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Zum Buch

Wie würdest du leben, wenn du wüsstest, an welchem Tag du stirbst? Bin ich meinem Schicksal ausgeliefert? Oder kann ich den Lauf der Zeit beeinflussen? Wer führt ein erfüllteres Leben? Der, der Risiken eingeht – oder der, der vorsichtig ist?

Sommer 1969: Wie ein Lauffeuer spricht sich in der New Yorker Lower East Side herum, dass eine Wahrsagerin im Viertel eingetroffen ist, die jedem Menschen den Tag seines Todes vorhersagen kann. Neugierig machen sich die vier Geschwister Gold auf den Weg. Nichtsahnend, dass dieses Wissen für jeden von ihnen auf ganz unterschiedliche Weise zum Verhängnis wird. Simon, den Jüngsten, zieht es Anfang der 1980-er Jahre nach San Francisco, wo er nach Liebe sucht und alle Vorsicht über Bord wirft. Klara, verwundbar und träumerisch, wird als Zauberkünstlerin zur Grenzgängerin zwischen Realität und Illusion. Daniel findet nach 9/11 Sicherheit als Arzt bei der Army. Varya wiederum widmet sich der Altersforschung und lotet die Grenzen des Lebens aus. Doch zu welchem Preis?

»Eine großartige Familiengeschichte – perfekt für alle Fans von Celeste Ng.«

People Magazine, Book of the Week

»Dieser Roman lässt einen nicht mehr los.«

The New York Times

»Wunderschön, mitfühlend und heiter. Im Grunde kein Buch über das Sterben – sondern ein Buch, wie man leben soll.«

Nathan Hill

Zur Autorin

CHLOE BENJAMIN, 29, lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Nathan Hill, in Madison, Wisconsin. Sie studierte literarisches Schreiben an der University of Wisconsin. Ihr Debüt »The Anatomy of Dreams« wurde mit dem Edna Ferber Fiction Book Award ausgezeichnet und stand auf der Longlist des Fiction First Novel Prize. »Die Unsterblichen« erscheint in 28 Ländern und avancierte in den USA sogleich zum Lieblingsbuch der Buchhändler.

Chloe Benjamin

Die Unsterblichen

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

Für meine Großmutter Lee Krug

PROLOG

Die Frau in der Hester Street

1969

Varya

Varya ist dreizehn.

Im letzten Jahr ist sie sieben Zentimeter gewachsen und hat dunkle Haare zwischen den Beinen bekommen. Ihre Brüste sind handlich, die rosa Brustwarzen knopfgroß. Ihr Haar reicht bis zur Hüfte – es ist weder so schwarz wie das ihres Bruders Daniel noch blondgelockt wie das von Simon oder rötlich wie Klaras. Morgens flicht sie es zu zwei Zöpfen, die beim Gehen ihre Hüften streifen wie der Schweif eines Pferdes. Ihre winzige Nase hat sie von niemandem, findet sie. Wenn sie zwanzig ist, wird sie sich zu einer stattlichen Adlernase ausgewachsen haben, so wie bei ihrer Mutter. Aber noch ist es nicht so weit.

Zu viert stromern sie durch das Viertel: Varya, die Älteste, der elfjährige Daniel, die neunjährige Klara und der siebenjährige Simon. Daniel geht voran, die Clinton Street entlang bis zur Delancey, dann links in die Forsyth. Sie laufen am Sara D. Roosevelt Park entlang, immer im Schatten der Bäume. Nachts treibt sich allerlei übles Volk im Park herum, aber an diesem Dienstagmorgen dösen nur ein paar junge Leute im Gras und erholen sich von den Demos am letzten Wochenende.

In der Hester Street schleichen sich die vier an Gold’s Tailor & Dressmaking vorbei, der Schneiderei ihres Vaters. Und auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er sie sieht – Saul arbeitet mit einer Hingabe, als nähte er nicht einen Hosensaum, sondern den Stoff, aus dem das Universum gemacht ist –, so könnte er doch noch den Zauber dieses schwülheißen Julitags zunichtemachen und ihnen das heikle Vorhaben vermiesen, weswegen sie hierhergekommen sind.

Simon ist der Jüngste, aber er hält mit. Die Jeansshorts, die Daniel passten, als er im selben Alter war, schlackern ihm um die Hüften. In einer Hand hält er einen kleinen Beutel aus chinesischer Seide, der mit einer Kordel zugeschnürt ist. Dollarscheine rascheln darin, Münzen klimpern ihre dünne Melodie.

