
Kurzbeschreibung:
Margareth Harper will nach dem Tod ihrer Mutter deren Heimat Deutschland kennenlernen, auch weil der Prinzgemahl von Queen Victoria dort herkommt. Also reist sie mit ihrem kranken Vater nach Freiburg im Schwarzwald, um ihre einzige Tante dort zu besuchen. Der Vater stirbt nach einiger Zeit dort. Sie lernt kurz darauf Robert Penderroy kennen, einen jungen Adligen aus England. Aber auch ihr Cousin Friedrich weckt in ihr nicht gekannte Gefühle. Sie nimmt jedoch nach einigem Zögern Roberts Heiratsantrag an und geht mit ihm zurück nach England in das alte Schloss der Familie. Dort ist sie nicht willkommen. Es geschehen seltsame Dinge. Die weiße Frau geht um und erscheint ihr kurz vor der Geburt ihres Kindes. Bald wird ihr klar, daß man ihr im Schloß nach dem Leben trachtet. Welche Rolle spielt ihr Ehemann und kann sie Friedrich vergessen?
Das Schloss am Moor
Roman
Edel Elements
Niemals würde ich vergessen, welche Freude es mir als Kind bereitet hat, wenn meine Mutter mir Märchen aus ihrer deutschen Heimat erzählte. Davon konnte ich nie genug bekommen, und oft bettelte ich darum, dass sie mir ein neues erzählte oder aber mir eins der Märchen noch einmal vorlas, welches ich schon in- und auswendig kannte.
Mutter besaß das seltene Talent, ihre Zuhörer in eine Welt voller Magie und Zauberei zu entführen. Alle Kinder aus der Nachbarschaft hingen an ihren Lippen, wenn sie zuhören durften und Mutter von Schneewittchen und den sieben Zwergen, Hans im Glück oder der Prinzessin auf der Erbse erzählte.
Die meisten Kinder mochten das Märchen von Hänsel und Gretel. Meine Mutter konnte die böse Hexe so gut nachmachen, dass wir dabei alle Angst bekamen. Mir jedoch gefielen die Geschichten, in denen der starke Prinz die schöne Prinzessin aus ihren Schwierigkeiten erlöste und sie für immer glücklich und zufrieden lebten.
Ich war allerdings am liebsten alleine mit meiner Mutter. Meist saß sie dann in ihrem alten Ohrensessel, im Kamin flackerte ein behagliches Feuer, und ich hockte auf ihrem Schoß oder spielte auf dem Boden, wo mir keins von ihren Worten entgehen konnte. Und in diesen Momenten holte sie oft aus ihrer alten Ebenholztruhe ein schon ganz zerfleddertes Märchenbuch hervor und las mir die Geschichten der Gebrüder Grimm auf Deutsch vor.
Wenn wir alleine waren, sprach sie immer in ihrer Muttersprache mit mir. Es war ganz selbstverständlich für mich, ich kannte es nicht anders. Mein Vater war davon zwar nicht begeistert, konnte und wollte es aber auch nicht verhindern. Mit ihm und vor allen anderen Personen in meiner Umgebung sprachen wir natürlich nur englisch. Vater beherrschte Mutters Sprache nicht sehr gut, aber er liebte ihre Heimat ebenso wie sie. Schließlich gab es ein starkes Band zwischen den beiden Ländern.
Unsere junge Königin Victoria entstammte dem Herrscherhaus Hannover, das seit 1714 die englischen Könige stellte, und ihr Prinzgemahl Albert, den sie so abgöttisch zu lieben schien, dem deutschen Adelshaus Sachsen-Coburg und Gotha. Es hieß, sie sprachen deutsch miteinander, wenn sie allein waren. So fühlte ich mich wie viele Engländer mit den Deutschen freundschaftlich verbunden, und wie jedes andere Mädchen in England sehnte ich mich nach einer so glücklichen Ehe mit so vielen Kindern, wie die beiden es Tag für Tag vorführten.
Natürlich wusste auch jeder in England inzwischen, dass unser junges Königspaar das Weihnachtsfest nach deutschem Ritual feierte. Seit ich denken konnte, hatte meine Mutter auch darauf bestanden, das Weihnachtsfest nach dem Brauch ihrer Heimat zu begehen. Dazu gehörte ein Tannenbaum, den sie organisierte und dann liebevoll schmückte. Dabei erzählte sie mir Geschichten von den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit in Freiburg im Breisgau, wovon ich ebenso fasziniert war wie von den Märchen.
An Heiligabend gab es Geschenke, und wir sangen deutsche Weihnachtslieder. Mein Vater konnte nur mitsummen, aber das war in Ordnung so und tat der Stimmung keinen Abbruch.
Großen Wert legte meine Mutter jedoch darauf, meinen Vater nicht zu vernachlässigen. Deshalb hing am ersten Feiertag immer ein Strumpf für jeden am Kamin, in dem noch einmal kleine Geschenke steckten. Über den Türen hatte sie Mistelzweige angebracht, aber natürlich gab es zum Essen Gänsebraten wie in Deutschland. Der Nachtisch allerdings musste Plumpudding sein, mit dem sie sich immer große Mühe gab. So konnte mein Vater Weihnachten auch sehr britisch genießen.
Ich glaube, in diesen Momenten der Magie, wenn Mutter von den sieben Zwergen, die in ihrem Wald für Schneewittchen sorgten, erzählte, fühlte sie sich wieder wie zu Hause.
Sie und Vater hatten sich in Mutters Heimatstadt Freiburg kennengelernt, einer kleinen, mittelalterlichen Stadt am Rande des Schwarzwaldes, als Vater eine Bildungsreise durch Deutschland unternommen hatte. Mutter lebte damals zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester auf einem kleinen Bauernhof, der vor den Toren von Freiburg lag. Am Markttag musste sie immer Eier, Butter und Käse auf den Markt vor dem Münster bringen, um es dort zu verkaufen. Einen Sommer lang blieb er, um ihr dann einen Heiratsantrag zu machen. Im Herbst musste er jedoch zurück nach England, um dort eine Stellung anzutreten. Schweren Herzens war sie ihm nach England gefolgt. Aber da sie ihn so sehr liebte, nahm sie dieses Schicksal auf sich. Nie mehr in ihrem Leben konnte sie nach Deutschland zurückkehren, um ihre Verwandten zu besuchen und heimische Luft zu schnuppern. Ich weiß, dass sie sich sehr nach den Wäldern ihrer Heimat gesehnt hatte.
Schon damals hatte ich mir fest vorgenommen, irgendwann einmal in meinem Leben dorthin zu fahren, um die Stadt zu sehen, in der meine Mutter aufgewachsen war. Sie hatte mir so viel erzählt: von dem berühmten Freiburger Münster und den kleinen Bächen, die durch die mittelalterliche Stadt flossen, den wunderschönen alten Stadttoren und von der verfallenen Burg etwas außerhalb. Zudem musste ja auch immer noch ihre Schwester dort leben.
