
Katja Fusek
Aus dem Schatten
edition 8
Aus dem Schatten
Roman

Verlag und Autorin danken ganz herzlich dem Fachausschuss Literatur BS/BL und der Gemeinde Riehen für den Beitrag an dieses Buch.

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Die edition 8 wird im Rahmen des Konzepts zur Verlagsförderung in der Schweiz vom Bundesamt für Kultur mit einem Förderbeitrag für die Jahre 2016–2018 unterstützt.
Bibliografische Informationen der Deutschen National-Bibliothek sind im Internet abrufbar unter http://dnb.ddb.de.
September 2017, 1. Auflage, © bei edition 8. Alle Rechte, einschliesslich der Rechte der öffentlichen Lesung, vorbehalten. Lektorat und Typografie: Katja Schurter; Korrektorat: Geri Balsiger; Umschlag: Markéta Kohler; e-Book: mbassador GmbH, Luzern.
Verlagsadresse: edition 8, Quellenstrasse 25 CH-8005 Zürich, Telefon +41/(0)44 271 80 22, Fax +41/(0)44 273 03 02, info@edition8.ch
eISBN 978-3-85990-321-0
22. Dezember
1.
»Ich muss dir etwas zeigen, Guy.« So könnte Dagmar anfangen.
Oder: »Guy, es ist etwas geschehen.« Und dann würde Guy auf ihre Hände blicken, auf die weisse Stoffserviette, in die hineingewickelt ist, was Dagmar vom Parkett seines Wohnzimmers Stück für Stück aufgelesen hat.
Oder sie könnte die Hände hinter dem Rücken verstecken und sagen: »Guy, vielleicht mache ich mir unnötige Sorgen, und es ist überhaupt nicht schlimm, was passiert ist, aber …«
Sie ist sich sicher: Es ist schlimm. Warum sonst hätte die verwelkte Orchideenblüte dort gelegen? Pathetisch, unheimlich fast. Sie weiss so wenig über Guy.
Wenn er nicht da ist, bewegt sich Dagmar durch seine Räume, als wäre auch sie nicht da. Sich in des Nachbarn Wohnung aufzuhalten, während er auf einem anderen Kontinent weilt, scheint ihr fast unanständig – so, als würde sie Guy heimlich beim Schlafen beobachten oder ihn auf der Toilette belauschen. In seiner leeren Wohnung ist der ab-wesende Nachbar ihrer Neugier wehrlos ausgeliefert. Diese Hüllenlosigkeit nutzt Dagmar aber nie aus. Sie möchte ihn nicht noch mehr verletzen. Er scheint eine Wunde zu haben, die ihm zu schaffen macht. Sie weiss nichts Genaues darüber, aber mit unsichtbaren Wunden kennt sie sich aus.
Guy wohnt seit zwei Jahren auf demselben Stockwerk wie Dagmar und Christian. Man grüsst sich freundlich im Treppenhaus, schimpft über das Wetter, das im Frühling und Herbst zu nass oder zu trocken, im Winter zu kalt oder zu warm und im Sommer zu warm oder zu kalt ist. Man besitzt einen Schlüssel zur Wohnung des anderen – für alle Fälle. In den Ferien giesst man sich gegenseitig die Blumen und verbietet sich indiskrete Blicke, man hilft sich auch ab und zu aus, wenn die Eier oder das Mehl oder der Kaffee ausgegangen sind, der Laden an der Ecke bereits geschlossen hat und man zu müde ist, nochmals in die Stadt zu fahren. Man ist tolerant und beklagt sich nicht über gelegentlichen Lärm. Aber man kann nicht fragen: »Guy, warum hast du damals versucht, dich umzubringen?«
Vor zwei Jahren ist Guy aus Zürich nach Basel gezogen. Er arbeitet als Archivar im Naturhistorischen Museum. Dass er einen Selbstmordversuch begangen hat, ist Dagmar von der Nachbarin aus dem ersten Stock zugetragen worden, die es hinter vorgehaltener Hand jedem zuflüstert, ob er es hören will oder nicht. Die Nachbarin hat offenbar einen Cousin, der eine Schwägerin hat, deren Freundin als Pflegerin in der psychiatrischen Klinik arbeitet und eigentlich unter Schweigepflicht steht. Die Nachbarin scheint Dagmar nicht zu mögen, weil sie im Treppenhaus mit ihren Absätzen zu laut klappert und beim Streiten mit Christian die Schlafzimmertür knallt. Dagmar mag die Nachbarin wegen ihres Blickes nicht, den sie immer hat, wenn sie Dagmar mit ihrer Mutter Tschechisch reden hört. Diesen Blick kennt Dagmar aus der Zeit, als sie noch nicht Deutsch sprach. Mit ihrer Mutter muss sie in ihrer Muttersprache reden. Manche Wörter und Sätze lassen sich in keiner anderen Sprache sagen.
