Buch
In einer Hütte im Wald, irgendwo im walisischen Niemandsland, findet die Polizei eine schrecklich entstellte Leiche. Es scheint, als hätte der Tote sich selbst so zugerichtet. Wenig später wird der Anwalt Charlie Priest in seiner Londoner Wohnung von einem Mann angegriffen, der auf der Suche nach einer rätselhaften Liste ist. Nur Stunden später liegt der Angreifer tot in einer Lagerhalle, und Priest ist unter den Verdächtigen. Er muss herausfinden, was es mit der Liste auf sich hat – und stößt auf einen skrupellosen Club und eine grausame Wahrheit aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, die alles für ihn Vorstellbare übersteigt …
Autor
James Hazel war als Anwalt im Bereich Unternehmens- und Arbeitsrecht tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Er interessiert sich für Kriminologie, liebt Krimis und Thriller, Indiemusik und alles, was retro ist. James Hazel lebt mit seiner Frau und ihren drei Kindern in Lincolnshire, England.
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JAMES HAZEL
THE
MAYFLY
Die Chemie des Bösen
THRILLER
Aus dem Englischen
von Kristof Kurz

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »The Mayfly« bei Bonnier Zaffre, London.
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1. Auflage
Copyright © 2017 by James Hazel
The moral rights of the author have been asserted
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Catherine Beck
JB · Herstellung: sam
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-22098-3
V001
www.blanvalet.de
Für Jo
Ohne Dich sind alle Worte bedeutungslos
1
Dezember. Zwischen den Jahren. Die dünne Schneeschicht auf dem gefrorenen Erdboden knirschte unter Detective Chief Inspector Tiff Rowlinsons Stiefeln. Mit ihrem hohen Steinkamin und den herzförmigen Schnitzereien über der Tür wirkte die Blockhütte auf der Lichtung wie aus einem Märchen entsprungen. Ein Grundbesitzer aus der Gegend hatte sie vor sechzig Jahren als Sommerhaus für seine Tochter bauen lassen. Sie stand schon lange leer und war inzwischen von Schlingpflanzen und Moos überwachsen. Früher ein Idyll, nun Schauplatz eines grotesken Verbrechens.
Rowlinson umrundete den kleinen Holzbau langsam. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den Mantelkragen unter dem weißen Schutzanzug aus Kunststoff hochgeklappt. Die Beamten von der Spurensicherung hatten die Lichtung mit blauweißem Plastikband abgesperrt und schlichen nun ratlos dahinter umher, wobei sie auf jeden ihrer Schritte achteten. Rowlinson kam das Ganze nur allzu vertraut vor. Er hatte zu viele Leichen, zu viele trauernde Angehörige und zu wenige verurteilte Täter gesehen. Er war abgestumpft und von diesem endlosen Kreislauf der Gewalt betäubt.
Doch nicht in diesem Wald.
In diesem Wald spürte Rowlinson wieder etwas.
Er ging auf die Blockhütte zu und duckte sich durch den Eingang. Die Luft in der Hütte war abgestanden. Er griff nach dem Inhalator in seiner Tasche, ertastete erleichtert das vertraute Plastikröhrchen, in dem der Metallbehälter steckte. Die eisige Kälte dagegen spürte er nicht mehr.
Die Hütte war vollkommen leer – bis auf das Opfer und die darum herumschwirrenden fleischfressenden Fliegen. Der Kopf des Leichnams war nach hinten über die Lehne des Holzstuhls gekippt, Mund und Augen waren weit aufgerissen, die Haut gelb und runzlig. Eine Wirkung des Gifts, hatte man Rowlinson gesagt. Jetzt verstand er die Bemerkung, die ein Spurensicherer gemacht hatte: »Der arme Teufel sieht aus, als hätte man ihm die Seele rausgesaugt.«
Das Opfer war nackt. Die Arme waren mit tiefen Schnitten bedeckt, die Brust regelrecht zerfetzt, sodass ein blutrotes Netz aus Muskeln und Gewebe zum Vorschein gekommen war. Auf dem Unterleib gab es ähnliche Wunden, die wegen des vielen Bluts jedoch kaum auszumachen waren. Überhaupt war es beinahe unmöglich zu erkennen, welche Körperteile unversehrt geblieben waren.
»Grundgütiger«, keuchte jemand hinter Rowlinson.
Er drehte sich um. Hardwick stand im Eingang und legte eine Hand auf den Mund.
»Chef, was verdammt noch mal ist das hier?«
DS Hardwick war einen Kopf kleiner als sein Vorgesetzter, aber dennoch so kräftig gebaut, dass er die Hütte förmlich auszufüllen schien. Ein eingebildeter Großstädter, aber trotz aller Eitelkeit ein tüchtiger Polizist.
»Er hat sich die Wunden selbst zugefügt«, sagte Rowlinson leise.
»Er hat sich selbst gehäutet, Boss?«
Rowlinson sah genauer hin. Hypersalivation – das Opfer hatte so viel schaumigen Speichel gebildet, dass es ihn nicht mehr hatte hinunterschlucken können. Irgendwann hatte sich das Opfer die Finger in den Mund gesteckt, um zu erbrechen, und dann so fest zugebissen, dass es sich beinahe die Hand abgetrennt hätte.
»Das Alkaloid hat ihm über viele Stunden hinweg unvorstellbare Schmerzen verursacht. Deshalb hat er auch versucht, sich selbst zu zerfleischen.«
»Wieso?«
»Um an sein Herz zu gelangen, Hartwick. Das war die einzige Möglichkeit, seine Qualen zu beenden.«
Drei Stunden zuvor hatte Sir Philip Wren im Arbeitszimmer seines Hauses in Kent gesessen – den Bauch voller Portwein und Brathuhn, den Kopf voll blumiger Phrasen, die er in seiner Dankesrede anlässlich seiner Aufnahme in den Order of the British Empire zu verwenden gedachte. Erst gestern hatte er den streng vertraulichen Anruf erhalten: Das Verleihungskomitee hatte beschlossen, den amtierenden Generalstaatsanwalt für seine Verdienste um das Rechtswesen und die Regierung Ihrer Majestät in den Ritterstand zu erheben. Endlich wurde sein Lebenswerk im Staatsdienst angemessen gewürdigt. Wren hatte die letzten vierundzwanzig Stunden in einem Zustand tiefer Glückseligkeit verbracht.
Leider war die Freude nur von kurzer Dauer gewesen. Jetzt befand er sich mit stechenden Kopfschmerzen im kalten Südwales.
