlingt. Mit schmerzenden Augen und schweißbedeckten Handflächen sinkt er zu Boden. Wind peitscht gegen seine Stirn.
Er hebt den Blick.
Die Göttinnen sind verschwunden, alles ist friedlich wie zuvor. Das Geläut der Ziegenglocken klingt über den Berghang herüber, hin und wieder unterbrochen von Blätterrascheln, wenn eine Eidechse über die Felsen huscht, und von den Schreien der Adler über ihm. Am Horizont ist Troja mit seinen dicken Mauern und der oberen Stadt, die sich über den Lehmziegelbauten der unteren erhebt, zu erkennen, davor die Ebene mit den mäandernden, von Tamariskenbäumen gesäumten Flüssen und dahinter die glitzernde See.
Er erhebt sich mit zitternden Knien.
Er ist sich nicht sicher, ob sich das alles wirklich ereignet hat. Vielleicht hat die Sommerhitze es ihm vorgegaukelt, denkt er. Mit dem Unterarm wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Aber wenn doch … Wenn es wahr ist …
Seine Gedanken kehren zu der goldenen Frau zurück, deren Bild noch immer wie eine Fata Morgana vor seinem geistigen Auge vibriert. Helena … Der Name hallt in seinen Gedanken nach wie das Wispern einer lauen Sommerbrise.
Ein Lächeln spielt um seine Mundwinkel.
Helena … Die schönste Frau der Welt.
Hermes, der Gott der Betrüger und Diebe, entfernt sich von seinem Beobachtungsposten hinter dem dicken Stamm des Olivenbaums, wo Paris ihn nicht sehen konnte. Er schüttelt den Kopf. Wie dumm von Paris, nicht sofort die Flucht zu ergreifen, als er hörte, was die Göttinnen von ihm wollten! Helena wird zum Problem werden. Sie herrscht bereits über ein Reich in Griechenland und hat einen Gatten, mit dem sie das Bett teilt – haben die Göttinnen das denn nicht bedacht? Wenn Paris seinen Lohn erhalten soll, bedeutet das Krieg: ein Krieg, der die ganze bekannte Welt erfassen wird, von den ummauerten Städten der Griechen bis zu den Goldschätzen Trojas …
Hermes hält inne. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus.
Natürlich haben die Göttinnen das bedacht! Natürlich wussten sie, was passieren würde.
Vermutlich sind sie genau deswegen hierhergekommen.
Während er überlegt, geht er auf und ab. Bestimmt wussten sie, dass Paris sich für Helena entscheiden und beschließen würde, sie ihrem Gatten Menelaos zu rauben, und dass Menelaos die griechischen Armeen zusammenziehen würde, um sich in der größten Schlacht, die die Welt bis dahin erlebt hatte, für seinen Verlust zu rächen. Warum sonst hätten sie sich die Mühe mit der schäbigen Frucht aus Gold gemacht? Warum sonst hätte Zeus ihm aufgetragen, sie zu diesem Trottel Paris zu bringen? Welcher Gott hat sich je etwas aus einem Apfel gemacht, wenn er einen Krieg anzetteln konnte?
Er legt den Kopf schief, und Erregung steigt in ihm auf wie Wellenkämme, kurz bevor sie gegen das Ufer branden. Fast hört er schon das Wetzen der Messer – das herrliche Scharren von Bronze auf Stein, das davon kündet, dass die Sterblichen sich wieder einmal an ihr blutiges Werk machen. Ja, es ist Zeit für einen Krieg, denkt er. Im Moment geht es hier viel zu friedlich zu. Ein wenig Blut auf der Ebene, ein paar Helden, die im Kampf sterben, einige Städte, die in Schutt und Asche gelegt werden, Ruß, der sich in den Himmel erhebt wie der Rauch von Opfergaben …
Er betrachtet Paris, der am Berghang sitzt, den Kopf in die Hände gestützt, die Gedanken bei Helena. Hermes grinst. Helena wird den Krieg nicht auslösen, denkt er. Nein, das werden wie immer die Götter besorgen und der Stolz der griechischen Fürsten, wenn sie sich einer schönen Frau wegen in die Schlacht stürzen. Und die Gier eines Prinzen, der sie raubt, um ihre Schönheit ganz für sich zu haben.
Doch Helena wird nicht die einzige schöne Frau in diesem Krieg sein.
Hermes lässt den Blick über die grün-schwarze Ebene von Troja schweifen, über die zinnenbewehrten Städte Lyrnessos, Pedasos und Larisa an der fahlblauen Küstenlinie vor Troja.
Der Kampf um die Schönste der Welt hat gerade erst begonnen.
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TEIL I
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VOR DEM KRIEG
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Χρυσηίς
Chryseis, Troja
Stunde des Gebets
Erster Tag des Rosenmonats, 1250 v. Chr.
»Drei … vier … fünf …«
Wir stoben auseinander. Wie ein Schwarm strahlend weißer Vögel, die von einem bellenden Hund aufgeschreckt werden, huschten wir aufgeregt flatternd und schnatternd von Troilus weg.
