ISBN: 978-3-95573-815-0
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de
Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.
Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
Nach 23 Stunden Bereitschaftsdienst und der Aussicht auf noch mindestens fünf weitere Stunden Dienst in der Notaufnahme, zeigte Dr. Sarah Zimmermanns Nervenkostüm etliche Risse. Eine munter vor sich hin trällernde und pfeifende Ambulanzschwester war da genau der Tropfen Wasser, der das Fass zum Überlaufen brachte.
"Ruhe, verdammt!", explodierte Sarah. Der Ausbruch war begleitet von derart wilden Blicken, dass die Schwester eiligst hinter dem Empfangstresen verschwand. Von diesem vermeintlichen Schutzwall aus sah sie die Ärztin völlig perplex an, während die beiden Empfangsschwestern mit offenen Mündern zwischen ihr und Dr. Zimmermann hin und her blickten. Sarah blieb einen Moment stehen, während sie überlegte, ob sie sich entschuldigen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen und lief weiter.
"Wow", seufzte Schwester Kathi, als sich die Ärztin außer Hörweite befand. "Das sieht nach megaschlechter Laune aus."
"Na ja, aber verstehen kann ich es", meinte ihre Kollegin, an Gesa gewandt. "Dr. Zimmermann ist seit über zwanzig Stunden auf den Beinen. Da liegen die Nerven blank und man fühlt sich vom Summen einer Fliege gestört."
"Ja, okay, kann sein", gab Gesa zu. "Aber ey, Mädels, ich bin gerade so total happy." Sofort traten die beiden Kolleginnen näher an sie heran, um ja kein Wort zu verpassen. Gesa sah es mit Zufriedenheit. Sie beugte sich vor und fuhr mit leiserer Stimme fort: "Ich habe endlich den Mann meines Lebens gefunden." Gespannt wartete sie die Reaktion der Kolleginnen ab. Beide stießen ein gedämpftes "Oh!", aus, worauf Gesa weitersprach. "Er hat echt alles, was ich mir von meinem Traummann gewünscht habe. Er ist gebildet, galant, rücksichtsvoll, fürsorglich, liebevoll, ach…" Hier schmückte Gesa ihren Bericht mit einem schwärmerischen Augenverdrehen. "Er ist echt DER Hauptgewinn."
"Boah!", entfuhr es Schwester Elke, in deren Bewunderung sich auch eine Spur Neid mischte, denn sie hatte bisher immer die Nieten gezogen.
Gesa lächelte geschmeichelt.
"Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was er alles tut, um mir zu gefallen", prahlte sie genüsslich. "Ehrlich, er liest mir buchstäblich jeden Wunsch von den Augen ab. Bei ihm fühle ich mich wie eine Prinzessin."
Kathi, die bisher schweigend zugehört hatte, legte den Kopf schief und musterte Gesa eindringlich.
"Okay", meinte sie nüchtern. "Das sind die Vorteile. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Welche Fehler hat dein Prinz?"
Die Frage ließ Gesa unangenehm berührt zusammenzucken. Der selige Glanz auf ihrem Gesicht verschwand schlagartig und machte einem verlegen unsicheren Ausdruck Platz.
"Er ist verheiratet", gab sie schließlich nach einigem Herumdrucksen zu. Im nächsten Moment trat ein trotziges Glitzern in ihre Augen. Kampflustig schob sie das Kinn vor. "Ja, ja, ich weiß schon, was jetzt kommt!", rief sie ärgerlich. Kathis realistische Art, die Dinge zu beurteilen ging ihr schon lange auf den Keks. Die Kollegin war eine richtige Spaßbremse. "Der spielt nur mit dir, der lässt sich nie scheiden, blablablubberbla. Aber es ist alles ganz anders. Oliver und seine Frau leben zwar noch zusammen in einem Haus, aber jeder geht seine eigenen Wege. Sie haben echt nichts mehr miteinander zu tun."
"Und wieso lassen sie sich dann nicht scheiden?", kam prompt die Frage aus Kathis Mund.
Gesa atmete tief durch, als müsste sie einem besonders begriffsstutzigen Kind das Einmaleins beibringen.
"Er stand schon ein paarmal kurz davor", erwiderte sie endlich, "aber seine Frau ist schwer depressiv. Sie ist deshalb auch schon seit einigen Jahren in Behandlung. Oliver hat Angst, dass sie sich und den beiden Kindern etwas antut, wenn er einen Schlussstrich zieht. Die beiden leiden schon genug unter den ständigen Ausfällen der Mutter."