Wie er es erwartet hatte, wimmelte es auf der Lichtung vor Spurensicherungsbeamten. Blaulicht blitzte, über allem lastete eine Atmosphäre der Unsicherheit. Und im Zentrum des Ganzen stand eine kleine Blockhütte mit Herzschnitzereien über der Tür.
Es geht wieder los.
Angeblich war Rowlinson, der leitende Beamte, ein kompetenter Polizist. Daran zweifelte Wren keine Sekunde. Trotzdem – wenn sich Wrens Befürchtungen als wahr herausstellten, war dieser Fall zu groß, um in seiner Zuständigkeit zu verbleiben. Rowlinson stand neben einem anderen Mann vor der Hüttentür und sah ihn mit der unbehaglichen Miene an, die schon so viele Detectives über die Jahre zur Schau gestellt hatten. Das konnte er ihnen nicht verübeln. Zu gern hätte er sie weiter ihre Arbeit machen lassen, doch das war unmöglich. Nicht in diesem Fall.
Als er die Lichtung überquerte, war er sich der neugierigen Blicke, die auf ihm ruhten, durchaus bewusst.
»Philip Wren.« Der Polizist hatte einen kräftigen Händedruck.
»DCI Rowlinson. Den Generalstaatsanwalt persönlich hatten wir nicht erwartet. Sir, wenn ich meinen Zuständigkeitsbereich überschritten habe …«
»Überhaupt nicht. Ich will Ihnen keinesfalls auf die Zehen steigen, Chief Inspector. Ihre Zuständigkeit steht nicht zur Debatte.«
Das war eine glatte Lüge. Eine Sondereinheit der National Domestic Extremism and Disorder Intelligence Unit stand schon bereit, um den Fall zu übernehmen. Spezialkräfte.
»Dann verstehe ich nicht, wieso …«
»Dürfte ich den Leichnam in Augenschein nehmen, DCI Rowlinson?«
Rowlinson trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Der Generalstaatsanwalt war in einem Jaguar XJ gekommen – und in Begleitung mehrerer Männer in dunklen Anzügen, die gerade die verdutzten Spurensicherungsbeamten zusammentrommelten und Verschwiegenheitsvereinbarungen unterzeichnen ließen. Rowlinson zögerte einen Augenblick, dann trat er beiseite.
Wren füllte seine Lunge gierig mit der kalten Luft, bevor er die Blockhütte betrat. Ihm drehte sich der Magen um, und er hoffte inständig, das Brathuhn nicht noch einmal zu Gesicht zu bekommen.
Rowlinson stand mit den Händen in den Taschen im Eingang und beobachtete ihn neugierig.
Dann räusperte er sich. »Das Gift wurde durch einen Katheter im Handgelenk verabreicht – vermutlich während das Opfer bewusstlos war. Die Substanz setzt alle Nervenzellen im Körper außer Gefecht. Die Schmerzen müssen unvorstellbar sein. Bedauerlicherweise ist das Gehirn zu überlastet, um seine Tätigkeit einzustellen. Dieser Zustand hält mehrere Stunden lang an, in denen sich das Opfer, wie Sie unschwer sehen können, selbst verstümmelt hat.«
»Befindet sich etwas in seinem Mund, Chief Inspector?«
Rowlinson hielt inne. »Was?«
Wren spürte einen Kloß im Hals. Er bekam kaum noch Luft. »In seinem Mund, Chief Inspector. Ist etwas in seinem Mund?«
Rowlinson warf einen Blick über die Schulter, als befürchtete er, zum Narren gehalten zu werden. Dann machte er zwei große Schritte auf das Opfer zu. Der Schaum um den weit aufgerissenen Mund war zwar beinahe getrocknet, dennoch löste sich etwas Speichel und lief wie Eiweiß das Gesicht des Toten hinunter. Rowlinson spähte in den Mund.
»Nichts.« Rowlinson stellte sich wieder gerade hin.
»Sehen Sie noch mal nach.«
Rowlinson beugte sich noch einmal vor. Wren ballte die Hände zu Fäusten. Vielleicht hatte Rowlinson ja recht. Vielleicht war da wirklich nichts zu finden.
»Moment mal«, sagte Rowlinson und nahm einen Stift und ein Paar blaue Plastikhandschuhe aus der Tasche. »Da ist doch was …«
Wrens Anspannung wurde beinahe unerträglich, während sich Rowlinson vorbeugte, den Stift in den Mund des Toten steckte und vorsichtig wieder herauszog.
»Was um Gottes willen ist das?« Er hielt einen kleinen schwarzen Gegenstand ins Licht.
Philip Wren stürzte aus der Hütte.
2
6. April 1945
Konzentrationslager Buchenwald, Deutschland
Captain Ainsworth stand vor dem Haupttor, eine Zigarette im Mundwinkel. In der letzten Stunde hatte der Regen etwas nachgelassen, zögerlich durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen die Wolken.
Die 89th Infantry Division war vor zwei Tagen eingetroffen. Man hatte mit Widerstand gerechnet, doch stattdessen war das Lager bereits in der Gewalt der Insassen gewesen. Offenbar hatte die Nachricht von den anrückenden britischen und amerikanischen Truppen das Lager schon vor mehreren Tagen erreicht, und die Deutschen hatten sich eilig zurückgezogen. Nachdem die Hierarchie zusammengebrochen war und die Wachen entweder Selbstmord begangen oder die Flucht ergriffen hatten, waren die Wachtürme von den Häftlingen gestürmt worden. Die tapferen Gefangenen – hauptsächlich Kommunisten – hatten die Waffen, die sie oft jahrelang versteckt gehalten hatten, endlich zum Einsatz bringen können. Dabei hatten sie ihren Peinigern gegenüber sogar Gnade walten lassen und Gefangene genommen.
Ainsworths Männer waren auf das, was sie in Buchenwald erwartete, nicht vorbereitet gewesen, obwohl sie von den Lagern und auch von Gerüchten über Massentötungen mit Giftgas gehört hatten. Ein polnisch-jüdischer Anwalt namens Lemkin hatte sogar ein neues Wort dafür geprägt: Genozid. Doch Wörter waren die eine Sache. Der Anblick eines Mannes, der aus Dankbarkeit für die Befreiung aus der Hölle auf Erden zu deinen Füßen tot zusammenbricht, war eine andere. Nichts hätte Ainsworth darauf vorbereiten können.
