Personen- und Sachregister
A
Abhidhamma Pitaka
Achtfacher Pfad, Faktoren des
Achtsamkeit, Wahrheit über
Advaita Vedanta
Advaita-Vedanta-Tradition
Aggivessana
Albahari, Miri
Alice im Wunderland
Altruismus, reziproker
Amygdala
Analytical Buddhism
Anatman
Anatta
Anattalakkhama Sutta (Nicht-Ich)
Angst vor Beschämung in einer Versammlung
Ängste, apokalyptische
Arhats (wahrhaft erleuchtete Wesen)
Asma, Stephen
Atem, Sammlung auf den
Atman (das Selbst oder die Seele)
Attributionsfehler, fundamentaler (fundamental attribution error)
Aufmerksamkeitsdefizit Aufmerksamkeitsdefizitstörung
Avatare
Axiom
B
Barkow, Jerome
Barmherzige-Samariter-Experiment
Batchelor, Stephen
Before Sunrise
Befreiung
– buddhistische
– Pfad zur
Beneffectance
Bewusstsein, Arten von
Bewusstseinszentrum
Biotechnologie
Bloggingheads.tv
Bloom, Paul
Bodhi, Bhikkhu
Börsenkrach, großer von
Brahman (die universale Seele)
Brewer, Judson
Buddha
Buddhismus
– Achtsamkeit, rechte
– Anfänge des
– Anschauung des
– des. Jahrhunderts
– grundlegende Ideen des
– Hauptströmung des
– Kernprinzipien des
– Mahayana-Schule
– metaphysischer
– moderne Interpreten des
– naturalistischer
– orthodoxer
– säkularer
– Schulen des
– Theravada-Schule
– tibetischer
– und moderne Psychologie (Onlinekurs)
– und Reinkarnation
– Vorstellung von im Westen
– Versenkung, rechte
– westlicher
– zentrale metaphysische Behauptungen des
Buddhismus für Ungläubige
C
Cantril, Hadley
Capgras-Illusion (Capgras-Syndrom)
Chah, Ajahn
Chandrakirti,
Cobain, Kurt
Conze, Edward
Cortex
– dorsolateraler präfrontaler (DLPFC)
– medial orbifrontaler (mOFC)
– präfrontaler
Cosmides, Leda
D
Dalai Lama
Daly, Martin
Darwin, Charles
Darwin‘sche Theorie
Das Schweigen der Lämmer
Dharma
Die Drei Geistesgifte
Die Drei Merkmale des Daseins
– Leiden oder Unbefriedigtsein
– Nicht-Ich (Nicht-Selbst)
– Vergänglichkeit
Die Fünf Daseinsgruppen
– Bewusstsein
– Geistformationen
– grundlegende Gefühle
– physischer Körper
– Wahrnehmungen
Diesseits von Gut und Böse
Die Vielfalt religiöser Erfahrung
Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit
Dopamin
Dryden, John
Dukkha
Dvesha
E
Edler Achtfacher Pfad Einstein, Albert
Erfahrung, mystische
Erleuchtung
– buddhistische
– Einstein und die
Erleuchtung/Aufklärung
– buddhistische Vorstellung von
– westliche Vorstellung von
Erleuchtungscheckliste
Essenzbewahrungsmechanismus
Evolution
– biologische
– kulturelle
Evolutionsbiologie
Evolutionspsychologie
F
Falsch Positive
Feindesliebe
Foreigner (Rockgruppe)
Führung durch Loslassen
Fünf Ängste
G
Gazzaniga, Michael
Gedanken, Prioritätenmarkierungen für
Gefühl/Modul, Verbindung von
Gefühle und
– Denken
– Gedanken
– Geschichten
Gehirn, grundlegende Konstruktionsprinzipien
Gehirnhemisphäre
– linke
– rechte
Gehirnmechanismus
Gehirnscanner
Geist
– Arten des
– modulare Anschauung des
Gelman, Susan
Gene, Weiterverbreitung von
Glaubenslehren, buddhistische
Goldstein, Joseph
Grady, Michael
Green, Joshua
Greenwald, Anthony
Griskevicius, Vladas
H
Halberstam, David
Häresie
Harman, Gilbert
Harvey, Peter
Hastorf, Albert
Herz-Sutra
How Pleasure Works
Hume, David
I
Ich, Grenzen des
Ichbewusstheit, schmerzliche
Idee der Lehre
Illusion
– Autoverkehr-
– Schlangen-
– und Albträume
– und Gedanken
– und Gefühle
– und Glaube
– und Rache
– und Verzerrung der Realität
– und Wahrnehmungen
– und Wissenschaft
– und Wut
Ingram, Daniel
Insight Meditation Society
J
Jäger-und-Sammler-Gesellschaft
Jäger-und-Sammler-Vorfahren, Gene unserer
James, William
Jesus Christus
Johnson, Samuel
Journal of Marketing Research
K
Kaufman, Scott Barry
Kausalität, Idee der
Kazmeier, Dick
Keats, John
Kelman, Herbert C.
Kennedy, John F.
