
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «From the Corner of the Oval» bei Spiegel & Grau, einem Imprint von Random House/Penguin Random House LLC, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2018
Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
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«From the Corner of the Oval» Copyright © 2018 by Rebecca Dorey-Stein
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ISBN Printausgabe 978-3-499-63352-2 (1. Auflage 2018)
ISBN E-Book 978-3-644-40348-2
www.rowohlt.de
Hinweis: Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
ISBN 978-3-644-40348-2
Zum Schutz der Privatsphäre habe ich Namen und eindeutige Persönlichkeitsmerkmale bestimmter Personen verändert und mich dabei Pseudonymen, Zusammensetzungen und diverser anderer Tarnmethoden bedient. Zugunsten der Erzählung habe ich Ereignisse und Zeiträume immer wieder chronologisch verändert, umgestellt und/oder gerafft. Dialoge habe ich unter Zuhilfenahme von Aufzeichnungen, hochnotpeinlich zu lesenden Tagebucheinträgen, Notizen auf meinem Telefon und E-Mails an meine Mutter nach besten Kräften nacherzählt. Leser, die meinen, sich wiederzuerkennen, verweise ich auf den wunderbaren Track Nr. 3 von Carly Simons Album No Secrets, «You’re So Vain». Die zweite Möglichkeit: Mixt euch einen starken Drink und zieht euch zurück in das von der unvergleichlichen Joan Didion beschriebene berüchtigt unbequeme Nest, das ihr euch selbst bereitet habt.
Beck Dorey-Stein
Für alle Hartnäckigen
Turn the God damn music up!
My heart feels like an alligator!
Hunter S. Thompson
Die Regeln einhalten, die grammatikalischen und alle anderen auch.
Vorzeitig da sein und die Klappe halten.
Diskret und gepflegt lautet die Devise – wie eine Bibliothekarin oder gutbezahlte Prostituierte.
Neutrale Töne bestimmen den Ton.
Leise atmen oder gar nicht.
Das Semikolon stets sparsam verwenden; die Konvention nie in Frage stellen.
Leben, um zu tippen, nicht tippen, um zu leben.
Niemals das böse «V-Wort» (Voice Recognition Technology – die Spracherkennungstechnologie) ansprechen.
Die Zuverlässigkeit des «V-Wortes» unbedingt bestreiten.
Weibliche Ausstrahlung ja, aber bitte strikt asexuell.
Kein Techtelmechtel am Arbeitsplatz – auch sonst nirgendwo; niemals.
Nicht nach Perfektion streben. Perfekt sein.
Und vor allem: Geheimnisse für sich behalten.
ICH SOLLTE KEINE STENOGRAPHIN SEIN.
Dieser Ort
An Abenden wie heute warte ich auf die Stimme Gottes.
Gleich ist es so weit. Gleich wird Präsident Obama im East Room des Weißen Hauses eine Rede halten. Gar nicht weit weg, drei Flure entlang, quer über einen Parkplatz und fünf Stockwerke nach oben liege ich im Eisenhower Executive Office Building – kurz EEOB – in meinem winzigen Büro auf dem Sofa. Die untergehende Sonne taucht das Zimmer in glühendes Orange. Die Stimme Gottes gehört dem unsichtbaren Menschen, der den Zuhörern den Präsidenten ankündigt. Ich liege hier und warte.
Gleich ist es so weit.
Ich bin inzwischen Weltmeisterin im Warten. Könnt ihr euch noch erinnern, wie es damals war, als wir Kinder waren? An diese ganz besonderen Tage, an denen man nach dem Abendessen noch mal zurück in die Schule durfte, um auf dem Weihnachtskonzert zu musizieren oder im Schultheater zu spielen? Man rannte voraus, an dem verlassenen Klassenzimmer vorbei, dem Lärm der anderen entgegen, dem Lachen, den beruhigenden Geräuschen der Lehrer. Jeder Schritt pulsierte mit unbändiger Energie, und das Herz raste vor Aufregung, weil man sich zu einer magischen Stunde in den heiligen Hallen befand. Nur noch um eine allerletzte Ecke, und schon war man da. Alle waren sie in der Aula versammelt, die Klassenkameraden, ordentlich aufgereiht, in schwarzen Hosen und weißen Hemden oder Blusen, und sie winkten einen zu sich in die Reihe, denn an so einem Abend war alles möglich. Man war am richtigen Ort.
Dann erklingt die Stimme Gottes, ich stehe auf, trete vor den Videomonitor und stelle den Ton an. Kurz darauf erscheint der Präsident auf dem Schirm. Er scherzt ein bisschen mit seinem Publikum und gönnt sich die für ihn so typischen Pausen, ehe er sich dem Thema des Abends zuwendet. Er ist eloquent, lässig, zugewandt. Applaus übertönt seine Worte, als der Präsident zum Schluss sein Publikum und die Vereinigten Staaten von Amerika preist. Ich tippe die Abschrift, lese Korrektur und schicke das Skript an die Pressestelle. Dann schließe ich den Reißverschluss meiner Jacke, schultere den Rucksack und ziehe die schwere Holztür hinter mir zu.
Es ist nach neun Uhr abends, als ich durch die leeren Flure gehe. Von dem schwarz-weißen Marmorboden hallen Geheimnisse und Verheißung wider.
Dieser Ort war die letzten fünf Jahre mein Zuhause. Fünf Jahre lang war dies der einzige Ort, an dem ich sein wollte. Das ist vorbei. Seit November fühlt sich jeder Tag wie ein Begräbnis an. Ich habe den Flur für mich allein – sogar die Hausmeister in ihren blauen Kitteln mit den schweren Putzwagen sind irgendwo anders unterwegs. Offen stehende Türen geben den Blick auf leere Schreibtische frei, auf nackte Wände, leere schwarze Bilderrahmen, auf Papierstapel neben überquellenden Papierkörben. Jeder Raum ist die schematische Abbildung eines bestimmten Stadiums einer unwiderruflichen Trennung.
Durch die langsam aufgleitende automatische Glastür des EEOB trete ich hinaus in die frostige, dunkle Januarnacht. Vom Kopfende der Freitreppe sehe ich Menschengruppen nach ihrer Führung durch den West Wing unter den Laternen stehen. Bis auf das dumpfe Scheppern der Flaggenleine gegen einen Fahnenmast ist alles still. Dieser Ort fühlt sich jetzt schon nach Mausoleum an und nicht mehr wie die perfekt geölte Maschinerie, die ich kenne. Über dem Weißen Haus hängt ein fetter Vollmond wie eine Fahne auf halbmast.