Mein Vater war es, der mich sehr schonend darauf vorbereitete, dass meine Mutter uns bald verlassen würde. Ich verstand zuerst nicht, was er damit meinte, mit dem Tod hatte ich bisher nicht viel zu tun gehabt. Natürlich hörte man von Todesfällen in der Umgebung oder auch in Vaters Verwandtschaft, aber jetzt war ich zum ersten Mal direkt damit konfrontiert.
Man sagte, es sei die Schwindsucht gewesen. Ich konnte es zunächst gar nicht richtig begreifen, weil sie Zeit ihres Lebens immer gesund und vital gewesen war, doch jetzt verfiel ihr Körper relativ schnell.
Mein Vater und ich waren uns in dieser Zeit eine große Stütze, auch bei der Pflege meiner Mutter. Sie hustete fast ununterbrochen, und immer war ihr Taschentuch voller Blut. Ich sagte ihr ständig, wie sehr ich sie liebte, und sie sagte mir ein ums andere Mal genau dasselbe.
Sie starb, als ich vierzehn Jahre alt war.
Auf ihrem Totenbett musste ich ihr versprechen, ihrer Schwester in Freiburg letzte Grüße von ihr zu überbringen und wie schade sie es gefunden habe, nie nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Tränenreich gab ich ihr mein Versprechen.
Tagelang wusste ich nicht, wie ich weiterleben sollte, so sehr traf mich ihr Tod. Lange bewegte ich mich nur noch wie in Trance durchs Leben. Ich aß und ich schlief, an mehr erinnere ich mich nicht mehr, bis die Zeit dann auch an mir ihre heilsame Linderung vollbrachte und ich langsam wieder unter die Lebenden zurückkehrte.
Mein Vater jedoch brach unter dem Tod seiner Frau wirklich zusammen. Monatelang war er nicht ansprechbar. Abwechselnd kamen seine Verwandten ins Haus, um unseren Alltag aufrechtzuerhalten. Ich war damals selber zu verletzt und auch noch viel zu jung, um alles zu regeln. Immer wieder ertappte ich meinen Vater dabei, wie er mit meiner Mutter sprach, als sei sie noch an seiner Seite. Es war wohl seine Art, Abschied von ihr zu nehmen.
Aber auch dieser Kummer legte sich irgendwann wieder. Vater konnte wieder in seine Kanzlei gehen und schien sich langsam von dem schweren Verlust zu erholen. So wie früher wurde er aber nie wieder. Er hatte meine Mutter vergöttert.
Und auch ich kam schließlich in ein Alter, in dem andere Sachen viel viel wichtiger wurden.
Umso überraschter war ich, als mein Vater mir eines Tages mitteilte, er wolle mit mir nach Deutschland reisen. Entgeistert sah ich ihn an.
Da mein Vater vom Scheitel bis zur Sohle Engländer war, hatte ich nie damit gerechnet, dass er das einmal tun würde. Schließlich war es eine beschwerliche Reise, und nichts war ihm heiliger als sein Komfort.
Ich dachte also immer, ich müsste warten, bis ich selbst verheiratet sein würde und mit meinem Ehemann dorthin fahren könnte.
„Wie meinst du das?“
Seelenruhig sagte er über seine Teetasse hinweg: „Ich will mit dir nach Freiburg fahren, damit du die Heimat und auch die Verwandten deiner Mutter kennenlernst.“
Ich stellte meine Teetasse so heftig ab, dass sie fast zerbrochen wäre. „Ist das dein Ernst?“, brachte ich nur heraus.
„Mein vollster Ernst. Du sollst die Heimat deiner Mutter kennenlernen, ehe du heiratest.“
Ich sah ihn noch einen weiteren Moment lang überrascht an und stieß dann einen lauten Schrei aus, sprang auf, lief um den Tisch herum und drückte ihn ganz fest an mich. „Womit habe ich das denn nur verdient? Niemals hätte ich gedacht, dass du so etwas machen würdest!“
Dabei sah ich ganz genau, dass ihm eine Träne aus dem Auge kullerte.
Er tat es auch für sich. Erst später sollte ich das erkennen.
In der Nacht konnte ich nicht schlafen vor Aufregung. Und erst da fiel mir der Nebensatz meines Vaters auf: ehe du heiratest.
Was hatte er damit gemeint? Wie konnte ich denn in meinem Alter schon ans Heiraten denken? Das würde noch ein paar Jahre dauern, und schließlich gab es absolut niemanden in meiner Umgebung, der dafür infrage gekommen wäre.
Also tat ich es schließlich als nur dahingesagt ab und begann mir den Aufenthalt in Freiburg vorzustellen. Meine Mutter hatte mir so viel von der Stadt an dem Fluss Dreisam und ihrer Umgebung erzählt, dass ich glaubte, mich sofort dort heimisch fühlen zu können. Am meisten interessierte mich die uralte Burg der Zähringer. Irgendwann schlief ich dann schließlich ein und träumte davon, wie ich glücklich durch diese alte Stadt lief.
Natürlich würde ich auch endlich meine Tante und ihren Mann kennenlernen. Viele Verwandte gab es wohl nicht mehr, in den Briefen schrieb meine Tante immer wieder von Todesfällen. Meine Mutter und ihre Schwester hatten sich Zeit ihres Lebens sehr nahegestanden. Leider war das die letzten Jahre nur noch brieflich möglich gewesen, aber das hatte ihrer engen Bindung keinen Abbruch getan, und so wussten sie immer voneinander Bescheid.
Tante Sabinelotte schien es kaum erwarten zu können, das einzige Kind ihrer geliebten Schwester in die Arme zu schließen.
Mit den wenigen Verwandten meines Vaters konnte ich nie warm werden. Er selbst hielt sich auch von ihnen fern und besuchte sie nur, wenn es sein musste. Sie lebten in Wales, waren sehr nationalistisch und konnten meinem Vater nicht verzeihen, dass er eine Ausländerin und keine waschechte Waliserin geheiratet hatte. Und so kam es dann, dass sie von mir, der Tochter dieser Ausländerin, auch nichts wissen wollten. Meinen Vater hatte das anfangs sehr verletzt. Es gab lange Zeit keinen Kontakt zwischen ihnen, bis sie sich dann doch wieder bei ihm meldeten. Von da an besuchte er sie zwar ab und zu, aber ich blieb weiterhin außen vor. Ich hatte das lange nicht verstanden, irgendwann jedoch als gegeben akzeptiert.
