Peter Schwindt
Borderland
FISCHER E-Books

Peter Schwindt hat sein Studium der Germanistik, Komparatistik und Theaterwissenschaften nach vielen Semestern erfolgreich abgebrochen und arbeitete zunächst als Redakteur und Game Designer, bevor er freiberuflich als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen schrieb. Er ist erfolgreicher Autor von Thrillern für Erwachsene und von Kinder- und Jugendbüchern. Peter Schwindt lebt mit seiner Familie in Hanau.
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de
Nach dem Tod von Vincents Vater ist nichts mehr wie vorher: die Mutter ein Totalausfall, das geliebte Klavier verkauft, und auf dem neuen Gymnasium sind die Sitten ziemlich rau. Als Vincents Mutter einen Zusammenbruch erleidet und ins Krankenhaus kommt, schwankt Vincent zwischen der Erleichterung, jetzt nur noch für sich selbst sorgen zu müssen, und tiefer Verunsicherung. Da trifft er auf die mysteriöse Jane, die in einer Gruft auf dem Friedhof wohnt und allerlei Lebensweisheiten zu bieten hat. Allmählich begreift Vincent, dass zum Sound seines Lebens auch Freundschaft und Vertrauen gehören.
Ein einfühlsamer Roman über das Erwachsenwerden, voller Sprachmusik und cooler Beats.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2018 Peter Schwindt
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: www.buerosued.de
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0061-7
Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.
Victor Hugo
Für Sophie, die alles richtig macht.
Und für Julia. Manche Menschen tauchen einfach zur richtigen Zeit im Leben auf.
Ich habe bis heute keine Ahnung, wie Polarlichter entstehen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Elektronen, getragen vom Sonnenwind, auf Ionen in der Erdatmosphäre treffen und so Prozesse auslösen, an deren Ende die Auroraborealis zu sehen sind. Es muss irgendwas mit Magnetfeldern zu tun haben, die senkrecht zur Erdoberfläche stehen, so dass diese elektronisch geladenen Teilchen in die Atmosphäre eindringen können. Das passiert allerdings nur in den Polarregionen, also am Ende der Welt. Aber was heißt das schon? Viele Dinge sind einfach schön um ihrer selbst willen, und man möchte gar nicht wissen, wie sie funktionieren, weil sich sonst ihr Zauber verflüchtigt und man um eine Enttäuschung reicher ist. Echter Magie begegnet man nur selten. Und man wird sich ihrer erst bewusst, wenn sie das eigene Leben nicht mehr erleuchtet. Sie ist der Funke, der das Herz beseelt und die Dunkelheit einer langen Nacht wenigstens für einen Atemzug erhellt.
Ich sitze im CNL 472 von Basel nach Kopenhagen. Einem Nachtzug, der so gut wie leer ist. Ich habe ein ganzes Abteil für mich. Vor mir auf dem Tisch liegt mein altes Netbook. Es hat ein veraltetes Betriebssystem und einen defekten Akku, aber neben meinem Sitz gibt es eine Steckdose, versteckt hinter einem Vorhang. Ich höre Musik von Max Richter und versuche den roten Faden der Geschichte zu finden, die ich zu erzählen habe. 40 Stunden Fahrt liegen vor mir, neunmal werde ich umsteigen müssen, aber dennoch weiß ich nicht, ob die Zeit ausreicht, dem auf die Spur zu kommen, was in den letzten sechs Wochen geschehen ist. Der Wunsch, die Ereignisse in Worte zu fassen, ist jedenfalls groß.
Meine Tasche ist nur mit dem Notwendigsten gefüllt, Unterwäsche, einer Hose und einem Pullover, den mir meine Mutter gestrickt hat, als Vater noch lebte und wir eine Familie waren. Rentiere und Sterne. Er kratzt, aber er hält warm. Ich wollte nicht fliegen, obwohl die Reise mit Ryanair oder sonst einem Billigflieger vermutlich günstiger geworden wäre.
Ich sitze nicht in der Mitte des Zuges, nicht in der Mitte des Wagens, nicht mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und nicht an der den Nachbargleisen abgewandten Seite. Meine Mutter hat recherchiert, das kann sie gut. Bei einem Zugunglück hat man die besten Überlebenschancen, wenn man all diese Regeln befolgt.
Bevor ich beginne, von Jane zu erzählen, muss ich von meiner Mutter berichten und den beschissenen Umständen, unter denen wir lebten. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass das Leben einem Plan folgt, mag er auch noch so undurchschaubar erscheinen.
»Vincent Amos?«
Die Frau hinter dem Schreibtisch, die meinen Namen rief, legte den Kopf schief, so dass sie durch die geöffnete Tür hinaus auf den Korridor schauen konnte. Als sie meinen Blick einfing, winkte sie mich mit ihrem Zeigefinger heran.
»Direktor Schreiber hat jetzt Zeit.«
Ein anderer Schüler, blond gescheitelt und ein Vertreter der Hollister-Abteilung, saß mit einem nervös wippenden Bein zwei Stühle neben mir. Auf seinem Shirt stand 333 – I am only half evil. Sein Humor schien von einer besonderen Art zu sein. Selbstreferentiell oder so. Als ich aufstand, verfolgte er mich mit seinen Augen, ohne den Kopf in meine Richtung zu drehen. Ich nickte ihm solidarisch zu, aber er schaute mir nur so lange nach, wie ich in seinem starren Blickwinkel war.
