Tobias Elsäßer
Eden Park – Das schwarze Loch
FISCHER E-Books

Tobias Elsäßer, geboren 1973, arbeitet als freier Journalist, Autor und Musiker. Darüber hinaus leitet er Schreibwerkstätten und Songwriter-Workshops und schreibt Drehbücher. Für seine Kinder- und Jugendromane hat er bereits zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, u.a. das Kranichsteiner Literaturstipendium vom Deutschen Literaturfonds und dem Arbeitskreis für Jugendliteratur und das Bayern-2-Favoriten-Gütesiegel. Er war nominiert für den Jugendliteraturpreis »Goldene Leslie«; außerdem sind seine Romane regelmäßig unter den »Besten 7 Büchern des Monats«.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
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ISBN 978-3-7336-4962-3
Die Navigatoren durchforsten sämtliche Universen (einige Erdenbürger zweifeln noch, aber es gibt verdammt viele) nach geeigneten Planeten. Wenn man, wie das hier beschriebene Volk, nur Gast innerhalb eines Planeten ist und nichts zu sagen hat, muss man damit rechnen, dass die Ureinwohner irgendwann alles kaputtmachen. Für den gar nicht so unwahrscheinlichen Fall braucht man dann einen neuen Wohnsitz, an den man sich im drag-and-drop-Verfahren flüchten kann.
Eine Klangtherapie hilft sogar gegen Erkältungen. Da genügen bereits zwei bis drei Töne, wohldosiert und von einer wilden Katze geschnurrt, um den Schnupfen oder den beginnenden Husten in die Schranken zu weisen. Nicht zu empfehlen sind müde Leguane. Selbst bei lächerlichen zwei Tönen, mit der Zunge erzeugt, kommt es häufiger zu Zungenknoten, und am Ende gibt es statt einem gleich zwei Patienten, die behandelt werden müssen.
Für einen Menschen (zum Beispiel ein Kind) mag das seltsam klingen, aber für einen Beobachter, der sich gerade eine Megaportion Anti-Soft-Nase-und-Mund-Eis reingezogen hat, ist es normal, dass selbst das leckerste Essen nach weniger als nichts riecht. Oder es riecht doppelt anders und weniger als lecker, was natürlich auch nicht angenehm ist.
In einem Oligaten-Badezimmer ist es deshalb so dunkel, weil Oligaten, egal ob sie groß, klein, dick oder dünn waren, nicht damit umgehen konnten, nackt zu sein. Sie waren davon überzeugt, dass Nacktheit sie der Würde ihrer eigenen Gattung beraubte.
Beim Tunneln, also beim Durchdringen fester Materie mit Hilfe des Quantentanzes, kann es passieren, dass sich die Beine verknoten, wenn man im falschen Moment eine Vollbremsung hinlegt. Die Folgen sind je nach Alter, Geschlecht und Spezies höchst unterschiedlich.
Superboten haben einen Stimmumfang von mehr als neunzehn Oktaven, um sich wirklich in jeder erdenklichen Tonart über ihren Beruf, die schlechte Bezahlung und die wenigen Urlaubstage aufzuregen. Deshalb sollte man sich dieses Räuspern deutlich länger (etwa achtmal so lang) als bei einem Durchschnittsmenschen vorstellen.
Eine Superposition ist leider nicht so super, wie es sich anhört. Sie lässt Boten wie Äsch manchmal an mehreren Orten zugleich auftauchen. Wenn er nicht genügend Kraft besitzt, dann kann er sich an keiner Position halten, sondern erscheint an den unwahrscheinlichsten Orten. Und selbst dort sieht er eher wie ein körperloser Geist aus und weniger wie ein übergewichtiger, Erdnussflips essender Bote, der sich gehenlässt.
Zu den eindeutig festgelegten Körperwesen, wie es in der Fachsprache der Superboten heißt, gehören zum Beispiel Menschen und die meisten Tiere. Schmetterlinge bilden eine Ausnahme, da sie sich im Laufe ihres Lebens verwandeln können. Superboten wiederum suchen sich mehrmals in ihrem Leben die Hülle aus, in der sie sich wohl fühlen. Deshalb sind ihnen Äußerlichkeiten auch nicht so wichtig. Schönheit finden sie in ihrer Sprache, dem Wissen oder den Talenten, die sie haben.