Meine Mutter hatte das alles nicht berührt. Sie machte sich darüber keinerlei Gedanken. Es war ihr nicht wichtig gewesen, die Anerkennung der Familie meines Vaters zu bekommen. Im Ort hatte sie ein paar Freundschaften zu Frauen in ihrem Alter geknüpft, und in einem Nachbarort besuchte sie öfter eine Frau, die auch aus Deutschland kam. Mit ihr konnte sie in ihrer Muttersprache über die Ereignisse in Deutschland reden, und von diesen Besuchen kam sie immer bestens gelaunt zurück. Manchmal hatte sie mich mitgenommen. Ich mochte diese Frau auch sehr gerne, aber wenn sie sich dann über den deutschen Kaiser oder politische Vorkommnisse in Deutschland unterhielten, langweilte ich mich. Deshalb ging ich irgendwann nicht mehr mit. Ich glaube, meiner Mutter und ihrer Freundin war das auch recht so.
Auf der Beerdigung musste Tante Rose, wie ich sie nannte, so sehr weinen, dass sie gestützt werden musste. Ich habe sie nie wiedergesehen.
Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag sollte die Reise nach Deutschland losgehen. Es musste so viel geregelt und organisiert werden, dass ich schon gar nicht mehr an eine Abreise glaubte.
Meine wenigen Freundinnen, die mir noch aus der Schule geblieben waren, beneideten mich natürlich glühend. Immer wieder wollten sie alles über die Reise und Freiburg wissen. Ich glaube, sie wären am liebsten alle mitgekommen.
„Wir werden unser Leben lang nicht aus England herauskommen“, sagten sie immer wieder mit dem größten Bedauern.
„Du wirst bestimmt deinen zukünftigen Ehemann dort kennenlernen“, flüsterte Vicky, meine beste Freundin, mir immer wieder zu.
Ich lachte sie dafür allerdings nur aus. An Heirat und Ehe dachte ich damals ganz bestimmt nicht. Ich hatte nur die Reise im Kopf und das, was ich dort wohl erleben würde. Später erst habe ich ab und zu an Vickys Worte gedacht.
Für meinen Vater war die bevorstehende Reise eine willkommene Ablenkung von seinem Kummer. Ich glaube, er hoffte, sich Mutter an ihrem Heimatort wieder näher fühlen zu können, denn er konnte sie einfach nicht vergessen. Zudem hatte er sich in Freiburg sehr wohlgefühlt und auch Tante Sabinelotte in sein Herz geschlossen.
Heute kommt es mir seltsam vor. Meine Freundinnen hatten damals nur ein Thema: wen sie wohl heiraten würden, wie viele Kinder sie haben würden und wo sie leben wollten.
Mir war nichts fremder als das. Zwar hatte mir auch der eine oder andere Junge in unserer Schule gefallen, aber das waren flüchtige Gefühle, die keinerlei Spuren hinterlassen hatten.
Vicky und die anderen Mädchen waren da ganz anders. Jede von ihnen hatte genaue Vorstellungen, wen sie zu ehelichen gedachte, auch wenn der betreffende Junge davon noch gar nichts wusste. Ihr Weg lag klar und eindeutig vor ihnen.
Das war bei mir nicht der Fall. Ich dachte nur an die Reise und dass ich meine Tante endlich kennenlernen würde. Nie habe ich mir auch nur einen Gedanken darum gemacht, was sein würde, wenn wir von dieser Reise wieder zurückkehren würden. Vielleicht hätte ich das tun sollen, denn vielleicht hätte ich diese Reise dann gar nicht angetreten, sondern darauf gewartet, sie mit meinem zukünftigen Ehemann zusammen zu machen.
Später sollte ich ab und zu daran zurückdenken. Hätte es etwas geändert?
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An einem der nächsten Tage kam ich in das Haupthaus und hörte, wie meine Tante sich in der Küche mit Luise stritt.
„Das ist sehr ungezogen von dir, und ich werde es nicht dulden. Zur Strafe gehst du bis Sonntag zu Tante Anna. Und kein Widerspruch, junges Fräulein“, wies meine Tante ihre Tochter zurecht. Beide hatte ich so noch nie gesehen. Luise murmelte leise etwas vor sich hin und kam mit einem wütenden Gesicht aus der Küche geschossen. Sie sah mich mit einem vorwurfsvollen Blick an, rannte an mir vorbei und war verschwunden.
„Habe ich ihr etwas getan?“, fragte ich meine Tante.
Die fuchtelte mit den Armen, verdrehte die Augen und schnaubte.: „Ach was. Die ist nur wieder störrisch wie ein alter Esel. Na, das werde ich ihr schon noch austreiben.“
Damit klatschte sie einen Haufen Bohnen, die sie wohl vorher im Garten geerntet hatte, in ein Sieb, wies mit einem Blick auf den Stuhl am Tisch, und als ich mich gehorsam gesetzt hatte, stellte sie ihn mir auf den Schoß und sah mich bestimmend an. Ich hatte jetzt die Bohnenschoten zu pellen.
Ich lachte in mich rein und begann mit der Arbeit.
„Du bist wirklich ganz anders als Mutter“, entfuhr es mir, und ich bereute es im gleichen Moment. Aber ich hatte es immerhin liebevoll gesagt.
Meine Tante schob sich energisch die Ärmel ihrer Bluse hoch, weil sie abwaschen wollte. „Pah, das wollen wir ja hoffen. Deine Mutter war das liebenswerteste Mädchen, das ich je gekannt habe, aber lebenstauglich war sie nun nicht gerade. Alles musste man ihr beibringen, und manches ging ihr einfach nicht von der Hand. Wenn ich es nicht gemacht hätte, oh je, oh je.“
Ihr Blick glitt in die Vergangenheit.
Im Handumdrehen begann sie aus ihrer Kindheit zu erzählen und was sie mit meiner Mutter alles erlebt hatte. Vieles davon hatte ich gar nicht gewusst, und immer wieder hielt ich erstaunt mit dem Pellen der Bohnenschoten inne und sah sie einfach nur an. Langsam begann ich meine Mutter in einem etwas anderen Licht zu sehen. Aber dafür liebte ich sie nur noch mehr.
Ich weiß nicht, ob eine Mutter wie Tante Sabinelotte gut für mich gewesen wäre. Eine Kostprobe, wie sie wohl auch sein konnte, hatte ich ja gerade eben bekommen.
Als Tante Sabinelotte begann, das Geschirr abzutrocknen, sah sie kurz zu mir herüber. „So, Kind. Und jetzt erzählst du mir alles aus der letzten Zeit mit deiner Mutter. Ich weiß zwar nicht, ob ich es hören will, aber sie war meine Schwester, und ich habe sie sehr geliebt.“
Also begann nun ich zu erzählen, und schnell liefen mir die Tränen über die Wangen. Es tat immer noch weh, aber meine Tante schonte mich nicht. Bald begann auch sie zu weinen und musste sich immer wieder die Nase mit ihrem Taschentuch putzen. Dabei wippten ihre Locken.
Zum Schluss, als es nichts mehr zu erzählen gab, sanken wir uns weinend in die Arme und hielten uns fest. Wir hatten beide den liebsten Menschen verloren, und das schweißte uns zusammen.