Dieser Ort ist meine Grundschule. Dieser Ort ist mein Tempel. Dieser Ort ist alles für mich – und er schwindet mit jedem Tag, der vergeht.
Ich gehe an seinem Auto vorbei und lasse den Finger sachte über den Kotflügel gleiten, wohl wissend, dass in dem im Leerlauf parkenden SUV Secret-Service-Agenten sitzen, die mir dabei zusehen. Nachdem ich dem neuen Wachmann in der Spätschicht zugewinkt habe, scanne ich meinen Ausweis, höre das Summen, das Klicken, das Knarzen und trete hinaus auf die menschenleere Pennsylvania Avenue.
Dieser Ort.
Dieser Ort.
Dieser Ort könnte einem das Herz brechen.
Alle reden ständig nur vom Ende, aber ich kehre immer wieder zum Anfang zurück.
2011–2012
Wir schaffen das. Das weiß ich, denn wir haben es schon mal geschafft.
Präsident Barack Obama
Rede zur Lage der Nation 2012
2011–Januar 2012
«Und? Was machst du beruflich?», lautet die erste Frage, die man in D.C. zu hören kriegt, und die letzte, die man beantworten will, wenn man, wie ich, keinen Job hat. Es ist Oktober 2011, und ich verbringe seit dem Sommer jeden Tag von neun bis fünf zu Hause am Küchentisch und schreibe Bewerbungen, die kein Mensch je lesen wird. Ich lege die Latte tiefer und immer noch tiefer. Inzwischen hoffe ich nicht mal mehr auf echte Bewerbungsgespräche, sondern nur noch auf allgemeine Antwortschreiben, die den Eingang meiner Bewerbung bestätigen, weil ich dann wenigstens weiß, dass ich – im Gegensatz zu meinen Ersparnissen und meiner Zuversicht – doch noch existiere. Ich habe Arbeitgeber schätzen gelernt, die genug Taktgefühl besitzen, meine Bewerbung mit einer höflichen Mail abzulehnen. Die eher schlampig angelegte Google-Tabelle auf meinem Desktop bescheinigt mir null Aussichten auf einen Job, dafür haufenweise Studienkredite und eine Miete, die in vier Tagen fällig ist. Und jetzt muss ich zu allem Überfluss noch mehr Geld, das ich nicht habe, in einer Bar voller Vollidioten auf den Kopf hauen.
Dante hat vergessen, den zehnten Kreis der Hölle zu erwähnen. Der zehnte Kreis der Hölle ist für Menschen reserviert, die in einer miesen Kneipe mit klebrigem Fußboden voll politischer Fachidioten zwei Blocks entfernt vom Weißen Haus während der Happy Hour so tun, als wären sie happy. Seelenlose Kneipen im Stil von TGI Fridays, nur dass die Cocktails siebzehn Dollar kosten und in meinem Kopf, sobald ich einen dieser Läden betrete, automatisch der Soundtrack vom Weißen Hai erklingt.
Die Frage kommt unweigerlich; sie lauert dicht unter der Oberfläche wie ein geduldiger Raubfisch: Was machst du beruflich? Was machst du? Was machst du?
Die Happy Hours in D.C. sind dürftig verschleierte Gelegenheiten, um zu netzwerken oder abzuschleppen oder beides. Ich will keins von beidem, trotzdem bin ich im Gold Fin, weil ich meinem Freund versprochen habe, mich mit der Freundin seines Arbeitskollegen darüber zu unterhalten, eventuell für ihren Think-Tank Recherchen zu erledigen. Jetzt, wo ich hier bin, erscheint mir ein Gespräch mit Think-Tank-Tracey allerdings die reinste Zeitverschwendung für alle Beteiligten. Ich passe weder besonders gut in einen Think-Tank noch in eine PR-Agentur oder irgendeine NGO; ich habe seit Wochen nicht mal mehr eine Standardabsage bekommen. Langsam, aber sicher wird mir klar, dass ich generell nicht besonders gut in diese Stadt passe, in der alle ständig so tun, als beherrschten sie etwas, das andere nicht können, und sich kleiden wie zu einem Mafia-Begräbnis 1985. Schwarz in Schwarz in Schwarz. Und ich rede jetzt nicht von coolem New-York-City-Schwarz. Ich rede von langweiligem, uninspiriertem, schlechtsitzendem Schwarz von der Stange.
Statt auf die Suche nach Think-Tank-Tracey mache ich mich lieber auf die Suche nach dem Barkeeper. Ich versuche, mich so schnell wie möglich zu betrinken, dann muss ich mir wenigstens keine Sorgen mehr um meinen Kontostand machen oder darum, was ich auf die unausweichliche «Was-machst-du?»-Frage antworten soll. Langsam verschwimmen die scharfen Umrisse des Raums, der Fußboden ist nicht mehr ganz so klebrig, und das Leben wirkt plötzlich amüsant und witzig und so wunderbar ironisch.
Während ich an der Bar auf den nächsten Drink warte, beobachte ich die Pantomimen der leitererklimmenden Wackeldackel, die ungeduldig den perfekten Augenblick herbeisehnen, um endlich ihre frischgedruckten Visitenkarten zu zücken. Diese uniformen Mittzwanziger, diese Donnerstagabendfreizeitkicker und Samstagabendfreizeitkampftrinker sind so aufregend wie die weiß gekalkten Wände dieser Bar, trotzdem strahlen sie eine solche Arroganz aus, dass wohl doch ich die mit dem Manko bin. Schließlich sind diese Typen echte Menschen mit echten Jobs und echten Gehaltsschecks. Young Urban Professionals, die definitiv niemals an einem stinknormalen Mittwochnachmittag in Jogginghose im Supermarkt anzutreffen sind. Ich starre tief in mein Glas und fange an zu grübeln. Wann genau habe ich eigentlich dermaßen den Anschluss verloren? Wann bin ich zur sechsundzwanzigjährigen Loserin ohne Job und ohne Perspektive geworden, die nicht mal finanziell genug Verantwortungsbewusstsein besitzt, um zu Hause zu trinken?
Ich habe zwei Cape Codder intus und warte gerade auf den dritten, als sich ein Typ mit heftigem Seitenscheitel und der sichtbaren Sehnsucht, wie sein Vater zu sein, neben mich drängelt, sich vorstellt und ganz beiläufig fragt: «Und was machst du beruflich?»
Bei anderen Leuten in meiner Situation heißt das dann gerne mal «Ich wechsle gerade den Job» oder «Ich orientiere mich gerade neu», aber es wissen doch sowieso alle, was das bedeutet, und ich hasse es, Unsinn zu reden. Also sehe ich den Reagan-Fan mit dem Milchbubigesicht offen an und sage ihm, ich hätte keinen Job.