»Siebenundzwanzig … achtundzwanzig … neunundzwanzig …«
Unsere Füße patschten auf den Steinboden, unsere Herzen klopften wie wild gegen unsere Rippen.
»Zweiundfünfzig … dreiundfünfzig … vierundfünfzig …«
Eine Treppe hinunter. An einem von einer hohen Mauer umgebenen Garten vorbei, in dem die Äste eines Feigenbaums sich unter den reifen Früchten bogen und eine Weinranke sich die Wand hinaufwand. Schnell eine Traube pflücken, den Saft auf dem Kinn spüren und weiter. Um eine Ecke, über einen Hof. Um den alten Fischverkäufer und die Frauen herum, die in großen Tonkrügen Wasser auf dem Kopf trugen.
»Kassandra, nun komm schon …« Weil sie nicht so schnell rennen konnte wie ich und nicht wusste, was ich vorhatte, nahm ich ihre Hand. Ich spürte, wie sich ihre Finger um die meinen schlossen, als wir atemlos flüsternd weiterliefen, aufgeregt wie kleine Kinder, nicht wie fast erwachsene Frauen, die wir inzwischen waren.
»Chryseis …«, keuchte Kassandra. »Chryseis, wo wollen wir hin?«
Ich bog nach rechts in eine lange, schmale Gasse ein, deren Name in den Eckstein eines der Häuser geritzt war. Eine große Steinplatte, grob aus den Felsen des Ida-Gebirges gehauen, wo die Götter wohnten, war darunter eingelassen. Solche Platten gab es überall in der Stadt, eine für jedes Heiligtum, jeweils mehrere für die Tore in den Stadtmauern und die Paläste von König Priamos: Markierungen, wenn man wusste, wofür, und Schutz – die auf unsere Stadt gerichteten Augen der Götter.
Als Kassandra merkte, wohin ich rannte, hob sie die Augenbrauen. »Wir laufen zum Tempel von Apulunas!«, rief sie aus. »Dein Vater hat dir doch verboten, das Gelände zu betreten, bevor …«
»Still«, flüsterte ich. »Wir sind fast da. Er muss ganz in der Nähe sein …«
Ich wich einem kleinen Schrein mit einem Bronzekohlebecken aus, von dem sich süßlicher Weihrauchduft in die Luft erhob, und nickte den beiden jungen Sklavinnen zu, die die Stufen fegten. Ich war noch nie im Tempel des Apulunas gewesen, aber hatte ich ihn nicht unzählige Male vom Wachturm aus gesehen? In Troja gab es keinen größeren, denn Apulunas war der Schutzgott unserer Stadt und der wichtigste der Götter, die uns Prophezeiungen schenkten. Bestimmt war es nicht mehr weit. Ich packte Kassandras Hand fester und bog nach links ein.
Kurz darauf erblickte ich sie am Ende der schmalen Gasse, halb verdeckt durch zwei hohe Gebäude aus Lehmziegeln: die schräge Mauer des Tempelbezirks von Apulunas. Fünf Schichten gewaltiger Kalksteinblöcke, jeder fast halb so groß wie ein Mensch, in unregelmäßigen Reihen zweimannshoch aufgeschichtet. Anders als bei den Stadtmauern, wo die polierten Steinblöcke sich nahtlos ineinanderfügten, waren die Lücken hier an den grob behauenen Ecken so breit, dass ich durch sie hindurch in das Heiligtum hineinsehen und die Säulen des Tempels, die sich vor dem Himmel abzeichneten, erkennen konnte.
»Du willst tatsächlich zum Tempel!«, rief Kassandra aus, als ich darauf zulief. Die Straßen waren leer, die Fenster der Häuser mit Webtüchern verhängt, um die Hitze des Tages draußen zu halten, hier und da lag eine Katze zusammengerollt auf den Stufen zu einem Eingang. »Dein Vater, Chryseis … das gibt Ärger …«
Doch ich hatte die Mauer mit den Lücken bereits erreicht, die breit genug für meine Hände und Füße waren. Ich zog mich ein Stück weit hoch und umklammerte mit den Fingern die raue Oberfläche der Blöcke so mühelos, als würde ich die Sprossen einer Leiter hinaufklettern.
»Möchtest du wirklich da rauf?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Das ist der einzige Weg. An den Wachen am Haupttor kommen wir nicht vorbei. So schlimm ist es auch wieder nicht, Kassandra, und da drin findet Troilus uns nie. Vielleicht gewinnen wir das Versteckspiel diesmal sogar!«
Ich kletterte auf die erste Schicht Steinblöcke, fand mit den Füßen in den Ritzen dazwischen Halt wie die Eidechsen, die ich an heißen Sommertagen beobachtete, wenn sie die Palastwände hinaufhuschten. »Siehst du? Ist ganz leicht!«
Kassandra blieb stumm.
»Kassandra?«, fragte ich und sah nach unten.
Sie stand mit dem Rücken zur Wand, den Blick starr geradeaus gerichtet.
