YU HUA
SCHREIE IM REGEN
Roman
Aus dem Chinesischen
von Ulrich Kautz
FISCHER E-Books

Yu Hua ist während der Kulturrevolution aufgewachsen und hat fünf Jahre als Zahnarzt praktiziert, bevor er Schriftsteller wurde. Die Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in ›Schreie im Regen‹, Yu Huas ersten Roman, brach alle Tabus und war bei seinem Erscheinen in China eine Sensation. Seitdem ist er einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Chinas. Auf Deutsch sind von ihm erschienen ›Leben‹ (1998), der von Zhang Yimou verfilmt wurde, ›Der Mann, der sein Blut verkaufte‹ (2000), der Welterfolg ›Brüder‹ (2009), der Essayband ›China in zehn Wörtern‹ (2012) und zuletzt ›Die sieben letzten Tage‹ (2017). Yu Hua wurde 1960 in der ostchinesischen Provinz Zhejiang geboren und lebt in Peking.
Ulrich Kautz, Jahrgang 1939, arbeitet als Übersetzer zeitgenössischer chinesischer Belletristik. Von ihm liegen zahlreiche Übertragungen vor, u.a. von Deng Youmei, Lu Wenfu, Wang Meng, Yan Lianke und Yu Hua (›Leben!‹, ›Der Mann, der sein Blut verkaufte‹, ›Brüder‹).
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel »Zai Xiyu Zhong Huhan« in der Zeitschrift ›Shouhuo‹
© Yu Hua, 1991
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: kreuzerdesign Agentur für Konzeption und Gestaltung
Coverabbildung: Jens Nagels/www.jens-nagels.de
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490900-4
Es war im Jahr 1965, dass ein Kind – ich – zum ersten Mal von einer namenlosen Angst vor der Nacht gepackt wurde.
Ich denke zurück an jene regnerische Nacht, da ich im Bett lag, ein winziger Junge, nicht größer als eine Puppe. Die von der Dachtraufe herabfallenden Tropfen ließen mich die ringsumher herrschende Stille umso eindringlicher empfinden, doch auch sie verstummten allmählich, während ich friedlich einschlief. Es muss in jenem Moment zwischen Wachen und Schlafen gewesen sein, dass sich vor mir ein versteckter Pfad auftat, der erst durch ein Gehölz und dann über eine Wiese führte. Aus der Ferne vernahm ich plötzlich die Stimme einer Frau, es hörte sich an, als schluchze sie verzweifelt. Die Erinnerung an diese heiseren Schreie, die durch die gerade noch so unvergleichlich stille Nacht hallten, lässt mich selbst heute noch erbeben, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke.
Ich sehe mich vor mir, ein Kind mit schreckgeweiteten Augen, die Konturen des Gesichts in der Dunkelheit verschwimmend. Als die Schreie der Frau kein Ende nehmen wollten, wartete ich angespannt und voller Furcht auf eine andere Stimme, die der Frau antworten und sie beruhigen würde. Heute ist mir klar, warum ich damals so in Panik geriet: Es war das Ausbleiben dieser Antwort. Nichts macht mehr Angst als solche einsamen, abgerissenen Schreie in einer endlos langen dunklen Regennacht.
Diese Szene wird in meiner Erinnerung sogleich abgelöst von einer anderen: Am hellen Tag tollen weiße Ziegenlämmer durch das grüne Gras am Ufer eines Flusses. Diese Szene tröstet hinweg über die von der vorangehenden ausgelösten Ängste. Nur wo genau ich sie erlebt habe, kann ich nicht sagen.
Es mag ein paar Tage später gewesen sein, dass ich doch noch eine Stimme hörte, die auf die Schreie der Frau reagierte. Gegen Abend – ein Gewitter war gerade vorübergezogen, aber dunkle Wolken ballten sich noch immer am Himmel wie dichter Rauch – hockte ich an dem Teich hinter dem Haus. Da sah ich einen Fremden durch die feuchte Dämmerung auf mich zukommen, einen Mann, dessen schwarze Kleidung sich hinter ihm wie eine Fahne bauschte. Als er sich näherte, glaubte ich plötzlich wieder die durchdringenden Schreie jener Frau zu hören. Schon aus der Ferne hatte der fremde Mann mich mit seinen durchbohrenden Augen angestarrt, und auch beim Näherkommen wandte er seinen Blick nicht von mir ab. Doch in dem Moment, da mich die Panik zu überwältigen drohte, bog er plötzlich auf einen Feldweg ab und entfernte sich allmählich immer weiter von mir, wobei seine schwarzen Kleider im Wind knatterten. Wenn ich jetzt, als Erwachsener, an die Vergangenheit zurückdenke, stocke ich stets an dieser Stelle und wundere mich, wieso ich damals das Rauschen des Mantels jenes Mannes als Antwort auf die Schreie der Frau in der besagten Regennacht interpretierte.
Und dann erinnere ich mich an den Vormittag, an dem ich mit einigen anderen Dorfkindern über weiche Erde und durch windgezaustes Gras tollte. Der Sonnenschein kam mir damals eher wie warme Farbe auf unseren Körpern vor und nicht wie blendendes Licht. Wir sprangen umher wie die Lämmer am Flussufer, bis wir nach einer geraumen Weile – jedenfalls kam es mir so vor – zu einem verfallenen Tempel gelangten, wo mir als Erstes mehrere riesige Spinnennetze auffielen.
Ein Junge aus dem Dorf kam uns entgegengelaufen. Noch heute erinnere ich mich, wie bleich er war und wie seine Lippen zitterten, als er uns mit den Worten empfing: »Da ist ein Toter!«
Der Leichnam lag unter den Spinnennetzen. Ich sah mit einem Blick, dass es der schwarzgekleidete Mann war, der am Abend auf mich zu gekommen war. Sosehr ich mich auch bemühe, mir meine Gefühle in jenem Augenblick ins Gedächtnis zu rufen – es gelingt mir nicht. Meine damalige Gemütsverfassung ist vollständig aus meiner Erinnerung getilgt, nur noch die bloßen Fakten sind mir gewärtig, alle heute damit verbundenen Assoziationen sind spätere Beigaben.
Der plötzliche Tod eines fremden Mannes konnte bei dem Sechsjährigen, der ich damals war, nicht mehr als leises Erstaunen auslösen, jedenfalls keine lang anhaltende Betroffenheit: Das Gesicht nach oben gewendet, lag der Mann mit geschlossenen Augen auf der feuchten Erde, ganz entspannt und friedlich. Mir fiel auf, dass seine Kleidung mit grauem Schlamm beschmutzt war, der auf dem schwarzen Stoff ein Fleckenmuster bildete, ähnlich wie das triste Grün auf einem staubigen Feldweg. Es war das erste Mal, dass ich einen Toten sah. Er wirkte auf mich, als ob er schliefe. Genau: Sterben, so schloss ich aus diesem Anblick, das ist so wie Einschlafen.
