Marlies Ferber

Grün ist die Liebe

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Über Marlies Ferber

Marlies Ferber wurde 1966 geboren, studierte Sinologie in Deutschland, China und den Niederlanden und arbeitete viele Jahre als Verlagslektorin, bevor sie sich ganz dem Schreiben und Übersetzen widmete. Bei dtv ist ihre vierbändige ›0070‹-Krimireihe um den britischen Agenten a.D. James Gerald erschienen. Die Autorin engagiert sich – wie ihre Protagonistin – als »Grüne Dame« im Krankenhaus und lebt mit ihrer Familie in einem Haus am Waldrand.

Über das Buch

»›Ein Garten ist wie das Leben. Er ist das, was man daraus macht.‹ Elisabeth lachte. ›Ehrlich gesagt, wenn ich im Garten bin, mache ich am liebsten gar nichts.‹«

 

Das Haus ist abbezahlt, die Kinder sind flügge, alles geht seinen Gang: Da lernt Elisabeth – Mitte vierzig – , die ehrenamtlich im Krankenhaus arbeitet, den alten Herrn Grün kennen. In Erinnerungen schwelgend erzählt er ihr von der Liebe zu seiner Frau, die im Sterben liegt. Ergriffen von so viel Gefühl, zieht Elisabeth prompt den Vergleich zu ihrer eigenen Ehe. Und wird immer unzufriedener. Nach über zwanzig Jahren glimmt die Leidenschaft nur noch müde, Gewohnheiten haben sich eingenistet, und statt der Kinder laufen jetzt Hühner durch den Garten – Roberts neues Hobby. Da muss sich was ändern! Doch das selbst erdachte Eherettungsprogramm läuft völlig aus dem Ruder.

Impressum

Ungekürzte Ausgabe 2020

© 2018 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: buerosued.de unter Verwendung eines Fotos von living4media/Peter Raider

 

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eBook-Herstellung im Verlag (01)

 

ebook ISBN 978-3-423-43387-7 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21916-7

 

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/ebooks

ISBN (epub) 9783423433877

Figuren und Geschehnisse dieses
Romans sind frei erfunden.

Dackelwallfahrten gibt es wirklich.

Für Julius und Stella

Love and marriage, love and marriage,

They go together like a horse and carriage.

Frank Sinatra, »Love and Marriage«

 

There is a crack in everything,

That’s how the light gets in.

Leonard Cohen, »Anthem«

Kapitel 1

Was können Sie tun?« Das war keine Frage, es war ein Vorwurf. Der alte Mann starrte sie an. Feindselig, dachte Elisabeth, während sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Er ist feindselig, dieser Blick, und voller Wut über meine Anmaßung, Hilfe anzubieten, hier, in dieser Situation, die so hoffnungslos ist.

»Was können Sie schon tun?«, wiederholte er, herausfordernd. Elisabeth wich seinem Blick aus, sah zu der Frau neben ihm, die klein und blass im Krankenbett lag. »Nichts«, sagte sie dann und hob die Schultern. »Ich kann nichts tun.« Etwas im Klang ihrer Stimme, oder vielleicht war es auch ihr hilfloser Gesichtsausdruck, besänftigte den alten Mann. »Sie bekommt nichts mehr mit«, sagte er. »Sie geht, und ich kann nichts dagegen tun. Wissen Sie, was für ein Gefühl das ist?«

»Sie sind bei ihr«, sagte Elisabeth zögernd. »Sie spürt, dass Sie da sind.«

Der alte Man trat näher ans Bett, vorsichtig rückte er die Nasensonde zurecht. »Sie erkennt mich nicht mehr«, sagte er in sachlichem Tonfall. »Ihr Verstand schwindet, von Tag zu Tag.« Er streichelte ihr über die Wange.

»Sie lächelt«, sagte Elisabeth.

»Ja, aber sie weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich sehe es in ihren Augen. Und ich kann nichts tun. Ich kann mich noch nicht einmal von ihr verabschieden. Ich kann sie berühren, aber sie ist nicht mehr zu Hause, verstehen Sie? Ich erreiche sie nicht mehr. Das ist …« Er stockte, wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Das ist schlimmer, als wenn sie ganz gegangen wäre.«

»Sehen Sie nur, ihr Gesicht«, sagte Elisabeth und trat näher. »Wenn Sie sie berühren. Sie spürt Ihre Nähe. Alles andere kann verschwinden, aber das spürt sie noch, da bin ich sicher.«

Er blickte auf, starrte sie an, dann wandte er sich wieder seiner Frau zu, beobachtete ihr Gesicht, während er ihr noch einmal über die Wange streichelte. Elisabeth wurde es heiß. Sie hatte das nur gesagt, damit er sich besser fühlte. Es war eine Lüge aus Mitleid gewesen. Aber war eine Lüge aus Mitleid in dieser Situation nicht am schlimmsten? Und galt das Mitleid wirklich ihm, oder nicht vielmehr ihr selbst, um hier mit einem halbwegs guten Gefühl herauszukommen? Er würde es durchschauen und feststellen, dass seine Frau rein gar nichts mehr mitbekam, dass sie nur dahindämmerte und seine Gegenwart nicht im Geringsten irgendeine magische Qualität hatte, Zauberkraft, die den Schleier des nahenden Endes noch einmal beiseiteschieben konnte.

»Ja«, sagte der alte Mann jetzt. »Sie haben recht. Sehen Sie, ihr Gesicht.« Er streichelte seiner Frau weiter sanft über die Wange, und wie im Reflex bewegten sich ihre Mundwinkel.

»Ich lasse Sie jetzt allein«, sagte Elisabeth. Sie kam sich vor wie ein Scharlatan. Er hatte ja recht gehabt. Sie konnte nichts tun außer reden, und selbst das konnte sie nicht gut, sondern nur billige Lügen erzählen. Die Ärzte diagnostizierten, operierten, erstellten die Behandlungspläne, die Pflegekräfte taten das Übrige, aber sie, als Grüne Dame, was war ihre Währung? Mitgefühl. Und das war billig, denn sie trug keine Verantwortung.