»Ist Dagmar auch ein tschechischer Name?«, hat Guy sie einmal gefragt, als er ihr nach den Ferien die Post brachte. Dabei legte er seinen Zeigefinger auf einen Umschlag mit ihrem Namen.
»Es ist kein seltener Name in Tschechien«, erklärte sie ihm. »Viele Mädchen werden nach dieser Königin getauft. Sie soll sehr schön und gütig gewesen sein, und sie ist jung gestorben – vor tausend Jahren. In Prag hiess sie Markéta, dann wurde sie in den Norden verheiratet, und die Dänen gaben ihr einen anderen Namen: Dagmar. Licht des Tages, Morgenröte. Zu Hause ruft man die Dagmars aber Dáša. Das tönt eher nach Küchenmagd. So hat man es den Dänen nachträglich heimgezahlt.«
»Wo ist zu Hause?«, fragte Guy.
Wenn Guy verreist ist, giesst sie seine Orchideen. Er sammelt diese Pflanzen, besitzt die wunderlichsten Sorten, und wenn er fort ist, vertraut er sie seiner Nachbarin an. Dagmar füllt die Wasserkanne und geht zielstrebig zu den Blumentöpfen. Sie hat ihre Pfade zwischen den Möbelstücken in der Nachbarswohnung, von denen sie nicht abweicht – nur ihren Augen erlaubt sie ab und zu, durch die Zimmer zu schweifen.
Die Tasse in der Vitrine hat sie erst vorgestern entdeckt. Sie hat die Giesskanne auf den Boden gestellt und den gewohnten Pfad verlassen. Statt am Sofa vorbei zum Nordfenster zu gelangen, ist sie um den Esstisch herumgegangen, vor dem Glasschrank stehen geblieben, und nach kurzem Zögern hat sie den Schlüssel gedreht und die Tür geöffnet.
Sie könnte ihrem Nachbarn auch direkt die Wahrheit sagen: »Guy, ich habe vorgestern deine Tasse gesehen und mich von einer Erinnerung an Prag fortreissen lassen. Es ist leider nichts Gutes dabei herausgekommen. Schau!«
Dagmars Handy klingelt. Sie zuckt zusammen. Auf dem Display steht: Mama. Darüber die Uhrzeit: 9.53 in grossen pinkfarbenen Ziffern. Sie drückt auf die grüne Taste. Jarmilas schrille Stimme überschlägt sich vor Aufregung und geht in ein Schluchzen über. Die Vogelfrau sei verschwunden.
Dagmar verstaut die verknotete Serviette wieder auf dem Boden ihres Kleiderschranks und macht sich auf den Weg.
Lucys kleine Leiche liegt in der schmalen Quartierstrasse neben einer Dole. Seltsam still, die vier Beine und den Schwanz von sich gestreckt, in einer Anspannung, die schmerzhaft anzuschauen ist. Unter ihrem Kopf hat sich eine dunkle Lache gebildet.
Nach Jarmilas Anruf ist Dagmar aus dem Haus gestürzt und Richtung Tramstation gerannt. In einer halben Stunde würde sie in der Wohnung ihrer Eltern eintreffen. Einen Moment lang hat sie überlegt, ob sie ein Taxi bestellen soll, sich dann aber doch für das öffentliche Verkehrsmittel entschieden. Das Auto braucht heute Christian, weil er schon sehr früh auf einem Firmenareal ausserhalb der Stadt zu tun hatte.
Dagmar sieht das Tier schon von weitem, aber erst als sie näher kommt, begreift sie, dass vor ihr die Katze ihrer Nachbarin aus dem Erdgeschoss liegt. Sie nimmt die noch ungelesene Zeitung aus ihrer Mappe und breitet sie neben Lucy aus. Der Strassenbelag ist kühl, aber Lucys Fell noch warm. Sie hat die Augen geschlossen, das Maul leicht geöffnet, hinter den dunkeln, samtenen Lefzen lugen ein paar spitze Zähne hervor. Der Anblick von Lucys kleinen weissen Zähnen verstört Dagmar. Vorsichtig hebt sie den Katzenleichnam ein paar Zentimeter von der Strasse und schiebt ihn auf die Zeitung.
