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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.
ISBN: 978-3-74092-994-7
»Grüß dich, Amelie.« Dr. Matthias Brunner ging auf seine Patientin zu und reichte ihr die Hand. »Was kann ich für dich tun?«
Amelie Meindl lächelte den Landdoktor müde an. »Ich habe wieder einmal eine Migräneattacke und keine Tabletten mehr.«
»Setz dich erst einmal«, forderte Matthias die junge Frau auf. Er zeigte auf den Besuchersessel vor seinem Schreibtisch und nahm ihr gegenüber Platz. Abwartend sah er sie an.
Schön war sie, die Frau von Michael Meindl, den er seit dessen Kindheit kannte. Zierlich gewachsen und trotzdem weiblich, schimmerndes kastanienfarbenes Haar, große graue Augen, die aufmerksam auf die Welt blickten. Eine große Wärme ging von ihr aus, gleichzeitig strahlte sie Stärke aus, obwohl sie an diesem Sommermorgen einen eher kränklichen Eindruck machte.
»Es ist nicht gut, wenn du die Tabletten regelmäßig einnimmst«, erklärte er ihr ruhig. »Dann gewöhnt sich dein Körper daran, und du musst immer mehr davon nehmen, ohne eine Wirkung zu spüren.« Er hob die Brauen. »Hast du dich bei dem Kurs über Entspannungstechniken angemeldet?«
»Im Geschäft haben wir zurzeit so viel zu tun. Ich kann nicht zweimal in der Woche nach Freiburg hinunterfahren.« Amelie sah ihn Hilfe suchend an. »Sagen Sie mir, Herr Doktor, was kann das bloß sein? Sie haben mich doch von Kopf bis Fuß untersucht und sogar eine Computertomografie von meinem Kopf gemacht. Organisch ist doch alles in Ordnung.«
Matthias atmete tief ein. »Ich sagte dir ja schon vor einem halben Jahr, dass Migräne auch psychische Ursachen haben kann. Stress, das Gefühl, überfordert zu sein …«
»Mir geht es aber gut, abgesehen von diesen Kopfschmerzen.« Amelie lachte leise auf. »Ich bin glücklich, mit meinem Mann, und auch beruflich. Mit Theresa, meiner Schwiegermutter, verstehe ich mich bestens. Es gibt gar keinen Grund, mir sozusagen den Kopf zu zerbrechen.«
Matthias lächelte sie an. »Aber genau das ist es, Amelie. Irgendetwas schmerzt deinen Kopf. Irgendein Problem, das du vielleicht ins Unterbewusstsein verdrängst, um dich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.«
Energisch schüttelte die junge Frau den Kopf. »Es gibt kein Problem. Und ich lass mir auch keines einreden.«
Der Landdoktor kannte diese Antwort. Kaum ein Migränepatient wollte so etwas hören. Aber wenn der Erkrankte nicht mitarbeiten wollte, hatte er als behandelnder Arzt kaum eine Chance, ihn zu therapieren.
Er seufzte leise. Dann tippte er den Namen eines neuen Medikamentes in den Computer, bevor er sich wieder an Amelie wandte.
»Ich werde dir ein Mittel verschreiben, das in einer neuen Zusammensetzung gerade auf den Markt gekommen ist. Es ist rein pflanzlich und sehr gut wirksam.«
»Danke, Herr Doktor.« Amelie strahlte ihn an.
»Denk über den Entspannungskurs nach. Vielleicht kannst du dir die Zeit ja doch nehmen. Und solltest du einmal mit jemandem reden wollen, dann weißt du ja, wo meine Praxis ist«, fügte er hinzu, während er seine Hand auf ihre legte.
*
Etwa um die gleiche Zeit an diesem Vormittag, als Amelie Meindl bei dem Landarzt im Behandlungszimmer saß, kaufte Ulrike Brunner, die Frau des Landdoktors, in Ruhweiler ein, nur ein paar Sachen für den täglichen Bedarf. Für einen Großeinkauf mussten die Ruhweiler in den Discounter fahren, der vor den Toren des idyllischen Ortes im Schwarzwald lag.
Ulrike war es in den über dreißig Jahren, die sie nun schon in dem Elternhaus ihres Mannes lebte, gewohnt, von den Patienten angesprochen zu werden. So blieb die Landarztfrau auch an diesem Morgen häufig stehen, hielt hier und da ein kurzes Schwätzchen und erfuhr beim Bäcker und in der Metzgerei die Neuigkeiten aus dem Tal.
»Grüß Gott, Frau Doktor«, hörte Ulrike eine fröhlich klingende Frauenstimme hinter sich, als sie die Treppen zur Postagentur hinaufging.
Sie drehte sich um und sah sich Theresa Meindl gegenüber.
»Hallo, Frau Meindl«, grüßte sie zurück.
Sie und die Dachdeckermeisterwitwe waren ungefähr im gleichen Alter, beide Mitte fünfzig.
»Ist das ein herrliches Wetter heute, gell?«, eröffnete die muntere Theresa das Gespräch. »In den nächsten Tagen soll es so bleiben. Das bringt uns die Wanderer ins Tal.«
»Und meinem Mann verstauchte Fußgelenke«, scherzte Ulrike und verdrehte dabei in gespielt dramatischer Manier die Augen, die die Farbe des Himmels an diesem Tag eingefangen hatten.
»Den Sommer müssen wir genießen, wenn man bedenkt, wie schnell die Zeit vergeht«, fuhr Theresa mit melancholischem Blick zu den bewaldeten Höhen fort, die sich in der Ferne hintereinander aufstellten. »Mein Michael und die Amelie sind jetzt schon ein Jahr verheiratet. Morgen haben sie ihren ersten Hochzeitstag.«
»Tatsächlich?«, staunte Ulrike, die ebenso das Gefühl hatte, die größte Hochzeit, die Ruhweiler in den letzten Jahren erlebt hatte, hätte erst vor ein paar Monaten stattgefunden.
»Ja, so geht’s«, plauderte Theresa weiter. »Wir warten schon ganz ungeduldig auf das nächste Fest.«
Ulrike sah sie fragend an.
