Über einen Streit, ausgelöst durch die übergroße Liebe zu einem Hut
Ungezählte Jahre hatte ein Hirtenstar die Gäste einer Karawanserei mit seiner Fähigkeit verblüfft, Unflätigkeiten in zehn verschiedenen Sprachen von sich zu geben. So waren, bevor der Streit ausbrach, alle Anwesenden überzeugt, es sei der alte blauzüngige Teufel auf seiner Stange am Kamin gewesen, der den hünenhaften Afrikaner mit solch Niedertracht und Verve beleidigt habe. Vertieft in die Betrachtung eines kleinen elfenbeinernen Schatrandsch-Brettes mit Figuren aus Horn und Ebenholz und in den Geruch eines Eintopfs aus Kichererbsen, Möhren, getrockneten Zitronen und Hammelfleisch, für den die Karawanserei berühmt war, belegte der Afrikaner den dem Feuer nächsten Platz, den breiten Rücken dem Vogel zugewandt, im Blick die Türen und das Fenster mit den zur blauen Dämmerung aufgestoßenen Läden. An einem milden Herbstabend wie diesem im Königreich Aran an den östlichen Ausläufern des Kaukasus suchten lediglich diese beiden Bewohner dampfender Urwälder, der Afrikaner und der Hirtenstar, ihre Knochen zu wärmen. Die genaue Herkunft des Afrikaners blieb ein Rätsel. Sein gesteppter grauer Bambakion mit der fadenscheinigen Kapuze über dem zerfransten weißen Rock verwies auf ehemalige Dienste in der byzantinischen Armee, wohingegen die Messingösen in den Riemen seiner Halbstiefel einen Aufenthalt im Westen nahelegten. Niemand hatte je gewagt zu fragen, ob die Sprachen der bekannten Imperien, Khanate, Emirate, Nomadenvölker und Königreiche ihm verständlich waren. Dieser Afrikaner mit einer Haut so glänzend wie ein angelaufener Kupferkessel, und Augen so weibisch wie die eines Kamels, mit dem glänzenden Schädel und dem wollenen Haarkranz, dessen Silberton auf ein nur von den hartgesottensten Männern erlangtes Dienstalter schließen ließ, vor allem aber mit der ihm eigenen Ruhe, die seine Mordlust auch noch dem unerfahrensten Reisenden auf diesem unbedeutenden Abschnitt der Seidenstraße verkündete, schien Fragen weder herauszufordern noch hinnehmen zu wollen. Unter den Gästen der Karawanserei kam daher einen Augenblick lang Bewunderung für den vermeintlichen Wagemut des Vogels auf, als er in hervorragendem Griechisch verkündete, der Afrikaner verzehre seine Nahrung ebenso gierig schlingend, wie man es vom aasfressenden Bankert eines glatzköpfigen Geiers und einer Berberäffin erwarten würde.
Nach dieser ihm entgegengeschleuderten Beleidigung aß der Afrikaner eine Weile weiter, ohne von seinem Schatrandsch-Brett aufzuschauen, ja, scheinbar ohne die Bemerkung überhaupt vernommen zu haben. Doch bevor jemand so recht verstand, dass eine derart feinsinnige Verleumdung über die Fähigkeiten selbst eines Hirtenstars hinausging und der Vogel dieses eine Mal der üblen Nachrede unschuldig war, griff der Afrikaner mit der linken Hand in seinen rechten Halbstiefel und förderte mit einer geschmeidigen Bewegung, so fließend und frei wie die eines Falkners, der seinen todbringenden Liebling in den Himmel entlässt, eine Klinge blitzenden arabischen Stahls zutage, deren primitives Heft mit schlichten Lederstreifen umwickelt war, und schickte sie über die Bänke auf Jagd.
