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Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg bei Reinbek, April 2019

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg bei Reinbek

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Redaktion Heike Brillmann-Ede

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

Umschlagillustration Gerhard Glück

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen

Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen

ISBN Printausgabe 978-3-499-29178-4 (1. Auflage 2019)

ISBN E-Book 978-3-644-40406-9

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-40406-9

Für alle, die mich auf dieser unglaublichen Reise

zu meinem ersten Buch begleitet haben.

Meine Familie, meine Freunde und diejenigen,

die ich auf dieser Reise neu kennenlernen durfte.

Danke für alles.

Die Moni

Der Zug fährt auf Gleis 13 ein.

«Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Hamburg Hauptbahnhof. Aufgrund von Behinderungen durch störrische Jugendliche im Einstiegsbereich hat unser Zug zurzeit eine Verspätung von acht Minuten. Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass trotzdem alle Anschlusszüge erreicht werden. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links.»

Die Stimme aus dem Lautsprecher klingt knarzig, aber hoch motiviert.

«Mama, was haben die Jugendlichen denn gemacht? Wieso sind die störrisch?»

Ich stehe im Gang zwischen gutgefüllten Sitzreihen und klaube geschäftig Jacken, Kinderrucksäcke, Verpflegungstasche und meinen Reiserucksack zusammen. Anschließend helfe ich meiner siebenjährigen Tochter Anni in die Jacke. Damit es schneller geht. Zumindest ist dies das Ziel meiner Anstrengungen.

«Schatz, die haben wohl zu lange im Eingang rumgelungert, und der Zug konnte nicht weiterfahren. Und jetzt zieh bitte, bitte deine Jacke an, der nächste Zug wartet nicht auf störrische Kinder!»

Natürlich halten meine Bitten Anni nicht davon ab, mich

«Warum haben die da rumgelungert?»

«Das machen Jugendliche schon mal. Jetzt, bitte, hier, nimm deinen Rucksack!»

«Wieso machen Jugendliche das?»

Ich verdrehe die Augen und schiebe ihr den Rucksack unsanft über die dicke Winterjacke. Annis zehnjährige Schwester Ella steht bereits seit Minuten fix und fertig im Gang und zerrt nun ebenfalls genervt an ihrer Schwester.

«Boah, jetzt hör auf zu quatschen. Wir müssen aussteigen!»

«Lass mich in Ruhe, ich zieh mich doch an. Immer meckert ihr mit mir rum.»

Noch eine Sekunde, und die Anni-Sirene geht los. Das kann ich gerade wirklich nicht gebrauchen.

Der Zug steht mittlerweile im Bahnhof, und vor und hinter uns schieben sich die aussteigewilligen und vollbepackten Mitreisenden dem Ausgang entgegen.

«Ruhe», zische ich mit letzter Beherrschung zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, «raus jetzt, los!»

«Ich habe überhaupt nichts gemacht, immer meckerst du mit mir rum. Das ist so unfair», beschwert sich Ella, ganz der Teenager, der sie im Begriff ist zu werden, setzt sich jedoch immerhin in Bewegung. Anni, dem Himmel sei Dank, tut es ihr nach. Meinen schweren Rucksack auf dem Rücken, mit dem ich kaum durch den schmalen Gang passe, dirigiere ich die beiden zum Ausgang und kann es kaum glauben. Wir stehen tatsächlich auf dem Bahnsteig.

«Wieso machen Jugendliche das?»

«Weil Jugendliche manchmal denken, sie können sich alles erlauben, weil Jugendliche manchmal nicht ganz richtig ticken und – ach, ist doch auch egal. Auf DIE Zeit mit euch freue ich mich schon! Los, hier lang, beeilt euch! Wir müssen auf Gleis 6. Noch drei Minuten. Wenn wir uns nicht beeilen, ist der Zug weg!»

Endlich wird meinen Kindern bewusst, dass uns die Zeit davonläuft. Anni vergisst sogar, mich mit weiteren Fragen auf Trab zu halten.

«Ich will den Zug nicht verpassen, Mama, ich will nicht!»

«Dann lauf!»

Ich scheuche die Kinder vor mir her. Mittlerweile bin ich trotz Temperaturen nahe am Gefrierpunkt schweißgebadet. Wir hetzen den Bahnsteig entlang, hieven uns auf die Rolltreppe, laufen so schnell wie möglich mit der Treppe mit und eilen anschließend durch die Menschenmasse, die sich oben auf der Galerie an den Treppenaufgängen vorbeischiebt.

«Anni, an meine Hand, Ella, bleib bei uns. Hier ist Gleis 6!»

Wir ächzen mit dem Gepäck die Treppe runter. Zum Glück ist noch kein Zug in Sicht, wir werden es also schaffen. Unten angekommen, stellen wir, wie so oft, wenn wir mit dem Zug unterwegs sind, fest, dass die ganze Eile – natürlich – völlig unnötig war.

«Zehn Minuten Verspätung, na toll.» Ich verdrehe die Augen.

Wieder bahnen wir uns den Weg durch die Menschenmenge, diesmal sichtlich entspannter. Vor dem Wagenstandanzeiger beziehen wir Stellung und bauen eine Burg aus unseren zahlreichen Gepäckstücken.

«Auf welcher Seite kommt der Zug?», erkundigt sich Ella.

«Wie kommt der denn aufs Schiff?» Ella fixiert mich ungläubig.

«Im Bauch des Schiffes befinden sich ebenfalls Schienen. Der Zug kann hineinfahren und auf dem dänischen Festland fährt er dann auf dänischen Schienen weiter.»

«Und die Leute bleiben alle sitzen?»

«Das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht, aber jetzt hört bitte mit der Fragerei auf, mir wird schon ganz schummrig im Kopf.»

«Ich hab die ganze Zeit nichts mehr gesagt», entgegnet Anni mit patzig verschränkten Armen.

«Dann fang jetzt bitte nicht wieder damit an und halte einfach mal deinen Mund.» Genervt von allem, seufze ich tief. «Eine Minute. Bitte! Ich muss schauen, zu welchem Gleisabschnitt wir müssen.»