»Wo ist es?«, fragt er.

»Ich glaube, hier«, sagt Daniel.

Sie schauen an dem Gebäude hoch, betrachten das Zickzack der Feuerleiter und die dunklen rechteckigen Fenster im vierten Stock. Dort soll die Frau wohnen, deretwegen sie hier sind.

»Wie kommen wir da rein?«, fragt Varya.

Das Haus sieht dem, in dem sie wohnen, überraschend ähnlich, nur dass es cremefarben gestrichen ist anstatt braun und vier anstatt sechs Stockwerke hat.

»Ich würde sagen, wir klingeln im vierten Stock«, sagt Daniel.

»Ja«, sagt Klara, »aber bei welcher Wohnung?«

Daniel zieht einen zerknüllten Kassenzettel aus der Hosentasche. Als er aufblickt, ist sein Gesicht puterrot. »Ich weiß nicht genau.«

»Daniel!« Varya lehnt sich gegen die Hauswand und fächelt sich mit einer Hand Luft zu. Es sind über dreißig Grad, so heiß, dass sie der Schweiß am Haaransatz juckt und ihr der Rock an den Schenkeln klebt.

»Moment«, sagt Daniel. »Lass mich nachdenken.«

Simon setzt sich auf den Asphalt. Der seidene Beutel fällt zwischen seinen Beinen zusammen wie eine Qualle. Klara nimmt ein Stück Toffee aus ihrer Tasche. Noch ehe sie es auswickeln kann, geht die Haustür auf, und ein junger Mann kommt heraus. Er trägt eine Brille mit violetten Gläsern und ein offenes Hemd mit Paisleymuster.

Er nickt den Golds zu. »Wollt ihr rein?«

»Ja«, sagt Daniel. Er geht hinein, gefolgt von seinen Geschwistern, und bedankt sich bei dem Mann mit der Sonnenbrille, bevor die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt – Daniel, ihr furchtloser, nicht sonderlich fähiger Anführer, dessen Idee das hier war.

Er hat zwei Jungs davon reden hören, letzte Woche, als er bei Shmulke Bernstein’s, dem koscheren Chinaimbiss, in der Schlange stand, um eins von den ofenwarmen Vanilletörtchen zu kaufen, die er so gern isst, selbst bei dieser Hitze. Die Schlange war lang, die Ventilatoren arbeiteten auf Hochtouren, und er musste sich vorbeugen, um zu hören, was die Jungs über die Frau sagten, die vorübergehend im vierten Stock eines Hauses in der Hester Street eingezogen war.

Mit pochendem Herzen ging Daniel zurück in die Clinton Street 72. Im Kinderzimmer hockten Klara und Simon auf dem Boden und spielten ein Brettspiel, während Varya im oberen Stockbett lag und ein Buch las. Zoya, die schwarz-weiße Katze, aalte sich auf dem Heizkörper in einem Viereck aus Sonnenlicht.

Daniel unterbreitete ihnen seinen Plan.

»Ich kapier’s nicht.« Varya stemmte einen schmutzigen Fuß gegen die Decke. »Was genau macht die Frau?«

»Hab ich doch gesagt.« Daniel war aufgeregt, ungeduldig. »Sie hat Kräfte.«

»Was für welche?«, fragte Klara, während sie ihre Spielfigur verschob.

»Ich hab gehört«, sagte Daniel, »dass sie die Zukunft voraussagen kann. Was einem im Leben passiert – ob man ein gutes oder ein schlechtes haben wird. Und noch was.« Er stützte sich mit den Händen am Türrahmen ab und beugte sich vor. »Sie kann einem sagen, wann man stirbt.«

Klara blickte auf.

»Das glaubst du doch selber nicht«, sagte Varya. »Das kann keiner.«

»Und wenn doch?«, fragte Daniel.

»Dann würde ich’s nicht wissen wollen.«

»Warum denn nicht?«

»Darum nicht.« Varya legte ihr Buch weg, setzte sich auf und schwang die Beine über den Bettrand. »Was ist, wenn sie einem was Schlimmes sagt? Dass man ganz früh sterben muss?«

»Immerhin weiß man es dann«, sagte Daniel. »Und kann vorher noch alles machen.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann prustete Simon los. Sein hagerer Körper bebte geradezu vor Lachen. Daniels Gesicht lief rot an.