Kenrick, Douglas
Khandas (Anhäufungen)
Kinsley, Michael
Klimawandel, globale Probleme des
Knight, Bobby
Konditionierung, Bewusstheit der
Kontrolle, Mangel an
Kornfield, Jack
Kurzban, Robert
L
Lebewesen und evolutionärer Zweck
Leere als Wahrheit
Leere, Konzept der
Liebenson, Narayan
Little Buddha
Lysergsäurediethylamid (LSD)
M
Mahatanhasankhaya Sutta
Mara
– glitschiger Pfad zur
Mastering the Core Teachings of the Buddha
Matrix
Meditation
– Achtsamkeitsmeditation
– buddhistische
– Einsichtsmeditation
– Gelassenheitsmeditation
– Gründe für die
– Eingreifen, rechtzeitiges
– Klarheit, Weisheit der
– Wahrheit, bedeutsamere Momente der
– Wahrheit, Momente der
– Wahrheit, Momente der moralischen
– Liebende-Güte-Meditation
– Metta-Meditation
– Morgenmeditation
– Nicht-Metta-Meditation
– tibetische
– Versenkungsmeditation
– Vipassanameditation
Meditationsanfänger, Gehirnscan-Studien bei
Meditationsklausur
Meditationsretreat
Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary
Metaphysik und Moral, Verkettung von
Metta
Mindfulness Based Cognitive Therapy (MBCT)
Mirror-Touch-Synästhesie
Modularer Geist, Modell des
Moha
Mohammed
Moses
Motivationsmechanismus, physischer
Müller-Lyer-Illusion
Mutualismus
Mystiker, abrahamitische
N
Nagel, Thomas
Neurological Science
Neurotizismus
Neurotransmitter
Ngo Dinh Diem
Nicht-Ich-Erfahrung
Nicht-Ich-Lehre
Nicht-Ich-Unterweisung
Nicht-Selbst-Lehre
Nirvana (Rockgruppe)
Nirwana
Nisbett, Richard
Nonzero
Nucleus accumbens
O
Organismen und Gefühle
P
Paradoxie
Partnergewinnungsmodus
Partnergewinnungs-Unter-Ich (mate-acquisition subself)
Paticca-samuppada (bedingte Entstehung)
Paulus von Tarsus
Perspektive des Ich, Transzendenz der
Pessoa, Luiz
Pfad, buddhistischer
Philosophie
– buddhistische
– hinduistische
Plato
Poptech-Konferenz
Priming, affektives
Priming-Experimente
Q
Quantenphysik
R
Raga
Rahula, Walpola
Reeves, Keanu
Relativitätstheorie
Retreat schweigender Meditation
Revolution, metakognitive
Rinpoche, Yongey Mingyur
Rolling Stones (Rockgruppe)
Romanes, George
Ross, Lee D.
Ruhezustandsmodus
Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network)
Rumi
Ruskin, John
S
Salzberg, Sharon
Samadhiraja Sutra
Sati
Satipatthana Sutta (Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit)
Schlangenillusion
Schmerz, Rekonzeptualisierung von
Selbsttäuschung, darwinistische Vorteile der
Selektion, natürliche
– Logik der
– Theorie der
Shining
Shunyata
Sidgwick, Henry
Sklave-Herr-Beziehung
Smith, Rodney
Society for Vipassana Meditation
Sperry, Roger
Split-Brain-Experimente
Stammespsychologie
– spezifische
– Studie zur
Stressreduktion, achtsamkeitsbasierte
Sutra
Sutta
T
Tanha
The Cognitive-Emotional Brain
The Experience of Insight
The New Republic
Theory-of-Mind-Modul
Theory-of-Mind-Netzwerk
Therapie, achtsamkeitsbasierte kognitive
Theravada-Kanon
Thich Quang Duc
Time Magazine
Tooby, John
Tretmühle, hedonistische
Tribalismus
Triebe, überholte
U/Ü
Über die Entstehung der Arten
Umgebung, Fehlanpassung an die (environmental mismatch)
Universum, Blickwinkel des
Unter-Ich und
– Krankheitsvermeidung
– Partnergewinnung
– Selbstschutz
– Status, sozialer
– Verbundenheit
– Verwandtenfürsorge
V
Vedanta-Überlieferung 276
Verblendung
– Ebenen der
– Glücks-
Verhaltensalgorithmen
Vermeer, Jan
Verzerrung (Bias)
Vier Edle Wahrheiten
Vipassana (klares Sehen)
Vipassana-Meditationsklausur
W
Wachowski, Lana
Wachowski, Lilly
Wahrheit und Schönheit
Wahrheiten, buddhistische
Weber, Akincano Marc
Weber, Gary
Weltanschauungen, traditionelle religiöse
What the Buddha Taught
Why Everyone (Else) Is a Hypocrite. Evolution and the Modular Mind
Wiedergeburt, endloser Kreislauf von
Wilson, Margo
Wilson, Timothy
Z
Zajonc, Robert
Zeitdiskontierung
Das Buch
Immer mehr Menschen meditieren. Und auch die Lehre des Buddha hat schon lange die Mitte unserer Gesellschaft erreicht. Woran das liegt? Ganz einfach: Buddhismus wirkt. Er bietet praktische Wege, in einer immer komplexer werdenden Welt die Dinge klar zu sehen und gelassen und erfüllt zu leben.
Skeptisch? Das war Robert Wright auch. Dann begann der preisgekrönte Wissenschaftsjournalist der Sache auf den Grund zu gehen. Er begann zu meditieren. Er wertete neueste Studien aus Medizin und Neurowissenschaft aus. Er sprach mit Forschern und buddhistischen Lehrern aus aller Welt. Und er stellte zweifelsfrei fest: Die buddhistische Praxis trägt in höchstem Maße zu körperlichem und seelischen Wohlergehen bei. Und jeder Interessierte kann hier und heute davon profitieren.
Der Autor
Robert Wright ist Journalist und Autor mehrerer Sachbuch-Bestseller. Er studierte Soziobiologie und schreibt vor allem über die Schnittstellen zwischen moderner Wissenschaft, Philosophie und Religion. Seine Bestseller erhielten Auszeichnungen und wurden in 13 Sprachen übersetzt. Er schreibt u.a. für die New York Times, Washington Post und Financial Times. Neben seiner Tätigkeit als Autor gibt Wright Vorlesungen an der Princeton University über die Verbindung zwischen Psychologie und Buddhismus.
www.robertwright.com
Robert Wright
Warum Buddhismus wirkt
Die Wissenschaft und Philosophie von Meditation und Erleuchtung
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
von Stephan Schuhmacher

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Why Buddhism Is True: The Science and Philosophy of Meditation and Enlightenment« bei Simon & Schuster. Inc.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Erste Auflage 2018
Why Buddhism Is True: The Science and Philosophy of Meditation and Enlightenment Copyright © 2017 by Robert Wright
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Lotos Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
All Rights Reserved. Published by arrangement with the original publisher, Simon & Schuster, Inc.