Er behält sein weltgewandtes Lächeln bei, aber ich kann es rattern sehen, sehe, wie sich hinter seiner Stirn die winzigen Zahnrädchen drehen. Er legt den Kopf schief, als ließe sich mein Zustand aus einem anderen Winkel besser einschätzen. So müssen sich dreibeinige Hunde fühlen, denke ich.
Der Witz an der Sache: Niemand interessiert sich für das, was du machst. Sie fragen nicht, weil sie neugierig sind, wie du deinen Tag verbringst oder wo deine Interessen liegen. Diese D.C.-Kreaturen wollen nur wissen, ob du wichtig bist oder Verbindungen hast, ob du Macht hast oder Geld. Das sind die Dinge, die eine Karriere voranbringen helfen. Ein arbeitsloses Mädchen, das am Tresen steht und sich volllaufen lässt, ist für niemanden von Wert.
Der Reagan-Fan macht, sobald er sein Bier in Händen hält, einen Rückzieher und gibt mir nicht mal seine Visitenkarte – und ich kippe, so schnell es geht, meinen dritten Drink und verlasse die Bar, ehe Think-Tank-Tracey aufkreuzt. Auf dem Nachhauseweg schreibe ich meinem Freund eine Nachricht, um ihm zu sagen, dass ich von Happy Hours endgültig die Nase voll habe. Sie sind mir zu deprimierend.
Ich war im Frühjahr 2011 nach D.C. gezogen, um ein Semester lang an der Sidwell Friends School als Nachhilfelehrerin zu arbeiten. Der Plan lautete, drei Monate in der Hauptstadt zu bleiben und keine Sekunde länger. Wer will schon in Washington D.C. leben? Ich kannte genug Leute, um mir meine drei Monate in der Hauptstadt spannend zu gestalten, und hatte gleichzeitig genug Selbstachtung, um zu wissen, dass D.C. und ich nie füreinander gemacht waren. Washington D.C., das sind Mädchen, die nie fluchen und niemals ohne perfektes Make-up das Haus verlassen; Typen, die für sich und ihre zehn besten Kumpel zum Sonntagsbrunch reservieren und fünfzehn Prozent Trinkgeld für ganz normal halten. Ich war mit zwei Koffern und weit geöffneten Augen zu einem Deal in die Stadt gekommen – ich wollte D.C. dazu nutzen, um meine Vita zu pushen, und dafür bekam D.C. mein ganzes Geld für Miete und labbrige Elf-Dollar-Sandwiches.
Als exklusive Quäkerschule protzt Sidwell Friends mit einer ansehnlichen Ehemaligenliste, angefangen bei Teddy Roosevelts Sohn bis zu Chelsea Clinton. Sidwell ist ein Druckkochtopf, hier stehen bei den berühmten Freitagsreden schon mal Eltern am Rednerpult, die zufällig Kongressmitglieder sind, und ich wunderte mich nicht besonders, als mir klarwurde, dass gerade Sidwell-Schüler schreckliche Angst haben, nicht klug genug oder gut genug in Oboe/Squash/Debattieren oder alles auf einmal zu sein, um eine College-Zulassung zu kriegen. Also verbrachte ich neben der Nachhilfe in Aufsatzstruktur und Unterstützung bei Facharbeiten einen guten Teil meiner Englischstunden damit, sechzehnjährige Teenager zu pampern, ihnen den Rücken zu stärken und zu versichern, dass sie sehr klug waren, ganz bestimmt aufs College gehen würden und natürlich absolut Prom-Date-würdig waren. Mit anderen Worten, mein Job im Frühjahr 2011 lautete, hormongebeutelten Stresskugeln beim Relaxen zu helfen.
Das Schulgelände war genauso toll wie die superschnuckligen, superdurchtrainierten Sportlehrer, die mir ständig über den Weg liefen. Ich vermutete hinter dieser Dichte an coolen Typen ein erstklassiges, höchst experimentelles Outdoor-Sport-Programm. Als Singlefrau, deren Zeit auf dem Campus begrenzt war, verschwendete ich keine Sekunde auf unangebrachte Zurückhaltung. Doch jedes Mal, wenn ich einem dieser lebenden Barbie-Kens im sexy Kurzarmhemd ein freundliches «Hallo!» zurief, erntete ich lediglich ein schmallippiges Lächeln und null Interesse.
Als ich eines Tages in der Cafeteria wieder mal einem Typen mit extrakantigem Kinn gegenübersaß, wagte ich den Schritt und stellte mich vor. Er lächelte mich verlegen an und sagte, er würde arbeiten. «Woran denn?», fragte ich verständnislos. Er saß ohne irgendwelche Unterlagen an einem leeren Tisch und arbeitete? Er nickte mit dem Kopf zu einer Gruppe Mädchen hinüber, die an einem Tisch schräg vor uns saßen. Ich checkte es immer noch nicht. Erst als eins der Mädchen «Malia!» kreischte und der ganze Tisch in Gelächter ausbrach, fiel der Groschen.
Ach so. Obamas Töchter besuchten Sidwell, und Joe Bidens Enkeltöchter ebenfalls. Diese Jungs waren gar keine männlichen Models, die nebenbei als Sportlehrer arbeiteten. Die waren vom Secret Service.
Das mit den Secret-Service-Agenten gab ich etwa zur selben Zeit auf, als ich D.C. an sich aufgab. Die Stadt war mir zu zugeknöpft, zu politikbesessen. Wenn der Job in Sidwell im Juni vorbei war, wollte ich mein Zeug packen und gehen, wo immer mein nächster Job mich hintragen würde.
Natürlich war in D.C. nicht alles schlecht – Sarah, Charlotte, Emma und Jade würde ich schon vermissen, meine vier ehemaligen Lacrosse-Teamkameradinnen vom College, die in Foggy Bottom genauso nah beieinander wohnten wie damals im Studentenwohnheim. Mit alten Freundinnen im selben Viertel zu leben, fühlte sich an wie auf einem kleinen Uni-Campus. Immer Wirbel, immer was los. Immer irgendwo auf einem Dach eine Happy Hour oder eine Geburtstagsfeier, freitags Jazz im Skulpturengarten der National Gallery und sonntags alkoholseliges Get Together zum Brunch, das mittags anfing und erst weit nach Sonnenuntergang endete. Wir trafen uns zu fünft zum Joggen im Rock Creek Park, liefen runter zur National Mall, umrundeten die Denkmäler und fingen an zu quengeln, weil wir unseren Schnitt aus der Vorsaison nicht halten konnten.
