Der Landdoktor – Jubiläumsbox 5 – E-Book: 24 - 29

Der Landdoktor
– Jubiläumsbox 5–

E-Book: 24 - 29

Christine von Bergen

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-251-0

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Schicksalhafte Begegnung

Benedikt schlägt einen völlig neuen Kurs ein

Roman von Christine von Bergen

»Dass wir uns sobald wiedersehen würden, hätte ich nicht gedacht.« Ulrike Brunner strahlte den Mann mit dem weißen vollen Haar und den tiefdunklen Augen an. »Vor ein paar Tagen haben Matthias und ich noch über dich gesprochen.«

»Ich hoffe, nur Gutes«, erwiderte Dr. Michael Sacher augenzwinkernd.

»Was gäbe es über dich Schlechtes zu sagen?« Die Landarztfrau lächelte spitzbübisch.

»Das weiß nur einer«, sagte Michael mit geheimnisvoller Miene.

Dabei zeigte er hoch zu dem gläsernen Abendhimmel.

»Gibt es vielleicht doch eine Frau in deinem Leben?« Ulrike lachte ihn mit blitzenden Augen an.

»Wer weiß, wer weiß …«

Matthias Brunner räusperte sich so vernehmlich, als müsste er sich bei seiner Frau und seinem langjährigen Freund in Erinnerung rufen.

»Jetzt mach Michael nicht gefährlicher, als er ist«, sagte er zu seinem Lockenköpfle mit gespielter Strenge. »Er ist ein Mann Gottes und damit allem Sündigen fern.«

»Sündigem?« Ulrike riss überrascht die blauen Augen auf, deren Lachfältchen eines der wenigen Anzeichen ihres Alters waren. Dann blinzelte sie ihrem Mann zu und begann den Anfang eines bekannten Liedes zu singen: »Kann denn Liebe Sünde sein …«

Der Landdoktor schüttelte nur mit belustigter Miene den Kopf.

Seine Frau, sie war mal wieder in ihrem Element.

»Ich gebe dir völlig recht«, stimmte der Bischof Ulrike zu. Er war im gleichen Alter wie die Brunners. »In der Bibel heißt es: Liebe deinen Nächsten.«

Die drei lachten und prosteten sich mit dem Glottertaler zu.

»Wie geht es denn Christina und Joachim?«, erkundigte sich die Landarztfrau.

»Wem geht es auf einer Hochzeitsreise schlecht?«, lautete die Antwort des Bischofs.

»Stimmt. Dumme Frage.« Sie lachte ihr herzerfrischendes Lachen. »Das weißt du natürlich aus Erfahrung«, neckte sie ihn.

»Nein. Wie du weißt, sind wir mit Gott verheiratet«, erwiderte Michael mit amüsierten Blick.

»Aber eure Reisen macht ihr mit anderen, gelt?«

»Schatz, jetzt ist es aber gut«, mischte sich nun Matthias mit gespielter Empörung ein. »Nun lass doch den armen Michael mit deinen halbseidenen Anspielungen in Ru­he.«

»Okay, okay, ich sage nichts mehr«, versprach sie den beiden mit erhobenen Händen und demütig gesenktem Kopf.

Ihr Mann lachte kopfschüttelnd. Dann sagte er zu seinem alten Freund: »Nachdem wir das geklärt haben, erzähl doch mal, warum du hier bist.«

Dr. Michael Sacher hatte am Nachmittag sein Kommen kurzfristig angekündigt, mit den Worten, er wäre gerade in der Gegend.

Der Bischof, den man an diesem Abend als solchen nur an dem Kreuz erkannt hätte, das er unter dem schwarzen Shirt trug, seufzte tief, bevor er antwortete: »Ich habe ein Problem. Das heißt Benedikt Sacher.«

»Dein Neffe?«, fragte Matthias erstaunt.

»Lasst es mich anders ausdrücken: Ich möchte nicht, dass Benedikt oder ich zukünftig ein Problem haben.«

»Habe ich richtig in Erinnerung, dass dein Neffe kurz vor der Priesterweihe steht?«, fragte Ulrike.

»Genau. Und damit sind wir auch schon beim Thema«, fuhr Michael fort. »Die Priesterweihe ist ein bedeutender Schritt im Leben eines Kirchenmannes, der gut überlegt sein will. Benedikt bestätigt mir immer wieder, dass er genau weiß, was er will. Doch ich habe schon viele junge Männer erlebt, die das behauptet haben und auch felsenfest davon überzeugt waren. Einige von ihnen sind später dann doch aus dem Orden ausgetreten. So etwas kann immer passieren. Das Leben ist ja ständig in Bewegung, aber bei Benedikt bin ich mir heute schon unsicher, ob dies der richtige Weg für ihn ist. Er hat zwar als junger Bub immer davon gesprochen, wie ich Priester werden zu wollen. Nach dem Tod seiner Verlobten glaubte er dann, es wäre an der Zeit dafür.«

Der Bischof hielt inne und drehte mit nachdenklicher Miene das Weinglas auf dem Handteller. Viel zu lange für Ulrike Brunner.

»Was willst du uns nun damit sagen?«, erkundigte sie sich.

»Also …« Michael schrak sichtlich aus seinen Überlegungen hoch. »Ich habe Benedikt gebeten, sich vor der Weihe unbedingt eine Auszeit zu nehmen, um sich noch einmal gründlich zu prüfen. Dass in eurer Kapelle ein paar Bilder restauriert werden müssen, sah ich als Zeichen. Benedikt ist ein hervorragender Restaurator. Er könnte für große Museen oder Privatsammlungen tätig sein. Eigentlich ist sein Talent in unserem Orden vergeudet, andererseits haben wir jedoch auch genug Kirchen, deren Malereien sanierungsbedürftig sind. Nun gut, ich habe eurem Pfarrer versprochen, dass die Arbeiten in Kürze durchgeführt werden.«

»Wie lange wird dein Neffe hier bei uns im Tal bleiben?«, erkundigte sich Ulrike interessiert.