Es hilft, sie geben Ruhe. Anscheinend merken sie doch, wenn ich kurz vorm Explodieren stehe. Dabei haben sie mir eigentlich nichts getan. Aber manchmal, und in letzter Zeit leider viel öfter, als mir lieb ist, ist es mir einfach zu viel. Heute sind es die lange Zugfahrt, die Eile, der Lärm, die Menschen, die Kinder – ich verzehre mich nach meinem Sofa und einer Tasse Tee. Hoffentlich ist wenigstens der nächste Zug nicht so voll wie der vorherige. Ein bisschen Ruhe könnte ich gerade wirklich gebrauchen. Ich atme einmal tief durch und vergleiche konzentriert die Angaben auf meiner Reservierung mit den Angaben des Wagenstandanzeigers. Aha, Abschnitt D, das ist nicht weit, wir müssen nur …

Mütter! Der Bahnsteig ist voll von ihnen. Graue Mütter, bunte Mütter, schrille Mütter. Dicke und dünne, junge und alte. Und sie sind nicht alleine. Unzählige Kinder jeder Altersstufe haben sie im Schlepptau. Vom kreischenden Baby bis zum gelangweilten, kaugummikauenden Teenager, dessen Smartphone an der Hand festgewachsen scheint. Dazu gefühlte Berge von buntem Gepäck. Rollkoffer, Kinderwagen, Taschen mit Verpflegung, Wickeltaschen, Spielzeugtaschen, Schulranzen, Kuscheltiere.

Teils stehen sie einzeln, damit beschäftigt, ihren Berg an Gepäck und ihre Kinder im Auge zu behalten, teils in Grüppchen, heftig diskutierend, lachend und gestikulierend. Die Lautstärke, die hier herrscht, ist erstaunlich.

Aber das beinahe Schlimmste ist: Wir sind mittendrin – eins zu eins in das Bild passend, das sich mir in diesem Moment eröffnet.

 

Seit heute Morgen, sechs Uhr dreißig, sind wir auf dem Weg zu einer Maßnahme, die sich Mutter-Kind-Kur nennt. Eine Möglichkeit für ausgelaugte und von Krankheit bedrohte Mütter mit ihren gegebenenfalls ebenfalls ausgelaugten und von Krankheit bedrohten Kindern, auf Kosten der Krankenkassen eine dreiwöchige Auszeit vom Leben und dessen Protagonisten zu nehmen, in der man sich – losgelöst von den schnöden Problemen des Alltags – um sich selbst, seinen Körper und seine Kinder kümmern kann. Das soll laut Werbebroschüre zumindest das Ziel einer solchen Maßnahme sein. An Nord- und Ostsee gibt es eine Vielzahl von Mutter- (oder auch Vater-) Kind-Kliniken, die diese Möglichkeit anbieten.

Und so, wie es hier aussieht, ist der Mittwoch wohl in allen Kliniken der allgemeine An- und Abreisetag. Jetzt, wo ich darüber nachdenke oder vielmehr das Elend sehe, erklärt sich natürlich das Bild auf dem Bahnsteig. Hier in Hamburg treffen nämlich sämtliche Bahnlinien aus dem Süden und Osten Deutschlands zusammen. Von hier aus werden die Teilfamilien auf die gesamte norddeutsche Küste verteilt.

Diese Masse an kurwilligen Frauen macht mich nervös. Warum hat mir das vorher niemand gesagt? Warum auch hätte ich das wissen wollen? Es ist schließlich nur die Anreise. Die sagt ja wohl nichts darüber aus, wie es wirklich ist in so einer Mutter-Kind-Klinik. Was also macht mir Angst? Die Tatsache, dass die Frauen, die mir ins Blickfeld springen,

Ich versuche zur Beruhigung meiner angespannten Nerven wenigstens eine Frau auszumachen, die mir sympathisch sein könnte. Die mit den blondierten Fisselhaaren und dem Nackentattoo wohl eher nicht. Die Dicke mit der graumelierten Wolle-Petry-Frisur, den müden Augen und der mächtigen Unterlippe, auf der man eine Teetasse abstellen kann? Die Hagere in den biederen Klamotten mit dem verhärmten Gesicht und den fast am Boden klebenden Mundwinkeln? Oder vielleicht doch lieber die aufgedrehte, schrille Madame mit drei Tonnen Schminke im Gesicht? Ach, komm, denke ich, jetzt mal den Teufel nicht an die Wand. Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Die Erkenntnis, dass ich mir mit Hilfe leerer Phrasen das Bild schönrede, lässt mich schmunzeln. Ich reiße mich von dem Anblick los und tue das, was ich mir im Vorfeld ganz fest vorgenommen habe: Ich kümmere mich um mich und meine Kinder. Die Aussicht auf eine ruhige Zugfahrt kann ich mir allerdings abschminken, und die Hoffnung, dass diese Kur, zu der ich nicht ganz freiwillig aufgebrochen bin, doch nicht so schlimm wird, schwindet ebenfalls.

«Wo fahren die denn alle hin?», fragt Anni skeptisch. Ihr ist die Besetzung des Bahnsteigs ebenfalls aufgefallen.

«Ich denke, die fahren alle zur Kur», erwidere ich stirnrunzelnd.

«So viele?», fragt Ella mit großen Augen. «Alle dahin, wo wir hinfahren?»

«Nein, sicher nicht, es gibt ganz viele Kliniken hier im Norden. Aber vielleicht ist tatsächlich jemand dabei, der in

Postwendend fällt unser Blick auf eine der Mütter in direkter Nachbarschaft.