E=bmi–6000, wobei E für Energie steht und bmi für den bekannten, aber von Superboten verachteten Body Mass Index, der sie immer als zu dick einstuft. Minus 6000 (diese Zahl variiert je nach Laune des Wissenschaftlers, der die Formel bearbeitet) bedeutet, dass im Prinzip alle Atomkerne zusammenfallen und am Ende von jedem Wesen, das sich in so einen Zustand beamt, nur noch ein winziges Häufchen Energie übrig bleibt. Sorry, aber einfacher lässt sich diese Formel wirklich nicht erklären.
EdenCoins sind eine Währung, die an großen Computern durch lange, komplizierte Berechnungen wie aus dem Nichts mit wahnsinnig viel Energie erschaffen wird. Sie funktioniert nach demselben Prinzip wie die meisten Währungen der Welt. Irgendjemand legt einen Wert fest, und die anderen glauben daran – oder auch nicht. Im Gegensatz zu bedruckten Scheinen und Münzen hält man so einen EdenCoin aber nicht in der Hand, sondern speichert ihn als Datensatz auf dem Computer ab.
Verschränkungswahnsinn kann man sich am besten so vorstellen, als würde man plötzlich in der Gedankenwelt und dem Körper eines fremden Menschen feststecken und da nicht mehr rauskommen. Was dann zu tun ist, lernt man auf keiner irdischen Schule, sondern nur in der inneren Welt. Dort kommt es alle paar Jahre zu einem Phänomen, das man als Hirn-und-Körper-Karussell bezeichnet. Regel Nummer 1 lautet: abwarten und Tee trinken. Regel Nummer 2: nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Und Regel Nummer 3: nicht singen!
Bei einem Doppelspalt-Desaster, kurz DSDS, kommt es bei Superboten zu einem Zustand, der ihn alles mindestens doppelt sehen und spüren und riechen und denken lässt. Bei einem Menschen oder einem Tier jedoch werden je nach Charakter einige Eigenschaften verstärkt und auf den Zwilling übertragen, was sehr gefährlich werden kann.
Dieses seltsame Wort lässt sich am besten im Selbstversuch erklären: Stellt euch vor einen Spiegel und schaut euch selbst tief in die Augen. Richtig tief, so tief, dass ihr das Gefühl habt, ihr könntet durch die Pupillen mitten in den Kopf hineinsehen. Und jetzt stellt euch vor, dass euer Spiegelbild keine Lust mehr hat, von euch so dämlich angeglotzt zu werden, und wütend wird oder euch gegen das Schienbein tritt. Damit wäre alles erklärt. Oder nicht? Dann wendet euch bitte an Eltern, Verwandte, Bekannte oder Freunde, die können euch sicher weiterhelfen.
Die Ebene null kann man sich als Erdenkind oder auch Erdenerwachsener – als Vertreter der nicht ganz so intelligenten Spezies Mensch eben – wie das unterste Stockwerk eines Hauses vorstellen. Auf diesem Stockwerk schwirren unzählige Gedanken herum. Wenn diese Gedanken sich untereinander zu stark vermischen, fühlen sich die Leute total unwohl. Ihnen wird schlecht, und sie bekommen grässliche Kopfschmerzen.
Die Wut-Schwere, auch WS genannt, ist etwas, das jedes Wesen in sich trägt. Egal ob Tier oder Mensch. In normalem Maße oder Gewicht, um in der Wortwahl korrekt zu bleiben, ist sie ganz natürlich und dient vor allem dem Selbstschutz. Ist die Zahl (1–1000) jedoch zu hoch, so wird das Wesen unberechenbar in seinem Handeln und kann große Schäden bei sich und anderen anrichten.
Zeitkrümmer amüsieren sich vor allem dann, wenn ein Antragsteller (meist ein Superbote) einen endgültigen Wohnort festlegen möchte und die Formulare 1–720 nicht ordnungsgemäß ausgefüllt hat, sondern glaubt, er könnte die Sache mit einem halben Kilo Big-Crunch-Chips beschleunigen.
Die intergalaktische Wanderratte gehört zur Spezies der Massetäuscher. Durch einen Trick gelingt es ihr, den Körperumfang um den Faktor 8 zu verringern und damit deutlich leichter zu erscheinen, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Bis heute streiten sich die Fachleute darüber, was sich die Natur dabei gedacht hat. Denn bei der Partnerwahl fällt weder die Masse noch der Umfang der Wanderratte ins Gewicht.
