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Venezien, 1923: Maria Vittoria muss dieses Jahr heiraten, sonst wird es nie geschehen. Sie ist schon fünfundzwanzig, trotzdem findet ihre kleine Schwester schön. Ihr Vater wählt eine Ehemann für sie, und Maria hat Glück: Gut sieht der Fremde aus, er ist kein alter Mann, er ist nicht kriegsversehrt. Sie ist dem Inhaber des Dorfladens eine gute Frau, gebiert ihm über die Jahre fünf Kinder, und an Arbeit mangelt es nicht. Doch die Zeiten sind beschwerlich in den italienischen Bergen. Und man muss sich in Acht nehmen. Denn im Faschismus ändern die Regeln sich täglich. Maria ist fest entschlossen, ihre Familie zu schützen. Koste es, was es wolle.

ELISE VALMORBIDA

Die

Madonna

der Berge

ROMAN

Aus dem Englischen

von Pauline Kurbasik

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Copyright © 2018 by Elise Valmorbida

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Madonna of the Mountains bei Faber and Faber Ltd., London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Wiebke Bach

Umschlaggestaltung: Geviert, München

Umschlagmotiv: © Eve North/Trevillion Images

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-22006-8
V001

www.diana-verlag.de

Für meine Mutter und meine Schwester

Inhalt

1923

1928 – Faschistische Ära Jahr VI

1936 – Faschistische Ära Jahr XIV

1942 – Faschistische Ära Jahr XX

1944 – Faschistische Ära Jahr XXII

1948

1950

Anhang: Essen, Familie, Geschichte

1923

Schneeschmelze

Ihr Vater hat sich aufgemacht, um ihr einen Ehemann zu suchen. Er hat sein Maultier genommen, eine Fotografie und Proviant eingesteckt: selbst gemachte Sopressa-Wurst, kalte Polenta, eine kleine Flasche Wein, aber kein Wasser, die ganze Welt ist voller Wasser. Es ist Frühling, eine gute Zeit für eine Verlobung, so überraschend wie ein wildes Alpenveilchen auf einem nassen Fels, so süß wie ein winziges Veilchen, das vom schmelzenden Bergschnee getränkt wird.

Maria Vittoria bestickt ein Laken für ihre Aussteuertruhe.

Alle arbeiten emsig, nutzen das Tageslicht. Zwölf Familien, die eng beieinander Holz hacken, Reparaturen erledigen, hämmern, kochen, waschen, Fallen stellen, Weinreben beschneiden, Silberweiden abbeizen und flechten, robustes Saatgut pflanzen, Hafer, Tabak, Kohl, Zwiebeln, Erbsen, und aus den Ställen kommen die üblichen Geräusche – doch in der ganzen Contrà ist spürbar, dass ihr Vater fehlt. Ein Körper ohne Kopf.

In seiner Brusttasche steckt das einzige Bild, das es von ihr gibt, es wurde aufgenommen, als sie siebzehn war, zusammen mit ihren Schwestern, Brüdern, Eltern und Großeltern. Nun, mit fünfundzwanzig, ist sie fast nicht mehr zu verheiraten, doch sie ist stark und gesund, und ihre kleine Schwester Egidia findet sie schön. Es ist einfach Pech, Gottes Wille oder Schicksal, dass in diesem Tal und im nächsten keine heiratsfähigen Männer leben, nur kränkliche, aus Inzucht hervorgegangene Kreaturen, Bucklige und Männer, die von den Österreichern zu Krüppeln gemacht wurden. Es ist nicht zuträglich, dass die Contrà so entlegen und aus den Städten schwer zu erreichen ist. Außerdem würde ihr Vater nicht jeden Dahergelaufenen akzeptieren – er muss an seinen Namen und seinen gesellschaftlichen Stand denken. Ihm gehört ein wenig Land. Er macht Geschäfte. Er hat sogar seinen eigenen Briefkopf.

Bevor das Foto aufgenommen wurde, vor der Evakuierung, hatte Maria einen Heiratsantrag bekommen. Der Mann hatte den weiten Weg von Villafranca auf sich genommen, und in seinen Papieren stand, er müsse nicht mehr kämpfen, er hätte eine ordentliche Pension und besondere Privilegien. Aber er hatte einen Finger und ein Auge verloren.

Wer weiß, was ihm sonst noch fehlt?, fragte ihr Vater, nachdem er das Angebot abgelehnt hatte. Wir finden jemand Besseren.

Und Mama sagte das, was alle sagten, alle Cousinen, alle Frauen: No se rifiuta nessun, gnanca se l’è gobo e storto. Weise niemanden ab, auch wenn er buckelig und krumm ist. Und Papà befahl ihr, mit diesen Binsenweisheiten aufzuhören.

Maria spricht leise mit sich selbst, stellt sich ein Gänseblümchen vor, von dem sie ein Blütenblatt nach dem anderen abreißt.