Weder der rechts neben dem Opfer hockende bartlose Jüngling noch der ihn begleitende einäugige Elefantentreiber würde jemals den Klagelaut des durch die Luft zischenden Dolches vergessen. Mit dem Geräusch eines von ungeduldiger Hand aufgeschlitzten Briefes durchbohrte der Dolch die Krone des breitkrempigen schwarzen Hutes des Opfers neben ihnen, eine blonde Vogelscheuche von Mann aus einem nebeltrüben Land, der am Nachmittag über die Straße von Tiflis eingetroffen war. Er war ein hagerer, spinnbeiniger Geselle mit düsterer Miene, weiß wie Talg, dem das Haar gleich zwei goldenen Vorhängen zu beiden Seiten des Gesichts herabfiel. Es ertönte ein schwirrendes Rasseln, so als schlüge ein Pfeil in einen Baum ein. Der Hut flog vom Kopf der Vogelscheuche, als werde er des Mannes Überraschung gewahr, und blieb an einem Pfosten der lehmverputzten Wand hängen, während der dürre Kerl eine exotische Silbe im katarrhartigen Dialekt seiner feuchten Heimat ausstieß.
Im Kamin sackte eine Burg glühender Kohle zu Asche zusammen. Der Elefantentreiber hörte das eiserne Ticken eines kochenden Wasserkessels in der Küche. Die Bänke quietschten, die Gäste spuckten in Erwartung eines Kampfes auf den Boden.
Die fränkische Nebelkrähe schlüpfte unter ihrem durchbohrten Hut hervor, entwirrte Glied um Glied ihres langen Körpers und fuhr sich mit den Fingern über den Scheitel des blonden Haars. Der bleiche Kerl schaute vom Afrikaner zum Hut und wieder zurück. Sein Mantel, die Hose, Strümpfe und Stiefel – alles war schwarz, ein krasser Gegensatz zur Blässe seiner weichen Hände und den golden schimmernden Härchen auf Wange und Kinn, und falls er kein Priester war, so musste er nach Ansicht des Elefantentreibers, dessen Menschenkenntnis die logische Konsequenz seines Wissens um Elefanten war, ein Arzt oder ein Exeget schimmliger papierner Textfragmente sein. Der Franke verschränkte die Arme vor seiner knöchrigen Brust und nahm den Afrikaner entlang dem Richtscheit seiner Hakennase ins Visier. Er lächelte verschmitzt und neigte den Kopf auf eine Weise, die müde Belustigung ausdrücken sollte, so wie sie einen Philosophen angesichts dieser Zurschaustellung menschlicher Eitelkeit überkommen mochte. Doch auch mit nur einem Auge erkannte der alte Elefantentreiber, wie wütend die Nebelkrähe über die Beschädigung ihres Hutes war. Die Trauerkleidung war von edlem Tuch und unbeschmutzt von der Reise, ein Hinweis darauf, dass der Mann ihren Zustand wie auch den eigenen mit grimmiger Entschlossenheit pflegte.
Mit dem Daumen und zwei langen Fingern griff der Franke in die Wunde seines Hutes, verzog das Gesicht und zerrte den Dolch unter Mühen aus dem Pfosten. Er drehte den befreiten Hut in den Händen und schien dem Drang zu widerstehen, ihn zu streicheln, ganz so, meinte der Elefantentreiber, wie er selbst einer geliebten Kuh bei ihrem letzten Atemzug über die stoppelige Kruppe fahren würde. Mit einem Ausdruck unermesslichen Ernstes reichte der Franke den Hut an den Jüngling, so als vertraue er ihm das Bildnis eines Hausgottes an, und trug den Dolch durch den Raum zum Afrikaner, der sich längst wieder seiner Schale mit Eintopf widmete.
»Ich glaube, mein Herr«, verkündete der Franke dem Afrikaner in flüssigem byzantinischem Griechisch, »du hast das zum Säubern deiner Hufe notwendige Werkzeug verlegt.« Er stieß die Spitze des Dolches neben das Schatrandsch-Brett in den Tisch, die Figuren kippten um. »Sollte ich mich irren, was die Beschaffenheit deiner unteren Extremitäten betrifft, so bitte ich dich, wenn es dir zeitlich auskommt, aber vorzugsweise bald, sich zu mir in den Hof dieses Gasthauses zu gesellen, wo du mich mit dem pädagogischen Mittel deiner Wahl eines Besseren belehren magst.«
Der Franke wartete. Der einäugige Elefantentreiber und der Jüngling warteten ebenfalls, staunend. An der Tür zum Innenhof, wo der Stallknecht lehnte, wurden flüsternd Wetten angeboten und angenommen, und der Elefantentreiber hörte das Klimpern von Münzen und das Quietschen der vom Stallknecht geführten Kreide, ein Swane, der keinen Unterschied darin sah, ob er nun Profit aus der Sorge um das Wohlergehen seiner Gäste oder aus dem Schauspiel ihres Todes schlug.
