Cover

Inhaltsübersicht

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Copyright für diese Ausgabe © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

 

© La Palatine, 1966

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung Anzinger | Wüschner | Rasp, München

 

 

Impressum der zugrundeliegenden gedruckten Ausgabe:

 

 

ISBN Printausgabe 978-3-499-11148-8

ISBN E-Book 978-3-688-11109-1

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-688-11109-1

Fußnoten

Wir halten uns hier an die Gesellschaften von Warenproduzenten, für die nach Marx das Christentum «die entsprechendste Religionsform» ist. Wollten wir eine Geschichte aller Religionen schreiben, dann wäre es angebracht, wie Marx vorschlägt, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen die wirkliche Befangenheit der «Verhältnisse der Menschen innerhalb ihres materiellen Lebenserzeugungsprozesses, daher zueinander und zur Natur»[Karl Marx: ‹Das Kapital›, a.a.O., S. 93f.] sich ideell in den alten Natur- und Volksreligionen widerspiegelt.

Anmerkungen

Marxismus im 20. Jahrhundert

Wladimir I. Lenin: Vorwort zur russischen Ausgabe der Briefe von Karl Marx an Ludwig Kugelmann. In: Wladimir I. Lenin: ‹Sämtliche Werke›, Bd. X, Wien–Berlin 1930, S. 486.

a. a.O., S. 487.

a. a.O., S. 488.

a. a. O, S. 489.

Karl Marx: Briefe an Kugelmann vom 17.4.1871 in: Karl Marx, Friedrich Engels: ‹Werke› (MEW), Bd. 33, Berlin 1966, S. 209.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: ‹Phänomenologie des Geistes›. Jubiläumsausgabe. Hg. von Georg Lasson. Leipzig 1907, S. 129.

Vom Dogmatismus zum Denken des 20. Jahrhunderts

Friedrich Engels: ‹Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie›, in: MEW Bd. 21, Berlin 1962, S. 278.

Wladimir I. Lenin: ‹Materialismus und Empiriokritizismus›, in: Wladimir I. Lenin: ‹Sämtliche Werke›, Bd. XIII, Wien–Berlin 1927, S. 264.

Friedrich Engels: ‹Ergänzung der Vorbemerkung von 1870 zu, Der deutsche Bauernkrieg’›, in: MEW Bd. 18, Berlin 1962, S. 516.

Karl Marx: ‹Thesen über Feuerbach›,II, in: MEW Bd. 3, Berlin 1958, Bd. 5.

Karl Marx: ‹Die deutsche Ideologie›, in: MEW Bd. 3, Berlin 1959, S. 27.

Friedrich Engels: ‹Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft›, in: MEW Bd. 19, Berlin 1962, S. 207.

a. a.O., S. 194.

a. a.O., S. 189.

ebda.

a. a.O., S. 192.

a. a.O., S. 193f.

a. a.O., S. 194.

a. a.O., S. 200.

a. a.O., S. 201.

Vom Dogmatismus zum Denken des 20. Jahrhunderts

a. a.O., S. 208.

a. a.O., S. 209.

Karl Marx: ‹Die deutsche Ideologie›, in: MEW Bd. 3, Berlin 1958, S. 39.

a. a.O., S. 26.

a. a.O., S. 35.

Paul Ricœur: ‹De l’Interprétation›, Paris 1965, p. 159.

a. a.O., p. 505.

a. a.O., p. 510.

Ferdinand de Saussure: ‹Grundfragen der allgemeinen Sprachwissen-schaft›, Berlin–Leipzig 1931, S. 135.

Karl Marx: ‹Thesen über Feuerbach›,VI, in: MEW Bd. 3, Berlin 1958, S. 6.

Pierre Francastel: ‹La réalité figurative. Eléments structurels de sociologie de l’art›, Paris 1965. p. 18.

Der Marxismus und die Moral

Karl Marx: ‹Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie›. Einleitung. In: MEW Bd. 1, Berlin 1957, S. 385.

Jean-Paul Sartre: ‹Das Sein und das Nichts›, Reinbek 1962, S. 785.

a. a.O., S. 784.

Simone de Beauvoir: ‹Pour une morale de l’ambiguité›, Paris 1961, p. 223.

a. a.O., p. 222.

a. a.O., p. 184.

a. a.O., p. 167.

a. a.O., p. 158.

Jean-Paul Sartre: a.a.O., S. 548.

Der Marxismus und die Moral

Jean-Paul Sartre: ‹Kritik der dialektischen Vernunft›, Reinbek 1967, S. 84.

ders: ‹L’existentialisme est un humanisme›, Paris 1960, p. 83.

Simone de Beauvoir: a.a.O., S. 127.

a. a.O., S. 218.

Jean-Paul Sartre: ‹Das Sein und das Nichnts›, S. 522.

a. a.O., S. 523.

Simone de Beauvoir: a.a.O., S. 101.

Johann Gottlieb Fichte: ‹Das System der Sittenlehre nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre›, Hamburg 1963, S. 215.

a. a.O., S. 218.

a. a.O., S. 219.

a. a.O., S. 252.

ebda.

Der Marxismus und die Religion

Karl Marx: ‹Zur Kritik der Nationalökonomie – Ökonomisch-philosophische Manuskripte›, in: ‹Frühe Schriften›,1. Bd., hg. von H.J. Lieber und P. Furth, Darmstadt 1962, S. 607.

Karl Marx: ‹Vorrede zur Dissertation›, a.a.O., S. 21f.

Friedrich Engels: ‹Der deutsche Bauernkrieg›, in: MEW Bd. 7, Berlin 1960, S. 345.

a. a.O., S. 353.

a. a.O., S. 354.

Karl Marx: ‹Zur Judenfrage›, in: MEW Bd. 1, Berlin 1957, S. 348f.

a. a.O., S. 350.

a. a.O., S. 350f.

Der Marxismus und die Religion

s. Anm. 6.

a. a.O., S. 356.

a. a.O., S. 355.

ebda.