»Ich dachte an vier Wochen. Die Restaurationen in der Kapelle werden nicht so lange dauern, aber Benedikt soll ja auch noch Ruhe und Zeit haben, in sich zu gehen.«

»Wo wird er während der Wochen wohnen?«

»Wahrscheinlich doch bei seiner Schwester und deren Mann, oder?« Matthias sah seinen Freund an.

»Das eben nicht«, erwiderte der Bischof. »Benedikt soll möglichst ohne äußere Einflüsse seine Entscheidung mit sich allein diskutieren können. Christina war immer dagegen, dass ihr Bruder ins Kloster ging. Und der Pfarrer, der Benedikt ein Zimmer im Pfarrhaus angeboten hat, würde ihn in genau anderer Richtung beeinflussen. Aus diesem Grund bin ich hier bei euch. Habt ihr eine Idee, wo man ein Häuschen mieten kann? Natürlich würde der Orden die Kosten übernehmen. So viel Einfluss habe ich in dieser Sache, zumal Benedikt ja einen offiziellen Arbeitsauftrag hat.«

Ulrike sah ihren Mann mit gerunzelter Stirn an. Dann hoben sich ihre blonden Brauen, ein Strahlen ging über ihr Gesicht.

»Was hältst du von dem Häuschen meiner Freundin?«, fragte sie Matthias.

»Eine gute Idee«, stimmte er ihr zu. »Es steht zurzeit leer.«

»Und meine Freundin wäre glücklich, wenn es mal wieder bewohnt sein würde.«

»Das hört sich doch gut an«, meinte Michael hörbar erfreut. »Ab wann könnte Benedikt es beziehen?«

»Ich kann meine Freundin sofort anrufen und fragen«, bot die Landarztgattin an, stand auf und ging ins Wohnzimmer zum Telefon.

*

Benedikt Sacher genoss die Fahrt durch den Schwarzwald. Tief sog er den frischen Sauerstoff in die Lungen. Das Vibrieren des schweren Motorrades unter ihm durchdrang seinen Körper. Er fühlte sich mit seiner Maschine wie verwachsen.

Auf einem Rastplatz hielt er an. Von hier aus hatte er einen weiten Blick über die Landschaft. Saftige Wiesen, die wie glänzende grüne Teppiche die Hänge bedeckten, breiteten sich vor ihm aus. Über ihnen, hoch oben im Sonnenlicht, wirkten die Tannenwipfel wie von Honig übergossen. Friedlich, wie unberührt, lagen einzelne Höfe und Häuser in der Klarheit der Vormittagssonne unten im Tal. Die Luft war von Wärme durchtränkt und vom Duft des Sommers erfüllt.

Benedikt freute sich auf die bevorstehende Zeit in Ruhweiler. Er freute sich auf seine Arbeit. Und genauso darauf, einmal wieder, nach unendlich langer Zeit und zum letzten Mal, für vier Wochen ein eigenständiges Leben zu führen. Wie lange schon hatte er nicht mehr für sich gekocht oder eingekauft. Wie lange schon hatte er nicht mehr allein gesessen. Und wie lange dabei nicht ferngesehen. Er liebte das Leben im Kloster, keine Frage. Er hatte sich zu diesem Leben entschieden. Ganz bewusst, nach einem langen Denkprozess. Und er stand dazu. Aber noch einmal all das andere tun, sozusagen als freier Mann … Das empfand er wie ein Geschenk. Danach würde er sich endgültig und für alle Zeit seinem Glauben verpflichten mit all den Nachteilen und Entbehrungen, die er natürlich gern auf sich nahm.

Er lächelte, belustigt über sich selbst. Er kam sich vor wie ein Teenager, der endlich einmal ohne Eltern Urlaub machte, sich selbst leben konnte ohne Beobachtung oder Vorschriften.

Nachdem er seine Wasserflasche wieder in der Motorradtasche verstaut hatte, fuhr er weiter seinem Ziel entgegen.

*

Sarah Hausmann schlenderte durch Ruhweiler, wie bisher jeden Abend. Und immer wieder konnte sie sich aufs Neue an dem idyllisch gelegenen Ort in dem grünen Wiesental erfreuen. Mit seinen schmucken Schwarzwaldhäuschen und deren gepflegten Vorgärten vermittelte er etwas Heimeliges. Von der ersten Stunde an hatte sie sich hier wohlgefühlt. Und dennoch trieb sie das Heimweh um. Noch fünf Wochen, sagte sie sich. Dann werde ich wieder in Schwenningen sein.

Sarah ging auf der Dorfstraße an den inzwischen geschlossenen Geschäften vorbei. Abendruhe lag über dem Ort. Nur im Biergarten des Gasthauses am Marktplatz herrschte fröhliches Treiben. Einheimische und müde Wanderer saßen unter den ausladenden Kronen alter Lindenbäume und ließen es sich gut gehen. Hinter dem Marktplatz lag die Kirche. Ihre Tür stand einladend offen. Neben dem Eingang parkte ein Motorrad.

Warum nicht einfach eintreten, sagte sich Sarah. Sie liebte die friedliche Stimmung von Gotteshäusern. Und deren Kunst. Eigentlich hatte sie Kunstgeschichte studieren wollen, aber dafür hatte ihrer alleinerziehenden Mutter das Geld gefehlt. So absolvierte sie eine Banklehre, etwas Solides, und die Liebe zur Kunst und Architektur war nur noch ein Hobby geblieben.

Die junge Frau betrat die Ruhweiler Kapelle zum ersten Mal. Voller Interesse sah sie sich um.

Den kunstvoll geschnitzten Altar schmückte ein üppiger Strauß bunter Sommerblumen. Auf den Seitenaltären mit ihren höheren Mittelstöcken und zwei niedrigeren Seitenstöcken standen Heiligenfiguren. Der Geruch von Weihrauch und Holz hing in dem hohen Raum, von dessen kunstvoll bemalter Decke an langen Kabeln Lampen herunterhingen. Das Deckengemälde blätterte an einigen Stellen ab. Dort, wo die Sonnenstrahlen hinkamen, waren die Farben verblasst. Es musste restauriert werden, das erkannte Sarah auf den ersten Blick. Dennoch, die kleine Kirche war wunderschön. Auch die Wände trugen kunstvoll gemalte Heiligenmotive.