»Na ja, auf die Geburt des Stammhalters.«
»Ist Amelie denn schwanger?«
»Leider noch nicht, obwohl die beiden es nicht abwarten können, endlich Eltern zu werden.«
»Amelie und Michael sind doch noch jung. Sie sollten ihre Zweisamkeit genießen. Wenn die Kleinen erst einmal da sind, bleibt den Eltern nicht mehr viel Zeit füreinander.«
»Amelie würde am liebsten eine ganze Schar von Kinder haben und wird bestimmt eine ganz tolle Mutter werden. Und ich …« Theresa zwinkerte ihr vertraulich zu. »Ich hätte dann auch wieder eine Aufgabe und würde die Frau von unserem Landarzt nicht mehr mit meinem Schwätzen aufhalten.«
Ulrike lachte. »Für einen Plausch muss immer Zeit sein.« Dann sah sie Theresa Meindl fragend an. »Arbeiten Sie nicht mehr im Büro?«
»Nein, das macht Amelie sehr gut. Und wissen Sie, Frau Doktor … Alt und Jung im gleichen Geschäft, das kann zu Problemen führen. Wie heißt es? Zu viele Köche verderben den Brei …«
»Das ist eine sehr gesunde Ansicht.« Nun uferte für Ulrikes Gefühl die Unterhaltung doch weiter aus, als sie wollte. »Seien Sie mir nicht böse, Frau Meindl, aber ich muss noch meine Erledigungen machen. Heute Nachmittag kommt unsere Dorothee mit Jan aus Freiburg zu Besuch, und ich will noch schnell einen Kuchen backen.«
Da ging ein sehnsüchtiges Lächeln über das Gesicht von Theresa Meindl. »Ich beneide Sie um Ihren kleinen Enkel. Er ist ein richtiger Sonnenschein.«
»Manchmal aber auch ganz schön stressig.« Die Landarztfrau zwinkerte ihr zu. »Wir beide werden uns noch einmal sprechen, wenn Sie Ihr erstes Enkelkind haben.«
»Ihren Worten nach zu urteilen werde ich dann ja kaum mehr Zeit haben«, konterte die muntere Theresa.
*
Der erste Hochzeitstag … Michael hatte sie an diesem Morgen mit einem zärtlichen Kuss geweckt, wie jeden Morgen. Also nichts Besonderes für den ersten Hochzeitstag.
»Im sechzehn Uhr machen wir heute Feierabend«, hatte er ihr verkündet, als er aus der Dusche gekommen war. »Zieh dich hübsch an. Ab dann gehört der Tag nur uns beiden.«
Nun war es sechzehn Uhr, und Amelie saß immer noch im Büro. Sie hatte gerade am Telefon mit einem Kunden verhandelt, der schließlich Michaels Angebot zur Neueindeckung seines Ferienhauses angenommen hatte. »Hübsch angezogen« war sie noch nicht. Wie meistens bei der Arbeit trug sie Jeans, bequeme Mokassins und ein Shirt. Aber auch ihr Ehemann, der jetzt gerade von der Dachdeckerei über den Hof auf das Büro zukam, sah nicht gerade festlich aus. Er schien geradewegs von der Arbeit zu kommen.
Als er eintrat, sah er sie erstaunt an. Daraufhin zeigte sie nur stumm auf seine Zimmermannskleidung, und er verstand. Er lachte sein warmes Lachen, das tief aus seinem Bauch kam. Und wieder, wie beim ersten Mal ihrer Begegnung vor eineinhalb Jahren, fühlte sie sich völlig gebannt von seinem Naturburschencharme. Ja, sie war glücklich mit ihrem Mann. Sie liebte seine blonden Locken, die ihm in die Stirn fielen und ihm etwas Jungenhaftes verliehen, seinen verschmitzten unwiderstehlichen Blick, und die ungeheure, nicht nur körperliche, sondern auch innere Kraft, die er ausstrahlte. Michael hatte die sprichwörtlich breiten Schultern, an die sich eine Frau anlehnen konnte. Obwohl sie sich alles andere als schwach fühlte, war dies dennoch ein sehr beruhigendes Gefühl.
»So viel zum ›hübsch anziehen‹«, meinte er mit seinem unwiderstehlichen Lächeln.
»Da siehst du einmal wieder, wie gut wir zueinanderpassen«, konterte sie.
Er kam auf sie zu, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. Zuerst flüchtig, doch als sie ihm ihre Lippen öffnete, wurde aus dem leichten Begrüßungskuss einer, der weit darüber hinausging. Feste Verbundenheit und Nähe erfüllte sie wie eine warme Welle voller Glück.
»Weißt du was?« Ihr Mann lächelte sie an. »Wir machen uns nicht hübsch, sondern fahren so wie wir sind.«
»Wohin?« Neugierig sah sie ihn an.
Er legte den Finger auf seine Lippen, die sie so gern küsste. »Du wirst schon sehen. Vertraust du mir?«
»Blind.«
»Dann komm mit.«
*
Amelie stieg in Michaels Pick-up, der auf dem Hof stand. Dann ging die Fahrt los.
Es war eine herrliche Landschaft, die sich vor ihnen ausbreitete, der Schwarzwald, ihre Heimat. Saftige Wiesen, die wie glänzende grüne Teppiche die Hänge bedeckten. Über ihnen die dunklen Bänder der Tannenwälder, deren Gipfel hoch oben im Sonnenlicht wie von Honig übergossen wirkten. Die Luft war von Wärme durchtränkt.
»Nun sag mir endlich, wohin wir fahren«, bat Amelie ihren Mann. Dabei stupste sie ihn spielerisch in die Seite.
»Sag ich nicht«, wiederholte Michael lachend. »Es soll eine Überraschung sein.«
Die Straße führte in weichen Kurven über die Wiesenkuppen, die vor der mächtigen Kulisse des dunklen Waldes lagen, der sich bis in das helle Blau des Himmel hinzog. Amelie erkannte nur an den Straßenschildern, dass die Fahrt in Richtung Süden ging, in Richtung Titisee. Irgendwann hielt Michael am Straßenrand an.