«Chantal», nur das schießt mir bei ihrem Anblick durch den Kopf. Mit ihrer blondierten Fransenfrisur («fesch», hätte meine Omi gesagt), ihren langen, «gemachten» Nägeln in schwarz-weiß glitzernder Blümchenoptik, ihrem Kunstfellblouson und der Leopardenleggings, die in unechten Ugg-Boots stecken, macht sie nicht gerade den Eindruck, als wäre sie eine Kandidatin auf den Titel «neue beste Freundin». Einen kleinen Jungen von vielleicht eineinhalb Jahren auf dem Arm, faucht sie gerade einen weiteren Jungen von vielleicht drei Jahren an, der an ihrer Jacke zerrt und jaulend auf sie einredet. Daneben steht ein gelangweilter Grundschüler und schneidet Grimassen in Richtung meiner Kinder. Die drei Jungs sind eindeutig als Söhne ihrer Mutter erkennbar. Mit dem gegelten Undercut (alle drei), den stone-washed Jeans im coolen Look und ihren reinweißen Markenturnschuhen gleichen sie in ihrer Proletenhaftigkeit wie ein Ei dem anderen. Und geben wunderbare Accessoires ihrer Mutter ab.

«Hör auf, Jan-Luca, du kriegst jetzt keine Cola, du kriegst deine Cola, wenn wir im Zug sitzen», faucht die Mutter herzerwärmend ihrem größten Sohn entgegen.

Klischeealarm!

«Wieso darf der Cola trinken?», flüstert mir Anni postwendend zu.

«Das weiß ich auch nicht, mein Schatz, aber du weißt doch: andere Familien, andere Regeln.» Mein Standardspruch, wenn andere Kinder mehr dürfen als meine eigenen.

«Außerdem ist Cola total ungesund und schädlich. Das

«Ich bin nicht dumm, du bist dumm», giftet Anni zurück.

«Kinder, bitte nicht. Ella, Anni ist nicht dumm. Lass diese doofen Sprüche. Trotzdem hast du natürlich recht. Cola IST ungesund – für das Gehirn und für die Zähne.»

Wie aufs Stichwort entblößt der kleine Junge eine Reihe Zähne, die selbst von weitem nicht mehr als gesund durchgehen. Anni verstummt augenblicklich. Manchmal bietet doch das Leben selbst die beste Erziehung.

Ich seufze. Wie bin ich nur hierhergeraten? Wenn ich mich so umsehe, habe ich nicht die geringste Lust, auch nur mit einer dieser Mütter und ihren Kindern die nächsten drei Wochen zu verbringen. So viele gemachte Nägel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wenigstens ist es kalt, und ich muss mir nicht auch noch die vermutlich unendlich vielen Tätowierungen anschauen. Das ist neben gemachten Nägeln die zweite Sache, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann. Nein, da bin ich wirklich intolerant. Oder sagen wir, ich wurde im Laufe der Zeit intolerant. Früher fand ich tätowierte Menschen eigentlich gar nicht so schlimm. Gut, für mich wäre das nie in Frage gekommen, aber es gab durchaus Leute, zu denen passte es. Seitdem jedoch gefühlt die Hälfte der Bevölkerung auf die Idee gekommen ist, Tattoos wie Unterhosen bei H&M direkt im Zehnerpack zu erwerben, reicht es mir. Dieses fleischgewordene Mitteilungsbedürfnis irritiert mich. Mittlerweile freue ich mich über jeden Menschen unter vierzig, der mir keine Mitteilungen über seine nackte Haut sendet. So viel Chuzpe muss man erst mal haben, seinen Körper unbefleckt durchs sommerliche Freibad zu schieben.

Tätowierungen haben sogar meine Abneigung gegen nackte

Ich sitze mit einer Tasse Tee am Küchentisch, vor mir die Einkaufsliste für die nächste Woche, als meine Mutter schwer bepackt zur Tür reinkommt.

«Meine Güte, hast du die Stadt leer gekauft?»

«Och, ich war doch sowieso beim Arzt, und danach bin ich noch bummeln gegangen. Du musst unbedingt in den nächsten Tagen auch in die Stadt. Die haben im Moment wirklich phantastische Sonderangebote. Ehrlich, wenn man da nicht zuschlägt, ist man selbst schuld.»

Ich stöhne und erspare mir jeden Kommentar. Was sich in den Tüten befindet, die meine Mutter angeschleppt hat, kann ich mir gut vorstellen. Dekomaterial in Hülle und Fülle. Seitdem sie vor einigen Wochen ihre eigene kleine Wohnung vorübergehend eingemottet hat und bei mir eingezogen ist, um mich zu unterstützen, bis ich eine Ganztagsbetreuung für die Kinder habe, und «dafür zu sorgen, dass du vor lauter Kummer nicht das Essen und Putzen vergisst», hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, mein Haus «endlich einmal herzurichten».

Das Problem ist nur: Mein Haus ist hergerichtet, nur eben nicht so, wie meine Mutter es sich vorstellt. Ich hasse künstlich ins Haus geschlepptes, unnötig ressourcenverschwendendes Dekomaterial – und genau hier sieht meine Mutter dringenden Handlungsbedarf. Dass bald Weihnachten ist,

Die ersten Geschmacklosigkeiten in Form weihnachtlich glänzender Wichtel hat meine Mutter bereits auf dem Tisch ausgebreitet. Ich schlucke und überlege, wie ich wenigstens minimalen Widerstand leisten kann.

«Mein Schlafzimmer bleibt dekofrei, ja?», nuschle ich ihr resigniert entgegen, aber selbst das kommentiert sie mit verächtlichem Kopfschütteln, kramt weiter in ihren Tüten und häuft die nächsten Verschönerungsscheußlichkeiten auf den Tisch. Ich seufze und vertiefe mich wieder in meine Einkaufsliste.

Als nach einer gefühlten Ewigkeit alle Tüten leer sind, hält sie mir einen dünnen Stapel Papier unter die Nase. «Hier, das ist für dich.»

«Was ist das?» Skeptisch nehme ich ihr den Stapel aus der Hand und werfe einen flüchtigen Blick darauf.

«Das ist der Antrag für eine Mutter-Kind-Kur.»

«Mama, jetzt ist es aber gut. Was soll ich denn bei einer Mutter-Kind-Kur? Ich bin doch nicht krank!» Ich versuche, ihr den Stapel gleich wieder zurückzugeben, aber sie verschränkt demonstrativ die Arme hinter dem Rücken.