»Nein, bitte bleiben Sie noch.« Der alte Mann ging auf sie zu, er lächelte jetzt, und sein Gesicht erblühte in Falten, die zeigten, wie oft in seinem Leben er freundlich gelächelt hatte. »Ich meine«, setzte er schnell hinzu, »wenn es Ihre Zeit erlaubt.«

»Natürlich.« Elisabeth ließ sich widerstrebend am Tisch nieder. Der alte Mann ging noch einmal zu seiner Frau, vergewisserte sich, dass die Nasensonde nicht verrutscht war, und setzte sich dann zu Elisabeth. Er schob ihr eine Schachtel Pralinen zu. »Bitte«, drängte er. »Nehmen Sie.«

»Danke.« Elisabeth wählte die kleinste Praline und nahm sich vor, beim Frühstück mit ihren Kolleginnen die Butter wegzulassen. Der alte Mann sah ihr zu, während sie die Praline aß. »Meine Frau liebt Pralinen«, sagte er. »Ich habe ihr immer welche geschenkt. Zuerst, als wir noch sparen mussten, einmal im Monat. Später jeden Freitag. Und wissen Sie, was mich traurig macht? Ich weiß nicht mal mehr, wann sie zum letzten Mal eine gegessen hat. Ich überlege und überlege, aber ich weiß es nicht mehr.« Er erhob sich schwerfällig und ging zum Fenster. Elisabeth zögerte, dann stand sie auf, stellte sich neben ihn und sah ebenfalls hinaus in den trüben, nebligen Märzmorgen.

»Ich habe diese Packung gestern gekauft, unten in der Cafeteria, weil ich zum letzten Mal ihr Gesicht sehen wollte, wenn sie eine Praline genießt. Wissen Sie, sie kaut sie nicht, sondern lässt sie langsam im Mund zergehen, und ihr Gesicht bekommt diesen ganz bestimmten Ausdruck … Es ist schwer zu beschreiben, man muss es selbst sehen. Ich nenne es ihr Pralinengesicht …« Er griff nach einem Taschentuch, schnäuzte sich. »Zu spät, ich werde es nicht mehr sehen.«

»Wie lange sind Sie verheiratet?«, fragte Elisabeth nach einer Weile.

»Morgen sind es genau fünfzig Jahre.« Leise setzte er hinzu: »Wenn sie nicht vorher …« Er verstummte, und Elisabeth stand neben ihm und wartete, bis er sich wieder gefangen hatte. »Jeden Abend, wenn ich nach Hause gehe«, fuhr er dann fort, während er weiterhin aus dem Fenster schaute, »jedes Mal beim Abschied schaue ich sie mir noch einmal genau an. Es soll nicht so sein wie mit den Pralinen. Ich will hinterher wissen, wann ich sie das letzte Mal angesehen habe. Es gibt schon so viele Abschiede, schon so viele letzte Male, die ich nicht mitbekommen habe. Wissen Sie, unsere Welt besteht fast nur noch aus letzten Malen, und man kommt durcheinander.« Er starrte konzentriert in den Nebel, knetete seine Hände. »So viele Kerzen, die unser Leben hell gemacht haben. Und sie alle verlöschen, nach und nach. Es kommt schleichend. Ein Hobby, das zu gefährlich wird, eine Grippe, die länger bleibt, ein Essen, das man nicht mehr verträgt, ein guter Freund, der stirbt. Irgendwann stellt man fest, dass es insgesamt dunkler geworden ist. Man geht auf den Friedhof und kennt so viele Namen.«

Elisabeth wurde schwindlig, sie musste sich setzen. Der alte Mann sah sie besorgt an. »Sie sind ja ganz blass geworden, ist Ihnen nicht gut?«

»Es geht schon wieder«, versicherte Elisabeth schnell. »Das kommt davon, wenn man ohne Frühstück aus dem Haus geht.«

»Nehmen Sie noch eine Praline!«

Elisabeth griff wieder zu. Sie würde später auch die zweite Brötchenhälfte weglassen. Er setzte sich ebenfalls wieder.

»Verzeihen Sie mir das Gejammer. Das ist sonst nicht meine Art. Lassen Sie uns über etwas Erfreulicheres sprechen, bis Sie wieder Farbe im Gesicht haben und ich Sie guten Gewissens gehen lassen kann.«

Elisabeth nahm die Pralinenpackung, die er auf den Tisch gestellt hatte, und hielt sie ihm hin. »Aber nur, wenn Sie auch eine nehmen, Herr …« – »Grün«, ergänzte der alte Mann. »Grün wie Blau, sage ich immer, wenn die Leute nachfragen.« Er kniff die Augen zusammen, sah auf ihr Namensschild. »Frau …«

»Müller«, sagte Elisabeth lächelnd. »Müller wie Meier, sage ich immer, wenn die Leute nachfragen.«

»Müller, das ist kurios. Wissen Sie, dass Sie tatsächlich der erste Mensch sind, den ich kennenlerne, der diesen Namen trägt?«

»Da wird es aber Zeit«, lächelte Elisabeth. Herr Grün lächelte ebenfalls, nahm eine Praline, deutete zum Fenster. »Das Wetter wäre ein Gesprächsthema, wenn es nicht so trist wäre, was?«

Elisabeth nahm noch eine Praline. »Wann haben Sie Ihrer Frau eigentlich zum ersten Mal Pralinen geschenkt? Wissen Sie noch, wann das war?«

Herr Grün sah sie überrascht an, dann nickte er. »Oh ja.« Er lehnte sich langsam zurück, wandte den Kopf zu seiner Frau, doch sein Blick richtete sich nach innen. »Es war 1962, im Sommer. Wir saßen uns zufällig gegenüber, im Zug nach Amsterdam.«

