Buch
Nachdem sich ihr Freund nach acht Jahren Beziehung aus heiterem Himmel von ihr trennt, weiß die Australierin Ella nur eines: Sie muss ganz neu anfangen. Sie kündigt ihren Job und zieht einem spontanen Impuls folgend nach Paris. Schnell findet sie ein Zimmer zur Untermiete bei der sympathischen, aber mysteriösen Clotilde. Als sie eines Tages die Fromagerie von Serge betritt, ist es sofort um sie geschehen – so viel köstlicher Käse! (Und Serge ist auch nicht ohne …) Ella beschließt, ein Jahr lang jeden Tag eine neue Käsesorte zu probieren und darüber einen Blog zu schreiben. So trifft sie auch den charismatischen und unverschämt gut aussehenden Gaston, der als Restaurant-Kritiker arbeitet. Doch zwei Männer sind bekanntlich einer zu viel, und während ihr turbulentes Jahr in der Stadt der Liebe sich dem Ende zuneigt, muss Ella sich entscheiden …
Autorin/Autor
Victoria Brownlee stammt aus Melbourne, Australien. Sie arbeitet als freie Journalistin und schreibt über Essen, Reisen und allgemeine Lifestyle-Themen. Nach einigen Jahren als Redakteurin bei Time Out Shanghai lebt sie nun in Paris und legt mit Liebe ist ein Bauchgefühl ihr Romandebüt vor.
Victoria Brownlee
Liebe ist ein Bauchgefühl
Roman
Aus dem Englischen
von Silvia Kinkel

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Escape to the Paris Cheese Shop« bei Quercus Books, London.
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1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2019
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Victoria Brownlee
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: FinePic®, München
Redaktion: Gisela Klemt; lüra – Klemt & Mues GbR
em · Herstellung: kw
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN: 978-3-641-23346-4
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Jamie und Clementine,
meine kleine Pariser Familie
Teil eins
Kapitel 1
Auf einem Bein hüpfend zog ich den Seidenstrumpf hoch, und da sah ich sie – die Härchen an meinem Knöchel, die dem Rasierer entgangen waren. Verdammt! Ich drehte den Kopf in Richtung Uhr, um zu schauen, ob die Zeit für eine Notfallrasur reichte. Tat sie nicht. Also schnappte ich mir das rote Kleid, das ich am Vortag während der Mittagspause in einem Korb mit heruntergesetzten Artikeln entdeckt hatte, und streifte es über. Dann zog ich den Reißverschluss des leicht zerknitterten Kleides hoch, stellte mich kerzengerade hin und überprüfte die Wirkung im Spiegel. Nicht schlecht, Ella. Ich zwinkerte mir zu. Das Kleid war eine Nummer kleiner als meine übliche Größe – was meine ohnehin schon üppigen Brüste noch mehr betonte – , aber es sah gut aus, und heute Abend wollte ich gut aussehen. Diese Verabredung würde nämlich vielleicht mein Leben verändern.
Als ich gerade auf allen vieren unter dem Bett meine schwarzen Pumps suchte, hörte ich das leise Vibrieren meines Handys. So schnell es in diesem beengenden Kleid möglich war, kroch ich hervor, stand auf und suchte unter den herumliegenden Kleidern und Büchern nach meinem Telefon. Vielleicht war das Paul, mit einer Planänderung.
»Hallo«, keuchte ich in den Apparat.
»Ella, Schatz. Ich wollte nachhören, wie du dich fühlst.«
»Mum.« Ich seufzte. »Du bist es. Es geht mir gut. Ich mache mich gerade fertig.«
»Gab es noch weitere Anzeichen, bevor er heute Morgen zur Arbeit ging?« Seit meiner ersten Verabredung mit Paul hatte sich Mum auf diesen Heiratsantrag vorbereitet. Sie nennt Paul immer einen »guten Fang«.
»Mum! Hör bitte auf. Ich weiß doch gar nicht, ob etwas passieren wird.« Aber selbst als ich es laut aussprach, überzeugte mich das nicht. In mir schwelte die leise Ahnung, dass der heutige Abend besonders werden würde.
»Erzähl mir einfach ganz genau, was er gesagt hat, als er dich zum Abendessen eingeladen hat.«
Nun, da gab es nicht viel zu erzählen. Paul hatte eher beiläufig erwähnt, dass er einen Tisch bei Francine reserviert habe, unserem französischen Lieblingsrestaurant, und mich gebeten, ihn dort zu treffen. Vermutlich wollte er das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben.
»Er muss etwas vorhaben …«, beharrte sie.
Und dann verstieg sie sich in die Fantasie, dass Paul einen Ring in das Champagnerglas geschmuggelt oder im Dessert versteckt haben könnte. Ihr zuzuhören brachte meine eigene Vorstellung in Gang, und ich sah lebhaft vor mir, wie er um meine Hand anhielt. Plötzlich flatterten Schmetterlinge in meinem Bauch herum. Während der vergangenen acht Jahre hatte ich das Gefühl gehabt, dass Paul und ich auf diesen Moment hinarbeiten. Natürlich überfielen auch mich, während die Jahre dahinzogen, die typischen Zweifel der Mitte Zwanzigjährigen, ob wir wirklich zusammenpassten – ich, eine unentschlossene Weltenbummlerin, und Paul, ein Realist auf der Überholspur zum Hedgefonds-Partner. Aber unsere Leben hatten sich immer enger miteinander verflochten, und nun fühlte es sich an, als sei unsere Zukunft in Stein gemeißelt. Andererseits hatte ich schon bei etlichen Gelegenheiten damit gerechnet, dass er mir einen Antrag macht, es war jedoch nie passiert: Wochenendausflüge, Urlaube im Ausland, Sonnenuntergänge am Strand. Jedes Mal lief es darauf hinaus, dass ich am Ende auf meinen ringlosen Finger hinunterschaute. Deshalb gab es eigentlich keinen Grund, wegen heute Abend hysterisch zu werden, und ich hatte den ganzen Tag dagegen angekämpft, dass sich meine Fantasie verselbständigte. Leicht fiel mir das nicht. Als Paul Anfang der Woche im Fitnessstudio war, durchkämmte ich die ganze Wohnung nach einer Ringschachtel – erfolglos.