»Hloupá kočko«, sagt sie zu ihr. Du dumme Katze. Mit Tieren redet Dagmar immer in ihrer Muttersprache. Während sie Lucy zum Haus zurückträgt, wirft sie der Katze ihre Leichtsinnigkeit vor und den Kummer, den die Nachricht von ihrem Tod der alten Frau Sommer bereiten werde. Es wird nicht einfach sein, der Nachbarin vom Tod ihrer Katze zu erzählen. Hloupá, hloupá kočko.
Die betagte Frau Sommer wohnt in der Parterrewohnung mit Ausgang auf einen von Glyzinien überwucherten Sitzplatz. Derzeit weilt sie für drei Wochen zu einer Kur in den Alpen. Um die Wohnung kümmert sich wie immer ihre Tochter Ingrid, die aber am anderen Ende der Stadt wohnt. Deshalb besitzt auch Dagmar einen Reserveschlüssel – für alle Fälle, wie Frau Sommer zu sagen pflegt. Die Zeitung mit Lucy legt sie vor die Tür der Nachbarin und holt den Schlüssel. Sie würde die Katze in der leeren Wohnung von Frau Sommer lassen und sich bei der Polizei erkundigen, wie sie den Katzenkörper entsorgen soll. Ist dafür die Polizei zuständig? Dagmar schliesst die Tür auf und bettet Lucy vorsichtig auf die Fliesen im Flur. Da vernimmt sie ein leises Geräusch aus dem Wohnzimmer. Besteck klirrt gegen Porzellan. Ist Frau Sommer vorzeitig zurückgekehrt?
»Mach die Beine nicht so breit, sonst wirkt es vulgär. Noch näher zusammen, so, ja, perfekt. Den Kopf etwas nach links, tiefer, ja, ja …«
Dagmar tritt leise an die Wohnzimmertür und erstarrt. Der Tisch wird von zwei starken Lampen angestrahlt und leuchtet wie eine hell schimmernde Insel im dämmrigen Raum. Er ist festlich gedeckt mit einem schneeweissen Damasttischtuch und mit Frau Sommers bestem Porzellan, mit Blumengirlanden und brennenden Kerzen in polierten Kerzenhaltern aus schwerem Silber. In der Mitte des Tisches zwischen zwei Platten mit Lachs und Roastbeef sitzt eine junge Frau. Sie hat die Beine zum Kinn hochgezogen, die Knöchel gekreuzt, die linke Wange auf die Knie gelegt – und sie ist nackt. Eine splitternackte Frau sitzt auf dem festlich gedeckten Tisch in Frau Sommers Wohnung. Sie dreht leicht den Kopf und erschrickt, als sie Dagmar in der Tür stehen sieht.
»Warum bewegst du dich wieder?«, ertönt leicht genervt eine Frauenstimme aus der Dämmerung. »Jetzt können wir nochmals von vorne anfangen.«
Dagmar wendet den Blick von der Nackten und sieht erst jetzt ein Stativ im Raum stehen, darauf eine professionelle Kamera und hinter der Kamera Ingrid, Frau Sommers Tochter, in Jeans und einem dicken Wollpullover.
»Ach, du bist es, Dagmar«, sagt sie gleichgültig. »Ich habe dich gar nicht kommen hören.«
»Es ist wegen Lucy.« Dagmar schaut fasziniert auf die nackten Beine und Schultern der Frau, die auf der gedeckten Tafel thront.
»Wie wegen Lucy?«
Dagmar zeigt in den Flur, erzählt, wie sie die Katze gefunden hat.
Ingrid seufzt, flucht und sagt dann, sie werde ihre Mutter benachrichtigen und die Polizei fragen, wie sie den Kadaver loswerden solle. Jetzt müssten sie aber vorwärts machen. Es sei nicht gerade warm in der Wohnung, und Hühnerhaut könne sie auf den Aufnahmen nicht brauchen. »Los, Annette, setz dich wieder so hin wie vorher.«
Sie wirft einen ungeduldigen Blick zu Dagmar, und bevor sie sich wieder auf die Kamera konzentriert, schiebt sie eine Erklärung nach: »Meine nächste Fotoserie zum Thema Fröhliche Weihnachten. Mutters Hochzeitsservice und ihr Biedermeiertisch mit der nackten Annette darauf sind doch dafür geradezu prädestiniert, findest du nicht?«
Obwohl Jarmila ihre Tochter gedrängt hat, keinen Augenblick zu verlieren und sofort zu ihr zu kommen, weil Vater wie immer sein Handy nicht abnehme und von wem sonst solle sie denn Unterstützung erwarten, wenn nicht von ihrer Tochter – kocht sich Dagmar einen Tee in der Küche. Sie würde dann doch ein Taxi nehmen, um Mutter nicht allzu lange warten zu lassen in ihrer Angst.