Dann putzte sie sich noch einmal lautstark die Nase und setzte sich mir gegenüber auf die Küchenbank vor dem großen Tisch.
„So, Kind. Jetzt aber Schluss mit der Sentimentalität. Wir müssen uns um die Lebenden kümmern.“
Dabei sah sie mich an und prüfte wohl, ob sie mir zumuten konnte, was es zu sagen gab.
„Was meinst du?“, fragte ich sie.
Noch einmal sah sie mich an. Einen Moment lang zögerte sie, aber dann brach es doch aus ihr heraus. „Dein Vater, Kind. Er gefällt mir überhaupt nicht. Ich wollte schon den Arzt holen, aber er will das nicht. Dein Onkel Hans spricht noch mal mit ihm. Von dem lässt er sich mehr sagen als von mir. Irgendwie können die sich verständigen. Ist mir zwar ein Rätsel, wie, aber manchmal sehen die sich nur an und kapieren, worum es geht.“
Das holte mich schlagartig aus den Gedanken an meine Mutter zurück. „Ja, es geht ihm irgendwie nicht besser. Was können wir nur tun?“ Ich bekam Angst, und meine Tante bemerkte das wohl.
Sie streichelte mir über die Wange und sagte ganz sanft: „Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen. Ich glaube, dass er manchmal Schmerzen hat. Hast du das auch gemerkt?“
Entgeistert sah ich sie an. „Nein.“
„Mhm. Am besten, wir bringen ihn morgen mal zu Doktor Müller. Das ist unser Hausarzt. Der kennt uns alle, seit wir Kinder sind. Ist zwar schon ein bisschen tattrig, aber wenn einer herausfinden kann, was dein Vater hat, dann er. Ich glaube, der kann sogar ganz gut Englisch. Wenn mich nicht alles täuscht, hat der in England studiert. Warum bin ich eigentlich nicht schon früher darauf gekommen, ich dumme Kuh?“, sprach sie zu sich selber. „Vielleicht kann Hans sich ja am Nachmittag freimachen. Bestimmt geht dein Vater lieber mit ihm hin als mit mir.“
„Aber ich kann doch mitgehen“, erwiderte ich ängstlich.
„Kommt nicht infrage. Ärzte sind nichts für so ein junges Ding wie dich.“ Ihr Blick duldete keinerlei Widerspruch.
Als ich in die Einliegerwohnung zurückkam, lag mein Vater wieder einmal auf dem Bett. Er schlief, und ich bemerkte erst jetzt, wie sehr er abgenommen hatte. Warum war mir das denn nicht früher aufgefallen? Meine Freiburgbegeisterung hatte mir wohl den Blick getrübt.
Würde ich ihn jetzt auch verlieren? Dieser Gedanke jagte mir eine gewaltige Angst ein.
Ich setzte mich zu ihm ans Bett.
Vater wachte davon auf und sah mich liebevoll aus seinen gütigen Augen an. „Liebling, hattest du einen schönen Tag?“, fragte er mich müde.
Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ja, Vater, einen sehr schönen. Und du?“
„Ach, auch gut. Ich bin froh, dass wir hier sind. Deine Tante tut mir gut, und ich spüre eine Verbindung zu deiner Mutter. In manchem sind sie sich so ähnlich.“
Erstaunt sah ich ihn an, weil ich vorhin das Gegenteil gedacht hatte. Aber darüber wollte ich nicht mit ihm reden.
„Hast du Schmerzen?“, wollte ich von ihm wissen.
Zweifelnd sah er mich an. „Merkst du das?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Aber Tante Sabinelotte hat es gemerkt.“
Dazu sagte er nichts, sah aber aus wie jemand, den man bei einem Streich ertappt hat.
„Onkel Hans will morgen mit dir zu einem Arzt gehen, der die ganze Familie kennt.“
„So?“ Und dann schob er hinterher: „Na, vielleicht ist das eine ganz gute Idee. Wenn Hans dabei ist, gehe ich. Er ist wie ein Bruder für mich. Nur weiß er es nicht.“
Da musste ich dann doch lachen, weil ich an die Worte meiner Tante ein paar Minuten vorher dachte. „Vater, ich glaube, das empfindet er auch so. Manchmal ist das bei Menschen so. Das habe selbst ich schon kapiert. Vicky ist für mich auch wie eine Schwester, obwohl wir nicht verwandt sind.“ Und in Gedanken setzte ich hinzu: Und mit Luise, mit der ich verwandt bin, verbindet mich gar nichts. Das Leben ist schon komisch.
In den nächsten Tagen schien es Vater fast ein wenig besser zu gehen. Vielleicht war es ja doch nur die lange, anstrengende Reise gewesen. Dr. Müller wollte noch keine Diagnose stellen. Er zog einen befreundeten Arzt hinzu, und es standen noch einige Untersuchungen aus.
Vater saß wieder im Garten, aß mit Appetit, worüber Tante Sabinelotte mehr als glücklich war, und fing sogar an, ein paar Brocken Deutsch zu lernen. „Sonst kann ich euch ja gar nicht verstehen.“
Das beruhigte mich. Also konnte ich wieder an meine Wünsche denken. Nachdem ich die Stadt nun schon gut erkundet hatte, fiel mir ein, dass ich als Kind immer die alte Zeichnung der Burgruine von Zähringen fasziniert angeschaut hatte. Aus irgendeinem Grund hatte meine Mutter sie mitgebracht, interessierte sich aber nicht weiter dafür. Sie war mit ihrer Schwester einmal dort gewesen, hatte es aber als ziemlich langweilig erachtet und war deshalb niemals wieder hingegangen.
Als ich Tante Sabinelotte danach fragte, sah sie mich erstaunt an. „Die alte Burgruine? Was willst du denn da? Da ist doch kaum ein Stein auf dem anderen.“
„Ich habe schon als Kind davon geträumt. Mutter hatte diese alte Zeichnung, die sie mir schenkte und die ich immer wieder ansehen musste.“
„So? Verstehe ich nicht. Jedenfalls ist das zu weit. Zähringen ist ein Vorort, und von dort ist es ein Stück Wegs durch den Wald. Friedrich muss wieder zur Schule. Wer soll dich denn dahin begleiten?“ Sie sah mich an, als zweifle sie an meinem Verstand. Plötzlich musste sie lachen. „Na, da kommt doch mal wieder deine Mutter durch. Die hatte auch ständig so verrückte Ideen. Also, wenn Luise mitgeht, dann vielleicht. Aber versprochen ist es noch nicht!“
Mit nichts anderem hatte ich gerechnet, und da ich sie inzwischen schon ein wenig kannte, war ich fürs Erste ruhig. Aber auf jeden Fall würde ich Luise demnächst fragen, ob sie mich begleiten würde.
