Maria Antas
Waschen, schneiden, föhnen
Eine Kulturgeschichte des Haars
Aus dem Finnlandschwedischen von Ursel Allenstein

Insel Verlag
ERSTER TEIL. HAARE UND GEDANKEN SIND SCHWER ZU BÄNDIGEN
VOR DEM BADEZIMMERSPIEGEL
Ein ruhiger und zweiflerischer Moment
ZWEITER TEIL. MEIN HAAR – EINE BIOGRAPHIE
MEIN HAAR
hat eine schöne Farbe, aber keinen Stand
MEIN HAAR
braucht fünfzehn Fläschchen Pflege
DRITTER TEIL. DIE HAARE DER ANDEREN – EINE INTERKONTINENTALE ANGELEGENHEIT
WAS IST VERKEHRT AN KRAUSEM HAAR?
Perücken, Läuse und Freiheitskampf
WAS IST VERKEHRT AN KURZEM HAAR?
Fotomodels, Wasserwesen und öffentliche Züchtigung
WAS IST VERKEHRT AN PLATTEM HAAR?
Fett, Puder und Rokokoperücken
WAS IST VERKEHRT AN UNBEDECKTEM HAAR?
Das Kopftuch, das die Frau festhält
VIERTER TEIL. unter der polierten oberfläche
HAARREBELLION
als Aufschrei oder Ironie
Auf Deutsch zitierte Quellen
Inspirationsquellen
HAARE UND GEDANKEN SIND SCHWER ZU BÄNDIGEN

Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel, ich sehe mich und sehe mich doch nicht. So ist es fast jeden Morgen, wenn ich mich frisiere und schminke. Mein Blick weiß ja schon, was ihn erwartet; er kennt meine Gesichtszüge in- und auswendig, kann sich stattdessen gedankenverloren nach innen richten, schwebt zwischen dem langsamen Müßiggang nach dem Aufstehen und der ebenso langsam erwachenden Lust auf den Arbeitstag.
Ich brauche mich nicht zu sehen, meine Hände bewegen sich wie von selbst. Greifen kleine Pinsel und Bürsten, runde Lippenstifte, verteilen eine Tagescreme, die vergrößerte Poren und rote Flecken kaschieren soll. Die Finger der einen Hand umschließen den Griff des Föhns und die der anderen den Griff einer Bürste. Das Haar soll gezähmt werden; ich beginne mit der linken Kopfhälfte, gehe dann zum Nacken über, wohl wissend, dass ich erst meinen Pony in Form blasen müsste, bevor er von selbst trocknet. Aber die automatisierten Bewegungen sind stärker als der bewusste Plan, der kurz in meinem Kopf aufblitzt und den mein Friseur dort verankert hat.
Das Licht über meinem Gesicht ist unvorteilhaft und außerdem unzureichend. Die Leuchtröhre über dem Badezimmerschrank steckt hinter einer Schutzhülle aus Plastik; die Wärme von innen hat sie gelb verfärbt, sie müsste ausgetauscht werden.
Am Ende noch Haarspray über das Haar und Puder aufs Gesicht.
Hier stehe ich, ohne mich selbst zu sehen und glaube trotzdem, ich würde mich für andere sichtbar machen. Ich hege und pflege mein Haar ganz so wie immer, doch plötzlich unterbreche ich mein Morgenritual. Wie fühlt sich mein Haar an den Fingerspitzen an? Kann ich mit meinen Verrichtungen nicht einen Moment innehalten und wahrnehmen, was da entsteht oder schon entstanden ist? Denn meine Föhnfrisur ist vergänglich, nur ich sehe sie im ursprünglichen Zustand. Sobald ich Föhn und Bürste wieder an ihren Platz lege, geht sie ihrer Verwandlung und ihrem Untergang entgegen. Ja, hier muss ich innehalten, muss die Bürste auf der Kopfhaut spüren, den wärmenden Föhn. Ich muss die Verwandlung sehen.