Alle Rechte sind vorbehalten.
Redaktion: Ralf Lay
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München, unter Verwendung des Coverdesigns von © Pete Garceau und eines Motivs von © Dinkoobraz/thinkstock
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-23190-3
V002
www.Integral-Lotos-Ansata.de
www.facebook.com/Integral.Lotos.Ansata
Für Terri, Mike, Becki und Linda
Inhalt
Eine Anmerkung für die Leser
1. Die rote Pille schlucken
2. Die Paradoxe der Meditation
3. Wann sind Gefühle Illusionen?
4. Glückseligkeit, Ekstase und wichtigere Gründe zu meditieren
5. Die angebliche Nichtexistenz des Ich
6. Ihr Geschäftsführer ist spurlos verschwunden
7. Die mentalen Module, die Ihr Leben bestimmen
8. Wie Gedanken sich selbst denken
9. »Selbst«-Kontrolle
10. Begegnungen mit dem Formlosen
11. Die gute Seite der Leere
12. Eine Welt ohne Unkraut
13. Als ob, wow, alles eins ist (bestenfalls)
14. Nirwana in einer Nussschale
15. Ist die Erleuchtung erleuchtend?
16. Meditation und die unsichtbare Ordnung
ANHANG
Eine Liste buddhistischer Wahrheiten
Eine Anmerkung zur Terminologie
Dank
Literatur
Anmerkungen
Personen- und Sachregister
Der Dichter: Sag doch, ehe du gehst: Worunter littest du am meisten hier unten?
Die Tochter: Darunter – da zu sein; zu fühlen, wie mein Gesicht durch ein Auge geschwächt, wie mein Gehör durch ein Ohr abgestumpft wird und wie mein Gedanke, mein luftiger lichter Gedanke, an die Labyrinthe der Fettwindungen gebunden ist. Du hast ja ein Gehirn gesehen – welche Umwege, welche Schleichwege …
August Strindberg, Ein Traumspiel,
verdeutscht von Emil Schering
Eine Anmerkung für die Leser
Ein Buch mit einem Titel wie »Warum Buddhismus wirkt« sollte irgendwo eine wohlbedachte Rechtfertigung enthalten. Am besten, wir erledigen das sogleich:
Robert Wright

1
Die rote Pille schlucken
Auf die Gefahr hin, die menschliche Befindlichkeit über Gebühr zu dramatisieren: Haben Sie den Film »Matrix« gesehen?
Seine Hauptperson ist ein junger Mann namens Neo (dargestellt von Keanu Reeves), der entdeckt, dass er in einer Traumwelt gelebt hat. Das Leben, das er zu führen glaubte, war tat-sächlich nur eine raffinierte Halluzination. Er lebte diese Halluzination, ohne darum zu wissen, dass sein tatsächlicher physischer Körper sich in einer klebrigen, sarggroßen Kapsel befand – eine unter vielen Kapseln in Reihen über Reihen von Kapseln, die alle ein Menschenwesen enthielten, das in einen Traum versunken war. Die Menschheit hatte vor langer Zeit einen Krieg gegen die von ihr selbst erschaffenen Maschinen mit künstlicher Intelligenz verloren. Die Maschinen nutzten die Menschen nun zur Energiegewinnung und hatten ihnen zur Ruhigstellung ein Traumleben gegeben.
In der berühmten »Rote-Pille«-Szene des Films wird Neo vor die Wahl gestellt, weiterhin eine Illusion zu leben oder zur Wirklichkeit zu erwachen. Neo wurde von »Rebellen« kontaktiert, die in seinen Traum eingetreten sind (oder, um es genau zu sagen, deren Avatare in seinen Traum eingedrungen sind). Ihr Anführer Morpheus (gespielt von Laurence Fishburne) erklärt Neo die Situation: »Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren. Du lebst in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst, einem Gefängnis für deinen Verstand.« Das Gefängnis wird »die Matrix« genannt. »Dummerweise ist es schwer, jemandem zu erklären, was die Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben.« Er bietet Neo zwei Pillen an, eine rote und eine blaue. Neo kann die blaue Pille einnehmen und in seine Traumwelt zurückkehren, oder er kann die rote Pille nehmen und den Schleier der Illusion durchbrechen. Neo entscheidet sich für die rote Pille.
Das ist eine ziemlich schwerwiegende Entscheidung: ein Leben der Verblendung und Gefangenschaft oder ein Leben der Einsicht und Freiheit. Es ist in der Tat eine dermaßen dramatische Wahl, dass man glauben möchte, so etwas sei zwar genau richtig für einen Hollywoodfilm, die Entscheidungen, die wir tatsächlich darüber treffen müssen, wie wir unser Leben führen wollen, seien aber weniger bedeutungsschwer und viel prosaischer. Doch als dieser Film in die Kinos kam, versinnbildlichte er für viele Menschen eine Entscheidung, die sie tatsächlich selbst getroffen hatten.
Die Menschen, an die ich denke, könnte man »westliche Buddhisten« nennen, Leute in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern, die zum größten Teil nicht als Buddhisten aufgewachsen sind, die sich aber irgendwann für den Buddhismus entschieden haben. Sie übernahmen zumindest eine Version dieser Religion, die man einiger der übernatürlichen Elemente entkleidet hatte, welche sich typischerweise im asiatischen Buddhismus finden, wie etwa der Glaube an die Reinkarnation und an verschiedene Gottheiten. Dieser westliche Buddhismus konzentriert sich auf einen Teil der buddhistischen Praxis, der in Asien eher unter Mönchen als unter Laien verbreitet ist: Meditation zusammen mit der Versenkung in buddhistische Philosophie. (Zwei der am meisten verbreiteten Vorstellungen vom Buddhismus im Westen – dass er atheistisch sei und um Meditation kreise – sind falsch. Die meisten asiatischen Buddhisten glauben tatsächlich an Götter, wenn auch nicht an einen allmächtigen Schöpfergott, und sie meditieren auch nicht.)