Da Friedrich nun wieder in die Schule musste, bekam ich die Erlaubnis, alleine in die Stadt zu gehen.
Das tat ich zunächst ein wenig zögerlich, aber als ich bemerkte, dass sich niemand groß an mir störte und auch andere junge Frauen allein unterwegs waren, entspannte ich mich. Ich ließ mich treiben, sah mir die Geschäfte an und verweilte immer wieder an einem der vielen Brunnen. Natürlich stöberte ich auch weiter alle Stände auf dem Markt durch.
In einem Antiquariat entdeckte ich ein altes Buch über das ausgestorbene Geschlecht der Zähringer. Ich begann interessiert darin zu blättern.
„Entschuldigung, Miss. Könnten Sie mir vielleicht helfen?“, sprach mich ein junger Mann von der Seite her an.
Erschrocken sah ich auf, weil ich sein Kommen nicht bemerkt hatte.
„Oh, sorry. Ich wollte Sie nicht erschrecken, verzeihen Sie mir. Ich dachte nur, vielleicht könnten Sie mir helfen. Ich bin Engländer, und mein Deutsch ist nicht so gut wie ich dachte.“
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Natürlich hatte ich schon ein paar junge Männer kennengelernt, wenn ich mit Friedrich durch die Stadt gegangen war. Irgendwo hatte ich das Gesicht des Mannes auch schon einmal gesehen, aber manchmal spielt uns da ja unser Gehirn einen Schabernack. Ich kam nicht darauf.
„Ja. Wobei kann ich helfen?“
Er lächelte erleichtert wie ein kleiner Junge und zeigte mir ein Buch, dessen Titel er nicht verstand. Ich versuchte, es ihm so gut ich konnte zu erklären und merkte dabei gar nicht, dass ich ins Englische verfiel.
Entzückt sah er auf. „Oh, Sie sprechen fließend englisch? Mit so einem Glück hätte ich ja nie gerechnet.“
Wir unterhielten uns weiter auf Englisch. Da wir beide eine tiefe Liebe zu Büchern teilten, gab es gleich viel zu erzählen.
„Ich werde dieses Buch kaufen. Haben Sie nicht Lust, noch einen Kaffee mit mir zu trinken, dort drüben in dem kleinen Café?“
Ich sah zum Schaufenster hinaus und erblickte ein kleines Caféhaus, das mir schon aufgefallen war und in das ich gerne einmal gegangen wäre. Aber Friedrich hatte nicht gewollt. „Ist doch nur was für alte Tanten“, hatte er gesagt, und allein hatte ich mich noch nicht getraut.
Mit einem Rest Zweifel sah ich ihn an. Aber dann überwog die Neugier auf das Café. „Warum nicht? Aber wenn die Dämmerung einsetzt, muss ich sofort zurück.“
Er lächelte beglückt.
Es war herrlich, in diesem Café zu sitzen und mit ihm zu reden.
Er war groß, hatte dunkle Haare und ebenmäßige Züge, obwohl man ihn wohl nicht als ausgesprochen attraktiven Mann bezeichnet hätte. Seine Stimme war sehr wohltuend, und ich fühlte mich von ihm in keiner Weise bedrängt. Er schien einfach nur froh zu sein, eine Landsmännin getroffen zu haben. Und um ehrlich zu sein, ich freute mich auch, wieder einmal mit einem Engländer zu reden.
Ein wenig schamhaft fragte er mich: „Vermissen Sie auch unseren Tee?“
Ich musste laut lachen. „Manchmal. Es gibt hier welchen. Aber die Deutschen trinken lieber Kaffee. Nur in Norddeutschland ist es fast ähnlich wie bei uns.“
Er lächelte. „Na ja, der Kaffee ist ja ausgezeichnet. Nicht wie unserer.“
Da mussten wir beide lachen, denn der englische Kaffee kann da wirklich nicht mithalten.
Plötzlich stutzte er. „Entschuldigung. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Robert Penderroy. Ich habe eine Bildungsreise durch Europa gemacht und komme aus Wien. Freiburg ist quasi eine Station auf meiner Rückreise.“
„Aus Wien?“, fragte ich sofort zurück. „Da muss ich auch unbedingt einmal hin.“
Aber sofort fiel mir meine gute Erziehung wieder ein.
„Oh, Verzeihung. Ich vergaß mich vorzustellen. Mein Name ist Margarethe Harper. Ich bin mit meinem Vater hier. Er hat übrigens denselben Vornamen wie Sie. Wir wohnen bei Verwandten, meine Mutter kam aus Freiburg.“
„Sie kam aus Freiburg?“
Ich wusste zuerst nicht, was er meinte. „Wie bitte?“
„Sie haben die Vergangenheitsform benutzt.“
„Oh.“ Jetzt verstand ich. „Sie ist gestorben. Eigentlich sind wir wegen ihr hierhergereist.“
Darüber kamen wir ins Gespräch über unsere Familien. Ich erfuhr, dass Roberts Vater ein Lord war und er den Titel erben würde, sobald sein Vater stürbe.
„Na, einen echten Lord habe ich bisher auch noch nicht kennengelernt.“ Ich lächelte ihn an.
„Es irritiert Sie hoffentlich nicht.“
„Aber nein, wieso denn? Ich finde Sie sehr nett. Das ist alles, was zählt.“
In diesem Moment bemerkte ich, dass es draußen schon langsam dämmerte. Wenn ich mich jetzt nicht ganz schnell auf den Weg machen würde, dann könnte ich mich auf ein Donnerwetter gefasst machen, am Ende noch mit Ausgehverbot.
„Ich muss gehen, ich musste versprechen, bei beginnender Dämmerung zu Hause zu sein.“ Entschuldigend stand ich auf und gab ihm die Hand zum Abschied.
Er nahm sie und sagte: „Ich lasse Sie aber nur gehen, wenn Sie mir versprechen, dass wir uns wiedersehen. Ich bleibe noch ein paar Tage in Freiburg.“
Sorglos lachte ich ihn an. „Ja, gerne. Morgen zur selben Zeit wieder hier?“
Er willigte ein und verbeugte sich leicht vor mir. „Kommen Sie gut nach Hause.“
Ich lächelte zum Abschied und machte mich schnell auf den Heimweg.
Wenn ich ehrlich zu mir war, dann musste ich mir eingestehen, dass ich richtig froh war, einen Landsmann getroffen zu haben. Engländer und Deutsche sind sich zwar durchaus ähnlich, aber die deutsche Seele ist doch in Teilen anders als unsere. Wo wir eher zurückhaltend und mit einer inneren Ruhe das Leben betrachten, wollen die Deutschen alles sofort dominieren. Sie preschen vor und sind dabei sehr emotional. Wir halten uns mit unseren Gefühlen eher zurück.
So ging ich beschwingt nach Hause und freute mich auf das Abendessen.