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Vor ein paar Jahren schrieb ich ein Buch über das Putzen, auch das eine automatische Verrichtung, die andere nicht wahrnehmen und die zugleich bestimmt ist von überlieferten oder erlernten Ritualen, die mit Erinnerungen verbunden sind. Meine putzenden Hände, die Hände im Haar, sind meine Verbindung zur Außenwelt. Und trotzdem bin ich viel zu oft automatisiert und blind gewesen. Meine Hand hält inne, ich sehe mir in die Augen und versuche die beunruhigenden Gedanken zu fassen, die zwischen den Neuronen in meinem Gehirn hervorschnellen. Ich weiß ja, warum ich die automatischen Bewegungen übernommen habe, ich habe die Augen verschließen wollen. Denn ich weiß: Ich versuche schon so lange, mein Haar zu etwas zu trimmen, was es nicht sein will, versuche, es voller aussehen zu lassen, als es ist. Meine Hand war nicht nett zu mir, ganz und gar nicht.
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Das Bedürfnis, Nähe zwischen uns und unserem Körper herzustellen, ist tief in uns verankert, selbst wenn wir dies dadurch bewerkstelligen, dass wir unbewusst Sachen anziehen, die eher bequem sind als sexy oder jeden Tag unser Haar bürsten, ohne uns dabei im Spiegel zu betrachten. Indem wir gedankenverloren und routiniert den eigenen Körper berühren, versetzen wir ihn in jeden neuen Tag und in eine ruhige oder qualvolle Nacht. Unsere Fingerspitzen besitzen mehr Tastrezeptoren als jeder andere Teil des Körpers. Außerdem haben die Nervenenden an den Fingerspitzen eine Qualität, die sich von anderen Sensoren unterscheidet, sie sind mit jenen Bereichen des Gehirns verbunden, die Hormone produzieren und mit Wohlbefinden und stillem Glück verbunden werden. Berühren wir unseren Körper, unsere Haare, rauschen die Gefühle mit uns davon, nicht wie in einem Drogenrausch, sondern eher gedämpft, so wie jetzt: im Schnitt zwischen Morgen und Tag oder zwischen Abend und Nacht, wenn wir unsere Gesichter waschen, unsere Haare kämmen und Ruhe vor dem Schlaf finden wollen.
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Es ist Morgen, und nach der alltäglichen Begegnung zwischen Fingern und Kopfhaut im Badezimmer wartet draußen eine große Welt der Begegnung mit vielen Menschen auf mich. Ich trete auf die Straße, komme an meinen Arbeitsplatz, muss mich mit meinem Körper in den nicht mehr privaten Raum einordnen. Schon auf dem Weg dorthin habe ich mich verändert. Die persönlichen Gefühle vor dem Badezimmerspiegel trage ich in meinem Inneren. Von außen beobachte ich mich selbst und passe auf, dass ich keine ungeschriebenen Gesetze breche – durch fettige Haare oder zu viele Schuppen auf meinen meist schwarzen Kleidern. Inzwischen bin ich nicht mehr eins und heil, sondern doppelt und gespalten.
Doch genau dort, im Spalt zwischen meinen beiden Ichs, erkenne ich eine Möglichkeit. Es ist an der Zeit. Ich stehe wieder auf. Ich will wissen, warum ich meinem Haar gegenüber immer so zögerlich war und solche Schwierigkeiten hatte, es zu respektieren. In diesem Spalt entsteht ein Durchzug. Ich sehe die anderen Menschen nur schemenhaft, Frisuren, Farbe und Form aber sehe ich deutlich. Wie bringt ihr zustande, was mir nicht gelingt?, möchte ich ihnen zurufen.
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Die alltäglichen Schönheitsrituale und -normen waren immer schon Gegenstand von Kritik und Hohn. Ich kann bestätigen, dass schon die alten Römer (vgl. Tacitus, ich weigere mich, seine Bemerkungen über die Haarmode zu zitieren, sie sind so verächtlich) diese Kunst beherrschten. Wer Make-up auflegt, ist im schlimmsten Fall ein Opfer von Gehirnwäsche. Zu den größten Mythen gehört, dass Feministinnen und lesbische Frauen per se kurzhaarig und ungeschminkt sind.