»Du kannst reingehen«, sagte die Frau hinter dem altmodischen Röhrenmonitor ihres Rechners. Ein Drucker spuckte summend einige Blätter aus. Die Möbel waren braun und alt und an den Ecken abgestoßen. Die Frau deutete auf eine angelehnte Tür. Ich zögerte. Sie machte mit der Hand eine Geste, als sei die Zeit des Mannes, der dort auf mich wartete, mindestens genauso knapp bemessen wie ihre.
Ich klopfte vorsichtig an den Türrahmen.
Direktor Schreiber blickte auf. Er war ein alter Mann mit langen grauen Haaren und einem ebenso grauen Bart. Jeans, Stiefel, kariertes Hemd. Als er aufstand, streckte er mir seine Hand entgegen.
»Schreiber«, sagte er nur.
»Amos. Vincent.«
»Bist du allein gekommen?«
»Ja.«
»Kein Elternteil dabei?« Die leise Stimme klang ein wenig überrascht.
»Meine Mutter ist krank und muss im Bett bleiben.«
Direktor Schreiber musterte mich eindringlich, als wüsste er nicht, in welche Schublade er mich stecken sollte. »Okay«, sagte er gedehnt. »Hoffentlich nichts Schlimmes?«
Ich zuckte stumm mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
Er runzelte die Stirn und schaute in eine dünne Mappe, die er vor sich aufgeschlagen hatte. »Vincent Amos. Geboren am 19. März. Wohnhaft in der Elsterbergstraße? Stimmt das?«
Ich nickte.
»Du hast vorher das Wittgenstein-Gymnasium besucht?«
Ich nickte erneut.
»Darf ich fragen, warum du auf diese Schule wechselst? Ich meine, deine Noten waren durch die Bank gut bis sehr gut.«
»Wir sind umgezogen.«
»Wo habt ihr früher gewohnt?«
»In der Habsburger Straße.«
»Das ist am anderen Ende der Stadt.«
»Ja«, sagte ich nur.
»Und nicht mit dem Viertel hier zu vergleichen.«
»Nein, nicht wirklich.«
Direktor Schreiber räusperte sich.
»Ich habe gesehen, dass du eine Reihe von Musikinstrumenten beherrschst.«
Ich nickte. »Klavier. Violine. Cello.«
»Wir haben ein Orchester. Herr Schröder leitet es jetzt.«
»Aha«, machte ich nur.
Direktor Schreiber schaute mich an, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Er kaute auf seiner Unterlippe herum, so dass sich einige der Barthaare nach vorne sträubten.
»Wir freuen uns, dich hier begrüßen zu dürfen«, sagte er schließlich, wippte nach vorn und reichte mir zwei Zettel. »Dein Stundenplan und die Bücherliste. Die Schulbibliothek hat in den Pausen geöffnet. Frau Schuchardt wird dich zu deiner Klasse bringen.«
Ich stand auf und wusste nicht, ob es angebracht war, ihm zum Abschied die Hand zu reichen. Also nickte ich nur, faltete die beiden Zettel zusammen und steckte sie in meine Umhängetasche.
Zuerst dachte ich, dass Direktor Schreiber noch etwas sagen wollte, doch sein Blick war nicht auf mich gerichtet. Seine Hände lagen auf dem Schreibtisch, links und rechts der Tastatur. Über dem Bildschirm des Rechners tanzte träge die Uhrzeit. Durch das gekippte Fenster war der auf- und abschwellende Lärm einer Motorsäge zu hören.
»Frau Schuchardt?«, rief er plötzlich.
»Ja?«, kam es aus dem Sekretariat. Eine Kaffeetasse wurde abgestellt, ein Löffel klirrte.
»Bringen Sie Vincent in seine Klasse, sind Sie so gut? Und schicken Sie Dennis rein.«
Ich wünschte Direktor Schreiber noch einen schönen Tag, den er vermutlich nicht haben würde, und verließ sein Büro.
Frau Schuchardt kam kauend um den Tresen herum und schüttelte sich ein paar Krümel ihres Brötchens von der rosa Bluse. Wir traten hinaus in den Korridor.
»Du kannst jetzt rein«, sagte sie zu dem Jungen, der sich nun träge aus dem Plastikstuhl erhob. Er rempelte mich im Vorübergehen an. Nicht heftig. Aber auch nicht so leicht, dass es ein Versehen war.
Frau Schuchardt ging voraus. Sie war klein, um den Hintern herum ein wenig füllig. Unter der Bluse gruben sich die Träger ihres BHs in die Schultern. Die Schuhe, die sie zu dem beigen Rock trug, waren praktisch, bequem und hässlich. Sie roch irgendwie komisch. Nicht ungewaschen oder verschwitzt. Eher das Gegenteil, eher schärfer. Ich fragte mich, ob sie sich nach jedem Toilettenbesuch die Hände desinfizierte.