Von da an fürchtete ich mich vor nichts so sehr wie vor der Nacht. Ich sah mich am Dorfeingang stehen und stellte mir vor, wie die Dunkelheit gleich einer Flutwelle auf mich zu rollte und meine Augen, nein: alles verschlang. Lange, lange lag ich dann in der Dunkelheit und wagte nicht einzuschlafen, zumal die Stille um mich herum meine Angst nur noch mehr steigerte. Immer wieder kämpfte ich verzweifelt gegen den Schlaf an, der mich mit aller Macht zu überwältigen versuchte. Ich befürchtete, ich würde wie jener fremde Mann nie wieder aufwachen, sobald ich einmal eingeschlafen wäre. Am Ende aber war ich jedes Mal so todmüde, dass ich dennoch vom Schlaf übermannt wurde. Wachte ich dann am Morgen auf und sah das Sonnenlicht durch den Türspalt einfallen, war ich überglücklich, noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein.
In meiner Erinnerung an die Zeit als Sechsjähriger gibt es noch eine Szene, in der ich mich auch wieder rennen sehe. Ich erlebe aufs Neue die große Stunde der städtischen Bootswerft, deren erstes Betonboot auf dem Wasserweg bei uns in Nanmen ankam und von allen Dorfbewohnern, darunter meinem großen Bruder und mir, begrüßt werden sollte. Deshalb waren wir zum Flussufer gerannt.
Wie hell doch damals die Sonne schien! Und wie lustig das blau karierte Kopftuch meiner jungen Mutter im Herbstwind flatterte! Wie erstaunt mein kleiner Bruder auf dem Schoß der Mutter mit seinen weit aufgerissenen Äuglein um sich schaute! Und wie unbeschwert laut das Lachen meines Vaters, der barfuß auf dem Feldrain stand! Aber was hatte dieser hochgewachsene Mann in Armeeuniform hier zu schaffen? Inmitten meiner Familienangehörigen fiel er auf wie das Blatt eines Laubbaums, das vom Wind in einen Nadelwald geweht worden ist.
Das ganze Flussufer war voller Menschen, und alle redeten aufgeregt durcheinander. Mein großer Bruder zeigte mir, wie man sich zwischen den Hosenbeinen der Erwachsenen hindurchschlängelt. Endlich waren wir direkt am Wasser angelangt, reckten wie zwei Schildkröten unsere Hälse zwischen den Beinen zweier Männer hervor und schauten uns um.
Ohrenbetäubender Lärm von Gongs und Trommeln kündigte den lang erwarteten Höhepunkt an: Unter den Hochrufen der freudig erregten Menschen beiderseits des Flusses näherte sich das Betonboot. Bunte Papierfähnchen, die an langen Seilen befestigt waren, vermittelten den Eindruck, als schwebten lauter Blumen auf dem Boot über den jungen Männern – vielleicht ein Dutzend –, die aus Leibeskräften ihre Gongs und Trommeln bearbeiteten.
Ich rief meinem Bruder zu: »Woraus ist das Boot gemacht?«
Er wandte sich um und brüllte in gleicher Lautstärke: »Aus Stein!«
»Wieso sinkt es nicht?«
»Idiot!«, rief er. »Siehst du nicht die Seile?«
Wang Liqiang, der stattliche Mann in Armeeuniform, der so plötzlich aufgetaucht war, ist dafür verantwortlich, dass in meinen Erinnerungen an Nanmen eine Lücke von fünf Jahren entstand, denn er nahm mich an die Hand und bestieg mit mir einen schrill tutenden Dampfer, der uns nach einer langen Flussreise in eine Stadt namens Sundang brachte. Ich ahnte nicht, dass meine Eltern mich verschenkt hatten, dachte, es handele sich um einen interessanten Ausflug.
An jenem Tag begegneten Wang Liqiang und ich auf dem schmalen Weg meinem von allerlei Gebrechen geplagten Großvater. Er sah mich kummervoll an, doch ich fertigte ihn großspurig ab: »Ich habe jetzt keine Zeit, mit dir zu reden!«
Der Zufall wollte es, dass ich fünf Jahre später, als ich allein nach Nanmen zurückkehrte, an derselben Stelle abermals meinen Großvater traf.
Nicht lange nach meiner Heimkehr siedelte eine Familie Su aus der Stadt nach Nanmen um. Die beiden Jungen, die zur Familie gehörten, brachten an einem Sommermorgen ein rundes Tischchen nach draußen, stellten es in den Schatten eines Baumes und begannen zu frühstücken.
Im Folgenden gebe ich die Szene so wieder, wie ich sie als Zwölfjähriger damals erlebte.
Die Jungs aus der Stadt hatten Hemd und Hose aus dem Kleiderladen an, während ich kurze Hosen trug, die meine Mutter mir aus selbstgewebtem Stoff geschneidert hatte. Neben dem Teich hockend, beobachtete ich, wie sich mein vierzehn Jahre alter großer Bruder mit unserem kleinen Bruder – beide wie ich mit nacktem Oberkörper und dunkelhäutig wie die Schlammpeitzger – den neuen Nachbarskindern näherte.
Ich wusste, was sie vorhatten, denn ich hatte gehört, was der Große drüben auf dem Getreidetrockenplatz gerufen hatte: »Kommt, wir gucken mal, was die Städter zum Frühstück essen!«
Von all den vielen Kindern auf der Trockentenne war aber nur einer bereit, diesem Aufruf zu folgen: unser neunjähriger Bruder. Er trottete hinter dem Großen her, der kühn wie ein Löwe mit ausgreifenden Schritten und hocherhobenen Hauptes auf die frühstückenden Stadtjungen zuging. Die Körbe für Grünfutter, die den Brüdern am Arm hingen, schwankten dabei hin und her.
Die fremden Jungs hatten ihre Essschüsseln und -stäbchen abgestellt und schauten meinen sich nähernden Brüdern wachsam entgegen. Die jedoch machten nicht einmal halt bei ihnen, sondern marschierten großspurig vorbei, um das Haus der Zuzügler herum und auf demselben Weg, den sie gekommen waren, wieder zurück, wobei allerdings die zur Schau getragene Gleichgültigkeit meines kleinen Bruders weniger überzeugend wirkte als die Blasiertheit des Großen.
Als sie wieder auf der Trockentenne waren, hörte ich, wie mein großer Bruder sagte: »Die Städter essen Salzgemüse, genau wie wir.«
»Ohne Fleisch?«
»Ohne alles!«
Der Kleine stellte richtig: »Doch, das Salzgemüse war mit Öl angemacht, anders als bei uns!«
Mein großer Bruder schubste ihn vorwärts: »Los, weiter! Öl – was ist daran so besonders? Bei uns zu Hause gibt’s auch welches.«
»Aber bei denen ist es Sesamöl, und das haben wir nicht!«
»Sesamöl? Woher willst du das wissen?«
»Hab’s gerochen.«
Als ich zwölf Jahre alt war, starb Wang Liqiang, und ich kehrte nach Nanmen zurück, wie schon erwähnt allein. Da war es, als ob ich zum zweiten Mal als Adoptivkind in eine neue Familie käme. Es kam mir oft so vor, als seien Wang Liqiang und seine Frau Li Xiuying meine wahren Eltern gewesen, während ich in dieser Familie in Nanmen nur aus Gnade und Barmherzigkeit geduldet würde. Dieses seltsame Gefühl der Distanz und Fremdheit hatte ich erst seit dem Brand in meinem Elternhaus. Ich sah nämlich Flammen aus dem Dach schlagen, als ich in Begleitung meines Großvaters, dem ich kurz vorher unterwegs begegnet war, zu Hause ankam.
