
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «Dear Mrs Bird» bei Picador/Pan Macmillan, London
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2018
Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«Dear Mrs Bird» Copyright © 2018 by Big Dog Little Dog Ltd.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages
Redaktion Elisabeth Mahler
Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Umschlagabbildung Lee Avison/Trevillion Images
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ISBN Printausgabe 978-3-463-40097-6 (1. Auflage 2018)
ISBN E-Book 978-3-644-30016-3
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-644-30016-3
Für Mama und Papa
Als ich die Anzeige in der Zeitung sah, hatte ich das Gefühl, gleich platzen zu müssen. Bisher hatte ich einen recht munteren Tag gehabt, obwohl die deutsche Luftwaffe uns auf die Nerven gegangen war, indem sie uns allen einen unpünktlichen Dienstantritt bescherte. Ich hatte sogar eine Zwiebel ergattern können, was für den Eintopf eine sehr gute Nachricht war. Doch als ich die Anzeige entdeckte, geriet ich völlig aus dem Häuschen.
Es war Viertel nach drei an einem dieser tristen Dezembernachmittage, an denen es wieder dunkel zu werden scheint, bevor der Tag sich überhaupt entschieden hat, hell zu werden. Auch in zwei Jacken und einem langen Wintermantel wurde mir nicht warm. Ich saß oben auf dem 24er-Bus und konnte beim Ausatmen die Luft sehen, die aus meinem Mund kam.
Ich befand mich auf dem Heimweg von meiner Arbeitsstelle als Sekretärin bei Strawman’s Solicitors und freute mich auf eine Verschnaufpause, bevor meine Nachtschicht an den Telefonen der Feuerwache begann. Ich hatte bereits jedes einzelne Wort auf den Nachrichtenseiten des Evening Chronicle gelesen und studierte nun die Horoskope, an die ich nicht glaubte, auf die ich sicherheitshalber aber stets einen Blick warf. Für meine beste Freundin Bunty stand da: «Sie werden bald gut bei Kasse sein. Glückstier: Iltis», was vielversprechend klang, und für mich: «Vieles wird sich endlich regeln. Glückstier: Fisch», was vergleichsweise eher ein Dämpfer war.
Und dann sah ich sie, unter den Stellenanzeigen, eingequetscht zwischen einer Anzeige für Marmeladenköchinnen (keine Berufserfahrung vonnöten) und der Suche nach einer erfahrenen Aufsichtsperson für eine Fabrik, die Overalls herstellte (vorzugsweise mit Referenzen):
Launceston Press Ltd., ein Verlag des London Evening Chronicle, sucht eine zupackende, begeisterungsfähige und fleißige
Teilzeit-Gehilfin
Anforderungen: Fähigkeit, Begeisterung und Fleiß
Stenographie: 60 Wörter pro Minute an der Schreibmaschine/Steno 120 Wörter pro Minute
Bewerbungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt an:
Mrs. H. Bird, Launceston Press Ltd., Launceston House,
London EC4.
Es war die beste Stellenanzeige, die ich in meinem ganzen Leben gelesen hatte.
Wenn ich mir im Leben etwas wirklich am allermeisten wünschte (natürlich abgesehen vom Kriegsende, und dass Hitler einen möglichst grässlichen Tod erlitt), dann war das, Journalistin zu werden. Oder genauer gesagt: Kriegsberichterstatterin, wie die Leute vom Fach sagen.
Seit zehn Jahren – seitdem ich mit zwölf als Preis für ein recht schauderhaftes Gedicht eine Besichtigung der Lokalzeitung gewonnen hatte – träumte ich von einer Karriere als Journalistin.
Jetzt schlug mein Herz wie wild, hämmerte durch die Jacken und den Mantel und drohte, direkt aus meinem Körper heraus auf die Dame neben mir zu springen. Ich war dem Herrgott dankbar für meine Stelle bei Strawman’s, aber ich wollte unbedingt lernen, wie man eine Reporterin wird. Eine von der Sorte, die immer ein Notizbuch in der Hand hält, stets bereit, eine politische Intrige aufzuspüren, Regierungsvertretern schwierige Fragen entgegenzuschleudern oder – was das Beste wäre – in das letzte Flugzeug in ein weit entferntes Land zu springen und kriegsentscheidende Berichte über Kampfhandlungen und den Widerstand nach Hause zu schicken.
In der Schule hatten meine Lehrer mir geraten, nicht solch ein Heißsporn zu sein und mir weniger hochfliegende Ziele zu setzen, obwohl Englisch mein bestes Fach war. Sie hielten mich auch davon ab, für unsere Schülerzeitung beim Prime Minister um eine Stellungnahme zu seiner Auslandspolitik zu ersuchen. Es war ein entmutigender Start in meine Karriere als Journalistin gewesen.
Seither war ich standhaft geblieben. Allerdings hatte es sich als vertrackt erwiesen, ganz ohne Berufserfahrung eine Stelle zu finden, zumal ich mein Herz daran gehängt hatte, für eine Zeitung in der Londoner Fleet Street zu arbeiten. Auch wenn ich grundsätzlich Optimistin war, ging ich nicht davon aus, dass die drei Sommerferien, während der ich für die Little Whitfield Gazette geschrieben hatte, als Sprungbrett nach Berlin taugen würden.
Aber hier war nun meine Gelegenheit.
Ich las die Anzeige erneut und fragte mich, ob ich den Anforderungen wohl gerecht wurde:
Fähigkeit – Der Inbegriff meiner selbst, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, wessen ich fähig sein sollte.
Begeisterung – Würde ich wohl sagen. Ich hätte im Bus beinahe wie eine Geistesgestörte herumgeschrien.
Fleiß – Ich würde im Büro auf dem Boden schlafen, wenn das nötig war.
Ich konnte es kaum erwarten, mich zu bewerben. Um beim nächsten Halt auszusteigen, zog ich an der Klingel, und bei dem schwungvollen Pling begann der Bus, langsamer zu werden. Ich griff nach meiner Handtasche, der Gasmaske und der Zwiebel, klemmte mir die Zeitung unter den Arm und rannte heute doppelt so schnell die Treppe hinunter. In der Eile brachte ich es fertig, einen meiner Handschuhe liegenzulassen.
«Danke!», rief ich der Busfahrerin zu und vermied nur knapp einen Zusammenprall mit ihr, bevor ich hinten vom Bus sprang.
Der Bus war vor der Drogerie Boots noch nicht ganz zum Stillstand gekommen, die noch immer geöffnet hatte, obwohl dort vorletzte Woche alle Fenster rausgeflogen waren. Ich sprang auf das, was vom Gehweg übrig war, und machte mich auf den Weg nach Hause.