Die Sohlen ihrer Gesundheitsschuhe quietschten auf dem ausgetretenen Linoleumboden. In der Hand klimperte ein Schlüsselbund. Wir schritten eine ganze Galerie von Türen ab, von denen aber keine für mich bestimmt war. Erst zwei Etagen tiefer, vorbei an Vitrinen, in denen Unterstufenklassen Gipsköpfe und Nudelreliefs ausgestellt hatten, blieben wir vor einem Raum stehen. Frau Schuchardt klopfte und öffnete die Tür, ohne ein »Herein« abzuwarten.
Natürlich richteten sich alle Blicke auf mich. Ein Lehrer, der gerade hektisch etwas an die Tafel schrieb, drehte sich zu uns um, wobei er eine ungeduldige Geste machte, um der Klasse mehr Ruhe zu verordnen.
»Herr Gödert, ich bringe den Neuen«, sagte Frau Schuchardt.
Gödert strich sich die ergrauenden Haare aus dem zerknautschten Gesicht. Er schaute von ihr zu mir und wieder zurück.
»Okay«, sagte er. »Dahinten ist noch ein Platz frei.«
Der Raum, in dem der Deutschkurs stattfand, sah aus, als hätten hier schon etliche Jahrgänge ihren Frust am Mobiliar ausgelassen. Der mir zugewiesene Tisch war genauso Schrott wie der viel zu niedrige Stuhl. Wenigstens die Rückenlehne konnte man noch verstellen.
Ich fühlte mich wie im Warteraum des Jobcenters, bei dem sich meine Mutter immer mal wieder melden musste.
Frau Schuchardt hatte das Klassenzimmer bereits verlassen, als sich Herr Gödert an mich wandte. An der Tafel standen Regeln zur Beugung starker und schwacher Verben. Stoff für die Unterstufe.
»Möchtest du dich vorstellen?«, fragte er mich freundlich.
Eigentlich mochte ich nicht. Eigentlich wollte ich viel lieber unsichtbar sein.
»Mein Name ist …«
»Steh bitte auf, damit dich jeder hören kann.«
Also stand ich auf. Die Rückenlehne meines Stuhls rutschte wieder nach unten.
»Mein Name ist Vincent Amos …«
»… und ich bin schwul«, vollendete der Typ vor mir meinen Satz. Er erntete lautes Gelächter.
Der Kerl drehte sich zu mir um und grinste mich an, als erwartete er, dass ich ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Ich überlegte mir, ob ich mich nicht wieder hinsetzen sollte.
»Bist du gerade hierhergezogen?«, fragte Gödert.
»Ja«, sagte ich.
Alle Blicke waren auf mich gerichtet, und ich spürte, wie ich rot wurde. Man kann Angst riechen, und ich muss in diesem Moment regelrecht nach Loser gestunken haben. Ich hätte kotzen können.
Das Knautschgesicht schaute mich auffordernd an, doch ich setzte mich wieder, die Lehne stützte nun meine Nierengegend, die Tischkante reichte mir zur Brust. Gödert setzte seinen Unterricht fort, und ich hoffte, dass der Vormittag schnell zu Ende ging.
Nach Schulschluss saß ich mit einem riesigen Stapel Bücher an der Haltestelle und wartete auf meinen Bus, als ich Dennis sah. Er rauchte eine Zigarette, trat sie dann aber nur halb heruntergebrannt aus. Er setzte sich zu mir auf die Bank und sagte kein Wort. Ich klemmte meine Tasche fester zwischen die Beine. Mein Bus würde erst in einer Viertelstunde kommen.
»Den Tag gut überstanden?« Der freundliche Klang seiner Stimme überraschte mich. Aber ich traute ihm nicht, deshalb schwieg ich und schaute in eine andere Richtung.
Er beugte sich vor, starrte mich an und schnippte vor meinen Augen mit den Fingern. »He, ich sitze neben dir! Ich bin nicht unsichtbar! Ich hab dich was gefragt!«
Es gab jetzt zwei Möglichkeiten, wie ich mit der Situation umgehen konnte. Entweder ich ignorierte den Kerl mit dem Nazi-Scheitel, was dieses wohlstandsverwahrloste Arschloch definitiv als Provokation auffassen würde. Oder ich redete mit ihm und verankerte mich so in seinem Bewusstsein. Dann würde ich ihn nicht mehr so schnell loswerden. Aber dieser Zug war vermutlich ohnehin schon abgefahren. Der Kerl hatte mich so oder so auf dem Radar, so tief konnte ich gar nicht fliegen. Trotzdem versuchte ich es, bückte mich nach meiner Tasche und stand auf, als ein Bus kam, der mich in eine völlig falsche Richtung bringen würde.
Dennis blieb sitzen und starrte mir hinterher, als ich einstieg und mich auf einen der wenigen freien Plätze setzte. Er machte einfach gar nichts. Wie in einem Musikvideo: scheppernde Gitarren, stampfender Beat, tragischer Gesang, die Welt zieht rasend schnell vorüber. Nur Dennis blieb wie aus der Zeit gefallen, wo er war. Weil er nicht wusste, wo er hinsollte. Oder weil er sich einen Dreck um alles scherte.
Dann setzte sich der Bus in Bewegung.
Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass all diese Großstadtghettos so niedliche Nagernamen haben? Hasenbergl? Mümmelmannsberg? Hasenheide? Die Sozialwissenschaftler nennen die Ghettos ›Lokale Exklusionsbereiche‹. Das klingt wohl besser als ›sozialer Brennpunkt‹, obwohl auch dieser Begriff nicht den Grad des Niedergangs widerspiegelt, den man da antrifft: In den Aufzügen riecht es immer nach Pisse, weil die Kinder nicht schnell genug aufs Klo kommen, wenn sie draußen spielen. Manchmal findet man auch einen Haufen Erbrochenes, Dönerrotkohl oder eine halbverdaute Pizza. Wer sich die Schuhe nicht versauen will, nimmt deswegen klugerweise die Treppe. Auch weil das Ding mit schöner Regelmäßigkeit stecken bleibt und man schon einmal einen Nachmittag darin verbringen kann, da die Hausverwaltung mal wieder nicht besetzt ist.
Hinter den Türen leben tatsächlich Menschen. Man hört Musik oder die Explosionen von Spielen wie GTA oder Witcher. Manchmal gibt es auch die eine oder andere Auseinandersetzung. Auf Deutsch. Auf Türkisch. Auf Arabisch. Auf Kroatisch. Auf Russisch. Manchmal ist es hinter den Türen aber auch erstaunlich still. Dann fragt man sich, ob die Oma, die sich sonst immer mit ihrem schon seit Jahren toten Mann stritt, nicht selber seit Ostern in einem Ohrensessel dahinwest und zu Katzenfutter geworden ist.
Ich stieg den letzten Treppenabsatz zu unserer Wohnung im zehnten Stock hoch, als ich hörte, wie sich über mir die Fahrstuhltür schloss und der Lift mit einem klagenden Geräusch nach unten fuhr. Jemand war tatsächlich so mutig, ihn zu benutzen. Dann sah ich unsere angelehnte Wohnungstür und stutzte.
Vorsichtig trat ich über die Schwelle.
»Mutter?«
Das Licht des Treppenhauses fiel auf den stockfleckigen grauen Teppich des Wohnungsflurs, wo ein halbes Dutzend zusammengefalteter Umzugskartons an der Wand lehnten. Es roch nach feuchter Pappe und dem Staub trauriger Erinnerungen. »Mutter? Bist du da?«
Ich drückte die Tür hinter mir zu. Sie fiel mit einem satten Klicken ins Schloss. Dann schaltete ich das Licht ein. Es war früher Nachmittag. Noch war es draußen hell. Aber meine Mutter zog es schon seit einiger Zeit vor, ihre wache Zeit im Halbdunkel zu verbringen.
Ich ging ins Wohnzimmer. Ein leiser Anflug von Panik überkam mich. Die Tür war nur angelehnt gewesen, der Fahrstuhl war benutzt worden. Für einen kurzen, beängstigenden Moment war ich mir sicher, dass meine Mutter gegangen war.
Doch sie schlief noch auf der ausgeklappten Couch, die seit dem Umzug ihr Bett darstellte. Meine Mutter stand nie vor dem Nachmittag auf, und auch nur, um etwas zu essen, sich ein wenig mit mir in vernuschelten Sätzen zu unterhalten und sich dann wieder hinzulegen, erschöpft von der Minimalkonversation. Manchmal wusch sie sich sogar, kam aber eher selten vor.
Wir hatten ein beeindruckendes Downsizing hinter uns. Von einem Haus mit hundert Quadratmetern runter auf eine Zweizimmerwohnung. Vieles hatten wir wegwerfen oder verkaufen müssen, da wir einfach keinen Platz mehr für all die Möbel hatten. Und selbst der Rest passte kaum auf die fünfzig Quadratmeter, die uns vom Amt bewilligt worden waren.
Mit einem lauten Ruck riss ich die Jalousie hoch und kippte das Fenster, damit ein wenig frische Luft hereinkam.
»Komm. Aufstehen.«
Meine Mutter rührte sich nicht. Ich setzte mich auf die Matratzenkante und berührte sanft ihre knochenspitze Schulter. Langes Haar bedeckte wie schwarze Spinnweben ihr reglos bleiches Gesicht. Eine Strähne bewegte sich im matten Atem.
Ich rüttelte sie etwas kräftiger. »Wach auf«, sagte ich sanft.
Ein tiefer, zitternder Atemzug. Dann schlief sie weiter.
Ich rieb meine vor Müdigkeit brennenden Augen und seufzte. Am liebsten hätte ich mich auch hingelegt. Decke über den Kopf und weg. Es gibt nichts Tröstlicheres als den Geruch des eigenen Kopfkissens, dem noch die Träume der Nacht anhaften.
Doch ich riss mich zusammen, stand auf und sammelte die schmutzige Wäsche ein, um sie im Bad vor die durchgelaufene Maschine zu werfen. Ich hatte sie eingeschaltet, bevor ich am Morgen zur Schule gegangen war, und zog jetzt eine ganze Ladung nasser Unterwäsche heraus, die ich in einem Korb auf den Balkon trug, wo zwischen den betongrauen Zwischenwänden eine Plastikleine gespannt war.