Ein Zufall wie diese unverhoffte Begegnung war für meinen Vater so verdächtig, dass er uns beide in der ersten Zeit nach dem Brand immerzu so finster ansah, als ob wir an dem Feuer schuld gewesen wären. Sobald ich zufällig einmal neben meinem Großvater stand, fing er an, erregt herumzuschreien, als drohte die von ihm mühsam wiederhergerichtete strohgedeckte Hütte unseretwegen abermals in Flammen aufzugehen.
In dem Jahr nach meiner Rückkehr starb der Großvater. Nun war es zwar vorbei mit dem Misstrauen meines Vaters, doch bedeutete das keineswegs eine Verbesserung meiner Stellung in der Familie. Denn unter dem Einfluss unseres Vaters hatte auch mein großer Bruder eine Abneigung gegen mich entwickelt. Jedes Mal wenn ich in seiner Nähe auftauchte, scheuchte er mich sogleich weg. Dadurch entfremdete ich mich immer mehr von meinen Geschwistern, und da die anderen Kinder im Dorf stets mit meinem großen Bruder zusammensteckten, hatte ich auch mit ihnen kaum noch Kontakt.
So blieb es nicht aus, dass ich häufig nostalgisch an das Leben im Haus von Wang Liqiang, an meine Spielkameraden und unzählige schöne Erlebnisse in Sundang zurückdachte, wobei ich freilich auch ein paar traurige Erinnerungen nicht verdrängen konnte. Dass ich, in Gedanken an die Vergangenheit versunken, oft mutterseelenallein am Teich saß, mal vor mich hin lachte, mal bitterlich weinte, empfanden die Dorfbewohner als überaus befremdlich. In ihren Augen wurde ich mehr und mehr zum Sonderling. Das ging so weit, dass sie mich später als Argument in ihren Streitigkeiten mit meinem Vater benutzten: Einen derartigen Sohn, schimpften sie, könne wirklich nur ein Lump wie er zeugen.
Während der ganzen Zeit, die ich in Nanmen verbrachte, bat mich mein großer Bruder nur ein einziges Mal um Verzeihung, und zwar als er mich mit einer Sichel am Kopf so schwer verletzte, dass mein Gesicht blutüberströmt war.
Es geschah in unserem Ziegenstall. Anfangs war mir gar nicht klar, was passiert war, warum mein Kopf plötzlich so schlimm schmerzte. Ich merkte nur, dass mein Bruder sich auf einmal so anders verhielt. Erst später spürte ich, wie das Blut über mein Gesicht strömte.
Der Große stand völlig verstört in der Tür und bat mich, das Blut abzuwaschen, doch ich stieß ihn zur Seite und schlug den Weg zum Dorfeingang ein, zu unserem Vater auf dem Feld. Die Dorfbewohner waren dabei, auf dem Gemüseacker Dünger auszubringen, ich roch den Jauchegestank schon von Ferne, denn es ging ein leichter Wind. Als ich mich dem Feld näherte, schrien ein paar Frauen entsetzt auf, und ich sah undeutlich, wie meine Mutter auf mich zugerannt kam. Sie fragte mich etwas, aber ich beachtete sie gar nicht und steuerte unbeirrt auf den Vater zu.
Der hielt den langen Stiel einer vollen Jauchekelle, die er gerade aus der Tonne gezogen hatte, unbeweglich in den Händen, während er mir entgegensah.
Ich hörte mich sagen: »Der Große war’s!«
Da schleuderte mein Vater die Kelle auf die Erde, sprang auf den Feldweg und rannte ins Dorf zurück, so schnell ihn die Füße trugen.
Was ich aber nicht wusste: Nachdem ich weggegangen war, hatte der Große sich den kleinen Bruder geschnappt und auch ihm mit der Sichel eine Gesichtswunde zugefügt. Dabei erklärte er ihm, noch ehe der Kleine losheulen konnte, warum er das getan habe, und entschuldigte sich bei ihm, ebenso wie er mich um Verzeihung gebeten hatte, nur dass er bei dem Kleinen, anders als bei mir, damit Erfolg hatte.
Als ich nach Hause kam, erlebte ich nicht etwa die Bestrafung meines großen Bruders – nein, ich war es, auf den der Vater mit dem Strohseil in der Hand unter der Ulme wartete!
Aufgrund der falschen Anschuldigungen meines kleinen Bruders war der ganze Hergang komplett auf den Kopf gestellt: Weil ich den Kleinen mit der Sichel verwundet hätte, habe der Große mir zur Strafe die blutige Gesichtswunde verpasst!
Mein Vater fesselte mich an den Baum und versetzte mir eine Tracht Prügel, die ich mein Lebtag nicht vergessen werde, zur Gaudi der anderen Dorfkinder, die einen Kreis um uns bildeten und von meinen Brüdern wichtigtuerisch aufgefordert wurden, Abstand zu halten.
Von da an führte ich auf der letzten Seite meines Aufsatzheftes zwei Tabellen, in denen ich mit Symbolen – einem großen für meinen Vater und einem kleinen für den älteren Bruder – jede Züchtigung verzeichnete, die ich erlitt.
Dieses Schulheft habe ich all die Jahre aufbewahrt, doch wegen des Modergeruchs, der heute davon ausgeht, kann ich meine wilden Rachegefühle von damals gar nicht mehr nachvollziehen, empfinde nur mehr eine gewisse Verwunderung. Und diese Verwunderung ruft ihrerseits in mir die Erinnerung an die Weidenbäume in Nanmen wach. Ich erinnere mich, dass ich eines Morgens im Vorfrühling an den trockenen Zweigen der Weiden zu meiner Überraschung lauter zarte grüne Triebe entdeckte. Wenn mir dieser zweifellos doch wunderschöne Anblick nach den vielen Jahren wieder so deutlich vor Augen steht, so ist er nun erstaunlicherweise eng verbunden mit jenem Aufsatzheft, dem Symbol für die Demütigungen, die ich in meiner Kindheit erlitt. Vielleicht ist dies ja das Wesen unserer Erinnerung: Sie überkommt uns einfach so und überwindet allen Groll in diesem unserem Erdenleben.
Während sich meine Situation innerhalb der Familie immer weiter verschlechterte, geschah etwas, das zu einem niemals wieder zu kittenden Bruch mit meinen Angehörigen führen sollte und mir darüber hinaus die Verachtung des gesamten Dorfes eintrug.