Ein Ort der Besinnlichkeit, ein Ort, an dem die Zeit aufgehoben ist, ging es Sarah durch den Sinn. Es hatte eine Zeit in ihrem Leben gegeben, da war sie oft in Kirchen gewesen. Nicht zum Gottesdienst, sondern außerhalb dieser Zeiten. Um wieder zu sich selbst zu finden, um die Sicht auf die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Diese Zeit lag nun etwas mehr als acht Jahre zurück. Sie hatte sie überstanden.

Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr allein in der stillen Kapelle. War es ein Luftzug, der sie umwehte, durch die Anwesenheit eines anderen Menschen hervorgerufen? Eine Ahnung, ein Instinkt?

Sie drehte sich um und sah mitten in zwei tiefdunkle Augen hinein. Der Mann, dem sie gehörten, unterschied sich auffallend von ihren büromäßig gekleideten Kollegen und Bekannten, die sich ihre sportliche Bräune auf der Sonnenbank holten. Ihr Gegenüber trug Motorradkleidung. Sein glänzendes dichtes Haar war zu lang, um als korrekt bezeichnet werden zu können. Seine Hände trugen Spuren von Farbe. Während sie seinen Blick erwiderte, wurde ihr ganz merkwürdig zumute. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Natürlich war das nicht der Fall. Daran würde sie sich bestimmt erinnern. Er hob sich in seinem Äußeren sehr positiv von der Masse ab. Der Eindruck, ihm schon einmal begegnet zu sein, wurde wahrscheinlich nur aus der besonderen Anziehung geboren, die er auf sie hatte. Er besaß eine Ausstrahlung, der sie sich nicht entziehen konnte, für die sie keine Erklärung hatte.

Der Motorradfahrer schwieg. Sein Blick lag immer noch auf ihrem Gesicht. Hatte sie zuerst geglaubt, in ihm einen Ausdruck von Erkennen, ja, von Verblüffung zu sehen, wirkte er jetzt eher distanziert, ausdruckslos. Sie war es gewohnt, von Männern angeschaut zu werden, jedoch mit anderem Ausdruck, einem begehrlichen. Dieser Mann sah sie so gleichgültig an, als wäre er an Frauen nicht interessiert. Entweder war sie nicht sein Typ, oder er war verheiratet.

All diese Gedanken jagten Sarah binnen weniger Sekunden durch den Kopf, so lange, wie sich ihr Blick mit dem des Bikers kreuzte. Dann wurde ihr die Situation, die eine ungewöhnliche Intensität in sich barg, ja, sogar einen Zauber durch die obendrein noch besondere Atmosphäre in der Kapelle, unangenehm. Sie musste das Schweigen brechen. Oder sollte sie einfach wortlos an dem Mann vorbeigehen nach draußen, wo die Luft weniger aufgeladen war? Nein, sie wollte nicht unhöflich erscheinen. Hätte sie statt ihn eine Frau hier getroffen, würde sie ja jetzt auch etwas sagen. Ein Hallo oder Ade oder irgendetwas.

Sie entschied sich für ein Ade, lächelte flüchtig und ging zum Ausgang.

»Ade«, erwiderte der Motorradfahrer in ihrem Rücken.

Nur ganz kurz dachte sie daran, stehen zu bleiben und sich umzudrehen. Doch das Zittern ihrer Knie riet ihr, besser weiterzugehen.

Erst als sie an der Friedhofsmauer angekommen war, blieb sie stehen und atmete die klare Abendluft tief in sich ein.

Merkwürdig. Was war das denn gerade gewesen?, fragte sie sich. Niemals zuvor hatte sie sich von einem Mann derart in den Bann gezogen gefühlt. Wieder kam ihr der Verdacht, diesem attraktiven Biker irgendwo schon einmal begegnet zu sein. Sie forschte in ihrer Erinnerung, ohne ihn dort zu finden.

Tief in Gedanken versunken ging sie weiter den Hügel aufwärts. Als sie sich auf die Bank am Waldrand setzte, ließ sie schließlich das Gefühl zu, dass diese flüchtige Begegnung von einer höheren Macht so gewollt gewesen war. Sie wusste, dass sie diesen Mann, auch wenn sie ihn nicht wiedersehen würde, niemals vergessen würde.

*

Benedikt Sacher sah durch die offen stehende Tür der Sakristei, wie Sarah Hausmann leichtfüßig die Kirche betrat. Sie ging geradewegs in das Licht der untergehenden Sonne, das durch die bunten Mosaikfenster ins Innere der Kapelle fiel und ihr langes Haar wie polierte Kastanien aufleuchten ließ. Fast unwirklich schön erschien sie ihm in dieser Umgebung. Wie eine Madonna mit den weich gezeichneten Zügen. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden.

Natürlich erkannte er sie auf den ersten Blick wieder, obwohl seine erste Begegnung mit ihr mehr als acht Jahre zurücklag. Er hatte sie nicht vergessen. Zu schmerzhaft war sie gewesen. Als nasses Bündel hatte er Sarah aus der Isar gefischt. Bewusstlos. Als noch junges Mädchen, sichtbar schwanger. Damals hatte er gerade seine Verlobte durch einen Verkehrsunfall verloren, die fast ihr Ebenbild gewesen war. Durch die Rettung dieses lebensmüden jungen Geschöpfes war ihm damals kurzzeitig zumute gewesen, als hätte er seine Maria noch einmal ins Leben zurückgeholt. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er sich gerade entschieden, in den Orden einzutreten. Vielleicht hätte er sonst …

Ungläubig schüttelte Benedikt den Kopf.

Gerade hatte er sie wieder gesehen. In der Kirche. Das gab es doch nicht. Es hatte ihn eine fast unüberwindliche Kraft gekostet, sich nichts von seiner Verblüffung anmerken zu lassen. Was sollte das heute noch bringen? Sarah Hausmann konnte sich bestimmt nicht mehr an ihn erinnern. Sie war damals bewusstlos gewesen. Im Krankenhaus hatte er sie nie besucht, durch den dort arbeitenden Pfarrer jedoch ihre Genesung verfolgt. Die Sanitäter und den Notarzt hatte er um Stillschweigen über seine Person gebeten. Er wollte keine Lobeshymnen für seine Tat. Er hatte ausschließlich aus Nächstenliebe gehandelt, als er ihr von der Brücke nachgesprungen war.