Tante Sabinelotte sah mich nur von der Seite an, als ich heimkam. „Na, junges Fräulein. Das war aber auf die letzte Sekunde.“
Ich fiel ihr lächelnd um den Hals und drückte sie fest.
So traf ich Robert noch öfter. Wir hatten uns immer etwas zu erzählen, und schnell nannten wir uns beim Vornamen. Wir waren ja auch fast gleichaltrig. Er liebte Freiburg so wie ich, obwohl er von Wien noch mehr schwärmte. „Aber die Stadt ist viel viel größer. Das kann man gar nicht mit Freiburg vergleichen.“
Ob er dort auch mit jungen Engländerinnen ins Gespräch gekommen war?
Nach ein paar Tagen erzählte ich auch meinem Vater und Tante Sabinelotte von Robert. Mein Vater schien erleichtert, sagte aber weiter nichts.
„Was?“, fragte Tante Sabinelotte schockiert. „Ein junger Mann?“ Mit einem vernichtenden Blick sah sie mich an. „Was will der von dir?“ Sie sagte das so, als wüsste sie schon ganz genau, was er von mir wollte.
Darüber musste ich lachen. Ich war also bereits zu ihrer Tochter geworden, über die sie wie eine Glucke wachte, und der sie am liebsten den Kontakt mit dem anderen Geschlecht gänzlich verbieten würde. Wahrscheinlich tat sie das mit Luise genauso.
Auf jeden Fall wurde beschlossen, Robert einmal zum Kaffee einzuladen, damit ihn alle begutachten konnten. Allen voran natürlich Tante Sabinelotte. Er würde zunächst keinen guten Stand haben. Aber wenn er sich ein wenig Mühe gab, würde er ihr Herz schon gewinnen. Da war ich mir sicher.
Luise fragte mich kurz darauf, ob ich in ihn verliebt sei.
Erstaunt sah ich sie an. „Verliebt? In Robert?“
Darüber musste ich erst einmal nachdenken.
„Äh, ich weiß nicht. Ich war noch nie verliebt. Aber ich glaube eher nicht. Ich bin gerne mit ihm zusammen, und wir haben gemeinsame Interessen.“
Sie sah mich mit einem etwas lauernden Blick an.
„Wie ist es denn, verliebt zu sein?“, wollte ich von ihr wissen.
Da entspannten sich ihre Züge plötzlich und wurden weich. Und plötzlich erzählte mir meine Cousine, von der ich bislang geglaubt hatte, dass sie mich nicht mögen würde und eifersüchtig auf mich sei, haarklein, wie es für ein junges Mädchen war, in einen Jungen verliebt zu sein.
„Das klingt ja, als würdest du aus Erfahrung sprechen.“
Sie wurde rot und wandte sich ab.
Ich musste lachen. „Luise, du wirst ja rot. Wie süß. Erzähl. Wer ist es? Habe ich ihn schon gesehen? Kennt deine Mutter ihn?“
Und sie fing tatsächlich an zu erzählen, dankbar, dass sie es endlich jemandem von der Familie berichten konnte.
Es war ein Junge aus Zähringen, den sie schon lange kannte, und zu dem sie gerade zarte Bande knüpfte. Wie schön das klang, und wie neidisch ich in diesem Moment auf sie war. An diesem Abend mochte ich sie sogar ein ganz klein wenig.
Als ich im Bett lag, überlegte ich, ob ich in Robert verliebt war. Aber all das, was Luise mir von sich selbst und ihren Freundinnen erzählt hatte, traf auf mich nicht zu. Also war ich nicht in Robert verliebt, sondern wollte ihn nur als Freund. Ich schlief erleichtert ein.
Da Luise anfangs keine Lust hatte, mit mir auf die Burg zu gehen, überlegte ich hin und her, wie ich es anstellen konnte, um endlich dorthin zu kommen.
Kurz dachte ich an Robert. Aber wenn Tante Sabinelotte und mein Vater herausbekommen würden, dass ich mit einem jungen Mann allein durch den Wald spaziert wäre, dann würde es ein Donnerwetter setzen, und ich könnte für den Rest meines Aufenthalts hier nie mehr allein irgendetwas machen. Diesen Plan verwarf ich also sofort wieder.
Dann bot sich mir unverhofft doch eine Gelegenheit.
Luise kam in ihrer unnachahmlichen, leicht verschlagenen Art auf mich zu. Sie sah sich um, ob uns auch niemand hören konnte. „Willst du immer noch unbedingt auf die Burg rauf?“, flüsterte sie.
Überrascht sah ich sie an. „Na klar.“
„Vielleicht gibt es einen Weg.“ Wieder sah sie sich um, ob uns auch niemand belauschte. Sie schien vor ihrer Mutter wirklich Angst zu haben. Verständlich war das. Ich hatte inzwischen auch einen gehörigen Respekt vor ihr.
Erwartungsvoll sah ich sie an.
„Ich habe dir doch von dem Jungen in Zähringen erzählt.“ Eine leichte Röte überflog ihr Gesicht, als sie ihn erwähnte.
Ich nickte.
„Meine Mutter hat mir verboten, ihn weiter zu treffen.“
Mir fiel der Streit zwischen Tante Sabinelotte und Luise ein, den ich bruchstückhaft mitbekommen hatte. War es darum gegangen?
„Ähm, also. Wir könnten ihr sagen, dass wir zusammen auf die Burg hochgehen. Ich zeige dir den Weg und bleibe solange in Zähringen. Wir machen eine Zeit und einen Treffpunkt aus, an dem wir wieder zusammenkommen. Dann gehen wir gemeinsam heim. Da haben wir doch beide was davon, oder?“
Dabei sah sie mich so unergründlich an, dass ich für einen Moment zweifelte, ob ich ihr Angebot annehmen sollte. Wollte sie mir am Ende eine Falle stellen, um mich vor ihrer Mutter schlecht dastehen zu lassen?
Aber dann siegte doch mein glühender Wunsch, den ich seit meinen Kindertagen hatte. „Also, gut. Ich bin einverstanden.“
Nach einem leichten Zögern nickte sie.
„Ich versuche es für übermorgen einzurichten. Sag du nur deinem Vater Bescheid. Alles andere mache ich.“
Damit drehte sie sich um und war verschwunden.
Als ich Vater später davon erzählte, interessierte ihn das nicht sehr. „Na, dann kommst du doch endlich da hoch. Hoffentlich bist du nicht enttäuscht. Mein Gott, wenn ich denke, was du dir als Kind alles ausgemalt hast, wenn du diese Zeichnung vor der Nase hattest. Ganze Märchen hast du neu erfunden.“
Ich lachte und gab ihm einen Kuss.
Bei Tante Sabinelotte war die Sache nicht ganz so leicht.