«Du bist nicht krank, nein, das stimmt. Aber ausgebrannt. Du schläfst schlecht, bist gereizt und unglücklich. Du hast ständig Kopfschmerzen und behandelst deine Kinder anders als früher. Dein Ehemann ist weg, und du tust so, als sei nichts geschehen. Trotzdem arbeitest du neuerdings Vollzeit, damit du zukünftig ohne Rainers Geld klarkommst, und redest dir ein, es würde dir nichts ausmachen, deine Kinder nur noch abends zu sehen. Deine Kinder leiden, und du

Sie macht eine Pause und mustert mich sorgenvoll. Ich lege meine Stirn in Falten, weiche ihrem Blick aus und muss erst mal sacken lassen, dass sie gerade leider lauter wahre Dinge aufgezählt hat.

«Rainer und ich haben uns nicht getrennt, er ist nur beruflich unterwegs, und dünner zu werden ist ja nun nichts Schlechtes, so viele Kilos, wie ich mir vorher angefressen habe», unternehme ich einen zaghaften Verteidigungsversuch.

«Das kannst du mir erzählen, sooft du willst. Du weißt, ich glaube dir das nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob du es dir selbst glaubst. Fakt ist, es muss sich etwas ändern. So geht es nicht weiter. Eine Luftveränderung und die Zeit, deine Situation zu überdenken, würden dir sehr guttun. Und den Kindern auch. Du schmorst hier viel zu sehr im eigenen Saft. Lass dir helfen, Verena, bitte.»

«Lass mich endlich mit deiner Theorie zu Rainer in Ruhe», entgegne ich spitz. «Und für eine Luftveränderung kann ich auch ein paar Tage in die Eifel fahren. Es muss ja nicht gleich eine Kur sein. Und wieso sollte die überhaupt genehmigt werden? Außerdem stelle ich mir das echt gruselig vor. Ein Haus mit Dutzenden ätzenden Müttern und ihren Kindern. Nein danke, ich glaube, das fällt für mich nicht unter das Stichwort Erholung.»

Meine Mutter atmet tief durch. Anscheinend bereite ich ihr ziemliche Magenschmerzen.

«Das sind doch alles Vorurteile. Ilses Tochter hat nur Gutes über ihre Kur berichtet, und Ilse sagt, es gehe ihr noch Monate danach viel, viel besser. Ich habe außerdem mit Frau

Frau Wenning ist seit Jahren meine Hausärztin, und neuerdings geht auch meine Mutter bei ihr ein und aus. Na toll, jetzt hat meine Mutter nicht nur mein Haus annektiert, sondern macht auch noch gemeinsame Sache mit der Ärztin. Dürfen die das überhaupt? Hallo, Schweigepflicht?

«Mutter, meine Ärztin darf mit dir überhaupt nicht über solche Sachen reden. Wie kommt ihr überhaupt dazu?»

«Ach, Schatz, deine Ärztin hat mir doch gar nichts erzählt. Sie hat mir nur die Antragsunterlagen gegeben, nachdem ich ihr erklärt habe, worum es geht. Und sie hat gesagt, du solltest schnellstmöglich einen Termin vereinbaren.»

Meine Mutter grinst verschmitzt und wartet auf meine obligatorische Gegenwehr, doch den Gefallen tue ich ihr nicht. Ich schüttle genervt den Kopf und wende mich demonstrativ erneut meiner Einkaufsliste zu. So leicht lässt sich meine Mutter jedoch nicht abschütteln.

«Ich habe einen Termin für dich gemacht, denn das darf man ja schließlich, und ich bestehe darauf, dass du wenigstens darüber nachdenkst.»

Ich seufze und täusche Resignation vor, um endlich Ruhe zu haben. «Ich lass es mir durch den Kopf gehen, okay? Und jetzt geh dekorieren.»

«Oh, das ist mehr, als ich erwartet habe, du störrisches Kind.»

Zufrieden rauscht sie ab, um ihre neuerstandenen Schätze im ganzen Haus zu verteilen. Hoffentlich zeigt sie wenigstens Respekt vor meinem Schlafzimmer.

 

Erstaunlicherweise quillt das Netz geradezu über vor nützlichen und weniger nützlichen Informationen, und es dauert eine Weile, bis ich die wirklich relevanten Dinge herausgefiltert habe.

Weil es eine sogenannte Vorsorgemaßnahme ist, muss man nicht akut krank sein, um eine Kur zu beantragen. So weit, so gut. Es genügt, wenn es einem miserabel geht und der Arzt bescheinigt, dieser Zustand könnte zu gesundheitsschädigenden Folgeerscheinungen führen. Hat man wie ich eine solide Krankenakte, stehen die Chancen gut, die Maßnahme genehmigt zu bekommen. Die Kinder, sofern sie nicht selbst krank sind, nimmt man als sogenannte Begleitkinder mit, falls es keine Möglichkeit gibt, sie für drei Wochen anderweitig unterzubringen.

Nachdem ich das formelle Prozedere durchgeackert habe und zu dem Schluss komme, dass ich nach allen Kriterien tatsächlich «kurbedürftig» bin, lande ich auf den richtig interessanten Seiten: den einschlägigen Foren, in denen man Kurberichte zuhauf lesen kann. Neben Lobhudeleien von Frauen, für die die Kur der Wendepunkt ihres bisherigen Lebens bedeutete, gibt es natürlich auch etliche Horrorberichte. Sie erzählen von verdreckten Kurhäusern, unfreundlichem Personal, unterirdischem Essen und unendlichen Magen-Darm-Epidemien. Und von unerträglichen Reisegenossinnen mit ätzenden Kindern. Ich sitze vor dem PC und

Bleibt die soziale Komponente. In letzter Zeit habe ich mich nicht gerade liebevoll um meine Freundschaften gekümmert. Lediglich Lynn, meine beste Freundin seit Kindertagen, darf sich regelmäßig anhören, wie schlecht es mir geht. Allen anderen gaukle ich ein sonnendurchflutetes Leben vor, während mein gesellschaftliches Leben quasi brachliegt. Ich bin einfach viel zu sehr mit mir selbst und meinen Kindern beschäftigt. Wie sollte ich es also mit jeder Menge Frauen mehrere Wochen auf engstem Raum aushalten? Gar nicht, lautet mein abschließendes Urteil, drei Tage, nachdem mir meine Mutter die Unterlagen vor die Nase gehalten hat. Ich fahre den Rechner runter, gehe in die Küche, wo meine Mutter energisch die Dunstabzugshaube schrubbt, und teile ihr mit, dass ihre Idee zwar nett gemeint, für mich aber nicht die richtige sei.