Kapitel 2

Ich sah Lenya zuerst von hinten. Damit hat sie mich später aufgezogen, wenn ich sagte, es war Liebe auf den ersten Blick. Ja, in meinen Hintern hast du dich verliebt, meinte sie dann immer. Aber das stimmt nicht. Es war ihre ganze Haltung, die Art, wie sie am Fenster des Zugabteils stand und sich hinauslehnte, als ich in Düsseldorf zustieg. Damals gab es noch richtige Zugabteile, in denen man sich gegenübersitzen konnte. Oder musste, je nachdem. Ihr Anblick, wie sie da am Fenster stand, war atemberaubend. Sie war groß, schlank, trug ein eng anliegendes, dunkelblaues Kleid mit weißen Tupfen. Sehr schick, viel zu schick eigentlich für ein Mädchen in ihrem Alter, das kaum zwanzig sein mochte. Anmutig lehnte sie sich aus dem Fenster, sehr selbstbewusst, sehr elegant. Ich trat ein, hievte meinen Koffer hoch, grüßte die anderen Mitreisenden, eine junge Mutter mit einem kleinen Jungen und einen Mann, der am Fenster saß. Ich nahm einen der freien Plätze am Gang ein. Lenya bemerkte mich zuerst gar nicht. Sie unterhielt sich ausgelassen auf Niederländisch mit jemandem auf dem Bahnsteig. Ich hatte zwar im Selbststudium schon etwas Niederländisch gelernt, verstand aber kein Wort. Als der Zug anfuhr und sie sich weiter hinauslehnte, um zu winken, tanzten ihre langen blonden Haare im Wind. Sie sah aus wie eines dieser Pariser Laufsteg-Models, nur viel ungezwungener. Sie trug keine Seidenstrümpfe, die nackten Füße steckten in weißen Sandalen. Es war ein heißer Augusttag, aber trotzdem. Eigentlich war es nicht schicklich für ein junges Mädchen damals, keine Strümpfe zu tragen. Ich machte mir gerade Gedanken darüber, ob das Strümpfetragen in Holland nicht üblich sei, da schickte sie sich an, das Fenster hochzuschieben, aber es klemmte. Schnell stand ich auf, um ihr zu helfen, doch der Mann am Fenster war schneller. Sie dankte ihm, er deutete eine galante Verbeugung an, sagte etwas auf Niederländisch zu ihr, eine humorvolle Bemerkung offenbar, denn sie lachte. Überraschenderweise war es ein tiefes, angenehmes Lachen, das eher zu einer italienischen Matrone als zu diesem grazilen, blonden Mädchen gepasst hätte. Nun sah ich auch ihr Gesicht, und es war bezaubernd. Ein Antlitz, so frisch und lecker wie Erdbeeren mit Sahne, der rote, volle Mund, Wangen, die noch diese kindliche Pausbäckigkeit besaßen, und dazu Augen, so tief und blau wie ein Bergsee. Mir war klar, dass sie neben dem Mann Platz nehmen würde. Doch während er seine teuer aussehende Aktentasche vom Nebensitz räumte, schaute sie mich an und deutete auf den Platz mir gegenüber. ›Ist da noch frei, Meneer?‹ Ich räusperte mich, brachte ein heiseres ›Ja‹ zustande, und sie schenkte mir ein Lächeln, das ein reizendes Grübchen auf der linken Wange zum Vorschein brachte, setzte sich zu mir und tat dann schon wieder etwas, das mich überraschte: Sie packte Strickzeug aus und fragte: ›Entschuldigen Sie, lesen Sie?‹ Ich schüttelte den Kopf. ›Das heißt‹, setzte ich rasch hinzu, ›normalerweise schon, ich kann lesen, wenn Sie das meinen, will heißen, ich bin kein Analphabet, ich lese sogar viel, es ist gewissermaßen meine Passion zu lesen, aber jetzt im Moment nicht, denn ich habe dummerweise all meine Bücher im Koffer verstaut, und …‹ Ach, ich weiß heute gar nicht mehr genau, was ich noch alles plapperte, aber irgendwann brach ich einfach ab, weil mir klar wurde, dass ich dabei war, mich wieder einmal lächerlich zu machen. Ausschweifend auf einfache Fragen zu antworten, damit hatte ich schon viele Mädchen abgeschreckt. Sobald ich nervös wurde, redete ich ohne Punkt und Komma.«

Elisabeth lächelte. »Aber dieses Mal hat es trotzdem geklappt.«

Herr Grün sah sie überrascht an, fast schien es, als hätte er ihre Anwesenheit vergessen. »Ja, Frau Müller, allerdings. Viel später, kurz vor unserer Hochzeit, habe ich sie gefragt, warum sie sich so spontan zu mir gesetzt hat und nicht zu dem Mann am Fenster, der so hilfsbereit und offensichtlich von ihr angetan war. Und, was glauben Sie wohl, was meine Lenya geantwortet hat?«

Elisabeth zuckte die Schultern.

»›Du hast ausgesehen wie ein Schaf.‹ Das war ihre Antwort!«

Elisabeth sah unwillkürlich auf Herrn Grüns immer noch volles, lockiges Haar. Herr Grün bemerkte es. »Ja, ich weiß, und inzwischen sind sie nicht nur so lockig wie Schäfchenwolle, sondern auch noch so weiß. Aber damals, können Sie sich denken, wie mir als junger Mann zumute war? Man fühlt sich wie ihr Romeo, und was sieht sie in einem? Ein Schaf. Ich war sehr echauffiert, bin noch am selben Tag zum Friseur gegangen. Zur Hochzeit am nächsten Tag bin ich mit streichholzkurzen Haaren erschienen.«

Elisabeth lachte. »Und? Wie hat sie reagiert?«

»Sie hat kein Wort darüber verloren, den ganzen Hochzeitstag über nicht. Aber nachts, in unserer ersten Nacht als Mann und Frau, hat sie mir ins Ohr geflüstert: ›Es sind doch nicht deine schönen Locken, es ist dein Blick, Jeroen – sie nannte mich von Anfang an Jeroen, nie Justus –, du schaust wie ein Schaf, Jeroen, und das liebe ich! Nur die guten Männer schauen wie Schafe, wenn sie verliebt sind. Der Mann am Fenster war kein Schaf. Aber du, das habe ich sofort an deinem Blick gesehen. Ein Schaf. Ein gaaaanz gutes sogar!‹ Sie betonte das ›ganz‹, denn was sie meinte, war ein ›sehr‹ gutes Schaf.« Herr Grün lächelte. »Sie konnte Deutsch, viel besser als ich je Niederländisch, aber dass das Wort ›ganz‹ in Zusammenhang mit ›gut‹ bei uns Abschwächung und nicht Steigerung bedeutet, das wollte ihr nicht in den Sinn.«

»Wie ging es damals bei der Fahrt nach Amsterdam weiter?«, fragte Elisabeth. »Sie haben über Bücher geredet?«

Herr Grün schüttelte den Kopf. »Oh nein, ich habe ihr beim Stricken geholfen. Das war der Grund für ihre Frage, ob ich lese. Sie wollte wissen, ob ich die Hände frei hätte. Sie ließ mich mit den Händen ein kleines Körbchen formen, und ich hielt das Knäuel, während sie strickte. Geredet haben wir nicht viel, und ich weiß auch nicht mehr, worüber. Ich konnte nicht gut denken, während wir durch das Garn verbunden waren. Sie schaute konzentriert auf ihre Strickarbeit, es war etwas mit einem komplizierten Muster. Das Gute daran war, dass ich sie in aller Ruhe betrachten konnte. Einmal ging sie zur Toilette, es war kurz vor Utrecht, und ich nutzte die Zeit, um aus meiner Reisetasche die Schachtel mit Pralinen zu holen, die meine Großmutter mir mitgegeben hatte. Eigentlich waren sie für meine Patentante bestimmt, bei der ich die ersten Wochen wohnen sollte, bis das Zimmer im Studentenheim frei wurde. Als sie wiederkam, bot ich, um nicht zu aufdringlich zu wirken, zunächst den anderen Mitreisenden, dann auch ihr eine Praline an. Da sah ich es zum ersten Mal, ihr Pralinengesicht. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, der etwas mit so viel unschuldiger Freude aß.«

Die Tür wurde aufgestoßen, ein geschäftiger Schwall weißer und blauer Kittel strömte ins Zimmer zur Visite. Elisabeth drückte Herrn Grün inmitten des Windzugs noch rasch zum Abschied die Hand.