»Ade«, das war alles, was er hatte über die Lippen bringen können. Natürlich hatte er ihr Interesse in ihrem Blick bemerkt. Interesse an ihm als Mann. Er wusste, dass er nicht gerade hässlich war, dass er etwas an sich hatte, was auf Frauen wirkte. Inzwischen war er gegen diese Blicke gefeit, erwiderte sie freundlich, neutral. Sarahs Blick jedoch hatte sein Herz schneller schlagen lassen, was nur an der Besonderheit ihrer Begegnung liegen mochte und an den Erinnerungen, die er mit dieser Frau verband.

Wieder schüttelte er energisch den Kopf, als könnte er auf diese Art das gerade Erlebte ungeschehen machen. Mit beiden Händen strich er sich das Haar aus der Stirn, legte den Kopf in den Nacken und schaute hoch zu der gewölbten bemalten Decke, wegen der er hier in Ruhweiler war. Und um noch einmal über seine Priesterweihe nachzudenken.

Hatte hier vielleicht gerade jemand seine Hand im Spiel? War ihm die Versuchung in Gestalt von Sarah Hausmann geschickt worden?

Wie auch immer, er würde dieser Versuchung widerstehen. Er würde die Prüfung, die ihm sein Onkel auferlegt hatte, bestehen. Punkt.

*

Sarah blieb so lange auf der Bank oben am Waldrand sitzen, bis die Sonne hinter skurril geformten Wolken versunken war und deren Ränder blutrot färbte. Die schwarzen Tannenwipfel auf den ihr gegenüberliegenden Hügeln zackten in das langsam verblassende Himmelsfeuer. Ein ausdrucksstarkes Bild, als würde sich die Natur im gleichen Aufruhr befinden wie sie selbst.

Langsam ging sie zurück zu dem möblierten Apartment, das über der Bank lag und das für ihre Zeit im Ruhweiler Tal ihr Zuhause war. Dabei hatte sie immer noch das Gesicht des Fremden vor ihren Augen.

Etwas an ihm hatte eine Saite in ihr berührt, von der sie keine Ahnung gehabt hatte. Sekundenlang sah sie sich jetzt sogar mit dem Biker Hand in Hand durch die blühenden und duftenden Wiesen gehen. Verliebt und unbeschwert. War sie verrückt? Sie hatte ihm nur wenige Sekunden lang gegenübergestanden, kannte ihn überhaupt nicht. Das konnte doch nur dadurch kommen, dass sie für eine Liebe bereit war. Ja, sie sehnte sich sogar danach. Endlich war sie frei dafür. Und für Tabea würde ein Mann in ihrem Leben auch gut sein.

»Ich habe schon mehrmals angerufen«, sagte Tabea nur wenige Minuten später zu ihrer Mutter, nachdem Sarah das Apartment betreten hatte. »Du hattest dein Handy nicht dabei«, fügte die Achtjährige mit Vorwurf in der Stimme hinzu.

»Ich hatte es mitgenommen, habe hier aber nicht überall Empfang«, antwortete Sarah.

»Wo warst du denn?« Ihr Töchterchen klang neugierig.

»Spazieren.«

»Bei uns regnet es den ganzen Tag.«

»Hier hat die Sonne geschienen.«

»Können Oma und ich dich morgen besuchen? Dann könnten wir schwimmen gehen«, schlug Tabea mit fröhlich klingender Stimme vor.

Ihr Herz schmerzte, als sie antwortete: »Schatz, ich habe dir doch schon gesagt, dass ich bis fünf Uhr arbeiten muss. Die Fahrt von Schwenningen lohnt sich dann nicht mehr. Wir sehen uns am Wochenende. Dann komme ich nach Hause.«

»Wann?«

»Freitagmittag fahre ich los.«

»Ich finde es echt blöd, dass sie dich als Vertretung für die kranke Kollegin genommen haben.«

»Ja, das habe ich genauso blöd gefunden«, erwiderte sie, obwohl sie sich seit einer Stunde fragte, ob die Entscheidung der Bankzentrale für sie vielleicht eine schicksalhafte Bedeutung haben mochte. Nichts passierte ohne Grund, wenn man diesen auch oft erst im Nachhinein erfuhr.

»Wie wohnst du denn da?«, wollte ihre Tochter wissen.

»Schön. Das Apartment ist gemütlich und sauber. Es gibt sogar eine Reinmachefrau. Im Gegensatz zu zu Hause muss ich noch nicht einmal hier putzen.«

»Super. Aber du kommst doch trotzdem wieder?«

Sarah lachte. »Worauf du dich verlassen kannst.«

»Wohin guckst du jetzt gerade?«

»Rechts aus dem Fenster zur Hauptstraße hin und links auf grüne Wiesen.«

»Fahren da auch so viele Autos vorbei wie bei uns?«

»Nein. Hier ist die Hauptstraße viel enger und ruhiger. Ich lebe auf dem Dorf, da gibt es viel weniger Verkehr als bei uns in der Stadt.«

»Kann man dort auch reiten?«

Sarah biss sich auf die Lippen.

Sie wusste ja nur zu gut um den Traum, den alle Mädchen im Alter von Tabea träumten. Und im Schwarzwald gab es viele Reitmöglichkeiten.