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Die Trends und Haarikonen der Geschichte wurden kanonisiert, es gibt selbstverständliche Fixpunkte für die endlose Diskussion über Schönheit, flüchtige Macht und oft auch Untergang. Die französische Königin Marie Antoinette und ihre Perücken etwa haben Kulturforscher, Regisseure und Schulbuchverfasser gleichermaßen fasziniert. Marilyn Monroes blondes Haar wurde seit den 1950er Jahren unaufhörlich von allen Seiten analysiert. Auch Coco Chanel wurde mit ihrem Pagenkopf zu einer Ikone. Beyoncé und ihre Haargebilde sind regelmäßig ein Thema in den Lifestyle-Magazinen. Und dann haben wir noch all die namenlosen Fotomodelle, deren einzige Aufgabe es ist, Ikonen ihrer selbst zu werden und die Vorstellung einer schönen Frau zu verkörpern; sie ballen sich zu einer anonymen Masse zusammen, verheddert in ihren langen Beinen und ihrem langem Haar, das zum Teil ihre Gesichter verdeckt, alle so skulptural und schön.
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Möge ich immer so gesund bleiben, dass ich meinen Körper weiter spüre, er ist meine Existenzgrundlage. Einige Male schon habe ich das Gefühl in meinem Körper verloren. Nicht im ganzen Körper, nur in einem Teil davon, eine Taubheit, die sich in meinem verrückten Alltag bemerkbar machte. Einmal verlor ich meinen linken Fuß. Er war noch da, ich konnte damit gehen und darauf stehen, doch ich spürte ihn nicht mehr. Jemand hätte mir zwei Zehen abhacken können, und ich hätte ruhig dabei zusehen können, wie das Blut herausströmt. Die Ursache der Gefühllosigkeit befand sich einen halben Meter weiter oben im Körper, im Rücken, der aufgrund eines angeborenen Defekts ein ziemlich unkontrollierbares Eigenleben führt und gern einmal Nerven einklemmt. Nach einer Operation bekam ich den Fuß zurück und pflege seither zu just diesem Körperteil ein besonders liebevolles Verhältnis.
Bei einer anderen Operation passierte hingegen das Umgekehrte. Ich wurde zum dritten Mal am Nacken operiert, und die schrecklichen Schmerzen verschwanden. Dafür bekam ich eine gefühllose Stelle an der rechten Schulter. Ein Nerv war geschädigt worden, und der Orthopäde konnte nichts anderes tun, als seinen Fehler zu bedauern. Natürlich kann ich ein glückliches Leben führen, auch ohne zu spüren, ob mir jemand ein Messer in den Fuß rammt oder meine rechte Schulter streichelt, aber es fühlt sich zweifellos seltsam an, wenn ich Bodylotion darauf verteile. Der Kontakt zwischen Hand und Schulter bricht plötzlich ab. Dabei würde ich so gern meinen ganzen Körper spüren.
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Als Frau mittleren Alters in einem hochentwickelten westlichen Land lebe ich in großer Freiheit – jedenfalls würde ich das gerne glauben. Trotzdem weiß ich: Die Körperfixierung ist größer denn je. Um Pflege und Gesundheit des Körpers ist eine Megaindustrie entstanden; die Tochter des Gründers von L’Oréal war eine der reichsten Frauen der Welt. Das eigene Gesicht und Haar zu berühren, ist ein Abenteuer, eine ständige Erinnerung daran, dass wir leben; in uns selbst ruhen, aber auch anderen gegenüber präsent und deshalb verletzlich sind. Muslimische Frauen provozieren mit ihrem Kopftuch, ihrem Tschador oder ihrer Burka unsere westlichen Vorstellungen von Recht und Freiheit. Ein weiterer Graben, in den man sich werfen kann, wurde ausgehoben: Frauen, die ihr Haar bedecken, stehen im Kreuzfeuer ständiger Debatten. Niemand soll sich verstecken, aber es soll auch niemand gezwungenermaßen von strengen Verboten betroffen sein. Dass wir alle füreinander sichtbar sein sollen, ist ein schöner Gedanke, der im schlimmsten Fall jedoch zu einer merkwürdigen Variante von kulturellem und religiösem Mobbing wird.