Die Drogerie war nicht das einzige Geschäft, das bei den Luftangriffen etwas abbekommen hatte. Die ganze Straße war übel zugerichtet. Der Lebensmittelladen bestand nur noch aus einer halben Wand und Schutt, vier der Wohnungen daneben waren komplett ausgebombt, und wo sich Mr. Parsons Kurzwarenladen befunden hatte, klaffte nur noch eine Lücke. Pimlico hielt sein Haupt vielleicht noch immer hoch erhoben, aber nicht ohne Verluste.
Ich rannte über die Straße, sprang dabei über die Krater und wurde langsamer, um Mr. Bone, dem Zeitungshändler («Bei dem Namen würde man annehmen, dass ich Fleischer bin!»), einen Gruß zuzurufen, der vor seinem Geschäft gerade einen Stapel Zeitungen neu sortierte. Er hatte schon seine Brandschutzwart-Uniform an und pustete sich in die Hände, um sich warm zu halten.
«Guten Abend, Emmy», sagte er zwischen zweimal Pusten. «Haben Sie die Morgenausgabe? Ein prächtiges Bild Ihrer Majestäten ist das auf der Titelseite.» Er lächelte strahlend. Trotz allem, was der Krieg ihm angetan hatte, war Mr. Bone der heiterste Mensch, den ich kannte. Egal, wie schrecklich die Nachrichten waren, er wies einen immer auf etwas Schönes hin. «Nein, bleiben Sie nicht stehen – ich sehe, Sie sind in Eile.»
Normalerweise hätte ich angehalten, um mich mit Mr. Bone über die Nachrichten des Tages auszutauschen. Er schenkte mir manchmal ältere Zeitungsausgaben oder die Picture Post, falls jemand sie hatte zurücklegen lassen, aber vergaß, sie abzuholen, obwohl Mr. Bone sie in dem Fall eigentlich an den Verlag zurückschicken sollte. Aber heute musste ich nach Hause.
«Seite zwei, Mr. Bone!», rief ich dankbar. «Der Chronicle sucht eine Gehilfin. Ich glaube, sie steht vor Ihnen!»
Mr. Bone war eine großartige Unterstützung bei meinem Traum, Kriegsberichterstatterin zu werden, selbst wenn mein Plan, hinter die Feindeslinien vorzudringen, ihm Sorgen bereitete. Jetzt lächelte er noch breiter und schwenkte triumphierend eine Abendausgabe.
«Das ist die richtige Einstellung, Emmy!», sagte er. «Viel Glück. Ich lege Ihnen die Times von heute zurück.»
Ich rief ein Dankeschön und winkte mit der freien Hand, während ich auf die nächste Straßenecke zulief. Noch ein paar Minuten, dann scharf rechts, ohne die beiden älteren Damen über den Haufen zu rennen – die großes Interesse an Walt und seinen heißen Kartoffeln an den Tag legten, wohl vor allem wegen der Wärme – und dann an den Teestuben vorbei nach Hause.
Bunty und ich teilten uns eine Wohnung ganz oben im Haus ihrer Granny in der Braybon Street. Bei einem Luftangriff war es ein irrwitziger Spurt hinunter in den Anderson-Bunker im Garten, aber inzwischen waren wir daran gewöhnt und machten uns keine überflüssigen Sorgen. Wir waren große Glückspilze, dass wir dort umsonst wohnen durften.
Ich stieß die Haustür auf, stürzte durch die geflieste Eingangshalle und die Treppe hinauf.
«Bunty!», rief ich in der Hoffnung, sie möge mich über drei Stockwerke hinweg hören. «Das errätst du nie! Ich habe großartige Neuigkeiten!»
Bis ich es auf den Treppenabsatz oben geschafft hatte, war Bunty im Bademantel aus ihrem Zimmer aufgetaucht und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie arbeitete nachts als Sekretärin im War Office. Was genau diese Tätigkeit beinhaltete, war natürlich streng geheim.
«Haben wir den Krieg gewonnen?», fragte sie. «Im Büro haben sie nichts davon gesagt.»
«Nur eine Frage der Zeit», sagte ich. «Nein, aber schau mal, das hier ist das Nächstbeste.»
Ich drückte ihr die Zeitung in die Hand.
«Marmeladenköchin?»
«Nein, du Dummkopf. Drunter.»
Bunty grinste und überflog die Seite erneut. Als sie die Anzeige entdeckte, weiteten sich ihre Augen.
«Ach du meine GÜTE!» Ihre Stimme wurde mit jedem Wort lauter. «EMMY, DAS IST DEINE STELLE!»
Ich nickte aufgeregt. «Glaubst du? Wirklich? Das ist sie, oder?», sagte ich völlig sinnbefreit.
«Natürlich. Du wirst das fabelhaft machen.»
Bunty war die loyalste Freundin der Welt. Außerdem war sie ungemein praktisch veranlagt und packte die Dinge sofort an.
«Du musst noch heute hinschreiben. Damit deine Bewerbung die erste ist. Mr. Strawman wird dir bestimmt eine Empfehlung geben, oder nicht? Und Captain Davies auf der Feuerwache. Ojemine – ob du dort dann noch deine Schichten arbeiten kannst?»
Neben meiner Stelle tagsüber in der Kanzlei hatte ich zu Beginn des Blitzkriegs als Freiwillige bei der Hilfsfeuerwehr angefangen. Mein Bruder Jack war Pilot und kämpfte wie verrückt, und es war höchste Zeit gewesen, dass ich mein Gewicht ebenfalls in die Waagschale warf. Buntys Freund William war Berufsfeuerwehrmann bei der B-Watch, und als er mir vorschlug, mich als freiwillige Telefonistin in der Feuerwache Carlton Street zu melden, klang es wie die ideale Lösung. Ich würde drei Nächte die Woche arbeiten und diese Tätigkeit um meine Stelle als Sekretärin herum organisieren. Ein Bewerbungsgespräch mit Captain Davies von der Wache sowie eine medizinische Untersuchung, um sicherzustellen, dass ich nicht umkippen würde – und da war ich. Adrette marineblaue Uniform mit glänzenden Knöpfen, robuste schwarze Schuhe und stolz wie Oskar unter meiner Kappe mit dem Flugfunkdienst-Abzeichen.
Bunty und ich kannten William seit unserer Kindheit, und als ich dem Freiwilligendienst beitrat, kam unsere Lokalzeitung bis nach London und machte ein Foto von uns dreien. Sie druckten es unter der Überschrift «Little Whitfield eilt zur Hilfe» und erweckten den Eindruck, als wären William, Bunty und ich ganz allein verantwortlich dafür, die gesamte Hauptstadt zu sichern und das War Office am Laufen zu halten. Sie erwähnten auch meinen Verlobten Edmund, was reizend war, denn er stammte ebenfalls aus Little Whitfield. Allerdings implizierten sie, er hätte das Kommando über die halbe Royal Artillery, was Edmund zufolge einigermaßen übertrieben war. Ich hatte ihm den Ausschnitt geschickt, und er hatte sich köstlich drüber amüsiert. Jedenfalls war es schön, dass die Zeitung über uns alle berichtet hatte. Es war ein wenig wie früher, bevor der Krieg dazwischengekommen und Edmund auf die andere Seite des Kontinents geschickt worden war.