Kapitel 3

Elisabeth hatte ihren Gang über Station 13 fast beendet, als ihr Handy in der Kitteltasche vibrierte. Auf dem Display leuchtete ihr Robert entgegen. Sie hatte das Foto heimlich gemacht, als er das Waschbecken im Badezimmer reparierte. Er ließ sich nicht gern fotografieren, Frontalaufnahmen zeigten immer einen zitronigen Robert. Dieser Handy-Schnappschuss aber war eine Profilaufnahme. Robert hatte nicht bemerkt, dass er fotografiert wurde, er war ganz bei der Sache, hielt eine Zange in der Hand und versuchte eine Mutter zu lösen, die Zungenspitze zwischen die Lippen gepresst. Elisabeth mochte dieses Bild, weil es sie an den zehnjährigen Jungen von damals in der Grundschule erinnerte, als die Lehrerin jeweils Mädchen und Jungen nebeneinander setzte in der Hoffnung, dass weniger geschwätzt würde. So hatte plötzlich Robert neben ihr gesessen, und am ersten Tag ihrer Banknachbarschaft hatten ihr seine Fingernägel imponiert, so schwarz wie die Haare, und die Lässigkeit, mit der er sich meldete und etwas sagte, das die Lehrerin mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte und die Mitschüler zum Lachen brachte. Ab dem zweiten Tag war sie fasziniert gewesen von der Zungenspitze zwischen seinen Lippen, wenn er mit dem Füller ungelenk über das Papier kratzte. Elisabeth lächelte, während sie auf die grüne Taste drückte. »Ja, Robert?«

»Ich hatte einen Unfall.« Die Worte gaben ihr einen heißen Stromstoß in den Magen.

»Ist dir was passiert?«

»Nein, nein, keine Sorge, ich bin in Ordnung, aber der Wagen musste abgeschleppt werden. Sag, kannst du mich abholen?«

Eine halbe Stunde später zwängte Robert sich auf den Beifahrersitz. Er war eins zweiundneunzig und weigerte sich normalerweise, mit dem Seat zu fahren. »Das ist kein Auto, das ist eine Zumutung«, sagte er. Elisabeth grinste. »Aber eine kleinere Zumutung, als den Bus zu nehmen, offensichtlich.«

Robert ging nicht auf den Scherz ein. »Ich muss noch dringend zu einem Kunden heute. Hast du Zeit, mich hinzufahren? Es ist nur eine halbe Stunde entfernt.« Er zerrte an dem Anschnallgurt. »Herrgott, ist das primitiv. Darf dieses Teil überhaupt auf die Autobahn?«

Elisabeth nahm die Hände vom Lenkrad und musterte Robert. Es war ja in Ordnung, dass er nach seinem Unfall schlechte Laune hatte, aber jetzt war es nicht angeraten, ihn als Beifahrer neben sich zu haben, erst recht nicht als Beifahrer in ihrem Auto. Sie schnallte sich ab und stieg aus. »Weißt du was? Fahr du lieber.«

»Wieso das denn?«

»Oder hast du einen Schock?«

»Unsinn!«

»Was ist überhaupt passiert?«, fragte sie, als Robert auf die Autobahn auffuhr. Sie wünschte, er würde sanfter mit der Kupplung umgehen. Er winkte ab. »Es gibt so viele Denkmaschinen auf den Straßen, die nicht wissen, wie breit ihr Auto ist.«

»Also der andere ist schuld?«

Robert blinzelte. Es hatte begonnen zu regnen, an der Frontscheibe perlten Tropfen hinunter. »Ich sehe bald nichts mehr!«

Elisabeth griff zum Scheibenwischer-Hebel. »Er hat keine Scheibenwischer-Automatik, du musst ihn anmachen, hier. Ist dem anderen was passiert?«

»Totalschaden.«

»Ich meine nicht das Auto, sondern den Fahrer.«

Robert schüttelte den Kopf, während er die Kupplung trat und den Schaltknüppel bearbeitete. »Was tust du?«, fragte sie.

»Ich kriege den fünften Gang nicht rein.«

»Er hat keinen.«

Robert stöhnte auf. »Natürlich nicht. Wozu auch, schneller als Hundert kann der sowieso nicht.«

»Und ob er schneller kann! Höchstgeschwindigkeit Hundertdreiunddreißig.«

»Hundertdreiunddreißig?« Robert warf ihr einen spöttischen Seitenblick zu. »Woher weißt du das denn so genau? Schon mal so schnell gefahren?«

»Steht im Fahrzeugschein.«

Robert trat aufs Gaspedal. »Na, dann lassen wir die Kiste mal zeigen, was sie draufhat.« Er bemerkte ihr durchgedrücktes rechtes Bein. »Hör auf damit, da ist kein Bremspedal.«

»Dann hör du auf, so zu drängeln!«, rief Elisabeth. »Warum kommt es einem eigentlich immer so vor, als würdest du schneller fahren als das Auto vor dir? Außerdem ist hier eine Baustelle, oder willst du noch einen …« Sie brach ab, aber zu spät, das unausgesprochene Satzende hing schon in der Luft: »Ach, du denkst also, es war meine Schuld?«, regte er sich prompt auf, drosselte aber etwas das Tempo. Das Auto hinter ihnen gab ihnen die Lichthupe. Robert sah in den Rückspiegel, eine Hand schon schwebend, legte sie aber wieder ans Steuer, als er erkannte, dass es ein Polizeiwagen war.

Er fluchte, blinkte und wechselte auf die rechte Spur, ging noch mehr vom Gas. Der Wagen überholte, scherte unmittelbar vor ihnen wieder ein, und in roter, großer Leuchtschrift strahlte ihnen »Bitte folgen« vom Heck des Polizeiautos entgegen.