»Weißt du was? Wenn du mich besuchst, fahren wir zum Ponyreiten.«

»Mama, ich bin doch schon groß«, erwiderte ihre Tochter hörbar empört. »Ich will auf einem richtigen Pferd sitzen.«

»Okay, entschuldige«, verbesserte sie sich lachend. »Dann auf einem richtigen Pferd.«

»Und du auch. Einverstanden?«

»Einverstanden. Sag, wie geht es Oma?«

»Der geht es gut. Die ist manchmal genervt von mir«, lautete die Antwort, auf die gleich darauf ein Kichern durch die Leitung kam, während eine Frauenstimme im Hintergrund widersprach: »Das stimmt doch gar nicht, mein Schatz. Das hast du nur erfunden, damit Mama sagt, du sollst zu ihr kommen.«

»Das kann ich aber nicht sagen, Tabea«, erwiderte Sarah ernst. »Du gehst zur Schule und darfst dort nicht fehlen.«

»Ich weiß ja, Mama. Ich bin doch schon groß. Ich muss Schluss machen. Oma hat mir versprochen, dass wir Pizza bestellen. Und ich habe unheimlichen Hunger. Heute Nachmittag waren wir nämlich im Freibad.«

»Alles klar, mein Liebling«, verabschiedete sich Sarah mit schwerem Herzen. »Lasst es euch schmecken. Wir können ja morgen miteinander telefonieren.«

»Morgen geht nicht. Morgen schläft meine Freundin bei uns. Dann macht Oma Burger.«

Sarah lächelte noch, als die Leitung schon lange tot war.

*

Am nächsten Tag machte Sarah wieder nach der Arbeit einen Spaziergang. Das Wetter war einfach zu schön, um in der kleinen Wohnung zu sitzen. Dieses Mal begab sie sich jedoch weit weniger unbefangen auf den Weg. Schon in der Mittagspause hatte sie gehofft, den Motorradfahrer im Dorf zu sehen. Sie hatte vor dem Eiscafé gesessen und sich eine Närrin genannt, während sie heimlich nach ihm Ausschau hielt.

Vielleicht war er ja nur auf der Durchreise gewesen. Der Schwarzwald war ein beliebtes Ausflugsziel für Biker, sagte sie sich, als sie wie von einer fremden Macht getrieben den Weg zur Kirche einschlug. Dummerweise hatte sie nicht auf das Kennzeichen seiner schweren Maschine gesehen, die sie an diesem Tag nirgendwo entdeckte.

Wieder war die Tür der Kapelle einladend geöffnet. Sie zögerte, trat dann dennoch entschlossen ein, um sogleich stehen zu bleiben.

Der Motorradfahrer stand auf einer Leiter. Dieses Mal trug er einen mit Farben beklecksten Overall. In der Hand hielt er Pinsel und Palette. Er restaurierte das Deckengemälde. Er musste ein talentierter Künstler sein. Die Deckenmalerei stammte aus dem Mittelalter. Niemand würde zu deren Ausbesserungen einen einfachen Maler beauftragen.

Sie stand da wie angenagelt. Das fiel ihr selbst auf. Ob er sie bemerkt hatte? Nichts an seiner Reaktion deutete daraufhin. War er so vertieft in seine Arbeit, dass sie sich besser umgehend hinaus schleichen sollte?

»Hallo.« Der Gruß schreckte Sarah aus den Gedanken auf, die ihr binnen Bruchteilen einer Sekunde durch den Kopf schossen.

Der Maler sah sie dabei nicht an, sondern arbeitete weiter.

»Hallo.« Sie lächelte zu ihm hoch, obwohl er immer noch konzentriert auf das Gemälde schaute. So konzentriert, als würde sie ihn stören.

Plötzlich kam sie sich fehl am Platz vor. Ja, geradezu aufdringlich.

»Entschuldigung«, murmelte sie vor sich hin und schickte sich schon an, die Kapelle zu verlassen, als sie ihn sagen hörte: »Bleib ruhig. Du störst nicht.«

Mit hämmerndem Herzen blieb sie stehen, sah wieder zu ihm hoch.

Es war so still im Raum, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Staubkörnchen tanzten auf den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die schräg auf den Mosaikboden fielen. Die Luft verdichtete sich. Sarah konnte ihren Atem hören. Nervös schluckte sie. Und jetzt?, fragte sie sich. Warum schwieg er? Ein merkwürdiger Mensch. Und ein sie faszinierender Mann, wie sie sich wieder eingestehen musste.

»Ein schönes Gemälde«, sagte sie in das Schweigen hinein. »Es stammt aus dem Mittelalter, nicht war?«

Da endlich blickte er zu ihr hinunter. Und lächelte, ein warmes Lächeln, das sie mitten ins Herz traf.

»Verstehst du etwas von Kirchenmalerei?«, fragte er.

Seine dunkle Stimme besaß einen sanften melodischen Tonfall, sodass sie eher ihrem Ton nachlauschte als den Worten, die sie sagte.

»Ja?« Mit hochgezogenen Brauen sah er sie an und machte ihr damit bewusst, dass er auf ihre Antwort wartete.

»Ich …, ich interessiere mich für Kunst. Eigentlich wollte ich einmal Kunst studieren, aber dann …«

Sie verstummte jäh.

Wie kam sie nur dazu, plötzlich loszuplaudern? Sie kannten sich doch gar nicht. Um sich davor zu schützen, aus ihrer Verwirrtheit heraus zu viel über sich zu erzählen, gab sie den Ball an ihn weiter.

»Du bist offensichtlich Künstler«, sagte sie.

Blöde Äußerung, schalt sie sich gleich darauf.

»Restaurator.«

»Für mich ist jeder Restaurator ein Künstler«, erwiderte sie. »Ein sehr guter sogar. Einerseits muss er talentiert und kreativ sein, andererseits sich an die vorgegebene Handschrift des Malers halten, dessen Bild er ausbessert.«

Sie bemerkte, wie ein Ausdruck von Anerkennung in den tiefbraunen Männeraugen aufglomm, und freute sich darüber. Nicht nur das. Der Restaurator legte jetzt sogar Palette und Pinsel auf die oberste Treppenstufe und stieg zu ihr hinunter. Mit diesem Lächeln, das ihr durch und durch ging.

»Das hast du gut gesagt. Nur wenige Menschen sehen das so. Danke.«

Sie lächelte zurück und wusste, dass sie durch ihr Lächeln, das ihr aus dem Herzen kam, wahrscheinlich viel zu viel von ihrer gegenwärtigen Gemütslage verriet, zumal sein Blick bis tief in ihre Seele zu dringen schien.