»Kassandra, alles in Ordnung?«
Dann erstarrte auch ich.
Am anderen Ende der Gasse, etwa hundert Schritte von uns entfernt, tauchten drei wilde Hunde, so groß wie Wölfe, auf, die sich uns mit gefletschten Zähnen und gesträubten Nackenhaaren näherten. Sie schlichen knurrend und mit hochgezogenen Lefzen heran, sodass ihre spitzen Fänge zum Vorschein kamen, die finster leuchtenden Augen auf uns geheftet, als wollten sie uns zerfleischen wie in die Enge getriebene Hasen.
»Schnell! Klettere zu mir hoch!«
Das musste ich Kassandra nicht zweimal sagen. Sie drehte sich voller Panik um, raffte die Röcke und begann, sich die Mauer hochzuziehen. Ich bewegte mich meinerseits schnell weiter hinauf – zwischen mir und dem oberen Ende waren nur noch zwei große Steinblöcke … Noch einer …
Mit wild pochendem Herzen schaute ich zurück. Nun rannten die Hunde, immer schneller werdend, mit Schaum vor dem Maul auf uns zu. Sie waren nur mehr fünfzig Schritte entfernt und konnten Kassandra nach wie vor erreichen …
Vor Angst und Erschöpfung atmete Kassandra schwer. Ich stieg ein Stück hinunter und streckte die Hand aus, um ihr zu helfen. »Komm, Kassandra, weiter! Nur noch eine Stufe … eine …«
Dann waren wir endlich oben. Die Hunde schnappten nach unseren Füßen, während wir uns auf die breiten rauen Steine hochzogen.
»Chryseis«, keuchte Kassandra, »das war knapp!«
Ich nickte. Mein Herz klopfte wie wild. »Ja.« Zitternd sah ich, wie die Hunde weiter mit entblößten Zähnen hochsprangen. Ich drehte mich um, kletterte auf der anderen Seite der Mauer hinunter und landete auf dem Grasboden im Tempelbezirk.
»Aber uns ist nichts passiert«, stellte ich fest.
»Nein«, bestätigte Kassandra und blickte ängstlich aus einer Höhe von über drei Metern zu mir herunter.
Ich streckte die Hand aus und half ihr, sich nach unten zu hangeln.
Sobald wir uns ein wenig beruhigt hatten, schauten wir uns um.
Der Tempel stand auf einer Anhöhe, ein hohes, imposantes Gebäude aus dunklem Stein mit Bronzetüren, vor dem sich bunt bemalte Säulen, ein offener Hof und steile Stufen befanden. Um den Hof gruppierten sich mehrere niedrigere Bauten – eine weiß verputzte Unterkunft, in der vermutlich der Priester und die Priesterinnen wohnten, ein Lagerhaus aus Holz gleich bei der Mauer sowie eine Werkstätte, aus der ein leichter Geruch nach Sand und Staub zu uns herüberwehte. Ein Steinpfad, zu beiden Seiten von knorrigen alten Eichen und den heiligen Steinplatten der Götter flankiert, wand sich den Hügel zu den Gebäuden hinauf.
»Was jetzt?«, erkundigte sich Kassandra. »Können wir nicht zurück zum Palast, Chryseis?«
Als ich ihren flehenden Tonfall hörte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass Kassandra das Palastgelände nur ungern verließ und Ungehorsam hasste. Am glücklichsten war sie im Kreis ihrer Brüder, in ihrer vertrauten Umgebung. Doch diese Chance konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Möglicherweise war das hier die einzige Gelegenheit, etwas über das Leben herauszufinden, in das mein Vater mich zwingen wollte.
Ich strich mir die langen Haare aus dem Gesicht, nahm all meinen Mut zusammen und machte mich entschlossenen Schrittes auf den Weg. »Wir gehen zum Tempel des Apulunas.«
Βρισηίς
Briseis, Pedasos
Stunde der Abendmahlzeit
Erster Tag des Rosenmonats, 1250 v. Chr.
Ich wartete mit gestrafften Schultern und stolz, wie es sich für eine Prinzessin geziemte, im Kräutergarten des Palastes inmitten von duftendem Lavendel im Schatten eines Granatapfelbaums. Doch mein Herz raste in meiner Brust wie das eines kleinen, verängstigten Vogels.
Er muss mich heiraten wollen, dachte ich, bemüht, mir meine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Er muss einfach. Und ich muss meine Pflicht erfüllen, bevor es zu spät ist. Er muss mich nehmen. Ich muss meiner Familie beweisen, dass ich immer noch eine gute Tochter und Ehefrau und, wenn es den Göttern gefällt, auch eine Mutter von Prinzen sein kann.
Im Moment ist nichts wichtiger, als dass er mich will.