»Ich bedaure dir mitteilen zu müssen«, sagte der Afrikaner in dem melodisch verfälschten Griechisch, das von den Söldnertruppen des Kaisers von Konstantinopel gesprochen wurde, »dass auch mein Gehör vom allgemeinen Verfall des heruntergekommenen schwarzen Wracks betroffen ist, das du vor dir siehst.« Er erhob sich zu voller Größe, sodass sein Kopf die Balken der Dachschräge streifte.
Mit einem kräftigen Ruck zog der Afrikaner die Klinge arabischen Stahls aus dem Tisch, begab sich mit ihr auf die Suche nach dem Kehlkopf des Franken und beendete sie nur eine Klingenbreite entfernt von dem blassen Knubbel am Hals. Der Franke stolperte rückwärts, stieß gegen zwei armenische Wollhändler und funkelte sie böse an, als sei es deren Unbeholfenheit und nicht sein feiger Selbsterhaltungstrieb gewesen, der ihm den Halt geraubt hatte.
»Aber ich verstehe, um was es geht«, sagte der Afrikaner und steckte den Dolch zurück in seinen Stiefel. Auf der Schiefertafel des Stallknechts verschoben sich die Wetten stark zu Ungunsten des Franken.
Der Afrikaner beförderte das Schatrandsch-Brett mitsamt den Figuren in einen Lederbeutel, wischte sich über den Mund und drängte sich an dem Franken und den gereckten Hälsen auf den Bänken vorbei zum Innenhof, um dort seinen Herausforderer zu töten oder sich von ihm töten zu lassen. Die Männer strömten ihm nach in den fackelbeleuchteten Hof, Weinbecher in der Hand, mit dem Unterarm ihre bärtigen Kinne abwischend, und die Waffen der Kombattanten wurden von einem Gestell im Schuppen geholt.
Wenn die Wetten aufgrund der Körpermaße des Afrikaners, der Spannbreite seiner Arme und seiner mordlustigen Erscheinung und trotz des Verweises auf sein fortgeschrittenes Alter, allenthalben als Finte abgetan, schon vor Austeilung der Waffen zugunsten des Schwarzen ausgefallen waren, so brachte das nun hervorgeholte Rüstzeug der beiden Männer die Entscheidung. Der Franke hielt nichts weiter in der Hand, als eine lange, grotesk dünne Ahle, mit der man im Notfall ein paar nicht allzu fleischige Vögel über einem offenen Feuer hätte rösten können. Die Reisenden amüsierten sich prächtig über den »Schneider mit der Nadel« und sinnierten über das Geheimnis der vom Afrikaner gewählten Waffe, einer gewaltigen Wikingeraxt, deren Heft mit orgiastisch ineinander verschlungenen Runen verziert und deren halbmondförmiges Blatt brennend kalt war, als erinnere es sich zufrieden an all die Köpfe, die es je von glucksenden Hälsen getrennt hatte.
Unter dem Vollmond des Monats Mihr und inmitten zischender Fackeln umkreisten der Afrikaner und der Franke ein Rund aus festgestampfter Erde. Der Franke trippelte und tänzelte auf seinen stockdürren Beinen, zielte mit der Spitze seiner Ahle auf das Herz des Afrikaners und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf seine edlen schwarzen Stiefel, die sich ihren Weg durch ein Archipel von Kameldung und Pferdeäpfeln bahnten. Der Afrikaner vollführte ein seltsames, krebsartig huschendes Kreisen, die Knie gebeugt, die Augen auf den Franken gerichtet, die Axt locker in der linken Faust wiegend. Die unbeholfene, fast zärtliche Art, mit der sie sich anschickten, einander zu morden, rührte den alten Elefantentreiber, der schon tausend Tiere zum Töten abgerichtet hatte und daher das professionelle Interesse dieser beiden Kämpfer an dem Gefecht erkannte. Doch die anderen Gäste, die sich unter der Traufe und in den Bogengängen des Hofes drängten und nichts von der Intimität des Tötens wussten, wurden langsam ungeduldig. Sie feuerten die Kämpfer an, drängten sie zur Eile, damit sie bald das Abendessen fortsetzen und sich zu Bett legen könnten. Halb wahnsinnig vor Ungeduld verdoppelten sie ihren Einsatz. Die Kunde vom Duell hatte das Dorf am Fuße des Hügels erreicht, und schnell war das Tor zum Gasthof erfüllt von Frauen, Kindern und dürren Männern mit traurigen Gesichtern und heroischen Schnurrbärten. Kleine Jungen kletterten auf das Dach des Gebäudes, johlten und schüttelten die Fäuste, während der Franke und der Afrikaner die letzten Skrupel aus ihren Köpfen vertrieben.