»Ich mein es ernst«, sagte er. »Ich geh dahin. Mich ödet es an, ständig hier drinnen in der Wohnung zu sein. Wer kommt mit, verdammte Kacke?«

Vielleicht wäre nichts geschehen, wäre es nicht mitten in den Sommerferien gewesen, hätten nicht anderthalb Monate Langeweile hinter ihnen und anderthalb Monate Langeweile vor ihnen gelegen. Die Wohnung hat keine Klimaanlage, und in diesem Jahr – im Sommer 1969 – erleben alle außer ihnen irgendetwas Aufregendes. Die Leute kiffen in Woodstock, singen »Pinball Wizard« und sehen sich im Kino Asphalt Cowboy an, was den Geschwistern Gold verboten ist. Die Leute randalieren vor dem Stonewall Inn, reißen Parkuhren aus dem Asphalt und rammen damit die Türen der Bar ein, zerschlagen Fensterscheiben und Musikboxen. Menschen werden auf grausamste Weise ermordet, mit chemischem Sprengstoff und Maschinengewehren, die 550 Kugeln hintereinander ausspucken können. Die Gesichter der Toten tauchen erschreckend nah auf dem Fernsehbildschirm in der Küche der Golds auf. »Die spazieren auf dem Scheißmond rum«, sagte Daniel. Er hat sich angewöhnt, Schimpfwörter zu benutzen, wenn auch nur außer Hörweite ihrer Mutter. James Earl Ray, der Mörder Martin Luther Kings, wird verurteilt, ebenso Sirhan Sirhan, der Mörder Robert Kennedys, und währenddessen spielen die Golds Darts oder retten Zoya aus einem offenen Rohr hinter dem Ofen, das sie neuerdings für ihr rechtmäßiges Heim zu halten scheint.

Aber noch etwas anderes erzeugte die Atmosphäre, die für diese Pilgerfahrt notwendig war: In diesem Sommer sind sie noch auf eine Weise Geschwister, wie sie es nie wieder sein werden. Im nächsten Jahr wird Varya mit ihrer Freundin Aviva in die Catskills fahren. Daniel wird in die geheimen Rituale der Nachbarsjungs eintauchen, und Klara und Simon werden sich selbst überlassen sein. Aber im Sommer 1969 sind sie noch vereint, ein fest zusammengeschweißter Haufen.

»Ich mach mit«, sagte Klara.

»Ich auch«, sagte Simon.

»Und wie kriegen wir einen Termin bei ihr?«, fragte Varya, der bereits klar war, dass es im Leben nichts umsonst gibt. »Und wie viel nimmt sie?«

Daniel runzelte die Stirn. »Das krieg ich raus.«

So hat es angefangen: mit einem Geheimnis, mit einer Mutprobe, und mit einer Feuertreppe, über die sie ihrer schwerfälligen, massigen Mutter entkamen, die, sobald sie sie untätig im Kinderzimmer erwischte, von ihnen verlangte, dass sie die Wäsche aufhängten oder die verdammte Katze aus dem Ofenrohr zogen. Die Geschwister Gold hörten sich um. Der Besitzer eines Zauberladens in Chinatown hatte von der Frau in der Hester Street gehört. Sie bleibe, so erklärte er Klara, nie lange an einem Ort, würde ihre Dienste mal hier, mal da anbieten. Bevor Klara ging, hob er einen Finger, verschwand im hinteren Teil des Ladens und kam zurück mit einem dicken Buch mit dem Titel Das Buch der Wahrsagung. Auf dem Umschlag waren zwölf Augen abgebildet, umgeben von Symbolen. Klara bezahlte fünfundsechzig Cent, klemmte sich das Buch unter den Arm und ging nach Hause.

Im Haus Clinton Street 72 hatten noch mehr Leute von der Frau gehört. Mrs Blumenstein war ihr in den fünfziger Jahren auf einer sagenhaften Party begegnet, erzählte sie Simon. Sie ließ ihren Schnauzer aus der Haustür, der prompt auf der Stufe, wo Simon saß, einen kleinen runden Kötel absetzte, den Mrs Blumenstein nicht entsorgte.