Diese westlichen Buddhisten waren, bereits lange bevor sie den Film »Matrix« gesehen hatten, zu der Überzeugung gelangt, dass die Welt, wie sie sie einst gesehen hatten, eine Art von Illusion war – nicht durch und durch eine Halluzination, aber ein stark verzerrtes Bild der Realität, das wiederum ihre Lebensweise verzerrt hatte, und zwar mit schwerwiegenden Konsequenzen für sie und ihre Mitmenschen. Sie hatten das Gefühl, dass sie die Dinge dank der Meditation und der buddhistischen Philosophie jetzt klarer sahen. Für diese Menschen war »Matrix« eine angemessene Allegorie für die Verwandlung, die sie durchgemacht hatten, und sie betrachteten den Film als einen »Dharma-Film«. Das Wort »Dharma« hat mehrere Bedeutungen; es bezeichnet unter anderem die Lehren Buddhas und den Pfad, den Buddhisten diesen Unterweisungen entsprechend einschlagen sollten. Im Kielwasser von »Matrix« wurde die Metapher »Ich habe die rote Pille geschluckt« für viele ein neuer Ausdruck für »Ich folge dem Weg des Dharma«.
Ich habe »Matrix« im Jahr 1999 gesehen, gleich nachdem der Film in die Kinos gekommen war; und einige Monate später erfuhr ich, dass ich in einer gewissen Verbindung damit stand. Die Wachowski-Geschwister, verantwortlich für Drehbuch und Regie des Films, hatten Keanu Reeves zur Vorbereitung auf die Rolle von Neo drei Bücher zu lesen gegeben. Eines davon war Diesseits von Gut und Böse,1 das ich einige Jahre zuvor geschrieben hatte.
Ich bin mir nicht sicher, welche Art von Verbindung die Regisseure zwischen meinem Buch und »Matrix« gesehen haben. Aber ich weiß, welche Verbindung ich sehe. Die Evolutionspsychologie lässt sich auf unterschiedliche Weise beschreiben; ich habe sie in meinem Buch folgendermaßen interpretiert: Es ist die Wissenschaft davon, wie das menschliche Gehirn von der natürlichen Selektion dazu konzipiert wurde, uns in die Irre zu führen, uns sogar zu versklaven.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Die natürliche Selektion hat ihre Vorteile, und ich bin lieber von ihr geschaffen als überhaupt nicht existent – was, soweit ich sehen kann, die beiden Optionen sind, die uns dieses Universum bietet. Ein Produkt der Evolution zu sein bedeutet allerdings keineswegs, dass diese Evolution ganz und gar eine Geschichte der Versklavung und Verblendung war. Unser entwickeltes Gehirn befähigt uns in vieler Hinsicht und segnet uns oft mit einer grundlegend zutreffenden Sicht der Realität.
Und trotzdem: Der natürlichen Selektion geht es letztlich nur um eine einzige Angelegenheit (oder vielleicht sollte ich besser sagen: Sie »funktioniert« nur zu einem Zweck, denn die natürliche Selektion ist bloß ein blinder Prozess, kein bewusster Gestalter). Und diese eine Sache ist, unsere Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Genetisch bedingte Züge, die in der Vergangenheit zur genetischen Fortpflanzung beigetragen hatten, blühten und gediehen, während andere Züge, die dies nicht leisteten, auf der Strecke geblieben sind. Und zu den Zügen, die diesen Test überlebt haben, gehörten mentale Züge – Strukturen und Algorithmen, die in unser Gehirn eingebaut sind und unsere Alltagserfahrung formen. Wenn Sie also die Frage stellen: »Welche Art von Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen leiten uns in unserem täglichen Leben?«, so ist die Antwort auf der grundlegenden Ebene nicht: »Die Art von Gedanken und Gefühlen und Wahrnehmungen, die uns ein zutreffendes Bild der Realität vermittelt.« Nein, auf der grundlegendsten Ebene ist die Antwort: »Die Art von Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen, die unseren Vorfahren geholfen hat, ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben.« Ob diese Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen uns eine wahre Sicht der Realität vermitteln, ist im Grunde unwichtig. Und das führt dazu, dass sie es manchmal nicht tun. Unser Gehirn ist dazu konzipiert, uns unter anderem auch irrezuführen.
Nicht, dass daran irgendetwas schlecht wäre! Einige meiner glücklichsten Momente ergaben sich aus einer Illusion – zum Beispiel dem Glauben, dass die Zahnfee mir einen Besuch abstatten würde, nachdem ich einen Zahn verloren hatte. Aber Illusionen können auch schlechte Erfahrungen hervorbringen. Und ich meine damit nicht nur Momente, die im Rückblick offensichtlich eine Illusion waren, wie schreckliche Albträume. Ich meine auch Momente, die Sie vielleicht nicht für verblendet halten, wie etwa nachts mit Angst wach zu liegen. Oder sich Tag für Tag hoffnungslos, ja sogar deprimiert zu fühlen. Oder vielleicht Wutanfälle gegenüber anderen Menschen zu haben, Ausbrüche, die sich für einen Moment vielleicht tatsächlich gut anfühlen, die aber langsam Ihren Charakter zersetzen. Oder das Gefühl von Affronts gegenüber sich selbst. Oder ein Gefühl von Gier, das Gefühl eines Zwangs, etwas in einem Ausmaß zu konsumieren, das weit über die Sorge für unser Wohlergehen hinausgeht. Auch wenn Emotionen wie Angst, Verzweiflung, Hass und Gier nicht auf die gleiche Weise illusionär sind wie ein Albtraum, werden Sie, wenn Sie gründlich darüber nachdenken, doch herausfinden, dass sie Elemente der Verblendung enthalten, ohne die es Ihnen besserginge.