Zuerst waren sie auf die Tschechen gestoßen. Tausende, gedrängt auf einem Raum, der höchstens für ein paar hundert Menschen Platz bot. Nackt bis auf um die Hüften gewickelte Fetzen. Frierend. Sterbend. Ihre Körper waren durch die Mangelernährung so dürr geworden, dass sie kaum noch als menschlich zu erkennen waren. Lebende Tote mit gelblich-weißer Haut, die so schnell riss wie Papier und sich so fest über die Knochen spannte, dass Ainsworth jede Rippe zählen konnte.
Mit letzter Kraft hatten die Gefangenen die 89th Division wie Helden begrüßt. Obwohl sie kaum gehen konnten, hatten sie es irgendwie geschafft, mehrere Infanteristen auf die Schultern zu heben und im Triumphzug durchs Lager zu tragen. So peinlich es den Soldaten auch war, sie hatten die Gefangenen gewähren lassen, obwohl mehrere vor Anstrengung dabei zusammenbrachen.
Die Insassen stammten aus aller Herren Länder: Tschechen, Polen, Sowjetbürger, Franzosen und Kroaten. Auch Frauen waren darunter, von denen man viele zur Prostitution im Lagerbordell gezwungen hatte. Eine besondere Genugtuung für Ainsworth war die Befreiung mehrerer Landsleute: amerikanische und auch ein paar britische Piloten, die über Frankreich abgeschossen worden waren. Die falschen Papiere, die man ihnen mitgegeben hatte, damit sie leichter aus feindlichem Territorium entkommen konnten, hatten die Nazis erst recht misstrauisch gemacht. Die Piloten waren als Spione verhaftet und zusammen mit den Juden nach Buchenwald gebracht worden.
Die Juden. Ein ganzes Volk, von den Nazis als »nutzlose Esser« gebrandmarkt.
Ein höfliches Hüsteln riss Ainsworth aus seinen Gedanken. Er hatte Henderson, der hinter ihm stand, gar nicht bemerkt. Der Corporal war ein guter Soldat und für einen Infanteristen nicht auf den Kopf gefallen, wirkte aber nun genau wie die anderen jungen Männer der Truppe bleich und niedergeschlagen.
»Der erste Teil des Insassenverzeichnisses, Sir«, sagte Henderson.
Ainsworth nahm das Papier entgegen, ohne es zu lesen. Stattdessen starrte er über die Tore hinweg zum Horizont. »Sir, wir haben nicht genug Medikamente für alle«, sagte Henderson nach einer Weile. »Wir können das Sterben nicht aufhalten.«
Ainsworth nickte grimmig. »Kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen.« Sein Magen gurgelte. Er vertrug die Chlortabletten nicht, mit denen das Trinkwasser versetzt war. »Das ergibt doch keinen Sinn, oder?«
»Sir?«
»Hitler wusste schon vor Monaten, dass sich das Blatt gewendet hat. Der Angriff auf Russland war ein Desaster. Obwohl er alle Ressourcen brauchte, hatten die Züge, die die Juden in die Vernichtungslager brachten, Vorrang vor den Militärkonvois. Vor Panzern, Soldaten, Waffen, Munition und anderen kriegsentscheidenden Dingen. Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«
»Angeblich hat er seinen nordischen Göttern Opfer dargebracht, Sir.«
»Sind Sie ebenfalls dieser Meinung, Henderson?«
Der Soldat zögerte. »Vielleicht, Sir.«
»Haben Sie auf dem Weg hierher die Dora gesehen?«
»Die hat wohl niemand verpasst, Sir.«
Auch wenn die Deutschen die Dora bereits aufgegeben hatten, war die 89th mit aller gebotenen Vorsicht vorgerückt, um das gewaltige Eisenbahngeschütz zu sichern. Sein gigantisches, 1350 Tonnen schweres Kanonenrohr war in der Lage, fünfundvierzig Kilometer weit zu schießen und konnte nur auf Gleisen von einem Ort zum anderen gebracht werden. Die Pioniere hatten allerdings bezweifelt, dass es noch einsatzfähig war.
»Sind Sie wirklich der Meinung, dass ein Volk, das eine derart fortschrittliche Waffe herstellt, daran glaubt, tote Götter durch Menschenopfer wieder zum Leben erwecken zu können?«
Henderson antwortete nicht. Er hatte sich umgedreht, da in der Ferne ein Motorengeräusch zu hören war. Es gehörte zu einem Wagen, der sich in einer Staubwolke auf sie zubewegte. Ainsworth sah Henderson an, der erneut herumfuhr und den in der Nähe stehenden Soldaten Befehle zurief. Sie verteilten sich um das Tor herum, gingen so gut wie möglich in Deckung und brachten ihre Gewehre in Anschlag.
Ainsworth blieb reglos stehen und ließ den Revolver locker an der Hüfte baumeln. Er bezweifelte stark, dass die Nazis zurückkamen, und wenn doch, dann bestimmt nicht in einem Rolls-Royce.
Der Wagen hielt direkt vor Ainsworth. Bis auf die unvermeidlichen Dreckspritzer war das Auto hervorragend gepflegt – auf keinen Fall ein Zivilfahrzeug. Ainsworth hob die Hand und gab damit Henderson und den anderen Soldaten Entwarnung. Sie ließen die Waffen sinken.
Ein großer Mann mit blondem, lockigem Haar stieg aus dem Fond. Er setzte sich einen Hut auf und zog einen Trenchcoat über den Nadelstreifenanzug. Für jemanden, der sich durch feindliches Gebiet chauffieren ließ, sah er noch ziemlich jung aus.
»Captain Ainsworth, nehme ich an?«
Ainsworth hob eine Augenbraue, bevor er die Hand des Neuankömmlings schüttelte. Was zum Teufel wollte dieser Brite hier draußen? Ainsworth bemerkte den festen Händedruck. Also weder Reporter noch Politiker.
»Willkommen in Buchenwald«, knurrte Ainsworth. »Mr. …«
»Ruck. Colonel Ruck.«
Der Mann reichte ihm mehrere Papiere, die Ainsworth diesmal sehr aufmerksam las. Sobald er fertig war, sah er seinen Besucher skeptisch an. »Britischer Geheimdienst?«
»In der Tat. Militärischer Nachrichtendienst, Sektion fünf.« Ruck lächelte freundlich, wobei sich das Menjou-Bärtchen über seiner Oberlippe hob wie ein zweiter Mund. Seine Stimme war so geschmeidig wie sein Auftreten.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Colonel Ruck?«
»Lassen Sie mich Ihnen zunächst zu dieser gelungenen Operation gratulieren, Captain.«
»Tja. Wenn wir ein paar Jahre früher dran gewesen wären, hätten wir tatsächlich noch was bewirken können.«
»Bitte, Captain, keine falsche Bescheidenheit. Allein Ihre Anwesenheit hat die Jerrys in die Flucht geschlagen, oder? Ein höchst zufriedenstellender Sieg, kann ich mir vorstellen.«
Ainsworth widerstand der Versuchung, »Kommen Sie zur Sache« zu sagen. Der Mann war ein Bürokrat. Ein Sesselpupser, der auf dem Schlachtfeld nicht lange überlebt hätte.