Karl Marx: ‹Das Kapitab›, in: MEW Bd. 23, Berlin 1962, S. 93.

Karl Marx: ‹Zur Judenfrage›, a.a.O., S. 357.

a. a.O., S. 352.

Karl Marx: ‹Zur Kritik der Hegelsdien Rechtsphilosophie›. Einleitung, a.a.O., S. 378.

Karl Marx: ‹Zur Judenfrage›, a.a.O., S. 358.

a. a.O., S. 370.

Friedrich Engels: ‹Zur Geschichte des Urchristentums›, in: MEWBd. 22, Berlin 1963, S. 451.

a. a.O., S. 459.

a. a.O., S. 460.

Louis Aragon: ‹De l’exactitude historique en poésie›.

ders.: ‹Le Fou d’Elsa›, Paris 1963, p. 355.

Karl Marx: ‹Das Kapital›, a.a.O., S. 94.

Wladimir I. Lenin: ‹Konspekt zur, Metaphysik’ des Aristoteles› (Philosophische Hefte), in: ‹Werke›, Bd. 38, Berlin 1964, S. 352f.

Henri Wallon: ‹De l’acte á la pensée, essai de psychologie comparé› Paris 1942, p. 106ff.

a. a.O., S. 115.

ebda.

Der Marxismus und die Religion

a. a.O., S. 120f.

Wladimir I. Lenin: ‹Zu Fragen der Dialektik› (Philosophische Hefte), a.a.O., S. 344.

Albert Einstein: ‹Mein Weltbild›, Frankfurt a.M. 1955, S. 15.

a. a.O., S. 16.

a. a.O., S. 17f.

ebda.

Karl Marx/Friedrich Engels: ‹Manifest der Kommunistischen Partei›, in: MEW Bd. 4, Berlin 1959, S. 482.

Karl Marx: ‹Zur Kritik der Nationalökonomie – Ökonomisdi-philosophische Manuskripte›, a.a.O., S. 605.

Karl Marx: ‹Thesen über Feuerbach›,III, a.a.O., S. 5.

Karl Marx/Friedrich Engels: ‹Die heilige Familie›, in: MEW Bd. 2, Berlin 1958, S. 98.

Karl Marx: ‹Zur Kritik der Nationalökonomie …›, a.a.O., S. 645.

Paul Ricœur: ‹De l’interprétation›, a.a.O., p. 159.

a. a.O., p. 505.

a. a.O., p. 510.

Justinus: ‹1. Apologie 6›, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 12: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten, 1. Bd., Kempten–München 1913, S. 16.

Dietrich Bonhoeffer: ‹Widerstand und Ergebung›, München 1952, S. 179.

a. a.O., S. 181f.

a. a.O., S. 241.

a. a.O., S. 242.

a. a.O., S. 182.

Der Marxismus und die Kunst

Gerardus van der Leeuw: ‹Der Mensch und die Religion›, Basel 1941, S 180.

Frau von Staël: ‹Über Deutschland›,2. Bd., Leipzig o.J., S. 158.

Por eso no me espero de regreso

No soy de los que vuelven de la luz.

Pablo Neruda

Marxismus im 20. Jahrhundert

Es ist oft schwieriger, Probleme zu stellen, als sie zu lösen.

Der schnellere Rhythmus in der Entwicklung der menschlichen Beziehungen, der Kenntnisse und der Macht des Menschen über die Natur im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts stellt uns vor völlig neue Probleme.

In apokalyptischen Zeiten gibt es keine Kunst des Denkens.

Deshalb muß man, wie Dietrich Bonhoeffer 1944 schrieb, «wagen, anfechtbare Dinge zu sagen, vorausgesetzt, daß sie lebenswichtige Fragen betreffen».

Diese Überlegung ist besonders wichtig für Marxisten, gerade weil der Marxismus nicht eine beliebige Philosophie unter anderen ist, sondern die Bewußt verdung der großen Bewegung unserer Geschichte, das prometheische Unterfangen, die Geschichte selber zu bestimmen und die Zukunft bewußt zu gestalten. Die Überzeugung, daß der Marxismus der Sinn unseres Jahrhunderts ist, legt jedem Marxisten eine persönliche Verantwortung auf.

Der Marxismus hat seine Fruchtbarkeit und seine schöpferische Wirksamkeit in manchem praktischen Bereich unter Beweis gestellt. Er hat das wirtschaftliche und soziale Leben riesiger Länder umgestaltet; er hat Millionen von Menschen, die seit Jahrtausenden geknechtet waren, den Zugang zur Bildung gebracht und ihnen ermöglicht, endlich menschenwürdige Lebensbedingungen zu erreichen. Wie konnte in der turbulenten Welt dieses 20. Jahrhunderts die marxistische Philosophie zwanzig Jahre lang in einen Dornröschenschlaf versinken?

Diese Philosophie hat mit großem Elan begonnen: Marx und Engels haben dem Menschen ein klares Bewußtsein seiner schöpferischen Fähigkeiten verliehen, der Arbeiterklasse das Programm zum Aufbau einer Gesellschaft der freien menschlichen Entfaltung gegeben und eine Methode entwickelt, die gleichzeitig eine Methode des Kampfes und eine wissenschaftliche Methode zur Errichtung dieser Gesellschaft ist.

Nachdem diese Lehre begonnen hatte, auf der ganzen Welt den Klassenkampf des Proletariats zu bestimmen und ein absolutes Vertrauen in den Sieg der Arbeiterbewegung zu vermitteln, begann um 1890 diese Denken und Handeln erneuernde Strömung ein erstes Mal – während der Periode der relativ friedlichen Entwicklung der kapitalistischen Welt – in einem von Positivismus und Wissenschaftsgläubigkeit angesteckten opportunistischen Dogmatismus zu erstarren.