Zwei Wochen nachdem ich den Dienst bei der Feuerwehr angetreten hatte, begannen sich die Deutschen über London herzumachen, und ich war froh, irgendwie von Nutzen sein zu können. Meine Freundin Thelma auf der B-Watch sagte, dass ich so wenigstens meinen Teil beitrug, auch wenn ich noch keine Kriegsberichterstatterin war.
«Oh, gut, es ist nur Teilzeit», sagte Bunty, die die Anzeige erneut durchlas und damit ihre eigene Frage beantwortete. Sie hatte aufgehört herumzuschreien und wurde nun todernst. «Ehrlich, Emmy. Das hier könnte deine große Chance sein.»
Wir blickten einander einen Augenblick lang an, und uns wurde das Ausmaß der Angelegenheit bewusst.
«Ich wette, du bist in puncto Zeitgeschehen voll auf dem Laufenden», sagte sie. «Die werden ungeheuer beeindruckt sein.»
«Ich weiß nicht, Bunts», sagte ich, plötzlich verunsichert. «Die werden ziemlich hohe Anforderungen stellen, auch an Gehilfinnen. Könntest du mich abfragen?»
Wir gingen ins Wohnzimmer, wo sich zwei Stapel Zeitschriften und drei Einklebebücher mit neuen Zeitungsausschnitten auf dem Sofatisch türmten. Ich nahm meinen Hut ab, fasste in meine Tasche und zog das Notizbuch heraus, das ich für alle Fälle immer mit mir herumtrug. Dann blätterte ich bis zum Ende, wo ich in großen roten Buchstaben ANHANG und in der Zeile darunter MITGLIEDER DES KRIEGSKABINETTS geschrieben hatte.
Ich reichte es Bunty, die sich auf das Sofa geworfen hatte.
«Ich tue so, als würde ich mit dir ein Bewerbungsgespräch führen», sagte sie und deutete auf den unbequemsten Stuhl im Zimmer. «Und ich werde sehr streng sein. Erste Frage: Wer ist Finanzminister?»
«Sir Kingsley Wood», sagte ich, knöpfte meinen Mantel auf und setzte mich. «Das war einfach.»
«Gut gemacht», sagte Bunty. «Und wer ist Lord President of the Council? Weißt du, ich kann es kaum erwarten, dass du da anfängst. Deine Eltern werden so stolz auf dich sein.»
«Sir John Anderson», sagte ich als Antwort auf die Frage. «Und gemach, gemach, ich habe die Stelle ja noch nicht. Ich hoffe zwar schon, dass Mutter und Vater sich freuen. Aber vermutlich machen sie sich dann Sorgen, dass ich irgendwelche gefährlichen Dinge tun muss.»
«Aber sie werden so tun, als wäre alles bestens», sagte Bunty.
Wir grinsten beide. Bunty kannte meine Eltern beinahe genauso gut wie ich. Unsere Väter hatten sich im Ersten Weltkrieg angefreundet, und Bunty gehörte praktisch zu unserer Familie.
«Frag mich etwas richtig Schwieriges», sagte ich.
«Gut», sagte Bunty und hielt dann inne. «Apropos: Was meinst du, was Edmund dazu sagt? Ich glaube, er kriegt Zustände», fügte sie hinzu, bevor ich antworten konnte.
Ich wollte ihn verteidigen, aber Bunty hatte nicht ganz unrecht. Edmund und ich waren seit Ewigkeiten ein Paar und seit achtzehn Monaten verlobt. Er war wunderbar – klug und umsichtig und fürsorglich –, aber meine Ambitionen auf eine Karriere bei der Zeitung ließen ihn nicht gerade in Jubel ausbrechen. Manchmal konnte er ein bisschen rückschrittlich sein.
«So schlimm ist er auch wieder nicht», sagte ich, wie es sich für eine loyale Verlobte gehörte. «Ich bin sicher, er wird sich freuen.»
«Und du nimmst die Stelle an, auch wenn er sich nicht freut!», fügte Bunty zuversichtlich hinzu.
«Meine Güte, ja!», sagte ich. «Wenn man sie mir anbietet.» Ich liebte Edmund, aber ich würde mich von ihm nicht herumkommandieren lassen.
«Ich hoffe so sehr, dass du die Stelle bekommst», sagte Bunty und verschränkte ihre Finger. «Du musst einfach.»
«Kannst du dir das vorstellen? Gehilfin beim Evening Chronicle.» Ich starrte vor mich hin und sah mich bereits für einen Exklusivbericht im Taxi durch London fegen. «Der Beginn meiner journalistischen Karriere.»
«Wie schön für dich», sagte Bunty ernst. «Wirst du dich auf Kriegsberichterstattung spezialisieren, was meinst du?»
«Oh ja, das hoffe ich. Ich werde Hosen tragen, und nachdem wir den Krieg gewonnen haben, werde ich auf ein eigenes Auto sparen. Edmund und ich werden uns eine Wohnung in Westminster mieten, und ich werde vermutlich rauchen und abends ins Theater gehen oder im Café de Paris schlau daherreden.»
Bunty sah begeistert aus. «Ich kann’s kaum erwarten!», sagte sie, als machten wir Pläne für das nächste Wochenende. «Falls Bill mich nicht fragt, ob ich ihn heiraten will, gehe ich vielleicht in die Politik.»
Vor Kriegsausbruch hatte Buntys Freund Architektur studiert. Er wollte seinen Abschluss machen und etwas Geld verdienen, bevor sie sich verlobten.
«Bunts, das ist eine hervorragende Idee», sagte ich beeindruckt. «Mir war gar nicht klar, dass du dich für Politik interessierst.»
«Na ja, nicht allzu sehr, jedenfalls noch nicht. Aber bestimmt wollen viele Parlamentarier erst mal eine Pause machen, wenn wir gewonnen haben. Und mir hat immer die Vorstellung gefallen, im Radio zu sein.»
«Gut kombiniert. Und die Leute werden ganz ehrfürchtig sein, du hast schließlich im War Office gearbeitet.»
«Aber darüber werde ich kein Wort verlieren.»
«Natürlich nicht.»
Es sah wirklich gut aus. Ich würde Journalistin werden, und Bunty würde im BBC zu hören sein.
«Gut», sagte ich und stand auf. «Ich schreibe jetzt meine Bewerbung, und danach gehe ich runter zur Wache und versuche, mit Captain Davies zu sprechen. Mir ist nicht ganz klar, wie mich meine Tätigkeit als freiwillige Telefonistin für die Stelle beim Evening Chronicle empfehlen soll, aber es kann ja nicht schaden.»