Aus der Nachbarswohnung ertönt klassische Musik. Guy ist offenbar gerade aus den Ferien zurückgekehrt.
»Guy«, sagt Dagmar in die Stille ihrer Küche hinein, das Gesicht zur Wand gerichtet, hinter der sich Guys Küche befindet. »Guy, können Katzen Selbstmord begehen? Du solltest doch Erfahrung haben damit. Nicht mit den Katzen, natürlich.« Ein paar Takte Bach geben ihr Antwort. Sie wird den Augenblick nicht mehr lange hinauszögern können, bis sie an der Tür des Nachbarn klingeln und ihm zeigen muss, was sie in die Stoffserviette gewickelt hat.
2.
»Wo ist Grossmutter?«, fragt Dagmar, als hätte Jarmila sie nicht eben deswegen angerufen.
Die beiden Frauen stehen im Schlafzimmer und müssen sich erst an die Leere des Raums gewöhnen. Die Vogelfrau hat seit Jahren ihr Zimmer kaum verlassen. Und jetzt ist sie fort. Ihr Schlafzimmer ist leer, so leer und verwaist, wie Dagmar nie geglaubt hätte, dass sich ein Zimmer anfühlen könnte.
»Hast du sie im Haus gesucht?«, fragt sie.
»Natürlich«, sagt Jarmila. »Sie ist nicht im Haus. Bei keinem Nachbarn, nicht im Keller, nicht in der Waschküche. Sie ist nicht hier.«
Sie setzt sich auf den einzigen Stuhl im Schlafzimmer ihrer Mutter. Dagmar lehnt am Türrahmen und beobachtet sie. Sollte sie Mutter umarmen? Sie kann sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt berührt haben. Jarmila legt die Hände an ihre Wangen und schliesst die Augen. Dagmar dreht sich weg.
Sie ist sicher, dass Grossmutter die Wohnung nicht ohne Absicht verlassen hat und dass sie nicht irgendwo in den Strassen der Stadt herumirrt – sie wird mit einem festen Entschluss fortgegangen sein. Kein Mensch verschwindet einfach so. Nicht mal in den Tod. Hat sie womöglich den Grund für ihr Weggehen angedeutet? Haben alle einfach weggehört, weil sie zu fest in ihrem eigenen Alltag stecken, der mit Grossmutters Leben immer weniger zu tun hat? Hätten sie etwas begreifen sollen? Wohin wollte sie gehen? Ist sie dort angekommen? Hat sie das gefunden, wonach sie gesucht hat? Wo ist sie? Und bei wem?
Alle Lampen brennen. Das Licht ist auch an sonnigen Tagen eingeschaltet. Die Vogelfrau mag keine Dunkelheit, auch kein Dämmerlicht, sie möchte es immer hell um sich haben. Und sie hortet in ihrem Zimmer Essensreste, die ihre Tochter höchstens einmal in der Woche fortwerfen darf.
Die alte Frau sitzt immer auf dem Bett. Nie legt sie sich hin. Klein, rund, in ihren speckigen schwarzen Mantel gehüllt, den sie auch in der Nacht nicht auszieht. Sie sieht aus wie ein aufgeplusterter Vogel im Nest. Deshalb nennt Dagmar sie in Gedanken Vogelfrau. Ihre Mutter nennt sie bei sich mit dem Vornamen. Das hilft, Abstand zu wahren. Jarmila. Ein Name, der den Frühling und die Liebe in sich hat. Ohne bitteren Beigeschmack, noch unbelastet. Eine Tabula rasa. Als liesse sich so die Illusion aufrechterhalten, sie könnten nochmals von vorne anfangen. Als sei nicht so vieles kaputt gegangen. Und sie beide wären ebenbürtig. Die Rollen noch nicht verteilt. Nicht Mutter und Tochter. Zwei erwachsene Frauen. Jarmila und Dagmar.
Jarmila erzählt Dagmar von ihrem letzten Gespräch mit der Vogelfrau am Morgen. Danach sei sie in die Stadt gegangen, und als sie zurückgekehrt sei, habe sie die Wohnungstür offen gefunden und das Zimmer ihrer Mutter leer.
Dagmar stellt sich Jarmila vor, wie sie mit der Vogelfrau redet.