Lenin gab dem Marxismus seinen revolutionären Elan zurück, erstens durch die Rückkehr zum Wesen des Marxismus, zu einer auf der Methodologie der historischen Initiative gründenden Weltanschauung, und zweitens durch eine wissenschaftliche Analyse der Wirklichkeit seiner Zeit; diese Analyse war deshalb eine wissenschaftliche, weil sie gerade nicht versuchte, die Ereignisse zu interpretieren, als seien sie die Verwirklichung eines 50 Jahre früher geschriebenen Szenariums, sondern weil sie deren Neuartigkeit zu begreifen trachtete.

Lenin wandte sich gegen alle Formen von Dogmatismus, die zu historischem Fatalismus, zu Ökonomismus, zu Spontaneität führen, und fand dadurch den wirklichen, lebendigen Geist marxistischen Denkens wieder. «Das Wesentliche der Marxschen Lehre ist, daß sie die universale historische Rolle des Proletariats als Schöpfer der sozialistischen Gesellschaft aufgezeigt hat», schrieb Lenin am Anfang seiner Studie über ‹Die historischen Bestimmungen der Lehre von Karl Marx›.

Allen Interpretationen des Marxismus, die unter dem Vorwand der Objektivität die «wissenschaftliche» Geschichte mit einer Geschichte verwechseln, in der die Zukunft schon feststeht und in der der Mensch fehlt, stellt Lenin die echte marxistische Auffassung von der historischen Initiative gegenüber.

In einem Vorwort, das er im Februar 1907 für die russische Ausgabe der Briefe von Marx an Kugelmann schrieb, kritisierte Lenin nach Erwähnung der Marxschen Illusionen über die Revolution von 1848 «die Pedanten des Marxismus, die meinen: all das ist ethisches Geschwätz, Romantik, Mangel an Realismus! Nein, ihr Herren», antwortete Lenin, «das ist die Verbindung von revolutionärer Theorie mit revolutionärer Politik», ohne die man, wie Plechanow und Kautsky, in eine Auffassung von «Objektivität» zurückfällt, die nichts anderes ist als die theoretische Rechtfertigung des Opportunismus. «Und der ist kein Marxist, der die nüchtern die objektive Lage konstatierende Theorie zur Rechtfertigung des Bestehenden verzerrt.»[1]

Lenin stellt hier die Position Plechanows, der nach der russischen Revolution vom Dezember 1905 sagte: «Man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen», Marx’ Haltung zur Pariser Kommune gegenüber.

Marx hatte im September 1870, ein halbes Jahr vor der Kommune, in seiner «Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation» die französischen Arbeiter vor den Illusionen eines im Geiste von 1792 auflebenden Nationalismus gewarnt und die Hoffnungslosigkeit des Aufstandes aufgezeigt. Aber als im März 1871 die Erhebung losbricht, versucht Marx nicht, sagt Lenin, «seinen Feinden, den die Kommune führenden Proudhonisten und Blanquisten, eins auszuwischen».[2] Er murrt nicht: ich habe es ja gesagt … man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen. «Nein. Am 12. April 1871 schreibt Marx einen enthusiastischen Brief an Kugelmann, einen Brief, den wir gerne an die Zimmerwand jedes russischen Sozialdemokraten, jedes russischen schriftkundigen Arbeiters heften würden. Und er singt den ‹heroischen›, von Proudhonisten und Blanquisten geführten Pariser Arbeitern ein wahres Hosianna: ‹Welche historische Initiative, welche Selbstaufopferung in diesen Parisern!›»[3] Lenin fügt hinzu: «Die historische Initiative der Massen stellt Marx über alles … Oh, wie hätten damals unsere heutigen ‹realistischen›, im Rußland 1906–1907 die revolutionäre Romantik verdonnernden Weisen den Marxisten Marx ausgelacht! Wie hätten sie sich über den Materialisten, den Ökonomisten, den Feind von Utopien, der vor einem ‹Versuch›, den Himmel zu stürmen, sich verneigt, lustig gemacht!»[4]

Marx studierte aufmerksam die technischen Fragen des Aufstandes. Anstatt, wie der Dogmatiker Plechanow, zu wiederholen, man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen, rät er zur Offensive: «Man hätte sofort nach Versailles marschieren sollen!» Und einige Tage später sagt er nur: «Das Zentral-Komitee gab seine Macht zu früh auf.»

Als ihm Kugelmann seine Zweifel auseinandersetzt, von einem hoffnungslosen Unterfangen spricht, der Romantik den Realismus entgegenstellt, antwortet Marx sogleich, am 17. April 1871: «Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf nur unter der Bedingung unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen würde.»[5]

Dieses klare Bewußtsein für das Wesentliche im Marxismus und das Neue in der Geschichte ermöglichte es Lenin, die Oktoberrevolution zu beginnen und Zu vollenden, die nicht nur für die Unterdrückten der ganzen Welt der Beginn der Hoffnung ist, sondern die auch für alle, die der Zukunft vertrauen, das größte geistige Ereignis am Anfang des 20. Jahrhunderts darstellt.

Lenins Revolution befruchtete das kulturelle Schaffen so sehr, daß eine Fülle hervorragender Werke eines ihrer Kennzeichen geworden ist. In den zwanziger Jahren entstanden die Gedichte Alexandr Bloks und Majakowskis, die Gemälde Kandinskys und Malewitschs, Gorkis und Alexej Tolstois Romane, Eisensteins Filme.

Wer in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen das Mannesalter erreichte und wer ein Gespür hatte für das Neue, für das im Entstehen Begriffene, der lebte in einer erregenden Welt: der Kampf und Sieg der Bolschewikí gegen den Ansturm von vierzehn Nationen, die großartigen Erfolge der Fünfjahrespläne, die in wenigen Jahren ein ökonomisch und technisch zurückgebliebenes Land in eine der ersten Weltmächte verwandelten, dann – angesichts der nationalsozialistischen Welle – dieses heroische Volk, das, während ganz Europa in Knechtschaft verharrte, allein standhaft blieb und in Stalingrad die Welt vor einer Rückkehr in ein Jahrtausend der Barbarei rettete. Schließlich der Wiederaufbau tausender zerstörter Städte und die ersten Heldentaten des in den Kosmos vorstoßenden Menschen.

