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CARÈNE PONTE lebt mit ihrer Familie im Norden Frankreichs und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. Versprich mir zu lieben ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint.

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Carène Ponte

Versprich
mir zu
lieben

Roman

Aus dem Französischen
von Brigitte Lindecke

Die französische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
»Tu as promis que tu vivrais pour moi« bei Michel Lafon, Paris.

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1. Auflage 2019
Copyright © Michel Lafon Publishing 2017,
Tu as promis que tu vivrais pour moi
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by
Penguin Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlag: www.buerosued.de
Redaktion: Caro Kania
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-23246-7
V002
www.penguin-verlag.de

Prolog

30. Oktober 2015

Als der Wecker klingelt, vergrabe ich meinen Kopf unter dem Kissen. Ich konnte dieses Ding noch nie besonders leiden, das nur dazu erfunden wurde, um mich aus meinen süßen Träumen zu reißen. Aber heute Morgen ist es noch schlimmer als sonst.

Ich fühle mich, als hätte ich das Bett seit Tagen nicht verlassen. Warum kann nicht einfach alles nur ein böser Traum sein? Aus dem ich schweißgebadet hochschrecke, um sogleich erleichtert festzustellen, dass all das nicht wirklich passiert ist? Ich möchte wieder fünf Jahre alt sein. Damals konnte ich mich auf den Traumfänger verlassen, den meine Mutter über meinem Bett aufgehängt hatte und der mich vor dreiköpfigen Ungeheuern und schrumpeligen Hexen beschützte. Womöglich würde er mich heute auch vor so etwas beschützen.

Der Wecker klingelt erneut. Wütend packe ich ihn und schleudere ihn durchs Zimmer. Der Schreck verschlägt ihm die Sprache.

Vielleicht sollte ich einfach liegen bleiben. Wenn ich diesen Tag gar nicht erst beginne, kann ich so tun, als wäre meine beste Freundin nicht für immer von mir gegangen. Ich will mich nicht endgültig von ihr verabschieden. Schon gar nicht in einer eiskalten Kirche voller weinender Menschen.

Ich will nicht, dass für mich künftig jeder Freitag mit dem Bild eines verschlossenen Sarges verbunden sein wird. Das übersteigt einfach meine Kräfte.

Ich will nicht aufhören zu glauben, dass sie und ich gleich spazieren oder ins Kino gehen werden. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihr Gesicht deutlich vor mir, ihre kurzen Haare, ihre großen braunen, lachenden Augen. Und wenn ich mich richtig konzentriere, höre ich sicher auch ihr Lachen und spüre ihre Gegenwart.

Wie kann man mit nur einunddreißig Jahren sterben? Wer kann so herzlos sein und entscheiden, dass eine so großartige junge Frau wie Marie innerhalb weniger Monate von einer Scheißkrankheit dahingerafft wird? Wer?

Marie und ich kannten uns seit so vielen Jahren. Fünfundzwanzig, um genau zu sein. Also sozusagen schon immer.

Es war ein herrlicher Tag, und wir waren gerade in das Haus gezogen, das meine Eltern gekauft hatten. Ich war außer mir vor Freude, weil ich zum ersten Mal einen Garten haben würde. Ich, die ich bis dahin nur den Spielplatz vor unserem Mietshaus kannte. Einen Garten, einen richtigen Garten. Mit einer Schaukel, das hatte Papa mir versprochen.

Sobald ich also aus dem Umzugswagen geklettert war, rannte ich los, um dieses so herbeigesehnte Paradies in Augenschein zu nehmen.

Was ich erblickte, war ein Stück Rasen voller Unkraut und Brennnesseln … Mir war das gleich: Ich fand es wunderbar.

Am Ende des Gartens entdeckte ich ein Törchen, das unser Haus von dem der Nachbarn trennte. Und hinter dem Törchen war ein Mädchen. Hoch konzentriert und mit einem Stock in der Hand hockte sie da.

Nach anfänglichem Zögern siegte meine Neugier, und ich trat an das Törchen. Das Mädchen war gerade dabei, Schnecken in eine Flasche zu locken, in der sich Salatblätter befanden.

»Was machst du da?«

»Das wird eine Schneckenzucht.«

»Eine Schneckenzucht? Was willst du denn mit Schnecken?«

»Ich will sie meinem kleinen Bruder ins Bett tun. Dann geht er vielleicht weg.«

»Ich hab keinen Bruder und eine Schwester auch nicht.«

»Wenn du magst, kannst du meinen haben. Der heult immer nur, und spielen darf ich auch nicht mit ihm. So ein Bruder taugt zu gar nichts.«

»Stimmt. Der taugt wirklich zu nichts …«

Sie hatte den Kopf gehoben und ihre Aufmerksamkeit von den Schnecken abgewandt, die, entzückt über diesen Glücksfall, so schnell sie konnten, davonkrochen.

»Wie heißt du?«

»Molly.«

»Mit einem M, genau wie ich! Ich heiße Marie. Und wie alt bist du?«

»Viereinhalb. Aber bald habe ich Geburtstag, und dann bin ich fünf!«

»Ich bin sechs. Willst du mit mir Ritter und Prinzessin spielen? Aber ich entscheide, wer der Ritter und wer die Prinzessin ist, weil ich größer bin. Okay?«

»Okay!«

»Also, ich bin der Ritter, und du bist die Prinzessin. Mein Papa hat mir aus Holz ein Schwert gemacht. Ich zeig’s dir gleich.«

Sie hatte gelächelt. Vorne fehlte ihr ein Zahn. Die Glückliche! Die Zahnfee war schon bei ihr gewesen.

Eine Freundschaft von fünfundzwanzig Jahren. Eine gemeinsame Vergangenheit, unzählige Erinnerungen und plötzlich, von einem Moment auf den anderen – nichts mehr.