Und wenn Sie denken, Ihnen würde es bessergehen ohne diese Emotionen, dann stellen Sie sich einmal vor, wie es der ganzen Welt gehen könnte. Schließlich können Gefühle wie Verzweiflung, Hass und Gier Kriege und Gräueltaten fördern. Sollte das, was ich sage, also wahr sein – wenn diese grundlegenden Quellen menschlichen Leidens und menschlicher Grausamkeit tatsächlich zum großen Teil ein Produkt von Verblendung sind –, dann ist es allemal sinnvoll, diese Verblendung ans Licht zu holen.
Das hört sich logisch an, nicht wahr? Aber hier gibt es ein Problem, das mir, schon bald nachdem ich mein Buch geschrieben hatte, langsam deutlich wurde: Der genaue Wert der Entlarvung einer Illusion hängt davon ab, welche Art von Licht man darauf wirft. Manchmal hilft ein Verständnis der letztlichen Quelle unseres Leidens an sich noch nicht viel.
Eine alltägliche Verblendung
Nehmen wir ein einfaches, aber grundlegendes Beispiel: Wir essen irgendein Junkfood, fühlen uns kurzfristig befriedigt, und dann, nur Minuten später, empfinden wir eine Art von Absturz und vielleicht Hunger nach mehr Junkfood. Dies ist aus zweierlei Gründen ein gutes Exempel für den Anfang.
Zuerst einmal illustriert es, wie subtil unsere Verblendungen sein können. Nehmen wir der Deutlichkeit halber einmal etwas überzeichnet an, dass Sie sich für den Messias halten oder glauben, fremdländische Geheimagenten hätten sich verschworen, Sie umzubringen – da brächte es nichts, wenn Sie eine Sechserpackung mit Puderzucker bestreuter Donuts äßen. Ähnliches gilt für viele, oft weniger offensichtliche Quellen der Verblendung, die ich in diesem Buch diskutieren werde: Dabei geht es mehr um Illusionen – darum, dass die Dinge nicht genauso sind, wie sie zu sein scheinen – als um eine Verblendung im dramatischeren Sinn dieses Wortes. Dennoch werde ich am Ende des Buches aufgezeigt haben, dass alle diese Illusionen sich zu einer Verzerrung der Realität großen Ausmaßes addieren, einer Irreführung, die so signifikant und folgenreich ist wie eine ausgemachte Verblendung.
Der zweite Grund, warum Junkfood für den Anfang als gutes Beispiel dient, ist, dass es grundlegend für die Lehren Buddhas eingesetzt werden kann. Natürlich gab es vor 2500 Jahren noch kein Junkfood im heutigen Sinne. Grundlegend für die Dynamik der Lehren Buddhas ist aber die allgemeine Dynamik eines starken Hingezogenseins zu sinnlichem Genuss, der sich schon bald bestenfalls als flüchtig erweist. Eine von Buddhas wichtigsten Botschaften war, dass die Genüsse, die wir suchen, schnell verfliegen und uns nach mehr dürstend zurücklassen. Wir verbringen unsere Zeit damit, nach der nächsten Befriedigung zu suchen – dem nächsten Puderzucker-Donut, der nächsten sexuellen Erfahrung, der nächsten unseren Status erhöhenden Beförderung, dem nächsten Onlinekauf. Doch der Kick verblasst, und was zurückbleibt, ist der Wunsch nach mehr. Der Rolling-Stones-Titel »I can’t get no satisfaction« spiegelt nach buddhistischen Kriterien die menschliche Befindlichkeit wider. Auch wenn der Buddha berühmt für die Behauptung ist, das Leben sei von Leiden geprägt, sagen viele Gelehrte, dies sei eine unvollständige Wiedergabe seiner Botschaft und das Wort dukkha, das als »Leiden« wiedergegeben wird, wäre in mancher Hinsicht besser als »Unbefriedigtsein« zu übersetzen.
Was genau ist also das Illusorische am Streben nach Donuts, Sex, Konsumgütern oder einer Beförderung? Es gibt unterschiedliche Illusionen, die mit verschiedenen Bestrebungen verbunden sind, aber für den Moment können wir uns auf einen Umstand konzentrieren, der all diese Ziele kennzeichnet: die Überbewertung des Ausmaßes an Glück, das ihr Erreichen oder ihre Umsetzung mit sich bringen wird. Auch das ist an sich nur in einem subtileren Sinn eine Verblendung. Würde ich Sie fragen, ob Sie glauben, dass die nächste Beförderung, die beste Note beim nächsten Examen oder der nächste Donut Ihnen dauerhafte Glückseligkeit brächten, würden Sie das natürlich verneinen. Andererseits verfolgen wir solche Ziele oft mit einer zumindest unausgewogenen Sicht der Zukunft. Wir verwenden mehr Zeit darauf, uns vorzustellen, was die mit der Beförderung verbundene Gehaltserhöhung uns bringen wird, als uns vorzustellen, welche Kopfschmerzen die Beförderung bereiten kann. Und im Hintergrund mag unausgesprochen die Hoffnung lauern, dass wir uns dann, wenn wir dieses lang ersehnte Ziel erreicht haben, wenn wir auf dem Gipfel angekommen sind, endlich entspannen können oder die Dinge zumindest dauerhaft besser sein werden. Ähnlich ist es, wenn wir diesen Donut vor uns sehen und uns vorstellen, wie gut er schmecken wird, und nicht, wie intensiv es uns nach einem weiteren Donut verlangen wird, kaum dass wir ihn aufgegessen haben, oder wie wir uns ein bisschen müde oder nervös wiederfinden, sobald der Zuckerkick vergeht.
Warum Genuss nachlässt
Um zu erklären, warum diese Art von Verzerrung in die menschliche Erwartungshaltung eingearbeitet ist, braucht es einen Evolutionsbiologen oder zumindest jemanden, der bereit ist, etwas Zeit auf das Nachdenken darüber zu verwenden, wie die Evolution funktioniert.