»Sie hat mir aus der Hand gelesen. Sie hat mir ein langes Leben vorausgesagt«, fuhr Mrs Blumenstein fort, wobei sie sich bei den letzten Worten vorbeugte, um sie zu unterstreichen. Simon hielt die Luft an: Mrs Blumenstein stank aus dem Mund, als atmete sie die Luft aus, die sie vor neunzig Jahren als Baby eingeatmet hatte. »Und wie du siehst, mein Junge, hat sie recht behalten.«

Die Hindu-Familie im fünften Stock bezeichnete die Frau als rishika, als Seherin. Varya wickelte ein Stück Kugl in Alufolie und gab es ihrer Klassenkameradin Ruby Singh im Austausch für einen Teller scharfes Butterhühnchen. Sie aßen bei Sonnenuntergang auf der Feuertreppe und ließen die Beine baumeln.

Ruby wusste alles über die Frau. »Vor zwei Jahren«, sagte sie, »als ich elf war, wurde meine Großmutter krank. Der erste Arzt meinte, es sei ihr Herz und sie würde in drei Monaten sterben. Aber der zweite Arzt meinte, sie würde sich wieder erholen und noch zwei Jahre leben.«

Unter ihnen fuhr ein Taxi mit quietschenden Reifen über die Rivington Street. Ruby drehte den Kopf und schaute mit zusammengekniffenen Augen zum East River hinüber, dessen Wasser nur noch eine grün-braune Brühe war.

»Ein Hindu stirbt zu Hause«, fuhr sie fort, »im Kreis seiner Angehörigen. Sogar Papas Verwandte aus Indien wollten kommen, aber was sollten wir ihnen sagen? Ihr müsst zwei Jahre lang bleiben? Dann hat Papa von dieser rishika gehört. Er ist zu ihr gegangen, und sie hat ihm gesagt, an welchem Tag Dadi sterben würde. Wir haben Dadis Bett ins Wohnzimmer geschoben, so dass sie in Richtung Osten blicken konnte. Dann haben wir eine Kerze angezündet und bei ihr gewacht. Wir haben gebetet und gesungen. Papas Brüder sind mit dem Flugzeug aus Chandigarh gekommen. Ich habe mit meinen Vettern und Kusinen auf dem Boden gesessen. Wir waren mindestens zwanzig. Als Dadi am sechzehnten Mai gestorben ist, genau wie die rishika es vorausgesagt hatte, haben wir alle vor Erleichterung geweint.«

»Wart ihr nicht sauer?«

»Warum denn?«

»Weil die Frau eure Oma nicht gerettet hat«, sagte Varya. »Weil sie sie nicht gesund gemacht hat.«

»Die rishika hat uns die Gelegenheit gegeben, uns von ihr zu verabschieden. Dafür können wir ihr gar nicht dankbar genug sein.« Ruby aß den letzten Rest des Kugl, dann faltete sie die Folie zur Hälfte. »Jedenfalls hätte sie Dadi nicht gesund machen können. Die rishika weiß Sachen, aber sie kann sie nicht verhindern. Sie ist schließlich nicht Gott.«

»Wo ist die Frau jetzt?«, fragte Varya. »Daniel hat gehört, dass sie in der Hester Street wohnt, aber er weiß nicht, in welchem Haus.«

»Das weiß ich auch nicht. Sie sucht sich jedes Mal eine andere Bleibe. Zu ihrer eigenen Sicherheit.«

Aus der Wohnung der Singhs war ein lautes Krachen zu hören, danach schrie jemand etwas auf Hindi.

Ruby stand auf und klopfte sich die Krümel vom Rock.

»Wie meinst du das? Zu ihrer eigenen Sicherheit?«, fragte Varya, während sie ebenfalls aufstand.

»Es gibt immer Leute, die so einer Frau an den Kragen wollen«, sagte Ruby. »Wer weiß, was die alles weiß …«

»Rubina!«, rief Rubys Mutter.

»Ich muss los.« Ruby sprang durchs Fenster und schloss es hinter sich. Varya lief die Feuerleiter hinunter.

Varya wunderte sich, dass sich die Kunde von der Wahrsagerin einerseits so weit herumgesprochen hatte, es andererseits aber immer noch Leute gab, die nichts von ihr gehört hatten. Als sie die Frau den Männern gegenüber erwähnte, die in Katz’s Delikatessen an der Theke bedienten, Männer mit auf die Arme tätowierten Zahlen, sahen die sie entsetzt an.

»Kinder«, sagte einer von ihnen, »lasst bloß die Finger davon.«

Er hatte so heftig reagiert, als hätte Varya ihn persönlich beleidigt. Verwirrt nahm sie ihr Sandwich und verließ den Laden, ohne das Thema noch einmal zu erwähnen.