Dann, so schien es, riss die Axt den Afrikaner mit einem Summen zum Bauch des Franken. Ihr Blatt traf die Fackel und kritzelte eine geschwungene Feuerrune in die Düsternis. Die fränkische Nebelkrähe schlug einen Haken und duckte sich geistesgegenwärtig unter der Axt hindurch, die nun den Weg zu ihrem Kopf suchte. Der dürre Kerl ließ sich auf die Schulter fallen, rollte vornüber, überraschend wendig für eine so klappergliedrige Vogelscheuche, tauchte hinter dem Afrikaner wieder auf und trat ihm mit so kindlich ernstem Gesichtsausdruck in den Hintern, dass die Zuschauer in Lachen ausbrachen.
Es war ein Kampf von Kraft gegen Behändigkeit, und wer sein Geld auf Erstere gesetzt hatte, hegte anfangs großes Vertrauen zum Favoriten und seiner gewaltigen Warägeraxt, doch in seinem Zorn wurde der Afrikaner plump und ungenau in der Handhabung seiner Waffe. Er zertrümmerte einen großen Tonkrug voll Regenwasser und durchnässte ein Dutzend erzürnter Gäste. Er zersplitterte die Speichen eines Heuwagens, und während der feierlich ernsthafte Franke tänzelte, sich abrollte und mit seiner schlanken Ahle zustieß, schnappte die wild gewordene Axt des Afrikaners nach den Steinplatten und schlug Funkenkaskaden.
Die Fackeln tropften, und der in den Nachthimmel aufsteigende Mond zog eine Blutspur hinter sich her. Ein Junge, der dem Spektakel vom Dach aus zusah, beugte sich zu weit vor, fiel herunter und brach sich den Arm. Wein wurde geholt, mit sauberem Wasser aus dem Brunnen vermischt und in Schalen den Duellanten gereicht, die inzwischen, aus vielen Wunden blutend, taumelnd durch den Hof wankten.
Dann warfen die beiden die Weinschalen beiseite und traten sich gegenüber. Der aufmerksame Elefantentreiber erhaschte ein Flackern in den Augen des großen Afrikaners, das nicht von den Fackeln stammte. Noch einmal zerrte die Axt den Schwarzen wie ein Schlachtross, das einen toten Kavalleristen am Fuß fortschleppt, über den Hof. Der Franke torkelte nach hinten, und als der Afrikaner an ihm vorbeikeuchte, stieß er die kantige Kappe seines linken Stiefels in den Unterleib des Riesen. Alle Männer im Hof krümmten sich vor unwillkürlichem Mitgefühl, als der Afrikaner wortlos auf den Bauch fiel. Der Franke stieß seinen grotesken Dolch in die Seite des Afrikaners und zog ihn wieder heraus. Eine Weile noch schlug der Riese um sich, dann lag er still und sein dunkles – allerdings, wie jemand feststellte, nicht schwarzes – Blut trübte den Boden.
Der Stallknecht gab zwei Burschen Zeichen, die den Toten daraufhin unter Mühen nach draußen in einen ungenutzten Stall jenseits der Mauern der Karawanserei schleppten und ein altes Kamelfell über ihn warfen.
Der Franke richtete seine Aufschläge und Strümpfe und kehrte zurück in die Karawanserei, weigerte sich allerdings, auf die Glückwünsche oder das gutmütige Gespött der Wetter einzugehen, die verloren hatten. Auch etwas zu trinken lehnte er ab. In der Folge des Kampfes schien sich eine Melancholie über ihn gelegt zu haben, oder aber seine naturgegebene Neigung zu nordischer Düsterkeit gewann die Herrschaft über sein Herz und sein Gesicht zurück. Er kaute seinen Eintopf und verabschiedete sich. Dann ging er hinunter zu dem Wasserlauf hinter der Karawanserei, um sich Hände und Gesicht zu waschen, und huschte in den verfallenen Stall, seinen versehrten Hut lüpfend, so als zolle er der Tapferkeit seines Gegners Tribut.