»Ich werde dir jetzt deine wunderschönen Augen verbinden, mein Schatz«, kündigte er an.
Sie schrak zurück. »Warum?«
»Damit die Überraschung gelingt.«
Amelie sah sich um.
Natürlich kannte sie die Gegend. Wer kannte sie nicht, der in Ruhweiler aufgewachsen war? Aber was Michael hier mit ihr wollte, ahnte sie immer noch nicht. Da sie ihm die Vorfreude nicht verderben wollte, ließ sie sich von ihm ein Tuch über die Augen binden.
»So, jetzt geht’s weiter«, sagte er voller Unternehmungsgeist.
Er gab Gas. Sie bemerkte, wie er schon nach wenigen Metern von der geraden Landstraße abbog. Der Weg schien unbefestigt zu sein. Die grobstolligen Reifen rumpelten über den Boden.
Sie wusste wirklich nicht, wohin er sie brachte, obwohl sie ihre Erinnerung bemühte. War sie in dem vergangenen Ehejahr schon einmal mit ihm in dieser Gegend gewesen?
Dann hielt Michael an und schaltete den Motor aus.
Still war es um sie herum, nur die Vögel zwitscherten. Amelie ahnte, dass sie sich inmitten der Natur befanden.
Ob Michael ein romantisches Picknick im Wald für sie vorbereitet hatte?
»Und jetzt?«, fragte sie erwartungsvoll.
»Jetzt sind wir im Dankeschön angekommen.«
»Im Dankeschön?«
Er lachte das weiche dunkle Lachen, das sie so sehr an ihm liebte.
»Ja, in meinem Dankeschön an dich. Für ein Jahr Ehe, ein Jahr Liebe, ein Jahr Kameradschaft und ein Jahr Leidenschaft.«
Seine Worte, so zärtlich ausgesprochen, schnürten ihr die Kehle zu.
»Aber …, aber ich müsste mich doch für das Gleiche bedanken«, stammelte sie innerlich ergriffen.
»Der Mann dankt der Frau«, entgegnete er. »So war es zumindest früher. Und du weißt, dass ich sehr konservativ denke.«
Sie musste lächeln.
»Und wann erlaubt mein Mann, dass ich das Tuch endlich abnehme?«
»Warte.«
Sie hörte, wie er die Fahrertür öffnete, dann die Beifahrertür, spürte, wie er ihre Hand nahm und ihr half, auszusteigen.
»So, jetzt ist es so weit«, meinte er dann im Ton vollster Zufriedenheit.
Sie blinzelte. Ihre Augen mussten sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Ganz langsam erkannte sie, wo sie sich befand.
Vor ihr breitete sich eine Wiese aus, durch die sich ein kleiner Bach schlängelte. An seinem Ufer standen wilde Kirschbäume. Schafgarbe, Hahnenfuß und Wiesenschaumkraut überhauchten das saftige Grün mit Gelb, Weiß und Lila. Dort, wo sich der Bach im Dunkel des Fichtenwaldes verlor, stand eine Hütte. Auf der anderen, etwas höher gelegenen Seite, zog sich eine weite Fläche mit niedrigen Heidelbeerbüschen hin, dazwischen ragten rötliche Felsbrocken hervor, umgeben von wildem Beerengestrüpp. In der Luft lag der Duft von Wildblumen und Harz, das die Wärme des Tages aus den Stämmen getrieben hatte. Still war es hier, wie in einem Dom. Der Tisch auf der Veranda der Holzhütte war eingedeckt für zwei Personen. Sogar Kerzen standen auf ihm.
Amelies Herz setzte für ein paar Schläge aus. Sie kannte die Hütte. Hier hatte sie einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbracht. Das Holzhaus und das Gelände hatten einst ihrem Vater gehört, bevor er es hatte verkaufen müssen, nachdem seine kleine Uhrwerkstatt Insolvenz angemeldet hatte. Kurz danach war ihre Mutter gestorben. Zwei Wochen später hatte sich ihr Vater das Leben genommen. Nie wieder war sie seitdem hier gewesen. Das alles lag nun fünf Jahre zurück. Damals hatte sie Michael noch nicht gekannt.
»Was machen wir hier?«, fragte sie leise mit unsicher klingender Stimme. Der Anblick dieser Idylle ihrer Vergangenheit wühlte so viele Gefühle in ihr auf; Gefühle, die sie an ihrem ersten Hochzeitstag eigentlich gar nicht spüren wollte. Er spülte alle unglücklichen Erinnerungen wieder hoch. Der Schmerz um den Verlust ihrer Eltern schnitt ihr erneut wie ein Messer ins Herz. Wie sehr hatte sie darunter gelitten, dass das Paradies ihrer Jugend später in fremde Hände gekommen war.
»Wir werden hier essen und übernachten«, sagte Michael in ganz selbstverständlichem Ton.
Sie starrte ihn an. »Hier?«
Er nickte. »Komm mit.«
An seiner Hand ging sie auf die Hütte zu.
Der Tisch hätte nicht schöner eingedeckt sein können. Rote kleine Herzen zierten das weiße Leinentuch, zwei Gläser, eine Flasche Wein, Bestecke für mindestens drei Gänge.
Amelies Herz schlug gegen die Rippen. Ihr Puls raste.
»Wer hat das denn alles gemacht?«, fragte sie mit heiser klingender Stimme.
»Die Bäuerin von dem Hof, der hier in der Nähe liegt.« Michael zog einen Umschlag aus seiner verschmutzten Hose und reichte ihn ihr. »Hier, mein Dankeschön an dich.« Er sah sie an mit all der Liebe für sie in seinen blauen Augen.
Zögernd nahm sie das Kuvert in die Hand.
»Nun mach schon.« Aufmunternd nickte er ihr zu.