«Lustig, oder?», sagte Sarah eines Samstags, als wir untergehakt zu einer Party auf der Siebzehnten Straße spazierten. JD und Elle, ebenfalls zwei Wesleyan-Ehemalige, schmissen das erste Grillfest der Saison. «D.C. fühlt sich irgendwie an wie das neue Wes.»
«Nur ohne Lernen und Stress und sich auf Lacrosse-Turnieren in Maine den Hintern abfrieren.» Jade schauderte bei der Erinnerung.
«Und ohne Jungsdramen», sagte Charlotte. «Oder gibt es ein Jungsdrama?»
Ihr Ellbogen bohrte sich in meine Rippen, und alle blieben stehen, um mich anzusehen.
«Nein!»
«Wirklich nicht?», fragte Emma. «Immer noch kein Glück bei deinen Secret-Service-Jungs?»
«Definitiv nicht. Macht auch nichts, ich habe kein Interesse an Typen, solange ich noch in D.C. bin.»
«Heißt das, du hast Interesse an Mädchen?», fragte Jade augenzwinkernd.
«Ich bin nur noch einen Monat hier. Ich verschwende meine Zeit nicht damit, mich mit irgendwelchen Möchtegern-Napoleons zu treffen.»
Für ein verlängertes Wochenende ist Washington super, etwa um sich die Kirschblüte und die Denkmäler anzusehen, aber auf mich wirkte das Ethos dieser Stadt voller politischer Fachidioten ungefähr so sexy wie Patrick Bateman in American Psycho. Sogar der Typ an der Kasse bei Trader Joe’s wollte, während er meine Käseflips über den Scanner zog, wissen, was ich beruflich mache.
Mein Privatleben fühlte sich zur Abwechslung richtig unkompliziert an. Ich war mit ganz D.C. befreundet, ich fühlte mich super, und das Letzte, was ich im Frühjahr 2011 wollte, war, mich in diesem Egosumpf von Stadt an einen Typen zu ketten.
Weswegen ich mich – natürlich – ausgerechnet auf dem ersten Grillfest der Saison Hals über Kopf verknallte.
Es war ein warmer, feuchter Abend, und ich kippte gerade meinen zweiten Cape Codder, als der Nachbar von oben mit einem Bier und einer Schale Chips auf die Veranda kam. Er war groß, hatte sandblonde Haare und die typisch lässige Offenheit eines versprengten Kaliforniers. «Hey. Ich bin Sam», sagte er und streckte mir seine riesige Hand entgegen.
Zwischen kräftigem Sportlerhals und moosgrünen Augen prangte das niedlichste Gesicht, das ich je gesehen hatte. Daran konnten auch die sichtbaren Schlammspuren eines ganztägigen Rugby-Turniers nichts ändern. Jedes Mal, wenn er mich ansah, fing mein Herz an zu tanzen wie diese aufblasbaren Skydancer-Männchen vor manchen Autohäusern. Als Sam über einen meiner Witze lachte, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen. Nach etwa einer Stunde verabschiedete er sich von seinen Freunden, und im gleichen Augenblick lief Dr. Dogs Coverversion von «Heart It Races» – mein absolutes Lieblingslied. Ehe Sam verschwand, flüsterte er mir ins Ohr, Dr. Dog sei eine seiner Lieblingsbands.
«Dich hat’s erwischt!», quietschte Sarah auf dem Nachhauseweg.
«Hasta la vista, Männerabstinenz!», lachte Jade und seufzte.
«JD schreibt, Sam hätte eben nach deiner Nummer gefragt.» Charlotte sah feixend von ihrem Handy hoch.
«Soll er haben!», rief Emma.
Sam war anders als die anderen Typen in D.C. Klar, er arbeitete in einer PR-Agentur und war politischer als ich, aber das waren hier alle. Und ja, er hatte sich 2008 als Freiwilliger im Obama-Wahlkampf engagiert, aber in D.C. hatte sich jeder in meinem Alter für «Obama For America» engagiert – das gehörte hier zur Standardlaufbahn: Highschool, vier Jahre College, OFA. Ich erntete regelmäßig fassungslose Blicke, wenn ich den Leuten erzählte, ich hätte im Herbst 2008 Englisch unterrichtet. Wie war es möglich, dass ich 2008 freiwillig unterrichtet hatte, anstatt mich für den besten Präsidenten aller Zeiten zu engagieren? Die Idee, dass ich nach dem Abschluss endlich anfangen musste, meine Studienkredite zurückzuzahlen – dass ich es mir, selbst wenn ich von der Freiwilligenarbeit für die Kampagne gewusst hätte, nicht hätte leisten können –, kam niemandem in den Sinn.
Im Gegensatz zu Sam – er checkte es, und er checkte mich. Er fand es toll, dass ich Lehrerin war, dass ich mir weder was aus Visitenkarten noch aus Jobtiteln machte. Wir fingen an, uns den ganzen Tag zu schreiben und uns jeden Abend zu sehen. Uns war bewusst, wie halsbrecherisch unser romantischer Kurzfilm war, und wir hielten unerschrocken das Tempo.
Zwei Wochen nach dem Grillfest standen wir bei Whole Foods an der Kasse. Während wir den Wagen ausräumten, sagte ich zu Sam, einfach so: «Eigentlich sind wir zusammen, oder?», und damit war es einfach so plötzlich offiziell. Wieder zwei Wochen später begleitete er mich auf die Hochzeit meines Bruders und lernte mitten im Hyperstress meine Familie kennen. Meine Mutter mochte Sams zupackende Art (er reparierte die Bank im Vorgarten). Mein Vater mochte seinen Händedruck (fest, aber nicht tödlich). Meine kleine Schwester mochte seine Turnschuhe. Mein großer Bruder, der Bräutigam, bezeichnete mich als «völlig durchgeknallt», weil ich einen nagelneuen Freund auf eine Familienfeier mitschleppte. «Elizabeth ist ganz meiner Meinung», ließ seine Zukünftige mir am Telefon ausrichten.
An dem Abend, als alle in einem großen weißen Zelt in unserem Garten tanzten, sagte Sam mir, dass er mich liebte. Wir waren ungefähr hundert Meter weit von meiner alten Schulbushaltestelle entfernt. Mein Bruder hatte recht. Ich war absolut und völlig durchgeknallt. Genau wie Sam, zum Glück.
In einer guten Beziehung hilft einer dem anderen zu wachsen und zwingt einen aus der eigenen Komfortzone hinaus, und Sam tat beides in kürzester Zeit. Optimismus war seine Grundhaltung. Seine Küsse und die lässige, südkalifornische Ausstrahlung machten mich so entspannt wie noch nie. Es fühlte sich an, als würde ständig ein Kätzchen schnurrend auf meinem Brustkorb schlafen.