Sie unterbricht ihre Arbeit und schaut mich mitleidig an. Dabei wirkt sie nicht, als habe meine Absage sie überrascht.

«Verena, wenn du es nicht für dich tun willst, wobei ich nach wie vor glaube, dass es dir sehr, sehr guttun würde, dann tu es wenigstens für die Mädchen.»

Damit hat sie mich.

Drei Wochen später liegt die Kurgenehmigung in meinem Briefkasten.

Der Zug fährt ein. Endlich. Wir raffen ein weiteres Mal unser Gepäck zusammen.

«Welcher Wagen, welche Plätze?», fragt meine zugerfahrene Tochter Ella.

«Wagen 27, Plätze 26, 27 und 29.»

«Haben wir einen Tisch?», fragt Anni fordernd.

«Ich weiß es nicht», seufze ich und weiß genau, was nun kommt.

«Ich will aber einen Tisch, sonst fahre ich nicht mit diesem Zug.»

Alles andere würde mich wundern. «Natürlich fahren wir mit diesem Zug, das weißt du ganz genau. Bitte, keine Zickereien jetzt.»

Wagen 27 zuckelt an uns vorbei, obwohl wir laut Wagenstandanzeiger genau an der richtigen Stelle stehen. Natürlich. Umgekehrte Wagenreihung. Was sonst. Muss denn heute alles schiefgehen? Ich stöhne und schiebe meine nervösen Kinder durch das aufbrausende Gedränge. Warum sind wir auch immer so gut organisiert, wenn es dann nichts nützt? Wir hechten sechs oder sieben Waggons weiter und mit uns alle anderen auf diesem Bahnsteig. Das Gedränge ist furchtbar. Mütter, Koffer, Kinder – alles läuft durcheinander, zetert, weint und keucht. Wenn nur nicht der ganze Krempel wäre!

Als wir Wagen 27 erreichen, steht direkt vor uns die Leopardenfrau und hievt keifend ihre drei Kinder, zwei Koffer, einen Buggy und eine riesige Strandtasche in den Waggon. «Jan-Luca, rein da, du kriegst gleich die Cola. Justin, nimm deinen Bruder mit. Nee, ich weiß nicht, welche Plätze, da muss ich erst schauen. Los jetzt, hier sind noch andere Leute. Boah, ich krieg gleich ’nen Anfall!»

Ich auch, wenn die Dame so weitermacht. Es ist richtig schlimm, wie sie ihre Kinder anschnauzt, und man spürt, dieser Ton ist eher die Regel als die Ausnahme. Wie schön, dass sie das Bild, das ich mir in der kurzen Zeit von ihr gemacht habe, haarklein bestätigt. Natürlich darf jede Mutter gelegentlich von ihrem Nachwuchs genervt sein, aber ob man gelegentlich genervt ist oder seine Kinder behandelt, als wäre es eine Zumutung, dass sie auf der Welt sind, ist ein himmelweiter Unterschied. Ich hoffe inbrünstig, niemals SO mit meinen Kindern zu reden, egal, wie gestresst ich bin. Und wenn es doch passiert, weiß ich zumindest, dass es falsch und ungerecht ist.

Tja, manchmal hält einen die Arroganz der Besserwissenden am Leben.

 

Endlich haben es Leopardenfrau&Co. geschafft, und wir können ebenfalls einsteigen. Anni und Ella steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Wenn die Leopardenfrau jetzt noch am anderen Ende des Waggons sitzt … Aber was erwarte ich nur? Sie sitzt natürlich direkt neben uns. Wir kommen kaum an den Massen ihres Gepäcks vorbei, so dreist hat sie alles in den Gang geschoben. Justin und Jan-Luca, oder wie

Wenigstens haben wir den von Anni eingeforderten Tisch, und dank daher nicht stattfindenden Gezeters sind wir ein Beispiel an musterhafter Familie. Ruhig, organisiert, adrett. So habe ich uns gerne.

Nachdem wir in dem allgemeinen Gewusel unser Gepäck verstaut haben und endlich sitzen, versorge ich die Kinder mit Brezeln und Malzeug und stöpsle mir – was äußerst selten vorkommt, aber Leopardenfrau und ihre Brut mit Aussicht auf Cola zwingen mich quasi dazu – meine Kopfhörer ins Ohr. Was für eine Wohltat. Alle Geräusche ausgeblendet, lehne ich mich zurück, knabbere ebenfalls ein paar dieser drögen Brezeln und hänge meinen Gedanken nach.

Rainer parkt das Auto auf einem Wanderparkplatz.

Er wolle abends einen kleinen Ausflug mit mir machen, eröffnete er mir heute Morgen beim Frühstück, unsere Nachbarin passe auf die Kinder auf. Ich habe mich zwar gewundert, aber mir keine weitergehenden Gedanken gemacht. Vielleicht, weil der Tag voll wie immer war, vielleicht aus Nachlässigkeit oder einfach, weil es keinen konkreten Anlass gab, sich Gedanken zu machen.

Diese Unbedarftheit verschwindet in dem Augenblick, als wir losfahren. Die Atmosphäre im Auto ist dick und schwer, als würden wir nicht in einem Raum voller Luft, sondern voll mit schwerem Rohöl sitzen, das sich fies und klebrig in

Rainer stellt den Motor aus und lehnt sich demonstrativ seufzend zurück. Regen trommelt gegen die Scheiben, und unser Auto steht völlig alleine auf dem Parkplatz.