Das sind die Tatsachen, die unser kritisches Urteil stützen.

Hinzu kommen außerdem alle durch dieses neue Leben geweckten Hoffnungen: der Spanienkrieg, der aus dem spanischen Volk den Vorläufer aller nationalen Widerstandsbewegungen gegen den Hitler-Faschismus machte, der hervorragende Platz, den die kommunistischen Parteien in dem Befreiungskampf gegen den Nazismus einnahmen, der «Lange Marsch» und die um die Jahrhundertmitte siegreiche chinesische Revolution und, am anderen Ende der Welt, Kuba, dessen revolutionäre Romantik den Marxismus-Leninismus beflügelte.

Auf der anderen Seite fiel eine Welt in Agonie: der Krieg von 1914 bis 1918 hatte schon zahlreiche Werte in Frage gestellt; die Versailler Verträge schufen neue Kriegsherde; die Schändlichkeit des Kolonialismus erreichte zwischen den beiden Kriegen ihren Höhepunkt; die Krise von 1929 nahm die letzten Illusionen über ein Wirtschaftssystem, das in einer Welt aus Eisen die Herrschaft der Gesetze des Dschungels ermöglichte.

Diese totale Krise wurde letzten Endes nur durch den «totalen Krieg» übertroffen, für den Ludendorff das Konzept geliefert hatte und dessen vollendetster, aber nicht einziger Ausdruck der Hitlerismus war: die endgültige Aufgabe jeder Trennung von Zivilem und Militärischem hat in Guernica begonnen und in Hiroshima ihren Höhepunkt erreicht.

Nicht einmal in dieser typischsten, reichsten und mächtigsten Ausprägung, den Vereinigten Staaten von Amerika, ist es dem Kapitalismus gelungen, wenigstens einem einzigen Volk die Prosperität sichern zu können ohne eine Aufrüstungs- und Kriegspolitik, ohne die Ausbeutung ganzer Kontinente, wie zum Beispiel Südamerikas. Von der McCarthyschen Inquisition bis hin zu den Rassenpogromen in Los Angeles, von Guatemala bis Vietnam ist es ihm nicht gelungen, zu beweisen, daß er eine Demokratie verwirklichen kann.

Wir kämpften gegen das absolut Böse. Wie hätten wir bezweifeln können, daß unsere Sache absolut gut war? Wir haben uns in dieser manichäischen Vision der Welt eingerichtet: auf der einen Seite stand alles Böse, und in diesem allgemeinen Verfall hielten wir es für unmöglich, daß aus einer verfaulenden Welt auch nur der geringste menschliche oder künstlerische Wert entstehen könnte; auf der anderen Seite fand sich alles Gute, ohne Unterschied und Schatten, und im Namen der Parteidisziplin lehnten wir jede kritische Differenzierung ab.

So haben wir, ohne daß er uns aufgezwungen wurde, den Stalinschen Dogmatismus mit Begeisterung aufgenommen.

Das Ganze war in zwanzig Seiten zusammengefaßt, die alle philosophische Weisheit enthalten sollten. Nach «Latein ohne Mühe» und «Griechisch-Lernen leichtgemacht» jetzt die Philosophie in drei Lektionen, verständlich für jedermann. Die Ontologie: die drei Prinzipien des Materialismus. Die Logik: die vier Gesetze der Dialektik. Die Geschichtsphilosophie: die fünf Phasen des Klassenkampfes.

Solange diese Auffassung herrscht, gibt es keine marxistische Philosophie, sondern eine Art Scholastik, die beansprucht, von der Biologie über die Agrikultur und die Chemie bis zur Ästhetik alle Fragen beantworten zu können, ohne deren Wesen zu kennen. Erfolge sind nicht dank, sondern trotz dieser Theologie erzielt worden: in der Physik hatte man die «Philosophen» zum Schweigen gebracht und Wissenschaftler arbeiten lassen, in der Technik waren die praktischen Erfordernisse glücklicherweise stark genug, um sich über die Bannflüche dieser Scholastik hinwegsetzen zu können, z.B. über das Anathem gegen die anfangs als «bürgerliche Wissenschaft» bezeichnete Kybernetik. Diese Auffassung von Dialektik und Philosophie im allgemeinen war der Forschung nicht förderlich, sondern hinderlich.

Der Aufbau des Sozialismus ist trotzdem nach den allgemeinen Vorstellungen Lenins erfolgt, und das politische Leben wurde nur teilweise durch diese falsche Theoretisierung gestört, denn die praktischen Anforderungen des Klassenkampfes und die nationalen Traditionen der europäischen Arbeiterbewegungen haben zu heroischen Kämpfen und scharfen Auseinandersetzungen geführt, die in den Grundfragen einen wirklichen Bruch mit dem dogmatischen Schema notwendig machten.

Lenin hatte z.B. gelehrt, daß die Aktion der Militanten weder einen Sinn noch eine Grundlage hätte, wenn die Einführung des Sozialismus schon durch eine äußere Notwendigkeit gesichert wäre: gegenüber den Theorien des «Ökonomismus» und der «Spontaneität» unterstrich er die Wichtigkeit des «subjektiven Moments», d.h. des Bewußtseins in der revolutionären Aktion.

In der französischen Kommunistischen Partei stellte der Kampf gegen den fatalistischen Dogmatismus eine Konstante im Werk von Maurice Thorez dar, der 1934 schrieb: «Der Untergang des Kapitalismus ist nicht unvermeidlich.» 1950: «Der Krieg ist nicht unvermeidlich.» Und 1956, in seinen Studien über die Verelendungstheorie, in denen er sich «gegen die Auffassung von der Existenz eines ehernen Gesetzes, eines auf der Arbeiterklasse lastenden Fatalismus» wandte: «Das Elend ist nicht unvermeidlich.» Das war es, was ihm die großen historischen Initiativen seines Lebens erlaubte wie die Volksfront und die «dem Christen entgegengestreckte Hand», die «Französische Front», deren Richtigkeit sich in der Résistance, in der Befreiung und in der Wiedergeburt Frankreichs erwies.