Die Abende dieses Sommers kamen mir vor wie trunkene, melodische, traumverlorene Spaziergänge. Tagsüber war Sam in seiner Agentur, und abends spielte er in einer Band namens Fear of Virginia. Er kannte sämtliche unterschätzten Bars in D.C. und hatte so viele Freunde, dass ich anfing, ihn «Bürgermeister» zu nennen. Es war unmöglich, mit ihm über die Achtzehnte Straße zu laufen, ohne dass er stehen blieb, um die Tellerwäscher zu begrüßen, die gerade vor dem Lauriol Plaza Pause machten, oder eine Horde ehemaliger Kollegen, die im L’Enfant Café beim Muschelessen saßen.
Sam und ich waren in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil: Sam war ein Nachtmensch, ich ging am liebsten schon vor Sonnenaufgang laufen. Sam hatte eine Million Freunde, ich ein eingeschworenes Kernteam. Er sah sämtliche Grautöne einer Situation, während ich am liebsten alles ordentlich in Schwarz oder Weiß, richtig oder falsch einteilte. Ich kommunizierte fast täglich mit meinen Eltern, mit meinem Bruder und meiner Schwester, unser Gruppen-Chat war fast immer aktiv, während Sam zu seiner Familie in L.A. ein eher lockeres Verhältnis hatte. Er wusste, wie man Gemüse in Juliennes schnitt, ich wusste nicht, was Juliennes sind. Sam kannte jedes Kongressmitglied, das uns über den Weg lief, und hatte zu jedem Gesetzesentwurf eine Meinung. Ich kannte keinen einzigen.
Aber in der Tiefe teilten wir die gleichen Werte und wollten dieselben Dinge. Wir gaben großzügig Trinkgeld, weil wir beide schon gekellnert hatten. Wir liebten es beide, auf Konzerten zu tanzen und sonntags mit unserer Mannschaft zu spielen – er Rugby, ich Fußball. Wir ließen uns von neuen Songs begeistern und feuerten, wenn es um Zugaben ging, die anderen an. Wir lasen gern und liebten es, nachts betrunken über den Kühlschrank herzufallen. Er hasste die angeberischen, ehrgeizzerfressenen politischen Volltrottel in der Stadt genauso wie ich. «Bei mir heißen die Typen D.C.-Kreaturen», erzählte er mir, als wir eines Abends während einer völlig überfüllten, von Egos überladenen Happy Hour anstießen. Unsere Sonntagnachmittage verbrachten Sam und ich im Hundepark an der S Street und zeigten uns gegenseitig unsere Lieblingshunde. Wir wünschten uns beide eine supertolle, erfüllende Megakarriere – und wir wussten beide nicht, wie wir dahin kommen sollten. Aber wir wussten, dass es geschehen würde. Uns war klar, dass wir jetzt, wo wir uns gefunden hatten, alles kriegen würden, was wir wollten.
In Sams Gegenwart machte ich mir nicht mehr so viele Sorgen um meine Zukunft. Ich blieb nach Ende des Sidwell-Jobs doch in D.C. und beschloss, dass mein nächstes Abenteuer genau hier stattfinden würde, mitten in der Stadt, Seite an Seite mit Sam. «Love and happiness», säuselte Al Green, während wir zusammen Abendessen kochten, «will make you do right.»
Gemeinsam mit Emma und Charlotte bezog ich ein Reihenhaus auf der Swann Street nördlich vom Dupont Circle. Unser Häuschen hatte nach vorne raus eine Veranda, die sich vorzüglich für hochsommerliche Rumlümmeleien eignete, und nach hinten raus einen kleinen Garten für unsere ganztägigen Brunch-Gelage, wie wir sie schon im College zelebriert hatten. Das Schönste an der neuen Wohnung war, dass Sams Apartment gleich um die Ecke lag. Zu Fuß waren es nicht mal fünf Minuten bis zu ihm, und auf dem Weg lag zu allem Überfluss auch noch der Hundepark.
Als der Sommer zu Ende ging, bestand das einzige Manko in der Tatsache, dass ich immer noch keinen Job hatte. Emma arbeitete auf dem Capitol Hill für Senator Leahy, während Charlotte und ich gemeinsam durch die Untiefen der Arbeitslosigkeit navigierten. Aber: Wir waren jung, wir waren klug, wir konnten zupacken; es würde sich was ergeben.
Oder etwa nicht? Die Tage werden immer kürzer, ich gebe meine allerletzten Ersparnisse aus und bekomme nicht eine einzige Einladung zum Gespräch. Vielleicht hätte ich doch auf meinen Dad hören sollen, der mich warnte, es wäre angesichts der Großen Rezession so gut wie unmöglich, einen Job zu finden. Es ist Herbst 2011, und ich finde nicht mal ein unbezahltes Praktikum irgendwo, weil sämtliche Stellen bereits vergeben sind – nicht, dass ich mir ein unbezahltes Praktikum, ganz egal wo, hätte leisten können. Morgen für Morgen sitzen Charlotte und ich übellaunig am Küchentisch, klappen unsere Laptops auf und glauben mit jedem Tag, der vergeht, weniger daran, dass wir in dieser Stadt jemals Arbeit finden werden.
Sam ist sich meiner schwindenden Zuversicht natürlich bewusst und schickt mir ein Zitat von Steve Jobs: «Wie Punkte sich verbinden, kann man erst im Nachhinein feststellen, nicht im Vorfeld. Was vor allen Dingen notwendig ist, ist das Vertrauen, dass die Punkte sich in der Zukunft miteinander verbinden werden.» Das Zitat gefällt mir so gut, dass ich es mit blauer Wachsmalkreide auf einen Bogen weißes Papier schreibe und an den Kühlschrank hänge.
An einem grauen Dienstag im Oktober kriege ich endlich einen Anruf. Meine ehemalige Chefin aus Sidwell ist am Apparat und sagt, sie würden mich gern noch mal anstellen, um die Vollzeittutorin nach ihrer halbjährigen Elternzeit bei der Wiedereingliederung zu unterstützen. «Sie fühlt sich überfordert», erklärt sie, und ich mache muntere, mitfühlende Geräusche, um meine Aufregung zu kaschieren. Ich bin begeistert, dass sie mich wiederhaben wollen – nicht nur, weil ich dringend Geld brauche oder weil es bedeutet, dass sie mich mögen, sondern weil ich auf diesem Weg vielleicht den Fuß in die Tür zu einer Vollzeitstelle an der Schule bekomme.