"Wie edel." Kathi lachte spöttisch. "Und den Unsinn glaubst du?" Sie schüttelte den Kopf. "Wenn ihm seine Kinder wirklich so wichtig sind, würde er sie nehmen und aus dieser furchtbaren Situation führen. Aber wahrscheinlich ist das alles sowieso nur gelogen."
"Kathi", mahnte Elke, die Mitleid mit Gesa hatte, weil sie ihr ansah, wie sehr diese Worte sie trafen. "Vielleicht ist es ja doch die Wahrheit."
Kathi stieß einen Laut aus, der zwischen Prusten und Auflachen schwankte.
"Ja, und der Papst ist evangelisch."
Damit drehte sie sich um und kehrte an ihren Computer zurück.
"Mach dir nichts draus", raunte Elke Gesa rasch zu, "Kathi sieht immer alles grau in grau."
Dann wandte auch sie sich ab und ging zu dem Paar, das vor dem Tresen wartete.
Gesa stieß einen tiefen Seufzer aus. Mit hängenden Schultern ging sie zum Stationszimmer.
Milana Kaszubeck widerlegte nachhaltig das besonders von Männern vertretene Vorurteil, dass hübsche blonde Frauen strohdumm sind. Milana war hübsch, verdammt hübsch sogar! Ihr Haar hatte die Farbe reifen Sommerweizens, ihr Gesicht glich dem eines Botticelli-Engels und ihre Figur weckte selbst bei Greisen noch erotische Wünsche und Tagträume. Aber sie verließ sich nicht auf ihr Aussehen, sondern allein auf ihren messerscharfen Verstand. Allerdings verstand sie es hervorragend, gerade die Herren der Schöpfung mit ihrer Schönheit und gespielter Naivität so einzuwickeln, dass sie diese schneller über den Tisch gezogen hatte, als die Herren "Dunstabzugshaube" sagen konnten.
So war sie auch an den Job bei B&W Digital Animations geraten und auch ihr fürstliches Gehalt hatte sie damals erst einmal ihrer Schönheit zu verdanken. Oliver Brauns Kompagnon Jonas Werheim hatte allerdings sehr schnell erkannt, welche Fähigkeiten hinter Milanas strahlender Fassade steckten. Nach einer angemessenen Einarbeitungszeit, in der Milana schon lobens- und lohnenswerte Arbeit geleistet hatte, hatte Jonas sie zu seiner persönlichen Assistentin gemacht. Inzwischen besaß sie Prokura und wusste über die Firma und deren Finanzen besser Bescheid als deren Eigentümer. Als sie jetzt das schlicht-elegant eingerichtete Büro ihres Chefs betrat, lehnte sich dieser in seinen Sessel zurück und sah ihr erwartungsvoll entgegen.
"Und, was sagen Sie zu meinen Plänen?" Gespannt wartete Jonas Werheim auf die Antwort. Ob Milana dieses Mal ein lobendes Wort für seine Arbeit fand? Für einen bewundernden Blick aus ihren schönen Augen hätte er seine Seele verkauft, doch er ahnte, dass selbst das ihm bei ihr keine Punkte bringen würde. Milana war wunderschön, hochintelligent, aber leider kalt wie ein Bergsee und verhielt sich ihren Mitmenschen gegenüber äußerst distanziert. Für sie zählten alleine Fakten, Fakten und nochmals Fakten. So löste Jonas' Frage bei ihr auch diesmal nicht das kleinste Lächeln aus. Ihre Miene blieb unbewegt, während sie näher kam, ihr Laptop auf den Schreibtisch legte und in dem Besuchersessel davor Platz nahm.
Jonas hielt für ein paar Sekunden die Luft an, als sie ihre langen, schlanken Beine übereinanderschlug. An dieser Frau war einfach alles perfekt!
"Sie sind gut", antwortete Milana auf seine Frage. Ihr Ton war sachlich, doch Jonas meinte, noch etwas anderes herauszuhören, das er allerdings nicht definieren konnte. War es etwas Warnendes, Zögerliches, gar Unsicheres? Nein, Unsicherheit gehörte ganz bestimmt nicht in Milanas Psychoprofil. "Aber ich möchte erst einmal etwas anderes mit Ihnen besprechen."