«Papperlapapp», sagte Bunty. «Ist doch perfekt: Wenn du mitten in Hitlers Bombenangriffen Telefonate entgegennehmen kannst, wird du auch als Kriegsberichterstatterin unter Beschuss absolut spitze sein. William sagt, du bist das mutigste Mädchen auf der Wache, und du hast nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als Derek Hobson richtig übel zugerichtet von einem Einsatz zurückkam.»
«Na ja, ich bin Ersthelferin», sagte ich. Ich wollte nicht darüber nachdenken; solche Dinge hängt man nicht an die große Glocke, aber es war eine furchtbare Nacht gewesen, und Derek war noch immer nicht wieder im Dienst.
Bunty nahm die Zeitung wieder hoch. «Du bist so was von mutig», sagte sie. «Und in deinem neuen Beruf wirst du alle umhauen. Aber jetzt machst du dich besser ans Werk», sagte sie und reichte mir die Zeitung. «Da steht, ‹zum frühestmöglichen Zeitpunkt› …»
Ich nahm das Blatt und bekam etwas glasige Augen. «Ich kann es ehrlich kaum glauben, dass mein Traum tatsächlich wahr werden könnte.»
Bunty grinste und sagte: «Wart’s nur ab.»
Ich nahm meine Tasche, holte meinen besten Füller heraus und begann zu schreiben.
Eine Woche nachdem die Anzeige erschienen war, bemühte ich mich verzweifelt, ruhig zu bleiben. Seitdem ich den Brief an Mrs. Bird abgeschickt hatte, hatte ich das Zeitgeschehen mit bis dato unbekannter Akribie verfolgt, und jetzt war ich tatsächlich auf dem Weg zu meinem Vorstellungsgespräch bei The London Evening Chronicle.
Bunty hatte mich weiterhin täglich abgefragt, und als ich meiner Familie und den Mädchen auf der B-Watch davon erzählte, wurden alle ungeheuer aufgeregt und gingen mit besorgniserregender Zuversichtlichkeit davon aus, dass ich die Stelle bekommen würde. Edmund hatte ich von dem Bewerbungsgespräch geschrieben, und während es noch viel zu früh war, um mit einer Antwort von ihm rechnen zu können, bekam ich jede Menge Unterstützung von meinem unmittelbaren Umfeld. Am Vortag hatte ich meine Schicht auf der Feuerwache unter «Viel Glück!»-Rufen der Mädchen und «Schnapp dir die Titelseite und zeig es ihnen!»-Rufen von William und den Jungs beendet. Es war reizend von ihnen allen, und ich hatte das Gefühl, halb London – und ganz Little Whitfield – stehe hinter mir.
Heute ging in London alles seinen Gang unter einem tiefhängenden und eintönig grauen Himmel, der aussah, als hätte ein riesiger Schuljunge seinen Pullover von sich geworfen und damit aus Versehen das West End bedeckt. Der Kälte trotzend, trug ich mein elegantes blaues Wollserge-Kostüm mit Brusttasche auf dem Sakko, meine allerbesten Schuhe und ein kleines schwarzes Hütchen schräg auf dem Kopf, das ich von Bunty ausgeliehen hatte. Ich hoffte, damit professionell und gleichzeitig aufgeweckt auszusehen. Wie jemand, der eine Exklusivmeldung aufspüren und in Sekundenschnelle erkennen konnte. Jemand, der nicht das Gefühl hätte, sein Herz könne jeden Augenblick zerspringen.
Ich hatte mir den Tag frei genommen, und obwohl ich weniger als eine Stunde zu Fuß gebraucht hätte, nahm ich zwei Busse, um nicht ganz windzerzaust und derangiert dort aufzutauchen. Natürlich kam ich viel zu früh an, stand vor Launceston House und starrte nervös das riesige Jugendstilgebäude vor mir empor.
Dass ich hier arbeiten könnte? Es war ein schwindelerregender Gedanke.
Als ich so meinen Kopf in den Nacken legte und dabei mit der einen Hand Buntys Hut festhielt und mit der anderen meine Tasche, geriet ich etwas aus dem Gleichgewicht, und da donnerte eine äußerst ungehaltene Stimme: «Hopp, hopp, Bummelzüge sind hier fehl am Platz.»
Eine gewichtige Dame war aus dem Gebäude getreten und hielt auf mich zu. Auf ihrem Kopf saß etwas, das aussah wie ein Männerfilzhut mit einer kurzen Fasanenfeder auf der Krempe, die ihm einen ländlichen Anstrich gab, wie man ihn in der Stadt selten sah. Ein anderer Teil des Vogels hatte sich mit einem Stück Kaninchen als Brosche auf ihrem Mantelaufschlag zusammengetan. Die Frau erinnerte mich an meine Tante Tiny, die im Alter von drei Jahren an ihrer ersten Moorhuhnjagd teilgenommen hatte und seitdem aus allen Hecken feuerte.
«Das tut mir leid», sagte ich. «Ich habe nur …»
Die Dame verzog das Gesicht und fegte in einer Wolke Karbolseife an mir vorüber.
«… geschaut.»
Als ich sie zielstrebig über die Straße gehen sah, hatte ich das eigentümliche Gefühl, wieder in der Schule zu sein: Jeden Augenblick würde es zur Leibesertüchtigung läuten.
Ich schüttelte den Gedanken ab. Ich war hier, um mich für eine Stelle bei einer ernsthaften Zeitung zu bewerben und über lebenswichtige Angelegenheiten zu berichten, also hatte ich mich gefälligst zusammenzureißen und hineinzugehen. Ich holte tief Luft, sah zum hundertsten Mal auf meine Armbanduhr, lief die breite Marmortreppe hinauf und durch die Drehtür.
Die Eingangshalle war gewaltig, und es war drinnen beinahe genauso kalt wie draußen auf der Straße. An den Wänden prangten riesige Porträts grimmiger Männer: Verleger aus zweihundert Jahren blickten mit in Öl festgehaltener Geringschätzung auf eine junge Frau mit geborgtem Hut herab, die davon träumte, Reporterin zu werden. Jeden Moment würde einer von ihnen «ts, ts» machen.
In der Hoffnung, auf dem glatten Boden nicht auszurutschen, ging ich auf den großen Empfangstresen aus Walnussholz zu.
«Guten Morgen. Ich bin Emmeline Lake und habe einen Termin bei Mrs. Bird, bitte. Es geht um ein Bewerbungsgespräch.»
Die junge Frau hinter dem Tresen schenkte mir ein mitleidiges Lächeln.
«Fünfter Stock, Miss Lake. Nehmen Sie den Aufzug bis in den dritten, dann gehen Sie nach links den Flur hinunter, zwei Stockwerke die Treppen hinauf, und wenn Sie da sind, weiter zu der Flügeltür. Gehen Sie einfach durch. Es ist leider niemand da, um Sie zu empfangen.»
«Danke», sagte ich und lächelte zurück. Hoffentlich waren hier alle so nett.
«Fünfter Stock», sagte sie erneut. «Recht viel Glück!»