»Wenn die Leiden kommen, so kommen sie wie einzelne Späher nicht«, murmelte Robert.

»Was musst du auch so …«, Elisabeth vollendete den Satz nicht, biss sich auf die Lippe. Robert tat, als habe er nichts gehört. Die Baustelle war vorüber, der Polizeiwagen wurde schneller. Robert drückte heftig aufs Gaspedal, um nicht den Anschluss zu verlieren. Der kleine Seat beschleunigte, wenn auch langsamer als der Polizeiwagen. »Warum fährt der denn so schnell?«, überschrie Elisabeth den aufdröhnenden Motor. »Da kommt man ja kaum hinterher!«

Robert antwortete nicht, er sah konzentriert nach vorn, den Fuß bis zum Anschlag aufs Gaspedal gedrückt, die Zungenspitze zwischen die Lippen gepresst.

»Sei doch vernünftig, Robert, wenn die unbedingt so rasen müssen, lass sie! Selbst schuld, wenn sie uns verlieren!«

»Die fahren ganz normal! Können doch nicht damit rechnen, dass wir bergauf nicht mal Hundert schaffen!«

»Erstens fahren die mindestens Hundertvierzig, zweitens könnten die ruhig mal in den Rückspiegel schauen, ob wir noch hinterherkommen!«

Robert schaltete in den dritten Gang zurück und trat das Gaspedal wieder bis unten durch. Das Aufheulen des gequälten Motors und das Vibrieren des Innenraums waren jetzt ohrenbetäubend.

»Lass sie doch ziehen!«, brüllte Elisabeth, während sie beide auf den immer kleiner werdenden Polizeiwagen schauten, bis der schließlich den höchsten Punkt erreicht hatte und hinter der Anhöhe aus dem Blickfeld verschwand. »Die wollen doch was von uns, und nicht umgekehrt, oder?«

Robert gab keine Antwort und fixierte mit zusammengekniffenen Augen den leeren Scheitelpunkt, als warte dahinter der Goldtopf am Ende des Regenbogens.

Elisabeth atmete auf, als sie selbst schließlich den höchsten Punkt erreicht hatten und der Polizeiwagen wieder sichtbar wurde. Nun hatten sie das Gefälle auf ihrer Seite und holten auf. Sie versuchte nicht mehr, Robert zum Aufgeben zu überreden. Er war schlicht und einfach zu pflichtbewusst. So ließ er den Fuß unbeirrt auf dem Gaspedal, rang dem Seat noch eine quälende, laute Viertelstunde Verfolgungsjagd ab, bis der Polizeiwagen endlich blinkte und abfuhr. Sie kamen vor einer Autobahnpolizeistation zum Halten. Robert öffnete das Fenster, während die beiden Polizisten aus dem Wagen stiegen und sich dem Seat näherten. Auch Elisabeth ließ ihr Fenster hinunter und atmete zum ersten Mal seit Beginn der Verfolgung wieder richtig durch. Was immer sie ihnen vorwerfen würden, die kühle Luft tat gut. Sie lockerte ihr rechtes Bein, das vom vielen Bremsen schmerzte.

»Ist etwas?«, fragte einer der beiden Polizisten.

Robert starrte ihn sekundenlang an.

»Sie sind uns gefolgt«, stellte der andere Polizist fest, als wäre es ihre Idee und nicht seine gewesen.

Robert deutete nach vorn zum Heck des Polizeiwagens, wo immer noch »Bitte folgen« aufleuchtete. Die Polizisten sahen zu ihrem Wagen und tauschten einen Blick aus. Der Ältere hatte sich schnell wieder im Griff, räusperte sich mit professionell-freundlichem Lächeln. »Oh, das war ganz offenbar ein Missverständnis. Da hat uns die Elektrik wohl einen Streich gespielt.«

»Muss dringend in die Werkstatt«, setzte der Jüngere hinzu, zuckte die Schultern und hob die Handflächen zum Himmel, wie ein Fußballer kurz nach dem Foul. Die Polizisten wechselten noch ein paar Worte, mehr über sie hinweg als mit ihnen, über die Tücken der Technik im Allgemeinen und die ihres Wagens im Besonderen, und wünschten eine gute Weiterfahrt.

»Da hat uns die Elektrik wohl einen Streich gespielt«, äffte Robert den Polizisten nach, als sie weiterfuhren. »Nur nicht zugeben, dass sie einfach vergessen hatten, es auszuschalten. Ich wette, sie erzählen gleich ihren Kollegen von dem bekloppten Paar, das ihnen schwitzend in diesem Witz von einem Auto kilometerweit über die Autobahn hinterhergerast ist, und alle lachen sich tot. Dabei sind sie es, die den Fehler gemacht haben.«

»Genau.« Sie musste lachen. »Andere werden von der Polizei gejagt, wir drehen den Spieß einfach um.«

»Wir haben überhaupt nichts falsch gemacht.«

»Nein, im Gegenteil, ich finde, wir haben einen Orden verdient. Oder mindestens einen Minuspunkt in Flensburg.«

Endlich musste auch er lachen, so laut und ansteckend, wie sie es liebte.

Kapitel 4

Sie genoss es, in ihrem grünen Kittel Teil des Krankenhausbetriebs zu sein. Robert mochte Krankenhäuser nicht, er hatte selbst als Besucher eine tief verwurzelte Abneigung gegen sie, wie Menschen sie gehabt haben mochten zu Zeiten der Pest. Ein Ort, an dem der Tod lauerte, den man tunlichst mied aus Angst vor schrecklichen Krankheiten und schmerzvollen Behandlungen und an den man nur ging, wenn man schon halb tot und nicht mehr Herr seiner Sinne war. Elisabeth aber mochte das Gefühl, in diesen Kosmos einzutreten. Sie hatte Krankenhäuser immer gemocht, schon als Kind hatte diese Welt sie fasziniert, die aus Patienten einerseits und den vielen Menschen andererseits bestand, die dort ihren unterschiedlichen Berufen nachgingen. Alles griff ineinander, und es tat gut, Teil dieses Ganzen zu sein, ohne berufliche Qualifikation, ohne Krankheit, nur für ein paar Stunden in der Woche, in ihrem grünen Kittel, im Zwischenreich der Ehrenamtlichen. Die Einrichtung der Grünen Damen war die private Nische der freundlichen Zuwendung, unbelastet vom Effizienzdruck des Krankenhausbetriebs. Ehrenamtliche Kraft zu sein hatte zwei große Vorteile: Die bezahlten Kräfte, ob Ärzte, Pfleger oder Kantinenfrauen, waren freundlich zu den Ehrenamtlichen, sei es, dass sie ihnen per se Nettigkeit unterstellten, ihre Dienste nützlich fanden für das Klima des Hauses oder einfach der Direktive der Krankenhausleitung folgten. Gleichzeitig bewegten sich die Grünen Damen außerhalb der Hierarchie. Dass sie eigentlich nichts anderes konnten als zuzuhören, bedeutete auch, dass sie sich nichts sagen lassen mussten.

