
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2018
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Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München
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ISBN Printausgabe 978-3-498-04700-9 (1. Auflage 2018)
ISBN E-Book 978-3-644-00150-3
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ISBN 978-3-644-00150-3
Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.
Walter Benjamin
Mehr als drei Minuten dauert es, bis ein Punkt zu einem Kopf wird. Jenseits einer breiten Sandbank, an der die Schaumwalzen der Wellen sich halbieren, bevor sie zurück in den Ozean gezogen werden, tanzt ein Fleck auf einer schwankenden Linie. Schaukelnd treibt er auf den Strand zu, wo nur ein einzelner Mann dieser Verwandlung zusieht. Er läuft den Strand entlang und scheint genauso aus dem Nichts zu kommen wie der Kopf im Wasser. Das Meer zu seiner Rechten und zur Linken die stumpfen, von Sandgrasbüscheln bewachsenen Kuppen und Mulden, bewegt er sich auf dem Streifen, den die See hart und glatt hinterlässt. Er trägt ein verwaschenes Trikot mit Palmenaufdruck, seine Sporthosen enden weit über den Knien; sein Brustkorb wölbt sich nach vorne, und er schwitzt.
Ein Schwarm dunkler Vögel stäubt über die Dünen wie ein Haufen verbranntes Papier im Wind. Über dem Strand hängt der Himmel in Fetzen. Er verfärbt sich mit der sinkenden Sonne, und die Gerade des Horizonts bildet die Sehne eines Bogens, in den die Küste sich zurückzieht. An ihrem Ausgang verlängert eine gezackte Felsenkette steil abbrechende Klippen ins Meer hinein und schneidet das Bild ab. Dahinter könnte die Welt zu Ende sein, weiter vorne bewegt sich der Kopf, der eben noch ein Punkt gewesen ist. Er wächst so langsam, dass das bloße Auge es zu Anfang nicht bemerkt, als drücke irgendwo ein Stift immer fester aufs Papier. Nach einer weiteren Minute sind auch Arme da, die rotierend wühlen in den Wellen. Dem Schwimmer kleben die nassen Haare am Kopf, im Voranziehen senkt er Mund und Augen ins Wasser, und nur um Luft zu holen, hebt er kurz das Kinn. Er hat sich uferwärts gewendet und bewegt sich im rechten Winkel auf eine noch unbestimmte Zone zu, in der sich seine Bahn und die des Läufers kreuzen müssen. Auf den letzten fünf oder sechs Metern bis zum Strand taucht er für einige Sekunden unter, kommt plötzlich wieder nach oben und richtet sich auf. In der flachen Brandung reicht ihm das Wasser nur noch bis zu den Knöcheln.
Von Kopf bis Fuß sichtbar, wirkt der Männerkörper viel größer als erwartet. Der Läufer erkennt ihn jetzt, obwohl sein Gesicht entstellt ist, verquollen und pflaumenfarben. Wimpern und Brauen sind weggesengt, das linke Auge ist zugeschwollen. Die Tränensäcke, wie aufgeplatzt, leuchten grotesk violett. Wo die Lippen waren, sind schwarz verkrustete Kraterränder. Der Mund ist aufgesperrt zu einer fischmäuligen Fratze, die Brust von Narben und Wunden übersät. Mit dem Wasser aus seinem Haar rinnt Blut aus diesen Wunden, doch der rote Schleier auf seiner Haut wird blasser und blasser, bis sie wieder unversehrt ist.