Luise wusste zwar ganz sicherlich, wie sie sie anfassen musste, um ihre Zustimmung zu bekommen, aber da blieb doch immer ein Rest Unsicherheit, ob die Glucke sich nicht zu viele Sorgen machte. Dann ließ sie ihre Küken nämlich nicht ziehen.
„Also wirklich, Kind. Was willst du nur da oben? Nichts als Steine. Nur der Turm ist noch zu erkennen. Das ist doch eine Schnapsidee.“ Dabei rollte sie mit ihren Augen.
„Kommt etwa der nette Herr Penderroy mit?“ Das fiel ihr wohl gerade ein, und sie sah mich alarmiert an.
„Wer?“ Ich wusste nicht sofort, wen sie meinte. Für mich war er nur Robert.
„Fräulein!“, ermahnte sie und wedelte mit der Pfanne in meine Richtung.
Ich musste lachen. „Ach, du meinst Robert. Nein, der ist für ein paar Tage nach Baden-Baden gefahren. Er trifft dort Verwandte.“
„Na, das wollte ich dir auch geraten haben. Und dir auch!“ Damit meinte sie Luise, die einfach gar nichts sagte. Sie kannte ihre Mutter doch sehr gut.
„Wie deine Mutter“, schimpfte sie weiter. „Eines Tages, da war sie noch klein, wollte sie unbedingt auf den Turm vom Münster rauf. Niemand konnte sie davon abbringen. Und wer musste natürlich mit ihr da hinaufstiefeln? Dreimal dürft ihr raten. Und ich hab doch Höhenangst. Oh Gott, oh Gott. Das werde ich nie vergessen. Ich krallte mich an das Geländer, und sie spazierte da oben rum, als wäre sie auf der Straße.“ Tante Sabinelotte schüttelte ihren Kopf. „Na, meinetwegen. Aber nur, wenn das Wetter schön ist.“
Luise und ich nickten und sahen uns verschwörerisch an.
Ich konnte es kaum erwarten.
Immer wieder nahm ich die unansehnliche Zeichnung heraus und besah sie mir. Auch jetzt stellte ich mir vor, welche Dramen sich wohl im Mittelalter auf dieser Burg abgespielt haben mussten.
Und dann war es endlich so weit.
Die Sonne schien bereits am Morgen sehr warm, sodass es ein wunderschöner Tag werden würde.
Ich achtete darauf, feste Schuhe anzuziehen, damit ich im Wald nicht umknickte.
Auch Luise konnte es kaum erwarten, dass es endlich losging.
Vorher verabschiedete ich mich noch von meinem Vater. Er erzählte mir beiläufig, dass Onkel Hans an diesem Tag noch einmal mit ihm zu Dr. Müller gehen wolle und er darauf eigentlich gar keine Lust habe.
Tante Sabinelotte hätte uns das Ganze wohl am liebsten in letzter Minute doch noch verboten, aber das konnte sie nun nicht mehr bringen. Das wusste sie. Also drohte sie uns mit erhobenem Zeigefinger. „Meine Damen, am Nachmittag seid ihr zurück, sonst komme ich euch mit den Bütteln höchstpersönlich abholen. Und keine Dummheiten, haben wir uns verstanden?“ Sie fixierte jede von uns mit ihrem Blick.
Beide nickten wir nur verlegen.
„Na, dann los. Geht in die Schmiede. Dein Vater hat euch eine Droschke nach Zähringen organisiert.“
Wir liefen los und mussten uns beide das Kichern verkneifen. Aber als wir um die nächste Hausecke kamen, prusteten wir los.
„Puh“, sagten wir wie aus einem Mund.
Blut ist wohl doch dicker als Wasser, dachte ich, denn an diesem Tag mochte ich Luise uneingeschränkt.
„Wieso denn eine Droschke? Können wir denn nicht nach Zähringen laufen?“, wollte ich wissen.
„Ja schon, aber das ist doch ein ganz schöner Weg da raus. So ist es viel besser, und du willst ja auch noch den Berg hoch. Unterschätz das nicht.“
Die Droschke stellte sich dann als Pferdekarren mit Bierfässern heraus, aber es war uns egal. Wir saßen neben den Fässern und hingen beide unseren Gedanken nach. Luise freute sich, ihren Freund wiederzusehen, und ich freute mich auf die Erfüllung eines Jugendtraumes.
Zähringen war nur ein ganz kleiner Weiler vor den Toren von Freiburg. Aber hier lag der Ursprung. Hätten die Grafen von Zähringen nicht an diesem Ort ihre Burg gebaut, würde es Freiburg heute gar nicht geben.
Wir sprangen von dem Karren, und Luise lief gleich los. Wir überquerten einen kleinen Platz, von dem ein Fußweg abging.
„Da musst du langgehen. Folge einfach immer nur dem Weg, dann kommst du zur Burg. Und wenn du wieder hier bist, setzt du dich auf die Bank da am Brunnen. Ab Mittag schau ich dann immer mal, ob du zurück bist.“
Ich nickte nur und wollte schon loslaufen. Da hielt sie mir noch etwas hin. „Hier, falls du es brauchst. Ich wüsste zwar nicht, wer außer dir da herumrennen sollte, aber man weiß ja nie.“
Es war ein kleines Messer. Belustigt steckte ich es ein.
„Gib es mir nachher zurück.“
Sie drückte mich noch kurz und lief dann glücklich davon.
Ich wandte mich dem Weg zu.
Schon bald war ich mitten im Wald. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass ich endlich durch den weltbekannten Schwarzwald lief. Eigentlich hatte ich Kiefern erwartet, aber hier gab es nur Laubbäume. Die waren wirklich sehr hoch und dicht, aber es kam immer noch genügend Sonnenlicht hindurch. Die Vögel begrüßten mich mit ihrem Konzert, und ich schritt beherzt voran.
Wieder musste ich daran denken, dass ich diesen Ausflug so gerne mit meiner Mutter zusammen gemacht hätte. Aber ich war froh, dass ich überhaupt endlich hier war.
Tief sog ich die frische Waldluft ein. Vielleicht war es ja wirklich wahr, dass es mit diesem Wald etwas Besonderes auf sich hatte.
Der Weg war schmal, aber deutlich zu sehen. Wie man es mir gesagt hatte, ging es schnell steil bergauf. Aber das machte mir überhaupt nichts aus. Ich konnte mich an den Lichtspielen zwischen den Bäumen nicht sattsehen, und das Gezwitscher der Vögel war atemberaubend. Abgesehen davon war es still. So eine Ruhe kann es wohl nur in einem Wald geben.
Nach ungefähr einer Stunde, in der mir keine Menschenseele begegnet war, sah ich von Weitem etwas zwischen den Bäumen herausragen. Ich trat aus dem Wald auf ein großes Felsplateau, und da lag sie vor mir. Die Burgruine von Zähringen.
Ich schlug die Hand vor den Mund, weil ich es nicht glauben konnte, dass ich wirklich hier stand.