»Als Sieg würde ich das nicht bezeichnen. Mit Verlaub, Colonel Ruck, aber was verschafft mir die Ehre?«
Ruck bedeutete Ainsworth mit einer Geste, sich die Papiere noch einmal anzusehen. »Ganz hinten ist ein Brief, der alles erklären sollte.«
Ainsworth las auch den Brief sorgfältig durch.
»Diese Leute sind mir völlig unbekannt«, sagte er.
»Vielleicht wären Sie so freundlich, diesbezüglich Nachforschungen anzustellen?«
Ainsworth sah Henderson an, der mit ausdrucksloser Miene zurückstarrte. Der Brief war von Flottenadmiral Leahy unterzeichnet – Roosevelts Stabschef. Das Siegel wirkte echt, die Unterschrift ebenfalls. Ainsworth warf einen Blick hinter Ruck. Die beiden Yankee-Soldaten, die neben der auf Hochglanz polierten Motorhaube des Rolls standen, trugen rote Pfeile als Schulterabzeichen: Black Devils. Ein von Elitesoldaten eskortierter Offizier des britischen Geheimdiensts, der einen Brief vom höchstrangigen Militär nach dem Präsidenten bei sich hatte, befahl Ainsworth, ihm mehrere Personen zu überstellen – falls sie noch lebend in Buchenwald zu finden waren.
Ainsworth zögerte. »Wir haben noch kein vollständiges Verzeichnis der Gefangenen, Sir«, erklärte er und gab Ruck den Brief zurück. »Es könnte Tage dauern, diese Personen aufzustöbern.«
Ruck lächelte höflich. »Lesen Sie den Brief noch mal genauer, Captain. Wir sind nicht hinter Juden her, sondern hinter Nazis. Ärzten, um genauer zu sein.«
»Ärzte?« Ainsworth konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. »Hier gibt es keine Ärzte, Colonel Ruck. Dieser Ort war nicht dazu gedacht, Leben zu verlängern. Das hier ist – war – ein Vernichtungslager. Hinter diesen Mauern wurden Zehntausende unter schlimmeren Bedingungen gehalten als Geflügel. Wer nicht gestorben ist, steht kurz davor. Hier gibt es keine Ärzte.«
Ruck zuckte mit den Schultern, nahm eine schmale Zigarettenpackung aus dem Mantel und zündete sich eine an. Einer der Elitesoldaten hinter ihm scharrte ungeduldig mit den Füßen.
»Gibt es denn eine Krankenstation?«
»Eine Krankenstation? Nein. Große Kammern, in denen Hunderte verängstigter Menschen vergast wurden. Große Erdlöcher voller Leichen. So etwas gibt es hier. Ein gemütliches Wartezimmer mit einem Aquarium und Zeitschriften auf dem Beistelltisch eher nicht, Colonel.«
Ruck schnupperte in die Luft, was Ainsworth an ein Raubtier erinnerte, das Witterung aufnahm. »Sonst nichts außer diesen Kammern? Kleinere Räume vielleicht? Oder Instrumente. Sägen, Skalpelle, chirurgische Masken, so etwas?«
Ainsworth schüttelte den Kopf. »Nur Tod und …«
»Sir?«, unterbrach ihn Henderson und hustete nervös. Ruck und Ainsworth drehten sich zu ihm um. »Was ist mit den Vorzimmern zur Hölle?«
3
Charlie Priest briet Seezunge.
Ein bisher wenig erfolgreiches Unternehmen. Die Butter in der Pfanne war zu heiß und schäumte. Der Fisch krümmte sich vor seinen Augen zusammen wie Papier im Feuer.
»Zu viel Hitze«, murmelte er.
Er warf das fehlgeschlagene Experiment zu den beiden vorherigen Versuchen in die Mülltonne und stellte die Pfanne ins Spülbecken, wo sie wütend zischte. Selbst seine Küchenutensilien machten ihm Vorwürfe.
Während er noch überlegte, wo er sich diesmal etwas zu essen holen sollte, klopfte jemand an die Tür.
Wie jedes neue Penthouse im Gebäude verfügte auch dieses über eine kleine Überwachungskamera im Flur. Immerhin war es ja möglich, eine Stricknadel durch einen normalen Türspion zu stoßen. Priest warf einen Blick auf den Bildschirm. Na toll. Der Abend wird ja immer besser.
Er entriegelte die Tür und öffnete sie.
»Guten Abend, Officer«, seufzte er.
Priests Gast lächelte ein Lächeln, bei dem nur die Mundwinkel nach oben wanderten, alle andern Gesichtsmuskeln jedoch völlig starr blieben. »Mr. Priest?«
»Ja.«
Der Polizist hielt eine Schachtel in der Hand. Es war nur ein ganz gewöhnlicher Pappkarton, etwas größer als eine Schuhschachtel. Der Beamte war etwa in Priests Alter, höchstens etwas älter. Fettige schwarze Haarsträhnen lugten unter dem Polizeihelm hervor. Der Stern darauf glänzte im Licht, das aus Priests Wohnung in den Flur fiel.
»Darf ich reinkommen?«, fragte der Polizist.
»Haben Sie was zu essen in der Schachtel da? Ich bin am Verhungern.«
»Sir, dürfte ich vielleicht erst mal reinkommen?«
Priest zuckte mit den Achseln und trat beiseite. Warum nicht? Der Beamte knipste erneut das künstliche Lächeln an und folgte Priest in die Küche. Dort stellte er die Schachtel vorsichtig auf der Arbeitsfläche ab. Seine Uniform war makellos. Muss wohl neu bei der Truppe sein.
»Nett hier«, sagte er und blickte sich aufmerksam um.
Die Küche sah aus wie aus dem Katalog. Schwarze Granitarbeitsflächen auf Holzmöbeln in unaufdringlichen Farben. Die limettengrünen Streifen an der Wand hinter den Armaturen passten genau zu den Sitzbezügen der Barhocker. Es roch nach verbranntem Fisch.