«Und? Bist du vielleicht jetzt bereit, mir endlich zu verraten, was das hier soll?», frage ich gereizt und deute mit der Hand ausladend einmal im Wagen herum. Die ganze Fahrt über wollte er mir partout nichts erklären.

Rainer geht nicht weiter darauf ein und schaut stoisch in den herbstlichen Wald. «Ich wollte in Ruhe etwas mit dir besprechen, deshalb sind wir hier», sagt er vorsichtig und ohne mich anzusehen.

Meine Alarmglocken schrillen augenblicklich.

«Du willst reden? Und worüber willst du bitte schön reden, was wir nicht auch zu Hause klären können?» Mein Ton ist scharf.

Rainer schweigt.

«Rainer, bitte, ich habe keine Lust, dir die Würmer aus der Nase zu ziehen. WAS ist so wichtig, dass du es mir nicht zu Hause sagen kannst?»

«Ich wollte mit dir in Ruhe reden, weil … weil ich eine Entscheidung getroffen habe. Sie ist unangenehm, und du wirst sie sicher nicht verstehen.»

Alles in mir zieht sich zusammen. Plong! macht die Kugel mit den schlechten Gefühlen in meinem Bauch und drückt gegen die Magenwand wie ein rotierender Kreisel. Plötzlich ist alles ganz weit weg. Die fünfzig Zentimeter zwischen mir und Rainer erscheinen mir wie fünfzig Meter, der Wagen wie ein Fußballplatz. Und ich mittendrin mit viel zu viel Nichts um mich herum. Ängste, die eine Beziehung unbewusst

«Wer?», presse ich zwischen meinen Lippen hervor.

«Es ist nicht, wie du denkst.»

Welch klischeehafter Satz.

Rainer schüttelt vehement den Kopf. «Es gibt keine andere. Wirklich nicht. Und ich habe auch nicht vor, mir eine andere zu suchen. Nein, es ist …»

Er stockt, sieht an mir vorbei aus dem Fenster und sucht nach den Worten, die er sich wohl in den letzten Tagen zurechtgelegt hat. Dann schüttelt er den Kopf und setzt erneut an. «Versprich mir, mich ausreden zu lassen. Ich habe lange nachgedacht, sehr lange. Meine Entscheidung steht fest, egal, wie du reagierst. Wenn ich fertig bin, darfst du ausrasten und mir alles an den Kopf werfen, was dir einfällt.»

Na toll. Ich nicke folgsam und versuche, den aus meinem Bauch emporkriechenden Ausraster zurück an seinen Ursprungsort zu verbannen. Seltsamerweise ist es einfacher als gedacht, denn nun ist meine Neugier geweckt.

Rainer atmet tief ein, sammelt Kraft.

«Ich habe ein Angebot bekommen. Ein wirklich gutes Angebot, und ich habe beschlossen, es anzunehmen. Ein Kollege hat mich empfohlen, und sie wollen, dass ich ein Projekt in Jordanien übernehme. Das Projekt ist hochinteressant, es geht um Solaranlagen von fast unvorstellbaren Ausmaßen, und sie wollen mich dort als leitenden Ingenieur.»

Ich atme laut und keuchend aus, habe gar nicht bemerkt, dass ich das Atmen vorübergehend eingestellt hatte. Neben der Freude, keine Nebenbuhlerin zu haben, sackt die Erkenntnis langsam, aber dafür umso bitterer.

«Nach Jordanien? Wie stellst du dir denn das vor? Wie

Weiter komme ich nicht, weil Rainer mir über den Mund fährt. Was er dann sagt, fühlt sich einfach nur grausam an.

«Verena, ich werde alleine gehen. Nein, du redest jetzt nicht! Ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich glaube, es ist das Beste für unsere Beziehung. Jetzt noch nicht, aber vielleicht später. Wir sind in eine Sackgasse geraten. Klar, wir kommen zurecht, die Familie funktioniert, aber was ist mit uns? Seit Jahren hassen wir uns die Hälfte der Zeit, und in der anderen Hälfte sind wir mit den Kindern beschäftigt. Sex haben wir schon seit Ewigkeiten nur noch als Pflichtprogramm, und außer unseren Urlauben verbindet uns nicht mehr viel. Ich will mich nicht von dir, von euch trennen, das musst du mir glauben. Aber ich denke, eine Trennung auf Zeit kann eine Chance für uns sein. Vielleicht merken wir dann wieder, was wir aneinander haben, und können danach von vorne anfangen. Glücklicher werden. Aber im Moment … Verena, ehrlich, ich muss raus aus unserer kleinbürgerlichen Enge, ich habe das Gefühl zu ersticken. Seit Jahren derselbe Job, seit Jahren redest du mir jede Veränderung aus, weil ich ja so schrecklich gute Arbeitsbedingungen habe. Aber mir reicht es nicht mehr, zwei Wochen im Jahr Überstunden abbummeln zu dürfen und dreimal im Jahr Familienurlaub zu machen. Dazu knirscht es einfach viel zu sehr zwischen uns.»

Während er redet und redet und mir die Unglaublichkeit seines Plans darlegt, bin ich innerlich erschreckend ruhig geworden. Ich kann einfach nicht glauben, was er mir da erzählt, so absurd erscheint es in meinen Augen. Und

«Verena, bitte, jetzt sag doch was.»

Und dann fange ich an zu heulen.

«Was ist mit den Kindern?», ist alles, was ich herausbringe.

 

Der Rest des Gespräches verschwimmt, so als würde alles nur noch hinter Milchglas stattfinden. Rainer beteuert, die Kinder würden es verstehen, wenn wir es ihnen nur richtig erklärten. Außerdem würden wir uns schließlich «nicht richtig» trennen. Außer uns würde niemand den wahren Grund seiner Entscheidung kennen. Auch die Kinder nicht. Auf ein Jahr ist die Stelle zunächst befristet, danach würde er weitersehen. Sein jetziger Arbeitgeber hält sogar seine Stelle frei, und vielleicht könnten wir danach besser weitermachen als vorher.