Das private Hofland unserer Familie grenzte an das der Familie Wang, zu der zwei Brüder gehörten, die als die stärksten Männer des Dorfes galten. Der ältere war zu jener Zeit bereits verheiratet, sein ältester Sohn war genauso alt wie mein jüngerer Bruder. Wegen des Hoflands – der Privatparzellen, die jeder Familie nach Gründung der Volkskommune verblieben waren – gab es in Nanmen immer wieder Streit. Worum es in diesem speziellen Fall ging, weiß ich heute nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich gegen Abend am Teich saß und zusah, wie meine Eltern und Brüder sich erbittert mit sechs Angehörigen des Wang-Clans stritten. Meine Leute waren der Gegenpartei dem Anschein nach unterlegen, zumindest konnten sie sich gegen deren Lautstärke nicht durchsetzen. Zumal mein kleiner Bruder den Schimpfkanonaden seines Altersgenossen aus der gegnerischen Familie nichts entgegenzusetzen hatte. Währenddessen hatten sich praktisch alle Dorfbewohner um die Kampfhähne versammelt, und manche versuchten sogar, sie zu besänftigen, was jedoch von beiden Seiten ignoriert wurde. Dann sah ich plötzlich meinen Vater mit den Fäusten auf seine Gegner losgehen, nur um von dem jüngeren Wang-Bruder – er hieß Wang Yuejin, weil er während des Da Yuejin, des Großen Sprungs nach vorn 1957, geboren wurde – an den Handgelenken gepackt und in das Wasserreisfeld geschleudert zu werden. Unflätig fluchend rappelte mein Vater sich auf, wurde jedoch von Yuejin mit einem Fußtritt wieder in den Schlamm zurückbefördert. Nachdem sich das mehrmals wiederholt hatte, sah ich, wie sich meine Mutter laut kreischend auf Yuejin warf, der sie aber zur Seite stieß, so dass sie ebenfalls in das schlammige Reisfeld fiel. Wie zwei Hühner, die man ins Wasser geworfen hatte, versuchten nun beide Eltern verzweifelt, sich aufzurappeln, ein Anblick, der mir so naheging, dass ich den Kopf senkte, um diese Schmach nicht länger mit ansehen zu müssen.
Später stürzte sich mein großer Bruder mit dem Küchenbeil in der Hand ins Getümmel, dicht gefolgt von dem kleinen Bruder, bewaffnet mit einer Sichel. Der Große warf sich auf Wang Yuejin und zielte mit seinem Kochmesser auf dessen Hintern.
Dadurch veränderte sich die Situation dramatisch: Die kurz zuvor noch so überlegenen Wang-Brüder traten in panischer Angst den Rückzug an. Mein großer Bruder verfolgte sie bis zu ihrem Haus, wo sie sich dem Angreifer mit Harpunen entgegenstellten. Als der Große mit seinem Beil sich davon jedoch überhaupt nicht schrecken ließ, warfen sie ihre Waffen weg und ergriffen kopflos die Flucht.
Dem Beispiel des Großen folgend, kehrte auch mein kleiner Bruder den Helden heraus und rannte mit wildem Kriegsgeschrei, seine Sichel schwenkend, hinter ihnen her, nicht ohne mehrmals zu stolpern, weil er das Gleichgewicht verlor.
Weil ich währenddessen die ganze Zeit am Teich sitzen geblieben war und die Auseinandersetzung von dort aus beobachtet hatte, ohne mich daran zu beteiligen, waren alle im Dorf – Unterstützer ebenso wie Gegner meines Vaters, ja selbst die Familie Wang – einhellig der Meinung, ein zweites Scheusal wie mich würde man auf der ganzen Welt nicht finden. Wie meine eigene Familie mein Verhalten beurteilte, kann man sich unschwer vorstellen. Mein großer Bruder jedoch war der Held des Tages.
Eine Weile vertrieb ich mir die Zeit damit, heimlich Familie Su zu beobachten, wenn ich am Teich saß oder Grünfutter für die Ziegen schnitt. Die beiden Jungs aus der Stadt ließen sich nur selten draußen blicken und entfernten sich nie weit von zu Hause. Nur einmal wagten sie sich bis zur Jauchegrube am Dorfeingang, kehrten dann aber sogleich wieder um. Eines Morgens sah ich, wie sie herauskamen und sich, zwischen den beiden Bäumen vor dem Haus stehend, lebhaft gestikulierend miteinander unterhielten. Dann gingen sie unter den einen Baum, und der Ältere hockte sich hin, so dass der Jüngere auf seinen Rücken klettern konnte. Nun trug der Große den Bruder huckepack zu dem anderen Baum, wo beide die Rollen tauschten. Dieses Spiel wiederholte sich mehrere Male, und jedes Mal, wenn der eine sich auf den Rücken des anderen warf, hörte ich fröhliches Gelächter, wobei ich nicht wusste, von wem es stammte, weil es sich bei den Brüdern ganz ähnlich anhörte.
Einige Zeit später trafen drei Maurer aus der Stadt mit zwei Pritschenkarren voller Ziegelsteinen im Dorf ein. Aus den Steinen errichteten sie eine Mauer um das Haus der Familie Su mitsamt den beiden Bäumen davor. Fortan konnte ich die beiden Brüder nicht mehr bei ihrem Spiel beobachten, um das ich sie so beneidete, hörte sie aber nach wie vor öfters jenseits der Mauer jauchzen, so dass ich wusste, sie hatten damit nicht aufgehört.
Ihr Vater, ein Mann mit reinem, hellem Teint und einer freundlichen Stimme, arbeitete als Arzt im städtischen Krankenhaus. Ich sah ihn häufig nach Dienstschluss heimkommen; in aller Ruhe schlenderte er den Pfad entlang. Nur einmal kam er nicht zu Fuß nach Hause, sondern auf einem klinikeigenen Fahrrad. Ich war mit einem Korb voller Grünfutter auf dem Heimweg und bekam einen Schreck, als ich hinter mir die Fahrradklingel und gleich darauf die Stimme des Arztes hörte, der nach seinen Söhnen rief.
Die kamen auch gleich herausgerannt und waren vor Freude über den Anblick des Fahrrads ganz aus dem Häuschen. Auch ihre Mutter war vor die Umfassungsmauer getreten und betrachtete lächelnd diese Szene.
Die Jungs durften sich auf das Rad setzen, und so fuhr der Arzt mit seinen aufgeregt juchzenden Söhnen den Feldweg entlang, wobei der Jüngere, der vorn saß, die ganze Zeit die Klingel betätigte. Alle Dorfkinder platzten natürlich vor Neid!
Als ich mit sechzehn Jahren in die Sekundarschule versetzt wurde und zum ersten Mal dahinterzukommen versuchte, was Familie eigentlich bedeutet, beschäftigte ich mich lange mit meiner eigenen Familie in Nanmen und auch mit meiner zeitweiligen Pflegefamilie in Sundang, kam aber letztlich zu dem Schluss, dass Familie für mich in erster Linie mit der Erinnerung an die eben beschriebene Szene verbunden war.