Mit spitzen Fingern öffnete sie den Brief und nahm eine Urkunde heraus, auf der stand: »Eine Hütte für Amelie Meindl auf zweitausend Quadratmeter Land.«
Amelie hob den Kopf, begann zu zittern. »Aber du kannst mir doch keine Hütte schenken. Das ist die Hütte meines Vaters, weißt du das?«
Da lachte er. »Klar, weiß ich das. Das ist doch mein Dankeschön. Die hast du doch so sehr geliebt. Ich habe sie dem Mann, der sie damals deinem Vater abgekauft hat, abgeworben. Jetzt gehört sie dir.«
Amelie fehlten die Worte. Das gewaltige Glücksgefühl, das sie erfasste, machte sie stumm. Sie wusste nur, dass sie diesen Mann liebte wie man nur einmal liebte. Als sie auf ihn zuging, zog er sie an sich. Sie spürte seine Küsse auf ihrer Stirn, den Lidern, den Wangen, und ihr Herz wurde weit vor Seligkeit. Und als sich schließlich ihre Lippen fanden und miteinander verschmolzen, glaubte sie, im Paradies zu sein.
Nach einer Weile ließen sie sich los, sahen sich an.
»Danke«, sagte sie mit belegter Stimme. »Ich danke dir.«
Mit ernstem Ausdruck lag Michaels Blick auf ihrem Gesicht, schien sich jede Einzelheit einprägen zu wollen. »Ich werde alles dafür tun, dass auch im zweiten Jahr in unserer Ehe jede Sekunde in jeder Minute zählt; ich will dich lieben, wie noch kein Mann eine Frau geliebt hat und werde dankbar sein für jeden Tag, den wir zusammen verbringen werden.«
*
Nach dem Essen, das die Bäuerin nach Michaels Vorgaben vorbereitet hatte, gingen sie spazieren. Wie eine Lampe stand der Mond am Himmel und wies ihnen den Weg. Sterne funkelten am schwarzblauen Firmament, Grillen zirpten, ein lauer Wind streichelte ihre Haut. Beide genossen die süßen Stunden, die ihnen erlaubten, im Märchenland der Liebe zu weilen, wo es Zärtlichkeit und Gefühle im Überfluss gab. Davon konnten sie in dieser Nacht nicht genug bekommen. Und bevor sich schließlich eine samtige Stille über das kleine Holzhaus legte und Amelie in der Halsbeuge ihres Mannes einschlief, murmelte Michael glückstrunken: »Vielleicht haben wir ja heute Nacht unseren Sohn gezeugt.«
Als Amelie am nächsten Morgen aufwachte, verspürte sie Anzeichen von Migräne.
*
Die nächsten Tage vergingen. Sonnig waren sie. Die Sonne schien nicht nur von einem wolkenlosen Himmel auf die Ruhweiler hinab, sondern auch in Amelies und Michaels Herzen. Sie ließ bei ihnen die Hoffnung sprießen, an ihrem ersten Hochzeitstag das Kind gezeugt zu haben, das sie seit ihrer Hochzeitsnacht ersehnten, das Kind ihrer Liebe.
Jeden Morgen, bevor Michael hinüber zur Dachdeckerei ging, nahm er Amelie in die Arme.
»Du bist so eine wunderbare Frau. Ich freue mich schon darauf, wenn du auch Mutter sein wirst.« Er machte ihr natürlich auch andere Komplimente, die nicht weniger liebevoll und zärtlich waren. Abends im Bett, ganz gleich wie müde er war, streichelte er sie lange und schlief eng an sie geschmiegt ein.
Ja, Amelie fühlte sich geliebt, und sie war glücklich mit ihrem Leben. Sosehr sie sich Kinder wünschte, sosehr genoss sie auch, derart eins mit ihrem Mann zu sein. Sie konnte von Michael und seiner Liebe einfach nicht genug bekommen. Sie kannten sich ja kaum zwei Jahre und waren noch so jung.
Vier Wochen nach ihrer Nacht in der Hütte verschlechterte sich Michaels Laune merklich. Diese Nacht war ohne die ersehnte Folge geblieben.
»Dann müssen wir es eben öfter versuchen«, flüsterte Amelie zärtlich, als Michael sie eines Abends nun schon zum vermehrten Mal darauf ansprach, warum sie nicht schwanger wurde.
»Nichts lieber als das.« Er riss sie in seine Arme.
Und wieder verbrachten die beiden eine rauschende Nacht, und wieder ohne das gewünschte Ergebnis.
»Das ist nicht normal«, sagte Michael mit fester Stimme an einem Sonntagmorgen. »Du solltest dich untersuchen lassen.«
Seine Worte verschlugen Amelie die Sprache. Sie setzte sich auf die Kante des Gartenstuhls.
»Warum ich? Vielleicht liegt es auch an dir.«
»Wie bitte?« Ihr Mann sah sie entgeistert an. »An mir bestimmt nicht.«
»Woher weißt du das denn so genau?«
»Weil es nicht an mir liegt«, antwortete er hitzig.
Michael, dessen ungestümes Temperament sie in bestimmten Situationen durchaus liebte, war jetzt nicht mehr zu bremsen.
»Du willst doch unbedingt Kinder und ich ja auch«, legte er los. »Außerdem ist meine Mutter jetzt noch jung genug, um ihrem Enkel alles bieten zu können. Wenn wir erst in ein paar Jahren das erste Kind bekommen, ist sie vielleicht krank und kann sich nicht mehr an ihm erfreuen und uns nicht mehr unterstützen, wenn du weiter arbeiten möchtest.«
In Amelie versteifte sich alles. »Hast du mich etwa nur deshalb nach einem halben Jahr geheiratet, um ein Kind zu zeugen und damit deiner Mutter eine Freude zu machen?« Fassungslos starrte sie ihn an.
»Nicht nur, aber natürlich auch«, erwiderte Michael mit trotziger Miene.
Das war zu viel für die junge Frau. Natürlich wollte sie Kinder haben. Sie litt ja selbst darunter, dass es bei ihnen bis jetzt noch nicht geklappt hatte. Eine Ehe ohne Kinder konnte sie sich gar nicht vorstellen. Dennoch verstand sie nicht die Eile, die Michael dabei an den Tag legte. Sie würde ihn doch weiterhin lieben, auch wenn sie auf den Nachwuchs noch ein bisschen warten mussten.