Aber tief im Inneren weiß ich es: Es gibt keine Trennung auf Zeit. Blöd ist der, der darauf hofft. Und nach vielen durchwachten Nächten ist genau das das Ergebnis, welches ich für mich selbst finde: Mein Mann verlässt mich und die Kinder. Und niemand weiß davon. Ich organisiere mein Leben von nun an ohne Mann und ohne Hoffnung. Die Kinder werden sich an seine Abwesenheit gewöhnen, und dann ist eine offizielle Trennung vielleicht gar nicht mehr so schlimm. Das zumindest rede ich mir wieder und wieder ein. Natürlich bleibt die Hoffnung, penetrant, wie sie ist.

Sechs Wochen später ist Rainer weg.

Ihr Gebrüll lässt mich zusammenzucken. Vor lauter Grübelei ist mir gar nicht aufgefallen, dass wir fast da sind. Na, dann war die Zugfahrt wohl doch nicht so schlimm, grinse ich in mich hinein und schaue unauffällig nach meinem temporären Hassobjekt, der Leopardenfrau. Die schnarcht selig mit offenem Mund vor sich hin, während sich ihre drei Kinder Salzstangen in die Nase stecken.

«Ja, Schatz, das ist die Brücke nach Fehmarn. Dann kann es nicht mehr lange dauern. Gleich haben wir es geschafft, und dann ist es nur noch eine kurze Fahrt mit dem Bus.»

«Och nö, Bus fahren. Ich fahre nicht mehr mit dem Bus. Auf keinen Fall steige ich noch in einen Bus ein, nein, kein Kacka-Bus.»

Anni ist direkt wieder in ihrem Element. Nämlich zu betonen, dass sie auf keinen Fall etwas tut, was sie für nicht sinnvoll erachtet. Meine kleinere Tochter ist in ihrer chronischen Unlust und Fäkalaffinität wirklich völlig durchschaubar. Ich beschließe, sie zu ignorieren, und schiebe ihr stattdessen einen Müsliriegel über den Tisch.

«Hier, iss, im Bus kannst du nicht mehr essen.»

Sie nimmt den Riegel ohne weiteres Murren an. Wenigstens ist sie bestechlich.

Um uns herum bricht Geschäftigkeit aus. Mindestens die Hälfte des Abteils ist noch immer mit Müttern und Kindern besetzt, obwohl wir schon die halbe Ostseeküste abgeklappert haben. Wie viele Kliniken gibt es hier denn? Die Wahrscheinlichkeit, dass keine von ihnen dasselbe Ziel hat wie wir, sinkt rapide, und ich muss mich wohl darauf gefasst machen,

 

Achtunddreißig bin ich dieses Jahr geworden. Ein Alter, der vierzig beängstigend nah. Schon fast greifbar, und doch, entgegen allen Erwartungen und Ankündigungen meiner Mutter, nicht so beängstigend, wie ich es mir mit zwanzig ausgemalt habe. Eigentlich ein gutes Alter, denn man muss endlich keine Zeit mehr dafür aufwenden, herauszufinden, wer man ist und was man vom Leben will. Die wichtigsten Lebensentscheidungen sind in der Regel getroffen: einen Mann gesucht und mit etwas Glück gefunden und behalten zu haben, das Thema Heirat, Kinder und Beruf ist abgehakt, und nun könnte man entspannt und positiv in die Zukunft schauen.

Na ja, natürlich nur, wenn alles glattläuft.

Und da das bei mir leider nicht der Fall ist, befinde ich mich tatsächlich an einer Stelle meines Lebens, an der wieder alles ungewiss ist. Sozusagen eine nicht gewollte Ereigniskarte im Lebensmonopoly – «Gehe zurück auf LOS, ziehe nicht viertausend Mark ein». Auf ein Neues.

Was hat das für mich zu bedeuten? Ein Vorteil unserer Generation, der Mitte der siebziger Jahre Geborenen, ist eindeutig, dass wir noch nicht so alt sein müssen wie die Generationen davor. Mit Ende dreißig geht man fast noch als jung durch, wenn man beschließt, sich auch so zu fühlen. Der Spiegel ist noch nicht allzu grausam, und so kann man sich selbst wunderbar einreden, dass ja noch gar nichts vorbei ist, die vierzig nicht so schlimm sind wie früher und überhaupt

Mein Gefühl im Moment? Ich bin alt, verlassen, einsam und frustriert.

 

Vor dem Bahnhofsgebäude warten die Mitarbeiter der verschiedenen Kurkliniken und halten brav ihre Schilder hoch. Ich nenne der biederen Dame, die das Schild meiner Klinik umklammert, als wäre es ihr kostbarster Besitz, unsere Namen, und wir werden in einen altersschwachen Bus verladen. Das Gepäck wird pauschalreisemäßig durch einen freundlichen Herrn in blauer Arbeitskleidung in den Tiefen des Reisebusses verstaut. Ich versuche, nicht allzu beeindruckt zu sein.

Dass es ein Reisebus ist, der uns die letzten Kilometer transportiert, stimmt sogar Anni versöhnlich. Reisebusse sind schließlich viel besser als diese langweiligen Stadtbusse bei uns zu Hause. Auf die Frage nach dem Warum bekomme ich die Antwort von beiden Mädchen einstimmig: weil man schön hoch sitzt und alles so gemütlich ist. Ich freue mich, wenn wenigstens sie langsam Gefallen an dieser eigenartigen Reise finden.

 

Weil ich im Zug den Großteil der Strecke verträumt habe, nehme ich erst jetzt die Landschaft richtig wahr. Begeistert bin ich nicht. Im Gegenteil, eine Fahrt im Winter durch die Ausläufer des Ruhrgebiets könnte meiner Meinung nach nicht trister sein. Graue Straße, eingerahmt von matschigen Feldern. Darüber ein Himmel, der den Namen nicht verdient, so schwer und tief hängt die monotone Wolkendecke. Am Horizont ein Meer wie ein Parkplatz. Ein einsamer alter

Vielleicht wäre ich doch besser in die Berge gefahren? Wer fährt denn auch im tristen Februar an die Ostsee?