Dennoch konnte die Bewegung im wesentlichen nur auf Kosten eines enormen Verschleißes an Menschenleben ihren Weg gehen: das Verdrängen der fundamentalen kritischen und praktischen Inspiration, d.h. der Wissenschaftlichkeit des Marxismus zugunsten einer Weltanschauung und eines dogmatisch und theologisch gewordenen Wissens während eines Vierteljahrhunderts hat Millionen das Leben gekostet.

Die Inquisition ist die Tochter des Dogmatismus.

Sobald man die unteilbare wissenschaftliche und humanistische Position aufgibt, um sich in dem Mythos einer absoluten Wahrheit einzurichten, die transzendent ist für die Menschen, die sie erleben und täglich neu schaffen, entstehen unvermeidlich aus der Notwendigkeit, diese Wahrheit von oben her zu oktroyieren, autoritäre und mörderische Methoden.

Die Vergewaltigung der Demokratie in der Partei und im Staat entspringen zwangsläufig dieser theologischen Weltanschauung und einer solchen Auffassung der historischen Entwicklung und des menschlichen Denkens.

Die historischen Umstände haben lange Zeit das Bewußtwerden dieses entscheidenden Irrtums verzögert. Die Sowjetunion glich einem befestigten Lager. Die Dschungel- und Beuteregime, die die Hekatomben des Ersten Weltkrieges und die kolonialistische Vernichtung der Völker und Zivilisationen dreier Kontinente zu verantworten hatten, führten gegen sie einen militärischen, ökonomischen und ideologischen Krieg auf Leben und Tod.

Wir hatten keine Wahl: verteidigt man nicht leidenschaftlich die aus der Oktoberrevolution erwachsende Hoffnung, dann spielte man das Spiel der den Menschen zerstörenden Kräfte. Millionen von Menschen haben freudig und tapfer in diesem Kampf ihr Leben und ihre Freiheit gewagt. Keiner von ihnen kann das bereuen. «Wenn es noch einmal getan werden müßte, würde ich es noch einmal tun», sagte Péri. Jeder von uns, glaube ich, kann das behaupten: diejenigen unter uns, die den Maquis, die Gefängnisse und die Lager überlebt haben, wären – selbst bei voller Kenntnis der Bedingungen, unter denen der Sozialismus aufgebaut wurde – bereit, dieselbe Haltung demselben Feind gegenüber einzunehmen und ihm mit ebensoviel Entschiedenheit das Recht streitig zu machen, im Sozialismus eine Gewalt zu verurteilen, die im Widerspruch zu den Prinzipien des Sozialismus steht, während gerade diese Gewalt das innere Gesetz der Entwicklung des Kapitalismus ist.

Denen aber, die ihrem Antikommunismus eine geistige Motivation geben, stünde es besser an, über die reale Bedeutung einer einseitigen Geistigkeit nachzudenken, die angesichts der Massaker von Batista schweigt, über die Unterdrückung durch Fidel Castro aber Zeter und Mordio schreit, die die Christen durch entstellte Berichte über die «Kirchen des Schweigens» aufzuhetzen versucht, aber den Terror und die Folter der «allerchristlichsten» Regime von Salazar und Franco gutheißt oder verschweigt.

Wir wußten von alldem und mußten alldem entgegentreten. Die unerbittliche Logik des Kampfes verlangte die Identifizierung der notwendigen internationalen Solidarität mit der bedingungslosen, pauschalen Anerkennung dessen, was aus unserem Lager kam. Das hinderte uns schließlich, zwischen der für die Erwiderung der feindlichen Gewalt erforderlichen Gewalt und der blind auf unsere eigenen Männer und Ideen angewandten Gewalt zu unterscheiden. Dieselbe unerbittliche Logik führte uns dazu, den nötigen Klassen- und Parteigeist auf eine seiner Komponenten zu reduzieren: auf den Geist der Disziplin, der inhaltlos und zur Abstraktion wird, sobald man ihn von dem Geist der Initiative und der Kritik trennt. Die Wissenschaft war eine Angelegenheit der Disziplin geworden, anstatt daß die Disziplin Gegenstand der Wissenschaft war.

Was jetzt?

Der XX. Parteitag der KPdSU hat den Beginn eines tragischen, aber belebenden Prozesses der Bewußtwerdung gebracht.

Er hat einen neuen Aufbruch ermöglicht, indem er Bilanz zog über Erfolge, Errungenschaften und neue Perspektiven und indem er aufdeckte, unter welchen Bedingungen dies erreicht worden war.

Welche Fehler auch immer N.S. Chruschtschow begangen hat und trotz seiner Neigung, zu Irrtümern zurückzukehren, deren Ursprung und verheerende Folgen er aufgezeigt hatte – festzuhalten bleibt ein Verdienst, das nicht seinesgleichen hat: vor den Augen der gesamten Welt hat er grundsätzlich eine Konzeption und Methoden in Frage gestellt, die ein sozialistisches Regime dazu gebracht haben, sich selbst des einzigartigen Reichtums, den die persönliche historische Initiative von Millionen von Bürgern und Militanten darstellte, zu berauben, ihr Blut in Vergewaltigung der Regeln innerparteilicher und staatlicher Demokratie zu vergießen und sich der dogmatisierten Theorie als der Ideologie der Rechtfertigung dieses Verbrechens gegen den Sozialismus zu bedienen.

Angesichts dieser Enthüllungen und der Zukunftsperspektiven, die sich im gleichen Augenblick eröffneten, haben wir die dunkle Seite aus Hegels ‹Phänomenologie des Geistes› als eine an uns persönlich adressierte Botschaft verstanden: «Dies Bewußtsein hat nämlich nicht nur dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt.»[6]

Die Angst vor dem Tod bedeutet für eine Seele die Angst vor dem Verlust des Rechts auf Leben und Handeln. Warum sollen wir nicht zugeben, daß wir nach dem XX. Parteitag einen Augenblick lang begriffen hatten, was diese Lebensangst sein konnte? In den Gefängnissen und Lagern hatten wir so etwas nie verspürt.