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Das Haar bewegt sich in einer spannenden Grauzone: Es ist ein Teil des Körpers und doch etwas vollkommen Eigenes, beinahe Fremdes. Es befindet sich immer auf dem Weg aus unserem Körper heraus, bis es uns eines Tages ganz verlässt. Jedes Haar stirbt nach seiner Blütezeit, es hat seinen vorgegebenen Lebenszyklus. Manchmal verlässt es uns aufgrund von dramatischen Ereignissen, die sich im Körper abspielen. Es ist ein Vorbote hormoneller Veränderungen, von Krankheiten, Trauer und Stress. Es schützt uns vor Hitze und Kälte, und wenn es fehlt, braucht die Kopfhaut einen anderen Schutz: Mützen, Tücher oder Perücken. Aber nicht immer hat man die Wahl. In Deutschland führte ein über siebzigjähriger Mann einen langen Kampf gegen seine Krankenversicherung, damit sie die Kosten für eine Perücke erstattete. Bedingt durch eine Krankheit war er kahlköpfig geworden, und die Kasse hatte drei Jahre lang die Rechnungen für seine Perücken übernommen. Anschließend war es mit der Unterstützung vorbei. Er klagte gegen die Kasse, doch die hielt dagegen: Genetisch bedingter Haarausfall sei unter Männern so verbreitet, dass man Kahlköpfigkeit nicht als Krankheit betrachten könne. Deshalb sei eine Kostenübernahme auf Dauer nicht vertretbar. Der Mann verlor den Prozess. Die Bedeutung des Haars, so stellte das Gericht fest, sei für Männer und Frauen unterschiedlich zu bewerten.
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Noch habe ich meine Haare, ich kann sie drehen und wenden, ich betrachte sie jeden Morgen, weitaus öfter aber mache ich mir darüber Gedanken. Ich trete mit meinem vergleichsweise dünnen Haar in die Welt hinaus und verliere den Seelenfrieden, den ich spürte, als ich noch vor dem Spiegel stand, allein.
Ich verstehe mich nicht auf mein Haar.
Ich hasse es nicht.
Ich weiß nur nicht, wie ich damit umgehen soll.
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Und wenn ich keine Haare hätte? Wenn ich mich voll und ganz dagegen entschieden hätte oder von einer Krankheit betroffen wäre, durch die mein Kopf für längere Zeit oder für immer nackt bliebe? Oder wenn es mir stellenweise ausfiele und ich kahle Flecken auf dem Kopf hätte, die ich dann so zu föhnen versuchen würde, dass sie die Kahlheit verbergen. Immerhin bin ich eine Frau mittleren Alters, und die hormonellen Veränderungen könnten meine Haarfollikel in einen Dämmerschlaf versetzen. Den Männern stellen sich diese ganzen Fragen schon früher, wenn sie sehen, wie die Geheimratsecken auf ihrem Kopf immer größer werden.
Eine Perücke als Ausweg? Seit ich die Fernsehserie über die zappelige Anwältin Ally McBeal gesehen habe, beschäftigt mich diese Frage ab und zu. Die Komik der Serie liegt in der Mischung aus kindlicher Selbstironie und Tragik: Keine der Anwältinnen hat ihre Träume und Gefühle im Griff, sie machen Fehler, und wenn sie die Kontrolle verlieren, verirren sie sich auch hin und wieder in ihren Phantasiewelten. Dasselbe passiert allerdings auch den Mandanten, sogar ständig, und deshalb kommen sie in diese Kanzlei, damit eine der Anwältinnen ihre verlorene Würde für sie zurückholt. Einer dieser Mandanten war ein kleiner, rundlicher Vertreter, dem man wegen seiner Frisur gekündigt hatte. Er erregte bei den Kunden zu viel Aufsehen. Seine Verkaufsergebnisse wurden immer schlechter. Und sein Haar: das hatte er, einer Tradition des schlechten Geschmacks folgend, so gekämmt, dass es die Glatze darunter verbarg. Doch er hatte nicht einfach nur eine Haarsträhne von der einen auf die andere Seite gelegt, sondern einzelne Strähnen so lang wachsen lassen, dass er sie wie eine Spirale auf seinem Kopf winden konnte, Runde für Runde. Und er war sehr stolz auf seine Frisur. Doch er musste einsehen, dass die nackte Wahrheit manchmal besser ist als eine aufgebauschte Lüge, und es sind seine Anwältinnen, die ihm den Job retten und die Freiheit eines neuen Lebens ermöglichen. Mit der Schere in der Hand wickelt die Blondeste von ihnen die Spirale auf, Runde für Runde. Am Ende ist es eine sehr lange Strähne, die die kaltblütigste Frau im Team hochhebt und abschneidet. Ihr Mandant wird wieder eingestellt und gewöhnt sich an seinen kahlen Schädel.