Wie eine routinierte Athletin mit Heimvorteil kehre ich auf den Campus zurück, sozusagen auf Du und Du mit den Damen in der Kantine und den Secret-Service-Agenten, die mich noch vom Frühjahr kennen. In meinem kleinen Büro mit Blick auf den Rasen bringe ich mich hinsichtlich meiner Schüler wieder aufs Laufende und erfreue mich daran, wie gern ich meine Zeit mit Teenagern verbringe, selbst wenn sie wegen ihrer SAT-Tests zur Unizulassung den Tränen nahe sind – vielleicht sogar gerade deshalb.
Mir geht es besser, aber ich mache mir immer noch Stress wegen der Miete. Sidwell ist nur ein Teilzeitjob, und ich packe sämtliche Nachhilfeschüler auf den Mittwoch. Das lässt mir Zeit, noch ein paar andere Jobs obendrein zu machen, nur um über die Runden zu kommen.
Im Januar 2012 sind es schließlich fünf Stück gleichzeitig: Vertretungslehrkraft an der Washington International School, Kellnerin im Kramerbooks & Afterwords Café, mittwochs der Sidewell-Job und ab und zu zusätzliche Privatnachhilfe bei einigen Schülern. Außerdem arbeite ich zwanzig Stunden wöchentlich bei Lululemon, was ein ziemlicher Kulturschock ist (100 Dollar für eine Yogahose?!). Ich renne mit drei verschiedenen Uniformen im Rucksack durch die Stadt, und meine Ausgaben sind zwar gedeckt, aber dafür bin ich völlig erledigt und so im Stress, dass ich Sam kaum noch zu Gesicht bekomme. Während der vielen Pendelfahrten beherrscht mich immer öfter nur noch ein einziger Gedanke: die Vorstellung von einem echten Fulltime-Job mit guten Konditionen und einem coolen Titel. Von den anderen Englisch-Absolventen haben ein paar sich zum Jurastudium eingeschrieben, und die Vorstellung von mir mit schicker Aktentasche, ordentlichem Gehalt und strengem Nackenknoten wird immer verlockender. Weil sich meine Kenntnisse über Anwälte ausschließlich aus Wer die Nachtigall stört, Eine Frage der Ehre und Natürlich Blond speisen, beginne ich, im Netz ein paar Recherchen anzustellen.
Als ich auf Craigslist auf die Ausschreibung einer Anwaltskanzlei für eine Stenographin stoße, bewerbe ich mich. An der Stelle, wo ich aufgefordert werde, ein Bewerbungsschreiben zu verfassen, fange ich schallend an zu lachen. Ein Bewerbungsschreiben, in dem ich meiner Leidenschaft fürs Tippen Ausdruck gebe? Ich habe fünfzig Bewerbungsbriefe verfasst und bezweifle, dass auch nur ein einziger gelesen wurde. Ich werde meine Zeit sicher nicht damit verschwenden, ausgerechnet für einen Job auf Craigslist einen ausführlichen Bewerbungsbrief zu schreiben, für einen Job als Stenographin, den ich sowieso nur unter der Bedingung antreten würde, dass er mir eine Beförderung zur Anwaltsgehilfin garantiert.
Als sich eine gewisse Bernice mit «Vielen Dank für Ihre Bewerbung – der Lebenslauf ist bei uns eingegangen, aber das Motivationsschreiben fehlt» bei mir meldet, antworte ich: «Ich denke, mein Lebenslauf spricht für sich», als wäre ich Robert De Niro und nicht irgendeine abgerissene Sechsundzwanzigjährige, die sich bei Safeway als Wochenration fürs Mittagessen einen Kübel Tomatensuppe kauft. Ich rechne nicht im Traum damit, je wieder von «Bernice» zu hören, aber sie lädt mich ein, vorbeizuschauen und einen Eignungstest zu absolvieren. Ich gehe von einem Tipptest aus. Mach ich mit links!
An einem Freitag betrete ich ein Bürogebäude auf der Sechzehnten Straße. Ich bitte den Mann am Empfang, meine matschdurchtränkten Uggs in Verwahrung zu nehmen, um in die Pumps zu schlüpfen, die ich mitgenommen habe. Ich nehme den Lift in den fünften Stock, wo eine Frau mich in ein leerstehendes Büro führt und mir sagt, ich hätte eine Stunde Zeit für den Test.
Doch der Test ist kein Tipptest. Es handelt sich um einen ausgiebigen Multiple-Choice-Test, sogar ein Abschnitt mit Analogien ist dabei. Er ähnelt den Übungen zum Zulassungstest, als ich damals zum ersten Mal darüber nachdachte, an eine Hochschule zu gehen. Witzig! Mir macht die Sache tatsächlich Spaß, außerdem bin ich begierig auf Feedback, vor allem, wenn es mir bestätigt, dass ich in Wirklichkeit ein Genie bin und bei der Jobsuche bis jetzt einfach nur schreckliches Pech hatte. Ein Jobangebot – egal welches – würde meinem Selbstvertrauen einen dringend benötigten Schub geben.
Am Montag darauf schreibt Bernice eine Mail, um mir zu sagen, ich hätte gut abgeschnitten und ob ich bitte zu einem persönlichen Gespräch vorbeikommen könnte?
Als ich zusage, weiß ich drei Dinge. Erstens: Ich will dort nicht arbeiten. Zweitens: Ich brauche Praxiserfahrung in Bewerbungsgesprächen. Drittens: Es ist so, wie ich dachte. Bewerbungsanschreiben sind für die Tonne.
An dem Tag, als ich den Termin bei Bernice habe, dauert meine Live-Yoga-Stunde bei Lululemon länger als erwartet. Ich habe keine Lust, der Filialleiterin zu sagen, dass ich zu einem Bewerbungstermin muss. Sie gehört zu diesen furchteinflößenden, fiesen Super-Skinny-Girls aus Long Island, die ständig tönen, sie müssten dringend fünf Pfund abnehmen, und einen dann herausfordernd anstarren, damit man ihnen sagt, wie hübsch und toll und superschlank sie sind. Ich beiße mir eher die Zunge ab, als der irgendwas zu sagen, außer vielleicht, dass ich vor der Pause noch schnell fünf Extrastapel Power-Y-Tank-Tops gefaltet habe. Ich lasse den Termin bei Bernice sausen.