»Du musst jetzt von deinem Bett aufstehen, damit ich es sauber machen kann. Kakerlaken spazieren schon über das Leintuch«, sagt Jarmila stumm in sich hinein, hilft ihrer Mutter auf die Beine, schiebt sie ins Badezimmer und laut sagt sie, jetzt komme der Grosse Putz. Dann fegt sie all die angeschimmelten halbleeren Joghurtbecher unter dem Bett hervor, grünliche Brotreste und angebissene Käsescheiben. Die Reste ihres Essens verstaut die Vogelfrau seit Jahren unter dem Bett. Damit es reicht, wenn der Krieg kommt. Die Tabletten, die ihr der Arzt verschreibt, schiebt sie unter das Kissen, damit sie zur Verfügung stehen, wenn die Grosse Grippe kommt. Es sind Tabletten für das Herz und den Kreislauf und den Schlaf, den die Frau nie findet und nie sucht, weil sie wach bleiben muss, wenn das Grosse Unglück kommt. Nur widerstrebend lässt sie ihre Tochter einmal in der Woche unter dem Bett sauber machen. Die Essensreste beruhigen sie. Jarmila fegt sie trotzdem weg.
»Übermorgen ist Heiligabend«, sagt sie zur Vogelfrau, die vor dem Spiegelkasten im Badezimmer steht. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was ich dir schenken soll. Ich gehe heute noch rasch in die Stadt. Was wünschst du dir?«
»Den Tod«, sagt die Vogelfrau.
»Ich weiss«, antwortet Jarmila. »Das sagst du mir oft, aber den kann ich dir nicht kaufen.«
»Ich will nicht mehr. Už nechci.«
»Ich weiss«, wiederholt Jarmila. »Aber ich kann dir den Tod nicht bringen. Denk dir etwas anderes aus!«
Die Vogelfrau neigt den Kopf zur Seite und sieht ihre Tochter aus ihren Korallenaugen an: »Du warst doch kürzlich in diesem billigen Möbelgeschäft, nicht wahr? Und hast mir erzählt, dass du für die Küche so praktische farbige Plastikschachteln gekauft hast. So eine wünschte ich mir.«
»Wofür?«, fragt die Tochter. »Willst du die Essensreste jetzt dort verstauen?«
»Nein«, sagt die Vogelfrau. »Die Schachtel bräuchte ich fürs Grab, für die Urnen. Es sieht dort so unordentlich aus. Da hätten die zwei Platz, die dort schon sind. Und meine wäre die dritte und dann wären alle säuberlich aufgeräumt in der Schachtel beisammen. Ja, die könntest du mir schenken, diese Plastikbox. Die wäre doch chic fürs Grab. Žlutou.«
»Gelb?«
»Ja, eine gelbe hätte ich gern.«
»Ein bisschen zu bunt für den Friedhof, findest du nicht?«
»Nein, überhaupt nicht«, entgegnet die Vogelfrau.
»Und es gibt nur eine Urne auf dem Friedhof in Prag«, sagt Jarmila tonlos. »Hast du das vergessen? Der andere liegt nicht dort begraben.«
»Der andere?«
»Alenas erster Mann.«
»Wen meinst du?«
»Den ersten Mann meiner Schwester.«
»Der ist tot?«
»Seit Jahren schon.«
So reden sie zusammen, Jarmila und die Vogelfrau. Die alte Frau hat sich in der Trutzburg ihrer Gedanken verschanzt. Sie entfernt sich langsam und unbeirrt aus der Welt ihrer Familie, und die sieht ihrem einsamen Entschwinden zu. Ob der Tod sich ihr bereits in diesem Winter schenken wird? Sollte man es ihr wünschen?
Als Jarmila ihre verwitwete Mutter aus Prag in die Schweiz geholt hatte, konnte sich diese zu Beginn mit ihrem altertümlichen Prager Deutsch ganz gut verständigen. Mit den Jahren aber schrumpften ihre Deutschkenntnisse und gleichzeitig verengte sich ihr Lebensradius, bis sie sich definitiv in ihr Schlafzimmer und in ihre Muttersprache zurückzog. Dies seien die letzten erträglichen Orte, wo sie sich noch aufhalten könne, sagte sie und fügte hinzu: Sie habe nun ihre Würde zurückerhalten. Die halbleeren Joghurtbecher und angeschimmelten Essensreste schienen ihre Würde nicht zu verletzen.
Jarmila sitzt immer noch auf dem Stuhl neben dem leeren Bett.
»Wann genau ist Grossmutter fortgegangen?«, fragt Dagmar.
»Wie fortgegangen? Warum sagst du fortgegangen?«
»Schrei mich nicht an!«, sagt die Tochter, was Jarmila erst recht zum Schreien bringt.
»Ich schreie nicht! Und auch wenn ich schreien würde –ich habe einen Grund dazu. Meine Mutter ist verschwunden!«
»Aber das Schreien hilft uns nicht weiter«, sagt Dagmar, und es tönt gegen ihren Willen belehrend und verächtlich. Jarmila fängt zu weinen an.