Das sogenannte Respekt-Bellen ist Teil einer sehr komplizierten Sprache, die nur noch in der hintersten Galaxie, und dort auf einem Planeten mit dem unaussprechlichen Namen Geuze-Meuze-Beta-Phra, gesprochen wird. Es lohnt sich also nicht, näher auf diesen vom Bellonischen abgeleiteten Dialekt einzugehen.
Arbeitsunfälle der Klasse F sind eigentlich vermeidbar, was auch Superboten wissen. Manchmal kann man sie rückgängig machen, wenn man die Zeit faltet, was bedeutet, dass man einen entsprechenden Gehaltsabzug bekommt und die Pensionsansprüche sinken, weshalb Boten meist irgendeine unwahrscheinliche Ausrede benutzen, um sich diese Tortur zu ersparen.
Eintrittstüren sind aus einem speziellen Material, das auf den Hacke-Spitze-Eintrittstanz reagiert und dann durchlässig wird. Aber nur für ein paar Sekunden. Und wer mit dem Kopf zuerst durchgeht, bleibt stecken und muss herausgeschnitten werden. Also Vorsicht!
Omni-Trans-Gewächse können sogar die Sprache der meisten Tiere übersetzen. Nur bei der gemeinen Spottdrossel ist es kompliziert, das Gesagte in irgendeine andere Sprache als die der Vögel zu übertragen, weshalb die Wissenschaftler der inneren Welt sie zum Überbringen geheimer Botschaften oder besonders schlechter Witze benutzen. Damit der Empfänger die Nachricht entschlüsseln kann, braucht er zusätzlich zum Omni-Trans-Schilf auch noch eine freundliche Dechiffrier-Kakerlake. Und von denen gibt es nur wenige.
Die Größe dieser Galaxie entspricht nach menschlichen Maßstäben dem Umfang einer durchschnittlichen kernlosen Wassermelone. Was, wie ihr zugeben müsst, nicht besonders viel ist.
Der Unglaublichkeitsantrieb, mit dem sich die Ellipse fortbewegt, wurde nach dem Entdecker des Unglaublichkeitsantriebs, Harry Unglaublich benannt. Der gute alte Harry wollte sich nach Feierabend eigentlich nur ein Glas Sternenbrause am nächsten Kiosk besorgen. Dabei hat er den falschen Knopf seiner Rückwärts-Waschmaschine erwischt. Es kam zum Kurzschluss, und das Ding sauste mit ihm einmal nach Betwedew und wieder zurück. Damit war der Antrieb erfunden. Das behaupten zumindest die Gelehrten von Betwedew. Aber denen kann man nicht unbedingt trauen.
In etwa dreihundert Jahren werden auch Menschen durch schwarze Löcher in fremde Galaxien reisen können. Deshalb ist es völlig unnötig, an Raketen und Raumschiffen zu arbeiten. Durch das drag-and-drop-Verfahren werden ganze Städte innerhalb von Tagen auf neue Planeten umziehen können. Wie das genau funktioniert, muss leider geheim bleiben.
Das sogenannte Abstimmungssummen erzeugt bei sensiblen Menschen ein leichtes Piepsen im Ohr. Deshalb sollte man beim kleinsten Anzeichen den Mund so weit öffnen, als würde man gähnen. Das verhindert das Einnisten eines intergalaktischen Ohrwurms, den man nur mit Schlagermusik in Dauerschleife wieder loswird.
Solche Sprünge, auch Mammutsprünge genannt, dürfen Boten eigentlich nur in ihrer Welt machen. Aber auch ein Superbote sehnt sich in seinem tiefsten Innern manchmal nach Aufmerksamkeit und Beachtung. Und auf Menschen hat so ein Sprung eine große Wirkung, obwohl verhältnismäßig Bettflöhe dieselbe Leistung vollbringen. Aber das sieht eben keiner, weil sie zu klein sind.
Was nicht der Wahrheit entsprach, denn die Idee stammte aus einem schlechten Fantasy-Roman, der sich sage und schreibe exakt fünfmal in allen Galaxien verkauft hatte. Den Autor hatte man später wegen Betrugs zu einem Jahr Schönschrift-auf-Papier verdonnert (die Höchststrafe), weil er die Leser mit so einem Blödsinn unterhalten wollte.