Ich strich mir eine Locke aus der Stirn und verlagerte mein Gewicht auf ein Bein, wie ich es von Statuen der Arinniti, der Göttin der Liebe, kannte. Mir war schon oft gesagt worden, ich sei hübsch. Meine alte Amme Deiope hatte mir in der Kindheit prophezeit, ich werde einen wunderbaren Mann heiraten und eine großartige Ehe führen. Und sie hatte mir wiederholt erklärt, dass ich mit meinen langen dunklen Haaren, der blassen Haut und den feinen Gesichtszügen aussehe wie eine der schönen Frauen auf den bunten Gemälden an den Palastwänden. Diese Frauen hatten schwarze Zöpfe, die ihnen bis über den Rücken reichten, und trugen Röcke, die ihre schmalen Taillen eng umfassten. Wenn die Weissagung nicht gewesen wäre, hätte sich niemand Gedanken gemacht.
Doch aufgrund dieser Weissagung war nichts mehr sicher.
Ich richtete mich hoch auf und versuchte, meine Nervosität zu verbergen.
Als ich das Knarren der kleinen Eichenholztür zum Garten hörte, drehte ich mich um. Herein kam meine Mutter, die Herrscherin von Pedasos, eine Frau, die genauso bekannt für ihre harte Hand bei der Führung unserer Stadt war wie für ihre Schönheit. »Briseis«, begrüßte sie mich und schritt mit ernster Miene über den Steinpfad auf mich zu. Dabei streifte ihr weiter Rock die Kräuter am Rand des Pfads, sodass der Duft von Lavendel und Thymian in die Nachtluft aufstieg. »Ich erwarte von dir, dass du dein Bestes gibst.«
Ich senkte den Blick. »Das tue ich. Ich habe nicht um diese Prophezeiung gebeten. Ich wollte nicht …«
»Briseis, bitte …«, sagte meine Mutter, faltete die Hände in majestätischer Manier vor dem Körper und betrachtete mich streng. »Nicht wieder die alte Leier. Wir müssen alle sehen, wie wir mit dem Schicksal zurechtkommen, das die Götter uns zugedacht haben. Du wirst schweigen und deine Schönheit für sich sprechen lassen. Vielleicht segnen uns die Götter dann diesmal endlich mit Glück.«
Ich berührte mit dem Zeigefinger meinen Daumen und schickte ein stummes Gebet an Tyche, die Göttin des Glücks, während ich versuchte, auf meine Schönheit und die Götter zu vertrauen.
Da hörte ich das Geräusch von Schritten, die sich dem Tor zum Garten näherten. Ich holte tief Luft. Der Freier. Wenn er Gefallen an mir fand, besaß er die Macht, mein Leben für immer zu verändern.
Χρυσηίς
Chryseis, Troja
Abendstunde
Erster Tag des Rosenmonats, 1250 v. Chr.
»Dein Vater … der Hohepriester Polydamas … er wird schrecklich wütend sein … wenn er merkt … dass du hier bist«, japste Kassandra, während wir zum Tempel des Apulunas hinaufstiegen. Ein Sklave in einer schlichten weißen Tunika, der gerade dabei war, die Stufen mit einem Besen zu fegen, runzelte die Stirn, als wir an ihm vorbeigingen.
Ich schluckte. »Ich weiß. Aber ich muss es einfach mit eigenen Augen sehen. Ich muss mir ein Bild davon machen, wie es ist, Priesterin zu sein, was für ein Leben ich nach dem Willen meines Vaters nach meinem sechzehnten Geburtstag führen soll.«
Kassandra, die vom Klettern schwer atmete, schwieg. Die Stufen waren steil und sehr hoch, als hätten die riesigen Zyklopen selbst sie geschaffen.
Ich blickte zum Himmel hinter den Gebäuden hinauf, der bereits eine rosa-goldene Färbung annahm, weil die Sonne, gezogen von den Pferden des Apulunas in seinem güldenen Wagen, zum mythischen Garten der Hesperiden im fernen Westen zu sinken begann. »Ach, wenn ich nur göttlich und unsterblich wäre wie Apulunas«, seufzte ich. »Dann könnte niemand mir vorschreiben, was ich zu tun oder zu lassen habe, am allerwenigsten mein Vater. Ich könnte ihn einfach mit dem Daumen wegschnippen, so …« Ich demonstrierte es Kassandra. »Und er könnte mich nicht zwingen, Priesterin zu werden.«
Doch das war ein Traum; in der Realität sah ich den Tempel mit seinen in der Sonne glänzenden Bronzetüren vor mir.
»Ich sollte doch mehr aus meinem Leben machen können, als es den Göttern darzubringen«, fuhr ich fort. »Weil ich eine Frau bin und die Tochter des Hohepriesters, glaubt mein Vater …« Ich schüttelte den Kopf. »Warum begreift er nicht, dass ich …«
»So, so«, hörte ich da eine missbilligende, nur zu vertraute Stimme. »Ich begreife also nicht. Aber du, meine Tochter, widersetzt dich meinen Anweisungen.«
Mittlerweile hatten wir das obere Ende der Treppe erreicht. Neben einer der blau bemalten Säulen im Schatten des Portikus stand der Mensch, dem ich gerade am allerwenigsten begegnen wollte: ein groß gewachsener, ein wenig gebeugter Mann mit grauem Bart und wissendem Blick. Er trug eine lange weiße Priesterrobe, in der Weihrauchgeruch aus dem Tempel hing. Obwohl er ganz anders aussah als ich mit meinen lockigen Haaren und den honigbraunen Augen und ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, dass er nicht mein Vater wäre: Er war und blieb es.