Robert akzeptierte das, was sie tat, weil er ihr Bedürfnis nachvollziehen konnte, unter Menschen zu kommen. Sie hatte sich jahrelang nie beschwert, den Papierkram für ihn zu machen. Sie ergänzten sich gut, er draußen, sie drinnen. Aber es war etwas, das sie zwar konnte – jeder dressierte Affe könnte es, dachte sie oft –, das ihr aber nur wenig Freude machte. Sicher, Arbeit musste nicht immer Spaß machen, Robert beschwerte sich auch oft über lange, öde Fahrten zu einzelnen Kunden und lange, ebenso öde Gespräche. Aber er kam wenigstens raus, sah etwas von der Welt, auch wenn es nur eine verregnete Autobahn war, und sah andere Büros, trank aus anderen Tassen Kaffee. Sie kam gar nicht raus, es sei denn zum Einkaufen, und hatte keine Kollegen, es sei denn, man zählte Robert mit. Aber der eigene Mann gab kein gutes Kollegenmaterial ab, zumal er auch meist nicht da und genau genommen auch nicht ihr Kollege, sondern eher ihr Chef war und sie seine inoffizielle Mitarbeiterin. Er seinerseits bezeichnete sie zwar als seine Chefin und sich als ihren Laufburschen, aber das war natürlich Unsinn. Er war es, der das Geld auf sein Konto bekam, und sie war es, die ihre Einkäufe mit der Partner-EC-Karte bezahlte. Weil sie ihm den ganzen Bürokram abnahm, schaffte er mehr als die anderen Vertreter, die auf sich allein gestellt waren. Zu Beginn hatte ihnen beiden das Arrangement Spaß gemacht, es war ihnen wie eine Verschwörung vorgekommen, ein Komplott des Ehepaars Müller gegen – ja, wogegen eigentlich?

»Du bist der Trumpf auf meiner Seite, mein As im Ärmel«, hatte er zu ihr gesagt, als sie damit anfing, Ordnung in seine Sachen zu bringen und einen Kurs in Buchhaltung zu belegen, und so hatten sie beide es gesehen. Aber niemand kann ewig Trumpf sein, und ein ständig aus dem Ärmel gezogenes As wird irgendwann zur stinknormalen Spielkarte. Das Spiel hatte seinen Reiz verloren, jetzt, nach zehn Jahren. Sie war es leid, immer nur zu Hause zu sein und noch nicht einmal zwischen Haus und Arbeitsstelle pendeln zu können.

»Sei doch froh«, sagte Robert immer. »Millionen von Pendlern verlieren jeden Tag kostbare Lebenszeit auf dem Weg zur Arbeit.« Das mochte stimmen. Sie musste nicht zur Arbeit fahren, die Arbeit war schon da. Allerdings hatte sie dadurch auch nie das Gefühl, Feierabend zu haben.

Robert beschwerte sich oft, sie könne sich nie richtig entspannen und mache ihn nervös. Ja, wie auch, wenn die Arbeit immer wartete? Das Büro, der Haushalt, der Garten? Die tausend Dinge, die darauf warteten, dass sie sich um sie kümmerte? Die Töpfe, die Spül-, Wasch- und Kaffeemaschine, die Putzeimer, der Anrufbeantworter, die Rechnungen und E-Mails? Und stets in der schönen, aber immer gleichen Umgebung ihres Hauses, mit den schönen, aber immer gleichen Ausblicken aus all den stillen Fenstern.

Seit die Zwillinge aus dem Haus waren, war es eine zu stumme, zu ereignislose und gleichzeitig ihre Energie aussaugende Umgebung geworden, und es war vorgekommen, dass sie ein, zwei Stunden vor dem PC gesessen und nichts weiter getan hatte, als eine Online-Versteigerung für einen Thermomix zu verfolgen.

An einem anderen Morgen hatte sie sich – spaßeshalber, wie sie sich selber sagte – auf einer Partnerschaftsseite eingeloggt, natürlich mit einem frei erfundenen, aufregenden Profil. Einen ganzen Vormittag lang hatte sie fasziniert die ebenso aufregenden Profile anderer Leute gelesen, bis sie von ihrem frei erfundenen Profil auf die Profile der anderen schloss und ihre Fantasie ihr zu den spannenden Profilen die entsprechend langweiligen Bilder lieferte.

Kurioserweise brachte die Arbeit im Krankenhaus ihr neue Energie. Es machte ihr Freude, einmal in der Woche in dem Bewusstsein morgens aus dem Haus zu gehen, etwas Nützliches zu tun. Gebraucht zu werden, das war ein zu großes Wort. Nein, niemand dort brauchte sie wirklich. Die fest angestellten Kräfte waren unverzichtbar, sie wurden gebraucht. Die Grünen Damen dagegen waren, dachte Elisabeth oft, eher so etwas wie der Sahneklecks in der Kürbissuppe. Ohne ihn fehlte nichts, aber man freute sich doch darüber. Es waren gute Tage im Krankenhaus, wenn sie Bücher und Spiele verlieh, im Kiosk die Tageszeitung, Rätselhefte, Bonbons oder Schokolade besorgte und ein Ohr für die Patienten hatte. Sie fühlte sich gut, weil sie ein bisschen helfen konnte, durch Zuhören, kleine Botengänge, Zeit und ein Lächeln. Wenn sie hier das Frühstück anreichte, dort einen Extrakaffee ans Bett brachte, im nächsten Zimmer mithalf, ein verlorenes Hörgerät zu suchen, oder auch mal ihr Handy verlieh für ein Gespräch mit den Angehörigen. Ihr genügte die Vorstellung, der Sahneklecks des Krankenhausmorgens zu sein, sei es auch nur für einen einzigen Menschen, der sich nach ihrem Besuch ein bisschen besser fühlte als vorher. Und dass dieser Mensch nicht Robert war. Denn für ihn war sie nicht mehr Trumpf, nicht mehr sein As im Ärmel, das Plus im Leben wie im Beruf. Sie war einfach da, er war da, es war schön so, aber es tat auch gut, einmal in der Woche einen Vormittag lang in eine andere Welt einzutauchen, die nichts weiter von ihr forderte als das, wonach sie sich sehnte: Gesellschaft.

