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Lutz LEOPOLD

Jürgens Mordfälle

Tod in der Mülltonne

Tod an der Modellanlage

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© 2018 Lutz LEOPOLD

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN  
Paperback: 978-3-7469-1965-2
Hardcover: 978-3-7469-1966-9
e-Book: 978-3-7469-1967-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Tod in der Mülltonne

1 Montag

2 Dienstag

3 Mittwoch

4 Donnerstag

5 Freitag

6 Samstag

7 Sonntag

8 Montag

9 Dienstag

10 Mittwoch

Danach

Tod an der Modellanlage

1 Donnerstag

2 Freitag

3 Samstag

4 Sonntag

5 Montag

6 Dienstag

Danach

Tod in der Mülltonne

Hans und Franz sind ein Team. Seit 20 Jahren arbeiten sie gemeinsam bei der Wiener Müllabfuhr. Nichts kann sie privat oder am Arbeitsplatz voneinander trennen. Sie haben jeder eine Wohnung im gleichen Gemeindebau. Zur gleichen Zeit haben sie zwei Freundinnen geheiratet. Hans hat als Erster einen Sohn bekommen. Zwei Jahre später hat Franz ein Mädchen nachgeliefert. „Dein Junge soll nicht so alleine sein.“ Nun sind die Kinder fast erwachsen und es scheint, sie werden tatsächlich ein Paar.

„Große Lichter sind sie nicht, aber unglaublich verlässlich“, ist der Kommentar des Einsatzleiters. Die Chefs sind gekommen und gegangen. Jeder hat sich, früher oder später, mit den Eigenheiten der beiden Müllmänner abgefunden.

Ursprünglich sind sie hinten auf dem Brett gestanden, um die Tonnen von der Straße hochzuheben. Später, als sie einzeln neben dem Fahrzeug hergehen sollten, weigerten sie sich. „Wir machen es nur zu zweit, sonst lassen wir’s halt.“

Auch den Führerschein, für den schweren Müllwagen, haben sie verweigert. „Da werden wir ja getrennt. Zwei Fahrer in einem Wagen, das gibt’s nicht.“

Nun richten sie die großen Sammeltonnen für den Wagen her. Heraus aus dem engen Hof auf die Straße, sodass der Fahrer nur auf den Knopf drücken braucht, um die Mulde hochzuheben und zu kippen.

„Kaum wer macht das so exakt wie die Zwei. Da geht es doppelt so schnell“, jeder Fahrer ist froh, wenn Hans und Franz für ihn arbeiten. Einer wagte es, vor Jahren, sie von oben herab zu behandeln. Er schaffte seine Termine nicht mehr. Schließlich wurde er in einen anderen Rayon versetzt. Die anderen Fahrer haben begriffen. Der „depperte“ Müllmann kann ihm helfen, oder querulieren.

1 Montag

Pfeifend vor Zufriedenheit, trotz des eisigen Windes, der besonders streng durch die Einfahrten zieht, rollen Hans und Franz die Container mit den Blechdosen nach vor. Um 7 Uhr haben sie am Lichtenwerderplatz begonnen. Nach einer knappen Stunde, sind sie schon beim Karl Marx Hof.

Franz greift nach dem Griff um die Sammeltonne wegzuziehen. Hans öffnet den großen Deckel, schiebt ihn nach hinten, schaut hinein. „Da ist einer drin“, murmelt er.

Franz schaut seinen Partner erstaunt an. „Seit wann kontrollierst du, was sich in der Tonne befindet?“

„Ich weiß nicht. Mir war danach.“

Einige Minuten schauen sie sich gegenseitig an. Schließlich meint Hans, „ich glaube, wir sollten die Polizei rufen. Der Kerl ist Tod.“

Franz, der den Griff noch immer in der Hand hat, lässt ihn los um sein Handy herauszunehmen. „Sollte ich nicht zuerst unsere Zentrale verständigen?“

Eine kurze Nachdenkpause, dann, „ruf erst die Polizei an und sag es dann dem Einsatzleiter.“

Franz folgt und wählt den Polizeiruf. „Wir haben eine Leiche in unserer Mülltonne.“

„Wer sind Sie? Von wo rufen Sie an?“, die üblichen Fragen.

„Wir haben ihn nicht umgebracht. Er ist hier im Karl Marx Hof in der Mülltonne.“

„Bleiben Sie dort, ich schicke eine Streife.“

„Das geht nicht, wir müssen die anderen Tonnen rausstellen.“ Franz beendet das Gespräch, um seinen Chef zu verständigen.