»Wonach …?«, fragte der Polizist.
»Seezunge.«
»Ach so. Die verbrennt einem schnell mal.«
»Eigentlich nicht. Da muss man sich schon anstrengen.«
Ein mitleidiges, aber unaufrichtiges Lächeln.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Officer?«
»Der Superintendent schickt mich. Die Archive werden gerade aufgeräumt, und dabei hat man ein paar Sachen von Ihnen gefunden. Um ehrlich zu sein, hatte ich vorher noch nie von Ihnen gehört, aber der Superintendent sagt, dass Sie früher mal eine große Nummer bei der Met waren. Deshalb soll ich das hier persönlich vorbeibringen.«
»Ich habe vor zehn Jahren beim CID aufgehört.«
»Wirklich? Na ja, anscheinend haben Sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen.«
»Anscheinend. Ich vermisse gar nichts von damals.«
»Sehen wir doch mal nach.« Der Polizist öffnete die Schachtel und nahm einen langen Metallgegenstand heraus.
»Ein Schlagstock«, sagte Priest. »Amerikanisches Modell. Neunzigerjahre, würde ich schätzen. Der gehört mir nicht.«
»Nicht?« Der Beamte sah den Schlagstock verwirrt an. Er musterte ihn genau, als könnte er ihm ein Geheimnis verraten, wog ihn in der Hand und schüttelte bedächtig den Kopf.
»Der Superintendent schickt Sie?«
»Genau.«
»Pritchard?«
»Genau.«
»DSI Pritchard?«
»Genau.«
Priests Kopf steckte unmittelbar hintereinander zwei Schläge ein. Zuerst traf ihn der Schlagstock gegen die Schläfe – er hatte ihn zu spät kommen sehen. Dann krachte sein Schädel gegen die Granitarbeitsplatte. Dieser zweite Aufprall schickte ihn ins Reich der Träume.
Priest öffnete die Augen. Nichts, nur das Rauschen des Bluts in seinen Ohren.
Pritchard war vor drei Jahren in Pension gegangen. Die Uniform war echt gewesen, der Polizist darin nicht. Das hätte Priest schon viel früher aufgehen müssen. Der Beamte hatte einen Helm getragen, obwohl das nächste Polizeirevier drei Meilen entfernt war. Einen Helm setzte man nur auf, wenn man zu Fuß auf Streife ging. Im Auto trug man eine Schirmmütze, und der Kerl war ja wohl kaum drei Meilen marschiert, nur um Priest seinen alten Krempel zurückzubringen.
Du verdammter Idiot. Erst lässt du den Fisch anbrennen …
Obwohl Priest erst nichts erkennen konnte, war er sich sicher, dass der falsche Polizist hier irgendwo im Raum war. Priest saß auf einem Stuhl. Seine Handgelenke waren mit Kabelbindern an die Lehnen gefesselt. Seine Füße waren ebenfalls fixiert, das Plastik schnitt in seine Haut. Einige unwillkürliche Bewegungen während seiner Bewusstlosigkeit hatten tiefe Schnitte auf seinen Knöcheln hinterlassen. Durch das Klebeband, das um seine Brust und die Stuhllehne gewickelt war, konnte er außer dem Kopf so gut wie nichts bewegen.
Auf seinem Gesicht lag ein Geschirrtuch, sodass er kaum etwas sehen konnte. Lediglich der Geruch nach verbranntem Fisch verriet ihm, dass er sich noch in seiner Küche befand.
Er rüttelte an den Handfesseln, worauf ein sengender Schmerz durch seinen Arm fuhr. An Flucht war nicht zu denken – er war dem Mann in der blauen Uniform wehrlos ausgeliefert. Wahrscheinlich blieben Priest nur wenige Minuten, um das Blatt zu wenden. In einem fairen Kampf Mann gegen Mann hätte der Sieger schnell festgestanden. Der falsche Polizist war keine eins achtzig groß und ziemlich schmächtig. Priest maß eins neunzig und wog hundert Kilo, das meiste davon Muskelmasse. Leider war es kein fairer Kampf gewesen – sein Gegner hatte ihn nicht zuletzt durch reines Glück überwältigen können.
Priest saß eine gefühlte Ewigkeit gefesselt da, obwohl nur wenige Minuten vergingen. Minuten, in denen er an nichts anderes als das Summen in seinem Kopf und den verdammten Fischgestank denken konnte.
Dann wurde das Tuch plötzlich weggerissen. Priest erblickte seine Küche und den grinsenden Polizisten, der unverschämterweise darin stand.
»Erwischt!«, verkündete der falsche Beamte.
Priest erwiderte nichts darauf, sondern starrte den Eindringling nur mit ausdrucksloser Miene an.
»Das haben Sie wohl nicht kommen sehen, Priest. Jetzt sind Sie bestimmt stinksauer.« Der falsche Polizist warf das Geschirrtuch zur Seite, trat ein paar Schritte zurück, verschränkte die Arme und grinste. »Machen Sie sich keine Vorwürfe. Die Uniform hat zwei Riesen gekostet.«
Das entsprach wahrscheinlich sogar der Wahrheit. Eine so gute Kopie aufzutreiben war zwar nicht unmöglich, aber teuer. Allmählich fragte sich Priest, wie er aus dieser Sache heil herauskommen sollte.
»Aber das war es wert«, fuhr der falsche Polizist fort. »Einem anderen Besucher hätten Sie ja wohl kaum aufgemacht. Der Pförtner unten war übrigens ebenfalls sehr hilfsbereit.«
»Was wollen Sie?«, fragte Priest.
»Nur ein bisschen plaudern. Fürs Erste nur eine kleine Unterhaltung. Damit Sie mich etwas besser kennenlernen.«
»Mich kennen Sie wohl schon?«
Der Mann grinste. »Sie sind Charles Priest. Alle nennen Sie Charlie. Geschieden, keine Kinder, 43 Jahre alt. Sie haben in Cambridge studiert und sind 94 zur Met. Zwei Jahre Streife, dann steile Karriere beim CID. 97 zum Detective Sergeant befördert, 2001 zum Detective Inspector. 2004 haben Sie dann still und heimlich den Dienst quittiert und sind Anwalt geworden. Erst in der Rechtsabteilung eines internationalen Konzerns, dann mit eigener Kanzlei, spezialisiert auf Betrugsdelikte. Sie verdienen eine halbe Million im Jahr und belegen im Ranking der besten Rechtsanwälte des Landes regelmäßig einen Spitzenplatz. Ihre Eltern sind tot. Sie haben eine Schwester, Sarah Boatman, 39, Teilhaberin einer Werbeagentur, und einen Bruder, William Priest, 46, vor fünf Jahren für geistesgestört erklärt und gegenwärtig zwangseingewiesen in einer forensischen Klinik für Schwerverbrecher. Sie leiden unter einer dissoziativen Störung, was bedeutet, dass Sie die Realität gelegentlich verlassen und sich komplett von Ihrem Selbst verabschieden. So eine Art außerkörperliche Erfahrung. Soll ich weitermachen?«
Priest schniefte. Er hatte im letzten Jahr mehr als eine halbe Million verdient. Alles andere traf jedoch so ziemlich zu.