»Guten Abend«, begrüßte ich ihn.
Sein verkniffener Mund und die tiefe Furche auf seiner Stirn verrieten mir seine Verärgerung. Mit seinen dunklen Augen blickte er nun Kassandra an. »Prinzessin«, sagte er und verbeugte sich so tief, dass seine lange Robe den Boden berührte und sein Lorbeerkranz – das Ehrenzeichen des Hohepriesters von Apulunas, dem Schutzgott Trojas – auf seinen schütteren grauen Haaren ein wenig nach vorn rutschte. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Was …«, fragte er bemüht ruhig, »… was in aller Götter Namen hast du hier verloren?«
»Ich dachte …«
»Nichts hast du gedacht«, fiel er mir ins Wort. »Ich habe dir wieder und wieder eingeschärft, dass du den Tempelbezirk des Großen Gottes Apulunas vor deinem sechzehnten Geburtstag nicht betreten darfst. Das untersagen die Riten und Vorschriften des Gottes. Nach allem, was ich für dich getan und worauf ich für dich hingearbeitet habe, gehorchst du mir nicht und missachtest die Gebote des Großen Gottes, dem ich versprochen habe, dass du ihm den Rest deines Lebens dienen wirst.«
Ich kaute auf meiner Lippe und versuchte erfolglos, stumm zu bleiben, wie es sich für eine Tochter geziemte. »Vater, wenn du mir nur zuhören würdest! Ich verehre die Götter wie alle hier, aber … ich will keine Priesterin werden!«
Er machte den Mund auf, um etwas zu erwidern, doch ich fuhr fort: »Wer möchte sich denn freiwillig in den Tempel einsperren lassen, wenn draußen die weite Welt wartet? Man begegnet den Göttern im Licht des Tages, nicht in der Dunkelheit – hat das nicht ein Prophet gesagt? Ich möchte leben, Vater, mit meinen Freundinnen lachen, abends im Palast tanzen und den Menschen in Troja helfen wie der König und die Prinzen! Und ich bin mir sicher: Wenn meine Mutter hier wäre, würde sie …«
»Es reicht!«, herrschte mein Vater mich an. »Ich habe genug gehört. Hast du nichts anderes im Kopf, Chryseis? Prinzen und Tanzen und Paläste? Das Leben besteht aus mehr als Gold und solchen Tändeleien bei Hof, Tochter! Wenn deine Mutter hier wäre, würde sie dir das Gleiche sagen wie ich: dass es die Pflicht eines Priesters ist, ausschließlich auf die Stimmen der unsterblichen Götter zu hören, nicht auf das Geschwätz alberner Frauen. Du wirst das Schicksal annehmen, das ich dir ausersehen habe, und dankbar dafür sein!«
Als ich spürte, wie mir Tränen in die Augen traten, blinzelte ich sie weg. Ich würde mir nicht anmerken lassen, dass er mich mit seinen Worten zum Weinen brachte.
Nun mischte sich Kassandra ein. »Hohepriester Polydamas«, begann sie, und ihre glockenhelle Stimme bebte ein wenig. »Es war nicht ihre Schuld. Wir haben mit meinem Bruder Troilus gespielt und waren auf der Suche nach einem Versteck, als uns plötzlich wilde Hunde verfolgten. Da sind wir hierher geflohen und haben keinen anderen Ausweg gefunden. Chryseis wollte mich beschützen. Uns blieb nichts anderes übrig.«
Kassandra ergriff meine Hand und drückte sie fest.
Dankbar erwiderte ich den Druck.
Mein Vater musterte uns schwer atmend wie ein Läufer nach der Hälfte eines Wettbewerbs. Es lag auf der Hand, dass er einer Prinzessin aus dem Hause Priamos auch im Zorn nicht widersprechen würde.
»Stimmt das, Chryseis?«, fragte er.
Ich nickte. »Ja, Vater. Wir haben Verstecken gespielt, als die Hunde aufgetaucht sind.« Ich verkniff es mir, mehr zu sagen. Schließlich hielten wir uns vor dem Tempel eines Gottes auf, und ich wusste, dass die Götter eine Lüge lauter hören als einen Stein, der in glattes Wasser fällt. Das, was ich gerade gesagt hatte, entsprach immerhin der Wahrheit.
Er schaute mich an, als könnte er wie die Götter Lügen sofort erkennen. »Na schön«, meinte er schließlich und hob achselzuckend die Hände, obwohl mir klar war, dass er mir nicht glaubte. »Gut. Aber den Tempel darfst du nicht betreten«, warnte er mich und verstellte mir den Blick.
Davor sah ich noch kurz zwei weiß gekleidete Frauen und einen dunklen Saal hinter einer der Türen sowie einen Altar, von dem Rauch von einer Opfergabe zur Decke aufstieg.