Für alle Außerirdischen, die unsere Welt beobachten und sie nicht verstehen. (Das geht auch vielen Erdlingen so.)
Der Rat der inneren Welt hatte bis zum Morgengrauen getagt. Jetzt schritt Kashia, die Präsidentin, zum Rednerpult. Sie wusste, was ihre Entscheidung für die Bewohner bedeutete, aber nach allem, was passiert war, konnten sie nicht länger an diesem Ort im Kern dieses kriegerischen Planeten namens Erde bleiben. Sie mussten weiterziehen, nach einer neuen Heimat suchen, bevor die Wellenstürme noch schlimmer wurden und es kein Entkommen mehr gab.
Sie hatten gehofft, es wäre vermeidbar gewesen. Doch dieser Junge mit dem Namen Vincent war leider nicht stark genug gewesen, um die Verbindungen ihrer beiden Welten zu trennen, damit sie den Schutzmantel ein letztes Mal reparieren konnten. Der Superbote hatte sich getäuscht. Und dabei hatte sein letzter Bericht noch so hoffnungsvoll geklungen. Als könnte dieses besondere Kind tatsächlich ihre Rettung sein.
Kashia holte tief Luft. Nur noch wenige Tage, dann war das schwarze Loch nahe genug, um sie von hier aus in ein neues Universum zu transportieren, wo sie vorerst bleiben würden.
Fünf Tage. So lange mussten sie noch durchhalten und hoffen, dass der Schutzmantel, der ihre Welt umgab, hielt. Und in dem neuen Universum würde alles darauf ankommen, dass die Navigatoren[1] einen besseren Standort für sie finden konnten.
Im Saal war es still geworden. Kashia stieg auf das kleine Podest am vorderen Bühnenrand und blickte in die Gesichter der Anwesenden. Angst. Verzweiflung. Und in den hinteren Reihen Wut und vereinzelt sogar Hass, etwas, das es sehr selten in ihrer Welt gab. Hass auf die Fremden, die Erdenbürger. Der Anblick war kaum auszuhalten. Sie wollte gerade ihre Stimme erheben, als ihr der Saaldiener vom Bühnenrand aus Zeichen gab zu warten. Neben dem Diener erschien ein dürrer Mann in Anzug. Sein Gesicht war so blass, dass man den Eindruck hatte, es würde von innen heraus leuchten. Die kantigen Umrisse seines Kopfes umgab ein bläuliches Schimmern. An seiner linken Hand blitzte ein glänzender Ring auf. Ein Beobachter! Kashia lächelte kurz auf. Vielleicht hatte er etwas herausgefunden, was einen zweiten Versuch rechtfertigte, diesen Planeten etwas später, auf sanftere Weise zu verlassen. Ohne dass die Erde bleibende Schäden davontrug oder das Klima verändert wurde. Aber das würde schon fast an ein Wunder grenzen. Sie räusperte sich, dann erhob sie ihre Stimme und versuchte, in ihrer Ansprache möglichst viel Hoffnung mitschwingen zu lassen. »Beginnen möchte ich mit dem neuesten Bericht eines Beobachters, der soeben aus der oberen Welt eingetroffen ist.«
Der Mann trat hastig in das Licht der schwebenden Scheinwerfer. Kashia las aus seinen Bewegungen, dass es wohl leider doch keine guten Neuigkeiten waren, die er von seiner Reise mitbrachte.