Erst jenseits dieses «traumhaften Wendepunktes» sind wir zur Wiedereroberung unserer Überzeugungen aufgebrochen. Weder als Skeptiker noch als Enttäuschte. Wir waren entschlossen, nicht mehr nur zu glauben, sondern nur noch mit sehenden Augen zu glaüben. «Die Hammerschläge zerbrechen das Glas und schmieden das Eisen», schrieb Puschkin.

Weit davon entfernt, unsere Hoffnungen und Überzeugungen zu zerstören, hat die Erfahrung des XX. Parteitags der marxistischen Philosophie eine neue Blüte eröffnet.

Dieser neue Aufbruch ist allerdings nicht möglich, wenn man sich davor drückt, alle Wurzeln des Übels bloßzulegen, und wenn man auch vermeidet, die Schuld richtig zu verteilen, oder auf eine eingehende Analyse der Ursachen dieser früheren Blindheit verzichtet.

Ich selber empfinde seit zehn Jahren das unbedingte Bedürfnis, nicht nur meine theoretische, sondern auch praktische Verantwortung exakt zu bestimmen. Ich spreche in diesem Buch also nicht im Namen des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs, sondern nur in meinem eigenen Namen, obwohl ich mir beim Schreiben dieses Essays als Philosoph der Partei meiner Pflicht dem Politbüro gegenüber, dessen Mitglied zu sein ich die Ehre habe, klar bewußt bin.

Denn Stalins philosophische Konzeptionen kritiklos zu übernehmen (wie ich es z.B. in meinem Buch über die materialistische Erkenntnistheorie getan habe), und zwar mit allen Konsequenzen, die sich daraus für die Wissenschaften, von der Genetik bis zur Chemie, für die Künste, von der Musik bis zur Malerei, ergeben, war nicht nur ein theoretischer Irrtum: die Zustimmung zu den im Namen der offiziellen Dogmen gefällten Verurteilungen erleichterte – indem sie diesen eine internationale Gültigkeit gab – denen die Aufgabe, die diesen oder jenen daran hinderten zu schreiben, zu malen oder sogar zu leben.

Damit Ähnliches nie wieder vorkomme, haben wir uns gemeinsam und deshalb öffentlich anzustrengen, ohne Ausnahme die Wurzeln des Irrtums bloßzulegen und auf einer neuen historischen Stufe den wirklichen Geist des Marxismus wiederzufinden.

Das ist das Ziel, dem dieser Essay auf der Ebene der Theorie dienen soll.

Die Problemstellung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts

Fragen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens stellen sich heute unter neuen historischen Bedingungen, die eine große schöpferische Anstrengung erfordern.

Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat sich der Rhythmus der Geschichte ungeheuer beschleunigt.

Drei entscheidende Tatsachen bestimmen die Situation:

1. Die schwindelerregende Entwicklung von Wissenschaft und Technik;

2. der Aufbau des sich zu einem weltumspannenden System entwickelnden Sozialismus;

3. die Entkolonialisierung zweier Kontinente: Asiens und Afrikas.

Es handelt sich nicht um eine quantitative Veränderung, es geht nicht um einige weitere Entdeckungen, um einige Fortschritte des Sozialismus, um einige sich befreiende Kolonien. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat eine qualitative Veränderung stattgefunden.

Damit stellen sich neue Probleme, und wir müssen die Größe der Anstrengungen ermessen, die aufzubringen sind, um den Marxismus auf das Niveau solcher Ansprüche zu heben.

Unser Bewußtsein hinkt hinter der Geschichte her. Wollen wir diesen Rückstand aufholen, müssen wir uns der Mittel dazu voll bewußt sein: nur so wird dem Marxismus die neue Synthese gelingen.

Alle großen Denksysteme stellen heute diese Forderung. Jeder hat das Gefühl einer Kluft zwischen historischer Wirklichkeit und Bewußtsein. Das Bedürfnis nach einem der heutigen Zeit angemessenen Bewußtseinsstand, nach einer Modernisierung herrscht nicht nur bei den Katholiken, sondern ist ein allgemeines Phänomen.

Wie stellen sich also die Probleme angesichts der drei oben erwähnten Tatsachen?

 

Die Macht des Menschen über die Natur ist in den letzten zwanzig Jahren in stärkerem Maße gewachsen als in den zwanzig Jahrhunderten davor. Einige große wissenschaftliche und technische Entdeckungen sind die Grundlage dieses Umsturzes.

Die wichtigste Tatsache ist die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben. Während es sich 1945 in Hiroshima nur um ein Vernichtungsmittel handelte, das stärker war als andere, hat sich zehn Jahre später ein qualitativer Wandel vollzogen: mit den augenblicklich existierenden, methodisch erweiterten Bombenarsenalen ist es technisch möglich geworden, jede Spur menschlichen Lebens auf der Erde auszulöschen. Die vor Millionen von Jahren begonnene Geschichte des Menschen kann damit sein Ende finden.

Die zweite Konsequenz aus diesen Entdeckungen ist ebenso wichtig: die Menschheitsgeschichte hat grenzenlose Perspektiven angenommen. Noch vor dreißig Jahren konnte man den Augenblick voraussagen, an dem die Energiequellen dieses Planeten, Kohle und Erdöl, versiegen würden. Mit der Verbreitung der Kenntnisse der Atomspaltung und ihrer Anwendung sind die Grenzen der Macht und des Reichtums der Menschen nicht mehr zu bestimmen.