Meinen frühesten Kontakt mit dem Arzt hatte ich schon vor dem Streit wegen des Hoflands gehabt. Damals lebte ich erst seit ein paar Monaten wieder in Nanmen. Mein Großvater war noch am Leben, wohnte aber bei der Familie meines Onkels, nachdem er davor einen Monat bei uns gewesen war. Ich hatte tagelang hohes Fieber und lag mit wunder Zunge und trockenem Mund wie benommen im Bett, während die restliche Familie im Stall zugange war, weil eine der Ziegen werfen sollte. Ich hörte undeutlich das Stimmengewirr, aus dem immer wieder die schrillen Stimmen meiner Brüder an mein Ohr drangen.
Später schaute meine Mutter nach mir, sagte etwas und ging wieder hinaus. Das nächste Mal erschien sie in Begleitung eines Mannes, in dem ich Dr. Su erkannte. Er fühlte mit der Hand meine Stirn, und ich hörte ihn sagen: »Neununddreißig Grad.«
Als er wieder fort war, kam mir der Lärm aus dem Ziegenstall noch lauter und chaotischer vor als zuvor. Umso bewegender empfand ich nachträglich die sanfte Berührung meiner Stirn. Kurze Zeit danach hörte ich die Stimmen der beiden Su-Jungen, die – wie ich später erfuhr – Medizin für mich vorbeibrachten.
Sobald es mir besserging, begann sich in dem Kind, das noch immer in mir verborgen war, wieder die alte Anhänglichkeit an die Erwachsenen zu regen. Ehe ich mit sechs Jahren Nanmen verlassen hatte, war ja mein Verhältnis zu den Eltern sehr innig gewesen, und auch während der fünf Jahre in Sundang hatten mir Wang Liqiang und Li Xiuying die ganze Fürsorge von Eltern für ihre Kinder zuteilwerden lassen. Erst nach meiner Rückkehr ins Dorf hatte ich mich auf einmal schutzlos und verlassen gefühlt.
Anfangs wartete ich öfters an der Straße darauf, dass der Arzt nach Hause kam. Sah ich ihn dann aus der Ferne näher kommen, malte ich mir aus, welche liebevollen Worte er an mich richten würde, wenn er vor mir stand, und hoffte, er würde abermals mit seiner großen Hand meine Stirn betasten.
Er beachtete mich aber nicht ein einziges Mal. Heute ist mir klar, dass es dafür auch überhaupt keinen Grund gab – er wusste gar nicht, wer ich war und warum ich dort stand. Stets ging er eilig an mir vorbei, und wenn er mir gelegentlich sogar einmal einen Blick zuwarf, war es der Blick, mit dem man einen Wildfremden streift.
Nach einiger Zeit begannen sich dann Su Yu und Su Hang, die Söhne des Arztes, den anderen Kindern im Dorf anzuschließen. Als meine Brüder einmal am Feldrain Grünfutter schnitten, sah ich, wie die beiden sich ihnen zögernd näherten, wobei sie sich offenbar über irgendetwas besprachen. Mein großer Bruder, der sich damals einbildete, immer der Bestimmer sein zu können, gestikulierte mit seiner Sichel in ihre Richtung und rief: »Na los, ihr wollt doch bestimmt Gras schneiden!«
Während der kurzen Zeit, die Su Yu in Nanmen wohnte, redete er nur ein einziges Mal mit mir. Ich sehe ihn heute noch vor mir, wie er schüchtern näher kam und mich scheu lächelnd fragte, ob ich der kleine Bruder von Sun Guangping sei.
Familie Su blieb nur zwei Jahre lang in Nanmen. Ich erinnere mich, dass an ihrem Umzugstag nachmittags der Himmel bedeckt war. Der letzte Karren mit Möbeln wurde vom Arzt gezogen, unterstützt von den beiden Jungs, die rechts und links schieben halfen. Dahinter folgte ihre Mutter mit zwei Henkelkörben voller Kleinkram.
Su Yu sollte schon mit neunzehn Jahren an den Folgen einer Hirnblutung sterben. Erst einen Tag nach seinem Tod erfuhr ich die Nachricht. Als ich nachmittags nach der Schule nach Hause ging und an dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Su vorbeikam, überfiel mich so heftige Trauer, dass ich in Tränen ausbrach.
Meiner Erinnerung nach vollzog sich an meinem älteren Bruder eine deutliche Veränderung, nachdem er in die Sekundarschule gekommen war. Geradezu verklärt erscheint mir heute mein damaliger Blick auf den Vierzehnjährigen. So brutal er in meinen Augen war, so war es doch vor allem seine Arroganz, die mich beeindruckte. Lange Zeit tauchte, wenn ich an ihn dachte, vor mir stets das Bild auf, wie er am Feldrain saß und die Brüder Su für sich Gras schneiden ließ.
An der Sekundarschule freundete er sich sehr bald mit den Mitschülern aus der Stadt an; gleichzeitig kühlten seine Beziehungen zu den Dorfjungs immer mehr ab. Dass seine Klassenkameraden aus der Stadt begannen, bei uns zu Hause ein und aus zu gehen, wurde nicht nur von meinen Eltern, sondern vom ganzen Dorf als eine Ehre empfunden. Manche der älteren Leute posaunten sogar überall herum, mein großer Bruder würde es von allen Kindern in Nanmen am weitesten bringen.
Zu jener Zeit kamen häufig zwei Teenager aus der Stadt in aller Frühe ins Dorf gerannt und schrien dort gellend herum, bis sie stockheiser waren. Gerade diese Heiserkeit ließ den Dorfbewohnern die Haare zu Berge stehen; anfangs dachten sie sogar, es handele sich um böse Geister.
Mein großer Bruder war davon zutiefst beeindruckt. »Wir wollen immer so wie die Städter sein«, sagte er mit bedeutsamer Miene, »aber die? Die wären gern Sänger!«
Er war definitiv derjenige unter den Jungen im Dorf, der sich alles Neue am schnellsten zu eigen machte. Dennoch hatte er das Gefühl, es niemals mit seinen Klassenkameraden aus der Stadt aufnehmen zu können. Das löste zum ersten Mal Minderwertigkeitsgefühle in ihm aus. Ich muss allerdings hinzufügen, dass ihn andererseits seine Freundschaft mit den Jungs aus der Stadt in seiner gewohnten Überheblichkeit bestärkte, denn die Besuche der Mitschüler trugen zweifellos zur Erhöhung seines Ansehens im Dorf bei.
Verliebt hat sich mein großer Bruder zum ersten Mal in der elften Klasse, und zwar in eine stämmige Mitschülerin, Tochter eines Tischlers in der Stadt. Ich habe in der Schule mehrmals beobachtet, wie er ihr in einem stillen Winkel eine Tüte Melonenkerne aus seiner Schultasche zusteckte.
So erschien das Mädchen häufig Melonenkerne – unsere Melonenkerne! – kauend auf dem Pausenhof, und wenn man sah, wie ungeniert sie die Schalen ausspuckte, hätte man sie glatt für eine mehrfache Mutter mit langjähriger Übung im Melonenkernknabbern halten können. Einmal hing ihr nach der Kerne-Nascherei eine ganze Weile ein Spuckefaden aus dem Mundwinkel.