»Mum, im Ernst, lass es. Ich bin schon spät dran und muss mich noch fertig machen. Sollte es etwas zu berichten geben, rufe ich dich an. Hab dich lieb.«
»Ich drück dir die Daumen, Liebes. Halt mich auf dem Laufenden.«
Es war eine Erleichterung, sie aus der Leitung zu bekommen. Ihre Nervosität färbte immer schnell auf mich ab, und ich wollte bei diesem Abendessen die Ruhe selbst sein, zumindest äußerlich.
Ich ging ins Bad, um eine zweite Schicht Deo aufzusprühen, und schminkte mich gerade genug, um zwar meine grünen Augen zu betonen, aber immer noch wie die Art Mädchen auszusehen, die ein Kerl gern heiraten will. Nach ein paar gescheiterten Versuchen, Eyeliner aufzutragen – die mich eher wie eine Femme fatale aussehen ließen als wie eine potenzielle Ehefrau –, schaffte ich es endlich und bewunderte mein Werk. Die Haare steckte ich hoch zu einem Messy Bun, der meine dunklen, wilden Locken ein bisschen zähmte. Adrett, aber sexy, eine erstrebenswerte Kombi.
Rasch lief ich die Treppe hinunter in den offenen Wohn-Küchenbereich, schnappte mir Pauls Autoschlüssel und schob sie in meine Clutch. Trotz der Eile ließ ich erst noch einen bewundernden Blick durch sein Apartment schweifen – unser Apartment – und über die glitzernden Lichter der Stadt, die durch das bodentiefe Fenster am anderen Ende des Raums hereinfielen. Nachdem wir fast ein Jahr nach der perfekten Wohnung gesucht hatten, zogen wir im Januar hier ein, und so langsam fühle ich mich zu Hause. Meine Gedanken wanderten zurück zum Besichtigungstermin, als wir uns gegenseitig wortlos anstupsten und beide wussten, dass es perfekt war. Mich hatte zwar der Preis ein bisschen abgeschreckt, aber Paul versicherte mir, dass es okay sei. Schließlich war er kurz zuvor befördert worden und hatte dadurch Geld wie Heu. Er machte, wie er es ausdrückte, fette Abschlüsse im Job, und das Apartment schenkte er sich als Belohnung für seinen Erfolg. Plötzlich meinte ich förmlich zu spüren, dass Paul hinter mir steht und mir ins Ohr flüstert. Genauso beschrieb er mir damals die Möbel, die er für uns kaufen wollte.
Am Abend unseres Einzugs, bevor unsere Sachen eintrafen, baute Paul uns ein provisorisches Bett, in dem wir die ganze Nacht wach blieben, uns an unser erstes Apartment erinnerten – klein, vollgestopft und abgewohnt; Lichtjahre entfernt von dem hier – und davon träumten, wie wir dieses hier einrichten würden. Es war aufregend, sich in Erinnerung zu rufen, wie weit wir gekommen waren, und dieses neue Apartment hatte sich angefühlt, als würden wir das nächste Kapitel in unserem Leben aufschlagen. Wir waren auf einem guten Weg. Und trotz unserer unterschiedlichen Werdegänge hatte ich mich zunehmend auf Paul und dieses Leben eingelassen. Früher hatte mir die Vorstellung, mich mit einem Menschen an einem Ort niederzulassen, Angst gemacht. Bei dem Gedanken, Ehefrau und Mutter zu sein, war mir richtiggehend übel geworden. Aber Schritt für Schritt begann ich die Freuden zu erkennen, ein wunderschönes Zuhause und ein zuverlässiges Auto zu haben, einen sicheren Job und ein festes Einkommen. Und ich schwöre, während ich mit ihm auf diesem provisorischen Bett saß, hörte ich meinen Uterus johlen.
Nach ein paar Monaten in unserem neuen Zuhause hatte ich Paul gegenüber angedeutet, dass ich nun bereit sei, mich zu binden. Ich war nicht sicher, ob er meinen Hinweis verstand, aber als er mir ein paar Wochen später erzählte, dass er wieder angefangen habe zu sparen, jubelte ich innerlich. Und seitdem wartete ich gespannt wie ein Flitzebogen darauf, dass er mir einen Heiratsantrag macht. Meine flatterhaften Tage als Rucksacktouristin, die allein die Welt bereist, um Abenteuer zu erleben, waren Relikte meiner Vergangenheit. Ich schätzte diese glücklichen Erinnerungen, aber jetzt befand ich mich auf einem anderen Weg.
Ich checkte die Uhr auf meinem Handy und beendete ruckartig meinen Tagtraum.
Mist, Mist, Mist, ich würde mich verspäten.
Mit Schwung zog ich die Haustür hinter mir zu und hörte, wie das Schloss einrastete. Dann eilte ich hinunter in die Garage. Draußen regnete es – ein Glücksbringer? Oder gilt das nur an Hochzeitstagen? Ich setzte mich ins Auto und fuhr die paar Kilometer zum Bistro Francine. Ich war so aufgeregt, dass ich mich ermahnen musste, vorsichtig zu fahren. Auf dem Weg zum Restaurant mit Pauls Wagen einen Unfall zu bauen konnte sich als Stimmungskiller entpuppen.