Zutiefst enttäuscht und verzweifelt stand sie vom Frühstückstisch auf und rannte ins Haus. Dort schloss sie sich in dem kleinen Zimmer ein, das sie für sich eingerichtet hatte. Hier standen ihre Bücher und Sachen aus ihrem Jungmädchenzimmer aus der elterlichen Wohnung. Darunter auch eine geblümte Couch, auf die sie sich jetzt warf und ungehemmt weinte.
*
In den nächsten Tagen herrschte dicke Luft unter dem Schindeldach des herrschaftlichen Schwarzwaldhauses der Meindls. Amelie und Michael sprachen nur das Nötigste miteinander. Nie zuvor hatten sie Streit gehabt. Schnell erkannte die junge Frau jedoch, dass ihr Mann genauso stur war wie sie selbst.
Drei Tage lang hielt dieser Zustand an. Die beiden wünschten sich abends Gute Nacht, und jeder drehte sich auf die andere Seite. Ohne ein liebes Wort, ohne einen Kuss oder gar Arm in Arm, eng umschlungen, einzuschlafen, wie sie es gewöhnt waren. Die Spannung im Haus war für beide gleichermaßen bedrückend, aber keiner von ihnen konnte sich überwinden, über ihr Problem sachlich zu reden.
Deshalb war Amelie fast erleichtert, als Michael ihr ankündigte, für zwei Tage auf eine Handwerkermesse in die Schweiz zu fahren. Kaum hatte Michael das Tal verlassen, da machte sie sich auf den Weg in die Landarztpraxis.
*
»Guten Morgen Amelie«, begrüßte Schwester Gertrud, die altgediente Sprechstundenhilfe des Arztes, die junge Frau erstaunt. »Wieder Kopfschmerzen?« Mit besorgtem Blick sah sie Amelie an. Sie mochte die zurückhaltend auftretende Frau von Michael Meindl, den auch sie seit dessen Kindheit kannte.
»Heute nicht«, erwiderte Amelie wahrheitsgemäß. »Ich würde gern …«
Wie sollte sie ihr Anliegen formulieren?
»Du möchtest mit dem Doktor reden«, half ihr die ältere Helferin mit warmherzigem Lächeln über die Hürde. Sie wusste, dass viele Patienten zu ihrem Chef kamen, um sich von ihm Rat zu holen. Als einziger Landarzt im Tal war er Anlaufstelle für viele Anliegen. Es kam nicht selten vor, dass er in die Rolle des Psychotherapeuten oder gar in die des Sozialberaters schlüpfte, um seinen Patienten zu helfen.
»Genau«, erwiderte Amelie erleichtert.
»Zwei Patienten sind noch vor dir. Dann haben wir Mittagspause, aber wie ich unseren Doc kenne, arbeitet er bestimmt gern ein bisschen länger, wenn er helfen kann.«
*
Es dauerte nicht lange, bis Schwester Gertrud die junge Frau ins Behandlungszimmer führte. Matthias Brunner sah Amelie auf dem ersten Blick an, dass es ihr schlecht ging.
»Was kann ich für dich tun?«, fragte er besorgt.
Amelie wand sich sichtlich. Schließlich begann sie zögernd: »Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, deshalb bin ich zuerst einmal zu Ihnen gekommen. Michael und ich, wir haben ein Problem. Genauer gesagt, sieht Michael dieses Problem als viel schwerwiegender an als ich, aber er …«
Matthias hörte der jungen Frau zu. Ihn wunderte nicht, was Amelie ihm erzählte. Von seiner Frau wusste er schon, wie sehr sich Amelies Schwiegermutter einen Enkel wünschte.
»Michael meint, es läge an mir, dass ich nicht schwanger werde«, brachte Amelie schließlich über die bebenden Lippen. Ihre rauchblauen Augen füllten sich mit Tränen.
Das klang tatsächlich nach einer handfesten Ehekrise.
Er lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und schlug die Beine übereinander, was ein Zeichen dafür war, dass er sich auf ein längeres Gespräch einrichtete.
»Grundsätzlich gibt es viele Gründe für eine Unfruchtbarkeit, die Frau oder Mann gleichermaßen betreffen kann«, begann er sachlich. »Ich teile sie der Einfachheit wegen einmal grob in vier Kategorien: Umweltbelastungen für den Körper wie Alkohol, Nikotin, Drogen oder andere Gifte; hormonelle, organische oder psychische Ursachen. Starkes Rauchen kann zum Beispiel die Samenproduktion vermindern oder bei einer Frau zum Ausbleiben des Eisprungs führen. Über- oder Untergewicht, auch Leistungssport oder schwere körperliche Arbeit können eine Fruchtbarkeitsstörung verursachen.« Er faltete die Hände und sah Amelie lächelnd an. »Dass all diese Gründe auf dich nicht zutreffen, steht in deinem Anamnesebogen. Kommen wir also zu den hormonellen Ursachen«, fuhr er fort. »Altersbedingte hormonelle Störungen kann ich allein schon wegen deiner jungen Jahre ausschließen. Eine gestörte Schilddrüsenfunktion oder ein gestörter Insulinstoffwechsel, die zu Hormonstörungen führen und damit zur Unfruchtbarkeit führen können, können wir ebenfalls aufgrund der umfangreichen Untersuchungsreihe vor einigen Monaten, um der Ursache deiner Migräne auf die Spur zu kommen, auch ausschließen. Um organische Ursachen aufzudecken, musst du zu einem Facharzt für Frauenheilkunde gehen.« Er lächelte Amelie an. »Lässt du dich regelmäßig gynäkologisch untersuchen?«
Sie biss sich auf die Lippe. »Regelmäßig nicht gerade, weil ich ja keine Beschwerden habe. Alles scheint bei mir in Ordnung zu sein. Mein Zyklus und alles andere auch, wie mir bei der letzten Untersuchung bestätigt worden ist.«
»Nun gut, um eindeutig auszuschließen, dass du unfruchtbar bist, solltest du einmal wieder einen Frauenarzt aufsuchen. Ein Eileiterverschluss oder Verwachsungen der Gebärmutter können eine Unfruchtbarkeit bewirken, ebenso Endometriose, eine Ablagerung von Gebärmutterschleimhaut an anderen Organen oder gutartige Tumore in der Gebärmutter.«
»Hm.« Amelie nickte mit gesenktem Kopf.