Eine dritte Konsequenz betrifft das Schicksal der Menschheit. Das Erkalten von Sonne und Erde machte ein Ende des Lebens der Spezies Mensch auf einem Globus denkbar, der unbewohnbar würde. Die ersten Schritte in den Kosmos und die sich aus der Kernspaltung ergebenden energiewirtschaftlichen Möglichkeiten erlauben es heute, diese Möglichkeit auszuschließen. Die Spezies kann auf Grund ihrer Errungenschaften tatsächlich von der Unsterblichkeit träumen.

Um 1949 ließ mit dem Buch Norbert Wieners über die Kybernetik die Synthese aus der Erforschung der Erscheinungen der Selbstregelung und der Wahrscheinlichkeitsrechnung eine neue Wissenschaft entstehen, die seit nicht ganz zehn Jahren weiteste Anwendung erfahren hat.

Das ist nicht einfach eine quantitative Veränderung, nicht einfach eine neue Stufe der Technik. Bis hierher haben alle Entdeckungen und Erfindungen, das Feuer, der Faustkeil, die Dampfmaschine, der Verbrennungsmotor, die Elektrizität, haben alle Werkzeuge und noch so perfektionierten Maschinen allein das Ziel gehabt, die physische Kraft des Menschen zu vervielfältigen, die Handarbeit zu ersetzen, sie zu beschleunigen und ihre Wirksamkeit zu erhöhen.

Die Veränderung ist jetzt qualitativ: es geht darum, gewisse Formen der intellektuellen Arbeit des Menschen zu ersetzen.

Zum Beispiel muß man zur Steuerung eines Satelliten in jedem Augenblick seine Laufbahn berechnen. Diese Rechenoperationen würden Dutzende hochqualifizierter Mathematiker erfordern, die monatelang arbeiten müßten. Wenn sie ihre Arbeit abgeschlossen hätten, wäre sie nutzlos geworden, da der Satellit sich bereits weit entfernt hätte.

Elektronische Rechenmaschinen können sekundenschnell Millionen von komplizierten Rechenoperationen ausführen, die Nano-Sekunde (eine Milliardstel Sekunde) ist zur Zeiteinheit geworden.

Die elektronische Datenverarbeitungsmaschine ist nicht einfach die durch einen Rechenapparat vervollkommnete Registrierkasse bei Woolworth. Nein: die Datenverarbeitungsmaschine wählt die Lösungen sorgfältig aus und informiert sogar den Forscher, wenn er die Aufgabe schlecht programmiert hat.

Die Anwendung dieser Maschine nimmt in allen Bereichen zu.

In den USA kontrolliert das Elektronenhirn «Géda» automatisch die Produktion und Verteilung des in neun Werken erzeugten elektrischen Stromes. Es überwacht die Menge der entnommenen Elektrizität. Es errechnet die Kosten des Kohleverbrauchs pro Fabrik, die Kalorienmenge der Kohle und ihren relativen Feuchtigkeitsgrad, die Charakteristiken elektrischer Feldlinien, usw.

In Moskau wurde im Januar 1964 eine elektronische Rechenmaschine benutzt, um die beste technische Lösung für den Bau eines Gebäudes festzustellen. Im März 1964 wurde auf den Leningrader Werften eine Anlage konstruiert, die von selbst die Schiffe zu den Fanggründen führt und von selbst Fang und Verarbeitung der Fische regelt.

Auch in der Nachrichtenvermittlung und im Fernmeldewesen hat sich dieser qualitative Wandel bemerkbar gemacht.

Zwei Jahrtausende lang hat sich kaum etwas verändert: Cäsar und Napoleon brauchten etwa dieselbe Zeit, um von Paris nach Rom zu reisen; die Dauer hing von der Schnelligkeit des Pferdes und der Zahl der Pferdewechselstellen ab. Die Anwendung von Dampfmaschinen bei der Eisenbahn hat nur eine quantitative Veränderung gebracht. Die Geschwindigkeit wurde drei- bis viermal erhöht.

Auch die Luftfahrt ist nichts als ein quantitativer Fortschritt, eine sieben- bis achtfache Beschleunigung. Mit der Weltraumrakete betritt man aber eine neue Stufe: die der Bewegung der Gestirne. Der Satellit übertrifft weit die Geschwindigkeit der Erdumdrehung. Mit einemmal multipliziert man nicht mehr mit drei oder vier, sieben oder acht, sondern mit hundert oder tausend.

Dank der Luftfahrt hat der Mensch die Eigenschaften für ein interplanetares Leben gewonnen. Er beginnt jetzt eine neue Laufbahn, die einer kosmischen Zukunft.

Lange Zeit ging die Übertragung von Nachrichten im Tempo der Vermittlung durch Menschen vor sich: die Post reiste mit der Geschwindigkeit des Pferdes. Heute existiert nicht allein die technische Möglichkeit der augenblicklichen Verbreitung von Nachrichten auf der ganzen Welt, sondern diese Tatsache ist durch das sehr schnelle, zehnjährige Anwachsen der Zahl der Radio- und Fernsehempfänger in den letzten Jahren zu einer Massenerscheinung geworden. Eurovision, Weltfernsehen durch Telstar und sogar auf dem Mond aufgenommene Fotos sind allen zugänglich.

Dieses System der Nachrichtenübermittlung hat eine Umwälzung in den Bedingungen der politischen Propaganda, aber auch des Unterrichts und der Bildung zur Folge gehabt.

In der Biologie wurden innerhalb von zehn Jahren mehr Dinge entdeckt als in der Zeit von Hippokrates bis zu Claude Bernard.

Die Entdeckungen, die einen qualitativen Wandel schufen, datieren von 1954 an.

Zu Beginn des Jahrhunderts glaubte Loeb, daß die – noch in weiter Ferne liegenden – Ziele der biologischen Wissenschaft folgende seien:

die Synthese des Lebens;

die Beeinflussung der Entwicklung der Arten.

Nun haben 1954 Ochoa und Kornberg mit der Synthese von Nukleotiden begonnen, die die Fähigkeit der Selbstreproduktion besitzen, und Watson und Crick haben Veränderungen an diesen Nukleotidenreihen durchgeführt. Die gesteckten Ziele befinden sich damit auf dem Wege ihrer Verwirklichung.