»Also …«, begann der Mann, kaum dass der Saaldiener das Mikrophon (eine sendefähige Butterblume) am Revers seines Jacketts befestigt hatte. Seine kleinen Augen schimmerten grün in unterschiedlichen Schattierungen. Die Folge eines unvollständigen Quantensprungs. Eine seiner Pupillen war geweitet, die andere klein wie bei einem Stecknadelkopf. »Wir haben den Kontakt verloren. Sowohl zu dem Erdenjungen Vincent Parker als auch zu dem Superboten Äsch Flux Underwood. Die Wellenstürme zwischen unseren Welten sind so stark, dass wir keine aktuelle Aufenthaltswahrscheinlichkeit haben. Ihr Standort ist unbekannt. Momentan können wir nicht mal sagen, ob der Junge und der Bote überhaupt noch am Leben sind.«
Er machte eine Pause und räusperte sich. »Und selbst wenn dem so ist, glaube ich nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, die Kräfte des Kinds ein zweites Mal zu verstärken, um die Folgen des Ausstiegs für seine Welt und ihre Bewohner abzumildern. Die Vorbereitung würde zu lange dauern.« Er senkte den Blick. »Es wird hier und da Tote geben. In unserer Welt und bei den Erdlingen, wenn sie die Bohrungen nicht stoppen.«
Sofort meldeten sich aus den hinteren Reihen aufgebrachte Stimmen: »Wir wollen nicht wieder flüchten!«, »Auch wir haben ein Recht auf Heimat!«, »Nieder mit dem Rat! Nieder mit den Erdbewohnern«, »Wir werden nicht nachgeben. Dieser Planet ist auch unser Planet!«
Kashia breitete die Arme aus, bis die Zwischenrufe verstummt waren, dann nickte sie dem Beobachter zu. »Bitte fahren Sie fort.«
Der Saaldiener reichte dem Mann ein Glas Wasser, das er mit einem Schluck leerte. Ein Zischen war zu hören, kurz darauf stieg eine Dampfwolke über seinem Kopf auf. »Ich sehe keine andere Möglichkeit, als den Exit durchzuführen, bevor es in unserer inneren Welt und in der Zwischenwelt Betwedew zu weiteren Verschränkungen und Auslöschungen kommt. Unser Schutzschirm kann den negativen Wellen nicht mehr lange standhalten. Er ist zu dünn. Immer mehr Sektoren sind davon betroffen.«
Er tippte gegen das Glas seiner klobigen Armbanduhr. Ringsum im Saal gingen die Lichter aus. Über den Köpfen der Zuhörer erschienen aus der Vogelperspektive erstellte Aufnahmen zerstörter Landstriche, Wohnsiedlungen und Wälder, die nur noch durch ihre Umrisse zu erkennen waren: dünne, feingezackte Linien ohne Inhalt. Es sah aus, als hätte ein gigantischer Radiergummi über Häusern, Feldern, Wiesen und Hügeln gewütet. Doch ohne das Alarmsystem, das die tödlichen Wellen angekündigt hatte, hätte es deutlich mehr Opfer gegeben. So war es meist bei oberflächlichen Verletzungen geblieben, die man mit Klangtherapien[2] oder Partikel-Salben heilen konnte. Aber das Loch zwischen den beiden Welten durfte bis zum Ausstieg auf keinen Fall größer werden.
Das Auge der Kamera stürzte zurück zum Boden und jagte durch eine abgesperrte Straße. Im Vorbeiflug erkannte man die Silhouette eines Hundes, der gerade sein Bein an einem Baum hatte heben wollen, als ihn der unsichtbare Tod ereilt hatte und er ebenfalls zu einer Linie verblasst war.
»Die Vorbereitungen zum Verlassen dieses Planeten sind bereits angelaufen«, sagte Kashia und war nicht überrascht, als aus den hinteren Reihen lautstark ihre Absetzung gefordert wurde. »Wir haben nicht das Recht, diesen Planeten zu übernehmen«, sagte sie bestimmt. »Das können und dürfen wir nicht tun. Das steht so in unseren Gesetzen.«
»Aber sie werden ihren Planeten doch ohnehin zerstören«, rief eine faltige Frau mit knarzender Stimme. Ein Mikrophon, das aussah wie eine kleine Sonnenblume und von einem großen Vogel gehalten wurde, der wie ein Kolibri auf der Stelle schweben konnte, bewegte sich lautlos vor ihr in der Luft. Sie lächelte und sprach weiter. Ihre Stimme wurde laut in die Halle hinausgetragen. »Warum sollen wir Rücksicht nehmen? Warum können wir uns ihnen nicht zeigen? Vielleicht würde das ihr Verhalten ändern. Sie denken ja tatsächlich, dass sie fortschrittlich sind.«
Applaus brandete auf.
»Weil auch das so in unserer Verfassung steht«, entgegnete Kashia erschöpft. »Die Vorbereitungen laufen. Und ich bitte Sie, dem Notfallplan Folge zu leisten. In spätestens drei Tagen werden wir diesen Planeten verlassen.«
Das Knistern kam von allen Seiten. Ein Geräusch wie von unzähligen Chips-Tüten, in denen ein Heer aus spitzen Fingern vergeblich nach Krümelresten suchte. Nur der Geruch fehlte. Es roch nach nichts, nach gar nichts und noch weniger davon[3], und das machte Vincent traurig. Er wünschte sich, eine Spur von Erdnussflips aus der trockenen Luft herauszufiltern. Dann wäre Äsch, der Superbote aus der Zwischenwelt, noch in der Nähe. Aber Äsch war tot. Hatte sich selbst geopfert, um die Zerstörung von Eden Park zu verhindern und Menschenleben zu retten.