Als ich mich endlich mit einem Namaste von meinen Kolleginnen verabschiede und den Laden verlasse, hat mein Telefon den Geist aufgegeben. Deshalb komme ich erst zwei Stunden nach dem vereinbarten Termin dazu, Bernice zu schreiben und mich zu entschuldigen. Dabei versuche ich, den Knoten in meinem Brustraum zu ignorieren. Wer lässt eigentlich ein Bewerbungsgespräch sausen? Doch nur eine bescheuerte Niete von sechsundzwanzig, die sowieso nie irgendwohin kommen wird.
Ich mache mich niedergeschlagen auf den Weg zum Postamt, um meinem großen Bruder ein Geburtstagspäckchen zu schicken, und fühle mich wie eine Riesennull. Ich rede mir ein, dass ich einen sechsten Teilzeitjob nun wirklich nicht brauche. Vielleicht schaffe ich es ja bei Lululemon zur Store-Managerin – zu einer netten übrigens, die beim Mittagessen nicht laut anderer Leute Kalorien mitzählt.
Während ich vor dem Schalter in der Schlange stehe, plingt eine neue Mail von Bernice auf meinem Handybildschirm auf. War ja klar. Jetzt erzählt die mir noch, was für eine unzuverlässige, hirnlose Person ich bin und dass ich in dieser Stadt – oder sonst wo – nie einen vernünftigen Job kriegen werde, wenn ich es nicht mal zu einem Bewerbungsgespräch schaffe. Ich bin kurz versucht, die Mail ungelesen zu löschen, doch dann beschließe ich, dass ich verdient habe, zu hören, was Bernice mir zu sagen hat, wie unangenehm es auch sein mag.
Hi Rebecca,
mir ist klar, dass Sie viel zu tun haben. Aus Gründen der Transparenz möchte ich Ihnen mitteilen, dass es sich um einen Job im Weißen Haus handelt, der es mit sich bringt, den Präsidenten auf seinen Reisen ins In- und Ausland zu begleiten. Falls das etwas für Sie ändert, geben Sie Bescheid.
Bernice
Ich lasse das Telefon fallen. Vielleicht werfe ich es auch von mir. Egal. Jedenfalls landet es krachend auf dem Steinfußboden. Ich hebe es auf, der Bildschirm ist noch ganz und die irrsinnige Nachricht immer noch da.
«Wir sind in D.C. Möglich, dass das kein Witz ist», sagt Charlotte, als ich ihr zu Hause im Wohnzimmer die E-Mail zeige. Ihre Jobsuche ist ebenso fruchtbar wie meine, also absolut fruchtlos. Aber Charlotte überfliegt die Mail mit funkelnden Augen, und ihre Mundwinkel kräuseln sich zu einem Lächeln. Wenigstens eine von uns ist nicht überzeugt davon, dass es sich um einen fiesen Witz handelt. Ich habe mein Vertrauen ins Internet diesbezüglich nämlich bereits in der sechsten Klasse verloren, als ich über den AOL Instant Messenger mit Brian Littrell von den Backstreet Boys gechattet habe, nur um rauszufinden, dass es sich in Wirklichkeit um eine neunjährige Rotzgöre handelte, die ihre wahre Identität erst preisgab, nachdem ihre Mutter damit drohte, ihre Geburtstagsparty platzenzulassen.
Eine Woche später folgt das Vorstellungsgespräch bei Bernice. Ihr Eckbüro bietet ungehinderten Ausblick aufs Weiße Haus. «Wir haben eine freie Stelle als Stenographin des Präsidenten zu besetzen», sagt sie. So was gibt es also tatsächlich selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert noch. Während ich mich mit Schmetterlingsbrille und toupierter Hochfrisur auf einer winzigen Schreibmaschine tippen sehe, erklärt mir Bernice, ich wäre für den Mitschnitt von Interviews, Besprechungen, Telefonkonferenzen und Reden zuständig, um sie im Anschluss im Stenographenbüro ins Reine zu tippen und an die Pressestelle weiterzuleiten.
Nein, es wird nicht erwartet, live mitzutippen.
Nein, es wird nicht erwartet, Steno zu lernen.
Diskretion und Sorgfalt sind wichtiger als Schnelligkeit.
Ich würde lernen, offizielle Abschriften des Weißen Hauses für die Pressestelle und das Präsidialarchiv freizugeben. Ich würde Präsident Obama begleiten, wohin auch immer. Eine Vollzeitstelle mit attraktiven Zusatzleistungen. Genauer gesagt, weit mehr Vollzeit als üblich, da auch an Wochenenden Dienst wäre.
«Ich habe zwei Jahre an einem Internat unterrichtet», erzähle ich ihr. «Ich bin es gewohnt, am Wochenende zu arbeiten.»
Bernice hebt die Augenbrauen und senkt den Blick auf ihre kirschrot lackierten Fingernägel. «Richtig», sagt sie. «Aber hier geht es ums Weiße Haus.»
Ich entschuldige mich überschwänglich dafür, dass ich den ersten Termin habe sausen lassen, und sage ihr, wie sehr ich mich über diese Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch freue und die Aussicht darauf, womöglich als Zeitzeugin in der allerersten Reihe Platz zu nehmen. Ich bin den Tränen nahe, meine Hände zittern. Wenn sie mich nicht nimmt, kann ich nach meinem unmöglichen Verhalten niemand anderem die Schuld geben als mir. Trotzdem wäre es ziemlich heftig, in Reichweite eines dermaßen coolen Jobs zu sein und ihn dann nicht zu kriegen. Ich will von ihr wissen, weshalb sie eine solche Stelle auf Craigslist gepostet haben.
«Mir sind die Leute vom Außenministerium ausgegangen», sagt sie, wirft den Stift auf den Tisch und lehnt sich in ihrem Ledersessel zurück. «Das ist noch nie passiert, und ich wusste nicht, wo ich sonst Bewerber herkriegen soll. Sie sind mir aufgrund Ihrer Sidwell-Erfahrung aufgefallen. Wenn Sie eine Freigabe für die Obama-Mädchen kriegen, sind Sie bestimmt auch sauber genug für den Präsidenten.» Dann erklärt sie mir, dass es noch ein Gespräch mit der Frau geben wird, die drüben im Weißen Haus als meine direkte Vorgesetzte fungieren wird, Peggy heißt sie, und außerdem eine zusätzliche Sicherheitsüberprüfung durch das FBI. «Mit polizeilicher Akte können wir Sie nicht in die Air Force One steigen lassen», sagt sie, und damit ist das Gespräch beendet.
Ich will wirklich nichts beschreien, aber was die Hintergrundüberprüfung betrifft, bin ich zuversichtlich – auf dem College war ich nur ein einziges Mal high, und das aus Versehen.