Das kleine Mädchen hinter dem Gartentor weicht immer mehr der Freundin, die ich vor ein paar Tagen in einem Krankenhausbett habe sterben sehen. Die Bilder verschwimmen, als wollte mein Geist mir die Erinnerung daran ersparen.

Stattdessen sind die letzten Momente, in denen zwischen uns noch ein richtiger Austausch stattgefunden hat, auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie liegen inzwischen ein paar Wochen zurück, aber ich erinnere mich noch an jedes einzelne Wort. Und an das, worum sie mich gebeten hat …

Als ich an jenem Tag in ihr Zimmer kam, saß sie aufrecht im Bett. Sie war schon so blass und abgemagert, und trotzdem empfing sie mich mit einem strahlenden Lächeln.

»Na endlich! Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst! Ich muss dir unbedingt von dem neuen Pfleger erzählen, der mir heute Morgen die Spritze gegeben hat. Der Typ ist der Hammer! Das sind die Momente, in denen ich mich ärgere, dass ich meine Ausbildung zur Krankenschwester abgebrochen habe …«

»Du bist unverbesserlich. Der wievielte Pfleger ist das, in den du dich verknallst?«

»Ach weißt du, Molly, niemand außer dir kommt auf die Idee, sich mit nicht mal dreißig auf einen solchen Langweiler einzulassen. Ich will mein Leben genießen …«

Für einen Augenblick schien sich zwischen uns ein kleiner Misston eingeschlichen zu haben.

»Germain ist kein Langweiler.«

»Doch, ist er. Ich werde ja schon müde, wenn ich nur den Namen höre. Also ehrlich, Molly und Germain … Merkst du denn gar nicht, dass das nicht passt? Eine Molly verdient einen John oder einen Brad! Aber ein Germain … Wenn ich nur daran denke, dass meine Mutter ihn dir vorgestellt hat! Ich könnte heulen.«

Ich hatte zu lachen begonnen, mich aber sofort zusammengerissen, weil mir mit einem Schlag wieder die ganze Tragik der Situation eingefallen war.

»Warum machst du so ein Gesicht?«

»Weil … Na ja … Weil eben …«

»Weil eben was? Weil ich sterbe? Na und? Soll mich das etwa davon abhalten, mit meiner besten Freundin zu lachen? Ihr von meinem megaheißen Pfleger zu erzählen? Oder ihr zu sagen, dass ihr Freund so interessant ist wie eine Arte-Doku mit Untertiteln?«

»Aber …«

»Ehrlich, Molly, wenn du gekommen bist, um mich zu bemitleiden, kannst du gleich wieder gehen. Das macht meine Mutter schon. Und eine Person, die die ganze Zeit heult, wenn sie hier ist, reicht mir. Ich will mal wieder was zu lachen haben. Und dieses Krankenhaus, dieses Zimmer und diese Scheißkrankheit vergessen.«

Etwas plump versuchte ich, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

»Also, was ist jetzt mit dem Pfleger? Erzähl mal.«

Sie hatte gelächelt, und der restliche Nachmittag verlief so, als ob alles ganz normal wäre. Als ob meine beste Freundin nicht am Ende ihres Lebens stünde. Als ob sie nicht zehn Kilo und all ihre Haare verloren hätte. Als ob da nicht diese Schmerzen wären, die sie das Gesicht verziehen ließen und die sie hinter einem oftmals verzerrten Lächeln zu verbergen versuchte.

Am Ende seiner Schicht war der Pfleger noch einmal aufgetaucht, um ihr eine Spritze zu geben, irgendein Medikament, das sie mehr entspannte als heilte. Er war wirklich der Hammer. Die Besuchszeit war fast zu Ende.

»Hör mal, Molly, ich möchte dich um einen Gefallen bitten.«

Wir lagen nebeneinander auf dem Bett, Kopf an Kopf.

»Was immer du willst …«

»Du und ich, wir beide wissen, dass ich hier nicht mehr lebend rauskomme. Ich wollte noch so viele Herzen brechen, aber was soll man machen, so ist es nun mal …«

Sie hatte mir das Gesicht zugewandt. Eine Träne lief mir über die Wange, und ich wischte sie rasch fort.

»Molly, bitte. Es ist wichtig. Ich denke schon seit Tagen darüber nach. Ich … ich möchte, dass du für mich lebst. Machst du das?«

Ich stützte mich auf einen Ellbogen.

»Für dich leben? Ich verstehe nicht …«

»Ganz einfach. Ich will, dass du für uns beide lebst. Dass du an meiner Stelle das Leben genießt. Dann hätte ich das Gefühl, dass ich nicht ganz sterbe.«

»Aber … ich weiß überhaupt nicht …«

»Wir sind Freundinnen, seit ich sechs war, Molly. Ich kenne dich besser als jeder andere. Und ich weiß, dass so viel mehr in dir steckt … Du hast so viel mehr verdient als dieses enge Leben, auf das du gerade zusteuerst, mit deiner beschissenen Angst vor dem Alleinsein.«

»Aber ich bin sehr glücklich so!«

»Wirklich? Mit dieser Schlaftablette Germain? Als Kellnerin in diesem Restaurant?«

»…«

»Und was ist mit der Molly, die davon geträumt hat, Solotänzerin zu werden? Wo ist die geblieben? Ich weiß, dass sie immer noch da ist, tief in dir drin. Und da man einer Sterbenden ihren letzten Wunsch nicht abschlagen soll, befehle ich dir, sie wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen.«

»Hm, äh, na ja. Zu Germain sag ich jetzt mal nichts, er findet vor deinen Augen sowieso keine Gnade. Was das Tanzen betrifft, das ist eine alte Geschichte, du weißt ganz genau, dass das längst Vergangenheit ist … Und mein Leben ändern? Alles ändern? Ich möchte dich mal an meiner Stelle sehen.«

»Zufällig werde ich nicht mehr wirklich Zeit dazu haben … Also … Sagen wir, du hast ein Jahr. Genau, sagen wir ein Jahr. Um einen Job zu finden, der deine Augen zum Leuchten bringt, und nicht nur Geld auf dein Konto. Um Germain den Laufpass zu geben, um glücklich zu sein. Und du wirst mir alles erzählen. So wie wir es immer gemacht haben. Als würde ich noch leben.«

»Aber …«

»Versprich es mir, Molly.«

Ich hatte es versprochen. Drei Wochen später war sie tot.

Wir haben heute den dreißigsten Oktober. Und ich gehe zur Beerdigung meiner besten Freundin. Ich weiß nicht mal, wie ich diesen Tag überleben soll.

Und da verlangt sie von mir, dass ich für uns beide lebe …

1

»Bist du bereit, Häschen?«

Seit einer halben Stunde stehe ich vor dem Badezimmerspiegel und kämpfe mit meinen störrischen roten Locken, die einfach nicht in dem Dutt bleiben wollen. Genau wie in meiner Zeit als Nachwuchstänzerin an der Pariser Oper, als ich diese Tortur mit der Bürste, die an den Haaren zog, und mit den piksenden Haarnadeln, die den akkuraten Dutt an Ort und Stelle halten sollten, jeden Morgen über mich ergehen lassen musste, damit auch ja keine Strähne entwischte.

Ich wirble herum und werfe Germain einen vernichtenden Blick zu.

»Sehe ich etwa so aus, als wäre ich bereit? Außerdem spielt es keine Rolle, ob ich bereit bin oder nicht! Wir gehen schließlich nicht tanzen. Wir beerdigen heute Marie. Was für eine bescheuerte Frage. Für so etwas werde ich nie bereit sein. Und sag nicht dauernd ›Häschen‹ zu mir, du bist ja nicht mein Tierarzt!«

»Entschuldige, Molly, ich hab’s nicht so gemeint …«, versucht Germain, mich zu beschwichtigen, und mir wird bewusst, dass ich ihn verletzt habe. Er ist definitiv der netteste Typ, den ich kenne. Stets zuvorkommend und aufmerksam. Er lässt immer mich entscheiden und macht alles mit, worauf ich Lust habe.

Und selbst jetzt, da ich ihn ungerecht behandle, entschuldigt er sich. Doch was mich rühren und besänftigen sollte, steigert meine Wut heute aus irgendeinem unerfindlichen Grund noch.

Germain und ich sind seit fast sechs Monaten zusammen, und beinah ebenso lange wohne ich schon mit ihm in der kleinen Wohnung im achten Pariser Arrondissement, die ihm seine Großeltern überlassen haben. Die Frage, ob wir zusammenziehen wollten, hatte sich gar nicht gestellt. Ich war gerade von Hugo verlassen worden und wieder bei meinen Eltern eingezogen, und obwohl ich sie von Herzen gernhabe, war das auf die Dauer kein Zustand, weder für sie noch für mich.

Gerade einmal zwei Wochen nach der Trennung hatte Maries Mutter, die als leitende Angestellte bei einer Verwaltungs- und Finanzdienstleistungsgesellschaft arbeitet, mir Germain, ihren neuen Praktikanten, vorgestellt. Marie musste bei ihr im Büro vorbeischauen, um ihr ein Buch zurückzubringen, und wir hatten uns dort verabredet, um anschließend shoppen zu gehen.

Als ich am Kaffeeautomaten vorbeikam, hatte Germain schüchtern gelächelt, und dabei hatten sich auf seinen Wangen Grübchen gebildet. Ich fand ihn süß, mit seinen großen blauen Augen.

Zwei Tage nach dieser Begegnung schickte er mir eine SMS, in der er mir vorschlug, zusammen etwas trinken zu gehen. Er hatte Maries Mutter überredet, ihm meine Telefonnummer zu geben. Ich hatte die Einladung angenommen. Nach und nach hatte ich meine Sachen zu ihm gebracht und mein altes Kinderzimmer in dem Einfamilienhaus in der Pariser Vorstadt, in dem ich groß geworden bin, endgültig geräumt.

»Wenn du mich brauchst – ich bin nebenan.«

Ja, Germain ist wirklich ein netter Kerl. Er macht die Badezimmertür leise hinter sich zu, und ich beziehe wieder vor dem Spiegel Stellung.

Als könnte ich bereit sein!

Vielleicht sollte ich einfach gar nicht hingehen. Sie wäre mir bestimmt nicht böse. Außerdem bekommt sie es ohnehin nicht mehr mit.

Die Tränen, die ich seit dem Aufstehen zurückgehalten habe, beginnen, ungehindert zu fließen. Wie gut, dass ich beschlossen habe, heute auf Schminke zu verzichten. Das Gefühl der Leere in der Magengrube macht sich jetzt vollends breit, mein Schluchzen wird heftiger. Ich kriege kaum Luft. Voller Wut fege ich mit der Hand alles von dem Frisiertischchen vor mir herunter und achte gar nicht auf das Klirren der Parfüm- und Nagellackfläschchen, die auf dem Boden zu Bruch gehen.

Die Badezimmertür öffnet sich lautlos, und ich spüre Germains Hand, die ungeschickt über mein wild zerzaustes Haar streicht.

»Das wird schon wieder, mein Häschen, das wird schon wieder.«

Als wir die Kirche betreten, ist sie bereits voller Menschen. Ich habe letztendlich auf den Dutt verzichtet, und Germain hält meine Hand, vielleicht aus Angst, ich könnte mitten im Gang zusammenbrechen.

Um mich herum sind jede Menge unbekannte Gesichter, aber ich bin ganz froh darüber, denn jedes Mal, wenn ich ein vertrautes Gesicht in der Menge ausmache, beginnen die Tränen, erneut zu laufen.

Charlotte, Maries Mutter, kauert in sich zusammengefallen in der ersten Reihe. Erst vor fünf Jahren hat sie ihren Mann verloren, und heute muss sie ihre Tochter beerdigen. Ihr Gesicht ist unendlich blass, was durch ihre feinen Züge noch verstärkt wird. Innerhalb weniger Tage ist sie um Jahre gealtert. Neben ihr erkenne ich Sacha, vierundzwanzig, Maries Bruder. Kerzengerade und mit verkniffenem Mund sitzt er da und stützt seine Mutter, die in ihrer Verzweiflung bei ihm Halt sucht. Er ist der Einzige, der ihr geblieben ist.

Ich weiche ihren Blicken aus; ich würde den Schmerz darin nicht ertragen, obwohl der zweifellos auch in meinem Blick zu lesen ist. Ich versuche, nicht zum Sarg hinzusehen, der vor der versammelten Menge aufragt. Versuche, nicht daran zu denken, was sich darin befindet.

Ich setze mich auf die Bank hinter Maries Familie und zwinge mich, das Zittern meiner Beine unter Kontrolle zu bringen. Ich schließe die Augen und versuche, meine Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen, fort von diesem Ort. Doch sofort taucht vor meinem geistigen Auge Maries Bild auf. Klein und dunkelhaarig, jungenhafter Kurzhaarschnitt, immer fröhlich, voller Leben.

»Wie geht es dir, Liebes?«

Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meiner Benommenheit. Sie hat sich mit meinem Vater hinter uns gesetzt. Die Freundschaft, die meine Eltern mit Maries Eltern verbindet, ist ebenso alt wie unsere und fast ebenso eng.

Zu unser aller Freude haben wir unsere Samstagabende gemeinsam mal bei ihnen, mal bei uns verbracht. Während unsere Eltern sich über aktuelle Themen ereiferten und meine Mutter versuchte, ihrer amerikanischen Sicht auf die Dinge Geltung zu verschaffen, spielten Marie und ich miteinander, und oft gesellte sich Sacha zu uns, der als Kind eine unglaubliche Nervensäge war.

Ich weiß, wie tief der Tod von Henri, Maries Vater, vor fünf Jahren meine Eltern erschüttert hat. Seitdem unterstützen sie Charlotte, so gut es geht.

Ich kann nicht sagen, wie lange die Zeremonie gedauert hat. Immer wieder bin ich aufgestanden und habe mich gesetzt, im vorgegebenen Rhythmus. Dabei habe ich mein Taschentuch so lange geknetet, bis es sich in einen kleinen Klumpen verwandelt hat, der ganz sicher nichts mehr trocknen kann. Reden und Huldigungen reihen sich aneinander. Keiner von denen, die über Marie sprechen, kannte sie so gut wie ich, aber es übersteigt meine Kräfte, das Wort zu ergreifen.

Als der Moment kommt, in dem ich den Sarg segnen und mich von meiner besten Freundin verabschieden soll, verweigern meine Beine mir den Dienst. Ich sehe zu, wie sich alle in die Schlange stellen und sich Schritt für Schritt vorwärtsbewegen. Ich denke daran, wer sie war, was sie mir bedeutet hat. Mein gesamter Körper wehrt sich gegen das, was sich vor meinen Augen abspielt.

Sie hat mich gebeten, für sie zu leben. Und dort, in dieser Kirche, lebe ich nicht, lebt sie nicht. Dort, in dieser Kirche, wird plötzlich alles zu schwer für mich. Eine tonnenschwere Last drückt mich nieder, ich bekomme keine Luft mehr. Ich muss raus, fort von diesem Ort, an dem es nur Kummer und Tod gibt. Nur Verzweiflung und Worte des Abschieds, die man niemals sollte aussprechen müssen.

Ich schaue mich um, blicke in verschlossene Gesichter, sehe feuchte Augen, die mit Taschentuchzipfeln abgetupft werden, meine Eltern, die die weinende Charlotte vor dem Sarg stützen.

Das ist mehr, als ich ertragen kann.

Meine Beine, die sich eben noch verweigert haben, heben mich mit einem Mal hoch. Ich taumle ein paar Schritte durch den Mittelgang auf den Altar zu, mache dann auf dem Absatz kehrt und laufe Richtung Ausgang. Nichts wie raus hier.

Ich höre Germain in meinem Rücken irgendetwas murmeln, meine zu verstehen, dass er mich fragt, wo ich hinwill. Ganz egal, wohin, nur möglichst weit weg.

Ich stemme mich gegen die schweren Kirchentüren und finde mich einen Augenblick später auf dem Vorplatz wieder. Der kalte Oktoberwind peitscht mir ins Gesicht. Rasch eile ich die Treppe hinunter und laufe geradeaus weiter.

»Du solltest besser nicht allein sein.«

Viviane ist soeben aus dem Auto gestiegen. Nach Marie ist sie meine zweitbeste Freundin. Die beiden mochten sich allerdings nie besonders, vielleicht, weil sie zu unterschiedlich waren. Viviane ist vernünftig, organisiert und rational. Marie dagegen war quirlig, chaotisch, unberechenbar.

Während sie auf mich zukommt, betrachte ich Viviane, und das bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

»Sie ist nicht mehr da, Viv…«

»Ich weiß, Molly, ich weiß.«

Etwas unbeholfen, vermutlich, weil es für sie ungewohnt ist, nimmt sie mich in die Arme. Einige lange Sekunden weine ich stumm. Viviane sagt kein Wort.

Eine Windböe weht mir meinen Mantel zwischen die Beine. Eine Gruppe Jugendlicher geht an uns vorbei, ich höre ihr Lachen, das sich nach und nach entfernt.

Dann legt sich der Wind, und es lässt sich sogar ein schüchterner Sonnenstrahl blicken.

Viviane lockert ihre Umarmung. Meine Tränen haben aufgehört, und ich löse mich von ihr. Mit den Fingern versuche ich, mein von den Elementen aufgeplustertes Haar zu kämmen. Auf der anderen Straßenseite rutscht ein Typ auf irgendetwas aus und kann sich im letzten Moment fangen, indem er wie wild mit den Armen rudert.

Aus den Tiefen meines Bauches bahnt sich ein hysterisches Lachen seinen Weg. Ich versuche, es zu unterdrücken, aber es ist so übermächtig, dass ich es schließlich zulasse, und ich lache, bis ich Seitenstiche bekomme.

Viviane sieht mich an, und ihr verwirrtes Gesicht steigert meine Heiterkeit nur noch.

Ich werde leben, Marie, ich werde leben. Das verspreche ich dir.

2

5. November

Ich bin allein zu Hause und wirble seit Stunden in der Wohnung herum, als wäre sie noch nie gründlich geputzt worden. Seit ich eingezogen bin, juckt es mir in den Fingern, am liebsten würde ich alles aus den Schubladen holen, die Wandschränke ausräumen und diese Wohnung, die den Muff der Siebziger atmet, endlich etwas auffrischen.

Das hatte ich schon lange vor, aber bisher hat mir immer die Zeit dazu gefehlt. Der Kellnerjob raubt mir wirklich jede Energie.

Nun aber habe ich zwei Wochen Urlaub vor mir und bin fest entschlossen, sie sinnvoll zu nutzen. Vielleicht werde ich sogar die gammelige Blumentapete abkratzen und die Wände streichen. Ich habe Lust auf Gelb und Grau, hier und da ein bisschen Türkis, dazu heller Holzboden und weiße Möbel.

Zwei Wochen Urlaub am Stück, das hatte ich seit mindestens fünf Jahren nicht mehr. Nicht seit ich im Au grand gourmet arbeite, einer schicken Brasserie im fünften Arrondissement, die von Monsieur Patterson geführt wird.

Monsieur Patterson ist ein alter Jugendfreund meiner Mutter. Sie sind zusammen in einem Wohnviertel von Chicago aufgewachsen, bis meine Mutter mit achtzehn Jahren fortging.

Sie haben sich auf Facebook wiedergefunden, nachdem meine Mutter ihren Account eingerichtet und wie besessen alle möglichen Leute kontaktiert hat, an die sie sich vage erinnerte, mit denen sie vielleicht irgendwann einmal ein paar Worte gewechselt hatte.

Dauernd fragte sie mich, ob ich mich noch an diesen oder jenen erinnerte, meine Klassenlehrerin aus der Grundschule, den Friseur, der mich im zarten Alter von dreizehn entstellt hat (und von dem sie hoffte, dass er pleitegegangen war, sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit), oder die kleine Auszubildende aus der Bäckerei.

Wochenlang redete sie von nichts anderem mehr und machte mir Vorwürfe, weil ich sie nicht schon früher dazu überredet hatte, sich anzumelden. Unfassbar.

Monsieur Patterson, James mit Vornamen, hatte immer davon geträumt, in Paris ein Restaurant zu eröffnen. Nachdem er meiner Mutter davon erzählt hatte, setzte sie sich in den Kopf, ihm sofort Bescheid zu geben, sobald sie in irgendeinem Schaufenster der französischen Hauptstadt ein »Zu verkaufen«-Schild sehen würde. Als schließlich Monsieur Dutreil, der Besitzer des Au grand gourmet, in den Ruhestand ging, hatte meine Mutter ihn sofort informiert, dass ein alter Freund an seinem Lokal interessiert sein könnte. Wir waren Stammgäste, und Monsieur Dutreil war von der Idee, sein Restaurant einem Amerikaner zu überlassen, mehr als angetan. Der Charme meiner Mutter, ihre großen grünen Augen und ihr langes rotes Haar taten ein Übriges.

Am Abend stürzte sie sich sofort auf Facebook, um James über die großartige Neuigkeit in Kenntnis zu setzen, und lobte dabei die Brasserie, die Lage, die Klientel in höchsten Tönen. James ließ alles stehen und liegen, übernahm im Alter von fünfundfünfzig Jahren das Restaurant und erfüllte sich so seinen Lebenstraum.

Wie machen Menschen das nur? Von einem Tag auf den anderen einfach alles zurücklassen und in eine Stadt ziehen, in die sie noch nie einen Fuß gesetzt haben? Schon beim Gedanken daran läuft es mir kalt den Rücken runter.

Jedenfalls hatte Monsieur Patterson Monsieur Dutreils Nachfolge angetreten und ich eine Stelle als Kellnerin.

Ich schlug mich damals mehr oder weniger durchs Leben. Nach einem Jahr an der Uni in Jura und einem weiteren in Psychologie versuchte ich mich in diversen belanglosen Jobs. Also bat meine Mutter ihren alten Freund, mich einzustellen. Auch diesmal waren ihre großen grünen Augen und ihre roten Locken ausgesprochen hilfreich.

So war ich also Kellnerin geworden. Natürlich nur übergangsweise, hatte ich mir gesagt. Nur, bis ich mir darüber im Klaren sein würde, was ich aus meinem Leben machen wollte, und mich in eine richtige Karriere stürzen würde.

In Gedanken rechne ich nach. In vier Monaten sind es sechs Jahre. Oha, doch schon so lange …

Ein Staubtuch in der einen, einen Müllsack in der anderen Hand, wende ich mich wieder dem Großreinemachen zu. Wozu bewahrt jemand zehn Jahrgänge abgelaufener Fernsehzeitschriften auf? Und eine ganze Schublade voller Broschüren von Pizzabringdiensten? Wo man doch sowieso immer die erste Nummer auf dem Stapel anruft? Ab in den Mülleimer damit!

Mit leiser Verzweiflung blicke ich mich um. Es ist, als würde ich den Ort, an dem ich seit Monaten lebe, zum ersten Mal wirklich sehen.

Die vergilbten Vorhänge, die Teppiche mit geometrischen Mustern, das veloursbezogene Sofa, die Möbel aus dunklem Holz. Die Wohnung, in der Germains Großeltern gewohnt haben und die so aussieht, als würden sie noch immer darin wohnen.

Vor mittlerweile fast drei Jahren sind die beiden in eine Seniorenresidenz gezogen und haben die Wohnung ihrem Enkel überlassen. Warum Germain sich nie die Mühe gemacht hat, auch nur ansatzweise etwas zu verändern, ist mir ein Rätsel.

Gestern Abend habe ich ihm meine Ideen für die Umgestaltung unterbreitet: »Was hältst du davon, wenn wir die Tapeten abreißen und alles streichen? Und das Sofa … Ich hab bei Ikea ein super Vintage-Sofa gesehen. Hast du Lust, dass wir es uns mal ansehen?«

»Natürlich, Häschen. Wenn es dir Freude macht und dich auf andere Gedanken bringt.«

»Aber was hältst du davon? Hast du eine Vorliebe für eine bestimmte Farbe?«

»Ach weißt du … Mir ist das eigentlich egal. Ich vertraue dir. Was dir gefällt, gefällt mir auch.«

Ich hatte nicht übel Lust, mir ein Kissen zu schnappen und es Germain auf den Kopf zu hauen, aber schließlich begnügte ich mich damit, es mir mit meinem MacBook auf dem Schoß auf dem Sofa bequem zu machen und im Internet zu surfen.

Zwei Wochen Urlaub, so lange würde ich mindestens brauchen, um die Wohnung in einen halbwegs annehmbaren Zustand zu bringen.

Nicht dass Monsieur Patterson auf einmal mir gegenüber besonders großzügig gewesen wäre. Ihm taten vor allem seine Gäste leid, denen ich pausenlos in den Kaffee weinte. Denn seit Maries Tod …

Ich schüttle den Kopf. Bloß nicht an sie denken! Nicht zulassen, dass all die Erinnerungen wieder hochkommen. Einfach nur aufs Putzen und Ausmisten konzentrieren und auf sonst gar nichts! Vielleicht sollten wir die Wand zwischen Küche und Wohnzimmer einreißen und einen einzigen großen Raum daraus machen? Man müsste nur diese weiße Resopalküche, die so traurig aussieht wie ein vegetarischer Salat ohne Soße, ein bisschen dekorieren.

Das Klingeln der Gegensprechanlage reißt mich aus meinen Schöner-Wohnen-Träumen.

»Ja, bitte?«

»Hallo, der Postbote. Ich habe ein Einschreiben für Sie.«

Ein Einschreiben? Na so was … Ich erwarte doch gar nichts. Hoffentlich nichts Unangenehmes. Ich hatte immer schon Horror vor Einschreiben.

»Ich komme runter.«

Was kann das sein? Geblitzt worden bin ich sicher nicht, ich bin seit Wochen nicht Auto gefahren. Und mein Konto ist auch im Plus, glaube ich zumindest …

Ich öffne die Haustür, unterschreibe und nehme den schweren braunen Umschlag entgegen, den mir der Briefträger hinhält. Als ich einen Blick auf die Schrift werfe, setzt mein Herz einen Schlag aus.

3

Seit gefühlt mehreren Stunden starre ich auf den Umschlag, der vor mir auf dem Couchtisch liegt.

Auf die beiden kleinen Herzchen links oben in der Ecke, auf die Adresse, die fast den ganzen Platz einnimmt, mit lila Filzstift geschrieben. Dem lila Filzstift. Den sie stets bei sich hatte, in ihrer Tasche, und den sie immer wieder neu kaufte, sobald er leer war. »Dieser Stift ist mein Markenzeichen«, hatte sie mal gesagt. »Er kündigt mich schon an, bevor ich meinen Namen geschrieben habe.«

Und diese Schrift … Ich würde sie unter Tausenden erkennen. So oft habe ich sie gesehen. Marie.

Aber warum schickt sie mir einen Brief? Und warum ist der Umschlag so schwer? Vor allem aber: Wie ist das möglich? Sie ist tot …

Wie jedes Mal, wenn ich an sie denke und es nicht schaffe, meine Gedanken schnell auf etwas anderes zu lenken, füllen meine Augen sich mit Tränen.

Es klopft dreimal kurz an die Wohnungstür. Das muss Viviane sein. In meiner Panik habe ich sie sofort angerufen, nachdem der Postbote weg war, schaffte es aber vor lauter Schluchzen kaum, einen ganzen Satz herauszubringen. Sie hat versprochen, zwischen zwei Gerichtsterminen vorbeizukommen.

Viviane ist Anwältin für Familienrecht. Wobei »Familienrecht« eigentlich eine etwas irreführende Bezeichnung ist, da ihr Alltag ja vor allem von Scheidungsfällen bestimmt wird, von Paaren, die einander zerfleischen. Aber gut, nennen wir es mal Familie.

Seit dem Tag der Beerdigung, an dem ich sie vor der Kirche beinah umgerannt habe, kümmert sie sich rührend um mich. Sie schickt mir dauernd Nachrichten, in denen sie fragt, wie es mir geht. Auch wenn sie und Marie sich nie besonders gut verstanden haben, wusste sie doch, wie viel Marie mir bedeutete, und ich spüre, dass auch sie bekümmert ist.

Ich habe Viviane in Assas kennengelernt, an der Fakultät für Rechtswissenschaften. Ich war eher zufällig dort gelandet, sie hingegen aus Leidenschaft. Sie hieß wie Julia Roberts in Pretty Woman, ich war rothaarig. Wir waren wie füreinander geschaffen.

Allerdings hatte ich schnell begriffen, dass Jura nicht gerade meine Berufung war. Das ständige Auswendiglernen, das Pauken von Paragrafen – es war zum Gähnen langweilig. Aber ich mochte Viviane, und so blieb ich. Sie hatte ihr erstes Jahr mit Feuereifer gemeistert, und ich hatte mich – nicht ganz ohne Eifer – an der Fakultät für Psychologie eingeschrieben.

Seither sind wir Freundinnen. Heute hat sie einen Beruf, der wie für sie gemacht ist. Und ich, ich serviere Blätterteigpastete mit Ziegenkäse und zusammengefallene Apfeltörtchen.

»Was ist los, Molly? Stimmt etwas nicht?«

Die Anwaltsrobe, die sie über dem Arm trägt, bestätigt mir, dass sie tatsächlich zwischen zwei Gerichtsverhandlungen steckt. Der schwarze Hosenanzug und die viereckige Aktentasche aus dunklem Leder vervollständigen das Bild. So kenne ich Viviane. Klassisch schlicht.

»Es ist …«

Weiter komme ich nicht. Mit dem Kinn deute ich auf den Umschlag auf dem Couchtisch. Viviane geht näher heran, um ihn in Augenschein zu nehmen.

»Dieser Umschlag versetzt dich in einen solchen Zustand?«

»Nicht der Umschlag. Die, die ihn mir geschickt hat.«

»Wieso das?«

»Da, auf dem Umschlag … Das ist Maries Handschrift.«

»Marie? Die Marie, die …?«

»Genau. Die Marie, die gestorben ist. Welche Marie denn sonst?«

Viviane öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, besinnt sich aber dann eines Besseren. Eine sprachlose Anwältin, das ist so ungewöhnlich, dass mir klar wird, dass meine Stimme eine Spur zu gereizt klingt.

»Entschuldige, Viv. Ich bin ein bisschen … Na ja, du siehst ja. Sie ist nicht mehr da, und heute bekomme ich diesen Brief. Ich versuche die ganze Zeit, nicht an sie zu denken, und sie, sie schickt mir … das.«

»Und hast du den Brief geöffnet? Vielleicht gibt es ja einen guten Grund dafür, dass sie ihn dir geschickt hat.«

»Ich hatte noch nicht den Mut dazu.«

Ich beginne, wieder zu schluchzen. Viviane nimmt mich am Arm und zieht mich zum Sofa. Dann geht sie in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen.

»Trink einen Schluck, das wird dich beruhigen.«

Ohne den Umschlag anzusehen, nehme ich einen großen Schluck Wasser, dann noch einen. Ich versuche, wieder zu Atem zu kommen.

»Soll ich ihn für dich aufmachen?«, schlägt Viviane vor. »Dann kann ich dich warnen, falls Fotos drin sind. Und du entscheidest, ob du sie ansehen willst oder nicht.«

Ich nicke, das Wasserglas noch immer fest umklammert. Ich sehe Viviane zu, wie sie langsam nach dem Umschlag greift und ihn umdreht, um ihn zu öffnen. Sofort schließe ich die Augen.

»Da ist ein Brief drin. Und noch mehr Umschläge«, verkündet sie nach ein paar Sekunden. »Kein Foto. Glaub ich zumindest.«

Ich versuche zu erraten, was wohl in diesem Brief stehen mag, um mir zu ersparen, ihn zu lesen. Aber mir fällt nichts ein. Ich öffne die Augen wieder und wende den Kopf zu Viviane.

»Soll ich ihn dir vorlesen?«, fragt sie.

»Nein … Oder doch, ja … Ich weiß nicht so recht. Was würdest du an meiner Stelle tun?« Dumme Frage, jeder andere an meiner Stelle würde den Brief natürlich lesen. »Ja, lies du ihn, lies ihn mir vor, Viv, bitte«, stammle ich also, ehe sie antwortet.

Als sie zu lesen beginnt, legt sich ihre ruhige und feste Stimme über die eher chaotischen Worte von Marie.

Molly,

ja, ich weiß, ich bin tot, und du fragst dich, wie du heute einen Brief von mir bekommen kannst. Keine Sorge, das ist kein schlechter Witz. Ich weiß, dass ich manchmal einen etwas merkwürdigen Humor habe, aber das hat hiermit nichts zu tun, vertrau mir.

Ich habe meine Mutter gebeten, diesen Umschlag nach meinem Tod abzuschicken. Auch sie hat es nicht recht verstanden, glaube ich. Mach dich also darauf gefasst, dass sie dich anrufen wird, sobald du den Umschlag erhalten hast. Ich wollte es ihr nicht erklären. Also, kurzum: Das tut mir leid.

Ich muss an dieses Versprechen denken, das du mir gegeben hast. Für uns beide zu leben. Endlich deinen Traum, Tänzerin zu werden, zu verwirklichen, glücklich zu sein … Und außerdem denke ich an diesen Film, den wir zusammen gesehen haben. Weißt du noch, den mit dem Mann, der stirbt und seiner Frau Briefe hinterlässt? Gott, was haben wir geheult!

Es gibt so viele Dinge, für die ich keine Zeit mehr hatte. So viele … Erinnerst du dich zum Beispiel, dass wir gesagt haben, wir würden eines Tages einmal Fallschirm springen? Ich weiß, es war eher meine Idee. Aber selbst du wirst zugeben, dass es ein unglaublicher Rausch sein muss, aus einem Flugzeug zu springen und minutenlang zu schweben!

Seit Kurzem lässt mich der Gedanke nicht mehr los, dass ich von all dem, was ich noch vorhatte, nichts mehr verwirklichen kann. Mir ist bewusst, dass ich dich gleich um eine ganze Menge bitten werde. Aber du hast es versprochen!

Du hast versprochen, dass du für mich leben wirst. Und niemand außer dir kann das für mich tun. Vor allem aber möchte ich niemand anderen darum bitten. Du bist meine beste Freundin, seit ich sechs war. Meine einzige richtige Freundin.

Ich habe nachgedacht und eine Liste der Dinge erstellt, die ich so gerne noch gemacht hätte – darunter auch ein paar völlig banale Dinge. In diesem Umschlag findest du weitere kleine Umschläge, auf denen jeweils ein Monat steht. Jeder dieser Umschläge enthält einen Wunsch, einen lang gehegten Traum. Und damit du sie für mich realisieren kannst, habe ich etwas Geld beigelegt. Ich habe das Geld aus der Lebensversicherung meines Vaters nie angerührt. Und ich kann mir keine bessere Verwendung dafür vorstellen.

Ein Umschlag für jeden Monat. Ein Jahr lang jeden Monat ein kleines Stück von mir …

Küsschen,

Marie

Nachdem sie den Brief vorgelesen hat, zieht Viviane all die kleinen Umschläge heraus.

»Es sind genau zwölf. Was soll das heißen, dass du für euch beide leben sollst? Was ist das wieder für ein morbider Schwachsinn? Du machst das doch hoffentlich nicht mit?«

»Was würdest du denn tun, wenn du mit dreißig erfahren würdest, dass du stirbst?«

»Jedenfalls nicht so was! Und was soll das bedeuten, ›deinen Traum, Tänzerin zu werden, verwirklichen‹ und ›glücklich zu sein‹? Bist du etwa nicht glücklich? Hast du Probleme mit Germain? Nicolas hat gar nichts erzählt …«

Nicolas, Vivianes Mann, hatte sofort einen Draht zu Germain. Sie treffen sich oft und gehen jeden Sonntag zusammen laufen.

»Aber nein, es ist alles in Ordnung. Es ist nur, dass … Marie dachte, dass er ist nicht der Richtige für mich ist.«

»Das solltest du doch am besten wissen, oder?«, entgegnet sie trocken.

»Hör zu, Viv, ich weiß, dass du Marie nie verstanden hast, und ich bitte dich auch jetzt nicht darum, sie zu verstehen. Ich bin dir wirklich dankbar, dass du gekommen bist, aber bitte hör auf, sie immer zu verurteilen.«

»Entschuldige. Aber du musst doch zugeben, dass es ein bisschen schräg ist, oder?«

Schräg? Nicht wirklich. Das ist eben Marie. Ich erkenne ihren Lebenshunger wieder. Sie hat es sich nicht anmerken lassen, aber ich kann mir gut vorstellen, wie sehr sie bei dem Gedanken gelitten haben muss, auf halbem Weg zu sterben. Ja genau, dieser Brief, diese Umschläge – das alles ist sie, Marie, wie sie leibt und lebt.

»Nein, es ist überhaupt nicht schräg. Und um deine Frage zu beantworten, natürlich werde ich tun, was sie mir in diesen Briefen aufträgt. Das ist doch das Mindeste, oder?«

Nachdem Viviane gegangen ist, zurück zu ihrem Leben mit Ausgleichsleistungen und Gütertrennung, mache ich mich wieder an das Aufräumen der Wohnung.

Ich könnte sie aufmachen, die Umschläge … Das erfährt ja schließlich keiner. Nein, das wäre nicht richtig. Beherrsche dich, Molly. Marie hatte sicher ihre Gründe dafür, dass sie genau zwölf vorbereitet hat, die ich nacheinander aufmachen soll.

Ich muss lächeln, als ich mir vorstelle, was Marie sagen würde: »Hör mit deinen komischen Tees auf, Darjeeling ist das einzig Wahre.«

Und wenn ich bloß einen einzigen Umschlag öffne? Den ersten, den für Dezember? Nur um eine Vorstellung davon zu bekommen, was mich erwartet. Einfach kurz aufmachen, schnell überfliegen und – schwuppdiwupp – gleich wieder zumachen. Das wäre doch kein richtiges Pfuschen, oder etwa doch?

Okay, ihr habt gewonnen. Ich entscheide mich, den ersten aufzumachen. Den für Dezember.

Vorsichtig fahre ich mit dem Finger unter der Lasche entlang. Im Umschlag befinden sich ein klein gefaltetes Blatt Papier und fünf Zwanzigeuroscheine. Ich falte das Blatt auseinander.

Zu meiner Überraschung kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Das ist Marie.

Aber auch wenn der Umschlag jetzt offen ist, wirst du bis nächsten Monat warten müssen, bevor du mir meinen ersten Wunsch erfüllen kannst. Du hast doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, dass ich mich von dir reinlegen lasse?!

Eine echte Tanne mit natürlichem Duft. Und groß muss er sein! Mindestens zwei Meter. Mit jeder Menge Lichterketten. Wenn ich nur die Zeit gehabt hätte, einen bei mir aufzustellen …

PS: Und lass dich bloß nicht dabei erwischen, dass du vor Januar den nächsten Umschlag öffnest. Sonst verfolgt dich mein Geist, das schwöre ich dir.

PS 3: Dein Tee allerdings nicht …

»Du fehlst mir auch, Marie. Ich werde dir einen Weihnachtsbaum kaufen. Den größten, den ich bei Truffaut finden kann, du wirst sehen!«