»Ihr müsst vor Einbruch der Dunkelheit zum Palast zurückkehren – besonders Ihr, Prinzessin«, erklärte mein Vater und neigte das Haupt in Kassandras Richtung. »König Priamos und Königin Hekuba wäre es nicht recht, wenn Ihr Euch nachts auf den Straßen von Troja herumtreibt. Eusebius wird Euch begleiten, damit Ihr den Palast unbeschadet erreicht.« Er schnippte mit den Fingern, und wie aus dem Nichts tauchte ein Eunuch mit dunkel geschminkten Augen und lockigen Haaren neben ihm auf. Er trug eine Fackel in der Hand und einen langen, glänzenden Bronzedolch am Gürtel. »Eusebius«, sagte mein Vater zu ihm, »ich vertraue Prinzessin Kassandra und ihre Begleiterin deiner Obhut an. Geleite sie sicher zum Palast.«
Der Eunuch nickte und legte die rechte Hand auf den Griff seines Dolchs.
Kassandra und ich rafften unsere Röcke, um uns auf den Weg zu machen.
Da spürte ich die knochigen Finger meines Vaters auf meiner Schulter. »Warte, Tochter. Bevor du gehst, möchte ich dir noch etwas sagen.«
Welche Ermahnungen würden nun wieder kommen? Reichte es nicht, dass er mich den Rest meines Lebens in ein Priesterinnengewand stecken und in den Tempelbezirk sperren wollte? Ich wandte mich ihm widerstrebend zu.
Sein Griff um meine Schulter verstärkte sich, und er schob mich um den Portikus herum, sodass Kassandra uns nicht hören konnte. »Tochter«, hob er nach kurzem Schweigen an. »Ich möchte keinen Streit.«
»Ich auch nicht. Nicht ich will jemanden zu etwas anderem machen als er ist.«
Mein Vater schnappte nach Luft, ging jedoch nicht auf meine Bemerkung ein. »Es freut mich, dass du deine Stellung als Gefährtin der Prinzessin im Palast genießt. Du kannst dich glücklich schätzen, von ihr erwählt worden zu sein, als wir von Larisa hierher geholt wurden. Mir ist es ein großer Trost, dass du im Palast gut versorgt bist.«
Ich sah ihn mit großen Augen an. »Warum kann ich dann nicht …?«
Mit einer Handbewegung brachte er mich zum Schweigen. »Ich bin noch nicht fertig. Es freut mich tatsächlich, wenn du zufrieden und den Prinzessinnen und Prinzen nahe bist, wie es bei Freunden und Gefährten sein soll. Aber«, er musterte mich streng, »ich habe deinen Namen in den vergangenen Wochen aus dem Mund von Tempelbesuchern mehr als einmal in Verbindung mit Prinz Troilus gehört. Und ich kann nur um deiner selbst willen hoffen, dass die Gerüchte nicht stimmen, Tochter, denn sie sind skandalöser, als ich dir gegenüber zu wiederholen wage.«
»Ich weiß nicht, was du gehört hast«, entgegnete ich. »Wie soll ich mich verteidigen, wenn du mir nicht mehr verrätst?«
Seine Augen funkelten, und nur mit Mühe gelang es ihm, sich zu beherrschen. »Chryseis, über so etwas lacht man nicht. Du darfst nie vergessen, dass du lediglich die Tochter eines Priesters bist. Lass dich von deiner Stellung als Prinzessin Kassandras Gefährtin nicht täuschen! Du als Priesterin des Großen Gottes …«
»Ich bin doch noch gar keine Priesterin von Apulunas!«, rief ich aus und hätte fast vor ohnmächtiger Wut mit dem Fuß aufgestampft. »Bis zu meinem sechzehnten Geburtstag sind es noch zwei Monate!«
Mein Vater ergriff meine Handgelenke und schüttelte mich. »Tochter, nun hör mir endlich zu!« Er senkte die Stimme. »Du musst auf deinen Ruf achten und dich an der Keuschheit der unvergleichlichen Götter orientieren. Du wirst niemals …«, fuhr er fort, als ich ihn zu unterbrechen versuchte, »… mehr als die Tochter eines Priesters sein. Und mehr solltest du auch nicht wollen. Es kann keine höhere Ehre geben, als unseren Göttern zu dienen, wie ich es tue – wie du es tun wirst. Hast du mich verstanden?«
Ich sah meine Hände an. Nicht einmal durch ein Flackern meiner Augenlider würde ich ihm den Eindruck vermitteln, ihm beizupflichten.
Er seufzte. »Dies ist meine letzte Warnung an dich, Tochter. Es gibt nichts – wirklich nichts – Wichtigeres als das Priestertum.«
Mit diesen Worten packte er mich am Arm und führte mich wie einen Ochsen im Joch zu Kassandra zurück, die uns fragend ansah.
Ich schüttelte den Kopf, um ihr zu signalisieren, dass ich nichts sagen wollte. »Gehen wir«, wies ich den Eunuchen an, und ohne mich noch einmal zu meinem Vater umzuwenden, lief ich die Stufen hinunter und weg vom Tempel des Apulunas.
Βρισηίς
Briseis, Pedasos
Stunde der untergehenden Sonne
Erster Tag des Rosenmonats, 1250 v. Chr.
»Prinz Mynes, Sohn von König Ardys und Königin Hesione, von den Göttern geliebte Herrscher über die Stadt Lyrnessos«, verkündete der Herold.
Ich versuchte, nicht mit den Fingern zu zittern, als ich sie vor dem Leib verschränkte.
Meine Mutter, die neben mir stand, tat es mir gleich. Mindestens sechs Gesandte und ein Herold betraten den Kräutergarten durch das Tor. Ihnen folgten mein Vater, mein ältester Bruder Rhenor und ein braunäugiger junger Mann mit einem goldenen Diadem in den braunen Locken, der sich angeregt mit dem König unterhielt.
Ich wandte den Kopf meiner Mutter zu, deren Miene undurchdringlich wirkte. Sie beeindruckte das Äußere des Prinzen offensichtlich nicht. Ich hingegen sah ihn mit offenem Mund an. All die anderen Freier – die lange Reihe von Männern, die Interesse an einer Heirat mit mir bekundet hatten und entmutigt geflohen waren, als sie den Wortlaut der Prophezeiung hörten, weil sie Krieg mit der berühmten Armee meines Vaters fürchteten – waren Könige gewesen. Erwachsene Männer, keine Jungen. Ich hatte einen Mann als Gatten erwartet, einen König, der sein Reich mit der Weisheit des Alters und der Kraft des kampferprobten Kriegers regierte. Einen Mann, der sich eine hübsche junge Frau an seiner Seite wünschte, um seine Macht zu demonstrieren. Stattdessen kam da dieser Prinz, kaum älter als ich, dessen Bart noch fast ein Flaum war.
»Er ist … ziemlich jung«, sagte ich mit gedämpfter Stimme zu meiner Mutter, als mein Vater und der Prinz auf uns zuschritten.
»Er ist stark«, entgegnete sie. »Wenn es den Göttern gefällt, sind euch viele gemeinsame Jahre vergönnt.«
»Ich hatte einen König erwartet«, flüsterte ich mit gesenktem Blick.
Meine Mutter musterte den Prinzen mit dem Herrscherlächeln, das ich so gut kannte, den Kopf auf sehr königliche Weise ein wenig schief gelegt. »Eines Tages wird er König sein«, erwiderte sie so leise, dass sich ihre Lippen kaum bewegten, während sie ebenfalls den Blick senkte.
Ich nickte. Sie hatte recht. Eines Tages wäre er mächtig. Viele Könige starben jung und hinterließen den Thron ihrem Sohn. Vielleicht würde auch dieser Prinz schon bald an die Macht kommen. Ich sammelte mich und lächelte wie meine Mutter, um meiner Rolle als künftige Königin gerecht zu werden. Ich war eine Prinzessin, für die alles auf dem Spiel stand, und konnte die Bedingungen für meine Ehe nicht beeinflussen. Letztlich durfte ich nur hoffen, überhaupt geheiratet zu werden.
»Wir sind gekommen«, verkündete der Herold mit laut hallender Stimme, »um die Verlobung von Prinzessin Briseis von Pedasos mit Prinz Mynes von Lyrnessos zu besprechen. Vor Beginn des formellen Teils muss ich den Anwesenden allerdings mitteilen, dass der König und die Königin von Lyrnessos Aufklärung über eine gewisse Prophezeiung wünschen.«
Schon waren wir beim Punkt. Obwohl mir der Mut sank, versuchte ich, dem wilden Pochen meines Herzens keine Beachtung zu schenken.
»König Ardys und Königin Hesione verlangen eine vollständige Offenlegung dieser Prophezeiung und ihres Inhalts sowie der Bedingungen für ihre Aufhebung«, fuhr der Herold im nasalen Tonfall eines Palastoffiziellen fort. »Sie sind nur dann bereit, einer Ehevereinbarung zuzustimmen, wenn ihre Gesandten …«, er deutete auf die weißbärtigen Männer neben ihm, »… bestätigen, dass die Weissagung keine Gültigkeit mehr besitzt.«
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als der Herold meines Vaters vortrat und sich räusperte, um das Wort zu ergreifen. Das hatte ich schon so viele Male miterlebt.
Ich schloss die Augen, und mit den Fingern formte ich noch einmal das Zeichen der Glücksgöttin.
»Lasst mich den Wortlaut der Prophezeiung des Sturmgottes Zayu, die dieser seiner Dienerin, der Priesterin, am dreizehnten Tag des Monats des Neuen Weins im fünfzehnten Jahr seit Prinzessin Briseis’ Geburt gegeben hat, zitieren«, begann der Herold meines Vaters.
Diese Worte kannte ich so gut, dass ich sie fast auswendig hätte aufsagen können.
»Die Prophezeiung lautet folgendermaßen: ›Wer Briseis’ Bettgenoss, mordet ihre drei Brüder und deren Tross.‹«
Wieder dieser Moment absoluter Stille, in dem die Worte der Weissagung nachhallten. Ich hatte wie immer, wenn ich sie hörte, schreckliche Angst. Und wie immer hätte ich am liebsten vergessen, dass ich aufgrund meiner Stellung Haltung bewahren musste, und wäre zu dem Prinzen und seinen Gesandten gelaufen, um ihnen zu sagen, dass das alles nicht stimmte. Warum sollten die Götter mir eine solche Strafe auferlegen?, hätte ich gern gefragt. Womit habe ich ihnen in meinem kurzen Leben missfallen?
Aber der Herold meines Vaters fuhr fort, und ich musste ihm wie jedes Mal schweigend weiter lauschen, da das Urteil über mich von anderen gefällt wurde.
»Fünf Jahre lang war Prinzessin Briseis ohne Verehrer oder Freier im Palast ihres Vaters eingeschlossen, weil man fürchtete, dass die Prophezeiung tatsächlich eintreffen und der Mann, der um ihre Hand anhielte, ihre drei Brüder und somit die einzigen Erben meines Königs ermorden könnte. Doch dann ist König Bias vor drei Monaten, am fünfundzwanzigsten Tag des Monats des Neuen Weins und im zwanzigsten Jahr seit Prinzessin Briseis’ Geburt, zum Heiligtum des Sturmgottes Zayu zurückgekehrt. Dort wurde ihm mitgeteilt, die Weissagung gelte nicht mehr, das sei der Beschluss der Götter. Was bedeutet, dass Prinzessin Briseis nun heiraten kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.«
Ich sah hektisch und flach atmend meinen Vater an, doch der beobachtete den Herold. Also schaute ich zu Prinz Mynes hinüber.
Unsere Blicke trafen sich.
Er war ein ausgesprochen attraktiver junger Mann mit olivfarbener Haut und muskulösen Armen. Die Ungezwungenheit seines Auftretens und die Aufrichtigkeit seines Lächelns machten das wett, was ihm an Jahren und Haltung fehlte. Mit einem solchen Mann verheiratet zu sein, konnte ich mir gut vorstellen. Er war nicht so, wie ich ihn mir erwartet hatte, aber an seiner Seite zu leben und mit ihm glücklich zu sein, hielt ich durchaus für möglich.
Ich ermahnte mich zur Zurückhaltung. Ich durfte mir keine Hoffnungen machen, mich, solange ich verschmäht werden konnte, wie schon so viele Male zuvor, auf keine Gefühle einlassen. So wandte ich, die Wangen leicht gerötet, hastig den Blick ab.
Die Gesandten von Lyrnessos steckten stirnrunzelnd die weißhaarigen Köpfe zusammen. Mein Vater und mein älterer Bruder beratschlagten mit gesenkter Stimme. Meine Mutter stand nach wie vor starr und mit undurchdringlicher Miene neben mir.
Ich beobachtete, wie Prinz Mynes sich zu den Gesandten gesellte, leise mit ihnen sprach und immer wieder zu mir herüberschaute.
Am Ende wandte sich einer der Gesandten, seinem schütteren weißen Bart und den wässrigen Augen nach zu urteilen, der Älteste, meinem Vater zu. »Wir haben einen Beschluss gefasst«, erklärte er mit kaum hörbarer, bebender Stimme.
Ich hielt den Atem an, und der Nagel meines Zeigefingers grub sich tief ins weiche Fleisch meines Daumens. Alle im Kräutergarten warteten mucksmäuschenstill, welches Urteil der Gesandte über mich verhängen würde.
»Das Wort des Sturmgottes ist Gesetz«, erklärte er schließlich.
Ich schnappte nach Luft. Was bedeutete das? Mein Herz klopfte so heftig gegen meine Rippen wie die Trommeln bei einem Fest für die Götter.
Der Gesandte räusperte sich und fuhr fort: »Wenn die Prophezeiung für null und nichtig erklärt wurde, akzeptieren wir, die Gesandten von Lyrnessos, das. Der Prinz und ich …«, der Gesandte nickte ihm lächelnd zu, »… haben keine Angst, dass sich die Weissagung erfüllt oder dass es jemals Krieg zwischen den Reichen von Pedasos und Lyrnessos geben wird, zwischen denen seit jeher nur Frieden und Freundschaft herrscht.«
Er schwieg kurz, sah mich an und neigte leicht das Haupt. »So verkünde ich, dass Prinz Mynes und Prinzessin Briseis fortan als Verlobte gelten sollen. Die Hochzeit wird am nächstmöglichen Tag stattfinden, den die Götter als günstig erachten.« Er wandte sich ab.
Ich atmete erleichtert aus. Es war geschehen. Es war tatsächlich geschehen. Endlich würde ich einen Ehemann haben.
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HELENAS GESCHICHTE
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Auf dem Olymp, Griechenland
Wenn Briseis im Kräutergarten glaubt, die Götter würden über sie wachen, täuscht sie sich.