Aufgemuntert von ihrer Hilfsbereitschaft hatte ich die verstörende Dame vor der Eingangstreppe beinahe vergessen, als ich mich zu zwei Herren in langen Mänteln gesellte, die auf den Aufzug warteten und dabei über die Rundfunkansprache des Prime Ministers gestern Abend diskutierten. Einer von ihnen sprach hitzig über die Aktivitäten der Alliierten in Afrika und fuchtelte herum, bis die Asche von seiner Zigarette flog und seinen Freund nur knapp verfehlte. Der andere schien ihm nicht zuzuhören, rief jedoch mehrmals laut «Pah!».
Der Kupferpfeil über der Aufzugtür verharrte auf dem dritten Stock, und ich lauschte, während die Männer weiterstritten.
«Das ist doch ein lächerlicher Schachzug. Die haben nicht die geringste Chance. Auf alle Fälle weiß Selassie nicht, was er tut.»
«Völliger Unsinn. Sie geben ja nur heiße Luft von sich.»
«Pah! Fünf Shilling, dass Sie danebenliegen.»
«Ich würde mich schämen, die von Ihnen anzunehmen.»
Mir war nicht klar gewesen, dass ich sie anstarrte, bis derjenige mit der Zigarette in meine Richtung sah.
«Und was meinen Sie, Schätzchen? Ist Eritrea dem Tod geweiht? Sollten wir uns überhaupt mit denen aufhalten?»
Ach du liebe Güte. Da war ich noch nicht einmal bei meinem Bewerbungsgespräch angekommen und wurde schon nach einer politischen Einschätzung gefragt.
«Also», sagte ich und fühlte mich gut vorbereitet, «ich bin mir nicht ganz sicher, aber wenn es Mr. Churchill für eine gute Idee hält, würde ich sagen, es wäre das Beste, sie vom Sudan aus anzugreifen.»
Der Mann verschluckte beinahe seine Zigarette. Sein Freund zögerte einen Augenblick und wieherte dann laut auf.
«Das sollte Sie eines Besseren belehren, Henry! Es sind nicht alle so beschränkt, wie sie aussehen.»
Der andere lächelte höhnisch. «Jeder kann einen Satz nachplappern, den er im Radio gehört hat.»
«Tatsächlich habe ich in der Times darüber gelesen», führte ich an, was stimmte. Keiner von ihnen antwortete mir, aber endlich kam der Lift, und sie begannen wieder zu streiten.
Ich folgte ihnen hinein und bat den Fahrstuhlführer höflich, mich in die dritte Etage zu fahren. Dann hob ich das Kinn und fühlte mich recht keck unter meinem Hütchen. Kriegsberichterstatterin zu werden, würde kein Kinderspiel sein, aber das kam nicht überraschend. Meine Mutter hatte mir immer gesagt, manche Männer glaubten, einen Busen zu haben bedeute, man wäre ein Schwachkopf. Sie sagte, das Beste sei in dem Fall, sie glauben zu lassen, man wäre etwas zurückgeblieben, einfach weiterzumachen und ihnen das Gegenteil zu beweisen.
Ich liebte meine Mutter, nicht zuletzt dafür, dass sie vor anderen Leuten ein Wort wie Busen in den Mund nahm und meinen Vater dazu brachte, mit den Augen zu rollen und dramatisch nach seinem Herzen zu greifen.
Der Gedanke an meine Eltern flößte mir Mut ein, als ich im dritten Stock ausstieg und die Treppe emporstieg. Oben angekommen hielt ich kurz an, um mir die Nase zu pudern und mir eine lose Strähne hinters Ohr zu streichen – auch wenn ich ein wenig befangen war vor dem großen gerahmten Gemälde eines gestrengen Herrn mit weißem Haar und buschigen Augenbrauen. Ich erkannte ihn augenblicklich: Es war Lord Overton, der Millionär und Philanthrop, dem Launceston Press gehörte. Er und seine Frau waren wegen ihrer Wohltätigkeit ständig in der Presse, und ich bewunderte die beiden enorm.
Für einen Moment hätte ich beinahe die Nerven verloren. Ich verharrte vor der Doppelschwingtür, die zu Mrs. Bird und meinem Bewerbungsgespräch führte.
Tief Luft holen, Schultern zurück.
Ich drückte die Tür auf und betrat einen schmalen, dunklen Korridor. Hier herrschte eine völlig andere Atmosphäre als in der imposanten Eingangshalle. Wie angekündigt gab es keine Empfangsdame. Vor mir erstreckte sich eine Reihe von Türen, von denen alle bis auf zwei geschlossen waren, und abgesehen von dem gedämpften Klappern einer Schreibmaschine war es totenstill. Falls ich eine wuselige Nachrichtenredaktion voller Männer wie den beiden im Aufzug erwartet hatte, lag ich falsch. Vielleicht waren ja alle zu Recherchezwecken draußen unterwegs.
Ich umklammerte vor dem Bauch meine Handtasche und bemerkte eine halb geöffnete Tür ein Stück weit den Flur hinunter auf der rechten Seite. Ich fragte mich, ob ein verhalten gerufenes «Guten Tag!» eine geeignete Vorgehensweise wäre, die Dinge ins Rollen zu bringen.
Dann verwarf ich die Idee und klopfte stattdessen an eine der Türen. Wenn ich diese Stelle bekam, musste ich vielleicht in Amerika anrufen und mich ins Weiße Haus durchstellen lassen. Das hier war kein Ort für verzagte Gemüter.
An die Bürotür zu meiner Linken war eine Karte geklebt, auf der in sorgfältiger Schrift «Miss Knighton» geschrieben stand. An der Wand daneben hing eine Modezeichnung: Eine Frau führte darauf einen Pudel spazieren und sah dabei unendlich heiter aus. Ich konnte nicht erkennen, was das mit Weltpolitik zu tun haben sollte, aber jedem das Seine. Auf der Wand gegenüber hing eine ganz ähnliche Zeichnung, nur trug die Frau auf dieser ein Sommerkleid und lachte ganz fürchterlich über ein Kätzchen.
Ich verzog das Gesicht. Ich mochte Tiere, konnte aber nicht begreifen, wozu eine maßgebliche Zeitung in solch schwierigen Zeiten Tierbilder aufhängte. Ein Foto des Königs oder von jemandem aus dem Kriegskabinett wäre doch sicher ein angemessenerer Wandschmuck.
Vielleicht bedeuteten die Bilder, dass die Menschen hier Frohnaturen waren. Aber froh oder nicht, es war ganz entsetzlich still.
«MISS KNIGHTON!»
Ein Mann brüllte hinter der anderen halb geöffneten Tür.
«MISS KNIGHTON, Himmelherrgott … MISS KNIGHTON! Wo zum Teufel steckt sie? Ich könnte genauso gut mit einer Tauben sprechen. KEINE SORGE, ICH ERLEDIGE ES SELBST!»