Der bemühte Busfahrer bereitet uns auf die Ankunft vor, erklärt den Ablauf mit leiernder Stimme, so oft hat er denselben Text unzähligen Müttern und Kindern gegenüber schon von sich gegeben. Regen klatscht derweil nadelspitz gegen die Scheiben. Zusammen mit der Wärme, die der alte Bus aus seinen Ritzen bläst, verbreitet sich eine müde Stimmung. Kein Wunder nach der stundenlangen Fahrt, die hier alle hinter sich haben. Anni ist bereits eingedöst, und ihr Kopf klappert bei jeder Kurve an das altersgegerbte Fenster, Ella schaut wie ich gedankenverloren hinaus.

Dem öden platten Land folgt ein ödes Feriendorf, samt und sonders mit Bausünden der sechziger und siebziger Jahre bestückt. Das, was man im Vorbeifahren von der Promenade und dem dahinterliegenden Strand sehen kann, ist … verbaut. Verbaut und leer. Kein Wunder, wenn sich bei dieser Trostlosigkeit außer uns verzweifelten Müttern niemand hierher verirrt.

Die Kurklinik selbst liegt in zweiter Reihe und ist ein fünfstöckiger Betonklotz, dessen einziger Lichtblick darin besteht, dass alle Zimmer einen großzügigen Balkon besitzen. Na toll, ein Balkon im Februar. Da habe ich bei der Klinikauswahl ja wirklich auf die richtig wichtigen Dinge geachtet. Der Meerblick, auf den ich bei meinen Planungen gesetzt habe, ist wohl eher ein Fangangebot. Geschätzt bieten vielleicht zehn

 

Dutzende Mütter mit gefühlten hundertfünfzig Kindern füllen einen überheizten, aber hell und freundlich eingerichteten Vorraum mit ihrem Geschnatter und warten darauf, die Schlüssel für ihr Apartment in Empfang nehmen zu können. Leider dauert es noch eine Weile, denn der letzte Kurgang ist gerade einmal fünf Stunden zuvor abgereist, und das Personal hatte bis jetzt alle Hände voll zu tun, die Zimmer für die nächste Runde vorzubereiten. Es gibt eine Cafeteria, in der man sich auf Kosten des Hauses einen Kaffee holen kann, aber dort ist es so voll, dass wir uns lieber eine einigermaßen ruhige Ecke suchen und abwarten. Wir haben das zweifelhafte Vergnügen, direkt neben «Otto» zu warten. «Otto» ist der Name des Desinfektionsautomaten, der bereitsteht, sämtlichen aus der Bundesrepublik eingeschleppten Keimen den Garaus zu machen. Ein Schild, das «Otto» gut sichtbar um den Hals hängt, informiert über das Prozedere: Er ist bei jedem Betreten des Kurhauses sowie vor jedem Essen im Speisesaal zu benutzen, vor allem wegen der Magen-Darm-Seuchen, die die Kurhäuser in schöner Regelmäßigkeit heimsuchen.

Nun gut, das ist jetzt nichts Überraschendes.

Zwei Väter stehen verloren inmitten der geballten Weiblichkeit. Natürlich wusste ich, dass auch Väter eine Kur machen können. Dennoch finde ich es ausgesprochen mutig, sich als Mann für drei Wochen in so eine Umgebung zu stürzen, weshalb ich sie mir genauer ansehe. Der eine steht neben seiner prüde wirkenden Frau und seinem etwa fünfjährigen Sohn, ist hager, alt (jenseits der fünfzig) und sieht ziemlich verkniffen aus. Der andere steht alleine mit seiner Tochter ganz in unserer Nähe, ist etwa in meinem Alter, mittelgroß, blond und trägt einen akkurat gestutzten Vollbart. Er ist der Typ Holzfäller. Gerade beugt er sich zu seiner Tochter runter und spricht leise und beruhigend auf sie ein. Das Mädchen ist etwa in Annis Alter, wirkt mit den halblangen rotblond gelockten Haaren eher burschikos und sieht trotzdem verunsichert aus.

Weiter komme ich nicht in meinen Betrachtungen, denn die Schlüsselausgabe beginnt. Wir lassen den ungeduldigen Damen den Vortritt und reihen uns am Ende der Warteschlange ein.

Als wir endlich an der Reihe sind, fragt mich die Dame an der Rezeption freundlich lächelnd nach meinem Namen,

«Die Flaschen können Sie hier im Café auffüllen lassen, wann immer Sie möchten, allerdings nur bis 22:00 Uhr. Wir hoffen, dass Sie sich wohl bei uns fühlen.»

Das hoffe ich auch.

 

Ein Aufzug bringt uns rappelnd und klappernd in den vierten Stock. Vom Treppenhaus aus betreten wir einen mit dunkelblauem Teppich ausgelegten Flur. Direkt das zweite Zimmer auf der rechten Seite ist unseres. Ungeduldig warten die Kinder darauf, dass ich endlich die Tür aufschließe. Durch einen kleinen Vorraum mit Garderobe und Schuhregal betreten wir gespannt das «Wohnzimmer».

Wir haben bei der Zimmerauswahl Glück gehabt, denn das Erste, was wir sehen, ist tatsächlich das Meer. Und so von nahem – das Kurhaus liegt etwa fünfzig Meter vom Wasser entfernt – wirkt es auch nicht mehr ganz so parkplatzmäßig. Das gebe ich gerne zu. Die Wellen treiben kleine weiße Schaumkronen an den von Seetang bedeckten Wellensaum. Ich bin ein bisschen versöhnt, die Kinder sind schlichtweg aus dem Häuschen. Sie sind zurzeit definitiv anspruchsloser als ich. Wir lassen unsere Sachen fallen, wo wir gerade stehen, und begutachten das Apartment in aller Gemütlichkeit.

Im Hauptraum stehen das «Mütterbett», mehrere Schränke und Kommoden aus Fichtenholz, ein rotes Ikea-Sofa und ein kleiner Esstisch, ebenfalls aus Fichte, direkt vor einem