Etwa zu jener Zeit begannen in den Unterhaltungen meines Bruders und seiner Kumpels Mädchen eine Rolle zu spielen. Wenn ich am Teich hinter dem Haus saß, hörte ich durch das offene Fenster, wie sie über dieses für mich absolut neue Thema redeten, und ich erschauerte über die Nonchalance, mit der sie Ausdrücke wie Brüste oder Schenkel benutzten. Dann wandte sich das Gespräch ihren eigenen Erfahrungen zu. Mein großer Bruder beteiligte sich anfangs nicht daran, doch die Jungs aus der Stadt bedrängten ihn so lange, sicherten ihm auch absolutes Stillschweigen zu, bis er schließlich sein Techtelmechtel mit der Tischler-Tochter eingestand. Im Grunde war es ihm sogar ein Bedürfnis, davon zu erzählen, wobei er offensichtlich ziemlich übertrieb.
Kurz darauf passierte Folgendes: Jenes Mädchen stand mit ein paar ebenso freizügig eingestellten Mitschülerinnen mitten auf dem Sportplatz, der ja zugleich unser Pausenhof war, und rief meinem Bruder zu, er solle einmal zu ihr kommen. Ich sah, wie er zögernd gehorchte, denn wahrscheinlich ahnte er, was geschehen würde. Zum ersten Mal erlebte ich, dass mein großer Bruder Angst hatte.
Das Mädchen fragte ihn: »Hast du gesagt, ich mag dich?«
Er lief über und über rot an. Ich ging schnell weg, um nicht mit ansehen zu müssen, welch traurige Figur mein sonst stets so selbstsicherer, dann aber umso hilfloserer Bruder abgeben würde.
Angestachelt von dem beifälligen Gelächter ihrer Klassenkameradinnen pfefferte das Mädchen meinem Bruder die restlichen Melonenkerne ins Gesicht.
An jenem Tag kam er sehr spät nach Hause und ging, ohne das Abendessen abzuwarten, sogleich zu Bett. Ich bekam undeutlich mit, wie er sich fast die ganze Nacht lang ruhelos hin und her wälzte. Am nächsten Morgen machte er sich trotz der erlittenen Schmach wie jeden Tag auf den Weg zur Schule.
Ihm war klar, dass seine Kumpels aus der Stadt ihn verraten hatten, doch ließ er sich seine Wut darüber nicht anmerken, geschweige denn, dass er ihnen Vorwürfe machte. Vielmehr verkehrte er genauso vertraut mit ihnen wie vorher. Ich wusste auch, warum: Er wollte den Leuten im Dorf nicht den Triumph gönnen, dass die Städter sich auf einmal nicht mehr bei ihm blicken ließen. Am Ende nützte ihm das jedoch alles nichts, denn nach dem Abschlussexamen wurde einem nach dem anderen seiner ehemaligen Klassenkameraden ein Arbeitsplatz zugewiesen, so dass sie nicht mehr so viel Freizeit hatten und meinen Bruder schon allein deshalb fallenließen und uns in unserem Dorf nicht mehr beehrten.
Eines Tages aber erschien doch wieder ein unerwarteter Gast aus der Stadt – Su Yu. Es war sein erster Besuch seit dem Wegzug aus Nanmen. Mein großer Bruder war noch auf dem Feld, als er kam, und meine Mutter, die gerade am Kochen war, ließ alles stehen und liegen, um ihn zu holen, nahm sie doch an, Su Yu wolle zu Guangping. Wenn ich nach so vielen Jahren an meine Mutter denke, wie sie am Dorfausgang aufgeregt nach dem Großen rief, dann ist mir heute noch ganz wehmütig zumute.
Als mein Bruder jedoch nach Hause eilte und Su Yu begrüßte, waren dessen erste Worte: »Wo ist denn Sun Guanglin?«
Meine Mutter war geradezu fassungslos vor Staunen, dass sein Besuch mir galt und nicht Guangping. Der aber ließ sich nichts anmerken und antwortete gleichmütig: »Auf dem Feld.«
Eigentlich hätte Su Yu ja nun wenigstens ein paar höfliche Worte mit den beiden wechseln müssen, doch auf diesen Gedanken kam er gar nicht. Vielmehr ließ er sie einfach stehen und lief schnurstracks zu mir aufs Feld.
Er wollte mir nämlich erzählen, dass man ihm eine Arbeitsstelle im Düngemittelwerk zugeteilt hatte. Anschließend saßen wir lange Zeit im Abendwind am Feldrain und schauten in Richtung des Hauses, in dem seine Familie einst gewohnt hatte.
»Wer lebt jetzt dort?«, fragte mich Su Yu.
Ich schüttelte den Kopf. Ein kleines Mädchen kam öfters aus dem Haus, und auch ihre Eltern hatte ich schon häufig gesehen, aber wer die Leute waren, wusste ich nicht.
Als es dunkel wurde, machte sich Su Yu auf den Heimweg in die Stadt. Ich blickte seiner gebeugten Gestalt nach, bis sie sich in der Dunkelheit verlor. Kein Jahr später war er tot.
Als ich dann die Sekundarschule beendete, gab es wieder Aufnahmeprüfungen für die Universität, die während der Jahre der Kulturrevolution unterbrochen worden waren, doch konnte ich Su Yu nun nicht mehr so über meine Zulassung informieren, wie er mich seinerzeit über seine Arbeitsstelle informiert hatte, und seinen Bruder Su Hang, den ich einmal zufällig in der Stadt auf der Straße sah, auch nicht, denn er radelte in Begleitung von ein paar Freunden an mir vorbei, ohne mich zu erkennen.
Dass ich an der Hochschulaufnahmeprüfung teilnehmen wollte, hatte ich meiner Familie verschwiegen; das Geld für die Teilnahmegebühr hatte mir ein ehemaliger Klassenkamerad aus dem Dorf geliehen. Als ich es ihm einen Monat später zurückzahlen wollte, sagte er: »Dein großer Bruder hat es mir doch schon gegeben.«
Darüber war ich schon sehr erstaunt, erst recht aber, als ich kurz darauf die Nachricht über die Zulassung erhielt und Guangping mir ein paar Dinge besorgte, die ich brauchen würde. Mein Vater dagegen, der damals schon mit der Witwe in dem Haus schräg gegenüber angebandelt hatte und oftmals mitten in der Nacht aus ihrem Bett in das Bett meiner Mutter wechselte, war viel zu beschäftigt, um sich dafür zu interessieren, was in seiner Familie ablief. Als mein Bruder ihm von meiner Zulassung erzählte, reagierte er ziemlich ungerührt. »Was!«, rief er. »Die lassen ihn studieren? Der Kerl hat wirklich mehr Glück als Verstand!«
Als ihm bewusst wurde, dass das ein Abschied für immer war, kannte seine Freude keine Grenze.
Weitblickender als der Vater war meine Mutter. In den Tagen vor meiner Abreise sah ich, dass sie immer wieder bedauernd meinen großen Bruder musterte, denn eigentlich hatte sie gehofft, er würde auf die Universität kommen. Sie wusste, dass ein Hochschulexamen bedeutete, in der Stadt leben zu können.