El me ama

 Er liebt mich

El me abrama

 Er begehrt mich

El me abracia

 Er umarmt mich

El me vol ben

 Er sorgt für mich

El me mantien

 Er unterstützt mich

El me ama

 Er liebt mich

El me abrama

 Er begehrt mich

Nol me vole

 Er will mich nicht

El me dise su.

 Er tadelt mich.

Sie wiederholt Gebete aus Die christliche Braut. Dieses Buch, ihr einziges Buch, ist ihr lieb und teuer. Klein, in blaues Leder gebunden, mit winzigen goldenen Linien um jede Seite, enthält es mehr Gebete, als sie aufsagen kann, und mehr Predigten, als sie auswendig kennt, doch die Anleitung am Anfang – für mein liebes junges Mädchen – hebt ihre Laune und weist ihr den Weg. Während du betest, tust du gut daran, leichte Kasteiungen des Körpers vorzunehmen. Auf diese Weise kannst du Opfer bringen und gleichzeitig deinen Geist von eitlen Reizen ablenken.

Sie sticht sich selbst mit der Nadel in die Fingerspitzen. Blut quillt hervor. Das Nähen muss warten. Sie wischt die Blutstropfen mit ihrem Taschentuch ab.

»Bitte, Herr, gib mir die Frömmigkeit, die heiligen Ehesakramente anzunehmen«, flüstert sie, obwohl niemand da ist, der sie hören könnte. »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte Ihn, mir einen Mann zu geben, der mich beschützen und mir eine ergebene christliche Familie schenken wird …«

Aber insgeheim denkt sie daran, wie gut aussehend ihr Liebster sein wird, mit einem Gesicht so gütig wie Jesus, so aufrecht wie der Pfarrer, so groß wie ihr Vater und mit dem süßen Duft einer Frau. Wird er einen dicken, buschigen Schnurrbart haben wie ihr Papà? Oder einen Bart wie ihr Großvater: das ganze Gesicht und der Hals wie von altem Tabak überwuchert? Oder einen Schnurrbart wie ihr Bruder: zwei dünne, nach oben geschwungene Linien. Sie stellt sich vor, wie die Barthaare seines hübschen Gesichts ihre Wange kitzeln. Ihr Herz schlägt wie die Flügel eines Vogels. Sie verbannt ihre wilden Gedanken und sticht sich selbst ein Mal in jede Fingerspitze, ordentlich wie beim Beten eines Rosenkranzes. Bei der Hochzeit zu Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt hat, gelüstete es Braut und Bräutigam nicht nach blinder Leidenschaft: Sie wussten, dass sie Gott sonst am Tag des Jüngsten Gerichts Rechenschaft würden ablegen müssen.

Maria sticht sich nun, wo sie alle zehn Fingerspitzen durch hat, in beide Handgelenke. Wieder wischt sie das Blut mit dem Taschentuch ab. Die Laken für die Hochzeitsnacht müssen sauber und weiß bleiben, wie ihre Seele, wie ihr Körper, unbefleckt und rein. Doch sie ist alt. Fünfundzwanzig Jahre alt und unberührt von einem Ehemann. Sie näht ohne Fingerhüte. Ihre Hände können einem Tier den Hals umdrehen. Die Arme einen Topf mit kochender Polenta umrühren. Sie ist eine gute Partie für jeden Mann, wenn er nur über ihr Alter hinwegsehen kann.

Sie schaut aus dem Fenster. Von Regenrinnen und Simsen tröpfelt Wasser, die Welt da draußen tröpfelt, während sie taut. Auf einigen Bäumen liegt immer noch Schnee, der sie niederdrückt und bedeckt. Sie hört die klagenden Laute eines Maultiers. Und dann die Kirchenglocken, klar und deutlich trotz der Entfernung. Sie läuten eine Minute lang. Einzelne Töne. Sie klingen melancholisch, nicht fröhlich wie bei einer Taufe. Dann eine Pause: Jemand ist gestorben. Dann wieder eine Minute Glockengeläute. Wenn es nun aufhört, ist eine Frau gestorben, vielleicht die alte Hexe, die wie eine Verrückte in ihrem Nachthemd herumläuft. Dann eine Pause und wieder eine Minute Geläut. Ein Mann ist gestorben. Noch ein toter Mann auf der Welt. Bei einem Mann wird drei Minuten lang geläutet, bei einer Frau zwei Minuten, weil ein Mann wichtiger ist, weil Adam der erste Mann war und Jesus ein Mann war und seine Jünger Männer waren und Priester Männer sind und der Papst ein Mann ist.

Ihr Vater reist durch die Dörfer in den Tälern, bahnt sich den Weg durch steile Hänge mit schmelzendem Schnee, nimmt Lawinen und vielleicht sogar Wölfe in Kauf, wer weiß, welchen Gefahren er trotzen muss?

Menschen wandern, Berge aber bleiben an Ort und Stelle. Und dennoch sind die Berge launisch – ein Abgrund kann sich plötzlich auftun, in den man hineinrutschen kann, ein sonniger Himmel lockt den Jäger, sich zu weit vorzuwagen wie ein Kind, ein eisiger Nebel hüllt die Welt im Nu ein, hinterhältige Luft kriecht in die Lungen und kann zu einer Lungenentzündung werden.