Paul saß bereits an unserem üblichen Tisch, er hatte seine große Statur auf die Sitzbank gequetscht. Aber es machte mir nichts aus, den Stuhl zu nehmen und mit dem Rücken zum Restaurant zu sitzen. Heute Abend wollte ich nur in Pauls Augen schauen. Alles andere war Atmosphäre und Geräuschkulisse für seine große Frage. Ich beugte mich vor, gewährte ihm einen ausgiebigen Blick auf mein Kleid und küsste seine glatt rasierte Wange, bevor ich mich setzte und die Regentropfen aus den Locken schüttelte. Ich lächelte. Ich war bereit.
Die Kellnerin kam an unseren Tisch, und ich zögerte kurz, bevor ich Paul fragte, ob wir eine Flasche Champagner bestellen sollten. Er schüttelte den Kopf und zeigte auf seinen Wodka-Soda. Irgendwie wirkte er fahrig.
Andererseits, wer wäre nicht nervös, wenn er einen Heiratsantrag machen will?
Schweigend überflogen wir die Speisekarte. Ich war zu hibbelig, um ein Gespräch anzufangen, und Paul konzentrierte sich intensiv auf das Tagesangebot, vermutlich, um zu entscheiden, welches Gericht mit seiner Paleo-Diät harmonierte.
Als er hochschaute, lächelte er mich an und fragte, wie mein Tag gewesen sei. Sofort war die Anspannung verflogen. Konnte es sein, dass ich zu viel grübelte? Ich versuchte, gelassen zu bleiben, während ich ihm erzählte, dass ich den ganzen Nachmittag damit verbracht hatte, ein Buch über Gärten im viktorianischen Stil zu kopieren. Aber dann bremste ich mich. Über den Job zu jammern war nicht sexy. Ich wechselte das Thema und fragte nach seinem Tag, der aber anscheinend genauso frustrierend verlaufen war. Er hatte versucht, noch vor dem Wochenende irgendeinen großen Abschluss unter Dach und Fach zu bringen, der aber im letzten Moment platzte, weil die Frau des Typen einen Autounfall hatte.
»O mein Gott, ist ihr was passiert?«, fragte ich.
»Keine Ahnung. Habe nicht daran gedacht zu fragen. Ich hätte unbedingt heute seine Unterschrift gebraucht. So ein Mist!«
Ich nickte höflich. Bestimmt war Paul wegen des Jobs ein bisschen daneben. Normalerweise war er nicht so gedankenlos.
Nichts, was eine Überraschungsverlobung nicht wieder in Ordnung bringen könnte, sagte ich mir. Ich würde nicht zulassen, dass mir irgendetwas meine gute Laune verdarb.
Der Abend verflog nur so, und die Stimmung zwischen uns wurde zunehmend gelöster, während ein Gang dem vorigen folgte. Paul bestellte uns sogar eine Flasche teuren Yarra Valley Pinot noir. Trotzdem fiel es mir schwer, mich zu entspannen, sodass ich dem Wein begeisterter zusprach als üblich. Als wir mit dem Hauptgang fertig waren, hatte ich einen Schwips, legte den Kopf nach hinten und lachte laut, um Paul die Befangenheit zu nehmen und ihn anzuspornen. Das hier sollte einer der glücklichsten Momente unseres Lebens werden und nichts, weswegen er beunruhigt sein müsste.
Äußerlich strahlte ich glücklich. Innerlich wartete ich gespannt, hoffte, dass ein funkelnder Diamant unser Lieblingsdessert krönen würde – Apfeltarte.
Paul sah mich gerade nachdenklich an, als wolle er etwas sagen, als ausgerechnet in dem Moment die Kellnerin an unseren Tisch trat. Sie fragte, ob wir uns wie üblich eine Tarte Tatin teilen oder ein anderes Dessert haben wollten. Hoffnungsvoll schaute ich Paul an, wartete, was er wohl bestellen würde. Womöglich wäre das ein Hinweis darauf, wo er den Ring versteckt hatte. Deshalb war er also schon früher hier gewesen, um alles mit dem Koch zu besprechen. Paul lächelte, überlegte offenbar kurz und bestellte dann einen sechzehn Jahre alten Lagavulin mit einer Kugel Eis. Ich schob die Lippen vor, die Kellnerin nickte, schenkte den letzten Rest Wein in mein Glas und entfernte sich.
Paul sah mich über den Tisch hinweg an und sagte leise meinen Namen. Ich spürte, wie mein Herz in dem viel zu engen Kleid pochte, das während des Essens noch geschrumpft zu sein schien.
Jetzt kommt es, dachte ich. Natürlich würde Paul nicht das Klischee mit einem versteckten Ring abziehen.
»Wir müssen über etwas reden«, sagte er.
O Gott, es passiert. Versuch, ruhig zu wirken.
»Ja«, flüsterte ich und starrte ungeduldig auf seinen Mund, damit seine nächsten Worte schneller über die Lippen kamen. Paul atmete tief ein und schaute aus dem Fenster.
»Ella, ich habe mich entschieden fortzugehen.«
Kapitel 2
Ich beugte mich über den Tisch, war unsicher, ob ich richtig gehört hatte. Meine lange Kette landete mit lautem Klirren im Wasserglas, woraufhin sich uns alle Blicke zuwandten. Mit großen Augen starrte ich Paul verständnislos an.
Was zum Teufel läuft hier? So war das nicht geplant!
»Fortgehen? Mich verlassen?«
»Ich verlasse Melbourne«, antwortete er ruhig. »Und, nun ja …«
»Du verlässt Melbourne? Wo willst du hin?«, unterbrach ich ihn, denn ich wollte das Ende des Satzes nicht hören.
»Um mich selbst zu finden«, sagte er, und ein Hauch von Ruhe legte sich auf sein Gesicht, als sei eine schwere Last von ihm genommen, weil er es mir gesagt hatte.
»Paul, wovon redest du?«
»Ella, es ist kompliziert. Wie du weißt, verdiene ich viel Geld, und es läuft gut im Job. Aber ich habe das Gefühl, mich in meinem Erfolg zu verlieren.«
»Aber du liebst deinen Job! Und du liebst deinen Erfolg.«
»Aber ist das genug?«, fragte er. »Ich muss fort, um herauszufinden, wie es weitergehen soll. Das machen alle Top-Leute. Und wenn ich noch mehr erreichen will, Ella, muss ich das auch machen. Es genügt nicht, immer weiter befördert zu werden. Ich muss mich auch spirituell herausfordern.«
Kerzengerade saß ich da, bereit loszulachen. Er würde mir jetzt gleich sagen, dass das Ganze nur ein Scherz war. Aber seine inzwischen versteinerte Miene machte mir unmissverständlich klar, dass er es ernst meinte. Ich versuchte herauszufinden, was diese Entscheidung für uns als Paar bedeutete. Paul war schon immer dafür bekannt, sich von Wellness-Trends und Gesundheitsfimmeln mitreißen zu lassen. Seine jüngsten Obsessionen waren CrossFit und Paleo-Diät. Aber diese »Hobbys« hatten im Allgemeinen keine Auswirkung auf uns, sie hatten Paul eher noch attraktiver gemacht.
»Und wo gehst du hin?« Trotz meiner Beklommenheit wollte ich es zumindest so aussehen lassen, als würde ich ihn bei dieser Idee unterstützen.
»Es handelt sich um eine dreiwöchige Klausur an einem abgeschiedenen Strand in Thailand. Nicht einmal der Teilnehmer selbst erhält vorher die genaue Adresse; man wird von den Organisatoren am Flughafen abgeholt und dort hingebracht. Es ist verdammt schwer, einen Platz zu bekommen. Du brauchst mindestens zwei Empfehlungen von früheren Teilnehmern.«
»Also so eine Art bessere Kur?«
»Nein, es ist ein Rückzugsort für Meditation und Wellness. Es soll überaus erhellend sein. Vermutlich kehre ich als anderer Mensch zurück«, schloss er mit ernster Stimme.
Angestrengt kämpfte ich dagegen an, die Augen zu verdrehen. Ich konnte mir Paul nicht vorstellen – den Mann, den ich seit gut acht Jahren kannte – als jemanden, der sich auch nur ein bisschen verändern wollte.
»Okay …«, sagte ich langsam, um mir etwas Zeit zum Nachdenken zu verschaffen. »Und wann soll es losgehen?«
»Mein Flug geht heute Nacht, ich mache mich also direkt nach dem Abendessen auf den Weg. Ich habe eine Tasche gepackt und bin bereit.«
Wie bitte? Wieso hatte er mir nicht früher davon erzählt?
»Und wie bist du auf diesen Rückzugsort gestoßen?«, fragte ich betont ruhig, obwohl mir mein Magen jeden Moment aus dem Mund zu springen drohte.
»Oh, das ist eine echt coole Geschichte. Du kennst meine Trainerin beim CrossFit? Die, die das mit der Achtsamkeit praktiziert? Also, sie war auch letztes Jahr an so einem Rückzugsort und sagt, es habe ihr Leben komplett verändert.«
Ich traute meinen Ohren nicht.
»Als ich ihr von meiner Beförderung erzählte«, fuhr er fort, »und dass ich mich gar nicht über die riesige Gehaltserhöhung freuen konnte, empfahl sie mir diesen Aufenthalt. Sie ist ganz auf meiner Wellenlänge.«
Ganz auf meiner Wellenlänge, höhnte ich stumm. Was für eine verdammte Wellenlänge? Und wieso nimmt er Lebensratschläge von einem meditierenden CrossFit-Girl an?
»Warum jetzt?«, fragte ich stattdessen. »Hättest du nicht früher auf diese ›Seelensuche‹ gehen können?«
»Früher fehlte mir irgendwie die richtige Unterstützung«, antwortete Paul mit ernster Miene. »Aber jetzt hat mein Chef zugestimmt, mich freizustellen, und Jessyka hat mich gecoacht, wie ich Menschen in einer neutralen Umgebung über mein Vorhaben in Kenntnis setzen soll und womit ich dann rechnen muss …«
Er machte eine Pause, und ich fragte mich wütend, wie mein Freund auf jemanden hören konnte, der sich mit »y« und »k« schreibt. Als ich Jessykas Namen zum ersten Mal auf Pauls Handy sah, nahm ich an, er habe ihn falsch eingetippt. Aber es sollte noch schlimmer kommen. »Sie hat mich auch darauf vorbereitet, wie ich mit Menschen umgehen kann, die meine Entscheidung möglicherweise nicht unterstützen …«
»So wie ich?«, schlug ich vor.
»Ella, bitte. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich muss das für mich tun. Es ist ein wichtiger Schritt auf meinem Lebensweg …«
Ich spürte, wie mein Herz immer wütender in meiner Brust pochte. Diese »Kur« trug alle Kennzeichen einer typischen Paul-Aktion: Als könne er mal eben in einem dreiwöchigen Kurs auf der Überholspur zur Erleuchtung kommen. Ich griff nach seiner Hand und mobilisierte sämtliche Reserven an Gelassenheit und Selbstbeherrschung.
»Ich möchte es einfach nur verstehen, Paul.« Um meinen Ärger zu zermalmen, räusperte ich mich. »Dieser andere Mensch, als der du dann zurückkommen wirst, stellt der sich eine gemeinsame Zukunft mit mir vor?«
»Ella! Jetzt sei doch nicht so. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Jeder erlebt diese Auszeit anders. Ich kann nicht vorhersagen, wie ich mich fühlen werde. Ich kann auch nichts versprechen. Vermutlich ist es am besten, einfach abzuwarten und zu sehen, was passiert … Ist das okay?«
Jetzt war ich verwirrt. Verließ Paul mich nun oder nicht? Darauf zu warten, dass er zurückkehrte, war ganz sicher nicht vergleichbar mit dem Heiratsantrag, den ich erhofft hatte.
»Möchtest du das denn überhaupt?«, fragte ich. »Dass ich auf dich warte? Kannst du dich denn wenigstens auf eine feste Bindung mit mir einlassen, bevor du gehst?«
»Was sind denn eigentlich Beziehungen? Was sind Bindungen?«, sagte er mehr zu sich selbst. »Darüber habe ich in letzter Zeit viel meditiert …«
Sprachlos sah ich ihn an und wusste ohnehin nicht, ob ich darauf etwas entgegnen soll.
»Und was spielt es für eine Rolle, wenn wir uns fest binden?«, fuhr er fort. »Wir sind jetzt und hier zusammen, haben ein schönes Abendessen, bevor ich gehe. Genügt das nicht?«
Wieso drückte er sich so verdammt vage aus?
»Und ist dir je in den Kopf gekommen, mich zu all dem erst einmal zu fragen?«, wollte ich wissen.
»Ella, du weißt doch, wir können nicht glücklich sein, wenn ich nicht glücklich bin, stimmt’s?«
»Ist das dein Ernst, Paul?«
»100-prozentig, Ella. Über so etwas würde ich niemals Witze machen.«
»Aber ich habe alles für dich getan. Ich habe mich in Melbourne niedergelassen und mich an einen geregelten Arbeitstag gewöhnt. Ich habe aufgehört zu reisen. Gott, ich habe sogar ein Sparkonto eröffnet! Ich dachte, es sei das, was du von mir willst. Und jetzt verlässt du mich wegen irgendeines Hippie-Kults.«
»Nenn es nicht so. Ich habe dich nie gebeten, dich zu ändern, ganz im Gegenteil. Die Ella, die ich vor Jahren kennenlernte, dieses Mädchen in Paris, war die Art von Partnerin, die mich in Bezug auf diese Reise unterstützt hätte. Die Ella, der ich damals begegnete, war offen für Veränderungen. Ich weiß nicht einmal mehr, wer du bist. Vielleicht sind wir nicht mehr auf derselben Wellenlänge. Aber keine Sorge, es liegt nicht an dir, sondern an mir. Ich verändere mich auch.«
Fieberhaft versuchte ich zu verstehen, was hier vor sich ging. Jeglicher Vorsatz, Paul zu unterstützen, löste sich in Luft auf und wurde durch Wut ersetzt. Alle möglichen Fragen wirbelten mir durch den Kopf: Warum ist er mit mir in unser Lieblingsrestaurant gegangen, um mir dann diese Neuigkeiten vor die Füße zu knallen? Hat er wirklich geglaubt, ich würde mich einfach zurücklehnen und mit seinem Plan einverstanden sein? Wie hatte ich nur annehmen können, dass er mir einen Antrag machen würde? Habe ich wirklich die letzten acht Jahre meines Lebens an diesen Idioten verschwendet? Mein Gott, ging er etwa mit diesem meditierenden CrossFit-Girl ins Bett?
»Schläfst du mit deinem CrossFit-Girl?«, platzte ich heraus.
»Mit wem? Jessyka? Blödsinn, Ella. Aber selbst wenn es momentan jemand anderen in meinem Leben gäbe, so würde das nichts ändern. Ich habe es immer so gesehen, dass wir Spaß zusammen haben, aber dass es nichts wirklich Ernstes ist. Du empfindest doch genauso, oder?«
Das Problem war, dass ich das nicht tat. Nach acht gemeinsamen Jahren fühlte ich mich in einer sehr festen Beziehung, und bis zu diesem Abendessen hatte ich angenommen, dass es Paul genauso ging. Natürlich hatte ich gewollt, dass er mir einen Antrag macht. Himmel, in meiner Fantasie hatte ich mir schon die aufwendige Hochzeitsfeier ausgemalt: mein bauschiges Kleid, das von einem halben Dutzend Brautjungfern gezähmt werden musste, die üppigen Blumenarrangements als Sinnbild unserer ewig blühenden Liebe. Ich hatte sogar schon ein Moodboard angelegt. Ella, du Idiotin!
»Paul, wir haben uns ein gemeinsames Leben aufgebaut. Ich liebe dieses Leben und dachte bis gerade, wir würden ein gemeinsames Ziel anstreben.« Ich klang verzweifelter, als mir lieb war.
»Welches Ziel?«
»Zu heiraten und …«, begann ich.
Paul sah mich ungläubig an. »Heiraten? Wir haben doch nie übers Heiraten gesprochen. Mir war nicht einmal klar, dass du das Konzept Ehe gut findest.«
»Was hast du denn gedacht, wohin diese Beziehung führt?«
Er schwieg.
Ich schenkte mir die Mühe, auch noch von gemeinsamen Kindern anzufangen. Das Leben, das ich mir mit uns als Paar erträumt hatte, brach wie ein Kartenhaus zusammen.