Zahlreiche Indizien lassen vermuten, daß im Laufe des letzten Drittels dieses Jahrhunderts in der Biologie Entdeckungen gemacht werden, die denen der Physik aus den beiden ersten Dritteln des Jahrhunderts an Wichtigkeit mindestens gleich sind.

Der Mensch ist dabei, nicht mehr nur die «ihrer selbst bewußte Evolution» zu sein, sondern die sich selbst beherrschende Evolution, einer der Faktoren dieser Evolution zu werden. Der Mensch wird fähig, die Vererbung zu beeinflussen und biologisch die Fähigkeiten des Menschen zu steuern. Das stellt die Wissenschaft vor ein moralisches Problem, das Problem der Zielsetzung und der Grenzen: im Namen welcher Werte soll man die zu entwickelnden Fähigkeiten auswählen?

Dies sind nur wenige Beispiele der umwälzenden Veränderungen.

Sie zeigen in klarer Weise die Probleme, die sich für die Vermittlung, die Aneignung, die Verbreitung und die Beherrschung dieser Errungenschaften ergeben. Um nur einmal das Ausmaß der gestellten Fragen zu betonen, erinnern wir an drei Dinge:

Heute sind auf der ganzen Welt mehr Forscher und Gelehrte tätig, als es seit den Anfängen der Menschheit insgesamt gegeben hat (Auger-Bericht bei der Abteilung für wissenschaftliche Forschung der UNESCO).

Die Menge der Kenntnisse der Menschen hat sich in den letzten acht Jahren verdoppelt (wissenschaftliche Publikationen, Forschungsberichte, Fachzeitschriften, ganz abgesehen von den populärwissenschaftlichen Werken).

Die Spanne zwischen einer grundlegenden Entdeckung und ihrer praktischen seriellen Anwendung wird immer kürzer: 112 Jahre betrug sie für die Fotografie, 56 Jahre noch für das Telefon und nur noch 5 für die Transistoren.

Diese Tatsachen zeugen von der Komplexität der Probleme. Der erste Problemkreis ist ein philosophischer: Engels meinte, daß der Materialismus sich mit jeder großen wissenschaftlichen Entdeckung ändern müsse. Lenin hat eine gigantische Anstrengung gemacht, um die Physik seiner Zeit gedanklich nachzuvollziehen. Welch unendlich größere Anstrengung werden wir heute machen müssen, um die marxistische Philosophie auf das aktuelle Niveau der wissenschaftlichen Entwicklung zu heben!

Der zweite Problemkreis ist ein politischer: Das schwindelerregende Anwachsen der technischen Gewalt über die Natur gibt einer Handvoll Menschen ein Wissen und eine Organisation, die ihnen eine schreckenerregende Macht verleihen. Diese technokratische Trennung zwischen Führern und Massen ist das Gesetz der Herrschaft der Monopole, in der die Konzentration der Mittel eine Klassenangelegenheit ist. Unter völlig verschiedenen Bedingungen sind die durch diese Situation hervorgerufenen objektiven Schwierigkeiten ein Problem für die Entwicklung einer echten sozialistischen Demokratie.

Der dritte Problemkreis ist ein pädagogischer: Wenn die Fülle der Kenntnisse in den letzten acht bis zehn Jahren um das Doppelte gewachsen ist, reicht es nicht mehr, dem Pensum der letzten Klasse ein weiteres Kapitel anzuhängen, um den Kindern auch nur einen ungefähren Eindruck von dem zu vermitteln, was ständig geschaffen und erfunden wird. Die Lehrpläne selber muß man grundsätzlich neu überdenken, und damit gewinnt das Problem der außerschulischen Bildung eine überragende Bedeutung.

 

Die Errichtung des Sozialismus hat die Bedingungen für die beispiellose Entfaltung der Kultur und der Künste geschaffen. Zunächst, weil durch den Kampf der von einer marxistisch-leninistischen Partei geführten Arbeiterklasse die Trennung von Arbeit und Kultur überwunden wird. Dann, weil der Sieg der Arbeiterklasse und die Diktatur des Proletariats ein System beseitigen helfen, das Kulturwerte zu Handelswerten pervertiert.

Schließlich, weil die sozialistische Demokratie jedem Menschen, jedem Kind ermöglicht, frei die menschlichen Schätze, die er in sich trägt, zu entfalten und dadurch zum Verständnis und zur eigenen Schaffung kultureller Werke zu gelangen.

Wenn die Kultur mit der Arbeit beginnt und sich mit ihr entwickelt, dann zieht jede große Veränderung in der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit und in den Produktionsverhältnissen eine tiefe Veränderung der Kultur und der Bedingungen ihrer Entwicklung nach sich.

Eines der Hauptmerkmale des Sozialismus ist, daß im Unterschied zum Kapitalismus, der Klassencharakter hat, auf Grund der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit eine wirkliche Planung der gesellschaftlichen Arbeit möglich wird.

Wenn die Pläne nicht mehr am Profit orientiert und damit zum Scheitern gebracht und nicht mehr von den Interessen einiger weniger (nämlich der Besitzer der Produktionsmittel) bestimmt werden, sondern von den realen Bedürfnissen aller Menschen, dann wird sich ein tiefer kultureller und moralischer Wandel in der Menschheit vollziehen: zum erstenmal kann sich der Mensch seiner Ziele bewußt werden. Er kann die Evolution in den Griff nehmen, deren Motor nicht mehr die Natur, der bestialische Kampf konkurrierender Interessen ist, sondern die Kultur, die Kenntnis der Ziele und der Mittel der menschlichen Entwicklung.

Mit dem Kommunismus wird es gelingen, die begrenzten Projekte der aufeinanderfolgenden ausbeuterischen Klassen zu überschreiten und ein universales Projekt zu konzipieren: im Kommunismus, d.h. erst nachdem jene mit dem kapitalistischen Markt und mit staatlicher Herrschaft verbundenen gesellschaftlichen Bedingungen