»Du hast also Kunst studieren wollen«, führte er die Unterhaltung weiter, woran sie erkannte, dass sie ihm nicht völlig unwillkommen war.

Eifrig nickte sie. »Dann ist es jedoch nur eine Banklehre geworden.«

Er lachte belustigt. »Das ist doch durchaus etwas Ehrenwertes.«

»Ja, aber genau das Gegenteil von kreativ.«

»Malst du auch?« Interessiert sah er sie an.

»Nein, das kann ich leider nicht. Ich verschlinge Kunstbücher und gehe gern in Museen wie auch in Kirchen. In die ganz besonders gern. Dort ist man meistens allein mit den Kunstwerken und kann sich so richtig in sie vertiefen.«

Wieder traf sie ein langer Blick, den sie nicht deuten konnte.

»So geht es mir auch«, erwiderte er dann nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, in der sie sich in die Augen sahen.

Sie spürte, wie sie dabei errötete. Ihr Herzschlag geriet aus dem Takt. Das war ihr noch nie passiert.

Sie räusperte sich und sah schnell weg, aus der offen stehenden Tür ins Freie. Sie war sich sicher, dass ihr Kopf gerade wie ein Feuerball aussah. So fühlte er sich zumindest an.

»Ich gehe dann mal weiter«, sagte sie mit belegt klingender Stimme. »Außerdem möchte ich dich nicht stören«, fügte sie hinzu in der Hoffnung, er würde ihr widersprechen und zum Bleiben auffordern.

»Ja, ich habe noch zu tun«, stimmte er jedoch vielmehr in ihren Vorschlag ein.

Sie stand vor ihm, sprachlos. Sie wusste, wie verlegen sie wirken musste, was sie wütend auf sich selbst machte. Kein Mann hatte es bisher geschafft, sie derart zu verunsichern. Was hatte dieser Typ nur an sich, das sie so magisch anzog? Sie konnte sich seiner Ausstrahlung kaum entziehen.

»Also dann …« Er hob die Hand. »Ade.«

»Ade.«

Als sie an dem Friedhof vorbeiging, pochte die Ader an ihrem Hals. Das Blut lief schneller durch ihren Körper. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen, lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum und schloss wie betäubt die Augen.

Sie ahnte, nein, sie wusste, dass gerade etwas geschehen war, was ihr Leben verändern würde. War dieser Mann etwa ihr Schicksal? Nicht, weil er so umwerfend gut aussah. Da war vielmehr etwas zwischen ihnen, dem sie keinen Namen geben konnte. Ob ein gutes oder ein schlechtes Schicksal, das vermochte sie nicht zu sagen. Diese Ungewissheit legte sich wie ein Schatten auf ihre Seele. Und eine innere Stimme riet ihr, die kleine Kapelle zukünftig besser zu meiden.

Auf dem Rückweg von ihrem Spaziergang hielt sich Sarah an ihren neu gefassten Vorsatz. Sie nahm einen Kilometer mehr an Wegstrecke gern in Kauf, wenn sie sich dadurch davor schützen konnte, dem Restaurator vielleicht noch einmal über den Weg zu laufen. Womöglich trat er gerade aus der Kirche, wenn sie an ihr vorbeiging. Nein, dieses Risiko wollte sie nicht eingehen.

Entschlossen wanderte sie auf der schmalen Landstraße in den Ortskern zurück. Sie führte durch duftende Wiesen. Irgendwann hörte sie hinter sich ein Auto. Schnell sprang sie in die Wiese, denn der Fahrer kam in viel zu schnellem Tempo auf sie zu gefahren.

Idiot, dachte sie, während das durchdringende Motorgeräusch des Sportwagens an ihren Nerven zerrte. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit sauste er an ihn vorüber. Nur zwei Sekunden lang hatte sie Gelegenheit, ins Wageninnere zu blicken. Zwei Sekunden, die reichten, um zusammenzuzucken. Nein, das konnte nicht sein. Unmöglich. Sie konnte gerade noch erkennen, dass der Sportwagen ein Frankfurter Kennzeichen trug. Dann war er um die nächste Kurve verschwunden.

Innerlich aufgewühlt schluckte sie.

Narrten sie etwa Halluzinationen? Dabei hatte sie doch längst mit diesem Thema abgeschlossen, was sie unendlich viel Kraft gekostet hatte.

Nein, das war nicht Peter gewesen. Was sollte Peter hier im Schwarzwald machen? Er lebte in München. Und selbst dort war sie ihm nicht mehr über den Weg gelaufen. In den vergangenen drei Jahren in Schwenningen hatte diese Gefahr sowieso nicht mehr bestanden. Außerdem, falls Peter gerade an ihr vorbeigefahren wäre, hätte er doch wahrscheinlich angehalten. Immerhin stand sie ganz allein auf weiter Flur. Es sei denn, er hätte sie hier genauso wenig erwartet wie sie ihn.

Vergiss es, befahl sie sich. Das ist Vergangenheit.

Energischeren Schrittes setzte sie ihren Weg fort. Als sie schließlich die Wohnungstür aufschloss, hatte sie die Begegnung mit dem Sportwagen längst vergessen.

An diesem Abend schlief sie ein mit dem Bild des Restaurators vor Augen, der ihr so geheimnisvoll und gleichzeitig so bekannt vorkam.

*

Am nächsten Morgen staunte der Landdoktor nicht schlecht, als Schwester Gertrud ihm Benedikt Sacher als nächsten Patienten ankündigte.

Als er dem jungen Mann gegenüberstand, erkannte er, dass es ihm schlecht gehen musste.

»Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte er sich besorgt.

»Mich von den Schmerzen befreien«, lautete Benedikts schlichte Antwort. »Mein Onkel sagte, wenn das einer könnte, dann Sie«, fügte er mit gequältem Lächeln hinzu.

Matthias lachte. »Danke für die Lorbeeren. Dann wollen wir mal sehen.« Auf seine einladende Geste hin folgte der junge Mann ihm vom Gang ins Sprechzimmer. »Setzen Sie sich bitte«, forderte er ihn auf und zeigte auf den Patientensessel vor seinem Schreibtisch. »Zuerst einmal, haben Sie sich gut eingelebt bei uns?«, erkundigte er sich.