Vor dieser Untersuchung scheute sie genauso zurück wie vor dem Gang zum Zahnarzt.
Als sie eine Weile schwieg, fuhr Matthias fort: »Die Psyche spielt bei Unfruchtbarkeit meistens immer eine Rolle. So kann natürlich auch der Druck, unbedingt schwanger werden zu wollen, gerade dies verhindern und darüber hinaus zu Beschwerden führen wie zum Beispiel Migräne.«
Da hob die junge Frau den Kopf. Ihre großen Augen trafen seine. »Dann hat Michael also recht, wenn er sagt, die Schuld läge bei mir.«
Matthias schüttelte lächelnd den Kopf. »Zuerst einmal, von Schuld kann man in einem solchen Fall überhaupt nicht reden. Wenn Mann und Frau einen Kinderwunsch haben und es klappt nicht, müssen beide daran arbeiten. Sie haben ja beide das gleiche Ziel.«
Amelie biss sich auf die Lippe. Schließlich murmelte sie: »Ich befürchte, dass ich bei Michael diesbezüglich auf taube Ohren stoße. Er reagiert sehr empfindlich auf das Thema; also darauf, dass die Ursache bei ihm liegen könnte.«
Der Landarzt wusste, dass dies bei vielen Männer der Fall war. Sogar noch bei der jüngeren Generation. Unfruchtbarkeit wurde gern mit Unmännlichkeit gleichgesetzt. Und welcher Mann wollte schon als unmännlich gelten?
Er seufzte in sich hinein, bevor er über den Schreibtisch hinweg nach Amelies Händen griff, deren Finger nervös über das Holz strichen.
»Du bist gekommen, um dir dein Problem von der Seele zu reden, aber auch um von mir einen Rat zu bekommen. Den gebe ich dir jetzt. Geh zu einer Frauenärztin. Vielleicht schon heute oder morgen. Ich kann dir eine sehr nette ältere Kollegin in Schwenningen empfehlen, der du dich anvertrauen kannst. Wenn du möchtest, rufe ich sie an und kündige dich als Patientin an.«
*
Als Michael Meindl an diesem Abend von der Messe nach Hause kam, fand er seine Frau vor dem Kamin sitzend vor. Sie trug eine dicke Strickjacke, als würde sie trotz der Wärme in der Stube frieren. Amelie sah ihm ruhig entgegen. Wie ihm schien, wartete sie erst einmal ab, wie er sie nach den drei Tagen begrüßen würde.
Wie schön sie ist, schoss es Michael durch den Kopf, als er in ihre klaren grauen Augen sah. Wie anmutig. Und mit einem Mal wurde ihm wieder bewusst, dass er sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen konnte. Er hatte sie vermisst in Basel, hatte sich nach ihr gesehnt, nach ihrer Herzenswärme, nach ihrem Lachen, nach ihrem Körper.
In wenigen Schritten war er bei ihr, ging vor ihrem Sessel in die Hocke und nahm ihre Hände fest in seine.
»Liebling«, sagte er leise. »Lass uns wieder gut sein miteinander und verzeih mir. Ich bin ein ganz sturer Bock. Das musst du einfach wissen für die Zukunft. Aber einer, der dich mehr liebt als alles andere auf der Welt.« Er stand auf und zog sie an den Händen hoch. Dann schlang er die Arme um sie und wollte sie küssen. Doch sie legte ihre Hände auf seine Brust. Aufrecht, mit offenem, ernstem Blick stand sie vor ihm und hielt ihn auf Abstand.
Durch ihr abwehrendes Verhalten stieg prompt wieder der Anflug von Verärgerung in ihm auf.
Was sollte denn das? Warum freute sie sich nicht, ihn wiederzusehen? Hatte sie sich etwa nicht nach ihm gesehnt? Der leichte Ärger machte jetzt schnell dem Gefühl von Angst Platz. Ja, sogar Panik. Liebte Amelie ihn etwa nicht mehr? Sein Herzschlag geriet ins Stocken.
»Was soll das?« Er ließ die Arme sinken und ging einen Schritt zurück.
»Wir müssen miteinander reden«, antwortete seine Frau ruhig, aber zumindest in ihrer sanften Art. »Vernünftig reden. Denn eines sollst du wissen: Ich liebe dich genauso wie du mich. Aber ich habe Angst um unsere Ehe.«
*
»Das kann nicht sein«, sagte Michael entschieden. »Am besten gehst noch einmal zu einem anderen Gynäkologen und holst eine zweite Meinung ein.«
Amelie sah ihren Mann ungläubig an. »Die Ärztin hat alle nötigen Untersuchungen gemacht und hat mir bestätigt, dass ich völlig gesund bin.«
»Gesund mag ja sein, aber nicht zeugungsfähig«, stellte Michael mit liebevollem Lächeln richtig. Dabei streichelte er ihr über die Wange, als wollte er sie trösten.
Amelie sah ihn fassungslos an.
»Spinnst du?«, kam es ihr wie von selbst über die Lippen. »Wie kannst du nur so etwas sagen?«, fragte sie ihn.
»Ärzte können sich irren.« Michaels Miene verschloss sich.
Sie setzte sich aufrecht hin. »Mir ist völlig unverständlich, dass du überhaupt nicht auf den Gedanken kommst, du könntest zeugungsunfähig sein.«
»Weil ich es weiß, dass ich es nicht bin«, lautete Michaels ruhig klingende Antwort. Dabei sah er ihr fest in die Augen.
Amelie war plötzlich zumute, als würde sich ein Dolch in ihr Herz bohren. Ob Michael etwa schon ein Kind hatte? Niemals zuvor war sie auf einen solchen Gedanken gekommen. Und natürlich hatte sie ihn auch niemals danach gefragt.