Zu dem Termin mit Peggy komme ich dermaßen nervös und aufgeregt, dass ich binnen Minuten nach dem Händeschütteln damit rausplatze, wie sehr ich Barack Obama liebe, dass er an meinem College die Abschlussrede hielt und ich fast in Ohnmacht gefallen wäre, als er mir bei der Zeugnisübergabe die Hand gab. Ich erzähle ihr, ich hätte mich fürs Unterrichten statt für Marketing entschieden, weil er uns in seiner Rede dazu aufgefordert hat, etwas zurückzugeben. Als mein Redeschwall schließlich abebbt, wird mir klar, dass sie ihn vielleicht nicht ausstehen kann; sie ist schließlich Angestellte des Weißen Hauses und kein Mitglied des politischen Kaders.
Aber Peggy lächelt mich an und beugt sich zu mir vor. «Ich liebe ihn auch», sagt sie. «Ich arbeite seit fast dreißig Jahren im Weißen Haus. Ich habe unter Reagan angefangen, aber dieser ist mit Abstand mein Lieblingspräsident.»
Als ich am nächsten Tag in der Schulmensa sitze, fällt mir plötzlich ein, dass ich dringend mein Telefon holen sollte, für den Fall, dass Bernice anruft. Ich stehe dermaßen hektisch auf, dass ich mit einer großgewachsenen Mittelstufenschülerin zusammenstoße, die in ihre Unterlagen vertieft ist. Ich bin schon halb in meinem Büro, als mir klarwird, dass ich soeben mit Malia Obama zusammengerempelt bin. Bald werde ich wissen, ob unsere Begegnung ein gutes oder schlechtes Omen war.
Wie sich rausstellt, war es der beste Bodycheck meines Lebens. Ich kriege den Job.
In der folgenden Woche besuche ich noch einmal die Kanzlei, um den Papierkram zu erledigen. Ich setze meine Unterschrift auf die letzte Seite des Arbeitsvertrages und schiebe Füller und Unterlagen quer über den Tisch zu Bernice hinüber. Ich frage sie, ob sie einen Rat für mich hat. Sie sagt nichts und lächelt still. Dann lehnt sie sich zurück und denkt nach.
«Haben Sie einen Freund?», fragt sie mich schließlich.
«Ja …?», antworte ich zögernd, weil mir nicht klar ist, worauf sie hinauswill.
«Gut», sagt sie. «Behalten Sie ihn.»
Ich lache befangen.
«Ich habe schon zu oft miterlebt, wie Leute sich hier in die Falschen verlieben», sagt sie. Ihre Augen sind dunkel, ihre Stimme eine in Flüstern gehüllte Rasierklinge. «Bleiben Sie bei Ihrem Freund», sagt sie. «Und halten Sie sich von den Secret-Service-Agenten fern.»
Ich lache, diesmal aufrichtig. Die Agenten? Im Ernst? An denen habe ich mir in Sidwell bereits die Zähne ausgebissen.
Ich verlasse Bernice’ Büro und hüpfe den Gehsteig entlang. Ich schwöre mir alle möglichen Dinge, während die Leute mich ansehen, als hätte ich den Verstand verloren. «Ich habe einen Job!», würde ich ihnen am liebsten zurufen. Ich gebe mir das Versprechen, ab jetzt nachrichtentechnisch immer auf dem neusten Stand zu sein, immer frühzeitig im Büro zu sein, mir ein neues Paar Pumps zu kaufen und besonders hart zu arbeiten, damit alle mich mögen. Ich denke an den Ratschlag von Bernice und fange an zu lachen. Und ich werde bei meinem Freund bleiben. Das ist die leichteste Übung. Ich liebe Sam.
Am nächsten Tag schneit es zur Feier weißes Konfetti. Ich beschließe, nach Georgetown zu spazieren und mich mit einer brandheißen pinkfarbenen Sportjacke und einer neuen schwarzen Yogahose zu belohnen (Danke, Mitarbeiterrabatt). Ich habe noch gar nicht angefangen, trotzdem erlaubt mir die Aussicht auf ein festes Gehalt, mir Dinge zu gönnen, an die seit Monaten nicht zu denken war: ein Besuch beim Friseur, neue Laufschuhe, ein neuer Gürtel für Sam, ein dem Weißen Haus angemessenes Outfit für mich.
Während ich weiter in Richtung M Street laufe, ruft mein Vater an. Er will wissen, ob ich aufgeregt bin. Er ist es definitiv – das beweist die Tatsache, dass er anruft. Mein Vater ist ein leiser, eher schüchterner Mensch – niemand, der einem vom Spielfeldrand Anweisungen zubrüllen, mit den Jungs ein Bier zischen (er hat keine Jungs) oder seine Tochter anrufen würde, nur um ein bisschen zu plaudern. Doch heute Abend tut er genau das.
«Ich bin ein bisschen nervös», gestehe ich, und das wird mir selbst erst in dem Augenblick bewusst, als ich es ausspreche. Mein Vater ist Psychologe und besitzt dieses sonderbare Talent, mir Dinge klarzumachen, indem ich sie laut ausspreche. Er ist der beste Zuhörer, den ich kenne, es sei denn, er sieht sich ein Spiel von den Eagles an – dann ist er zu nichts zu gebrauchen.
«Weshalb bist du nervös?» Die lange Pause stört ihn nicht. Ich vermute, das gehört dazu, ein guter Zuhörer zu sein.
«Ganz ehrlich, Dad? Nüchtern betrachtet habe ich gerade einen Vertrag unterschrieben, mit dem ich mir künftig als Vollzeittippse mein Geld verdiene.» Er setzt weiter auf die Kraft der Pause und lässt mich den Knoten selbst entwirren. «Okay, ich arbeite für den Präsidenten, es ist ein Job im Weißen Haus, ich werde Zeitzeugin sein, und nicht zuletzt habe ich endlich ein festes Einkommen. Aber es ist trotzdem nur Tippen, weißt du? Wo ist da der Anspruch? Niemand wird mich deshalb für besonders schlau halten.»
Immer noch Schweigen.
«Ist dir klar, dass ich dafür bezahlt werde, die Klappe zu halten?» Mein Vater muss lachen.
«Ja», sagt er schließlich. «Das könnte schwierig werden.»
Ehe er auflegt, sagt mein Vater mir, dass nichts für die Ewigkeit ist und dass es in seinen Augen eine ziemlich coole Gelegenheit ist, nicht nur der Geschichte beizuwohnen, sondern sich nebenbei auch noch Notizen zu machen.
«Wenn du nicht reden darfst, höre zu. Ganz ehrlich, was ist das Schlimmste, das passieren könnte?»