Erstaunt hob Jonas die Brauen. "Das klingt nach Schwierigkeiten oder wollen Sie uns etwa verlassen?" Letzteres klang tatsächlich besorgt.
Milana schob sich eine breite Strähne ihres langen, blonden Haares über die Schulter.
"Es fließen Gelder ab", sie stockte kurz, sprach dann aber weiter, "und die Summe ist nicht unerheblich."
Bei dieser Nachricht schrak Jonas sichtlich zusammen. "Wie bitte?"
Fassungslos starrte er Milana an. Diese erwiderte seinen Blick mit einem Ernst, der ihn Ungutes ahnen ließ. Die Ahnung wurde zur Gewissheit, als Milana erneut das Wort ergriff. Ihr Ton war dabei zwar sachlich, doch das machte es nicht besser.
"Genau sind es bis heute dreieinhalb Millionen Euro."
Jonas schluckte trocken. Er zweifelte keine Sekunde an Milanas Worten. Eine Frau wie sie nannte Fakten erst dann, wenn sie sie vorher mehr als einmal überprüft hatte. Trotzdem hauchte er jetzt getroffen: "Sind Sie sicher?"
"Völlig." Milanas Gesicht war ausdruckslos. "Mir sind schon eine ganze Weile gewisse Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Ich habe mir also die Bankauszüge, Aufträge, Rechnungen und so weiter der letzten Jahre angesehen und Folgendes gefunden." Sie tippte auf ihr iPad und das Display leuchtete auf. "Bitte schön."
Beim Anblick der akribisch aufgeführten Zahlenreihen und Kontonummern stockte Jonas der Atem. Kurzfristig wurde ihm schwindlig, während sein Herz losraste, als wollte es aus seiner Brust fliehen.
"Angefangen hat es vor fünf Jahren", fuhr Milana fort, als Jonas geschockt schwieg. "Zuerst waren es kleinere Summen, die unregelmäßig abgezweigt wurden. Aber inzwischen handelt es sich um regelmäßige Beträge, die aus dem Betrieb gezogen werden. Sehen Sie hier", sie beugte sich vor und deutete mit dem Kugelschreiber auf eine Zahlenreihe, "das sind Überweisungen an Banken auf den Kanalinseln und in der Karibik. Die Belege tragen die Namen von verschiedenen Zulieferern, Wartungsunternehmen und externen Mitarbeitern, alle mit Sitz im außereuropäischen Raum. Doch diese Firmen oder Mitarbeiter existieren real gar nicht. Es sind reine Briefkastenfirmen, die Herr Braun im Laufe der vergangenen Jahre gegründet hat."
Jonas hatte plötzlich ein unangenehmes Brummen in den Ohren. Oh Gott, nicht schon wieder ein Hörsturz, schoss es ihm durch den Kopf. Das wäre dann der vierte oder fünfte in den letzten sechzehn Monaten!
Er zwang sich, seine Konzentration auf Milana zu richten.
"Wer hat die Zahlungen veranlasst?"
"Nun, immer Herr Braun." Sie tippte erneut auf dem iPad herum, neue Schriftzüge und Zahlenreihen erschienen auf dem Bildschirm. "Sehen Sie, diese Zahlung geht zum Beispiel an eine Beraterfirma. Darunter steht sein Name." Milana blickte auf, zum ersten Mal direkt in Jonas' Augen. "Herr Braun betreibt diese Unterschlagungen bereits seit fünf Jahren."
"Niemals!" In Jonas wehrte sich alles gegen diese Vorstellung. "Nie, niemals, hören Sie? Oliver und ich, wir kennen uns seit unserer Studienzeit. Wir haben diesen Betrieb gemeinsam aufgebaut, es steckt nicht nur unser gesamtes Kapital drin, sondern auch unsere Kreativität, Lebenszeit – ach …" Er sprang auf. "Unser ganzes verdammtes Leben steckt in diesem Laden! Das schmeißt man doch nicht so einfach weg!"
Anders als Jonas blieb Milana äußerlich unbeeindruckt.
"Wir haben unseren Umsatz im letzten Jahr auf sechzig Millionen Euro steigern können", sprach sie weiter. "Das Unternehmen steht gut da, die Banken vertrauen uns. Aber auf Dauer wird uns ein jährlicher Abfluss von bis zu dreihunderttausend Euro schaden."