Der Turm überragte alles, und sonst gab es eigentlich nur eingefallene Mauern und große Steinhaufen zu sehen. Also genau so, wie alle gesagt hatten. Aber ich war hier und konnte mein Glück nicht fassen. Die Zeichnung hatte die Burg wirklich ordentlich eingefangen.
Also lief ich überall herum und setzte mich dann etwas abseits, um einfach nur meinen Gedanken nachzuhängen. Vielleicht hatte ich ja in einem früheren Leben hier als Burgfräulein oder als Dienstmagd gelebt. Von der Lehre der Wiedergeburt hatte ich schon gehört. Es würde meine durch nichts zu erklärende Faszination schlüssig machen.
Die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich war glücklich.
Nach einer ganzen Weile verabschiedete ich mich dann von dieser mir so wichtigen Stätte und machte mich auf den Rückweg, den Kopf angefüllt mit ganz vielen durcheinanderschießenden Gedanken.
Es war jetzt leichter zu gehen, weil es bergab ging. Plötzlich fiel mein Blick auf eine Rehmutter, die in einiger Entfernung mit ihren Kitzen stand und mich beobachtete.
Das sah ich zum ersten Mal in meinem Leben.
Sie beschloss dann, dass ich wohl nicht weiter interessant sei und drehte sich um. Die Kitze gingen mit ihr, aber eins hatte wohl nicht mitbekommen, dass die Mutter mit seinen Geschwistern schon weitergezogen war. Ratlos sah es sich um.
Was sollte ich tun? Kam die Mutter gleich zurück?
Also beschloss ich, es einfach in die Richtung zu scheuchen, in die die Mutter gegangen war. Wenn diese bemerken würde, dass eins ihrer Kinder fehlte, würde sie wohl schon zurückkommen.
Ich verließ den Weg, und das Kleine lief dann aus Angst tatsächlich genau in die Richtung, in die ich es scheuchen wollte. Da die Mutter immer noch nicht zu sehen war, lief ich noch ein wenig hinter ihm her. Dann war es verschwunden.
Es schien mir fast, als würden die Vögel noch lauter zwitschern als vorher, um sich bei mir für die Rettung des kleinen Kitzes zu bedanken.
Ich lächelte vor mich hin, drehte mich herum, weil ich zu meinem Weg zurückgehen wollte, und erschrak.
Der Weg war weg. Jedenfalls sah ich ihn nicht mehr. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass ich nur ein paar Schritte abseits gegangen war. Aber dem war nicht so. Ohne es zu merken, musste ich mich gedreht haben.
Leichte Panik überkam mich. Aber ich mahnte mich zur Ordnung und versuchte, meinen Verstand einzusetzen. Ich rief mir alles ins Gedächtnis, an was ich mich erinnerte, und versuchte mich zu orientieren.
Nichts. Der Weg war nicht zu sehen. Das Einzige, was ich nun tun konnte, war, bergab zu laufen. Aber wo würde ich rauskommen? Ganz bestimmt nicht in Zähringen. Und was dann? Und wenn ich mich nun noch einmal weiter verlief und dann noch einmal?
Ratlos blieb ich stehen. Die Burg konnte ich schon lange nicht mehr sehen, sonst wäre ich dorthin zurückgelaufen. Jetzt war guter Rat teuer.
Weiter nach dem Weg zu suchen würde auch nichts bringen, sagte ich mir. Da käme ich wahrscheinlich nur immer weiter ab vom richtigen Weg.
Wenn ich doch nur die Vögel verstehen könnte. Bestimmt zwitscherten die mir schon die ganze Zeit über den richtigen Weg zu.
Also sah ich mich weiter zwischen den hohen Bäumen um, auf der Suche nach irgendwas Bekanntem.
Da bemerkte ich sehr weit hinten Rauch zwischen den Bäumen. Erst dachte ich, dass ich mir das einbilden würde. Aber ich hatte ja gar keine andere Wahl, als hinzugehen. Vielleicht würde ich dort Menschen antreffen, die mir den Weg beschreiben konnten.
Ich merkte mir also genau die Stelle, an der ich stand, und ging dann langsam auf den Rauch zu.
Als ich näherkam, konnte ich erkennen, dass auf einer Lichtung ein kleines, altes, windschiefes Hexenhaus aus Holz stand. Aus diesem Schornstein kam der Rauch.
Erleichtert atmete ich auf. Jetzt würde man mir helfen.
Dann zögerte ich aber doch. Wer hauste denn im Wald, so weit weg von jedem Dorf oder von anderen Menschen? Außer dem Rauch konnte ich kein Lebenszeichen erkennen, keinen Laut. Am Ende kam ich hier vom Regen in die Traufe. Allein in einem fremden Land mitten im Wald. Niemand würde mich je finden. Mir fiel das Märchen von Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm ein, in dem die Hexe die Kinder in einen Käfig einsperrt hatte.
Unbewusst holte ich das Messer aus der Tasche, das mir Luise noch in die Hand gedrückt hatte. Ich versuchte es so zu halten, dass ein eventuelles Gegenüber es nicht gleich sehen konnte.
Langsam ging ich weiter. Was hätte ich denn auch machen sollen? Mir blieb keine Wahl.
Da ging auf einmal die Tür des Häuschens auf, ein kleiner schwarzer Hund kam heraus, jagte auf mich zu und bellte ohrenbetäubend.
Ich sah schon mein letztes Stündlein geschlagen, denn vor Hunden hatte ich immer Angst gehabt, auch vor den kleinen. Also schloss ich meine Augen, so wie ich es als Kind getan habe, wenn ein Hund auf mich zugekommen war, und verharrte.
Aber das Einzige, was ich bemerkte, war, dass sich etwas unten an meinem Kleid bewegte. Erstaunt machte ich die Augen auf.
Ein wirklich kleiner Hund sah mich treu an und leckte immer wieder über den Stoff, so als würde er sich enorm freuen, mich zu sehen. Trotzdem blieb ich vorsichtig.
Da hörte ich ein schepperndes: „Fritzchen!“
Der Hund drehte sich sofort um und rannte zurück, wobei seine Ohren hin- und herflogen.
Ein uraltes Mütterchen mit Hakennase und langer schwarzer Schürze stand vor der Hütte. Ihre weißen Haare waren am Hinterkopf unordentlich zu einem Knoten gebunden. In ihrem Gesicht konnte ich tiefe Falten erkennen. Am Mund hatte sie eine große Warze.
Misstrauisch sah sie mich an. Offenbar konnte sie mich auf die Entfernung nicht richtig erkennen, ihre Augen waren wohl nicht mehr gut.
Irgendwie konnte ich mich von dem Märchen von Hänsel und Gretel in meinem Kopf nicht lösen. Diese alte Frau verkörperte diese böse Hexe, die es in so vielen Märchen gab. Aber nun konnte ich schlecht vor ihr davonlaufen.