Ein Rumpeln und Klirren erklang.
«Herrgott noch mal … ich Idiot.»
«Hallo?», rief ich und ging auf die Geräuschquelle zu. «Geht es Ihnen gut? Kann ich helfen?»
«Natürlich geht es mir gut. Kathleen, sind Sie das? Warten Sie.»
Nach weiterem Gerumpel kam ein schlanker Herr Mitte vierzig in den Flur gestolpert. Er war adrett in Tweedhose und passender Weste gekleidet, befand sich aber in einem recht wilden Zustand. Seine Hemdsärmel waren hochgekrempelt, das braune Haar musste dringend geschnitten werden, und seine Hände waren von schwarzer Tinte bedeckt.
Er war bestimmt ein Journalist. Es war sehr aufregend, auch wenn er mich ansah, als wolle er mich umbringen.
Der Journalist, der sich nicht vorstellte und mich stattdessen anfunkelte, weil ich nicht Miss Knighton war, schob sich die Haare aus den Augen und verschmierte Tinte auf seiner Stirn. Der Form halber tat ich so, als bemerkte ich es nicht.
«GUTEN TAG!», sagte ich mit lauter Stimme, denn wenn ich nervös bin, tendiere ich zum Schreien. «Ich bin Emmeline Lake. Ich habe ein Bewerbungsgespräch mit Mrs. Bird.»
«Oh Gott.» Er sah mich erschrocken an. «Jetzt schon?»
Ich lächelte auf beflissene, aber, wie ich hoffte, intelligente Weise. Wenigstens schien er von dem Termin zu wissen.
«Es ist um zwei Uhr», sagte ich hilfsbereit.
«Also dann. Na ja, leider ist sie nicht hier. Eigentlich ist sie nie da, was das Gute ist. Die kleinen Freuden und so weiter. Vermutlich argumentiert sie irgendeine arme Wohltätigkeitsgesellschaft oder so was in die Knie, und da haben wir den Salat.»
Er hielt inne. Mein Gesichtsausdruck schien meine unendliche Enttäuschung zu verraten.
«In Ordnung», sagte ich und versuchte, optimistisch zu bleiben.
«Sie sind also zum Bewerbungsgespräch gekommen, Miss …»
«Lake. Ja. Aber ich könnte warten, falls das ginge?» Ich blickte mich nach einer Sitzgelegenheit um, aber der Flur war leer.
«Oh, machen Sie sich deswegen keine Gedanken», sagte er nicht unfreundlich. «Sie bekommen es stattdessen leider mit mir zu tun. Aber meine Hände sind voll mit dieser verdammten Tinte …»
Ich beschloss, nicht zu erwähnen, dass sein Gesicht ebenfalls voll davon war, für den Fall, dass das weitere Flüche hervorriefe, kramte stattdessen in meiner Tasche und bot ihm mein Taschentuch an. Meine Mutter hatte eine Blume und meine Initialen darauf gestickt und es mir zu Weihnachten geschenkt.
«Danke. Unglück abgewendet.» Er begann, ihre Handarbeit zu vernichten. «Schön. Na, dann kommen Sie rein.»
Ich folgte ihm in sein Büro, wobei ich den verblichenen Namen an der Tür registrierte.
MR. COLLINS
LEITENDER REDAKTEUR KULTUR
«Achtung. Sie ist überall verteilt», sagte Mr. Collins, und ich betrat das unaufgeräumteste Zimmer, das ich je gesehen hatte.
Er zwängte sich hinter einen Schreibtisch, auf dem sich neben einem überquellenden Aschenbecher und dem bedauerlicherweise umgekippten Tintenfass turmhoch Bücher und Papiere stapelten. Die ganze Szenerie bekam einen dramatischen Anstrich durch die einzige Lichtquelle im Raum, eine verstellbare Schreibtischlampe im Industriedesign, die aussah, als habe man sie von einer dem Untergang geweihten Firma für medizinisches Bedarfsmaterial erworben.
Ich entdeckte ein blassblaues Löschblatt auf dem Boden unter dem Schreibtisch, bückte mich, hob es auf und reichte es ihm, als handelte es sich um meine Bewerbungsunterlagen.
«Ah, gut. Ja.» Er tupfte damit mutlos in der ausgelaufenen Tinte herum.
Nach ein paar Sekunden, in denen ich mich umgesehen und mich gefragt hatte, ob es unter Journalisten eine gängige Praxis sei, halbleere Brandyflaschen als Buchstützen zu verwenden, seufzte er tief, gab auf und starrte mich an.
«Gut», sagte er. «Bringen wir es hinter uns. Also, Miss Emmeline Lake, die Sie pünktlich zu Ihrem Bewerbungsgespräch um zwei bei Mrs. Bird erschienen sind und ein kleines, aber momentan äußerst wertgeschätztes Taschentuch besitzen …»
In all dem Aufruhr war dem Redakteur für Kultur und Literatur nichts entgangen. «Verraten Sie mir», fuhr er fort, «was um alles in der Welt hat Sie bewogen, sich hier zu bewerben?»
Das hatte ich zum Auftakt meines Bewerbungsgesprächs nicht erwartet.
«Also», sagte ich und erinnerte mich, wie Bunty und ich zu Hause geübt hatten. «Ich bin sehr fleißig und kann 65 Wörter pro Minute tippen und 125 Wörter Steno…»
Mr. Collins unterdrückte ein Gähnen, was mich für einen Moment aus der Bahn warf, aber ich redete weiter.
«Meine Referenzen belegen, dass ich äußerst talentiert bin und …»
Er schloss für einen Moment die Augen. Ich versuchte, etwas Gewichtigeres in die Waagschale zu werfen.
«Ich habe die letzten zweieinhalb Jahre in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, also …»
«Halten Sie sich damit nicht auf», sagte er. «Lassen Sie uns zum Punkt kommen.»
Ich wappnete mich dafür, nach den einflussreichsten Regierungsmitgliedern befragt zu werden.
«Bekommen Sie leicht Angst?»
Er kam direkt zur Sache. Ich versuchte, nicht allzu aufgeregt zu erscheinen, während ich mir ausmalte, wie ich bei einem Luftangriff durch London rasen und Menschen interviewen würde.
«Ich denke nicht», sagte ich und spielte die Tapferkeit herunter, die ich bei Bedarf hoffentlich entwickeln würde.
«Hmmm. Wir werden sehen. Sind Sie gut im Diktat?»
Oder darin, dem Chefkorrespondenten wie ein Schatten zu folgen und jedes seiner Worte zu notieren, während wir Informationen von größter nationaler Bedeutung sammelten.
«Absolut. Hundertfünfund…»
«…zwanzig Wörter pro Minute, ja, das haben Sie bereits gesagt.»