Es gab einen Waschkeller im Haus, doch niemand benutzte ihn. Die Lebenszeit einer Waschmaschine hätte sich drastisch verkürzt, wenn man sie dort hingestellt hätte. Im günstigsten Fall wäre sie von anderen Mitbewohnern einfach mitbenutzt worden. Im ungünstigsten Fall hätte sich jemand einen Spaß daraus gemacht, Altglas und Müll in die Trommel zu werfen und dann den Schleudergang zu wählen.
Ich hielt inne und schaute im nebligen Zwielicht zu dem verwahrlosten Spielplatz hinab, wo ein Kind in roter Regenjacke alleine auf einer violettgestreiften, breit grinsenden Wippkatze saß und sich nicht rührte.
Meine Hände, die die Balkonbrüstung umklammerten, liefen blau an. Die Luft war kalt, aber die Wäsche trocknete hier oben recht schnell. Ich ging wieder hinein. Meine Mutter schlief immer noch.
Die Küche war klein wie eine Kombüse und hatte kein eigenes Fenster, dafür aber einen Lüfter, Limodor F Typ C, der laut wie ein Föhn blies (deswegen vermutlich auch das F), sobald das Licht eingeschaltet wurde. Ich hatte alles selbst angeschlossen, obwohl ich weder Elektriker noch Installateur war. Und es war eine kitzelige Angelegenheit gewesen, unseren dreiadrigen Herd an das fünfadrige Stromkabel anzuschließen. Als ich die Sicherung wieder einschaltete, hatte ich Angst gehabt, mir würde alles mit einem lauten Knall um die Ohren fliegen. Tat es aber nicht.
Mich kotzten die Unordnung und der Dreck im Wohnzimmer unglaublich an. Küche und Bad wischte ich jeden Tag durch, aber es war ein sinnloses Unterfangen, wenn der andere Teil der Wohnung in Müll und Unordnung versank, weil sich der Rest der halb leergefledderten Umzugskartons wie ein wackliges Jengaspiel stapelten.
Ich machte einen Kaffee, der so stark war, dass der Löffel drinstand, schnitt einige hutzelige Äpfel klein und legte ein paar krümelige Haferkekse auf eine angestoßene Untertasse. Dann befreite ich den kleinen Beistelltisch am Sofa von alten Wurfsendungen und einer eingetrockneten Teetasse.
Ich hielt inne und betrachtete den Boden der Tasse genauer. Ich erkannte den Rest der kleinen Tablette, die sich halb aufgelöst hatte. Das Antidepressivum, das meine Mutter regelmäßig nehmen musste, war eine kleine ovale Pille mit einer Kerbe in der Mitte, damit man sie bei Bedarf halbieren konnte.
»Mama?«
Mein Herz setzte einen langen Schlag aus und ich dachte nur: Nicht auch noch sie! Bitte, bitte, nicht auch noch sie! Alles war schon beschissen genug. Da musste meine Mutter nicht auch noch so eine Nummer abziehen.
»Mama, wach auf!«
Die Augen meiner Mutter waren halb geöffnet, nur das Weiße war zu erkennen. In ihrem Mundwinkel war Speichel festgetrocknet. Der Atem ging flach und unregelmäßig. Ab und zu gab sie ein leises, fast ängstliches Stöhnen von sich. Wo immer sie war, ich konnte sie nicht erreichen. Ich sank vor ihr nieder, streckte meine Finger aus, um sie zu berühren, zog die Hand aber wieder zurück. Ich hatte in diesem Moment Angst, ins Leere zu greifen. Dass meine Mutter gar nicht existierte. Dass sie eine Illusion war, die sich auflöste, wenn ich mich ihrer Körperhaftigkeit vergewissern wollte, und ich in Wirklichkeit so allein war, wie ich mich fühlte.
Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf. Dann setzte ich mich auf den Boden und wartete. Alles, was ich von meiner Mutter sah, waren diese schwarzen Haare und die dünne Strähne, die sich im Zug ihres flachen Atems kaum merklich bewegte. Die Angst um meine Mutter, die sich so schmerzhaft gesteigert hatte, war weg. Ich stand im wahrsten Sinne des Wortes neben mir und betrachtete die Szene aus einer erhöhten Position. Ein erstaunlich friedliches Schweben, das ewig hätte weitergehen können, wenn es nicht an der Tür geklingelt hätte. Ich sackte also wieder in meinen Körper zurück, was ein ziemlich unbehagliches, irgendwie kantiges Gefühl in mir auslöste, und stand ungelenk auf.
Schwere Schritte eilten das Treppenhaus hinauf. Offensichtlich traute da jemand den Aufzügen genauso wenig wie ich. Ich öffnete die Wohnungstür, setzte mich wieder unter das Fenster, lehnte mich an die Heizung und versuchte wieder diese erhöhte Wahrnehmungsposition einzunehmen. Klappte aber nicht.
Die Sanitäter, großgewachsene Männer in roten Hosen und weißen Poloshirts, bewegten sich gänzlich unbeeindruckt vom Chaos in unserer Wohnung und gingen ihren Aufgaben nach. Die Notärztin, eine großgewachsene blonde Frau von Anfang dreißig mit den Schultern einer Ruderin, drehte sich einmal im Kreis, um die Lage zu erfassen und zog sich dabei blaue Latexhandschuhe über.
»Sie haben uns angerufen, nehme ich an. Herr …«
Dass ich mit »Herr« angesprochen wurde, brachte mich mehr aus der Fassung als der Zustand meiner Mutter.
»Vincent«, antwortete ich. »Amos. Vincent Amos.«
»Sie ist Ihre Mutter?«
Ich nickte.
»Wie lange ist sie schon in diesem Zustand?«
»Welchen Zustand meinen Sie genau?«, fragte ich verwirrt. Depressiv war sie ja schon länger.
»Wie lange ist sie schon nicht mehr ansprechbar?«
Ich dachte nach. Ansprechbar war so relativ. Ein normales Gespräch konnte man ja schon lange nicht mehr mit ihr führen. Aber ich ahnte, dass die Frage anders gemeint war. »Es ist das erste Mal, dass sie sich nicht wecken lässt.«
»Nimmt Ihre Mutter Medikamente, Herr Amos?«
Herr Amos. »Ja«, sagte ich kühl.
»Darf ich die mal sehen?«, fragte sie und beugte sich über meine Mutter, um ihre Pupillenreflexe zu überprüfen. Es irritierte mich, dass sie mit mir sprach, ohne mich anzuschauen.
Und plötzlich bekam ich es wieder mit der Angst zu tun.
Es gab dieses Prinzip der Selbstgefährdung. Wenn herauskam, dass meine Mutter tatsächlich einen Selbstmordversuch unternommen hatte, war sie weg. Was das für mich bedeutete, wollte ich mir in diesem Moment nicht ausmalen. Ich war sechzehn Jahre alt, und mit Sicherheit hatte das Jugendamt oder irgendein Sozialdienst ein, zwei Worte mitzureden. Keine Ahnung, was die sich für mich ausdenken würden, wenn man meine Mutter tatsächlich auf unbestimmte Zeit aus dem Verkehr zog.
Also schwieg ich. Etwas Intelligenteres fiel mir nicht ein.
Die Notärztin drehte sich in der Hocke zu mir um. Ich hob den Blick und sah sie an, als sie mich sacht am Knie berührte.
»Wir werden Ihre Mutter mitnehmen«, sagte sie.
Ich nickte. Sie drängte mich nicht dazu, etwas zu sagen. Über ihre Schulter hinweg konnte ich sehen, wie die beiden Sanitäter meine Mutter auf eine Trage schnallten. Die Notärztin folgte kurz meinem Blick, sah mich dann aber wieder an.
Ich räusperte mich und wollte damit signalisieren, dass ich jetzt wieder vollkommen präsent und ernst zu nehmen war. »Darf ich mitfahren?«, fragte ich.
»Ja«, sagte sie. »Natürlich.« In ihrer Stimme schwang kein Mitleid mit. Das machte sie mir sympathisch.
»Hinten? Also, bei meiner Mutter?«
Sie lächelte bedauernd. »Das wird leider nicht gehen. Aber Sie können sich neben den Fahrer setzen. Dort gibt es ein kleines Schiebefenster, das können wir öffnen. Okay?«
Ich nickte und stand auf.
»Zeigen Sie mir bitte noch, wo Ihre Mutter die Medikamente aufbewahrt?«
»Das kann ich nicht.«
»Gibt es keinen festen Platz?«
»Nein«, antwortete ich. »Ab und zu sammle ich die Tabletten ein und lege sie in eine kleine Plastikbox in der Küche neben der Spüle. Aber sie ist leer, wir brauchen ein neues Rezept.«
Die beiden Sanitäter trugen meine Mutter aus der Wohnung. Die Notärztin richtete sich auf und blickte sich kurz um. »Darf ich?«, fragte sie und deutete auf das Sofa.
»Ja, sicher«, antwortete ich verwirrt. Ich legte die Bettdecke auf einen Stuhl, wo sie zusammen mit dem Kopfkissen träge runterrutschte.
Die Notärztin ließ die Hand in die Zwischenräume gleiten und tastete sie ab. Es war unglaublich, was sie alles zutage förderte: Teelöffel, alte Taschentücher, schmutzige Slips, ein T-Shirt. Und eine leere Blisterpackung. Sie drehte sie um und versuchte, die Aufschrift zu lesen, was gar nicht so einfach war, da die Tabletten alle schon herausgedrückt und das Stanniol zerrissen war.
Die Ärztin steckte die leere Packung in die geräumige Tasche ihrer orangefarbenen Jacke und nickte mir aufmunternd zu. »Ich denke, wir sollten uns auf den Weg machen.«
Meine Mutter wurde auf die Intensivstation gebracht. Während man ein Urinscreening vornahm – die Ärzte wollten auf Nummer Sicher gehen, dass sie neben dem Antidepressivum nicht noch andere Mittel zu sich genommen hatte –, musste ich im Flur auf einem jener Plastikstühle Platz nehmen, die ich schon aus der Schule kannte. Ich fragte mich, ob es so etwas wie ein Ikea für den öffentlichen Dienst gab, in noch billiger. Dieselbe Farbe, dieselbe Form, dieselbe glatte Sitzfläche, die keinerlei Halt bot.