„Wir haben an der Sammelstelle vierunddreißig eine Leiche vorgefunden. Die Polizei ist verständigt. Wir machen mit den anderen Mülltonnen weiter.“

„Ist gut“, kommt die prompte Antwort. Erst als das Gespräch unterbrochen wird, kommt es dem Einsatzleiter. Das gibt doch Probleme!

Er verständigt einen der Kontrolleure. „Schau zu Franz beim Karl Marx Hof, da stimmt was nicht.“

„Bei dem stimmt immer alles. Was regst dich auf?“ der kann nicht glauben, dass den zwei alten Hasen ein Fehler unterläuft.

„Nein, die sind schon in Ordnung. Sie haben nur eine Leiche. Frag mich nicht, was wirklich los ist. Fahr einfach hin.“

Die Polizeistreife von der Polizeiinspektion Bolzmanngasse, findet den Container, natürlich keinen Müllmann. „Ein Scherzbold. Das wird ihm teuer zu stehen kommen“, faucht aufgebracht Polizist Tauber. Er wurde am Sonntag bereits zwei Mal umsonst angefordert.

„Ich schau rein“, meint sein Kollege Huber. „He, da ist wirklich ein Nackter drin.“

„Tod?“

„Zum Schlafen liegt er jedenfalls nicht zwischen den Blechdosen.“

„Das melde ich weiter.“

Abteilungsinspektor Viktor Meller übernimmt. Er kommt noch vor der Spurensicherung an. Mit zwei Mann sichert er die Mülltonne. „Ich hoffe, sie steht noch dort, wo sie ursprünglich war. Wer hat den Toten entdeckt?“

Kein Echo. Eine Gruppe Schaulustiger hat sich bereits eingefunden und steht behindernd herum.

Als die Spurensicherung mit dem Arzt eintrifft, stellt Dr. Müller fest, „das ist eindeutig Mord. Der Mann wurde brutal zusammengeschlagen und danach wurde ihm die Kehle durchschnitten. Tod wurde er in die Tonne geworfen, deshalb kein Blut auf den Dosen.“

Meller nickt und ruft im Landeskriminalamt an. „Ein Mord schickt ihr wen?“

Er wird an Gerlinde weitergeleitet, der er erneut die Frage stellt.

„Ja, wir sind schon unterwegs. Lasst alles so, wie es ist.“

Jürgen ist bei Brenner, um über die vergangene Woche seinen Bericht abzulegen. Alle Abteilungsleiter sind im Konferenzraum versammelt, um die offenen Fälle abzustimmen und zwischen den Abteilungen zu koordinieren.

Max nimmt mit Karlheinz einen Junkie fest. Der Kerl lief im Drogenrausch Amok. Drei seiner Kumpel hat er schwer verletzt und einen Penner, mit einem Messerstich in die Brust, kalt gemacht.

Gerlinde ruft Oberst Brenner an, „Jürgen wird gebraucht. Ein Mord im Karl Marx Hof.“

Verärgert gibt Claudius es weiter. „Nie können wir gemeinsam unsere Probleme besprechen. Immer muss einer weg. Jürgen, du bist dran.“

Jürgen versteht, er steht auf, nickt seinen Kollegen einen Gruß zu und eilt in sein Büro zu Gerlinde.

„Was gibt es?“

„Ein Nackter, tot in der Mülltonne.“

„Auf, fahren wir hin.“

„Endlich das ihr da seid“, werden sie begrüßt. „Schaut es euch an, dann will ich die Leiche und die Mülltonne gesondert abtransportieren lassen.“ Doktor Müller hat schon seine Tasche gepackt und eilt davon.

Jürgen und Gerlinde schauen kurz in die Mülltonne. „Da haben, wie es ausschaut, einige ihre Dosen auf die Leiche drauf geworfen“, stellt Jürgen fest.

„Schwer zu sagen. Müller hat die Leiche sicher bewegt, als er sie untersuchte.“

Meller macht sich bemerkbar. „einer der Müllmänner hat die Leiche entdeckt. Er ist die Heiligenstädterstraße weiter rauf und jetzt schon in Nußdorf.“

„Hat ihm keiner gesagt, dass er warten soll?“

„Schon, er hat aber nicht. Sein Chef, einer der Kontrolleure ist hier.“

„Und was weiß der?“ Jürgen spürt, wie es ihm hochkommt. Was soll er den Kontrolleur fragen? Genauso gut kann er die Klofrau am Naschmarkt verhören.

Gerlinde löst das Problem. „Fahren Sie mit mir die Straße entlang und zeigen Sie mir den Mann“, fordert sie vom Kontrolleur.

„Bring ihn her“, faucht Jürgen, besinnt sich aber, „nein befrage ihn. Den Täter hat er ja sicher nicht gesehen.“

Gerlinde fährt hinter dem Müllabfuhrkontrolleur her, bis sie die zwei Männer treffen. Franz und Hans stehen natürlich wie siamesische Zwillinge nebeneinander, um Gerlindes Fragen zu beantworten.

„Wer hat den Mann gefunden?“

„Hans“, „Ich“, gleichzeitig kommt die Antwort.

„Woran haben Sie bemerkt, dass sich in dem Container etwas Ungewöhnliches befindet?“ Gerlinde kann es sich nicht vorstellen, dass die Männer in jede Tonne hinein schauen.

„Das weiß er nicht. Ich habe ihn auch schon gefragt“, stößt Franz hervor. Er ärgert sich über die Neugierde seines Freundes. Das macht jetzt nur jede Menge Ärger, ist seine Meinung.

Gerlinde schaut möglichst freundlich, Hans ins ausdruckslose Gesicht. „Mir war danach. Ich habe reinschauen müssen“, murmelt Hans.

Gerlinde weiß nicht was sie noch fragen soll. „Danke, dass Sie es gemeldet haben. Wenn Ihnen etwas einfällt, rufen Sie mich an.“

„Was soll uns einfallen?“, Franz versteht es nicht. Es ist sonst alles wie immer. Als Gerlinde weg ist, meint er deshalb zu Hans, „schau ja nicht wieder in einen Container rein.“

„Mach ich. Interessant ist es aber schon“, meint Hans etwas stolz. Er war es, der den Toten gesehen hat. Franz ist nur neidisch, denkt er sich.

Zurück im Landeskriminalamt treffen Gerlinde und Jürgen auf Max und Karlheinz. Sie haben ihren wild gewordenen Junkie abgeliefert. Karlheinz schreibt beider Bericht. „Einfache Sache. Den brauchen wir nicht einmal mehr verhören“, ist sein Kommentar.

„Schön, dann schaut euch die Fotos von unserem Fall an.“

Gerlinde geht die Vermisstenmeldungen durch. Das Bild des Toten stellt sie ins Netz. „Splitternackt, keine Tätowierungen oder Narben. Bin neugierig, ob uns sein Gebiss weiter bringt.“

„Der Kerl war noch keine dreißig“, erklärt Jürgen.

„Ich schau rüber zu Doktor Müller, der weiß vielleicht schon mehr über den Typ“, Karlheinz beendet seine Schreibarbeit und macht sich auf den Weg.

Max steht auch auf. „Ich mache heute früher Schluss. Irene will fürs Wohnzimmer die Polstermöbel aussuchen.“

„Seid ihr noch immer nicht fertig mit der Einrichtung?“, staunt Gerlinde. „Ihr seid doch schon im Jänner eingezogen.“

„Sicher, wir wollen alles ordentlich machen und uns nicht mit irgendwelchen Schnäppchen vollstopfen.“

„Tja, wenn man Geld hat“, Gerlinde zieht die Augenbrauen hoch.

„Wir haben einen guten Bankier“, lacht Max und verschwindet.

„Der haut einfach ab. Du sagst nichts?“, mault Gerlinde zu Jürgen.

„Solange wir nichts Greifbares haben, brauche ich ihn auch nicht“, grinst Jürgen sie an.

Knapp vor fünf, kommt Karlheinz mit dem Bericht des Gerichtsmediziners.

Ein junger, ca. 22-24 Jahre alter, sportlich trainierter Mann. Blonde Haare, am ganzen Körper rasiert, mit manikürten Nägeln. Hellgraue Augen. Dürfte öfter Analsex gehabt haben. Genau kann es Müller noch nicht bestätigen.

„Analsex?“ Jürgen schaut Karlheinz an. „Nimm Fotos mit und mach dich gleich morgen Früh auf, um die üblichen Zeugen zu befragen. Vielleicht kennt ihn einer aus der Szene?“

„Du schaust mich an, als ob ich schuld bin, dass im Schnitt alle zwei Monate ein Homosexueller ermordet wird.“

„Ich werde die Statistik studieren, ob es vor deiner Zeit auch so viele waren“, schmunzelt Jürgen.

„Jedenfalls ein schöner Kerl. Für manche Männer und auch Frauen ein Traum“, murmelt Karlheinz.

Diesmal hat Marcus das Essen gerichtet. Montags macht er öfter bereits um 15 Uhr Schuss. Liebevoll, mehr verspielt hat er eine Spargelcremesuppe gezaubert. Sonst traut er sich nicht, Obst oder Gemüse aus der Dose zu verwenden, doch er hat einen Gusto auf Spargel und meint, ich pfeife auf März. Danach will er ein zartes Knoblauch-Hähnchen mit Kartoffeln servieren und den Abend mit einer Joghurt-Terrine abschließen. Um die Getränke soll sich Karlheinz kümmern. Für 18 Uhr ist Justus mit seinem Freund Ludwig eingeladen.

„Diesmal förmlich und elegant. Nicht so salopp, wie ihr es immer macht“, hat Marcus angeordnet.

Dementsprechend ist er auch dabei sich anzuziehen, als Karlheinz eine viertel Stunde vor 18 Uhr herein hastet. „Bin ich rechtzeitig?“

„Ja, es reicht zum Duschen und ziehe dir was Ordentliches an.“

Die Gäste erscheinen 10 Minuten nach der Zeit. „Justus hat etwas länger für sein Makeup gebraucht“, entschuldigt sie Ludwig.

„Du konntest dich nicht entscheiden. Einmal im Jahr trägt er Krawatte und macht dabei ein Aufheben.“

Die vier Freunde setzen sich, um das Menü zu genießen. Karlheinz hat den passenden Wein gebracht. „Haltet euch mehr ans Mineralwasser“, empfiehlt er.

Nach dem Nachtisch wechseln sie vom Esszimmer in den Salon mit den Bücherwänden. „Ich habe ein Foto von einem feschen Burschen. Kennt ihr ihn?“

„Na klar, Karlheinz sucht schon wieder einen Mörder“, nörgelt Ludwig.

„Sei froh, wie wären wir sonst zu einem so fantastischen Essen gekommen“, witzelt Justus.

„Ich schwöre, ich habe es nicht gewusst“, entschuldigt sich Marcus.

„Es ist eine ganz frische Leiche. Schaut bitte kurz drauf und gebt mir Bescheid“, bettelt Karlheinz.

Alle drei schütteln den Kopf. Sie bestätigen nur, dass der Mann verteufelt gut aussieht.

„Lasst uns über unsere Freunde herziehen“, Marcus wechselt das Thema.

„Ja, stell dir vor, Gustav trennt sich von seinem Otto“, quietscht Justus auf.

„Ja wirklich, das hat schon zu Weihnachten gekriselt“, bestätigt Ludwig.

„Dann seid froh, dass ihr nicht in dem Wellness mit eurem Buffet eingestiegen seid.“ Karlheinz erinnert sich an die Ausbaupläne Gustavs.

„Was hat er eigentlich mit den Millionen gemacht?“, will dafür neugierig Marcus, der Bankdirektor wissen. Bei ihm läuft der Kredit.

„Lieferst du noch?“, eine Frage die, Karlheinz auf der Zunge brennt. Vor einem halben Jahr gab es den Verdacht, dass minderjährige Buben in dem Wellnessklub missbraucht werden.

„Ja, jetzt darf ich auch im Obergeschoss arbeiten. Ludwig betreibt im Foyer den Stand. Ich serviere in den Separees.“

„Und? Stricher?“, Karlheinz rutscht unruhig auf dem Stuhl herum.

„Nein, euer Verdacht ist unbegründet. Es sind nicht die Burschen, sondern die reifen Männer, die geheim gehalten werden. Es ist oberste Etage“, grinst schelmisch Justus.

„Ach, wer?“

„Du spinnst, das werde ich niemanden, dir schon gar nicht, erzählen. Was müsst ihr uns immer verfolgen?“, nun ist Justus ungehalten.

„Verzeih, ich verstehe, dass die Männer anonym bleiben wollen. Glaubst du, Gustav empfängt mich?“

„Willst du deinen Luxuskörper verkaufen?“, kichert Ludwig.

„Nein, ihn fragen, ob er den Toten schon gesehen hat. Er ist auch als Leiche noch wunderschön.“

„Klar, wir können wieder einmal hinfahren. Gustav ist ein guter Kunde bei mir in der Bank. Schmutzig war immer nur Otto. Ich verstehe, dass sich Gustav von ihm trennt.“

„Du irrst. Otto ist mit einem Jüngling auf und davon. Gustav schmollt und weint in seinem Büro“, Justus stellt es richtig.

Sie finden noch andere Freunde, über die sie noch schlimmer herziehen, bis sie sich spät in der Nacht trennen.

Jürgen hat, wie oft am Abend das Bedürfnis, mit seiner Lisa über den neuen Fall zu reden.

„Stell dir vor, in einer Blechdosen-Sammelstelle haben wir eine Leiche im Container gefunden.“

„Ist das so eine Mülltonne mit diesen schweren Schiebedeckeln. Ich hasse die. Für ein paar Dosen muss man den ganzen Deckel aufschieben und dann noch in Brusthöhe das Zeug reinstemmen.“

Jürgen lacht, „so habe ich das noch nicht gesehen.“

„Sicher, du tust auch nie den Müll entsorgen“, gibt Lisa empört von sich.

Nach einer kurzen Sprechpause, „selbst wenn es ein zartes Mädchen war, braucht es zwei kräftige Männer um die Leiche reinzuwerfen.“

„Du hast recht Lisa. Es war ein achtzig Kilo schwerer Mann, übrigens nackt.“

„Zuhältermilieu? Weiß Max, wer es ist?“

„Nein, Karlheinz wird morgen in einem anderen Milieu nachforschen. Ein gepflegter schöner junger Mann, der zumindest nicht manuell gearbeitet hat.“

„Schon wieder? Hattet ihr nicht erst vor drei Monaten ein schwules Opfer?“

„Ja, es nimmt scheinbar zu“, lacht Jürgen, „Ich habe schon Karlheinz gefragt, ob er die Mörder anzieht.“

„Wenn ihr nicht wisst, wer er war, wieso glaubst du?“

„Der Arzt hat Spuren gefunden“, unterbricht Jürgen seine Frau.

„Gerlinde hat doch sicher die Vermisstenliste abgefragt.“

„Natürlich, er wird nicht vermisst.“

„Schön, erzähle mir weiter, wenn du mehr weißt“, beendet Lisa das Thema.

Später setzt sie mit einem anderen Anliegen fort. „Max Frau Irene, ist mit Direktor Klein sehr zufrieden. Nicht nur der Kredit, den sie haben, sondern auch über das andere Geld berät er sie. Steuertipps gibt er ihr genauso.“

„Klein? Ach du meinst Marcus, den Freund von Karlheinz. Ja, er hat mich schon einmal unterschwellig gebeten, mit meinem Girokonto zu Kleins Bank zu wechseln.“

„Und, was spricht dagegen? Wir haben dann unsere Konten und das Geld bei Freunden.“

„Hm, ich werde mit Max reden, wie er die Sache sieht.“

„Traust du Karlheinz nicht?“

„Es ist, na ja, irgendwie beklemmend. Dieser Klein redet mit Karlheinz sicher genauso wie wir, im Bett über intime Informationen. Willst du, dass einer meiner Mitarbeiter über unsere Finanzverhältnisse Bescheid weiß?“

„Warum nicht? Irene hat auch Tante Elfriede schon überzeugt. In der Bank ist ein Steuerberater auch für die Bankkunden tätig.“

„Du bist hartnäckig. Ich werde meine Unterlagen zusammen suchen. Das musst du auch tun, denn wir müssen vieles Abändern.“

„Das macht alles die Bank. Du brauchst nur die alte Bankverbindung bekannt geben und unterschreiben. Glaub mir, es ist für uns kein Nachteil.“

„Gut, machen wir es.“ Jürgen gibt nach, obwohl er wegen Karlheinz bedenken hat.

2 Dienstag

Jürgen erhält einen Anruf von Doktor Müller. „Ich muss etwas nachliefern. Die Forensik, vor allem die Isotopen-Analyse hat uns seine Herkunft verraten. Er ist voraussichtlich in Kanada aufgewachsen.“

„Ein Tourist?“ Jürgen fragt sich, wieso er niemanden abgeht? „Gerlinde schau bitte, ob er in einem Hotel, oder bei einer Reisegesellschaft abgeht?“

„Mache ich. Max ist, wegen eines misshandelten Kindes, im Wilhelminenspital.“

„Karlheinz habe ich auch noch nicht gesehen.“

„Dem gabst du doch den Auftrag, sich in der Szene umzuhören.“

„Richtig. Da fällt mir ein, in einer Sauna in der Innenstadt ist doch vor Jahren ein Kanadier verschwunden. Kann das unsere Leiche sein?“

„Ich lass mir den Akt liefern. Finde es aber unwahrscheinlich, denn der Fall ist fast fünf Jahre her.“

Jürgen hat schlecht geschlafen. Dementsprechend ist er auch schlecht gelaunt. Unbekannte Opfer findet er immer besonders nervenaufreibend. „Mach bitte das Fenster auf. Die Luft ist reichlich abgestanden.“

„Erst wenn ich fertig bin. Es hat zwölf Grad draußen“, murrt Gerlinde.

Karlheinz hat den gleichen Verdacht wie Jürgen. Er sucht diese bekannte Sauna nahe der Kärntnerstraße auf. Um 10 Uhr am Vormittag sind alle Öffnungen ins Freie weit offen. Dunst und Schweißgeruch liegt in den Räumen.

„Brr, etwas kühl für eine Sauna“, brummt er den, die Fliesen schruppenden, Mann an.

„Was wollen Sie den? Wir machen erst um zwei auf.“

„Ich suche einen Mann.“

„Das tun alle die herkommen. Komm um zwei wieder, da findest du deinen Kerl.“

„Kriminalpolizei. Ich suche einen bestimmten Mann.“

Karlheinz zieht sein Foto raus, um es dem Mann zu zeigen. „Kennen Sie ihn? War er einmal hier?“

„Ein fescher Bursche. Den würde ich auch suchen. Dein Freund? Den Schmäh mit der Polizei kannst dir sparen.“

Karlheinz zückt seine Dienstmarke, „der fesche Bursche ist tot, ermordet. Ich will wissen, ob er hier war. Sind noch andere vom Personal hier?“

„Hm, ich habe ihn nicht gesehen. Gehen Sie ins Büro. Die Stiege rauf und den Gang nach hinten, an den Kabinen vorbei.“ Der Badewart wird höflicher, nachdem er feststellt, Karlheinz ist wirklich von der Polizei.

Karlheinz findet einen zweiten, reiferen Mann, der die Kabinen auswischt. „Bezirksinspektor Wimmer, Kriminalpolizei“, stellt er sich gleich vor, um einem weiteren Missverständnis aus dem Weg zu gehen. „Ich will wissen, wann Sie diesen Mann zuletzt hier gesehen haben?“

„Den, sicher nicht. Wenn der hier war, würde ich mich an ihn erinnern. Was ist mit ihm?“

„Er ist tot, wir wissen nicht, wer er ist.“

„Warum glauben Sie, dass er hier war?“ Der Mann schaut Karlheinz prüfend an. „Er ist fesch, doch ist er deshalb auch schwul?“

„Nein, unser Arzt vermutet das aus einem anderen Grund.“

„Verstehe. Geh zu Otto rein. Der kennt mehr Burschen, als jeder von uns.“

Karlheinz geht weiter in das Büro und zuckt zurück. Hinter dem chaotisch voll geräumten Schreibtisch hockt Otto Zander, ein alter Bekannter. „Oh, was machst du hier?“

„Ich habe mich selbstständig gemacht. Mit Gustav ging es nicht weiter. Der tut so auf große Moral“, grinst Otto breit, aus seinem runden Gesicht, Karlheinz an.

„Der Wellnessbetrieb soll aber gut gehen“, Karlheinz ist neugierig. Nachdem schon am Abend seine Freunde über das Verhältnis gesprochen haben, will er erfahren, was wahr ist.

„Irgendwer behauptet, du hast einen Jungen, stimmt’s?“

„Habe ich. Bin aber bereit, ihn mit anderen zu teilen. Willst du dir nicht auch ein Körberlgeld bei mir machen?“

„Ich bin von der Polizei. Illegale Prostitution mache ich nicht, das verfolge ich.“

„Schön, was machst du also bei mir?“

„Kennst du diesen Mann. Er ist ermordet worden.“

Otto schaut sich das Bild an. Karlheinz kann beobachten, wie das selbstzufriedene Grinsen einem Entsetzen Platz macht. „Ist er tot?“, haucht mit kraftloser Stimme Otto. „Was ist passiert?“

„Das sagte ich bereits. Er wurde ermordet. Wie heißt er?“

„David, mehr weiß ich nicht. Er ist vor zwei Wochen in der Hinterbrühl aufgetaucht.“

„Ist er auch hierhergekommen? Wer kennt ihn näher?“

„Nein, hier war er nie. David ist eine Edelnutte. Er ist mit, äh, das geht nicht, das darf ich dir nicht verraten.“

„Was darfst du mir nicht sagen?“

„Wer ihn in den Wellnessklub gebracht hat. Am besten du gehst zu Gustav. Ich verbrenn mir nicht die Lippen.“

„Die Zunge, es heißt, verbrenne mir nicht die Zunge“, korrigiert Karlheinz.

„Wie immer, es hat mich gefreut, dich wieder zu sehen. Nun gehe bitte.“

„Klar, tschüss.“ Karlheinz begreift, dass es keinen Sinn macht weiter zu bohren. Er geht.

Bei Marcus ist in der Bank der Teufel los. Unglaublich viele Kunden stürmen den Informationsschalter. Er hat bereits drei Leute in separierten Kojen untergebracht. „Wenn das so weiter geht, müssen wir Personal aufstocken“, jammert er zu seinem Stellvertreter.

„Ha, ha, das gibt einen schwarzen Punkt in der Zentrale, wenn du es auch nur anschneidest.“ Der ältere Kollege wurde bei der Ernennung zum Direktor übergangen und hofft, der 20 Jahre jüngere Marcus holt sich diesen schwarzen Punkt.

„Wir haben im letzten halben Jahr unser Kreditvolumen verdoppelt, da finde ich sicher Verständnis.“

„Wir haben mehr Geld verliehen. Kommt es auch wieder rein? Ich bin sicher, es sind eine Menge fauler Kredite drunter“, höhnt der stellvertretende Direktor.

„Ich weiß, das wünschst du dir. Hättest dir einen anderen Papa aussuchen müssen“, höhnt Marcus. Wenn sich’s ergibt, will er diesen Mitarbeiter loswerden. Seinen Vater, den Vorstandsvorsitzenden der Bank, hat er schon gebeten, „kannst du ihn nicht versetzen?“

„Sicher kann ich“, schmunzelt sein Vater Dominik jedes Mal. „Solange er dir missgünstig auf die Finger schaut, strengst du dich an.“

Marcus Vertreter begibt sich verstimmt zu einem der Kunden. Auch er will in einer anderen Filiale, ans Ziel kommen. Er will Filialdirektor werden.

Da platzt Karlheinz in die Bank. Er stört, steckt den Kopf durch Marcus Bürotür und bittet, „brauchst du noch lange“ Ich will mit dir zum Wienerwaldkunden.“ Die zwei Frauen, die bei Marcus sitzen, brauchen nicht zu wissen, wohin er will.

„Eine halbe Stunde gib uns noch. Ich begleite dich auf jeden Fall.“ Marcus ist nicht bereit, Karlheinz alleine in diesen Wellnessklub zu lassen.

Unentschlossen steht Karlheinz im Kassenraum herum. Soll er auf einen Kaffee weggehen? Klaus, einer der Finanzberater, entdeckt ihn. „Hallo Herr Bezirksinspektor, kommen Sie zu mir rein. Cappuccino ohne Zucker?“

„Ja, danke, Sie erinnern sich?“, Karlheinz folgt seinem Wink, um in dem kleinen Büro Platz zu nehmen. „Wieso ist es bei Ihnen so ruhig?“

„Ich habe Glück. Es geht fast ausschließlich um Telebanking. Die Umstellung im Programm macht einigen zu schaffen“, kichert Klaus. „Ich bin nicht zuständig.“

Während Karlheinz seinen Kaffee schlürft, denkt er noch, das ist ja schlimmer, als bei uns im Amt. Er unterhält sich mit seinem Gastgeber und erfährt, dass auch Klaus, auf die Versetzung des stellvertretenden Direktors wartet. Dann rückt er nach.

Es dauert knapp eine Stunde, dann stürzt Marcus in den Raum, „hier bist du? Wir können fahren.“

„Fein, das geht sich wunderbar aus. Lass uns im Wellnessklub essen. Den Vornahmen des Opfers habe ich schon.“

Sie fahren hinaus in die Hinterbrühl. Jetzt, Ende März, beginnt bereits zartes Grün zu sprießen. Wie immer, wenn Karlheinz in die lange Allee einbiegt, spürt er ein kaltes Kribbeln im Rücken.

„Diese schwarzen kahlen Bäume an den steilen Berghängen wirken beklemmend“, meint auch Marcus.

Diesmal schaut sich Karlheinz das Umfeld genauer an. Er bemerkt zwei Parkplätze. Den, mit den Autos der gehobenen Mittelklasse, auf dem auch sie halten und dem anderen Platz, mit der, zwischen zwei immergrünen Sträuchern, getarnten Zufahrt. Schemenhaft kann er die schweren Limousinen, Mercedes und Rolls Royce ausmachen.

Horst, ein Mitarbeiter des Klubs, winkt ihnen und zeigt, wo sie parken dürfen. „Seltene Gäste. Unser Bankier, sollten wir knapp bei Kasse sein?“

„Nein, Karlheinz sucht wieder einmal eine Leiche“, lacht Marcus schelmisch.

Horst wird etwas verlegen, „Gustav meint, du bist ihm nicht mehr böse?“

„Nein, ich bin ihm nicht mehr böse. Wir werden uns heute am Nachmittag wirklich nur entspannen.“

„Ihr seid VIP-Gäste. Kommt, ich sage an der Kassa Bescheid.“

Horst geht mit ihnen hinein, um sie dem Burschen am Empfangstresen vorzustellen.

„Kann ich mit Gustav sprechen?“, bittet Karlheinz.

„Natürlich, doch erst zieht euch aus. Im Winterlook lauft ihr mir hier Herrinnen nicht herum.“

Sie folgen und beziehen eine Kabine mit Liege. Marcus grinst Karlheinz verlangend an, „probieren wir sie aus?“

„Nein du Ferkel. Ich bin im Dienst.“

Lachend gehen sie, nur mit dem Badetuch bewaffnet, in den Wellnessbereich. Karlheinz strebt dem Büro des Chefs zu.

„Grüß dich Gustav. Ich habe eine diskrete Anfrage an dich.“

„So vorsichtig?“ lauert Gustav. „Wenn ich dir helfen kann, tu ich es. Bitte betrachte jede meiner Informationen als diskret.“

Karlheinz legt ihm das Foto vor, „was weißt du über David?“

Gustav schaut sich das Bild nachdenklich, etwas traurig an, „tot?“

„Ja, ermordet, in einer Mülltonne entsorgt.“ Karlheinz schaut Gustav in seine feucht werdenden Augen.

„David Adams, ein Kanadier. Vor zwei Wochen ist er zu uns gekommen. Am Freitag habe ich ihn zuletzt gesehen. Das ist alles.“

„Wo hat er gewohnt?“

„Hier. Er ist mit einem Freund aufgetaucht und hat hier im Haus immer auf ihn gewartet.“

„Du vermietest Zimmer?“

„Natürlich. Ich führe ein Hotel. Um es exklusiv auszubauen, hat mir doch dein Lover den Kredit gegeben.“

„Schon, schon. Ich dachte, es handelt sich um Separees.“

„Ich dachte, ich konnte deinen blöden Verdacht entkräften. Hier gibt es keine verbotenen Hurereien. Keine Minderjährigen und was du sonst noch an blöden Fantasien entwickelst.“ Gustav ist eingeschnappt und stößt die letzten Worte wütend aus.

„Verzeih mir. Als Polizist bin ich verpflichtet, immer das Schlimmste zu vermuten.“

„Gut, genießt doch den Nachmittag und schau dich ruhig um. Es gibt hier keine Geheimnisse.“

„Danke, das machen wir. Hast du von Davids Pass zufällig eine Kopie gemacht?“

„Ja, ich gebe dir gleich eine. Bis du gehst, habe ich sie herausgefunden.“

„Wer ist, war sein Freund, auf den er gewartet hat?“

Lange schaut Gustav mit starren Augen auf Karlheinz. „Wenn du es hinkriegst“, er macht eine Sprechpause. Karlheinz sitzt wie auf Nadeln.

„So zu tun, dass niemand ahnt, von wem du es weißt.“

„Ja, ja, ich habe einfach eine Notiz beim Toten gefunden“, Karlheinz fiebert der Information entgegen.

„Willst du sein Zimmer sehen?“

„Ja zeig es mir. Wer war mit ihm hier?“

Gustav holt tief Luft, „Serge Radoslav, der Konsul.“ Er steht auf und geht vor zu Davids Zimmer.