»Anscheinend haben Sie mein Facebook-Profil gelesen.« Die blasse Haut und die stecknadelkopfgroßen Pupillen des Mannes verrieten Priest, dass die Großspurigkeit des Mannes wohl chemische Ursachen hatte, doch neben dem Kokain erkannte Priest noch etwas anderes in seinen Augen. Etwas, das ihm größere Sorgen bereitete als die Kabelbinder um seine Arme und Beine. Etwas Totes.
Der falsche Polizist blätterte durch einen Papierstapel auf der Arbeitsfläche. Nichts Interessantes – Rechnungen, Listen, Rezepte. Die Gebrauchsanweisung für die teure Kaffeemaschine, die ihm seine Schwester Sarah letztes Weihnachten geschenkt und die er immer noch nicht ausprobiert hatte. Doch wie dem auch sei – es waren seine Papiere.
»Priest und Co.«, murmelte der falsche Cop und besah sich eine Visitenkarte. »Natürlich hat er das Ding Ihnen geschickt.« Er steckte die Karte ein und wandte sich wieder Priest zu.
»Werden Sie mir auch irgendwann verraten, worum es hier eigentlich geht?« Überrascht bemerkte Priest, wie ruhig er trotz der Wut klang, die allmählich in ihm aufstieg.
»Sie haben etwas, das mir gehört«, sagte der Mann langsam. »Etwas, das mir sehr wichtig ist.«
»Die Adresse Ihres Dermatologen? Sie sollten den Pfuscher verklagen.«
»Nein, Mr. Priest. Etwas unendlich Wertvolleres.«
Priest versuchte, trotz seiner Fesseln so deutlich wie möglich mit den Schultern zu zucken.
Da er nichts sagte, fuhr der falsche Polizist fort: »Dann will ich Ihnen mal auf die Sprünge helfen. Ich bin auf der Suche nach einem USB-Stick. Und wenn ich ihn habe, werde ich Ihr Haus niederbrennen, Mr. Priest. Ob Sie mir den Stick freiwillig geben oder nicht, entscheidet darüber, ob Sie immer noch an diesen Stuhl gefesselt sind, wenn ich das Streichholz anzünde.«
Priest beobachtete ihn schweigend. Der Mann ging zur Schachtel auf dem Küchentisch hinüber, kramte darin herum und nahm schließlich eine Bohrmaschine heraus.
»Wollen Sie ein paar Regale aufhängen?«, fragte Priest.
Diesmal lächelte der Eindringling nicht. »Ich habe die ganze Nacht Zeit, Mr. Priest. Und Sie können nirgendwo hin. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Löcher ich in Ihren Körper bohren kann, bevor Sie das Bewusstsein verlieren?«
»Nein.«
»Ich auch nicht. Finden wir’s doch gemeinsam raus.«
Der falsche Polizist nahm einen Bohrkopf aus der Schachtel und befestigte ihn an der Maschine. Dann drückte er mehrmals auf den Einschalter, sodass der Bohrer rotierte. Priest spürte Panik in sich aufsteigen. Jetzt habe ich die wertvollen Minuten verschwendet. Er schluckte. Seine Kehle war trocken. Dann ruckte er die Arme hin und her, doch er konnte sie keinen Millimeter bewegen. Er war völlig wehrlos.
Der Eindringling drückte den Bohrkopf an Priests Ohr. Priest behielt den Mund geschlossen und versuchte, etwas weniger Sauerstoff durch die Nase einzusaugen. Wie so oft hatte er das Gefühl, dass dies unmöglich echt sein konnte. Doch diesmal fühlte es sich echt an. Er durfte auf keinen Fall weiter hyperventilieren. Solange er bei Bewusstsein war, konnte er sich irgendwie aus dieser Sache herausreden. Obwohl die Chance dafür mit jeder Sekunde geringer wurde.
Der falsche Polizist schaltete den Bohrer ein. Priest warf den Kopf zur Seite und verzog das Gesicht, als der Bohrkopf seine Haut verbrannte.
Der Irre lachte.
Der Dreckskerl genießt das richtig! Priest war mit seiner Weisheit am Ende und beschloss, auf Zeit zu spielen.
»Okay, also gut. Die Daten sind da vorne.« Er deutete mit dem Kopf auf das schwach beleuchtete Wohnzimmer.
Der Eindringling nahm zögernd den Bohrer weg. »Wo?«
»Ich habe die Daten auf den Computer in der Ecke kopiert und den Stick vernichtet.«
»Warum?«
Gute Frage. »Einfach so.«
Der falsche Cop sah Priest misstrauisch an. Dann rieb er mit der Hand über den Bohrer. Priest roch abgestandenen Zigarettenrauch und Alkohol. »Wenn Sie mich anlügen, fange ich mit Ihren beschissenen Augen an.«
4
Priest schätzte, dass der falsche Polizist mindestens drei Minuten brauchen würde, um seinen Bluff zu durchschauen. In Priests Welt waren zweite Chancen Gold wert. Da kann meine Ex ein Lied von singen. Er hatte nicht vor, diese zweite Chance zu vergeuden.
Er konnte sich zwar nicht vorbeugen, aber den Kopf senken. Weit genug, um an das Feuerzeug in seiner Hemdtasche zu gelangen. Er krampfte die Bauchmuskeln zusammen und krümmte den Rücken, bis es knackte. So gelang es ihm, die Zunge um den Metallkopf des Feuerzeugs zu legen und es aus der Tasche in seinen Mund zu befördern. Sobald er es fest zwischen die Zähne geklemmt hatte, hob er den Kopf und drehte die rechte Hand, bis die Handfläche nach oben zeigte. Der Kabelbinder glitt in das weiche Fleisch seines Handgelenks wie ein Käseschneider. Vor Schmerz biss er fest auf das Feuerzeug. Dann setzte er sich einigermaßen gerade hin und spuckte es aus.