»Und was ist mit unserem Apartment?«
Jetzt war es Paul, der sich vorbeugte. Er verengte die Augen und sagte: »Ella, das ist mein Apartment. Ich habe es bezahlt. Mein Name steht im Vertrag.«
Ich sog hörbar die Luft ein. Das war der finanziell rücksichtslose Paul, den ich kannte. Zugegeben, er hatte die Anzahlung geleistet und den größten Teil der monatlichen Raten übernommen, aber es war definitiv unser Zuhause. Wir hatten es zusammen ausgesucht. Ich war bei jeder Besichtigung dabei gewesen und hatte ihn unterstützt, als er ein Angebot abgab. Ich hatte sogar geholfen, die Möbel auszusuchen. Es wäre mir nicht im Traum in den Sinn gekommen, dass er es als ausschließlich sein Reich betrachtete.
Er fuhr fort und mied dabei meinen Blick: »Ja, du hast mir geholfen, es zu finden, und dafür bin ich dir dankbar. Aber wenn du den von mir gewählten Lebensweg nicht unterstützen kannst, frage ich mich, was das über unsere Beziehung aussagt.«
Paul zückte seine Brieftasche – keine Ringschachtel in Sicht – und bedeutete dem Kellner, die Rechnung zu bringen.
»Ella, ich muss los, sonst verpasse ich meinen Flug«, sagte er. Unsere Beziehung stand wohl nicht länger zur Diskussion.
Ich betrachtete den Mann mir gegenüber, und plötzlich erschien mir die Zukunft, von der ich während der vergangenen Monate geträumt hatte, völlig absurd. Nichts von dem, was Paul sagte, gab mir das Gefühl, auf seine Rückkehr warten zu können oder zu sollen. Während der vergangenen acht Jahre hatte ich ständig Kompromisse bei meinen eigenen Plänen und Zielen gemacht, und er hatte mich nur hingehalten. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag in den Magen, und ich fürchtete, mich jeden Moment übergeben zu müssen.
Es reicht, Mädchen. Wo bleibt dein Stolz?
»Paul, ich denke, wir sollten uns trennen!«, sagte ich lauter als nötig und erschrak, als mir die Wörter über die Lippen kamen.
»Im Ernst?«, fragte er. »Du willst nicht warten, bis ich zurück bin, um zu sehen, ob ich mich verändert habe?«
»Das denke ich nicht.«
»Na gut. Manche Dinge haben wohl ein natürliches Verfallsdatum«, sagte er und zeichnete bei den letzten beiden Wörtern Anführungsstriche in die Luft.
Ich schnappte meine Clutch und wollte gehen, fühlte mich an diesem Tisch und in diesem Restaurant – und in meinem Kleid – wie gefangen, aber Paul legte die Hand auf meinen Arm und wollte, dass ich mich noch für einen Moment hinsetzte. Ich suchte in seinem Gesicht nach einem Hinweis, nach irgendetwas, das uns wieder zusammenbringen würde, hoffte immer noch, dass das hier ein blöder Witz war und er mir am Ende doch einen Antrag machen würde. Aber sein Gesicht blieb düster. Er saß da in seinem lila Hemd mit den scheußlichen Dollarzeichen-Manschettenknöpfen, die eher nach Geldregen schrien als nach Meditation. Er war mein Paul. Aber jetzt war er es nicht mehr.
»Was?«, fauchte ich ihn an und hielt meine Gefühle nur mühsam unter Kontrolle. Ich wollte weg von hier, damit ich meine Wut hinausschreien oder in Tränen ausbrechen konnte oder beides gleichzeitig.
Er tätschelte gönnerhaft meine Hand, aber ich entzog sie ihm. »Was denkst du, wann du ausziehst?«, fragte er.
»Bis zum nächsten Wochenende bin ich weg«, erwiderte ich pathetisch.
»Ella, du musst dich nicht hetzen. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Falls du noch da sein solltest, wenn ich zurückkomme, können wir auch reden.«
»Nächstes Wochenende bin ich weg«, wiederholte ich. »Sind wir jetzt fertig?«
Paul nickte, und eine mich rasend machende Zen-artige Ruhe legte sich über ihn.
»Noch eine letzte Frage, Paul«, sagte ich. »Als du mir gesagt hast, dass du für etwas sparst, worauf bezog sich das?«
»Auf die Auszeit«, sagte er in einem Ton, als hätte ich die dümmste Frage der Welt gestellt. »Ich habe die teure Chakra-Hütte gebucht. Die hat eine eigene Außendusche und einen Privatpool.«
»Natürlich«, sagte ich, »wie umsichtig von dir.«
Als ich aufstand, blieb mein Strumpf am Korbgeflecht des Stuhls hängen. Das löste eine Kettenreaktion aus. Ich drehte mich zu schnell um und stieß mein Glas mit dem verbliebenen Wein um. Die Flüssigkeit breitete sich auf dem Tischtuch aus, und ich stellte mir vor, dass es das Blut aus meinem Herzen sei, das Paul in den Schoß floss. Wie passend, dass wir Rotwein bestellt hatten. Er schrie leise auf und tupfte seine Hose hektisch mit der Serviette ab. Ich unterdrückte ein Lachen und wunderte mich überhaupt nicht, dass seine Zen-Ruhe so leicht erschüttert werden konnte.
Da wir ohnehin schon eine Szene machten, entschied ich, noch eins draufzusetzen, und kippte ihm mein restliches Mineralwasser ins Gesicht. »Und das ist dafür, dass du mich betrogen hast!« Sollte er das nicht getan haben, fühlte es sich dennoch gut an. Richtig gut.
Ich machte auf dem Absatz kehrt, verließ hoch erhobenen Hauptes das Restaurant und hielt die Tränen zurück, bis ich durch die Tür war.