»Wir müssen nachdenken«, fährt die Tochter fort und kommt sich sehr schäbig vor, dass sie der Mutter nicht einfach den Arm streicheln kann. Sie weiss, dass Jarmila die Geste in diesem Augenblick von ihr erwartet und als ihre Tochterpflicht betrachtet. Spontane Zärtlichkeit und Pflicht schliessen sich aber aus. Deshalb quält Dagmar Jarmila weiter: »Wohin wollte sie gehen? Hast du eine Ahnung?«
»Wohin sollte sie gehen, was fehlte ihr hier? Sie hatte ja alles. Pflege, Gesellschaft. Rund um die Uhr bin ich für sie da.«
Dagmar zuckt bloss mit den Schultern.
Dann steht sie am Fenster und schaut in die menschenleere, öde Vorstadtstrasse.
Dann geht sie in die Küche.
Dann füllt sie den Wasserkocher auf, spült die Kanne aus und bereitet Tee zu.
Dann bringt sie den Tee und zwei Tassen ins Wohnzimmer.
Und sagt immer noch kein Wort.
Jarmila hält es nicht aus. »Warum sagst du nichts?«
»Weil meine Grossmutter verschwunden ist und ich Angst habe!«, schreit Dagmar los.
»Jetzt schreist du mich an!«, ruft Jarmila, und Dagmar knallt die Teetasse auf den Tisch, rennt in den Flur, zieht den Mantel an.
»Ich gehe Grossmutter im Quartier suchen. Mach, was du willst.«
Jarmila kramt ihr Handy aus der Tasche und ruft Viktor an. Sie hält den Apparat lange ans Ohr, ihr Mann nimmt offenbar nicht ab. Er nimmt selten ab, wenn seine Frau anruft. Meist erklärt er hinterher, er habe den Anruf nicht gehört, die Tasche mit dem Mobiltelefon habe im Gartenhäuschen auf dem Tisch gelegen, und er sei gerade mit dem Hochbinden der Buschbohnen, dem Rosenschnitt, der Kartoffelsaat, der Apfelernte, der Winterabdeckung der Beete … beschäftigt gewesen.
Dagmar schliesst die Tür der Elternwohnung hinter sich und macht sich auf die Suche in den Strassen.
Der Traum der letzten Nacht fällt ihr ein, als sie einen Bettler an einer Strassenecke frieren sieht.
Sie war wieder einmal in Prag im Schlossgarten und sass unter dem Wachholderstrauch. Der Obdachlose trat an sie heran, zeigte zu den Fenstern und sagte: »Schau! Da ist sie wieder. Siehst du sie?«
Das Licht spiegelte sich in den dunklen Scheiben, dahinter huschte etwas vorbei. Von links nach rechts. Ein Schatten? Eine Bewegung? Der Schatten einer geträumten Bewegung? Der Mund des Obdachlosen öffnete sich zu einem schiefen Lächeln, seine sieben Zähne glänzten von Speichel, er würde Dagmar wie immer sagen, dass die Frau im Schloss Schultern aus Samt habe und Haare wie ein Engel. Diesmal schwieg er aber, schloss den Mund, wandte den Blick von der Schlossfassade zu Dagmar, hob die Hand. Er hielt etwas fest umklammert, Dagmar stockte der Atem. Er reichte ihr ein leichtes Strickjäckchen.
»Kennst du es noch?«, fragte er.
»Du hast es aufbewahrt?«, fragte Dagmar zurück. »All die Jahre?«
»Nimm es«, sagte der Obdachlose.
Dagmars Hände zitterten.
Der Mann beugte sich über sie und wischte sanft mit Eliškas Strickjacke über ihr Gesicht.
»Sie ist kalt«, sagte Dagmar. »Kalt und feucht.«
»Wie sollte sie sonst sein? Im Garten wird alles feucht und kalt unter der Erde.«
»Nein!«, schrie sie. »Nicht die Jacke war unter der Erde! Du täuschst dich. Du weisst, was im Garten vergraben war. Die Jacke habe ich dir und dem Feuermännchen anvertraut, damit ihr darauf aufpasst. Und wenn Eliška zurückkommt …«
»Sie ist nie mehr gekommen«, unterbrach sie der Obdachlose. »Du solltest das wissen. Gib die Jacke deinem Vater. Es wird Zeit.«
Und wieder fuhr ihr der Mann mit dem nassen Kleidungsstück über die Stirn, die Schläfen, murmelte unverständliche Worte …
Dagmar riss die Augen auf, fahles Morgenlicht sickerte durch die Vorhänge, ihre Wangen waren nass, auch das Kissen war feucht und kühl. Sie muss geweint haben.
Nachdem Dagmar vergeblich durch die Strassen des Quartiers gegangen ist, sitzen Mutter und Tochter wieder am Tisch im Wohnzimmer, die unberührten Tassen und die Kanne mit dem erkalteten Tee vor ihnen. Von der Vogelfrau fehlt nach wie vor jede Spur. Jarmila schluchzt hemmungslos und verliert sich in einer Endlosschlaufe aus Ausrufen, Mutmassungen, Vermutungen, Vorwürfen, Vorschlägen, Fragen, Rückversicherungen, Klagen. Sie gibt sich ihrer Verlorenheit hin, also bewahrt Dagmar Ruhe. Sie würde gern mit ihrer Mutter am Tisch sitzen und lange schweigen. Sich in die gemeinsame Stille verkriechen, Grossmutter zusammen still nachspüren, ihr entgegenkommen im Nachdenken.
Endlich unterbricht Dagmar Jarmilas Wortschwall: »Ich rufe die Polizei an.«
»Nein! Nicht die Polizei! Auf keinen Fall die Polizei! Und Viktor nimmt einfach nicht ab! Wir könnten hier alle abgeknallt worden sein, und er nimmt einfach nicht ab.«
Dagmar verkneift sich die Bemerkung, dass sie in diesem Fall Vater kaum anrufen könnten, und sagt bloss: »Der kann uns doch auch nicht weiterhelfen.«
»Aber wenigstens das Telefon abnehmen könnte er! Sicher hockt er wieder in seinem lächerlichen Garten! Kannst du mir sagen, was er dort im Dezember macht? Wir sind ihm einfach egal! Das ist es! Das waren wir immer schon.«
»Bitte, fang jetzt nicht wieder damit an! Soll ich die Polizei anrufen oder nicht?«
»Nein! Vielleicht machen wir umsonst Panik und kommen noch ins Gerede. Sie werden uns für verrückt halten oder für hysterisch. Sie werden uns abwimmeln. Willst du nicht Christian telefonieren?«
»Wozu? Er hat es nicht gern, wenn ich ihn im Büro störe.«
»Aber er ist dein Mann! Und das ist ein Notfall!«
»Wie soll er uns helfen? Vielleicht warten wir doch noch mit der Vermisstanzeige. Vielleicht kommt Grossmutter ja von selbst, wenn sie kalt hat.«
Jarmila schaut erschrocken auf.
»Mein Gott, sie kann ja erfrieren! Wenn man sie vor der Nacht nicht findet, kann sie bis zum Morgen erfrieren. Daran haben wir nicht gedacht. Geh jetzt zur Polizei, Dáša, geh sofort zur Polizei! Nicht anrufen, hingehen! Du musst mit ihnen reden.«
»Es ist erst Mittag.«
»Gut«, gibt Jarmila nach. »Dann warten wir bis fünf. Aber keine Minute länger. Wenn sie bis dann nicht da ist, gehst du zur Polizei.«
»Solltest nicht du gehen? Du bist die Tochter.«
»Du redest Schweizerdeutsch. Auf dich werden sie eher hören.«
Seit sie in der Schweiz leben, redet Dagmar für ihre Mutter Schweizerdeutsch. Als sie nach Basel kamen, war Dagmar acht Jahre alt und ihren Eltern deshalb bald einen Schritt voraus. An Schulbesuchstagen übersetzte sie ihrer Mutter, was die anderen Mütter sagten und was sie damit tatsächlich meinten. Auch verfasste sie für ihre Eltern Briefe an die Behörden und diktierte Entschuldigungen an die Lehrer. Vater und Mutter bewegten sich in der neuen Sprache, ihren Bildern und Mehrdeutigkeiten unsicher, als gingen sie auf Glatteis und könnten jederzeit eine gefährliche Stelle übersehen.
3.
Zwei Uhr. Nach einer längeren Fahrt in einem fast leeren Bus sitzt Dagmar mit Abigail im verglasten Konferenzraum des Gebäudes 502 auf dem weit ausserhalb der Stadt gelegenen Industrieareal des Pharmakonzerns, der Dagmar als Teilzeitlehrerin für fremdsprachige Angestellte beschäftigt. Christian arbeitet in derselben Firma. Er hat dort eine leitende Stellung im technischen Dienst. Abigail und Dagmar haben sich in der Kochnische Tee zubereitet, und die Schülerin offeriert ihrer Lehrerin Shortbread, das sie aus dem letzten Urlaub bei ihren Eltern in Inverness mitgebracht hatte. Die Deutschbücher liegen noch geschlossen auf dem Tisch. Hinter der Glaswand des Sitzungszimmers erstrecken sich die langen Tischreihen eines Grossraumbüros. Die Arbeitsflächen sind beleuchtet, die Menschen sitzen an ihren PCs, telefonieren, eilen durch die Gänge, alle lautlos hinter dem Glas, jeder für sich allein, angespannt, als würde er sich nach Kräften bemühen, die Gegenwart der anderen Eingekapselten zu ignorieren.
Abigail ist Dagmars Lieblingsschülerin. Sie ist ein paar Jahre jünger, Anfang dreissig, schlank, hellblond, hat ein offenes Gesicht und ein warmes Lächeln. Als sie nach ihrem Studienabschluss vor sechs Jahren in der Firma anfing, konnte sie noch kein Wort Deutsch. Anfänglich machte sie nur langsame Fortschritte. Vor vier Jahren aber nahmen ihre Sprachkenntnisse und ihre Motivation rapide zu. Da hatte sie ihren Schweizer Freund kennen gelernt. Heute macht sie nur noch wenige Fehler, und mit Dagmar feilt sie vor allem an Wortschatz und Stil.
»Hattest du ein gutes Wochenende?«, fragt Dagmar, und Abigail erzählt, dass sie mit ihrem Freund im Schwarzwald Radfahren war, trotz der Kälte. Sie beide liebten Ausflüge in der Natur, bei jedem Wetter. Sie hätten eine lange Tour gemacht, dann in einem Gasthaus übernachtet und am Sonntagmorgen am opulenten Buffet ausgiebig gefrühstückt. Danach seien sie durch das Wiesental zurück nach Basel gefahren. Das sei wunderschön gewesen, der dunkle Fluss in der erstarrten Winterlandschaft.
Abigail hat sich von ihrer Begeisterung hinreissen lassen, sie kontrolliert ihre Sprache kaum noch und macht mehr Fehler als gewöhnlich.
Ihr Freund habe sie auf den Geschmack des Radfahrens gebracht. Bereits ein kurzer Ausflug in der Umgebung, abseits von Menschen, sei wie ein Tag Ferien. Ihr Freund nehme manchmal ein Picknick mit, öfter lade er sie aber in ein Landgasthaus ein, wo sie sich im Winter bei einem Punsch aufwärmten, sich alles Mögliche erzählten und darüber lachten, und das sei dann ebenso schön wie die stillen Fahrten vorher. Sie lächelt ihr warmes Lächeln, und Dagmar kann nicht mal neidisch sein auf so viel Erfüllung in ihrem Gesicht.
»Und wie war dein Wochenende?«, fragt Abigail.
»Nichts Besonderes«, sagt Dagmar und öffnet das Deutschbuch. »Ich war ein bisschen erkältet und habe fast die ganzen zwei Tage auf dem Sofa gelegen und gelesen.«
Nach ihrer Stunde holt Christian Dagmar am Haupteingang ab. Er wartet im Auto, hat den Motor angelassen, damit sich der Wagen aufwärmen kann.
»Danke, dass du so früh hast Schluss machen können«, sagt Dagmar und küsst ihn auf die glatt rasierte Wange. »Ich bin froh, wenn wir zusammen zu Mutter fahren. Ich gehe zur Polizei, und du wirst sie ein bisschen beruhigen. Auf dich hört sie immer.«
»Schnall dich bitte an«, sagt Christian. Und nach einer kurzen Pause: »Ich bringe dich hin, muss aber wieder zurück in die Firma. Es gibt noch viel Dringendes zu erledigen vor den Festtagen. Wir haben ein Meeting um fünf, da muss ich auf jeden Fall dabei sein. Es tut mir leid.«
»Ist schon gut.«
Christian nimmt wie immer, wenn er von diesem Arbeitsort in die Stadt zurückfährt, den vermeintlich schnelleren Weg über die Autobahn, wo sich aber bald nach der Einfahrt die Abstände zwischen den Fahrzeugen immer mehr verkürzen, bis sie zum Stillstand kommen. Christian flucht, er hätte über die Rheinstrasse fahren sollen. Dagmar weiss, dass sie ihn mit ihrer Bitte, bei einer Toilette anzuhalten, noch mehr erzürnt.
»Kann es nicht warten?«, murrt er.
»Nein. Der Tee. Und der Stau. Wer weiss, wie lange wir hier noch schleichen werden.«
Christian betätigt den Blinker und wechselt auf die rechte Spur.
»300 Meter«, sagt Dagmar.