Alles in ihr versteifte sich. »Wie kannst du da so sicher sein? Hast du etwa schon einmal ein Kind gezeugt?«
»Natürlich nicht.« Seine Stimme klang ungewöhnlich barsch. »Aber ich bin ein ganz normaler Mann. Unfruchtbarkeit gibt es in meiner Familie nicht, es hat sie nie gegeben. Außerdem hätte man das bei der Untersuchung vor meiner Bundeswehrzeit bestimmt festgestellt.« Sein Blick wurde wieder weicher, seine Hand griff nach ihrer. »Ich bitte dich, mein Schatz, geh noch einmal zu einem anderen Arzt und lass dich untersuchen. Mein größter Wunsch wäre es, dir ein Kind zu schenken.«
Sie ließ zwar geschehen, dass er sie in die Arme nahm, fühlte sich jedoch unfähig für eine versöhnliche Geste. In ihrem Herzen fochten widerstreitende Gefühle einen harten Kampf miteinander aus. Sie wollte nicht glauben, dass sich die Gynäkologin in Schwenningen so sehr in ihrer Diagnose getäuscht haben sollte. Andererseits wollte sie Michaels Wunsch auch nachkommen. Sie wünschte sich ja Kinder. Aber was sie empörte, war die Haltung ihres Mannes, der überhaupt nicht in Erwägung zog, dass er zeugungsunfähig sein könnte.
Sie presste die Lippen fest aufeinander, richtete sich im Sitzen auf, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein und sagte entschlossen: »Es könnte doch sein, dass du inzwischen unfruchtbar geworden bist. Durch Umwelteinflüsse oder organische Ursachen.«
Da wich Michael von ihr zurück, als hätte sie ihm ins Gesicht geschlagen.
»Sag mal …« Mit verständnisloser Miene schüttelte er den Kopf und lachte kurz auf. »Was willst du mir denn da unterschieben? Dass ich kein richtiger Mann bin? Dass ich keine Familie gründen kann?« Er stand auf, schaute auf sie hinunter.
»Und was willst du mir unterschieben?«, konterte sie, während sie ebenfalls aufstand. »Dass ich keine richtige Frau bin? Die Ärztin hat mir versichert, dass mit mir alles in Ordnung ist. Hormonell wie auch organisch. Und meine gesunde Lebensweise kann nicht der Grund für eine Unfruchtbarkeit meinerseits sein.«
Da glitt zum ersten Mal ein Anflug von Verunsicherung über Michaels Gesicht, der ihr den Mut gab, einen Schritt auf ihn zu zu machen und ihre Hände auf seine Schultern zu legen.
»Lass uns nicht streiten«, bat sie ihn. »Wir wollen doch beide das Gleiche. Und wir lieben uns. Alles war so schön zwischen uns und jetzt …« Sie konnte nicht mehr weitersprechen. Tränen erstickten ihre Stimme.
Michael seufzte, legte die Arme um sie und hielt sie fest an sich gedrückt. So blieben sie eine Weile lang schweigend mitten in der Stube stehen, kämpften, jeder für sich, den Aufruhr im Herzen nieder, um sich dann mit all der Liebe, die sie füreinander empfanden, anzusehen.
Michael sprach als Erster.
»Ich habe eine Idee«, sagte er mit zärtlichem Blick. »Wir beide gehen gemeinsam zum Arzt. Wir lassen uns beide untersuchen. Was hältst du davon?«
Obwohl ihr der Widerspruch auf der Zunge kitzelte, sah sie in diesem Kompromiss in diesem Augenblick die einzige Möglichkeit, den Zündstoff aus ihrer Ehe zu nehmen.
»Wir könnten erst einmal zusammen Dr. Brunner aufsuchen«, schlug sie vor. »Er wird uns bestimmt einen Facharzt nennen können, der mit einem solchen Problem vertraut ist.«
»Einverstanden.« Michael küsste sie auf den Mund.
Da konnte sie wieder lächeln. Michael war also nicht ganz so stur, wie sie befürchtet hatte. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und zwinkerte ihm schelmisch zu, bevor sie leise sagte: »Aber vorher probieren wir es heute Abend noch einmal, gell?«
Darum ließ sich Michael nicht lange bitten. Er nahm seine Frau auf die Arme und trug sie hinauf ins Schlafzimmer.
*
Am nächsten Tag fuhr Amelie nach Freiburg. Für das Sommerfest im Nachbardorf wollte sie sich ein neues Kleid kaufen. In Freiburg gab es eine Boutique, die einer Klassenkameradin von ihr gehörte. Bettina, eine gelernte Schneiderin, war bekannt für ihren Geschmack wie auch für ihre geschickten Finger, wenn etwas geändert werden musste. Leider aber auch für ihre Geschwätzigkeit. Und die sollte Amelie an diesem Tag kennenlernen.
»Ich würde den Ausschnitt noch ein bisschen tiefer machen«, nuschelte Bettina undeutlich, während sie ein paar Stecknadeln zwischen den Lippen hielt
»Meinst du?« Amelie sah sie skeptisch an.
»Bei deinem schönen Busen kannst du dir das doch erlauben.«
»Okay, aber in der Taille müsste es noch etwas enger sein.«
»Das mach ich«, erklärte sich Bettina sofort bereit, die es gern weiblich und sexy mochte. Das war auch der Grund dafür, warum so viele Frauen sich von ihr beraten ließen. »Nicht, dass die Ruhweiler glauben, du würdest schwanger sein«, fügte sie scherzend hinzu.
Amelie lachte. Sie wollte gerade sagen, dass sie und Michael gar nicht mehr so lange mit dem Nachwuchs warten wollten, konnte sich aber noch früh genug zurückhalten.
»Macht es dir eigentlich nichts aus, dass Michael …« Bettina verstummte, während sie Amelie in die richtige Position rückte.
»Was soll mir nichts ausmachen?«, erkundigte sich Amelie erstaunt.
Ihre Klassenkameradin räusperte sich und schwieg, während sie das Dekolleté absteckte.
»Was soll mir nichts ausmachen?«, wiederholte Amelie ihre Frage. Eine eiskalte Faust griff nach ihrem Herzen, sie begann zu frieren, obwohl es in dem Verkaufsraum sommerlich heiß war.