Einen Augenblick lang schien das rote Plastikfeuerzeug in der Luft zu hängen wie in einem unsichtbaren Spinnennetz. Die Flugbahn kam ihm völlig daneben vor. Er hatte die Schwerkraft falsch eingeschätzt, das Feuerzeug würde seine Hand niemals erreichen. Priest blinzelte, und in diesem Sekundenbruchteil änderte sich die Szene erneut.
Seine Finger schlossen sich knapp um den Plastikzylinder. Er hielt den Atem an und bugsierte das Feuerzeug zwischen Daumen und Zeigefinger. Schließlich hielt er es senkrecht in der Hand und atmete tief aus. Das Ganze hatte fünfundzwanzig, maximal dreißig Sekunden gedauert. Er drehte den Regler voll auf, rieb das Zündrad gegen den Feuerstein und entzündete so das Gas. Die Flamme tanzte unsicher, dann stabilisierte sie sich. Behutsam schob er das Feuerzeug mit den Fingern über seine Handfläche in Richtung Handgelenk, dann senkte er die Flamme vorsichtig mit dem Zeigefinger, bis sie seine Haut erreichte.
Der Schmerz folgte sofort. Sein Arm verkrampfte sich. Sein gequälter Körper befahl seinem Gehirn, das Feuerzeug sofort fallen zu lassen. Priest hielt es weiter fest, obwohl die Schmerzen unerträglich waren.
Endlich traf die Flamme auf Plastik. Priest biss sich auf die Lippen. Nur gelegentlich entfuhr ihm ein Keuchen. Die Schmerzen in seinem Arm machten ihn wahnsinnig. Zunächst reagierte das Plastik nicht. Die Flamme loderte darum herum und verbrannte die Haut zu beiden Seiten. Sein Oberarm bebte, und das Zittern setzte sich zum Handgelenk fort. Lange hielt er es nicht mehr aus. Er fluchte und zischte; sein Körper übernahm allmählich die Kontrolle, der Drang, die Hand wegzuziehen, wurde unwiderstehlich. Es roch nach auf kleiner Flamme gegrilltem Fleisch.
Als er es nicht länger aushielt und kurz davor war, seine Fluchtpläne aufzugeben, veränderte sich die Konsistenz des Kunststoffs. Mit quälender Langsamkeit wurde er weicher. Tränen strömten aus Priests Augen; es war, als würde sein Körper zusammen mit dem Plastik schmelzen.
Dann war seine Willenskraft am Ende. Sein Hemdsärmel schwelte bereits. Wenn er Feuer fing, hatte er keine Möglichkeit, die Flammen zu löschen. Jetzt weiß ich, wie sich die Seezunge gefühlt hat …
Endlich riss der Kabelbinder und fiel zu Boden. Die Enden glühten, eine winzige Rauchsäule stieg auf. Sein Handgelenk wollte er sich gar nicht erst ansehen. Es fühlte sich an, als würde ein Messer darin stecken.
Das Feuerzeug war ebenfalls auf den Boden gefallen, aber das spielte keine Rolle. Er konnte mit der freien Hand die Schublade im Küchentisch aufziehen und den Brieföffner herausnehmen. Er hatte seinem verstorbenen Vater gehört – eine gerade Klinge mit gekrümmtem Beingriff, in den die Initialen FP graviert waren.
Er ließ die Klinge zwischen Handgelenk und Kabelbinder gleiten und schnitt die andere Hand los. Dann befreite er sich von den Beinfesseln und dem Klebeband um seine Brust. Schließlich taumelte er keuchend und prustend vom Stuhl und beugte sich über den Küchentisch. Höchstens zwei Minuten. Nicht schlecht, Houdini, obwohl ich das Klavierspielen in Zukunft wohl knicken kann. Er hatte noch Zeit. Priest kniff die Augen zusammen. Alles drehte sich. Hatte er eine Gehirnerschütterung? Es fühlte sich nicht so an, als wäre er hier, in diesem Raum. Doch das war ja nichts Neues. Fünfzehn Sekunden. Er erlaubte sich fünfzehn Sekunden langsames, kontrolliertes Atmen.
Dann ging es weiter.
Der Schlagstock lag neben der Schachtel auf dem Tisch. Priest packte die Waffe. Schmerz fuhr in seinen Arm, als er die Hand um den Griff schloss, doch er ließ den Stock nicht los. Die Idee, ihn gegen den Brieföffner oder ein Messer aus der Küche zu tauschen, verwarf er sofort wieder. Nein. Mit einem Messer konnte man zwar eine Sauerei veranstalten, einen entschlossenen Gegner aber nur mit Mühe außer Gefecht setzen. Mit dem Schlagstock dagegen würde er den Spuk mit einem wohlplatzierten Hieb beenden.
Er packte den Stock am Quergriff, sodass das kurze Ende seinen Unterarm schützte. Im Gegensatz zu einem normalen Knüppel bildete der Stock so eine Verlängerung seines Arms, und er konnte präziser zuschlagen und mit dem kurzen Ende gegnerische Angriffe parieren.
Einen Augenblick lang blieb er still stehen und lauschte. Er hörte weder das Klicken der Tastatur oder der Maus noch das Surren des Computerlüfters. War der Eindringling überhaupt noch in der Wohnung?
Priest zog die Schuhe aus, die selbst bei aller Vorsicht Krach gemacht hätten, und bewegte sich lautlos durch die Küche bis zur angelehnten Tür. Durch den Spalt konnte er zwar ins Wohnzimmer, aber nicht bis zum Schreibtisch sehen. Ob der Mann noch vor dem Rechner saß? Priest lauschte konzentriert. Nichts.
Vorsichtig schob er die Tür mit dem Ende des Schlagstocks auf. Sie quietschte nicht. Noch ein Stück, und er konnte den Raum einsehen. Vor einer roten Ledersitzgruppe stand ein gläserner Beistelltisch. Ein Zweiundfünfzigzollfernseher hing über einer Kaminattrappe. Eine ganze Wand wurde von Bücherregalen eingenommen, die vom Boden bis zur Decke mit Krimis, Horrorromanen, Klassikern, Fachbüchern über Psychologie, Hypnose und Kriegskunst vollgestellt waren. Dazwischen fanden sich Biografien berühmter Politiker und gelegentlich auch Comics. Eine auf den ersten Blick wilde und wenig systematische Zusammenstellung.