Beim Abschied begleitete mich nur Guangping, der mit meinem Bettenbündel auf dem Rücken vor mir her lief. Unterwegs wechselten wir kein einziges Wort. Gerührt von seiner Fürsorge, hatte ich all die Tage auf eine Gelegenheit gehofft, mich bei ihm zu bedanken, doch in jenem Moment war ich durch sein Schweigen so gehemmt, dass ich kein Wort herausbrachte. Erst als der Bus schon anfuhr, platzte es aus mir heraus: »Ich schulde dir noch einen Yuan.«
Mein Bruder sah mich verständnislos an.
»Die Teilnahmegebühr für die Prüfung.«
Da verstand er, was ich gemeint hatte, und ich bemerkte, dass er mit einem Mal ganz traurig aussah.
»Aber ich werde dir das Geld zurückzahlen«, fuhr ich fort.
Als ich durch das Fenster des fahrenden Busses noch einmal zurückblickte, sah ich, wie er unter einem Baum vor der Haltestelle stand und dem Bus, in dem ich saß, mit verlorenem Gesichtsausdruck hinterher schaute.
Kurze Zeit später wurde der Grund und Boden von Nanmen von der Kreisverwaltung zum Bauland erklärt; eine Baumwollspinnerei wurde errichtet. Für die Einwohner des Dorfes bedeutete dies, dass sie umgesiedelt wurden und nun über Nacht Bürger einer Stadt waren. Obwohl ich weit entfernt – in Beijing – lebte, konnte ich mir ihre freudige Aufregung gut vorstellen. Ein paar Leute weinten und jammerten allerdings vor dem Umzug; ich vermute, sie dachten an die alte Volksweisheit »Auf Freud folgt Leid«. Und der alte Luo, Verwalter des Kornspeichers im Dorf, verkündete allen, ob sie es hören wollten oder nicht: »Eine Fabrik kann noch so gut sein – früher oder später ist sie pleite! So was kann einem Bauern nie passieren.«
Als ich jedoch Jahre später bei einem Heimatbesuch dem Alten, wie immer bekleidet mit seiner schmutzigen Wattejacke, in der Kreisstadt zufällig begegnete, erzählte er mir freudestrahlend: »Ich kriege jetzt Rente wie ein Städter!«
Seit meinem Weggang aus meinem Heimatdorf zog mich nichts mehr nach Nanmen. Lange Zeit war ich überzeugt, dass man sich mit Nostalgie, Heimatgefühlen und dergleichen in Wirklichkeit nur etwas vormacht und versucht, sich über die Frustrationen des realen Lebens hinwegzutrösten. Eine junge Frau, die einmal nach meinen Kinderjahren und meiner Heimat fragte, wie man es im höflichen Gespräch so macht, fuhr ich wütend an: »Wieso sollte ich heute noch eine Realität akzeptieren, der ich längst entkommen bin?«
Wenn es in Nanmen überhaupt einen Ort gab, der der Erinnerung wert war, so war es – ganz klar – jener Teich. Was wird jetzt aus dem Teich?, war meine erste Reaktion auf die Nachricht von der Evakuierung des Dorfes. Ich befürchtete, diesen mir so vertrauten Ort würde das gleiche Schicksal ereilen wie den toten Su Yu, den jetzt Erde bedeckte.
Erst zehn Jahre später besuchte ich wieder meine alte Heimat. Es war schon Abend, als ich, ganz allein, in Nanmen ankam, meinem Dorf, das inzwischen eine Fabrik geworden war. Im Abendwind roch ich in jenem Moment weder den schwachen Jauchegeruch von einst, noch hörte ich das sachte Rauschen der sich im Wind wiegenden Ähren auf dem Feld. Alles war ganz anders als früher, und doch war ich mir ziemlich sicher, wo unser Haus und der Teich sich einst befunden hatten. Als ich an jene Stelle kam, stockte mein Herzschlag für einen Moment, denn im Mondlicht erblickte ich vor mir, unverändert, den Teich meiner Kindheit. Der unverhoffte Anblick bewirkte einen Aufruhr von Gefühlen ganz eigener Art. War bisher die verklärte Erinnerung an den Teich stets etwas Tröstliches gewesen, so rief mir dessen Erscheinung schlagartig meine gesamte Vergangenheit ins Gedächtnis. Während ich auf den Unrat starrte, der auf dem Wasser schwamm, wurde mir klar, dass der Teich keineswegs dazu da war, mich zu trösten. Vielmehr war er, als Symbol der Vergangenheit, nicht nur nicht aus meiner Erinnerung verschwunden, sondern hatte hier in Nanmen sozusagen die Stellung gehalten, um mich für alle Zeiten an das zu erinnern, was gewesen ist.
Damals, als ich so gern am Teich saß, empfand ich immer eine unbestimmte Sehnsucht, wenn Feng Yuqing, ein kräftig gebautes Mädchen aus dem Dorf, vor jugendlichem Elan geradezu strotzend, beschwingten Schrittes mit dem Holzeimer in der Hand an mir vorbeikam. Am Brunnen bewegte sie sich dann langsam und vorsichtig, und doch befürchtete ich stets, sie könnte ausrutschen, denn die Brunnenumfassung war von glitschigem Moos überzogen. Wenn sie sich bückte und den Eimer hinunterließ, schaukelte ihr Haarzopf vorn über den Brüsten hin und her – ein wunderschöner Anblick!
Dann aber kam Feng Yuqings letzter Sommer in Nanmen, in dem mich plötzlich ein ganz anderes Gefühl überkam: Ein Prickeln lief über meine Kopfhaut, als sie mittags an mir vorbei zum Brunnen ging und ich das Beben ihrer Brüste unter dem geblümten Stoff der Bluse beobachtete.
Ein paar Tage später kam ich auf dem Weg zur Schule an Yuqings Haus vorbei. In der morgendlichen Brise stand sie vor ihrer Tür und frisierte ihr tiefschwarzes Haar. Ihr Kopf war leicht nach links geneigt, das Licht der Morgensonne fiel auf ihren glatten Nacken und umfloss ihren ganzen wohlgeformten Körper, und die hellfarbigen Achselhaare waren unter den in die Höhe gereckten Armen deutlich zu sehen.
Abwechselnd hatte ich diese beiden Szenen vor Augen, so dass ich Yuqing gar nicht mehr anzublicken wagte, wenn ich ihr begegnete. Meine Gefühle für sie waren nicht mehr so rein wie einst, mischten sie sich doch mit aufkeimendem körperlichen Verlangen.
Überrascht war ich davon, was nicht lange danach mein großer Bruder Guangping eines Abends tat. Der Fünfzehnjährige hatte ganz offensichtlich schon vor mir die von Yuqing ausgehende Verlockung für sich entdeckt. Als er ihr an einem mondhellen Abend auf dem Rückweg vom Brunnen begegnete, schnellte in dem Moment, da sie auf gleicher Höhe waren, seine Hand plötzlich in Richtung ihrer Brust vor, nur um sogleich wieder genauso schnell zurückgezogen zu werden. Während er weiterging, als wäre nichts geschehen, war das Mädchen so schockiert, dass sie wie angewurzelt stehen blieb. Erst als sie mich erblickte, fasste sie sich wieder und setzte ihren Weg zum Brunnen fort. Ich bemerkte, dass sie ihren Zopf immer wieder energisch nach hinten schleuderte, wenn er ihr beim Wasserschöpfen vor die Brust fiel.