Hier ist die grundlegende Logik. Wir sind durch die natürliche Selektion dazu »konzipiert«, gewisse Verhaltensweisen auszuführen, die unseren Vorfahren geholfen haben, ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben – essen, Geschlechtsverkehr haben, sich die Achtung anderer Menschen verdienen und Rivalen übertreffen. Ich habe »konzipiert« in Anführungen gesetzt, weil, um es noch einmal zu sagen, die natürliche Selektion kein bewusster, intelligenter Konstrukteur ist, sondern ein unbewusster Prozess. Trotzdem bringt die natürliche Selektion Organismen hervor, die so aussehen, als seien sie das Produkt eines bewussten Konstrukteurs, der immer wieder an ihnen herumgebastelt hat, um sie zu effektiven Verbreitern von Genen zu machen. Doch als eine Art Gedankenexperiment ist es legitim, sich die natürliche Selektion als einen »Designer« vorzustellen, sich selbst an seine Stelle zu versetzen und zu fragen: Wenn Sie Organismen daraufhin konzipieren müssten, bei der Verbreitung ihrer Gene gut zu sein, wie würden Sie sie dazu bringen, Ziele zu verfolgen, die diesem Zweck dienen? Mit anderen Worten: Wenn wir davon ausgehen, dass essen, Geschlechtsverkehr haben, Mitmenschen beeindrucken und Rivalen übertreffen unseren Vorfahren geholfen hat, ihre Gene zu verbreiten, wie genau würden Sie ihre Gehirne konstruieren, um sie dazu zu bringen, diese Ziele zu verfolgen? Ich schlage vor, dass zumindest drei grundlegende Konstruktionsprinzipien sinnvoll wären:
Wenn Sie diese drei Konstruktionsprinzipien zusammenbringen, dann gelangen Sie zu einer ziemlich plausiblen Erklärung der menschlichen Befindlichkeit, wie der Buddha sie diagnostizierte. Ja, wie er sagte, der Genuss ist flüchtig, und ja, dies lässt uns immer wieder unbefriedigt zurück. Und der Grund dafür ist, dass der Genuss von der natürlichen Selektion dazu konzipiert wurde, zu verfliegen, sodass das darauf folgende Ungenügen uns dazu bringen wird, weiteren Genuss zu suchen. Die natürliche Selektion »möchte« letztlich nicht, dass wir glücklich sind. Sie »möchte« einfach nur, dass wir produktiv sind, und zwar in ihrem engen Sinn von produktiv.
Wissenschaftler können beobachten, wie sich diese Logik auf der biochemischen Ebene auswirkt, indem sie das Dopamin beobachten, einen Neurotransmitter, der mit Genuss und der Erwartung von Genuss korreliert. In einer wegweisenden Studie nahmen sie Affen und beobachteten Dopamin erzeugende Neuronen, während Tropfen eines süßen Safts auf die Zunge der Affen fielen. Wie zu erwarten war, wurde Dopamin freigesetzt, sobald der Saft die Zunge erreichte. Doch dann wurden die Affen darauf trainiert, Safttropfen zu erwarten, nachdem ein Licht angegangen war. Während die Wissenschaftler den Versuch fortsetzten, wurde immer mehr Dopamin freigesetzt, sobald das Licht anging, und immer weniger, nachdem der Saft die Zunge berührt hatte.2
Wir können natürlich nicht genau wissen, wie es sich angefühlt hat, einer dieser Affen zu sein, aber es sieht so aus, als würde im Lauf der Zeit die Erwartung des Genusses der Süße immer mehr bewirken, während der tatsächliche Genuss der Süße immer weniger auslöst.3 Um das, was sich mutmaßen lässt, in menschliche Relationen zu übersetzen: Wenn Sie einer neuen Art von Genuss begegnen – nehmen wir an, Sie hätten Ihr Leben lang noch keinen Puderzucker-Donut gegessen und jemand gäbe Ihnen einen und schlüge vor, Sie sollten ihn probieren –, dann bekämen Sie einen großen Dopaminkick, sobald Sie den Geschmack des Donuts verspüren. Doch später, wenn Sie zu einem eingefleischten Puderzucker-Donut-Esser geworden sind, kommt der Löwenanteil des Dopaminschubs, bevor Sie tatsächlich in das Teil beißen, nämlich sobald Sie beginnen, es voller Verlangen anzusehen. Die Menge an Dopamin, die nach dem Biss ausgeschüttet wird, ist wesentlich geringer als die, die Sie nach dem ersten glückseligen Biss in einen Donut erhalten hatten. Der Dopaminkick, den Sie jetzt erhalten, ist das Versprechen von mehr Glückseligkeit, und der Abfall der Menge an Dopamin nach dem Biss bedeutet gewissermaßen den Bruch dieses Versprechens – oder zumindest eine Art von biochemischer Bestätigung, dass man sich von etwas zu viel versprochen hat. In dem Maße, in dem Sie das Versprechen akzeptierten – dass Sie also größeren Genuss erwartet haben, als sich beim Zubeißen dann tatsächlich eingestellt hat –, waren Sie, wenn vielleicht auch nicht im wörtlichen Sinne dieses Wortes »verblendet«, so doch zumindest irregeführt.
Irgendwie ganz schön grausam – aber was erwarten Sie von der natürlichen Selektion? Deren Job ist es, »Maschinen« zu bauen, die Gene verbreiten, und wenn das bedeutet, dass der »Maschine« ein gewisses Maß an Illusion einprogrammiert werden muss, dann wird es diese Illusion geben.
Wenig hilfreiche Einsichten
Diese Art von Licht kann die Wissenschaft also auf eine Illusion werfen. Nennen wir es »darwinistisches Licht«. Betrachten wir die Dinge vom Standpunkt der natürlichen Selektion, dann sehen wir, warum uns die Illusion eingebaut sein sollte, und wir haben umso mehr Grund dazu, zu sehen, dass sie eine Illusion ist. Aber – und das ist der wesentliche Punkt dieses kleinen Exkurses – diese Art von Licht ist von begrenztem Wert, wenn Ihr Ziel darin besteht, sich tatsächlich von der Illusion zu befreien.