Jonas konnte es immer noch nicht fassen.
"Das ist unglaublich", stöhnte er schließlich. "Nicht Oliver, das kann nicht sein."
Milana hob die schmalen Schultern.
"Die Fakten sprechen gegen Herrn Braun, aber es kann natürlich sein, dass ich mich irre."
Jonas schluckte mühsam. Er wusste, dass Milana weder scherzte noch sich irrte. Diese Frau scherzte nie und sie irrte sich auch nie. Dazu war sie viel zu realistisch, zu kopfgesteuert. Im nächsten Moment wandelte sich sein Schock in Zorn.
"Wenn das schon seit fünf Jahren geht, wieso kommen Sie dann erst jetzt mit den Zahlen?", explodierte Jonas, wobei er wusste, dass seine Anschuldigung ungerecht war. Milana arbeitete schließlich erst seit zwei Jahren bei Digital Animations und hatte nicht von Anfang an Einsicht in die finanziellen Interna des Unternehmens gehabt. Da ihr die Unlogik dieses Vorwurfs ebenso klar war, fand sie es nicht einmal für nötig, darauf zu antworten oder gar sich zu verteidigen.
Durch ihr Schweigen kam Jonas sich wieder mal wie ein Volltrottel vor. Sein Zorn fiel in sich zusammen wie ein Haufen Asche.
"Bitte schicken Sie mir die Daten auf meinen Computer", bat er resigniert. Das Brummen in seinen Ohren wurde lauter. "Wir reden weiter, wenn ich sie mir angesehen und noch einmal geprüft habe. Bis dahin muss ich Sie bitten, über alle diesbezüglichen Vorgänge Stillschweigen zu bewahren."
"Aber natürlich." Milana erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung, schnappte sich ihr iPad und ging zur Tür. Jonas sah ihr tieferschüttert hinterher. Sie hatte gerade seine heile Welt in Trümmer zerlegt.
Ein warmer Zug wehte durch das offene Fenster ins Esszimmer. Doch er erreichte leider nicht den Mann, der mit düsterer Miene vor seinem Frühstück saß. Im Gegenteil, er zog die Schultern hoch, als würde er frösteln und irgendwie tat er das auch. Als sich Schritte dem Tisch näherten, riss er sich jedoch zusammen und sah der Frau entgegen, die sich wortlos ihm gegenüber niederließ.
Bei ihrem Anblick wurde Dr. Herbsts Herz noch schwerer. Er liebte sie mit einer Intensität, die manchmal schmerzte. Aber sie war ihm inzwischen so fremd geworden, als wäre sie eine ganz andere Person.
"Wann fährst du?", fragte Dietmar, als das Schweigen lastend wurde.
Miriam Herbst blickte kurz auf, dann widmete sie sich ihrem Frühstücksei.
"Gegen Mittag." Mit der Rückseite ihres Löffels klopfte sie das Ei auf und begann, es zu pellen. "Ich muss noch ein paar Sachen einpacken, dann habe ich alles."
Jedes einzelne ihrer Worte versetzte Dietmar einen Stich mitten ins Herz. Bisher hatte er immer noch gehofft, dass seine Frau es sich noch einmal überlegen würde. Doch stattdessen war der Graben zwischen ihnen immer tiefer geworden. Gestern war sie nun zum wahrscheinlich letzten Mal angereist, um ihre restlichen Sachen aus der gemeinsamen Villa zu holen und damit den endgültigen Schlussstrich unter die Ehe zu setzen.
Auslöser für dieses Zerwürfnis war ihre gemeinsame, heftig pubertierende Tochter Sila, die sich im letzten Jahr Hals über Kopf in einen Nichtsnutz verliebt hatte. Dieser kriminelle Lümmel hatte sie nicht nur zur Einnahme diverser Drogen verführt, sondern auch zum Handel mit diesen verbotenen Stoffen überredet. Als die Lage eskaliert war, hatte Detlef Herbst das Mädchen in eine private Entzugsklinik gebracht.
Miriam gab ihm bis heute die Schuld an dem Absturz der Tochter. Angeblich hatte Dietmar sich immer mehr für seinen Beruf interessiert als für die Tochter. Für Miriam war die Klinikeinweisung nur ein weiterer Versuch Dietmars, sich aus der Verantwortung zu stehlen und anderen die Lösung der Probleme zu überlassen. Da sie partout nicht einsehen wollte, dass Sila professionelle Hilfe brauchte, war es zu immer heftigeren Streitereien zwischen den Eheleuten gekommen, die darin gipfelten, dass Miriam ihre Koffer gepackt hatte und zu ihrer Schwester nach Berlin gereist war. Inzwischen hatte sie sich dort eine kleine Wohnung eingerichtet, was Dietmars Hoffnung, dass sie in der nächsten Zeit zu ihm zurückkehren würde, mehr und mehr schrumpfen ließ. "Hast du dich denn schon in Berlin eingewöhnt?" Es war eine rhetorische Frage, um kein erneutes Schweigen aufkommen zu lassen.
Miriam nickte stumm. Sie war nicht bereit, es ihm etwas leichter zu machen. Dietmar überlegte, ob er aussprechen sollte, was ihm auf der Seele brannte. Es würde mit Sicherheit zu neuen Verärgerungen führen, andererseits war ihm das Thema zu wichtig, um es schweigend zu ignorieren. Er legte das Besteck aus der Hand und lehnte sich zurück.
"Okay, du hast dich entschieden", eröffnete er die Runde. "Das muss ich akzeptieren, so schwer es mir auch fällt."
Mit einer ungeduldigen Bewegung warf Miriam ihren Löffel auf den Teller.
"Soll das jetzt eine Szene werden?" Ihr Gesichtsausdruck drückte eine Härte aus, die Dietmar nicht an ihr kannte.
"Nein", zwang er sich ruhig zu bleiben. "Ich möchte dich nur noch einmal inständig bitten, Sila noch nicht aus der Klinik zu nehmen." Er beugte sich vor, um seiner Noch-Ehefrau direkt in die Augen sehen zu können. "Sie ist noch nicht so weit, Miriam. Sie wird uns in Berlin ganz entgleiten."
Miriam hob trotzig das Kinn. Eine Geste, die Dietmar schmerzhaft an seine Tochter erinnerte. Wieder fiel ihm auf, wie ähnlich Sila ihrer Mutter sah.
"Du hast absolut keine Ahnung, was mit Sila los ist!", warf Miriam ihm vor. "Sie ist todunglücklich in dieser Klinik, in die du sie gegen ihren Willen gebracht hast. Ich werde sie zu mir nehmen, egal, was du dazu sagst. Bei mir wird es ihr endlich wieder gut gehen."
"Nein, sie wird wieder Mist bauen", behauptete Dietmar überzeugt. "Gerade eine Stadt wie Berlin birgt jede Menge Gefahren für labile Jugendliche wie Sila." Er holte tief Luft, um sich zu beruhigen. "Außerdem hat Sila hier noch etliche Sozialstunden abzuleisten."
"Das kann sie auch in Berlin", wischte Miriam den Einwand mit einem einzigen Satz vom Tisch. "Ich diskutiere auch nicht länger über das Thema. Sila kommt mit mir, fertig."
Dietmar Herbst wusste, dass Miriam nicht nachgeben würde. Wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, musste er eine Sorgerechtsklage einleiten und das wollte er auf keinen Fall. Noch hatten weder er noch Miriam die Scheidung eingereicht und er wollte nicht derjenige sein, der die allerletzte Tür zuschlug.
"Musst du nicht in die Klinik?" Die Frage klang provozierend, doch Dietmar beschloss, es zu überhören. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihm allerdings, dass Miriam recht hatte. Wenn er pünktlich sein wollte, musste er sich jetzt beeilen.
"Ja." Er schob seinen Stuhl zurück. Einen Moment überlegte er, wie er sich von Miriam verabschieden sollte. Würde sie einen Kuss akzeptieren? Ihre verschlossene Miene riet ihm davon ab. So beschränkte Dietmar sich darauf, ihr einen Gruß durch ein Heben der linken Hand anzudeuten.
"Versprich mir, dass du dich meldest, wenn irgendetwas passiert oder du Hilfe brauchst."
"Ja, mache ich." Es klang genervt.
"Dann gute Fahrt."
"Danke."
Kam noch etwas, ein versöhnliches Wort, das diesen Abschied leichter machte? Nein, Miriam war zu keinem noch so kleinen Kompromiss bereit. Als Dietmar sich umdrehte und der Tür zustrebte, hörte er sie hinter sich erleichtert aufatmen.