Benedikt Sacher nickte. Dabei hellte sich seine Miene sichtlich auf. »Ich finde es herrlich hier. In jeder Beziehung«, fügte er mit einem Lausbubenlächeln hinzu.

»Und das Häuschen gefällt Ihnen?«

»Und wie. Ich fühle mich dort schon wie zu Hause.«

»Und trotzdem fühlen Sie sich krank?« Matthias zwinkerte ihm zu.

»Schon seit Längerem, immer wieder einmal«, lautete die Antwort seines Patienten.

»Okay.« Er zeigte auf die Behandlungsliege und nickte ihm aufmunternd zu. »Wollen wir?«

Nachdem sich der junge Mann dort ausgestreckt hatte, zog er einen Schemel heran und nahm vor ihm Platz. »Beschreiben Sie mir Ihre Symptome erst einmal.«

»Ich habe mal wieder Schmerzen im Oberbauch, verbunden mit Übelkeit und Sodbrennen.«

»Wie lange haben Sie die Schmerzen schon?«

»Immer mal wieder. Seit einiger Zeit. Sie werden jedoch mit jedem Mal schlimmer.«

»Haben Sie deswegen bisher noch keinen Arzt konsultiert?«, fragte Matthias erstaunt.

Sein Patient schüttelte den Kopf.

»Hatten Sie vorher schon einmal diese Beschwerden?«

»Nein. Wie gesagt, erst seit einiger Zeit.«

Der Landdoktor kannte das. Viele Menschen scheuten den Weg zum Arzt. Erst wenn die Schmerzen zu stark wurden und eine Heilung aus medizinischer Sicht immer langwieriger, entschlossen sie sich, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Er untersuchte Benedikt erst einmal routinemäßig. Fieber messen, Puls, Blutdruck, Herz und Lunge. Durch die dadurch gewonnenen Ergebnisse schloss er schon einige Vermutungen aus.

»Ich gehe davon aus, dass Sie eine Magenschleimhautentzündung haben«, sagte er. »Es gibt viele Arten von Gastritis. Um sie eindeutig bestimmen zu können, wäre eine Magenspiegelung erforderlich.« Als er das entsetzte Gesicht des angehenden Priesters sah, beruhigte er ihn. »Keine Angst, wir gehen erst einmal von einer ganz normalen Gastritis aus, die in der Regel mit einer Dreifachtherapie zu beheben ist.«

»Dreifachtherapie?«, fragte Benedikt mit hochgezogenen Brauen.

»Mit zwei unterschiedlichen Antibiotika und einem weiteren Medikament. Sieben Tage lang. Schlägt die Behandlung an, hören auch die Schmerzen auf.«

Benedikts Miene erhellte sich wieder.

»Das war es erst einmal. Sie können wieder aufstehen.« Matthias lächelte ihn aufmunternd an. »Sollten die Schmerzen trotz der Behandlung nicht weggehen, sollten Sie noch einmal zu mir kommen oder zu einem Kollegen gehen. Dann muss eine gründliche Untersuchung den Symptomen auf den Grund gehen. Wahrscheinlich haben wir es dann doch nicht mit einer ganz normalen bakteriellen Gastritis zu tun.«

»Vielleicht habe ich ja Glück«, lautete die Antwort seines Patienten, der ihn jetzt schon viel entspannter ansah.

Matthias lächelte ihn an, zögerte einen Moment und sagte mit beredtem Blick: »Eine Krankheit hat immer eine Ursache, meistens sogar mehrere. Oft liegt die Ursache auch in der Psyche begründet. Sodbrennen …« Er hielt inne, sah sein Gegenüber intensiv an. »Da stößt Ihnen etwas sauer auf. Darüber sollten Sie einmal nachdenken.«

Der junge Mann hob die schwarzen Brauen und schwieg.

»Wissen Sie noch, wann die Beschwerden zum ersten Mal aufgetreten sind?«

Er sah ihm an, wie es hinter der gebräunten Stirn arbeitete.

»Nein, daran kann ich mich nicht erinnern«, antwortete Benedikt.

»Nun gut, auf jeden Fall ist eine positive Einstellung zum Leben die beste Voraussetzung für eine Heilung. Das gilt übrigens für jede Krankheit.«

»Danke, Herr Doktor.« Der junge Mann gab ihm die Hand. »Sie haben mir zu denken gegeben«, fügte er ernst hinzu. »Sie meinen also, dass ich versuchen muss, einer möglichen Ursache meiner Gastritis auf die Spur zu kommen, sie bekämpfen oder ganz aus meinem Leben fernhalten muss?«

»Ja, das habe ich gemeint. Dabei ist es hilfreich, sich daran erinnern zu können, wann die Beschwerden zum ersten Mal in Erscheinung getreten sind. Oder ob sie stets in regelmäßigen Abständen auftreten. In Ihrem Fall das Sodbrennen, das saure Aufstoßen«, fügte er mit vielsagendem Lächeln hinzu.

Er hatte immer noch das Gespräch mit seinem alten Bekannten, dem Bischof, über dessen Neffen im Kopf. Michael zweifelte daran, dass Benedikt zum Priester bestimmt war.

Vielleicht hatte sein Freund ja sogar recht mit seinem Gefühl.

*

Benedikt steckte das Rezept ein und verließ die Praxis. Er hatte seine Maschine auf dem Patientenparkplatz abgestellt, auf den jetzt ein silbergrauer Kleinwagen gefahren kam. Ohne ihm Aufmerksamkeit zu schenken, stieg er auf und setzte den Helm auf. Erst da bemerkte er Sarah Hausmann. Sie blieb stehen und schaute zu ihm herüber, als würde sie überlegen, ob er es war oder nicht.

Du hast die Gelegenheit, unerkannt von ihr wegzufahren, sagte ihm sein Verstand. Sollte er sie ergreifen? Sollen ja, aber wollen?