»Na ja, die Sache mit Lilly«, murmelte Bettina schließlich, während sie weiterarbeitete.
Amelie trat einen Schritt zurück. Sie wollte Bettina in die Augen sehen können. »Was ist denn mit Lilly?«
Lilly Adler war mit den beiden in eine Klasse gegangen. Sie lebte im Nachbarort von Ruhweiler und arbeitete als Hotelangestellte in einem Hotel am Titisee.
Bettina richtete sich auf. Verwirrung zeigte sich auf ihren Zügen. »Weißt du das denn nicht?«
Die eiskalte Faust, die Amelies Herz bereits in den Händen hielt, griff fester zu, drückte es zusammen, sodass die junge Frau kaum mehr Luft bekam. Trotzdem ließ sie sich nicht anmerken, was da gerade in ihr vorging, und sie zwang sich zu einem Lächeln.
»Kommt darauf an, was du meinst«, antwortete sie ausweichend.
»Dass Lilly von deinem Mann schwanger ist«, platzte die Boutiquebesitzerin jetzt heraus. »Im fünften Monat.«
Amelie stockte der Atem.
Bettina sah sie sichtlich bestürzt an. »Das ist typisch«, murmelte sie mit gesenktem Kopf. »Alle wissen es, außer der Ehefrau.« Dann sah sie sie an. »Natürlich muss es nicht stimmen«, fuhr sie hastig fort. »Lilly erzählt es nur allen Leuten. Aber du weißt ja selbst, wie geredet wird. Mir ist es ja auch nur zugetragen worden.« Sie biss sich auf die geschminkten Lippen. »Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte den Mund gehalten.«
Amelie hätte nicht sagen können, woher sie in diesem Moment die Kraft nahm, freundlich und nach außen hin gelassen zu erscheinen.
»Genau«, antwortete sie mit erzwungenem Lächeln. »Man soll die Leute ruhig reden lassen. Hauptsache, Michael und ich wissen, dass es gelogen ist.
Bettina lachte erleichtert und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu, während Amelie kaum erwarten konnte, die Boutique verlassen und ihren Gefühlen freien Lauf lassen zu können.
*
Amelie war froh, ein paar Meter von Bettinas Geschäft entfernt geparkt zu haben. Sie lechzte nach Luft, nach frischer Luft, die ihre Lungen säubern und ihren Kopf klären würde. Während sie zu ihrem Wagen ging, blickte sie hoch zum Himmel.
In der Ferne ballten sich über den Schwarzwaldhöhen dunkle Wolkenberge zusammen, eine Gewitterfront, die der belebte Wind in Richtung Ruhweiler trieb. Plötzlich war vom Sommer nichts mehr zu spüren.
Genau das richtige Wetter für meine Stimmung, dachte die Amelie voller Ironie. Sie hatte das Gefühl, als würde sie eine zentnerschwere Last auf den Schultern tragen. Wie eine alte Frau schleppte sie sich mit letzter Kraft zum Auto.
Lilly Adler sollte von Michael, ihrem Ehemann, den sie liebte, ein Kind bekommen? Und alle Leute wussten davon, nur sie bis jetzt nicht? Wenn es so sein sollte, wusste Michael wahrscheinlich auch davon, oder? War er deshalb so sicher, zeugungsfähig zu sein?
Ihr Herzschlag beschleunigte. Mit zitternder Hand zog sie die Fahrertür zu. Wie erstarrt blieb sie erst einmal sitzen. Dann reagierte ihr Körper. Völlig unvorbereitet überfielen sie die Schmerzen. Sie zuckten in ihrem Kopf hin und her, von einer Schläfe zur anderen. Schmerzen, die grelle Blitze vor ihrem inneren Auge entstehen ließen. Sie hielt die Hand vors Gesicht, damit sie nicht von Tageslicht geblendet wurde. Großer Gott. Ihr Kopf dröhnte so heftig, dass ihr Tränen in die Augenwinkel traten. Ein stechender Schmerz schoss ihr in den Nacken und schien ihre Schultern, ja sogar ihre Arme, zusammenzuziehen. Ein grässlich flaues Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Hoffentlich würde sie sich nicht übergeben müssen, wie es meistens bei diesen Migräneattacken vorkam. Sie besann sich auf die Atemübungen, die sie in einer Fernsehsendung gesehen hatte. Ein, aus; ein, aus, ganz ruhig und bewusst. Und ihre Tabletten, die sie stets in ihrer Tasche hatte …
Nach ein paar Minuten konnte sie wieder denken. Die Übelkeit ging zurück, die bohrenden Schmerzen jedoch nicht. Dennoch war sie wieder imstande, nachzurechnen. Wann war Michael im ersten Ehejahr weg gewesen, ohne sie?
Ja, vor sechs Monaten mit seinen Mountainbikefreunden auf einem Ausflug in die Schweiz, wie jedes Jahr. Ob er sie belogen hatte? Ob er in diesen drei Tagen mit Lilly Adler zusammen gewesen war? Nein, das traute sie ihm nicht zu. Sie liebten sich doch. Jeden Morgen versicherte er sie seiner Liebe aufs Neue.
Amelie wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Wie erstarrt blieb sie eine Zeit lang sitzen, während in ihrem Innern das Chaos tobte.
Ich fahr zuerst einmal nach Hause, beschloss sie.
Inzwischen hatten die schwarzen Wolken auch Freiburg erreicht. Drohend hingen sie über dem monumentalen Münster.
Amelie schaltete den Motor an. Als sie losfuhr, fielen die ersten dicken Tropfen auf die Windschutzscheibe.
Die junge Frau war dem Wolkenbruch fast dankbar. So konnten die Leute wenigstens nicht ihre Tränen sehen, die ihr in Sturzbächen über die Wangen liefen.
*
Je weiter Amelie in den Schwarzwald hinauf kam, desto mehr öffnete der Himmel seine Schleusen. Die Scheibenwischer wurden den Regenmassen gar nicht mehr Herr. Auf der Landstraße floss das Wasser nicht mehr ab.