Sie glauben mir nicht? Versuchen Sie einmal das folgende einfache Experiment: (1) Denken Sie über die Tatsache nach, dass unsere Lust auf Donuts und andere Süßigkeiten eine Art von Illusion ist – dass die Lust implizit einen Genuss verspricht, der dauerhafter ist als derjenige, der sich tatsächlich einstellt, wenn Sie der Versuchung nachgeben, wobei Sie uns der Enttäuschung gegenüber, die sich danach einstellen mag, verblendet. (2) Während Sie über diese Tatsache nachdenken, halten Sie sich einen Puderzucker-Donut vor die Nase. Spüren Sie, wie die Lust darauf auf magische Weise nachlässt? Das geschieht nicht, wenn Sie so sind wie ich – keineswegs.
Das ist es, was ich entdeckte, nachdem ich mich in die Evolutionspsychologie versenkt hatte: Die Wahrheit über Ihre Situation zu erkennen, zumindest in der Form, die die evolutionäre Psychologie Ihnen bietet, macht Ihr Leben nicht unbedingt besser. Tatsächlich kann sie es schlimmer machen. Sie stecken immer noch in dem natürlichen menschlichen Kreislauf des letztlich vergeblichen Suchens nach Genuss fest – in dem, was Psychologen manchmal die »hedonistische Tretmühle« nennen –, aber nun haben Sie einen neuen Grund dafür, die Absurdität der Situation zu erkennen. Sie sehen jetzt, mit anderen Worten gesagt, dass es eine Tretmühle ist, die genau dafür konzipiert wurde, Sie weiter darin laufen zu lassen, oft ohne dass Sie von der Stelle kommen – und dennoch laufen Sie weiter!
Ich denke, trotzdem ist es nicht so schrecklich unangenehm, sich der darwinistischen Logik hinter dem Mangel an Selbstdisziplin beim Essen bewusst zu sein. Vielleicht finden Sie in dieser Logik sogar tatsächlich eine tröstliche Entschuldigung: Es ist schwer, gegen Mutter Natur anzukämpfen, nicht wahr?
Puderzucker-Donuts sind natürlich nur ein Beispiel für vieles. Doch die Evolutionsbiologie machte mir auch bewusster, wie die Illusion andere Arten von Verhalten prägt, wie etwa die Art und Weise, auf die ich andere Menschen behandele, und sogar, wie ich mit mir selbst in vieler Hinsicht umgehe. Diesbezüglich war die darwinistische Selbsterkenntnis manchmal ziemlich unangenehm.
Yongey Mingyur Rinpoche, ein Meditationslehrer in der Tradition des tibetischen Buddhismus, sagte: »Glück läuft letztlich darauf hinaus, dass wir wählen können zwischen der Unannehmlichkeit, uns unserer mentalen Affektionen bewusst zu werden, und der Unannehmlichkeit, von diesen regiert zu werden.«4 Er meinte damit: Wenn Sie sich von jenen Aspekten Ihres Geistes befreien wollen, die Sie davon abhalten, wahres Glück zu realisieren, dann müssen Sie sich ihrer zuerst bewusst werden, was ziemlich unangenehm sein kann.
Na gut, in Ordnung: Das ist eine Form schmerzlicher Selbsterkenntnis, die sich lohnen würde – die letztlich zu tiefem Glück führt. Aber die Erkenntnis, die ich aus der Evolutionsbiologie gewann, war zunächst nur das Schlechteste von beiden Seiten: die schmerzliche Selbsterkenntnis ohne das tiefe Glück. Ich hatte sowohl die Unannehmlichkeit, mir meiner mentalen Affektionen bewusst zu sein, als auch die Unannehmlichkeit, von ihnen beherrscht zu werden.
Jesus sagte: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« Nun ja, ich hatte das Gefühl, mit der evolutionären Psychologie auf die Wahrheit gestoßen zu sein. Aber ganz offensichtlich hatte ich den Weg nicht gefunden. Was mich dazu brachte, eine andere Aussage Jesu als fragwürdig einzuschätzen: dass die Wahrheit mich befreien würde. Ich hatte das Gefühl, die grundlegende Wahrheit über die menschliche Natur erkannt zu haben, und ich sah jetzt klarer denn je, wie sehr ich von allen möglichen Illusionen gefangen gehalten wurde. Aber die Erkenntnis dieser Wahrheit brachte mir keinen Passierschein, mit dem ich aus dem Gefängnis gekommen wäre.
Gibt es also irgendwo eine andere Version der Wahrheit, die mich befreien würde? Nein, ich glaube, nicht. Zumindest glaube ich nicht, dass es eine Alternative zu der von der Wissenschaft präsentierten Wahrheit gibt. Ob es uns gefällt oder nicht, die natürliche Selektion ist nun einmal der Prozess, der uns geschaffen hat. Doch einige Jahre nachdem ich Diesseits von Gut und Böse geschrieben hatte, begann ich mich zu fragen, ob es nicht einen Weg gäbe, die Wahrheit zu operationalisieren – einen Weg, die tatsächliche wissenschaftliche Wahrheit über die menschliche Natur und die menschliche Befindlichkeit auf eine Art und Weise zu formulieren, die nicht nur unsere Illusionen identifizieren und erklären würde, sondern die uns auch helfen könnte, uns von ihnen zu befreien. Ich begann, mich zu fragen, ob der westliche Buddhismus, von dem mir zu Ohren gekommen war, dieser Weg sein könnte. Vermutlich sagten viele der Lehren Buddhas ja im Wesentlichen dasselbe wie die moderne Psychologie. Und vielleicht war die Meditation zu einem großen Teil eine andere Weise, diese Wahrheiten zu würdigen – und dazu noch ein Weg, tatsächlich etwas gegen sie zu unternehmen.