Entschlossen nahm er den Helm wieder ab und winkte ihr zu. Dadurch ermuntert kam sie auf ihn zu. Und wieder begann sein Herz, schneller zu schlagen, ein völlig unbekanntes Gefühl.

Wie schön sie war. Eine schlanke, hochgewachsene Figur, äußerst hübsche Beine, geschmeidige und leichte Bewegungen. Ihr herzliches, zutrauliches Lächeln berührte ihn. Sie war eine Frau, die Kraft und Schwäche zugleich ausstrahlte. Sehr gut konnte er sie sich in korrekter Kleidung mit aufgestecktem Haar hinter einem Bankschalter vorstellen, aber ebenso gut … Nein, das durfte er sich nicht ausmalen. Er ahnte auch ein tiefes Einfühlungsvermögen, als könnte man ihr alles anvertrauen, ohne dass sie einen verurteilte. Eine Frau, in deren Schoß man den Kopf legen und seinen Kummer abreden konnte. All diese unfertigen Gedanken kreisten in seinem Kopf, während er ihr entgegensah.

»Hallo«, begrüßte sie ihn.

»Ja, hallo«, erwiderte er verlegen wegen all dieser Vorstellungen.

»Bist du krank?«, erkundigte sie sich mit besorgtem Blick.

»Nur ein paar Unpässlichkeiten. Und du?«

»Auch nur ein paar Unpässlichkeiten.«

Sie lachten, verstummten, schwiegen, betrachteten beide angelegentlich das Licht- und Schattenspiel der Wolken auf den bunten Wiesen.

Sarah war es, die die Unterhaltung wieder aufnahm.

»Kommst du mit deiner Arbeit weiter?«

Er nickte. »Ja. Ich muss mich nach den Gottesdiensten richten. Manchmal ist es etwas lästig, wenn der Pfarrer mich rauswirft und ich gerade an einer schwierigen Stelle bin.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.«

Sie sagte es nicht nur. Er sah ihr an, dass sie genau verstand, was er meinte.

»Machst du hier Urlaub?« Er zeigte dabei auf ihr Autokennzeichen.

Eigentlich hatte er ihr diese Frage gar nicht stellen wollen und es nun doch getan.

»Nein, die Bank aus Schwenningen hat mich zur Krankheitsvertretung hierhin abgeordert. Für sechs Wochen. Eine Woche habe ich schon hinter mir.«

»Und du bist allein hier?«

Wieder eine Frage, die er sich hätte sparen sollen, aber ihn interessierte, ob sie das Kind damals ausgetragen hatte.

Er erkannte an ihrem Blick, dass sein Interesse an ihr sie überraschte.

Ein weiches Lächeln legte sich auf ihre Lippen, bevor sie antwortete: »Meine Tochter ist bei meiner Mutter geblieben. Sie geht ja dort zur Schule.«

»Wie alt ist sie?«

»Acht Jahre.«

Sie hatte ihr Kind also bekommen. Ob es auch einen dazugehörenden Vater gab?

In diesem Moment verdunkelte eine der weißen Wolken die Sonne, als wollte der Himmel ihm ein Zeichen geben.

Er biss sich auf die Lippe. »Okay, ich muss weiter. Ich wünsche dir gute Besserung.«

»Die wünsche ich dir auch«, entgegnete sie.

Obwohl ihm sein Verstand gebot zu schweigen und loszufahren, sagte er dann doch noch: »Wenn du Lust hast, komm einfach mal in der Kapelle vorbei.«

Er wartete ihre Antwort gar nicht mehr ab, sondern düste davon. Ohne den Helm aufzusetzen. Völlig kopflos.

*

Auch an diesem Tag arbeitete Benedikt wieder bis zur Abendmesse, jedoch weniger konzentriert als am letzten.

Er ertappte sich dabei, wie er sich vorstellte, Sarah käme nach Dienstschluss wieder in die Kirche.

Oder wünschte er sich das etwa schon?

Mit jeder Minute, in der sie nicht erschien, breitete sich eine größere Enttäuschung in ihm aus.

War er nun vollends übermütig geworden?, rief er sich zur Vernunft. Diese diffusen Gefühle durfte er überhaupt nicht haben. Schluss jetzt, befahl er sich. Ihm war sowieso zu warm unter der Kuppel, unter der sich die Hitze dieses Sommertages gefangen hatte. Er bekam kaum noch Luft und wollte gar nicht wissen, ob dies die Folge seiner sündigen Gedanken oder einfach der Sommer war.

Rasch räumte er seine Arbeitsutensilien weg, stieg aus dem Overall, zog Jeans und Shirt an und suchte das Weite. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er stieg den Wiesenhang hinauf zum Waldrand, in der Hoffnung, zwischen den bereits dämmrigen Tannen ein wenig Kühle und klare Luft atmen zu können.

Da sah er sie. Sie saß auf der Bank und musste ihn längst entdeckt haben.

»Grüß dich.« Sarah tat erstaunt, als Benedikt vor ihr stand, und ignorierte tunlichst die harten Schläge ihres Herzens.

Wie gut er aussah mit dem verwuschelten Haar, in dem einfachen Shirt und der Jeans. Seine Augen leuchteten auf. Er schien sich zu freuen, sie wiederzusehen.

»Beim dritten Mal an diesem Tag gibst du einen aus«, fügte sie hinzu, wobei ihr ihre Worte viel zu forsch vorkamen.

»Hast du einen Spaziergang gemacht?«, fragte er und schüttelte dann den Kopf, als würde ihm auffallen, dass sich seine Frage auch nicht gerade als genial herausstellte.

Sie musste lachen.

Beide waren sie verlegen, beide gehemmt, das fiel ihr wie Schuppen von den Augen.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sich Benedikt, als er sich neben sie setzte. »Ich meine, hat Dr. Brunner dir helfen können?«

»Er hat mir eine Spritze gegeben. Gegend die Verspannungen im Nacken. Sie rühren von der Arbeit am Computer her. Und dir?«

»Nur der Magen«, erwiderte er mit geringschätzigem Blick und einem Lächeln. »Das geht schon wieder.«

Aha, er wollte nicht darüber reden. Genau wie sie. Sie war auch kein Jammerlappen.