»Wie viel?«, sagte er beim Betreten des Stalls.
»Siebzig«, erwiderte der große Afrikaner und knüpfte die Riemen seines filzenen Bambakions, dessen künstliche Blutflecke er in einem Pferdetrog abgewaschen hatte, an seinen Sattelknopf. Er ritt einen rot gescheckten Partherhengst, groß gewachsen und muskulös, der auf den Namen Porphyrogen hörte. »Genug für ein Dutzend schöner neuer schwarzer Hüte, wenn wir nach Rhages kommen.«
»Bitte nimm das Wort ›Hut‹ nicht noch einmal in den Mund«, sagte der Franke und blickte auf das Loch in der hohen Krone. »Das betrübt mich.«
»Gib zu, dass es ein guter Wurf war.«
»Nicht halb so gut wie dieser Hut«, sagte der Franke. Er legte die Kopfbedeckung beiseite und öffnete sein Hemd, sodass eine helle Fleischwunde zum Vorschein kam, die, besetzt mit wächsernen Blutströpfchen, quer über seinen Unterleib verlief. Blut rann über den hohlen Bauch. Der schmale Mann knirschte mit den Zähnen und schaute beiseite, als der Afrikaner ihn mit einem Lumpen abtupfte und dann eine dicke schwarze Salbe von einem Topf aus der Satteltasche des Franken auf dessen Bauch schmierte. »Ich habe diesen Hut fast so sehr geliebt wie Hillel.«
In dem Moment gab das angesprochene Tier, ein wolliger Hengst mit römischer Nase und bogenförmig geschwungenem Hals, Stummelbeinen und breiter Kruppe, das Ergebnis eines heimlichen Stelldicheins zwischen einem Araberpferd und einem wilden Tarpan, ein warnendes Schnauben von sich, und die beiden Männer vernahmen das Scharren einer Ledersohle im Stroh.
Der Franke und der lebendige Afrikaner drehten sich zur Tür um. Sie rechneten wohl damit, vermutete der alte Elefantentreiber, den Stallknecht mit ihrem Anteil der Einnahmen zu sehen, darunter vier seiner eigenen hart erarbeiteten Dirham.
»Ihr verlogenen Hurensöhne«, sagte der Elefantentreiber voller Bewunderung und griff nach dem Heft seines Schwerts.
Über Bezahlung – und Scherereien als deren unvermeidliche Begleitung
Beiläufig wie ein fluchender Seemann griff der Afrikaner hinter sich nach seiner Wikingeraxt (deren mit Runen in den Eschenholzstiel geschnitzter Name sich in etwa mit »Schänder deiner Mutter« übersetzen ließ), doch dann waren es drei kleine Worte, die die innige Verbindung zwischen Kopf und Hals des Eindringlings bewahrten, eines drahtigen, mit einem kurzen Schwert bewaffneten alten Kerls, dem Aussehen nach ein Perser mit neugierig höhnischem Grinsen und einem dicken Narbengeflecht an der Stelle, wo einmal sein rechtes Auge gewesen war. Schon oft hatte der Franke – er hieß übrigens Zelikman – zugesehen, wie sein Gefährte den Mutterschänder schwang und jemanden unter dem dumpfen Klatschen von Fleisch und Knochen zum Schweigen brachte, irgendeinen dummen Pfiffikus, der die wahre Natur des Duells durchschaut hatte, das aufzuführen das Schicksal die beiden Gefährten gelegentlich zwang. Dem Eindringling blieb gerade noch die Dauer eines Atemzugs für die Freude über seinen Scharfsinn, ein Atemzug, den der Perser klug für einen kurzen Satz verwendete: »Behaltet euer Geld!« Er schob sein Schwert zurück in die Scheide, nahm die dreifingrige Hand vom Heft und hob sie, zusammen mit ihrer vierfingrigen Gefährtin, über seinen Kopf. An der rechten Hüfte trug er eine prächtige Waffe, vielleicht auch ein Werkzeug: ein aus Elfenbein geschnitzter Schaft, versehen mit einem ungewöhnlichen Doppelblatt, so als würde eine Sichel aus einer Speerspitze sprießen. »Ich will es nicht, Freunde. Kein Gold wurde je härter erkämpft. In dieser Gegend, Nubier«, fuhr der Fremde fort, eher an den Mutterschänder als an den tatsächlich aus Abessinien stammenden Amram gewandt, »wird man von mir nichts anderes hören, als dass du kalt und leblos unter einem Kamelfell liegst. Ich unterhalte mich gerade mit deinem Schatten.«