An den darauffolgenden Tagen war ich ständig darauf gefasst, dass Feng Yuqing – oder wenigstens ihre Eltern – bei uns vorsprechen würden, um sich zu beschweren. Und was Guangping betraf, so ertappte ich ihn oftmals, wie er voller Angst zur Haustür spähte, doch erwiesen sich seine Befürchtungen als unbegründet, so dass er allmählich seine gewohnte Selbstsicherheit zurückgewann. Einmal beobachtete ich, wie er Yuqing auf der Straße entgegenkam und ihr schmeichlerisch zulächelte, sie aber mit zornbleichem Gesicht an ihm vorbeirauschte.
Auch mein kleiner Bruder Guangming war empfänglich für ihre Reize. Mit seinen zehn Jahren verstand er zwar noch nichts von solchen Dingen, doch ich beobachtete einmal, wie dieser kleine Rotzbengel, der im Dreck mit einem Ziegelbrocken herumspielte, plötzlich »Atombusen!« rief, als er das Mädchen kommen sah. Dabei grinste er sie töricht an, und der Speichel rann ihm aus dem Mund. Yuqing errötete und setzte mit gesenktem Kopf ihren Weg nach Hause fort. Ihre zuckenden Lippen verrieten, dass sie sich mit Mühe ein Lachen verbiss.
Im Herbst jenes Jahres veränderte sich ihr Leben von Grund auf. Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, wie ich mittags auf dem Heimweg von der Schule an der Holzbrücke inmitten zahlreicher Schaulustiger eine kaum wiederzuerkennende Yuqing erblickte, die Wang Yuejin fest umklammert hielt. Für mich war damals diese Szene ein gewaltiger Schock. Die Blicke des verzweifelten Mädchens – Symbol all meiner diffusen Sehnsüchte – erschienen mir wie ein stummer Hilferuf an die Umstehenden. Diese ließen jedoch keinerlei Mitgefühl erkennen, gafften nur neugierig zu ihr hin. Wang Yuejin, der sich nicht aus ihrem eisernen Griff befreien konnte, wandte sich mit gespielter Heiterkeit an die Menge: »Guckt euch bloß diese Schlampe an!«
Unberührt vom Gelächter der Umstehenden, eher noch ernster und entschlossener als vorher, schloss Yuqing für einen Moment die Augen. Ich war in diesem Augenblick dem Ansturm verschiedenster Gefühle ausgesetzt: Was sie umklammerte, war etwas, das ihr nicht gehörte, ein Gebilde, das früher oder später verschwunden sein würde. Wenn ich heute zurückdenke, kommt es mir vor, als hätte sie nicht einen Menschen festgehalten, sondern nur Luft – für leere Luft überwand sie ihre angeborene Schüchternheit und setzte ihren guten Ruf aufs Spiel.
Wang versuchte im Guten wie im Bösen, sich aus ihrer Umklammerung zu lösen. Mal beschimpfte er sie, dann wieder machte er sich über sie lustig – alles vergebens. Er war am Ende seiner Weisheit. »Was soll ich bloß tun gegen so ein Weib?«, rief er.
Feng Yuqing reagierte überhaupt nicht auf seine Beleidigungen. Ihr Blick war starr auf das strömende Wasser des Flusses gerichtet; vielleicht war ihr klargeworden, dass sie nicht mit der Sympathie der Zuschauer rechnen konnte.
»Was willst du verdammtes Weibstück eigentlich?«, brüllte Wang und versuchte in ohnmächtiger Wut, ihren klammernden Griff zu lösen. Ich konnte sehen, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf zur Seite wandte.
Als Wang Yuejin merkte, dass er so nicht weiterkam, schlug er eine andere Tonart an und fragte: »Na schön. Was verlangst du von mir?«
»Geh mit mir ins Krankenhaus zum Test«, antwortete sie mit leiser Stimme, ganz ruhig und ohne die geringste Verlegenheit, als sei sie froh und zufrieden, ihrem Ziel endlich ein Stück näher gekommen zu sein. In jenem Moment traf mich ihr Blick, und ich spürte, wie ich im Gleichklang mit ihr erbebte.
Wang sagte: »Dann musst du mich aber erst loslassen, sonst kann ich dich ja nicht begleiten.«
Yuqing zögerte kurz, ehe sie ihren Griff löste, woraufhin Wang Yuejin prompt das Weite suchte, nicht ohne sich noch einmal umzudrehen und ihr zuzurufen: »Geh doch allein, wenn du das wirklich willst!«
Mit gerunzelter Stirn schaute sie dem Burschen hinterher, dann streifte ihr Blick die Umstehenden, und ich merkte, wie sie mich zum zweiten Mal ansah.
Sie machte gar nicht erst den Versuch, Wang zu verfolgen, sondern ging tatsächlich allein in die Stadt. Ein paar Kinder aus dem Dorf, die von der Schule heimkamen, machten kehrt und folgten ihr bis ins Krankenhaus. Ich aber ging nicht mit, sondern sah ihr nur von der Holzbrücke aus nach, bis sie in der Ferne verschwunden war. Sie hatte ihren während der Auseinandersetzung mit dem Mann in Unordnung geratenen Zopf gelöst. Ich sah, wie ihre Finger durch das lange schwarze Haar fuhren und es neu flochten, ohne dass sie dabei stehen blieb.
Yuqing, die für gewöhnlich so schüchtern und furchtsam war, wirkte ganz ruhig und gefasst. Nichts konnte sie beirren. Nur ihr totenblasses Gesicht ließ den Aufruhr in ihrem Inneren erahnen. Mit gespieltem Gleichmut meldete sie sich beim Gynäkologen an und beantwortete dessen Frage nach ihrem Anliegen ebenso selbstverständlich, wie es eine verheiratete Frau vielleicht getan hätte: »Ich brauche einen Schwangerschaftstest.«
Der Arzt schaute auf das Anmeldeformular, auf dem sie in der Rubrik Familienstand ihr Kreuzchen bei ledig gemacht hatte. »Sie sind nicht verheiratet?«, fragte er.
»Nein«, bestätigte sie nickend.
Drei Jungen aus meinem Dorf sahen, wie sie mit einem braunen Glasfläschchen in der Hand in der Frauentoilette verschwand und kurz darauf mit ernstem Gesichtsausdruck wieder herauskam. Dann setzte sie sich zu den anderen Patienten auf die lange Holzbank im Krankenhausflur und wartete, den Blick starr auf das Schalterfenster des Labors gerichtet, auf das Ergebnis des Urintests.
Erst als sie erfuhr, dass sie nicht schwanger war, verlor sie ihre Fassung. An einen Betonmast vor dem Eingang des Krankenhauses gelehnt, schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte.