Nr. 2985

 

Die Kupferfarbene Kreatur

 

Der Terraner und der Identbotschafter – der Vorstoß in die Leerraumfähre beginnt

 

Hubert Haensel

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. BELLÖRCY

2. GALBRAITH DEIGHTON VII

3. BELLÖRCY

4. GALBRAITH DEIGHTON VII

5. GALBRAITH DEIGHTON VII

6.

7.

8. GAL-P 14

9. Im fremden Schiff

10. Im fremden Schiff

11. Im fremden Schiff

12. Im fremden Schiff

13. PARRASTURD

14. GALBRAITH DEIGHTON VII

Leserkontaktseite

Glossar

Clubnachrichten

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

 

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodan hat nach wie vor die Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben.

Davon ist er in diesen Tagen des Jahres 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung allerdings weit entfernt: In der von der Superintelligenz ES verlassenen Milchstraße machen sich Boten anderer Superintelligenzen breit, ebenso alte Feinde von ES und neue Machtgruppen.

Eine dieser Machtgruppen ist der sogenannte Techno-Mahdi, der das Solsystem unter seine Kontrolle gebracht hat. Sein wichtigster Repräsentant nennt sich Adam von Aures, und er scheint nach der völligen Unabhängigkeit von allen Hohen Mächten zu streben. Bei seinen Bemühungen hat er aber etwas ausgelöst, das den Untergang der Milchstraße nach sich ziehen kann: den Weltenbrand.

Der Weltenbrand wirkt sich auf die Sinne aller intelligenten Lebewesen aus – Licht wird zu grell, Wärme zu heiß, Kühle zu kalt, Geräusche zu laut. Nichts bietet echten Schutz dagegen, es gibt nirgendwo einen Ort, der sicher ist. In dieser verzweifelten Situation wird Perry Rhodan in den Leerraum entführt – und sieht DIE KUPFERFARBENE KREATUR ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Unsterbliche lernt den Unterschied zwischen einem Traktor und einer Fähre.

Tryopos Jünjyz – Der Zweite Offizier der BELLÖRCY lernt den Unterschied zwischen Propaganda und Realität.

Sallnech – Der Posbi lernt eine gleichartige Wesenheit kennen.

Shlynder – Der Matten-Willy lernt nicht, mit einem Verlust umzugehen.

1.

BELLÖRCY

 

Es ist vorbei. Unsere Mission wurde verraten und hat damit eine unerwartete Wendung genommen. Nie war ich auch nur annähernd so verunsichert wie in den letzten Stunden.

Ich verstehe, was den Kommandanten und seine Mitverschwörer zu ihrer Handlungsweise trieb – trotzdem werde ich die Intrige nicht gutheißen. Heute nicht, und ebenso wenig in einigen Jahren. Wie viele Augen sollte ich vor dieser Situation verschließen? Ich muss immer sehen, was vor mir liegt. Blind ins Verderben zu taumeln, erschreckt mich jedenfalls zutiefst.

Ich könnte nicht einmal das rückwärtige Augenpaar zukneifen und den Verrat an der Besatzung ignorieren, obwohl das vielleicht angebracht wäre. Einfach deshalb, weil ich Unrecht keine positive Seite abgewinnen kann. Sind die meisten Besatzungsmitglieder nur zufällige Opfer? Kollateralschaden? Pech für jeden, der diesen Flug mitmachte?

Tausendachthundert Männer und Frauen an Bord, und nahezu alle waren wie ich ahnungslos. Wir wurden von Anfang an belogen. Die Teilnahme an der Konferenz des Galaktikums war für die Anhänger der Ys'Terra Tös'syrn nur Mittel zum Zweck und zweifellos von langer Hand vorbereitet.

Ich neige zu der Behauptung, dass der Kommandant und die Erste Offizierin fremden Weisungen folgen. Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Woher kamen eigentlich unsere drei Passagiere, die den unsterblichen Terraner entführt haben?

Ys'Terra Tös'syrn – Von Terra alles Übel.

Ich werde dem nicht widersprechen, frage mich allerdings, ob das der Weisheit letzter Schluss sein soll. Das Leben steckt voller Ecken und Kanten, nur in dem Fall erscheint mir alles weich und glatt wie ein geölter Pelz. Jedenfalls ist mir das Volk der Kooblenus unbekannt, dem die Entführer entstammten.

Spielt das eigentlich eine Rolle?

Es ist ohnehin zu spät! Seit wenigen Augenblicken heulen die Sirenen durchs Schiff. Explosionen dröhnen. Ein Bersten und Krachen scheint aus allen Richtungen zu kommen, als wollte es die BELLÖRCY zerreißen.

»Die Beiboote ...!«, schreit einer meiner Helfer hinter mir. »Notabdichtung mehrerer Hangars wird gemeldet!«

Ich kippe den Kopf rückwärts und krümme den Hals nach vorne. Weiter als mit dieser dehnenden Bewegung könnte ich den Mund gar nicht öffnen. Trotzdem bringe ich keinen Laut hervor. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung holen mich wieder ein. Unser Leben wird zwischen den Sterneninseln enden.

Um den Zugang zur Zentrale wird bereits erbittert gekämpft. Und mein Versuch, die Schiffsführung auf dem Umweg über Sekundärsysteme und ihre Rückkopplung zu beeinflussen, ist zu Ende, ehe er richtig beginnen konnte. Der Kommandant sprengt die Beiboote in den Hangars; offensichtlich war er auf alle Eventualitäten vorbereitet. Unerheblich, ob das über Fernzündung oder vor Ort geschieht, er schafft damit Tatsachen.

Es gibt kein Zurück in die Milchstraße.

»Solange der Terraner ... bei uns an Bord ist ...« Meine Techniker befassen sich mit sinnlosen Überlegungen, einer Endlosschleife von Wenn und Aber. Ob es richtig oder falsch war, den Terraner Perry Rhodan wie eine Spielfigur zu schlagen und auf die Seite zu stellen, werden wir womöglich nie erfahren.

Schwere Explosionen folgen unmittelbar aufeinander. Ein Lufthauch streicht über meinen Haarflaum und lässt mich frösteln. Wind kommt auf. Weitere Explosionen vereinen sich zum dröhnenden Stakkato, das kein Ende findet.

Druckverlust!

Einer der Großhangars liegt nur hundert Meter entfernt. Ich bin mir sicher, dass dort die Außenhülle aufgerissen wurde.

Der Sog wird stärker und zerrt an mir. Ich schaffe es mit Mühe, mir einen einigermaßen sicheren Halt zu verschaffen, schon wirbeln irgendwelche Gegenstände durch den Korridor. Ich werde mehrmals getroffen. Etwas schrammt hart über meine Schädeldecke, reißt die Haut auf und hinterlässt einen grellen Schmerz. Wie durch blutige Schleier sehe ich meine Leute den Halt verlieren und über den Boden rutschen.

Wir wollten die Großbeiboote sichern, um wenigstens für einen Teil der Besatzung die Rückkehr in die Milchstraße denkbar erscheinen zu lassen. Dafür ist es nun zu spät, die Hinkende Kreatur des Schicksals will es anders. Vielleicht besser so? In der heimischen Galaxis tobt ohnehin der Weltenbrand.

Wenn der Terraner mit uns stirbt, ändert das etwas? Ich bezweifle es. Der Weltenbrand ist in Gang gesetzt, Rhodan hat darauf keinen Einfluss mehr. Steck mit einem Zündholz einen Strohballen in Brand – die Flammen werden keinesfalls erlöschen, wenn du das Zündholz anschließend ausbläst. Wer auf das Gegenteil hofft, muss verrückt sein.

Das Blut pocht durch meinen Hals und dröhnt im Wirbeln des Herzschlags unter der Schädeldecke. Ich erkenne kaum, was um mich geschieht. Leiser werdend, wie in unendlich weite Ferne gerückt, wimmert der Alarm.

Krampfhaft ringe ich nach Luft. Ich spüre, dass der Sturm mich mit sich zerrt, dann ist nichts mehr.

2.

GALBRAITH DEIGHTON VII

 

»Wir versorgen achtundsechzig teils schwer verletzte Gataser«, antwortete der Medoroboter auf Perry Rhodans Frage. »Zwei weitere wurden in irreversiblem Zustand eingeliefert.«

Der potenziell unsterbliche Terraner war unmittelbar beim Betreten der Krankenstation von dem Roboter in Empfang genommen worden. Rhodan wollte sich nach Einzelheiten erkundigen, doch die ab der Taille aufwärts menschlich konstruierte Maschine reagierte mit positronischer Schnelligkeit auf seine veränderte Mimik und die leichte Anspannung der Körperhaltung.

»Die Reanimation blieb erfolglos«, redete der Roboter weiter. »Es gab keine Möglichkeit, diese beiden Jülziish ins Leben zurückzuholen. Ähnliche Risiken bestehen in vier weiteren Fällen. Für jeden werden Organtransplantate benötigt, die wir in der erforderlichen Menge weder vorrätig haben noch sie in der uns zur Verfügung stehenden Zeit erzeugen können.«

Rhodan nickte stumm. Er betrat hinter dem Medoroboter die Ambulanz. Diffusorfelder teilten den großen Raum bedarfsgerecht in unterschiedliche Sektionen. Vor allem Roboter hatten sich der Patienten angenommen. Rhodan sah nur wenige Mediziner auf der Station.

Spezielle Quarantänezonen waren nicht eingerichtet worden, denn keiner der Geretteten von der BELLÖRCY war mit pathogenen Keimen kontaminiert. Die meisten hatten großflächige Verbrennungen erlitten oder waren in den Wirkungsbereich schwerer Explosionen geraten. Längst nicht jeder hatte das Glück gehabt, einen unbeschädigten Schutzanzug zu tragen.

»Mediker und Operateure werden auf der Akutstation gebraucht«, erläuterte der Roboter, der Rhodans schnellen Rundblick registrierte. »Du suchst nach einer bestimmten Person?«

»Ich erhielt vor wenigen Minuten die Information, dass einer der Patienten ...«

Der Roboter fiel ihm ins Wort: »Eine Schwachstelle in der Kommunikation – das Problem wurde soeben bereinigt. Für gewöhnlich bin ich in einem anderen Bereich eingesetzt, deshalb musste ich mir die übergreifenden Daten nachträglich besorgen. Ein routinemäßiger Abgleich mit der medizinischen Station der SOOZORD ergab, dass der ranghöchste Überlebende der BELLÖRCY hier an Bord versorgt wird.«

»Wer ist das?«

»Tryopos Jünjyz, Zweiter Offizier, zugleich Astronavigator der BELLÖRCY. Er wurde in komatösem Zustand eingeliefert. Kurzzeitiges Erwachen mit hinreichender Kooperationsbereitschaft, danach erneute Bewusstlosigkeit. Die Bioresonanz lässt erwarten, dass der Gataser diese Phase in Kürze überwinden wird. Seine Verletzungen sind in keiner Weise lebensbedrohlich.«

Der Blick vom Eingangsbereich der Ambulanz war durch die Diffusorfelder kaum behindert worden. Aus der Nähe erweckten sie jedoch den Eindruck materiell fester Wände. Der Medoroboter führte Rhodan einen breiten Korridor entlang, bog in einen Seitengang ab und blieb vor dem nächsten Türschott stehen. Der Durchgang erwies sich als materielles Element. Lautlos glitt das Schott in die Wand zurück.

»Danke«, sagte Rhodan, an den Roboter gewandt. »Du kannst dich wieder anderen Aufgaben widmen.«

Vor ihm lag einer der Behandlungsräume. Gedämpftes Licht und eine frische, leicht exotisch angehauchte Atmosphäre. Eastsideflair, fand Rhodan. Ohne große Mühe identifizierte er das Aroma einer auf vielen Blueswelten anzutreffenden Pflanzenart. Dieser Duftstoff wirkte auf Jülziish schmerzlindernd und unterstützte Heilungsprozesse.

Gut ein Dutzend Holos zeigten die biologischen Funktionen des Patienten.

Der Jülziish lag in einem Regenerationsbad. Vom Eingang her sah Rhodan nur den nach vorne geneigten »Tellerkopf« mit den beiden oben liegenden Augenpaaren. Die rosafarbene Kopfhaut wirkte matt und hell, vergleichbar der Blässe eines ohnmächtigen Terraners. Rhodan sah genauer hin. Das eine oder andere Augenlid zuckte merklich.

»Ich habe dich rufen lassen, Perry Rhodan.« Die schrille Stimme kam aus dem Hintergrund des Raumes.

Rhodan hatte den Mediker nicht auf Anhieb bemerkt, der zwischen wuchtigen medizinischen Aggregaten und einigen Holos saß. Der Mann erhob sich. Er mochte gut zwei Meter zwanzig groß sein und wirkte unglaublich schlank. Arme und Beine erschienen skelettartig dürr, ihr blauer Pelzflaum schimmerte wie Samt. Er trug den Umhang eines Chefmedikers der Liga Freier Galaktiker und war ebenfalls ein Blue, wie die Terraner alle Völkerstämme der Jülziish von der ersten Begegnung an nannten.

»Türiilygg Bisiküm«, stellte er sich vor. »Spezialist für Jülziishbiologie und Kosmopsychologe. Auf eigenen Wunsch abgestellt für die Betreuung von Tryopos Jünjyz.«

Rhodan hob eine Braue. Es erübrigte sich für ihn, nach dem Warum zu fragen. Ihm war klar, dass der Chefmediker dem Zweiten Offizier der vernichteten BELLÖRCY entsprechende Bedeutung beimaß.

Bisiküm trat näher und beugte sich über das Regenerationsbad. Er redete nicht weiter, verriet nur mit einer knappen Geste, dass er zufrieden war.

»Du kennst Jünjyz von früher?«, fasste Rhodan nach.

»Keineswegs. Aber ich war bei ihm, als er für wenige Minuten das Bewusstsein wiedererlangte. Es war irgendwie – ungewöhnlich.«

»Genauer, bitte!«

»Er redete von einem vorbestimmten Ziel der BELLÖRCY und behauptete zugleich, dass nicht einmal der Kommandant den Kurs des Schiffes kannte.«

»Ziellos hinaus ins Nichts ...« Rhodan rieb sich die kleine Narbe am Nasenrücken. »Möglichst weit fort von der Milchstraße, um mich für die kommenden fünfhundert Jahre kaltzustellen.«

»Jünjyz scheint nicht dieser Meinung zu sein. Er hat eindringlich erwähnt, dass er der Astronavigator der BELLÖRCY war. ›Ich bin sicher, die Positronik hatte ein außergewöhnliches Ziel‹, sagte er mit ziemlichem Nachdruck. Und außerdem: ›Der Terraner muss das erfahren!‹«

»Das war alles?«

Rhodan drückte unverändert mit Daumen und Zeigefinger auf seinen Nasenrücken, eine nachdenkliche Haltung. Seine Rettung aus der BELLÖRCY lag keine Stunde zurück.

Erst kurz bevor er von der Medostation kontaktiert worden war, hatte er mit Anna Patoman über die vage Ortung der Onryonen gesprochen.

Ein riesenhaftes Objekt, das möglicherweise aus dem oberen Halo der Milchstraße gekommen war und in den Leerraum jenseits des Nordwestquadranten strebte. Einzelheiten kannte er bislang nicht.

Vielleicht war dieses Objekt etwas wie ein »Fliegender Holländer« und bereits nicht mehr aufzuspüren. Die Archen der Lemurer, vor über fünfzigtausend Jahren gestartet, waren ihm in den Sinn gekommen. Aber diese Schiffe konnten keineswegs so weit vorgestoßen sein. Falls sie überhaupt noch existierten.

3.

BELLÖRCY

 

Eine unheimliche Last schreckt mich auf. Nur erscheint sie mir vage und irgendwie unwirklich.

Im nächsten Moment wieder: diesmal heftiger, näher. Etwas drückt auf meinen Brustkorb, als wollte es mir die Rippen brechen. Irgendwie nehme ich das wahr, bin aber zu benommen und zu schwach, darauf zu reagieren.

Ich lebe ...

Die Feststellung hat keine Emotion. Ich lebe – na und? Was wäre anders, wenn ich das nicht denken könnte? Ich wüsste es nicht einmal, ich ...

Ich hebe abwehrend beide Arme. Zugleich erkenne ich, dass ich auf dem Rücken liege. Es ist still ringsum; nein, es war still. In meinen Hörgängen tost jäh ein Rauschen und Keuchen. Vor mir dröhnt eine Stimme. Ich verstehe nicht, was sie sagt, und versuche vergeblich, einen Sinn hineinzuinterpretieren. Zu schnell ist sie wieder verklungen.

Erneut dieses Gewicht, das mich auf den Boden presst. Eine Klammer schließt sich um meinen linken Arm und zerrt ihn mit einem Ruck zur Seite. Ich schaffe es nicht, mich dagegen zu behaupten und schreie unkontrolliert los vor Schmerz, Verzweiflung ...

»Ja, ja! Brüll dir die Seele aus dem Hals, Tryopos Jünjyz!«

... und jähem Erkennen.

»Schrei! Wenn du schreist, atmest du! Schrei dir die Seele aus dem kurzen Hals, damit alles ... gut wird.«

Die Beleidigung lässt mich verstummen. Nie hat jemand zu behaupten gewagt, dass ich einen kurzen Hals hätte. Ich reiße die Augen auf, will mich ruckartig aufrichten. Vielleicht wäre ich zurückgesunken oder zur Seite gekippt, doch die Hände, die mir eben die Rippen brechen wollten, umklammern plötzlich meine Oberarme und stützen mich.

»Du bist schwach, Tryopos. Der Sturz und der fehlende Sauerstoff ... Ich weiß nicht, wie lange deine Atmung ausgesetzt hat. – Verstehst du mich überhaupt?«

Die Explosionen im nahen Hangar ...

Der plötzliche Sog ...

Stroboskopartig blitzt die Erinnerung auf. Ich starre mein Gegenüber an und spüre endlich, dass ich bebend atme. Die Luft brennt in der Kehle. Ich schmecke beißenden Rauch und sehe wieder Konturen, ein Gesicht vor mir.

Mein Gegenüber mustert mich abschätzend.

Was mir sofort an ihm auffällt, ist sein langer Hals, womöglich fast eine Handspanne länger als für gewöhnlich. Dicht wuchert der blaue Pelzflaum um seinen Mund, zieht sich faltig den Hals hinauf und läuft mit einzelnen Strängen sogar in die Kopfunterseite hinein. Ein genetischer Defekt? Auf jeden Fall höchst selten, dass der Hals derart weit von Pelz überzogen ist.

Der Mann trägt die Uniform der Hangartechniker. Ich kenne ihn nicht, hatte wohl auch nie zuvor mit ihm zu tun. Ohnehin kann ich nicht jedes Besatzungsmitglied der BELLÖRCY kennen. Den Namenseindruck auf seiner Uniform zu lesen fällt mir schwer, weil er mich mit sich zieht.

Ich greife nach seinem Arm, um ihn zurückzuhalten.

»Worauf willst du warten?«, fährt er mich an. »Der Großhangar ist halb zerstört und steht in Flammen. In der Außenhülle scheint ein gewaltiges Leck zu klaffen. Offenbar wurde es energetisch abgedichtet, nur traue ich diesem Frieden nicht. Wir tragen beide keinen Schutzanzug. Also weg von hier, bevor ...«

Er bringt den Satz nicht zu Ende.

»Zur Zentrale!«, verlange ich.

Er blickt mich durchdringend an. »Willst du dort weiterkämpfen? Anüyü-Trü-Zyr hat alle Beiboote vernichten lassen. Die Lineartriebwerke wurden ebenfalls zerstört, und über Hyperfunk wird keiner von uns Hilfe rufen können. Außerdem solltest du froh sein, dass du überhaupt noch lebst – andere ...«

Seine langsame Kopfbewegung lässt mich erkennen, dass er angespannt den Korridor entlangblickt.

Gyrl Jüighjm. Ich lese endlich seinen Namenseindruck. Eine banale Feststellung.

Mit einem Mal wird mir bewusst, wie sehr ich mich selbst blockiere. Ich sträube mich dagegen, das Unabwendbare zu akzeptieren. Bis eben dominierte die Befürchtung, wir alle an Bord der BELLÖRCY, egal ob Anhänger oder Gegner der Ys'Terra Tös'syrn, würden bis zu unserem natürlichen Lebensende im Schiff ausharren müssen.

Irgendwo tief im Nichts zwischen den Galaxien. Irgendwo. Nicht einmal der Kommandant kennt den Kurs. Und ich wurde gewissermaßen meiner Arbeit als Astronavigator enthoben, weil ausschließlich die Positronik den Flugvektor und die einzelnen Überlichtetappen bestimmt.

Hat mich möglicherweise genau das gegen den Kommandanten und die Entführung des Terraners aufgebracht? Weil ich mich überflüssig fühle?

»Worauf wartest du?«, drängt Jüighjm. »Wir müssen weiter!«

Wohin?

Ich lege beide Hände um meinen Hals und massiere mit den Fingern die Muskelstränge. Diese Art der Berührung hat mir stets gutgetan. Auch jetzt gewinne ich den Eindruck, dass meine Benommenheit nachlässt.

Etwas explodiert mit dumpfem Dröhnen, begleitet von unheilvollem Knistern und Prasseln. Flackernder Feuerschein ist überall. Ich habe mich auf den Hangartechniker konzentriert, nicht auf die Umgebung.

Die ausströmende Atmosphäre hat mich den Korridor entlang mitgerissen. Das wird mir schlagartig bewusst, und es erklärt, warum ich mich fühle, als wäre ich in den Sog eines startenden Beiboots geraten. Der Großhangar ist nicht einmal mehr zwanzig Meter entfernt. Das Innenschott hängt zerfetzt und zerknüllt in den Gleitschienen und erinnert mich an die bizarren modernen Kunstwerke, die Terraner in ihren Städten aufrichten. Wir Jülziish haben eine knappe Umschreibung dafür: Schrott!

Im Hangar tobt Glut. Ich bilde mir ein, die Umrisse etlicher Löschroboter zu sehen, doch ebenso schnell verschwinden sie im Auflodern eines neuen Feuersturms.

Eine Hitzewoge tost durch den Korridor. Der Pelzflaum an meinen Unterarmen kräuselt sich.

»Weg hier!«, stöhne ich.

Meine Blicke streifen zwei am Boden liegende Techniker. Ich war doch gerade noch mit ihnen unterwegs gewesen!

»Sie sind tot«, sagt Jüighjm. »Andere wurden durch das aufgebrochene Schott in den Hangar gerissen.«

Die nächste Explosion, ohrenbetäubend laut. Wände und Decken leuchten plötzlich in rhythmischem Blinken. Höchste Alarmstufe für diesen Bereich.

»Komm!«, schreit der Hangartechniker mit sich überschlagender Stimme und greift nach mir.

Uns bleiben zwanzig Sekunden, dann wird der Korridor hermetisch abgeriegelt. Ich vermute, dass der Hüllenbruch im Hangar anschließend wieder geöffnet wird. Dem um sich greifenden Feuer soll der Sauerstoff entzogen werden. Das alles wird von den Notfallpositroniken gesteuert.

Ich laufe los. Jüighjm zieht seine Hand zurück und hetzt vor mir her. Mir scheint, als sei kaum Zeit vergangen, seit er mich aus der Bewusstlosigkeit geholt hat. Es waren wohl trotzdem zwei oder drei Minuten.

Die Hitze wird unerträglich. Mit jedem Atemzug hole ich tobendes Feuer bis in die Lunge.

Die BELLÖRCY wird ihr Ziel nie erreichen. Der Tod, dessen bin ich mir sicher, kommt schneller als erwartet und macht vor keinem Halt.

Der nächste Antigravschacht liegt vor uns.

Das Blinken der Wände wird hektisch. Das hermetisch abriegelnde Rundschott schiebt sich vor die Einstiegsöffnung.

Jüighjm schreit wütend auf und schnellt vorwärts. Ich laufe immer noch dicht hinter ihm und stoße mich ebenfalls mit aller Kraft ab. Kurz fürchte ich, dass ich es nicht schaffen werde. Die in wenigen Sekunden folgende Evakuierung dieses Deckbereichs wird mich in den Weltraum reißen.

Ich frage mich, wie es sich anfühlen wird, im Vakuum zu ersticken. Die medizinischen Fakten sind mir bekannt, aber zwischen Wissen und Empfinden klaffen Welten.

Das zuschlagende Schott trifft mich. Ein grässlicher Schmerz wischt meine Gedanken beiseite. Ich spüre, dass meine Armknochen brechen und der dicke Stahlflügel über meinen Rücken schrammt. Im nächsten Moment pralle ich gegen die Schachtwand, werde zurückgeschleudert, und dann ist da Jüighjm, der mich an der Schulter packt und mit einem kräftigen Ruck in die Höhe zerrt.

4.

GALBRAITH DEIGHTON VII

 

Mit leicht gespreizten Fingern griff der Chefmediker in Richtung der Überwachungsholos. Sofort ordneten sie sich neu. Türiilygg Bisiküm staffelte sie leicht versetzt hintereinander.

Rhodan identifizierte die Anzeigen als Herz- und Hirnfrequenzen, Blutdruck, Atemvolumen und Sauerstoffsättigung des Blutes sowie den Hautwiderstand des Bewusstlosen. Einige Werte veränderten sich schnell.