Ich bog um die Ecke, und als ich am Fenster des Restaurants vorbeikam, spähte ich hinein, um zu sehen, ob Paul mir nachschaute. Aber er konzentrierte sich auf den Bildschirm seines Handys. Vermutlich schrieb er seiner neuen spirituellen Ratgeberin, Jessyka, dass er sich von seiner für ihn kein Verständnis zeigenden Freundin getrennt hatte und nun sein wahres Ich entfalten konnte. Vielleicht verabredete er sich auch schon mit ihr für nach seiner Rückkehr aus Thailand.
Ich schaffte es bis zum Wagen, dann flossen die Tränen ungehemmt, nur unterbrochen von meinem lauten und wenig glamourösem Schnäuzen. Lange Zeit saß ich einfach da, starrte auf die Regentropfen auf der Windschutzscheibe und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war.
Was habe ich nur getan? Ich habe mich soeben von jemandem getrennt, mit dem ich noch vor wenigen Stunden den Rest meines Lebens verbringen wollte.
Kapitel 3
Ich saß im Auto und ließ den Tränen freien Lauf, fragte mich, seit wann sich meine Beziehungserwartungen und Pauls Gefühle diametral auseinanderentwickelt hatten. Wie hatte ich fast ein Jahrzehnt mit einem Typen zusammen sein können, der es plötzlich, ohne mit der Wimper zu zucken, vorzog, »sich selbst zu finden«? Für einen Moment überlegte ich, meiner Mum von der Trennung zu erzählen. Aber dann entschied ich mich dagegen, weil ich mich vor der unvermeidlichen Diskussion fürchtete.
An welchem Punkt ist es so schiefgelaufen?
Ich dachte zurück an meine erste Begegnung mit Paul, vor acht Jahren auf einem Sommertrip durch Europa. Wir waren damals beide jung und naiv, aber während ich die Welt sehen und erleben wollte – ich war schon einen Monat mit dem Rucksack durch Thailand, Vietnam und China unterwegs gewesen – , war Paul mit vier College-Freunden direkt nach Paris geflogen, um sich zu amüsieren.
Ich verliebte mich in dem Moment in Paris, als ich am Gare de Lyon aus dem Bahnhof trat; die Seine, die Gebäude, die Pariser, alles wirkte so gediegen und romantisch. Stundenlang wanderte ich durch die Straßen, verlor mich in meiner Bewunderung für die Stadt, spazierte durch Galerien und aß Crêpes, sobald ich hungrig oder müde wurde. Ich war wie gebannt von der Erhabenheit der Parks und Gärten, in Versuchung geführt von Schaufenstern voller Gebäck und Käse und verzückt von den Einwohnern, deren Hauptbeschäftigung darin zu bestehen schien, das Leben zu genießen.
Mich in Paul zu verlieben dauerte ein bisschen länger. Ich schloss mich einer Reisegruppe zu einer zehntägigen Standardtour durch Westeuropa an. Sie bestand aus dem Bestaunen historischer Monumente der jeweiligen Stadt bei Tag und aus betrunkenen Ausschweifungen bei Nacht. Die letzten Tage der Tour verbrachten wir dann in Paris, bevor alle wieder ihrer Wege gingen.
Am vorletzten Abend, nachdem wir von einer feuchtfröhlichen Nacht in einem Club auf der Seine zurückkehrten, nahm Paul mich beiseite und brachte endlich den Mut auf, mich zu fragen, ob wir den letzten Abend zusammen verbringen wollten, mit einem Picknick im Champ de Mars mit Blick auf den Eiffelturm.
Paul war anders als seine Freunde; er schien sich ein bisschen weniger für die Trinkerei zu interessieren und nahm das Leben im Allgemeinen ernster. Es gefiel mir, wie unaufdringlich er war, als er mich um ein Date bat, wie süß, dass er damit bis zur letzten Minute gewartet hatte. Er erinnerte mich an einen Labrador mit großen, treuen Augen, der unbedingt geliebt werden will. Natürlich nahm ich die Einladung an und dachte mir, eine Liebesbeziehung, die in Paris beginnt … wie könnte die Geschichte noch besser werden?
Später an jenem Nachmittag schlenderten wir zu einem Lebensmittelgeschäft, um uns Proviant für ein Picknick zu besorgen. Wir packten Brot, Käse und frisches Obst in unsere Rucksäcke. In Europa war Sommer, und alles Köstliche hatte gerade Saison. Die Feigen waren so reif und saftig, dass sie bei der kleinsten Berührung zu platzen drohten, der sommerliche Duft von Pfirsichen lag in der Luft, und Körbe voller Erdbeeren säumten die Obststände und heischten wie eine Lawine saftiger roter Versuchung um Aufmerksamkeit.
Paul ging durch die Käseabteilung und wählte ein Stück Comté. Er erzählte mir, dass dies einer der besten französischen Käse sei. Durch die rosarote Brille meiner 20-jährigen Augen wirkte er sehr selbstbewusst und kultiviert – vor allem im Vergleich zu den anderen Typen, mit denen ich die vergangenen Wochen verbracht hatte. Und ich war beeindruckt, wie gut er sich mit der französischen Küche auskannte. An der Kasse bezahlte Paul den Käse und das Baguette und fügte unserer Beute noch zwei Flaschen Champagner hinzu. Er lehnte mein Angebot, mich an den Kosten zu beteiligen, rigoros ab und zückte seine – von den Eltern finanzierte – Kreditkarte. Dieses kleine Teil, das mich damals ungemein beeindruckte. Er war ja so erwachsen.
Wir saßen im Champ de Mars, tranken und schwelgten in Erinnerungen über unsere Abenteuer in Europa. Als die Sonne langsam unterging, rückten wir immer enger zusammen. Ich schnitt mir ein Stück Comté ab, biss gedankenverloren hinein und war auf der Stelle überwältigt von diesem Sinnesreiz. Er schmeckte umwerfend. Der kräftige, aber nicht zu intensive Käse schmolz förmlich auf der Zunge. Würzig und nussig, durchsetzt mit Salzkristallen, die am Gaumen als Geschmacksaromen explodierten. Und wie durch Zauberhand ging in genau diesem Moment die Beleuchtung des Eiffelturms an, erstrahlte, während ich hingebungsvoll kaute. Ich fragte Paul, ob er gewusst hatte, wie köstlich dieser Käse ist.
»Ein Mann behält seine Geheimnisse für sich«, erwiderte er. Ich lachte, weil sich das so kitschig anhörte, aber nach reichlich Champagner und im Bann von Paris fand ich Paul unheimlich charmant.
Schließlich wurde es kühl, ich zitterte und wollte gerade vorschlagen, zurück ins Hotel zu gehen, da legte Paul den Arm um meine Schultern. Ich weiß noch, dass ich mich nie zuvor so sicher und gleichzeitig frei gefühlt habe. Wir erlebten dieses wunderbare Abenteuer auf der anderen Seite der Welt, und nichts belastete oder beeinträchtigte unser Zusammensein. In dem Moment gab es nur diesen umwerfenden australischen Mann und die Lichter dieser berauschend schönen Stadt. Und dann küsste er mich. Anfangs ein bisschen linkisch. Seine strahlend weißen, absolut gleichmäßigen Zähne stießen mit einem leisen Klacken gegen meine, aber sobald wir unseren Rhythmus gefunden hatten, fühlte ich mich, als wären wir die Kraft, die den Eiffelturm zum Funkeln bringt.
Wir müssen uns ziemlich lange geküsst haben, denn als wir uns schließlich atemlos voneinander lösten, waren die vielen Leute, die um uns herum gepicknickt hatten, verschwunden. Als wir merkten, dass wir quasi allein waren – bis auf ein paar andere Pärchen, die sich ähnlichen Aktivitäten widmeten wie wir – , zog Paul mich wieder an sich. Ich war ganz benebelt von dem, was sich wie Liebe anfühlte, was vermutlich aber eher auf die ausflippenden Hormone im Körper einer Zweiundzwanzigjährigen zurückging.
Wenn ich Freunden oder Familie diese Geschichte erzählte, machte ich für gewöhnlich an diesem Punkt Schluss – bevor der Teil kam, an dem Paul seine Hände unter mein Top schob und ein bisschen zu versiert meinen BH öffnete. Aber in letzter Zeit war mir die Geschichte sowieso immer klischeehafter vorgekommen, als wären wir ihr entwachsen. Ich war dazu übergegangen, den Leuten nur noch die Kurzversion zu erzählen: dass wir uns kennenlernten, als wir beide als Studenten durch Europa reisten.
Ein paar Jahre später fragte ich Paul noch einmal, woher er wusste, dass Comté so lecker ist, und er rückte mit der Wahrheit heraus. Während seiner Studentenzeit hatte er eine Reihe britischer Spionagethriller mit einem Helden namens Jonathan Boons gelesen. Eines der Bücher spielte in Frankreich. Nachdem Boons einen korrupten französischen Aristokraten namens August Le Comte besiegt hatte, gelang es ihm endlich, mit der französischen Agentin Fanny d’Amour zu schlafen. Nach einer Nacht voller heißer Leidenschaft tranken die beiden ebenfalls Champagner und aßen einen vierundzwanzig Monate alten Comté, nur eben vor der Kulisse der französischen Riviera.
»Moment mal, hattest du diesen Käse überhaupt schon mal probiert?«, hakte ich nach.
»Nein, aber ich dachte mir, wenn er gut genug ist für Boons und Fanny, dann wird er wohl auch gut genug für uns sein.«
Wenn ich das damals in Paris gewusst hätte, wäre unsere Beziehung vielleicht schon früher den Bach hinuntergegangen. Also bitte, wer eignet sich sein Wissen über Käse aus einem Agententhriller an und behauptet dann zu wissen, wie er schmeckt? Allein der Gedanke erscheint mir absurd. Ich hatte Paul als weltgewandten Feinschmecker gesehen, der sich mit Käse und Wein auskannte. Und auch wenn ein Stück Käse nicht allein für das Zustandekommen unserer Beziehung verantwortlich war, so hat es sicher dazu beigetragen, dass dieser Abend in Paris – und Paul – so perfekt wirkte.
Ein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass ich jetzt schon eine halbe Stunde im Auto saß. Da ich mich zu betrunken fühlte, um nach Hause zu fahren, schnappte ich mir mein Handy und bestellte ein Uber. Als der Wagen neben mir hielt, musterte mich der Fahrer sorgfältig von oben bis unten, bevor er mich einsteigen ließ. Er musste meine roten verquollenen Augen schon auf eine Meile Entfernung gesehen haben.
Geräuschvoll putzte ich mir die Nase, und der Fahrer seufzte, schaltete das Radio aus und fragte, ob alles okay sei.
»Ja, alles bestens. Nur wieder so ein Freitagabend«, antwortete ich und versuchte, glücklich zu klingen.
»Gott sei Dank. Ich hatte gerade eine Frau als Fahrgast, die beim Abendessen von ihrem Freund abserviert wurde. Können Sie sich das vorstellen? Sie war völlig fertig. Das war echt traurig. Sie hat es nicht einmal kommen sehen.«
Als ich endlich vor Pauls Apartment stand, versuchte ich mit klammen Fingern, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Sobald ich drinnen war, schlug ich die Tür hinter mir zu, kickte die Schuhe weg und knallte mein Handy auf den Küchentisch. Noch während ich die Treppe hinunterstolperte, zog ich mein Kleid aus und ging sofort ins Bett.