Mr. Collins schien wenig beeindruckt. Ich machte mir klar, dass ich es vielleicht auch langweilig fände, Bewerbungsgespräche mit Teilzeitkräften zu führen, wenn ich ein Redakteur für Kultur und Literatur wäre, der gegen die tickende Uhr anarbeitet, um seine brutalen Abgabefristen einzuhalten. Kein Wunder, dass dieses Büro solch ein Durcheinander war. Es war bestimmt nicht leicht, hier die Oberhand zu behalten, zumal man auf Miss Knighton nicht bauen konnte. Er war vermutlich erschöpft.
Meine Gedanken schweiften ab. Vielleicht würde das zu meinen Aufgaben gehören? Mr. Collins dabei zu helfen, seine Abgabefristen einzuhalten? Von Eingeweihten Diktate entgegenzunehmen, während er unbarmherzig die besten Nachrichten aus ihnen herauspresste. Ihn daran zu erinnern, dass er um drei ein informelles Treffen mit einem Parlamentssekretär hatte …
«Was im Grunde heißen soll, kommen Sie mit einer zänkischen alten Frau zurecht – genau genommen mit einem zähen alten Schuhleder?»
Ich bemerkte, dass ich versehentlich aufgehört hatte zuzuhören.
Mir war nicht ganz klar, was zähes altes Schuhleder mit dem Evening Chronicle zu tun haben sollte. Ich dachte an meine Großmutter, von der Vater sagte, dass sie seit vor dem letzten Krieg nicht mehr gelächelt hatte.
«Oh ja», sagte ich selbstbewusst. «Ich bin wirklich gut mit zähem altem … äh, damit.»
Mr. Collins hob eine Augenbraue und hätte beinahe gelächelt, besann sich aber augenscheinlich eines Besseren, denn er tastete seine Westentasche ab und fischte ein Zigarettenetui heraus. «Gut», sagte er und stützte sich auf die Ellenbogen, während er sich eine Zigarette anzündete. Er nahm einen langen Zug und grinste. «Also, sehen Sie, Miss Lake. Sie wirken auf mich einigermaßen angenehm.»
Ich versuchte, nicht allzu begeistert dreinzuschauen.
«Sind Sie sich bei der Sache sicher? Die letzte Gehilfin hat es eine Woche ausgehalten. Und die davor hat es nicht bis zum Abend geschafft. Allerdings war das teilweise meine Schuld», fügte er zur Klarstellung hinzu.
«Das ist sicher nicht der Fall», log ich und dachte an das Nebelhorn-Getröte nach Miss Knighton. «Wie auch immer, was einen nicht umbringt …»
«Hmm?»
«… macht einen stärker», traute ich mich zu sagen. «Worte werden mir nichts anhaben.»
Mr. Collins sah mich wieder an, und ich hatte das Gefühl, dass er seinen Gedanken nicht aussprach. Schließlich spitzte er die Lippen und nickte.
«Ich denke, Sie sind gut genug», sagte er. «Sie könnten tatsächlich gut genug sein. Wann können Sie anfangen?»
Falls ich ihn richtig verstanden hatte, war dies der beste Tag meines Lebens. Es machte mir keine Sekunde etwas aus, dass er mich nicht nach den Themen gefragt hatte, auf die ich mich seit Tagen vorbereitet hatte, und all die tiefsinnigen Fragen, die ich zu stellen vorgehabt hatte, flogen aus meinem Hirn, sobald er das Wort «anfangen» sagte.
«Meine Güte», sagte ich, wobei es mir nicht gelang, den kultivierten Eindruck zu erwecken, den ich angestrebt hatte. Ich versuchte es erneut: «Danke, Sir. Aufrichtigen Dank. Ich könnte meine Kündigung sofort einreichen, falls das erwünscht ist?»
Nun sah ich die Andeutung eines Lächelns. «Ich würde sagen, das ist es», antwortete er. «Auch wenn Sie mir vielleicht nicht mehr danken werden, sobald Sie einmal hier sind, wissen Sie?»
Ich wette um jeden Preis, dass doch, dachte ich, sagte es aber nicht. Beinahe Angestellte einer berühmten Zeitung zu sein, war alles, was zählte. Mr. Collins schien eher der sarkastische Typ zu sein, und ich war mir sicher, dass seine Warnungen einfach Teil seiner Gepflogenheiten waren.
«Danke, Mr. Collins», sagte ich, als wir uns die Hände schüttelten. «Ich verspreche, Sie nicht zu enttäuschen.»
Im Rückblick betrachtet stellte sich mein Versäumnis, Mr. Collins auch nur eine einzige Frage nach meinen Aufgaben zu stellen, als Fehler heraus.
Aber vor lauter Sind-Sie-das,-Miss-Knighton? und Fragen nach zähem altem Schuhleder und der Aufregung darüber, in einem echten Zeitungsverlag zu sein, war mir das ganz entfallen. Weswegen einige Verwirrung entstand, als ich drei Wochen später leicht nervös in einem braun karierten Kostüm, das ich aus einem alten Kostüm meiner Mutter neu hatte machen lassen, mit meinem Lieblingsfüller, drei neuen Bleistiften und einem Ersatztaschentuch in der Handtasche an meinem Arbeitsplatz erschien.
Ich hatte meine Stelle bei Strawman’s mit vielen guten Wünschen verlassen und war mehrfach ermahnt worden, meine Kollegen dort nicht zu vergessen. Dann war ich über Weihnachten heim nach Little Whitfield zu meinen Eltern gefahren. Angesichts der neuen Stelle, auf die ich mich freuen konnte, und der Tatsache, dass die Läden trotz allem für schöne Auslagen sorgten, war es ein fröhliches Fest, auch wenn mein Bruder Jack keinen Urlaub bekommen hatte. Weil Weihnachten war, taten wir alle so, als seien wir deswegen nicht betrübt oder würden uns keine Sorgen um ihn machen, obwohl dem nicht so war. Dann bekamen wir am ersten Weihnachtsfeiertag Besuch von Bunty und ihrer Granny, was alle mächtig aufheiterte. Ich hatte immer noch nichts von Edmund gehört, was mich aber nicht beunruhigte, denn manchmal hörte man wochenlang nichts und bekam dann vier Briefe auf einmal. Ich war ziemlich sicher, dass ich bald eine Nachricht von ihm erhalten würde – vermutlich mit einem gezeichneten Weihnachtsbaum oder einer verschneiten Landschaft, denn Edmund zeichnete sehr gern. Ich hatte ihm natürlich von meiner neuen Stelle geschrieben, und auch wenn er in der Vergangenheit meinen Traum, Kriegsberichterstatterin zu werden, belächelt hatte, war ich sicher, dass er sich für mich freuen würde. Ich versuchte, mir keine Sorgen darüber zu machen, dass er von mir verlangen könnte, meine Arbeit aufzugeben, wenn wir verheiratet wären, und da wir noch keinen Termin für die Hochzeit vereinbart hatten, verdrängte ich den Gedanken einfach.