Zehn Minuten rutschte ich auf dem Stuhl herum, bis eine Frau erschien. Sie trug keinen weißen Kittel, sondern Jeans und einen schlichten dunklen Pullover unter einem beigen Cardigan. Sie hätte auch Reitlehrerin sein können, mit ihren geröteten Wangen. Von frischer Luft, der ich mich in solch hohen Dosen nie aussetzte. Das dünne rotblonde Haar stand ihr nach allen Seiten ab, als bliese ihr die ganze Zeit ein imaginärer Föhn ins Gesicht. Mit einem offenen Lächeln streckte sie mir ihre Hand entgegen.
»Neuburg«, stellte sie sich vor. »Ich bin Psychologin und arbeite für den Sozialdienst des Krankenhauses. Sie sind Vincent Amos?«
Ich schüttelte die Hand, die sehr groß und sehr kräftig war. Die Pferde gingen mir irgendwie nicht aus dem Kopf. »Ja«, antwortete ich.
Frau Neuburg hatte in der anderen Hand eine braune Mappe, die unbenutzt aussah. »Sollen wir in mein Büro gehen? Da sind wir ungestört.«
Ich warf einen Blick auf die Tür, die zur Intensivstation führte. Dahinter war meine Mutter, und ich stellte mir gerade vor, wie man ihr den Magen auspumpte und sie einer Dialyse unterzog, während sie hilflos und schwach und zerbrechlich in einem Limbus schwebte.
»Möchten Sie zu ihr?«, fragte Frau Neuburg, die die Kunst des Gedankenlesens in all ihren Berufsjahren optimiert haben musste.
Ich dachte lange nach. Natürlich wollte ich sie sehen. Sie war meine Mutter. Andererseits: Sie war in der Obhut von Menschen, die vermutlich ihren Job beherrschten. Und diese Erkenntnis, dass ich mich ausnahmsweise nicht um sie kümmern musste, war eine große Erleichterung.
»Es ist gut«, sagte ich.
»Kommen Sie dann bitte mit?«
Ich nahm frisch gemähtes Gras und Frühlingsluft an diesem Ort wahr, der eigentlich nach Desinfektionsmittel riechen sollte. Etwas brach in mir auf, und ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich ein Gespräch mit einer Psychologin ertragen konnte.
Frau Neuburgs Büro war klein und unspektakulär eingerichtet. Einige Bücherregale mit der unvermeidlichen Fachliteratur standen hinter dem Schreibtisch. Darauf stand ein gerahmtes Foto von drei Mädchen. Und da war eine seltsame Flasche. Frau Neuburg bemerkte meinen Blick.
»Wissen Sie, was das ist?«
»Ein cartesischer Taucher«, antwortete ich.
Frau Neuburg sah mich überrascht an.
»Sie drücken oben auf den Gummiverschluss«, fuhr ich fort, »der erhöhte Wasserdruck presst die Luftblase in der nach unten offenen Glasfigur zusammen und sie sinkt auf den Flaschenboden. Verringern Sie den Druck, steigt sie wieder auf. Meine Grundschullehrerin hatte mal einen mit in die Klasse gebracht.«
Frau Neuburg runzelte die Stirn, als könnte sie sich kein tiefenscharfes Bild von mir machen. Irgendwie schien sie im Geiste eine Checkliste durchzugehen. »Was ist geschehen?«, fragte sie schließlich.
»Das müssen Sie die Ärzte fragen«, antwortete ich. »Ich habe keine Ahnung.«
»Ich spreche nicht von Ihrer Mutter. Was ist mit Ihrer Familie geschehen?«
Ich wollte diese Frage nicht beantworten, also schwieg ich.
Frau Neuburg nahm sich die Patientenunterlagen und schaute auf den Aktendeckel. »Sie wohnen in der Elsterbergstraße in einem der drei Hochhäuser. Das sind zum Teil Wohnungen, die man vom Amt zugewiesen bekommt.«
»Ja. Und?«
»Keiner lebt dort freiwillig.«
Frau Neuburg wartete ab. Schließlich hörte ich mich sagen: »Mein Vater ist vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«
Der Geruch! Der Geruch, den sie an sich hatte! Sommer und Gras und Licht! Tauben, die huhuten. Propellerflugzeuge an einem blauen Himmel. Erdbeeren und Kirschen und Milchreis. Eine ganze Kaskade vergessener Erinnerungen stieg in mir auf, und das war so schmerzhaft, dass ich nicht anders konnte: Es kitzelte in meinem Hals, und der Teil von mir, der mich die ganze Zeit von außen betrachtete, stellte mit Erstaunen fest, dass ich zu weinen begann. Kein haltloses Schluchzen, wie es vielleicht angebracht war. Eher wie ein Heraussickern ungesunder Gefühle aus einer schlecht verheilten Wunde. Das Ganze hatte nichts Reinigendes, nichts Erleichterndes. Es war einfach nur der Schmerz, der endlich einen Weg gefunden hatte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich mochte ihn nicht. Er war mir fremd. Irgendwie waren es nicht meine Gefühle, die mir da auf die Füße traten.
»Das tut mir leid«, sagte Frau Neuburg leise.
»Ja«, sagte ich nur.
»Was war Ihr Vater von Beruf?«
Ich fragte mich, warum sie das wissen wollte, antwortete aber dennoch. »Er arbeitete als Musikredakteur. Für verschiedene Zeitungen. Und fürs Radio.«
»Ich stelle mir vor, dass es schwierig ist, davon zu leben«, sagte Frau Neuburg.
Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ja, vielleicht.« Mir war nie in den Sinn gekommen, dass mein Vater nicht genug Geld mit seiner Arbeit verdient haben könnte.
»Und Ihre Mutter?«
»Arbeitete als Bilanzbuchhalterin bei der KPMG.«
»Sie war Wirtschaftsprüferin?«
Ich nickte. Wirtschaftsprüfung, und jetzt die Elsterbergstraße. Der Abgrund, der zwischen den beiden Welten lag, war verdammt tief. »Als mein Vater starb, brach sie zusammen«, fuhr ich fort.
»Wie äußerte sich das?«
»Sie wusch sich nicht mehr, sie redete nicht mehr. Sie hörte einfach auf zu leben. Alles ging den Bach runter.«
»Und Sie?«
Ich blickte auf. »Was soll mit mir sein? Ich habe getan, was getan werden musste.«
Frau Neuburg sah mich ernst an. »Was musste denn getan werden?«
»Jemand musste sich um die Beerdigung kümmern«, sagte ich.
»Gab es keine Angehörigen, die das übernehmen konnten?«
»Nein.«
»Leben Ihre Großeltern noch?«
»Tot. Beide. Schon lange.«
»Sie mussten aus dem Haus raus.«
»Wir hatten eine Zwangsräumung am Hals.«
»Hat sich Ihre Mutter um eine neue Wohnung gekümmert? Oder waren Sie das?«
»Ich habe sie zum Amt begleitet, die Papiere musste sie unterschreiben.«
»All die Anträge, die Korrespondenz mit den Banken. Den Anwälten. Finanzamt. Einwohnermeldeamt. Arbeitsamt. Strom und Gas. War sie dazu überhaupt in der Lage?«
»Nein, war sie nicht«, antwortete ich leise.
»Sie haben das übernommen.«
Ich nickte erneut, sagte dazu aber nichts.
»Haben Sie schon einmal überlegt, sich Hilfe zu suchen?«
»Ich brauche keine Hilfe«, antwortete ich, vielleicht eine Spur zu schnell. »Das Amt zahlt die Miete, die Krankenversicherung, den Strom und den Lebensunterhalt. Wir kommen zurecht.«
Frau Neuburg schob den Block und den Stift, der vor ihr lag, beiseite. »Wie alt sind Sie? Sechzehn?«
»Ja.«
»Sie sollten nicht die Verantwortung für Ihre Mutter übernehmen«, sagte sie nachdrücklich.
Ich schaute sie nur stumm an. Der Geruch, der mich so für sie eingenommen hatte, war auf einmal verschwunden. »Das tue ich nicht«, sagte ich und versuchte dabei, so entspannt wie möglich zu klingen. Aber mir war klar, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihr zu reden. Ich konnte sagen, was ich wollte, sie würde die Lüge darin früher erkennen als ich. Also machte ich dicht.
Und Frau Neuburg spürte das.
Klar spürte sie das. Es war ihr Beruf, derlei zu erkennen und damit umzugehen. Jetzt nahm sie doch den Block und schrieb etwas darauf. »Hier sind einige Nummern, die Sie anrufen können, wenn Sie Hilfe brauchen. Ich kann Ihnen nur empfehlen, diese Hilfen auch anzunehmen. Sie sind in einer Situation, die selbst für manche Erwachsene eine Belastung ist und unter der Sie zerbrechen können.« Sie fügte noch eine weitere Telefonnummer hinzu. »Unter dieser Durchwahl können Sie mich erreichen. Wundern Sie sich nicht, wenn die meiste Zeit der Anrufbeantworter drangeht. Ich bin selten in meinem Büro. Aber ich höre ihn regelmäßig ab. Gibt es eine Nummer, unter der ich Sie erreichen kann?«
Ich schrieb sie auf einen Zettel, den sie in die Krankenakte meiner Mutter legte.
»Was ist mit dem Jugendamt?«, fragte ich.
»Das hat mit dem hier nichts zu tun. Ich arbeite für den Sozialdienst des Krankenhauses. Der kümmert sich um Fälle wie Ihren.«
»Okay«, sagte ich.
»Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie mir Bescheid. Und ich halte Sie auf dem Laufenden bezüglich Ihrer Mutter, okay?«
Frau Neuburg stand auf. Das Gespräch war beendet. Sie verabschiedete sich, und ich ging nach Hause.
Es wurde bereits dunkel, als ich die Tür zu meinem Zweizimmerasyl aufschloss. Ich stand im Rahmen der Wohnungstür und sah im Dämmerlicht das aufgeklappte Bettsofa, die schmutzigen Klamotten, die geöffneten und halbausgeräumten Kartons.
»Alles gut?«, fragte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah unsere runde türkische Nachbarin mit ihrem Kopftuch. Sie trug rosa Frotteehausschuhe, die mindestens zwei Nummern zu klein waren.
»Nein«, gab ich leise zu.
»Mutter nicht gesund?«
Ich schüttelte den Kopf, und sie schnalzte mit der Zunge, teils missbilligend, teils mitfühlend. So als wollte sie sagen: Wenn es dicke kommt, dann so richtig.
»Schon gegessen?«, fragte sie.