Sie näht und näht. Eine Wellenlinie aus weißen Blüten. Das Leinen ist nicht das teuerste, doch die Qualität ist anständig und fest – es wird Jahre halten, bevor sie es ausbessern oder stopfen muss. Ihr Verlobter wird ihre Handarbeiten bewundern. Er wird über die gestickten Blumen fahren und ihr dann über die Wange streichen, als wäre sie eine Blume. Und sie werden sich fest umarmen wie die beiden Hälften einer Walnuss, und schließlich werden Kinder kommen, mit Gottes Hilfe, weil Blumen und Kinder aus einem Haus ein Zuhause machen.

Fioi e fiori i fà la casa.

Die Umrandung ihres Bettlakens ist fast fertig. Das muss ein Zeichen sein. Nur noch drei Blüten mit gewundenen Stängeln und Sträußen mit winzigen Knospen. Plattstich und Kettenstich und Stielstich. Alles weiß. Sie ist sich sicher: Wenn sie den Saum erreicht, wird ihr Vater mit ihrem Liebsten erscheinen. Er ist schon seit über zwei Tagen fort. Sie wird sich hinter der Tür verstecken, einen Blick auf ihren duftenden Verlobten mit dem lieblichen Gesicht werfen, und er wird sie erkennen, weil er das alte Foto von ihr gesehen hat.

Sie legt ihre Handarbeit zur Seite, fährt sich mit den Fingerspitzen über die Wange und berührt ihre vollen Lippen. Wie fühlt es sich an, einen Mann zu küssen? Sie hätte sich einmal fast von ihrem Cousin Duilio küssen lassen, bevor er zum Priesterseminar gegangen, bevor er Soldat geworden ist. Sie küsst ihre Finger und erinnert sich an die Kasteiungen.

An Sonntagen und für die Sakramente trägt sie immer noch ihr dunkelbraunes Kleid mit hohem Kragen und eng anliegender Taille – sie hat gut darauf achtgegeben. Ihr Ehemann wird es bemerken, sobald er sie sieht, obwohl das Kleid auf dem Foto noch neu war, frisch und nicht gestopft. Wird er das Gestopfte zu schätzen wissen, weil es ihre Sparsamkeit und ihr Geschick zeigt? Nein, er wird denken, ihr Vater wäre zu arm, um ihr nach acht langen Jahren ein neues Kleid zu kaufen. Sie hasst es, arm zu sein. Sie hasst es von ganzem Herzen. Aber wenigstens wird sie nicht wie ein richtig armes Mädchen im November verheiratet werden, wenn die harte Arbeit des Sommers und Herbstes getan und eine junge Frau nur noch ein hungriges Maul ist, das im Winter gestopft werden muss. Na boca in più. Wenn sie in der Osterzeit heiratet, werden die Leute zu ihr aufschauen. Wie viel kann ihr Vater einem Mann für die Hochzeit mit ihr bezahlen? Ihre Schönheit und Stärke reichen nicht aus. Sie hasst den Krieg und die Spanische Grippe und die Evakuierung und ihre Abgeschiedenheit, die sie am Heiraten hindern und ihre Blütezeit verstreichen lassen.

Der reisende Fotograf hatte sie im Klassenzimmer in Albarela aufgestellt, zwölf Körper vor einem großen Vorhang, der mit verschwommenen Säulen und einem geblümten Rahmen bemalt war. Das war ein trauriger Tag gewesen. Das erste Foto in Marias Leben und vielleicht das letzte Mal, dass sie alle noch zusammen und am Leben waren. Die ganze Familie hatte sich wie für eine Hochzeit herausgeputzt, aber in ihren Bäuchen lauerte die Angst. Die Mädchen hatten sich darauf vorbereitet, ins Piemont geschickt zu werden – falls sie zu Hause blieben, hätten die fremden Soldaten mit ihnen gemacht, was sie wollten.

Für jeden italienischen Mann und jede italienische Waffe: vier österreichische Männer und vier österreichische Waffen, das sagten alle mit düsteren Stimmen.

Für das Bild hatte man ihrem Vater eine Topfpflanze zwischen die Füße gestellt. Und es gab noch eine andere Pflanze, groß und fremd – eine Palme, sagte der Fotograf, aus den biblischen Ländern. Das Emblem der Märtyrer. Hatte der Fotograf sie für Märtyrer gehalten? Hatte er sie bemitleidet? Maria hatte fest in seine Kamera geblickt und sich stumm geschworen, niemals wieder bemitleidet zu werden.

Ob mit Palme oder ohne, ihr Geliebter wird in dem Bild ihre aufrechte Bescheidenheit erkennen, ihr winziges glänzendes Medaillon der Jungfrau Maria prangt stolz am Kragen ihres Kleides, dazu die gleichmäßigen Gesichtszüge und der feste Blick. Kein Blinzeln, kein Schielen, keine Blindheit. Das wird er sicherlich erkennen.

Und nun – trotz ihres Alters – ist sie immer noch gesund, hat schönes, festes Fett an Hüften und Hintern, ihre Knochen sind gerade und ihre Hände stark. All dies wird er erkennen, weil er ein langes Leben mit ihr möchte und an Kinder mit ihr denkt. Er sucht nach einer Frau, die arbeiten kann.

Maria kann arbeiten. Jeder in der Contrà sagt das.

Wie lange hatte sie als Dienstmädchen für die Signori im Piemont gearbeitet? Diesen reichen Leuten hat sie ihre besten Jahre geschenkt. Sie lernte zu kochen, zu putzen und Lebensmittel anzubauen. Wie man näht, wusste sie schon vorher. Sie lernte, ihre Tugend zu wahren, das hatten ihr die Signori beigebracht. Sie lernte, sich nach Wohlstand zu sehnen, auch das haben ihr die Signori beigebracht. Als sie und ihre Schwestern nach dem Krieg in Schnee und Eis zurückkehrten, gab es keine Tiere, keine Fenster, kein einziger Laut war zu hören. Überall nur Zerstörung. Sie dankten Gott für die amerikanischen Soldaten, die ihnen Vieh gaben, um wieder von vorn anzufangen. Und sie dankten Gott für das Glück der Männer in ihrer Familie – sie hatten überlebt.

Aber wo ist dieser Mann, ihr Mann, der die Kämpfe mit den Österreichern überlebt hat? Die Täler wurden offiziell zum Kriegsmahnmal erklärt, und auf dem Gipfel wird ein Ossarium errichtet wie ein Leuchtturm, aber die Hälfte aller Männer ist tot, andernfalls gäbe es nicht genügend Knochen, Zähne und Schädel, um den Bau zu füllen.

Sie muss dieses Jahr heiraten, sonst wird es nie geschehen.

Du musst verheiratet werden, sonst endest du wie diese Hexe im Nachthemd, sagt ihre Mama jedes Mal, wenn Maria reizbar oder undankbar ist.

La Delfina streift von Contrà zu Contrà, sie gehört zu niemandem, wie ein wilder Hund heult sie den Mond an, wenn das Licht nachts so hell ist, als wäre es kalter blauer Tag, die Schatten sind schneidend scharf wie Granit, und der Fels funkelt. Manchmal lungert sie tagsüber am Cesso herum und murmelt Obszönitäten und Gotteslästerungen. Die kleine Egidia geht nicht auf den Abort, wenn La Delfina in der Nähe ist, Maria aber will keine Angst vor ihr zeigen. Manchmal gibt sie ihr Essen. Das ist wohltätig. Sie legt es in sicherem Abstand hin, oder sie wirft es. Insgeheim fürchtet sie sich zutiefst vor ihren Verwünschungen. Vielleicht hat La Delfina die Macht einer Zigeunerin? Es ist nicht ganz so gefährlich, wenn die Verrückte singt, deswegen ruft Maria durch die Holzwände und bittet sie um ein Lied, während ihre Cacca viele Meter tief in die Bergerde fällt.

Und manchmal spielt La Delfina mit.

L’uselin de la comare

 Der kleine Vogel der Patin

L’è volà su le tete.

 flog auf die Brüste.

L’uselin sbatea le alete,

 Der kleine Vogel schlug mit seinen kleinen Flügeln,

E un po’ più giù volea volare!

 Er wollte ein wenig weiter nach  unten fliegen!

Maria näht und näht. Sie muss dieses Jahr heiraten, sonst wird sie wie die Matronen in der Kirche enden, deren Kinderlosigkeit ihre Gesichter mit dumpfem Gram gezeichnet hat, deren Brüste leer herabhängen, Frauen, die beim Sprechen spucken und zu viel reden und sich unnötig aufregen und beschweren und an allem etwas auszusetzen haben. La dona senza fioi come, na vegna morta. Eine Frau ohne Kinder ist so unnütz wie ein toter Rebstock.

Ihr Vater wird sie retten. Er wird für sie einen Kriegshelden ohne Verwundungen finden – vielleicht mit nur einer einzigen schmissigen Narbe auf Wange oder Schulter. Sie stellt sich seine Schulter vor.

Nun muss sie aufhören zu nähen und sich besonders fest in die Daumen stechen. Das frische Blut ist ein Rubin, zwei Rubine, drei Rubine, vier.

Wenn sie verheiratet ist, werden auf dem von ihr bestickten Laken Rubine sein, weil eine Jungfrau bluten muss, aber sie weiß nicht, wie oder warum. Sie muss die Madonna der Berge fragen. Sie wird ein paar Blumen für sie pflücken, sie vor die Statue in der Glasglocke legen und um Antworten beten.

Maria Vittoria weiß, dass Blut mit Schmerzen einhergeht, wie Jesu Blut auf seinem gekreuzigten Leib, zart, weich und blass wie ein Frauenkörper. Vielleicht ist das Hochzeitsblut so schrecklich wie der Schmerz einer Geburt, Gottes Bestrafung für Eva. In Die christliche Braut steht nichts von einem blutigen Bettlaken.

Sie muss nur noch eine Blüte sticken.

Das Maultier draußen beschwert sich immer noch, aber noch ein anderes Tier brüllt weiter unten im Tal, auf dem Weg nach Albarela. Es ist der Esel ihres Vaters, sie kennt das Geräusch, und die Hühner werden hysterisch, der letzte Haufen Schnee fällt dumpf vom Dach, und die Luft hinter den Fenstern draußen funkelt, als sie hinausschaut und niemanden sieht.

»Maria!«, ruft ihre Mutter von unten. Sie ist laut und klingt aufgeregt. »Er kommt!«

*

In ihrem Körper wütet ein Sturm. Ihre Knie zittern. Wann hat sie sich zum letzten Mal gewaschen? Gestern. Nein, vorgestern. Jetzt ist keine Zeit mehr fürs Waschen. Keine Zeit mehr, am Brunnen Wasser zu holen. Außerdem könnte sie ihm dort über den Weg laufen. Ein Eimer steht in der Küche, ein zweiter an der Feuerstelle. Keine Zeit. Sie wäscht sich Gesicht und Hals mit Wasser aus der Schale vom Toilettentisch und der melierten braunen Seife, die sie gesiedet hat, nachdem im vergangenen Jahr das Schwein geschlachtet worden war, sein Fett wurde zu Talg ausgelassen und mit Olivenöl und Natronlauge aus dem Geschäft in Monastero vermischt. Rubbelt sich mit einem Lappen trocken. Sie betupft ihre zerstochenen Handgelenke mit dem Parfum ihrer Mutter, das nur für die Sakramente und bei besonderen Anlässen getragen wird. Um Erlaubnis hat sie nicht gefragt. Sie bekreuzigt sich. Atmet den Duft ein. Wie viele Veilchen hatten sie damals gepflückt? Einen ganz schönen Berg. Mindestens hundert. Sie zieht die Schürze und das Tageskleid aus. Die Kälte trifft sie mit voller Wucht. Sie nimmt ihr dunkelbraunes Kleid aus dem Schrank und will hineinsteigen, doch ihre Beine gehorchen ihr nicht, wie bei einem Fohlen, das aufstehen will. Sie stolpert. Sie versucht es noch einmal, ist vorsichtig, um das Kleid nicht zu zerreißen. Befestigt einen sauberen neuen Kragen. Knöpft ihn zu. Glättet den Unterrock und die Unterwäsche. Streicht den Rock glatt. Richtet das winzige goldene Medaillon mit der Madonna auf ihrer Brust, das sie auch auf der Fotografie trägt. Der kleine Vogel der Patin flog auf die Brüste. Sie verbannt das Lied von La Delfina aus ihrem Kopf. Das bringt sicher Unglück. Obwohl es Teufelswerk ist, schaut sie in den Spiegel. Sie ordnet ihr Haar. Kneift sich in die Wangen, damit sie rosig aussehen. Auf dem Getreidespeicher über ihr scharrt eine Maus, laut wie ein Schwein. Ganz gleich. Die Maus kann so viel Mais fressen, wie sie will. Maria bekreuzigt sich und geht nach unten, um den Fremden zu treffen, der – so Gott will – ihr Ehemann werden wird.

Im Erdgeschoss ist niemand. Ihre jüngeren Schwestern sind bei der Arbeit, sie verdienen Geld als Dienstmädchen. Doch wo ist die kleine Egidia? Ihre älteren Schwestern leben bei ihren Männern und deren Familien etliche Kilometer entfernt, viele Täler und Ebenen liegen zwischen ihnen. Ihr Bruder Severo wohnt mit seiner Frau in Padua. Ihr Bruder Vito arbeitet auf dem Feld. Aber wo ist ihre Mutter?

Mamas Stimme ruft sie wieder von draußen.

Maria nimmt sich ihr Tuch. Im hellen Tageslicht sieht sie den geraden Rücken ihrer Mutter hinter dem Walnussbaum, steif steht sie ganz oben auf dem Weg.

Sie rafft die Röcke und rennt zu ihr, die Stiefel fest auf dem steinernen Pflaster, wo vergangene Woche noch Schnee lag.

»Er hat einen Mann für dich gefunden«, sagt ihre Mutter, während sie hinunterschaut. Ihre Stimme klingt ruhig, erleichtert. Fast lächelt sie, aber ihre Mundwinkel zeigen wie gewöhnlich nach unten. »Jetzt sind es noch drei!« Sie stampft mit den Stiefeln auf den Boden, dreimal für drei Töchterlasten.

Aber Maria sind die jüngeren Schwestern egal. Sie blickt ins Tal hinab. Und dann sieht sie ihren Vater und sein Maultier den Hang heraufkommen, neben ihnen eine Gestalt. Ein Mann.

Und wenn er schlecht oder hässlich ist? Was macht sie dann?

Traue niemandem, sagen ihre Eltern und auch ihre Großeltern.

Er sieht seltsam aus, wie eine fantastische Erscheinung mit dem Körper eines Mannes und dem Kopf eines Riesen. Er trägt etwas, das wie ein enormer Hut aussieht, größer als ein Mühlstein, breit wie ein Wagenrad. Auch ihr Vater findet darunter Schutz. Es ist eine Gavegnà. Der Korb aus geflochtenen Weidenzweigen ist voll beladen mit Ernteerträgen, sie kann nicht erkennen, was es genau ist. Hat ihr der Fremde ein Geschenk mitgebracht?

Ihr Magen krampft sich zusammen. Ihr Mund ist trocken. Die Worte sprudeln aus ihr hinaus, ohne dass sie etwas dagegen tun kann. »Bitte, lieber Gott, lass ihn gütig und gut aussehend sein.«

»Dummes Ding«, entgegnet ihre Mutter. »Wenn die Kinder hungrig sind, werden sie nicht Papà bello, sondern Papà pan schreien!«

Ja, sie werden Brot wollen, Äußerlichkeiten sind egal, doch Maria kann einfach nicht anders. Sie hat doch schon so lange gewartet.

Er ist groß, größer als ihr Vater. Er ist schlank. Er humpelt nicht. Er könnte gut aussehend sein, jedenfalls von Weitem. Sein Kopf ist in die riesige Gavegnà gezwängt, deswegen ist die Stirn verdeckt. Der Korb ist fast einen Meter breit und voller Blätter. Er muss über dreißig Kilo wiegen. Trotzdem geht er nicht gebeugt. Er läuft aufrecht und unbeschwert, als würde er gemütlich spazieren gehen.

Die Männer kommen näher und gehen langsam den Weg herauf. Ihr Vater sieht froh aus – das glaubt sie zu erkennen. Gott sei Dank ist es nicht neblig, und die Luft ist klar.

Seine Wangen sind glatt. Er ist kein alter Mann. Er ist nicht kriegsversehrt. Er ist nun nur noch etwa zwanzig Meter entfernt, nah genug, damit er sie von oben bis unten mustern kann.

Vielleicht lächelt er ein wenig. Gefällt sie ihm? Ihr Vater sagt etwas zu ihm, doch sie kann ihn nicht hören. Und wenn sie ihm nicht gefällt?

Sie würde am liebsten in Ohnmacht fallen, aber das wird sie nicht.

Sie versteckt sich hinter ihrer Mutter.

»Nun hast du ihn gesehen«, sagt Mama und scheucht sie zurück. »Geh wieder ins Haus.«

Und Maria gehorcht. Sie eilt am Walnussbaum und dem aufgestapelten Feuerholz, den Kaninchen, den Käfigen mit dem Geflügel, dem Schwein und der Kuh vorbei. Lässt die Nachbarn, ihre Cousins, die halbe Contrà und den Brunnen hinter sich. Sie ist zu weit gelaufen. Zurück zum Haus. Sie rennt wie ein Wirbelsturm in die Küche. Steht keuchend am Feuer. Sie japst nach Luft. Er ist nicht versehrt. Und er ist schön. Außerdem hat er ein Geschenk mitgebracht. Getrocknete Tabakblätter. Eine ganze Menge davon. Das wird ihrem Vater gefallen. Er bekommt sie umsonst. Er kann sie rauchen oder verkaufen oder tauschen. Sie wird bald heiraten!

Zwei bewaldete Felder

»Zeig ihm deine Zähne«, befiehlt Papà.

Maria weiß nicht, was sie machen soll. Sie steht in der Küchentür.

Mama steht neben der Feuerstätte und beobachtet alles ganz genau. Papà sitzt mit dem Fremden am Tisch.

Der Fremde sieht gut aus. Sein volles schwarzes Haar ist vom Hut und der Gavegnà platt gedrückt. Seine Augen sind kastanienbraun. Sein Teint ist ebenmäßig. Der Mund ist gerade. Er trägt einen Schnurrbart, aber anders als bei ihrem Vater oder Großvater handelt es sich um ein ordentliches schwarzes Quadrat unter seiner perfekten Nase. Sie kann ihn im Zimmer riechen. Seinen männlichen Schweiß. Wie kann sie ihm ihre Zähne zeigen?

»Lächele – zeig ihm deine Zähne!«, wiederholt Mama.

Maria lächelt, sie steht immer noch in der Tür. Ihr Lächeln ist nicht freudig, sie weiß nicht, wie lange sie noch die Zähne zeigen soll.

Mamas Mundwinkel zeigen nun nach unten. »Sie ist nie krank gewesen. Ihr Blut ist gesund.«

Maria kann sich nicht daran erinnern, wann sie die Mutter zum letzten Mal lachen gesehen hat.

»Sehen Sie, wie gut die Zähne sind?«, fragt Papà. Er steht auf und kommt zu ihr. Er drückt ihren Arm, als würde er ein Nutztier in Augenschein nehmen. »Gute, starke Arme.«

Er geht wieder zu seinem Platz und schenkt dem Fremden den besten selbst gemachten Wein ein. Dann trinkt er selbst. Das Glas sieht abgenutzt und trüb aus. Er schiebt dem Mann die Platte mit Käse und Sopressa hin.

Der Fremde isst und trinkt.

»Trotz ihres Alters ist sie gesünder und stärker als die meisten anderen. In dieser Familie gibt es keine krummen Knochen oder Gebrechen, wir sind alle gesund, warten Sie nur, bis Sie den anderen begegnen, dann können Sie es mit eigenen Augen sehen. Sie kann kochen und putzen, anders als diese nutzlosen Mädchen, die man wie Prinzessinnen erzieht. Sie hat während des Krieges bei Herrschaften im Piemont als Dienstmädchen gearbeitet, sie weiß also, wie man einen Haushalt führt, und beschwert sich nicht. Außerdem ist sie drei Jahre lang zur Schule gegangen, kann also schreiben.«

»Kann sie sprechen?«, fragt der Fremde.

»Sicher kann ich sprechen!«, rutscht es Maria heraus.

»Ruhe«, sagt Mama. »Sonst wird Gott dir kein einziges Kind schenken.« Tasi ti o el Signore nol te dà gnanca on fiolo.

»Und du hältst den Mund, dumme Frau. Das ist eine ernste Angelegenheit. Achille kommt von weit her.«

Er heißt Achille. Seine Stimme ist tief und sanft, nicht schroff wie die eines groben Contadino. Wie kann ihre Mutter nur so vor ihm sprechen?

»Er hat ein eigenes Feld, das er verkaufen wird, damit er nach unten ins Flachland ziehen und ein Geschäft eröffnen kann. Er hat deine Aussteuertruhe akzeptiert und meine zwei Pinienfelder als Geschenk angenommen. Ich werde das Land behalten, aber er kann den Gewinn vom Bäumefällen behalten.« Papà blickt Achille direkt in die Augen. »Mit Holz kann man viel Geld verdienen – es wird für Eisenbahnstrecken und Schiffe gebraucht. Aber man wird sehen, wo uns die ganzen Eisenbahnen, Schiffslinien und Schiffe hinführen.«

»Vielleicht nach Amerika«, sagt Achille.

»Ich bleibe hier und werde mit verschiedenen Dingen handeln«, sagt Papà. »Ich habe Land und deswegen Mineralien und Dinge, die ich anbauen kann. Außerdem besitze ich alle Nutztiere, die ich will.«

Achille isst noch mehr Käse. Er nimmt sich Zeit. Alle im Raum lauschen stumm seinen Worten. »Ich denke, in Amerika kann man gutes Geld machen. Das werde ich vielleicht eines Tages versuchen.«

»La Mèrica?« Mama schnappt nach Luft.

Aber Papà sieht zufrieden aus. »Dort kann man ein Vermögen verdienen.«

Maria spürt, wie ihr Herz abenteuerlustig hüpft und gleichzeitig schmerzt. Wird er ihr Mann werden? Wird sie eines Tages nach La Mèrica gehen? Sie wird reich sein. Er ist zu gut, um wahr zu sein. Was stimmt mit ihm nicht? Vertraue niemandem – das sagt jeder. Vertraue niemandem, noch nicht einmal Menschen vom eigenen Schlag.

»Sie werden je nach Wetterlage etwa zwei Wochen brauchen, um die Felder abzuernten. Wir können Ihnen helfen. In dieser Zeit können Sie sich mit Maria treffen und sie ein wenig kennenlernen, natürlich immer unter Aufsicht durch ihre Brüder oder mich. Ihr Ruf ist tadellos, das wird so bleiben. Sind Sie immer noch mit der Vereinbarung einverstanden? Soll ich das Aussteuerkonto zusammenschreiben?«

Achille trinkt seinen Wein, leert das Glas und stellt es ab.

Alles – die ganze Welt – ist ruhig. Selbst die Tiere draußen.

»Sie ist perfekt. Wir können in der Osterzeit heiraten.«

An Ostern. Wie ein reiches Mädchen.

Maria würde gerne grinsen und lachen. Arme Mädchen werden zum Martinstag verheiratet. Ostern. Alle werden es erfahren. Che bella figura.

»Während wir die Felder abernten«, fährt Achille fort, »können Sie die Hochzeit vorbereiten …«

»Sie kennt ihren Katechismus«, erklärt Mama stolz, fast schon prahlerisch.

»Gut«, lächelt Achille. »Und das Gold und der Schleier sind ihr auch nicht fremd. Nach der Hochzeit kann sie mit mir im Haus meiner Eltern wohnen.« Nun wendet er sich Maria zu. »Werden Sie genug Zeit haben, sich ein neues Kleid zu nähen?«, fragt er. »Wie Sie wissen, trägt man sie nun kürzer.«

Maria wird vor lauter Scham feuerrot. Sie hat in Monastero kürzere Kleider gesehen. Sie hat Modekarten mit dem neuen, freizügigeren Schnitt gesehen. Dieser Mann sieht in ihrem alten braunen Kleid weder Sparsamkeit noch Bescheidenheit, sondern Hässlichkeit und Rückständigkeit.

Mama zupft an ihrem eigenen schlichten langen Kleid herum. Ihre Stiefel sind klobig, abgewetzt und alt. »Wir haben sie zur Bescheidenheit erzogen. Das wird Ihr Segen sein. Selbstverständlich werden wir ihr für die Hochzeit ein wunderschönes neues Kleid nähen. Ich habe den Stoff schon. Sie können sich vorstellen, was für eine schöne, makellose christliche Braut sie sein wird. Und ihre Aussteuertruhe ist voller guter Bettwäsche, Tischdecken, Strümpfe und Hemden. Und Hochzeitskleidung. Sie hat alles bestickt. Das ist ein weiteres Talent von ihr. Sie ist im Handarbeiten besser als ich …«

Maria spielt an ihrem Medaillon mit der Jungfrau.

Ihre Mutter palavert.

Doch Achille ergreift das Wort. Er grinst. »Wir werden eine schöne Hochzeit haben. Und eine schöne christliche Familie.«

Die beiden Männer schütteln sich nicht die Hand. Der Vertrag wurde mündlich abgeschlossen.

Maria ist verzückt wie eine Heilige.

*

In der Dämmerung geht Maria zu der Stelle, wo die Winterblumen wachsen. Rinnsale aus eiskaltem Wasser tröpfeln durch grüne Schlingpflanzen und Steine, sickern durch die Böschung am Wegesrand. Sie pflückt winzige Alpenveilchen von ihren felsigen Böden, achtet sorgfältig darauf, dass sich die empfindlichen Wurzeln nicht lösen. Sie bindet sie zusammen und macht sich auf den Heimweg.

Im Schlafzimmer ihrer Eltern legt sie das Sträußchen vorsichtig vor die Madonna der Berge. Die goldene Statue steht auf dem Schubladenschrank und sieht aus wie eine schöne Puppe auf einem Sockel, die bis in alle Ewigkeit in ihrer Glasglocke in Sicherheit ist, den Blick starr gen Himmel gerichtet, mit rundem, erhabenem Gesicht. Die kleinen Bauern, barfuß und bescheiden, schmiegen sich an ihren blau-goldenen Mantel, sie haben den Kopf in den Nacken gelegt, um sie anzuschauen. Sie sehen wie Kinder aus.

Maria steht vor dem Schrein, senkt den Kopf und betet, bis die Madonna spricht.

Du wurdest nach mir benannt. Deine Mutter wurde nach mir benannt. Deine Tochter wird nach mir benannt werden. Wenn jedes Mädchen auf der Welt Maria heißen könnte, würde es so genannt werden.

Mein kleines Lamm Maria, mein Gänselein, mein Kind, du bestaunst gern meine goldene Krone. Stell dir einmal ihren Wert vor – das tust du bereits. Du bewunderst die Perlenohrringe, die von meinen unsichtbaren Ohrläppchen hängen – du zählst die Perlen.

Du kannst gut rechnen, Maria.

Du hast noch nie so etwas wie das Gold auf meinem Kleid gesehen – außer bei einem Papst oder Bischof. Doch da, wo du herkommst, nähert man sich Päpsten und Bischöfen nicht. Dein Kleid, selbst dein bestes Kleid für eine Hochzeit, besteht aus einfacher blauer Wolle. Doch du wirst aus den Tagen mit einfacher Wolle, abgenutzten Stiefeln und gestopfter Kleidung herauswachsen, wenn du hart genug arbeitest, morgens und abends betest, an Frühmessen und Rosenkränzen teilnimmst und so häufig beim Priester beichten gehst, wie es deine Arbeit erlaubt.

Du bist reif für christliche Kinder – doch eine unbefleckte Empfängnis kenne nur ich allein. Du wirst den Mann kennenlernen und der Mann wird dich kennenlernen. Frage deine Mutter nicht, was das bedeutet. Sie würde wegen deiner Frage bloß fluchen. Überlass alles der Zeit, Gott und mir.

Achille wird wissen, was zu tun ist, weil er ein Mann ist. Männer sind draußen in der Welt gewesen, sind gereist, haben Handel getrieben und Städte erbaut. Nun musst du Achille zeigen, welche Perspektive er mit dir hat. Er ist ehrgeizig. Zeig ihm, wie hart du arbeiten kannst. Lass ihn den Schweiß auf deiner Stirn sehen. Lass ihn dich bewundern.

Ja, du bist verlobt, doch was er jetzt von dir denkt, wird für immer in seinem Herzen bleiben.