So machte ich mich denn im August 2003 zu meiner ersten Meditationsklausur in einen ländlichen Teil von Massachusetts auf – eine ganze Woche, die der Meditation gewidmet war, ohne solche Ablenkungen wie E-Mails, Nachrichten von der Außenwelt und Gespräche mit anderen Menschen.
Die Wahrheit über die Achtsamkeit
sati Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit
Ich kenne kein gut verkäufliches Buch über Achtsamkeitsmeditation, das einen Titel wie »Halt inne und riech die Fäkalien« trüge. Und ich habe noch von keinem Meditationslehrer die Empfehlung gehört, ich solle auf meine Galle, meinen Schleim und den Eiter auf meinem verwesenden Körper meditieren, der ich eines Tages sein werde. Was hierzulande als eine alte meditative Tradition präsentiert wird, ist in Wirklichkeit also eine selektive Version einer alten meditativen Tradition, die in manchen Fällen stark geschminkt ist.
Das ist nichts Verwerfliches. Was sollte falsch daran sein, dass moderne Interpreten des Buddhismus selektiv – und manchmal sogar kreativ – in dem sind, was sie als Buddhismus präsentieren? Alle spirituellen Traditionen entwickeln sich, passen sich Zeit und Ort an, und die buddhistischen Lehren, die heute ihr Publikum in den Vereinigten Staaten und Europa finden, sind ein Produkt einer solchen Evolution.
Das für unsere Zwecke Wichtige ist, dass diese Evolution – die Evolution, die eine dezidiert westliche Version des Buddhismus für das 21. Jahrhundert hervorgebracht hat – die Verbindung zwischen der gegenwärtigen Praxis und dem altbewährten Gedankengut nicht getrennt hat. Die moderne Achtsamkeitsmeditation ist nicht genau dasselbe wie die alte, aber beide beruhen auf einer gemeinsamen philosophischen Grundlage. Wenn Sie der beiden Traditionen zugrunde liegenden Logik nur weit genug folgen, werden Sie eine dramatische Behauptung finden: dass wir, metaphorisch gesprochen, in der »Matrix« leben. Wie säkular sich die Achtsamkeitsmeditation manchmal auch anhören mag, wenn Sie sie rigoros verfolgen, ist es eine Praxis, die Sie sehen lassen kann, was Sie nach Aussage von Morpheus mithilfe der roten Pille sehen können. Nämlich »die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus« (eine Anspielung auf Alice im Wunderland).
Bei dieser ersten Meditationsklausur machte ich einige ziemlich beeindruckende Erfahrungen – imposant genug, um den Wunsch in mir wachzurufen, den Kaninchenbau tiefer zu erforschen. Also las ich mehr über buddhistische Philosophie, sprach mit Experten des Buddhismus, ging schließlich zu weiteren Meditationsretreats und begründete meine eigene tägliche Meditationspraxis.
All das machte mir immer klarer, warum »Matrix« ein »Dharma-Film« genannt wurde. Auch wenn die Evolutionspsychologie mich bereits davon überzeugt hatte, dass die Menschen von Natur aus mehr oder weniger verblendet sind, stellte sich heraus, dass der Buddhismus ein sogar noch dramatischeres Bild malt. Ihm zufolge beeinflusst die Verblendung unsere alltäglichen Wahrnehmungen und Gedanken auf sehr viel subtilere und allgegenwärtigere Weise, als ich es mir vorgestellt hatte. Und zwar auf eine Weise, die ich nachvollziehen konnte. Je tiefer ich in den Buddhismus eindrang, desto radikaler erschien er, aber je mehr ich ihn im Licht der modernen Psychologie untersuchte, desto plausibler erschien er mir auch. Die Matrix des wirklichen Lebens, in die wir tatsächlich eingebettet sind, sah immer mehr wie die in dem Film aus – vielleicht nicht stets so dramatisch bewusstseinsverändernd, aber doch zutiefst irreführend und letztlich unterdrückend, wie etwas, dem die Menschheit unbedingt entfliehen muss.
Die gute Nachricht ist das, wovon ich zudem überzeugt wurde: Wenn Sie der Matrix entfliehen wollen, dann bietet die buddhistische Praxis und Philosophie Ihnen eine starke Hoffnung. Nicht nur der Buddhismus macht dieses Versprechen. Es gibt andere spirituelle Traditionen, die die menschliche Befindlichkeit mit Einsicht und Weisheit ansprechen. Aber die buddhistische Meditation gemeinsam mit der ihr zugrunde liegenden Philosophie spricht diese Befindlichkeit auf eine erstaunlich direkte und umfassende Weise an. Der Buddhismus bietet eine explizite Diagnose des Problems und ein Heilmittel. Und wenn das Heilmittel wirkt, bringt es nicht nur Glück, sondern auch eine Klarheit der Sicht: Man erfährt die tatsächliche Wahrheit über die Dinge oder zumindest etwas, was ihr unendlich viel näher kommt als unsere alltägliche Anschauung.
Manche Menschen, die in den vergangenen Jahren zu meditieren begannen, haben dies im Wesentlichen aus therapeutischen Gründen getan. Sie üben die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion oder konzentrieren sich auf ein spezifisches persönliches Problem. Sie sind sich vielleicht gar nicht bewusst, dass die Art von Meditation, die sie praktizieren, ein zutiefst spirituelles Unterfangen sein kann, das ihre Sicht der Welt zu transformieren vermag. Sie stehen, ohne es zu wissen, nahe an der Schwelle zu einer grundlegenden Entscheidung, einer Entscheidung, die nur sie allein treffen können. Wie Morpheus sagte: »Ich versuche, deinen Verstand zu befreien, Neo. Aber ich kann dir nur die Tür zeigen. Hindurchgehen musst du alleine.« Dieses Buch ist ein Versuch, Ihnen die Tür zu zeigen, eine Vorstellung von dem zu geben, was dahinter liegt, und von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus zu erklären, warum das, was dahinter liegt, einen stärkeren Anspruch darauf hat, real zu sein, als die Welt, mit der Sie vertraut sind.