Ich habe selbst einmal auf ähnliche Weise Haare geschnitten. Über viele Jahre besuchte ich jeden Samstag eine alte Dame, deren Verwandte nichts mehr von ihr wissen wollten. Sie wurde eine Art Adoptiv-Oma für unsere Familie. Die Dame wohnte unter primitiven Verhältnissen im ausgebauten Dachstuhl eines alten Holzhauses. Ihr Leben war von festen Abläufen bestimmt, und meines dadurch zwischen meinem zehnten und gut und gerne fünfundzwanzigsten Lebensjahr ebenso. Jeden Samstag um zwei öffnete ich ihre Tür mit dem Schlüssel, der draußen im Briefkasten lag. Dann ging ich hinauf durch das Treppenhaus, wo es im Winter eiskalt war. In ihrem Zimmer saß sie und wartete auf mich. Zwischen eins und zwei hielt sie immer ihren Mittagschlaf, anschließend setzte sie sich in ihren Sessel, um wunderschöne, herrlich weiche Handschuhe zu stricken. Im Sessel ihr gegenüber saß ich. Wir waren nicht gut darin, uns zu unterhalten. Ich las ihre Wochenblättchen; alle Kriminalfälle, Fortsetzungsromane und Liebesgeschichten, die ich finden konnte. Es gab Limonade und Gebäck und abgelaufene Pralinen aus Brunbergs Schokoladenfabrik. Die Zeit verging langsam.
Sie hatte ein möbliertes Zimmer mit einem Küchenofen und einem Kühlschrank. In der Toilette gab es ein kleines, sehr tiefes und schmales Waschbecken aus Emaille, und aus dem Wasserhahn lief nur ein dünner Strahl kalten Wassers. Keine Dusche, kein warmes Wasser, noch nie. Irgendwann bemerkten wir, dass sie ein Bad brauchte, und sie kam zu uns, wo meine Mutter sie in die Badewanne steckte. Hin und wieder schnitt ich ihr die Haare. Und das Prozedere war so ähnlich wie bei Ally McBeal. Zweimal im Jahr ließ sie sich eine Dauerwelle machen, sodass ihr Haar an den Seiten bauschig wurde. Oben war es dünn, sehr dünn. Und zu einem bestimmten Zeitpunkt musste das Haar über den Ohren und im Nacken geschnitten werden. Und oben. Weil sie ihr Haar praktisch nie wusch, fühlte es sich klebrig an.
Jemandem die Haare zu schneiden, der kaum noch welche auf dem Kopf hat, ist schwierig. Und von Schweiß und Schmutz verklebte Haare zu schneiden, ist auch nicht leicht.
Das war in den Siebzigerjahren. Zu dieser Zeit waren Perücken sogar noch in Mode, doch weil die alte Dame ein sehr ärmliches und isoliertes Leben führte, kam dies für sie natürlich nie in Frage. Für andere Frauen wird der künstliche Haarhelm dagegen zur Rettung, im Alltag, besonders aber bei gesellschaftlichen Anlässen. Keine Arbeit mit Papilloten oder mit dem Toupieren: Perücke auf, und die Gäste konnten kommen. Ein einfacher Partytrick.
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Manchmal fühle ich auf der Straße einen Windhauch, der meine Frisur verweht und mich an mein seelisches Ungleichgewicht erinnert. Auch mein Haar muss um seine Würde kämpfen.
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Ich werde schreibend einen Zopf flechten, ein Teil davon, ganz innen, besteht aus meinen eigenen Haaren, den größten Teil aber werde ich mir von anderen Frauen und auch einigen Männern leihen. Schon immer wurde an Haaren gearbeitet und herumgepfuscht, weil die Träume von etwas Größerem, Glatterem, Glänzenderem oder Längerem als das, was der Spiegel zeigt, so groß waren. Jedenfalls für einige von uns. Verzweiflung und Hoffnung wechseln sich ab.
MEIN HAAR – EINE BIOGRAPHIE