Vincent war ihm dankbar. Äsch, seinem Freund. Es war nicht fair, dass keiner je erfahren würde, dass Äsch ein echter Held war, der sein Leben für sie geopfert hatte. Ein Märtyrer oder wie das hieß. Man sollte ihm ein Denkmal bauen und auch gleich noch einen Feiertag nach ihm benennen. Das wäre das mindeste. Ohne ihn hätte es in Eden Park Verletzte, vielleicht sogar Tote gegeben. So war die Stadt von der drohenden Schwerelosigkeit, von Chaos und Zerstörung verschont geblieben.
Der neunte Würfel. Nur dank Äsch war es Vincent gelungen, ihn rechtzeitig in den Krater vor dem Haupteingang zu werfen und die Katastrophe abzuwenden. Der Krater, dachte Vincent verwirrt. Der Krater, in dem er sich seit der Explosion des Würfels und dem Sturz vom Hoverboard noch immer befinden musste. Sein Herz tat einen schweren Schlag, als wollte es ihn daran erinnern, dass er trotz der Bemühungen des Boten sehr wahrscheinlich selbst bald sterben würde, auch wenn sich das komischerweise gar nicht so anfühlte, so bedrohlich.
Konnte man wirklich so gelassen bleiben, wenn man gerade kilometerweit in die Tiefe stürzte und jederzeit an einer schroffen Felswand oder auf dem Boden zerschellen konnte? Sein Onkel hatte einmal von einem verschütteten Bergsteiger erzählt, der nur deshalb überlebte, weil er bis zum Eintreffen der Rettungskräfte mit aller Macht dafür gekämpft und sich von Käfern, Moos und Spinnen ernährt hatte. Vielleicht lag es an den Auslöschungen, vielleicht hatten sie sein Gehirn erreicht und dort den Ort zerstört, an dem die Angst zu Hause war und das, was sein Onkel Cornelius mit dem merkwürdigen Wort Selbsterhaltungstrieb beschrieben hatte.
Jedenfalls konnte Vincent weder Arme noch Beine bewegen, geschweige denn sie sehen. Und trotzdem sagte ihm seine innere Stimme, dass es keinen Grund gab, sich darüber mehr als nötig aufzuregen. Das war verrückt. Vincent hatte außerdem jegliches Zeitgefühl verloren. Vielleicht waren Stunden seit der Explosion vergangen, vielleicht auch nur Minuten. Er dachte sehnsüchtig daran, zu schlafen, und stellte sich sein kuschelig warmes Bett vor. Was war nur mit ihm los?
Er erinnerte sich daran, dass er gerade durch einen Krater stürzte, und hoffte, damit irgendeine normale Reaktion auszulösen. Fehlanzeige. Da war nur die Trauer um Äsch, die zu ihm vordrang und seine innere Stimme, die ihm zuflüsterte, dass er selbst sich in Sicherheit befand.
Vincent überlegte, was seit dem Sturz in den Krater passiert war. In den ersten Sekunden nach der Explosion des Würfels und dem Sturz vom Hoverboard hatte er geschrien. Aber dann war die Feuerhitze verschwunden, mit ihr das schreckliche Brennen in den Augen und irgendwann auch die Angst. Seit einiger Zeit war es dunkel. Dunkler noch als in der dunkelsten Ecke eines Oligaten-Badezimmers[4]. Vielleicht war er blind?! Blind, aber – zumindest im Augenblick noch – am Leben.
Lag es an der nachlassenden Erdanziehungskraft, dass sein Sturz nun schon so lange dauerte und es sich fast wie ein Schweben anfühlte? Nur ein kleiner Luftzug sagte ihm, dass sein Körper noch in Bewegung war. Das anfängliche Ziehen in der Magengegend war einem bohrenden Hungergefühl gewichen, als hätte er schon ewig nichts mehr gegessen. Wie lange dauerte so ein Fall zum Erdmittelpunkt? Mehr als sechstausend Kilometer durch einen riesigen Trichter? Wochen? Und wo genau würde er ankommen, sollte er auf dem Weg nicht verbrennen? Endete sein Sturz gar in einer anderen Dimension? Vielleicht in Äschs Heimat, der Zwischenwelt Bedwedew, wo auch immer die sich befand? Jedenfalls nicht in der inneren Welt, denn die existierte ja nun nicht mehr. Sie war fort.