Elisabeth schloss das Umkleidezimmer ab und dachte an die Patienten, die sie in der letzten Woche besucht hatte. Nur selten sah sie jemanden in der Woche darauf wieder. So bald wie möglich wurden die Patienten nach Hause entlassen und hartnäckige Fälle zur Reha überstellt. Hier wurde behandelt, nicht gesund gepflegt. Vorbei die Zeit, in der die heilenden Kräfte der Natur eingeladen wurden, ihren Beitrag zur Gesundung zu leisten, unterstützt durch aufmerksame Pflege. Früher mochten die Ärzte eher Götter in Weiß gewesen sein, selbstherrlicher. Doch dafür fehlte heute die Bescheidenheit, mit der die Mediziner früherer Generationen die Verantwortung für die Heilung auch dem lieben Gott zugesprochen hatten, der für sein Wirken Zeit, gute Pflege und menschliche Zuwendung brauchte. Das Krankenhaus war ein Hocheffizienzbetrieb geworden, es half heute viel mehr Menschen in viel kürzerer Zeit mit besseren Methoden, machte vieles möglich, woran man früher nicht einmal im Traum gedacht hätte. Nur gestorben wurde immer noch. Im Untergeschoss, auf halbem Weg zu den Wäschekammern und dem Labor, schräg gegenüber dem Umkleideraum der Grünen Damen, blieb Elisabeths Blick auf dem Weg nach oben an dem kleinen weißen Schild an einer der Türen hängen: Raum der Verabschiedung. Auf dem Flur davor waren die tuchbespannten, metallenen Rollwagen mit der dreckigen Wäsche abgestellt.

Elisabeth hatte sich in dieser Woche oft gefragt, ob die Frau von Herrn Grün schon gestorben sei, und wenn ja, ob er es geschafft habe, dabei zu sein und ihre Hand zu halten. Man wusste nie genau, wann es so weit war, auch wenn es Anzeichen gab. Die spitze Nase, der rasselnde Atem, die gelbe Haut. Ein Häufchen Elend, bei dem jeder wusste, dass es nicht mehr lange dauern konnte. Aber wie lang genau? Und es hieß ja, dass Sterbende oft genau dann den letzten Atemzug taten, wenn die Angehörigen nicht da waren. Sie beschloss, als Erstes das Zimmer von Frau Grün zu besuchen, noch bevor sie sich bei der Schwester melden würde, um zu fragen, wer Hilfe beim Frühstück benötige. Elisabeth schaute zuerst auf die Lämpchen über der Tür. Keines leuchtete. Kein Pfleger, kein Arzt war im Zimmer. Sie klopfte an, langsam trat sie ein, schloss die Tür wieder.

Frau Grün lag ruhig in ihrem Bett, die Augen geschlossen. Elisabeth näherte sich vorsichtig. »Frau Grün?« Sie lauschte. Es war still im Zimmer, nur vom Flur kamen die üblichen Geräusche. Sie überlegte gerade, ob sie einen Finger befeuchten und der alten Frau vor den Mund halten sollte, um ihren Atem zu spüren, da hörte sie ein Geräusch. Ein Lebenszeichen, Gott sei Dank. Elisabeth trat noch einen Schritt näher, hielt den Atem an und studierte das Gesicht der alten Frau.

Sie musste daran denken, was Herr Grün von seiner Lenya erzählt hatte, wie ihre blonden Haare im Zug nach Amsterdam im Fahrtwind getanzt hatten und wie begeistert er ihr Gesicht beschrieben hatte. So frisch war das alles in seiner Erinnerung, obwohl so viel Zeit, so viel Leben seitdem vergangen war.

Sie zog sich einen Stuhl heran. Ihr Blick wanderte vom Gesicht der alten Frau zu ihren Händen, die schlaff und mit dunkelblauen Flecken übersät waren. Sie überlegte, ob sie ihre Hand halten sollte. Früher, hatte Schwester Engelmara, eine der wenigen noch verbliebenen Ordensschwestern, ihr einmal gesagt, sei es üblich gewesen, dass immer jemand bei den Sterbenden wache. Irgendwie hatte man das möglich gemacht, auch wenn viel zu tun war. Jemand hatte, wenn keine Angehörigen bei ihnen waren, am Bett gesessen, vielleicht die Hand gehalten, die Stirn gekühlt. Heute war der Tod eine unwillkommene Störung des Medizinbetriebs, und ein orangerotes Lämpchen außen an der Zimmertür war Würdigung oder Warnung, je nachdem.

Elisabeth schaute auf ihre Armbanduhr und beschloss zu bleiben, bis Herr Grün käme. Zögernd griff sie nach Frau Grüns Hand und war beruhigt. Sie war schlaff, aber warm. Da war auch wieder das Atmen. Elisabeth beobachtete Frau Grün dabei, und plötzlich fiel ihr das herabhängende Kinn auf. War das eben schon so gewesen? Warum war ihr das nicht aufgefallen? Elisabeth hielt die Luft an, beobachtete weiter Frau Grüns Gesicht, und da dämmerte ihr, dass das, was sie für Atmen gehalten hatte, nur die Matratze gewesen war. Mit sanftem Brummen holte sie sich von Zeit zu Zeit neue Luft, Hightech gegen das Durchliegen.

»Lenya?«, flüsterte Elisabeth. Keine Reaktion. Sie streckte die Hand aus, wollte über die eingefallene Wange der Todkranken streichen, in der Hoffnung, vielleicht noch einmal das unbewusste Lächeln zu provozieren, hielt aber in der Bewegung inne. Warum sind die Ohrläppchen so rot, dachte sie, weigerte sich aber, an die Antwort zu denken – und tat es doch: Wenn das Herz aufhört zu pumpen, folgt das Blut der Schwerkraft und sammelt sich an den tiefsten Stellen. Sie lief hinaus, hielt einen vorbeikommenden Pfleger am Ärmel fest.

»Entschuldigung, können Sie bitte einmal mitkommen und nach der Frau von Zimmer 11 schauen? Ich glaube, sie ist … sie lebt nicht mehr.« Der Pfleger sah sie überrascht an, dann folgte er ihr ins Zimmer. Er trat an Frau Grüns Bett, überprüfte die Pupillenreflexe, führte Frau Grüns rechten Arm hoch, legte ihn sanft wieder ab, schlug die Bettdecke zurück, fühlte den Puls, sah Elisabeth mit ernstem Gesicht an, nickte. Rasch deckte er Frau Grün wieder zu und ging hinaus, um einen Mediziner zu holen. Elisabeth folgte ihm.