Bis auf mehrere Strahler über dem Sofa und dem Aquarium, die eher der Atmosphäre als der Beleuchtung dienten, war der Raum völlig dunkel. Die den Bücherregalen gegenüberliegende Wand bestand vollständig aus deckenhohen Fenstern. Die zugezogenen Vorhänge verdeckten den Blick auf die Lichter der Stadt. Weitere Türen führten in die beiden Schlafzimmer, das Bad und das Arbeitszimmer, eine Treppe auf einen privaten Dachgarten, von dem aus man einen schönen Blick auf Covent Garden hatte. Der falsche Polizist konnte überall sein.
Priest drückte die Tür etwas weiter auf. Alle seine Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt. Er war jederzeit bereit, dem Mistkerl den Schlagstock über den Schädel zu ziehen. Jeder Herzschlag dröhnte wie eine Armee, die über gefrorenen Erdboden marschierte. Und das war nicht das einzige Geräusch: Im neunten Stock konnten auch die Sicherheitsglasfenster die Geräusche der Straße darunter nicht aussperren: die Menschen, die sich in Kaufhäusern und Cafés drängten, das Rauschen des Verkehrs, die schrägen Töne der Straßenmusikanten. Manchmal saß Priest nachts in seinem Dachgarten und lauschte dem geschäftigen Lärm, dem Summen jener gewaltigen, endlos rotierenden Maschinerie.
Niemand saß am Schreibtisch. Der Computer war unberührt. Im Raum herrschte vollkommene Stille. Mehrere Sekunden lang glaubte Priest, sich in einem Vakuum zu befinden. Er hielt den Schlagstock gegen einen möglichen Angriff vor sich und ging ein paar Schritte in den Raum hinein. Alle Türen waren geschlossen. Priest richtete sich auf. Es war zwar lange her, seit er Streife gegangen war, doch die Verwandlung vom Polizisten zum Kriminalbeamten zum Anwalt hatte ihn nicht seiner Körperkraft beraubt. Er war von Natur aus schlank und athletisch gebaut und hatte breite Schultern. Gegenwärtig litt er allerdings unter einer Gehirnerschütterung, und die Schmerzen in seinem Arm waren so stark, dass er den Schlagstock kaum ordentlich greifen konnte. Da war es kein Wunder, dass er zum zweiten Mal an diesem Abend einen Sekundenbruchteil zu spät reagierte.
Der falsche Polizist sprang auf seinen Rücken und schlang ein Kabel um seinen Hals. Priest hob den Stock, um sein Gesicht zu schützen, wurde jedoch zur Seite geschleudert. Er keuchte und bemerkte mit wachsender Panik, dass er keine Luft mehr bekam. Der Würgereflex verschlimmerte es noch. Die beiden drehten mehrere brutale Pirouetten, während Priest versuchte, seinen Angreifer abzuschütteln. Sie prallten gegen ein Bücherregal. Priest rammte seinen Gegner förmlich hinein, worauf dieser ihn nur noch stärker würgte.
Priest spürte heißen Atem in seinem Nacken. Ein triumphierendes Grunzen drang an sein Ohr. Er sah Sterne, als sein müdes, an Sauerstoffmangel leidendes Gehirn allmählich abschaltete. Nach und nach versagten seine Muskeln, und seine Gegenwehr wurde schwächer. Einen Moment lang dachte Priest an seinen Vater, sah sein strahlendes Lächeln und die tiefblauen Augen, die er von ihm geerbt hatte. Sein Vater starrte ihn herausfordernd an, befahl ihm, keinesfalls aufzugeben. Du darfst niemals den Schwanz einziehen. Lass dich nie unterbuttern oder rumschubsen, Charlie. Egal, was passiert.
Er rammte das kurze Ende des Schlagstocks in die Rippen seines Gegners. Das Metall bohrte sich in den Körper des falschen Polizisten, der kurzzeitig den Griff um das Kabel lockerte. Das reichte Priest, um kräftig nach Luft zu schnappen und ein weiteres Mal auf dieselbe Stelle zu schlagen, nur härter. Jetzt heulte der Mann vor Schmerz auf und wich zur Seite aus, jedoch ohne Priest loszulassen. Dieser machte sich nun die Hebelwirkung zunutze, um den Schlagstock weiter in die Flanke des Mannes zu treiben, bis er das befriedigende Knacken von Knochen hörte.
In einer einzigen Bewegung wirbelte Priest nach rechts herum und drückte die Arme des falschen Polizisten mit dem Schlagstock nach unten. Dadurch war dessen Kopf ungedeckt, und Priest schlug mit der linken Faust so hart zu, wie er konnte. Dann drehte er den Schlagstock herum und packte ihn am kurzen Ende. Viel Raffinesse war nun nicht mehr erforderlich. Er baute sich über dem blutenden Mann auf. Anscheinend hatte er ihm mit dem Schlagstock ein Stück Haut aus dem Gesicht gerissen. Wie leicht wäre es gewesen, ihm den Garaus zu machen, ihm den Kopf einzuschlagen, sodass er platzte wie eine Wassermelone. Schon hob Priest die Waffe, doch irgendwas hielt ihn zurück. Er zögerte.
Charlie, es reicht, sagte sein Vater. Du bist nicht dein Bruder.
Priest ließ den Arm sinken. Du bist nicht dein Bruder, Charlie. William Priest hätte nicht gezögert, sondern dem Mann den Schädel entzweigeschlagen – nur um mal nachzusehen, was darin war.
Aus diesem Grund würde William das Fen-Marsh-Klinikum nie wieder verlassen.
»Wer sind Sie?«, fragte Priest.
»Spielt das eine Rolle?«
»Ich habe überhaupt keinen USB-Stick. Das war gelogen.«
»Scheiße!« Der Eindringling hustete einen Klumpen rötlicher Spucke aus. »Er hat gesagt, dass Sie ihn haben.«
»Wer ist er?«
Als der falsche Polizist nicht antwortete, machte Priest einen Schritt auf ihn zu – um ihn hochzuheben und gegen die Wand zu drücken, bis er seine Antworten hatte. Aber so weit kam es nicht; der Eindringling hatte noch genug Kraft, um sich auf Priest zu stürzen, sein Bein zu packen und die Zähne in seinem Knöchel zu versenken. Einen Augenblick lang dachte Priest, dass er ihm glatt den Fuß abgebissen hatte, so stark waren die Schmerzen. Er verlor das Gleichgewicht, und während er zu Boden ging, floh der falsche Polizist durch die Küche. Kurze Zeit später wurde die Wohnungstür aufgestoßen. Unten auf der Straße spielten die Musikanten immer noch ihren schrägen Blues.