In Vincents Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was sich im einen Augenblick logisch anhörte, klang im nächsten Moment wie aus einem verrückten Science-Fiction-Abenteuer. Wenigstens spürte er endlich einen Anflug von Bedauern, wenn er an sein Leben dachte und daran, dass es schon bald vorbei sein könnte. Ausgerechnet jetzt, wo er zum ersten Mal richtige Freunde gefunden hatte. Leonie und Yashi. Auch sie würde er nie wiedersehen. Seinen Onkel und seine Eltern. Sogar seine nervige Schwester Marlene würde er vermissen.
Plötzlich jedoch verschwand das Knistern. Es wurde still. Unangenehm still. Eine Stille, als würde dahinter eine böse Überraschung lauern. Vincent hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Im Gesicht spürte er einen kühlen, stärker werdenden Luftzug. Hieß das, dass sein fallender Körper beschleunigte? Vincent riss die Augen so weit auf, wie er konnte. Doch nicht einmal die Winzigkeit eines Lichtscheins ließ sich in der Dunkelheit erhaschen. Um ihn herum war nur rabenschwarze Nacht, die mit unsichtbarem Gewicht gegen seine Augäpfel drückte.
Vincent kam ein schrecklicher Gedanke. Was, wenn er sich aufgelöst hatte? Wenn er nur noch ein Geist war? Wenn Äsch sich getäuscht hatte und ihn die Strahlung in dem Krater gar nicht vor der Auflösung bewahrte, sondern das Gegenteil der Fall war?
Vincent spürte ein unangenehmes Gefühl im Bauch. Dann drückte etwas gegen seine Wirbelsäule. Gegen seine Arme. Gegen seine Beine. Gegen seinen Kopf. Licht! Grelles Licht, als hätte jemand einen Vorhang aufgerissen, gefolgt von einem kühlen Windhauch. Vincent blickte nun auf eine dunkel glänzende Fläche, in der langsam die Umrisse eines Gesichts zum Vorschein kamen. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass der blasse Junge, der ihn aus zu Schlitzen verengten Augen anstarrte, er selbst war. Sein Spiegelbild. Zurückgeworfen vom abgeschalteten Monitor, der neben seinem Bett in die Wand eingelassen war. Kurz war er erleichtert. Er lag also in seinem Bett. Zu Hause. In Sicherheit. Am Leben.
Nur die Augen, seine Augen, sahen irgendwie verändert aus. Fremd. Einschüchternd. Erfüllt von einem feindseligen Funkeln. Vincent spürte, wie sich der eisige Blick in seinen Kopf bohrte. Etwas berührte ihn an der Schulter. Eine Hand?
»Guten Morgen«, sagte eine Stimme. Es dauerte einige Sekunden, bis Vincent sie erkannte. Sie gehörte zu seinem Vater. »Mach die Augen auf, mein Junge. Der Sturm ist vorbei. Draußen erwartet dich ein herrlicher Sonnentag und das leckerste ungesunde Frühstück der Welt.«
Vincent und Leonie saßen an einem der Betontische neben dem Basketballfeld und schauten den Reinigungsrobotern dabei zu, wie sie die Überreste abgestürzter Drohnen, verbeulte Pakete, aufgerissene Medikamentenpackungen und allerhand anderen Müll davonkarrten. Man hatte die Mittagspause auf eine Stunde verlängert. Die Roboter wurden vom Sicherheitspersonal gesteuert und liefen trotzdem immer wieder in die falsche Richtung, als hätten sie über Nacht einen eigenen Willen entwickelt. Der kleine Springbrunnen vor der Mensa schäumte rosa. Dem Geruch nach zu urteilen, war Waschmittel mit besonders kräftigem Kirschduft dafür die Ursache. Die Überwachungskameras hatten ihre Köpfe nach unten geneigt. Systemausfall. Ob wirklich alle Kameras von diesem Ausfall betroffen waren, konnte auch Leonie nicht sagen. Ihr Handy zeigte nur die beiden englischen Wörter an:
FATAL ERROR
Das Surren der Drohnen war ebenfalls verstummt und mit ihm die künstlichen Vogelgeräusche und die langweilige Kaufhausmusik.
»Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir es geschafft haben«, raunte Leonie Vincent zu. Sie zwirbelte an ihren Haarsträhnen und grinste breit. Dann blickte sie sich verstohlen um, als würde sie jemand vom Sicherheitspersonal beobachten.
»Das war ich nicht, Leonie«, entgegnete Vincent. »Wie oft soll ich das noch sagen? Das war Äsch. Er hat uns gerettet. Er hat mir geholfen, den neunten Würfel abzuwerfen.«
Leonie schüttelte den Kopf. »Dein Freund in allen Ehren, aber ohne dich läge hier kein Stein mehr auf dem anderen. Du musst nicht so bescheiden tun. Freu dich doch, dass du etwas Besonderes bist.« Sie knuffte ihn kumpelhaft in die Seite. »Und aufgelöst hast du dich auch nicht. Das hat wirklich krass ausgesehen gestern.«
»Ja, ja.«
Wie durch ein Wunder war in der vergangenen Nacht kein Bewohner von Eden Park ernsthaft zu Schaden gekommen. Weder durch das Erdbeben noch durch den heftigen Sturm. So stand es zumindest in der offiziellen Mitteilung, die überall auf den riesigen Displays im Wechsel mit Rabattangeboten aufleuchtete.
Niemand, außer Äsch. Äsch, für den sich niemand interessierte, weil er aus einer anderen Welt kam. Hatte sein Freund eigentlich eine Familie? Gab es so etwas überhaupt dort, wo er zu Hause war? Warteten seine Angehörigen und Freunde vergeblich auf seine Rückkehr? Vincent wusste so wenig über den Superboten. Er hätte ihm mehr Fragen stellen sollen. Aber jetzt war es zu spät. Jetzt würde er ihn nie wiedersehen.
Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, die Luft war ungewöhnlich klar. In wenigen Stunden würde hier alles wieder aussehen wie vorher. Nur die Risse in den Straßen und Verbindungsröhren und der mächtige Krater vor dem Haupteingang, in den er vor wenigen Stunden gestürzt war, würden nicht so schnell verschwinden. Vincent war gespannt, wie die Alpha-Gruppe das den Bewohnern erklären würde.
Den Vormittagsunterricht hatte man in die Aula verlegt und den Schülern aller Klassen Filme und Schaubilder über den weltweiten Klimawandel gezeigt. Am Ende wurde ein prominenter Wissenschaftler zugeschaltet, der Fragen zu Naturkatastrophen beantwortete, bevor er jedem von ihnen ein handsigniertes E-Book schenkte und von der Zukunft der Wetterbeeinflussung schwärmte. »Städte wie Eden Park, die es sich leisten können, werden mit dieser Technologie vor schlimmen Unwettern verschont bleiben und sich dadurch von der Willkür der Natur abkoppeln.«
Viel mehr hatte Vincent von dem Vortrag nicht behalten. Alle paar Minuten waren neue Bilder von der vergangenen Nacht vor seinem inneren Auge aufgetaucht. Szenen wie aus irgendeinem Film und nicht aus seinem eigenen Leben. Als hätte er das alles nur geträumt. Warum hatte sein Onkel den Boten so angeschnauzt? Hätte er auf Cornelius gehört, wäre er wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben oder weit fort in einer anderen Welt, wo er nicht sein wollte. Das alles würde er seinem Onkel vorhalten, wenn er sich wieder bei ihm meldete. Aber wahrscheinlich war Cornelius eingeschnappt, dass er bei dem Streit im Labor nicht auf ihn, sondern auf den Boten gehört hatte, und ging deshalb nicht an sein Handy. Das würde ihm ähnlich sehen. Mittlerweile war sich Vincent nicht mal mehr sicher, ob gestern Nacht tatsächlich sein Leben auf dem Spiel gestanden hatte. Jetzt, Stunden später, fühlte sich alles wie ein Traum an, ein Abenteuer, das er dank Äsch und seiner Freunde unbeschadet, nein vielleicht sogar geheilt, überstanden hatte. Komisch war es trotzdem, dass sich sein Onkel nicht bei ihm meldete, nach allem, was passiert war. Wollte er denn gar nicht wissen, wie es ihm ging?