Amram zuckte zusammen, und seine Lippen bewegten sich, so als rezitiere er eine abessinische Zauberformel, die das gerade beschriebene Schicksal davon abhielt, tatsächlich Gestalt anzunehmen. Amram bezeichnete sich selbst als Jude, Nachfahre aus der Linie der Königin von Saba, die inmitten von Steinbock- und Leopardenfellen bei Salomon, dem Sohne Davids, gelegen hatte, doch soweit Zelikman hatte beobachten können, waren Amrams einzige Götter die von prallem Glück und magerem Unglück. Nichtsdestoweniger hing der Afrikaner einem Aberglauben um Geister und Tote an, und nur die Einträglichkeit der inszenierten Duelle konnte ihn überzeugen, das Risiko einzugehen und die Aufmerksamkeit des Todes auf seine ungewöhnlich lange Lebensspanne zu lenken. Der kleine Scherz des hageren alten Persers beunruhigte Amram, und ebenso verunsichert reagierte Zelikman auf die Aussicht, auf ewig vom riesigen schwarzen Schatten seines Gefährten verfolgt zu werden.
»Was willst du dann, alter Zyklop?«, fragte Zelikman und knöpfte sein Hemd über die ihm im Namen der Glaubwürdigkeit beigebrachte Wunde. Sie brannte schmerzhaft, war sie doch eingecremt worden mit einer Salbe, einem Präparat aus Wein, Honig, Mutterkorn und Myrrhe, das zuzubereiten Zelikman von seinem Onkel Elkhanan gelernt hatte, der nicht nur Rabbi und ein großer Weiser der Stadt Regensburg war, sondern ehedem als Arzt am Hof von Mailand gedient hatte. Die Wunde war nicht tief, aber das Gespenst des körperlichen Verfalls schreckte Zelikman mehr, als es dem Gott seiner Vorfahren trotz eifriger Bemühungen je gelungen war, und so ertrug er tapfer die Salbe seines frommen Onkels, auch wenn sie ihn reizbar machte. »Mir gefällt dieses Grinsen nicht in deinem Gesicht.«
»Das ist kein Grinsen, ich schwöre es«, sagte der Perser. »Der verirrte Stoßzahn, der mein Auge zerstörte, durchtrennte auch meine Wangenmuskeln. Nach der Heilung musste ich feststellen, dass ich mit dieser Imitation eines verächtlichen Grinsens geschlagen war.« Seine entstellte Wange verzerrte sich noch stärker. »Obwohl es bei den meisten Gelegenheiten, wenn ich nicht in Gesellschaft von Elefanten bin, sehr dienlich ist.«
»Ich habe gewisse Übung als Chirurg«, sagte Zelikman und zog Lancet hervor, die schmächtige Klinge, die solch Belustigung unter den Gästen der Karawanserei hervorgerufen hatte. Einen Zentimeter von der gesunden Wange des Elefantentreibers entfernt deutete er mögliche Schnittlinien und -winkel an. Für Zelikman war Lancet ein noch seltsameres Werkzeug als der Elefantenhaken des Fremden, kantenlos und scharf an der Spitze, starr und doch ausgewogen in der Hand, zwecklos für jede martialische Verwendung außer dem wohlüberlegten Durchbohren von Organen. Lancet war eine Auftragsarbeit, geschmiedet von demselben Werkzeugmacher, der die Rabbiner-Ärzte aus Zelikmans Familie mit Lanzetten für den Aderlass und Skalpellen versorgt hatte, ein listiges Umgehen des fränkischen Gesetzes, das Juden das Tragen von Waffen verbot, nicht einmal zur Selbstverteidigung, nicht einmal wenn eine bewaffnete Bande von Halunken die eigene Mutter und Schwester schreiend aus der Küche zerrte und ihnen mitten auf der Straße schändliche Gewalt antat und man selbst, noch ein Junge, ohne Klinge danebenstehen musste. Durch Gewalt, die Umstände, den Leichtsinn eines vom Glauben Abgefallenen und durch ein zufälliges Zusammentreffen mit einem afrikanischen Glücksritter war Zelikman gezwungen, sich als Mörder zu verdingen, und Amram hatte ihm gezeigt, wie man diese Arbeit gewissenhaft verrichtete, doch war Zelikman von Natur und Tradition Heiler, und obwohl alles als schwarzer Scherz begonnen hatte, schätzte er Lancet nun vor allem wegen seines gnädigen, zielsicheren Stichs. »Vielleicht sollte ich die andere Seite ebenso schneiden. Dir ein Lächeln verpassen, das deine Freude über die Wunder dieser Welt besser zum Ausdruck bringt.«
Jetzt war es an dem alten Elefantentreiber, sich von dem kleinen Scherz beunruhigen zu lassen. Er wich einen Schritt vor Zelikman zurück.
»Habt ihr den Jungen gesehen, der mich begleitet?«, fragte er. »Filaq, komm hervor! Ich nenne ihn Filaq, das heißt auf Persisch …«
»Kleiner Elefant«, sagte Amram. Er war fast so sprachbegabt wie der freche Hirtenstar.
»Ja. Man sieht es jetzt nicht mehr, wenn man dieses Knochengerippe vor sich hat, aber der Name passte perfekt zu ihm, als er klein war.«
Hinter einem Wall aus frischem Heu trat der Jüngling hervor, dem Zelikman kurz vor dem Kampf seinen Hut anvertraut hatte. Der sommersprossige, grünäugige Schlaks mit den verdrießlich hängenden Schultern und den schmalen Handgelenken war in ein für den Abend zu warmes und für eine staubige, nach Lasttieren und Käse stinkende Karawanserei zu feines Bärenfell gewickelt. Er konnte noch keinen Schatten von Haarwuchs auf seiner Oberlippe oder dem Kinn vorweisen, doch war er fast so groß wie Zelikman. Anhand seiner rosigen Wangen, des Glanzes seines kurz geschnittenen rostroten Haars und eines zwischen Scham und Überheblichkeit schwankenden Gesichtsausdrucks schloss der Regensburger Arzt auf fünfzehn oder sechzehn Jahre guter Ernährung, sauberer Linnen und der Gewissheit, alle Wünsche gewährt zu bekommen. Die Hand des Schicksals entzündete in der dunklen Nacht, die Zelikmans Seele nach der Zerstörung seines für dreißig Dukaten auf dem Markt in Ravenna erstandenen Hutes erfüllt hatte, eine kleine Kerze. Der Jüngling im Bärenfell verströmte einen Duft, mächtiger als der von Pferdeäpfeln, Käse oder einäugigen Persern: den Duft von Geld.
»Hier ist jemand, dessen unversehrte Ablieferung sich besser auszahlen wird als eure Theateraufführung, das garantiere ich euch«, sagte der Elefantentreiber.
»Wir geben uns nicht für Erpressung her«, sagte Amram, der zwar kein Arzt, gleichwohl aber ein Beobachter menschlicher Verdorbenheit war. »Und verkehren nicht mit Erpressern.«
»Aber ich habe ihn nicht entführt.«
»Und doch sieht man auf den ersten Blick«, sagte Amram und gab Zelikman mit einer leichten Neigung seines silbrig schimmernden Hauptes zu verstehen, dass es Zeit sei, Hillel zu satteln und sich auf den Weg zu der Lichtung eine halbe Wegstunde hinter dem Dorf zu machen, wo sie mit dem Stallknecht verabredet waren, um den Lohn für ihre Aufführung entgegenzunehmen, »dass er nicht gerne hier ist.«
»Das ist er auch nicht«, sagte der Perser mit großem Überdruss. »Wie er nie müde wird, mir zu versichern. Drei Mal, seit wir Itil verlassen haben, ist mir der Kerl schon entwischt.«
»Itil«, sagte Zelikman, und die tropfende kleine Kerzenflamme begann heller und klarer zu leuchten. »Ist er ein Chasar?«