Als wir zurück in London waren, begann das Jahr bitterkalt. Wir wären gut ohne dieses Wetter ausgekommen, aber die Mädchen auf der Feuerwache überlegten, dass sich die deutsche Luftwaffe nach den schrecklichen Prügeln, die sie der Stadt kurz nach Weihnachten verpasst hatte, vielleicht von dem Wetter abhalten ließ. Thelma war sich sicher, dass es ein sehr gutes Zeichen war, und Joan war überzeugt, die ganze Angelegenheit wäre bald vorüber, wenn es nur einer kleinen Kältewelle bedurfte, um den Kampfgeist des Feindes zu schwächen.
Was auch immer geschah, nichts konnte meine Jubelstimmung trüben, als ich im Launceston-Press-Gebäude mit dem wundervollsten Brief in der Hand eintraf:
Launceston Press Ltd.,
Launceston House,
London EC4.
Montag, 16. Dezember 1940
Sehr geehrte Miss Lake,
im Anschluss an Ihr Bewerbungsgespräch mit Mr. Collins bestätige ich hiermit Ihre Anstellung als Teilzeit-Gehilfin zum Montag, den 6. Januar 1941.
Sie werden jeden Tag von neun Uhr bis dreizehn Uhr zum Dienst erscheinen. Dieser beinhaltet eine Teepause von zehn Minuten, jedoch keine Mittagspause.
Ihr Gehalt beläuft sich auf 19 Shilling pro Woche, und Sie erhalten jährlich sieben Tage bezahlten Urlaub.
Melden Sie sich bei mir, Mrs. Bird, Punkt neun Uhr am Tag Ihres Dienstantritts.
Hochachtungsvoll
Mrs. H. Bird
Geschäftsführende Herausgeberin
Geschäftsführende Herausgeberin! Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, dass Mrs. Bird geschäftsführende Herausgeberin war und meine Stelle also bedeutete, dass ich für eine so wichtige Person arbeiten würde. Und dazu noch eine Dame! Ich war mächtig beeindruckt. Auch wenn die meisten jungen Männer eingezogen worden waren, war es dennoch sehr fortschrittlich vom Chronicle, einer Frau die Verantwortung zu übertragen.
Diesmal war ich bei meiner Ankunft im Launceston House eher aufgeregt als nervös. Ich hätte auf der Treppe zwei Stufen auf einmal genommen, wenn das in meinen Büroschuhen möglich gewesen wäre, aber ich nahm vernünftigerweise den Aufzug, so weit er reichte, und versuchte, schicklich und in voller Schönheit oben anzukommen.
Mir war klar, dass ich als Gehilfin ganz unten anfangen würde, aber das machte mir nicht das Mindeste aus. Ich stellte mir vor, wie ich mich mit aufgeweckten Leuten anfreunden und zwischen Ehrfurcht gebietenden Bergen harter Arbeit die neuesten Nachrichten des Tages erörtern würde, wobei ich tippte wie eine Verrückte oder in unglaublichem Tempo Diktate entgegennahm. Dann würde ich vielleicht – mit der Zeit – gelegentlich eine Idee für einen Artikel einbringen oder, sollte jemand erkrankt sein, dessen Stelle einnehmen, um ihn am Tatort eines schrecklichen Verbrechens oder mitten in der Nacht bei einem Bombenangriff zu vertreten.
Ich kam im fünften Stock an, einsatzbereit, aber in der Erwartung, dass sie mich gleich wieder nach unten in die größeren, helleren Stockwerke schicken würden, wo sich Mrs. Birds Büro befinden musste. Es machte mir nichts aus, wenn ich in einer Besenkammer sitzen musste, aber die geschäftsführende Herausgeberin hatte mit Sicherheit ein sehr beeindruckendes Büro, vielleicht sogar eine Zimmerflucht.
Als ich durch die Schwingtür trat, empfing mich ein leerer Flur. Ich hatte erwartet, dass in den Büros am Montagmorgen reger Betrieb herrschen würde, schließlich gab es keinen Mangel an neuen Nachrichten. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass ich als Teil meiner Aufgaben bestimmt den einen oder anderen betrüblichen Bericht abtippen musste. Aber das war ja das Mindeste, was ich tun konnte. Die Tatsache, dass Miss Knighton anwesend zu sein schien, heiterte mich indes auf. Ihre Bürotür stand nämlich offen, und ich hörte ihre Schreibmaschine – sie war schrecklich schnell.
Ich riskierte, bei etwas Entscheidendem zu stören, und klopfte an die Tür.
«Hallo», sagte ich und steckte den Kopf in den winzigen Raum. «Es tut mir leid, dass ich Sie belästigen muss, aber ich bin die neue Gehilfin. Könnten Sie mir bitte sagen, in welchem Stock Mrs. Bird arbeitet?»
Miss Knighton, ein sommersprossiges Mädchen ungefähr in meinem Alter mit grünen Augen und bedauernswertem Haar, sah mich ausdruckslos an.
«Stock?»
«Ja, in welchem Stockwerk ist ihr Büro?»
«Na ja», sie zögerte, als sei das eine komplizierte Frage. «In diesem.»
Miss Knighton kam mir zu jung vor, um eine Exzentrikerin zu sein, aber da ich neu war und man sich mit übermäßiger Distanziertheit keine Freunde macht, dachte ich mir nichts dabei.
«Gleich gegenüber», fuhr sie fort. «Die Tür ohne Namensschild. Letzte Woche ist es abgefallen, und es ist noch keiner hochgekommen, um es wieder zu befestigen.» Miss Knighton hatte die Stimme zu einem Flüstern gesenkt, als sei dieses Versäumnis ein fürchterliches Vergehen.
Das plötzliche Geräusch einer Tür, die aufgestoßen wurde, ließ sie beinahe aus dem Stuhl fahren und noch schneller als zuvor wieder lostippen. Da ich dies als Hinweis nahm, schoss ich aus dem Zimmer und direkt in die Türaufstoßerin hinein.
«Ach herrje», sagte ich, trat einen Schritt zurück und blickte zu der bedrohlichen Gestalt auf. «Tut mir schrecklich leid.»
«Das hoffe ich auch», sagte die Frau. «Das war mein Fuß.»
Ich blickte auf den makellos polierten Halbschuh mit meinem Fußabdruck darauf und versuchte, nicht aufzustöhnen. Ich hatte sie sofort erkannt. Es war die ungewöhnliche Dame, der ich am Tag meines Bewerbungsgesprächs vor dem Bürogebäude in die Arme gelaufen war. Unter ihrem gefederten Hut hatte sie denselben Gesichtsausdruck wie Churchill in den Abendnachrichten, wenn Hitler ihn wieder an der Nase herumgeführt hatte.
Sie schien mich ebenfalls zu erkennen, was mich noch weniger optimistisch stimmte. Ich blickte wieder auf ihren Schuh und war kurz davor, einen hysterischen Lachanfall zu bekommen.