Aber ihre Hand ist doch noch warm, dachte sie, ging ein paar Schritte weiter bis zur nächsten Türnische, stand nur da und starrte ins Leere. Ein Bett wurde über den Flur geschoben, hinter ihr parkte schon der große Metallwagen mit dem Mittagessen. Niemand außer ihr und dem Pfleger wusste, dass hier gerade ein Mensch gestorben war. Und wenn doch, es hätte nichts geändert. Kein Rad stand still, weil da direkt nebenan ein ganzes Universum aufgehört hatte zu existieren, eine Unendlichkeit an Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Wissen und Erfahrung für immer verloschen war. Nur Elisabeth stand still, unfähig, etwas anderes zu denken, als dass sie, die sie gefunden hatte, es der Verstorbenen irgendwie schuldig war, nicht sofort weiterzumachen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?« Eine Krankenschwester stand vor ihr, sah sie prüfend an. Elisabeth nickte schnell, wandte sich um und klopfte an die nächste Tür.

Kapitel 5

Tessa trank ihre warme Milch in einem Zug aus und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Ah, das tat gut! Erste Hilfe, bis das Essen kommt. Habe seit dem Frühstück nichts mehr im Magen.«

Elisabeth bezweifelte, dass das stimmte. Tessa mochte das Durchhaltevermögen eines Marathonläufers haben, aber niemand schaffte einen Arbeitstag, wie sie ihn zu bewältigen hatte, ohne zwischenzeitliche Energiezufuhr. »Warum, machst du Diät?«

Tessa lächelte über den Scherz. Sie war noch genauso schlank und sportlich wie vor zehn Jahren, als Elisabeth sie kennengelernt hatte. »Ich hab’s schlicht vergessen. Als ich heute Morgen in die Praxis kam, war das Wartezimmer schon brechend voll. Und das mit brechend darfst du ruhig wörtlich nehmen.« Sie machte eine unappetitliche Geste. »Magen-Darm-Party plus all die älteren Herrschaften, die nach dem langen Wochenende eigentlich nur zum Plaudern in die Praxis kommen. Man müsste drei Wartezimmer haben. Eins für die Ansteckenden, eins für die anderen Patienten und eins für die Plaudertaschen.«

Elisabeth lachte. »Da wüsstest du gleich, wen du als Letztes aufrufen kannst.«

»Von wegen«, Tessa schüttelte den Kopf. »Da kennst du meine Stammkunden schlecht. Gerade die, die nur einen Schnupfen haben oder Fragen zu ihren Medikamenten, achten penibelst darauf, wann sie drankommen, und beschweren sich auf der Stelle, wenn der leichenblasse junge Mann, der sich gleich hinter ihnen zur Tür hereinschleppte, vor ihnen aufgerufen wird. Weißt du, was eine Patientin zu mir sagte, als ich sie darauf hinwies, dass Notfälle vorgezogen werden und sie ja auch im Fall des Falles davon profitiere? ›Aber Frau Doktor, ich bitte Sie, der simuliert doch nur!‹«

Elisabeth lachte. »Frau Doktor, der Simulant von Zimmer 10 ist gestorben!«

»Jetzt übertreibt er aber!«, ergänzte Tessa müde lächelnd den Witz. Plötzlich sah man ihr den anstrengenden Tag an. »Das, was wirklich Energie frisst, sind diese negativen Leute. Du siehst sie an und denkst: eine nette alte Dame. Mit alterstypischen Gebrechen zwar, aber insgesamt hat sie wahrscheinlich noch etliche gute Jahre vor sich. Aber dann macht sie den Mund auf, und heraus kommen nur Klagen. Und immer geht es nur: ich, ich, ich. Sie sind wie kleine Kinder: totale Egozentriker. Mittelpunkt ihrer Welt, und sie brauchen Publikum. Auf den Spielplätzen klettern die Knirpse auf die Rutschen und brüllen: ›Guck mal, Mama!‹, bevor sie runterrutschen. In den Arztpraxen am Montagmorgen tun die alten Patienten genau dasselbe, und wir Ärzte ersetzen die Mama. Wir schauen hin, wo keiner mehr hinsieht, pusten und kleben Pflaster aufs Knie.«

So ging das noch eine ganze Weile, und Elisabeth hörte ruhig zu, als trüge sie ihren grünen Kittel, und ließ sich ihre Verwunderung nicht anmerken. Es war sonst nicht Tessas Art, sich über ihre Arbeit zu beschweren. Dies war überhaupt das erste Mal in den Jahren ihrer Abende im Petit Paris, dass Tessa sich über irgendetwas beschwerte. Elisabeth hatte ihre Freundin bislang in eine andere Kategorie Mensch einsortiert als alle anderen, in eine Schublade mit dem Etikett »extrem viel Energie, schafft alles spielend, vielleicht ein Alien?«. Ein ausuferndes Etikett, passend zu Tessa, deren Lebenskraft für zwei zu reichen schien. Aber offensichtlich waren auch Tessas Reserven irgendwann einmal erschöpft. Ein warmes, bislang im Zusammenhang mit Tessa unbekanntes Gefühl stieg in Elisabeth auf. »Du arbeitest zu viel«, sagte sie mitfühlend. »Wann war dein letzter Urlaub?«

Tessa zuckte mit den Schultern. »Alex kann sich momentan unmöglich freinehmen.«

»Niemand ist unentbehrlich.«

»Er schon.«

»Dann hat er etwas falsch gemacht.«

»Du verstehst das nicht.« Es folgte ein kleiner Vortrag, der zwar aus Tessas Mund kam, jedoch ganz klar nur ein Durchlaufposten war, oft aus Alexanders Mund gehört und nun wortgetreu wiedergegeben, mit Begriffen wie »Leistungsträger«, »Personalverantwortung« und all den anderen Worthülsen aus dem Reich des gehobenen Managements, in dem Alexander sich so wohl fühlte, dass er es ungern verließ, und sei es für einen Urlaub mit seiner Freundin.

»Wenn Alexander so unentbehrlich ist«, unterbrach Elisabeth sie, »dann mach doch was allein. Wie wäre es mit einer Kur?«

Tessa starrte sie an. »Das heißt nicht mehr Kur, sondern Reha.«

»Wie auch immer. Du brauchst einen Tapetenwechsel.«