Am Ende bekam Daniel die Adresse der Frau von den
Jungs, deren Gespräch er anfangs mitgehört hatte. Er lief den beiden am Wochenende zufällig auf der Williamsburg Bridge über den Weg, wo sie ans Geländer gelehnt herumstanden und kifften. Sie waren älter als er, vielleicht vierzehn, und er gestand ihnen, dass er sie belauscht hatte, ehe er sie fragte, ob sie vielleicht Genaueres wüssten.

Die Jungs nahmen sein Geständnis ziemlich locker hin und nannten ihm bereitwillig die Hausnummer, wo die Frau wohnte, meinten jedoch, sie wüssten nicht, wie man einen Termin bei ihr bekam. Es gehe das Gerücht, erklärten sie Daniel, dass sie eine Spende verlangte. Manche behaupteten, es handle sich um eine Geldspende, andere dagegen meinten, sie habe genug Geld, man müsse eben kreativ sein. Ein Junge hatte ihr ein totes Eichhörnchen mitgebracht, das er am Straßenrand gefunden, mit einer Zange aufgehoben und in einem zugeknoteten Plastikbeutel transportiert hatte. Aber Varya fand, so etwas würde niemand haben wollen, nicht einmal eine Wahrsagerin, und so warfen sie am Ende ihre gesammelten Ersparnisse in einen Stoffbeutel und hofften, dass das Geld ausreichen würde.

Wenn Klara nicht zu Hause war, holte Varya Das Buch der Wahrsagung unter dem Bett ihrer Schwester hervor und legte sich damit in ihr eigenes Bett. Auf dem Bauch liegend sprach sie die Worte laut aus: Haruspizium (Wahrsagen aus den Eingeweiden von Opfertieren), Zeromantie (Wachsgießen zu Zwecken der Wahrsagung), Rhabdomantie (Wahrsagung mit der Wünschelrute). An kühlen Tagen ließ der Wind die Zettel mit den Familienstammbäumen und die alten Fotos flattern, die sie mit Heftzwecken an der Wand über ihrem Bett befestigt hatte. Mithilfe dieser Dokumente spürt sie den geheimnisvollen Regeln der Vererbung nach, dem unsichtbaren Wirken der Gene, die immer wieder eine Generation überspringen, wie etwa bei den dünnen Beinen von Großvater Lev, die nicht Saul, sondern Daniel geerbt hat.

Lev ist zusammen mit seinem Vater, einem Tuchhändler, auf einem Dampfer nach New York gekommen, nachdem seine Mutter bei den Pogromen von 1905 ermordet worden war. Auf Ellis Island sind sie auf Krankheiten untersucht und auf Englisch befragt worden, während sie die erhobene Faust der eisernen Frau anstarrten, die teilnahmslos auf das Meer hinausschaute, das sie gerade überquert hatten. Levs Vater schlug sich mit der Reparatur von Nähmaschinen durch, während Lev in der Kleiderfabrik eines deutschen Juden arbeitete, der ihm gestattete, den Sabbat einzuhalten. Lev wurde zuerst zum stellvertretenden Abteilungsleiter, dann zum Abteilungsleiter befördert. 1930 gründete er in einem Kellergeschoss in der Hester Street seine eigene Firma: Gold’s Tailor & Dressmaking.

Varya wurde nach der Mutter ihres Vaters benannt, die für Lev die Buchhaltung machte, bis beide sich zur Ruhe setzten. Über ihre Großeltern mütterlicherseits weiß sie weniger, nur dass ihre Großmutter Klara hieß, so wie Varyas kleine Schwester, und 1913 aus Ungarn nach Amerika kam. Sie starb, als Varyas Mutter Gertie erst sechs Jahre alt war. Einmal haben sich Klara und Varya ins Schlafzimmer ihrer Eltern geschlichen und nach Spuren ihrer Großeltern gesucht. Irgendetwas Geheimnisvolles umgab dieses Paar, und wie Hunde witterten die Schwestern den Hauch von Ränke und Schande, während sie in der Kommode herumschnüffelten, in der Gertie ihre Unterwäsche aufbewahrte. In der obersten Schublade fanden sie ein Kästchen aus lackiertem Holz mit goldfarbenen Scharnieren. Darin befanden sich vergilbte Fotos, auf denen eine kleine, koboldhafte Frau mit kurzem schwarzen Haar und schweren Augenlidern abgebildet war. Auf dem ersten Foto war sie mit kess hervorgeschobener Hüfte in einem Trikotanzug mit Röckchen zu sehen, in der Hand einen Spazierstock, den sie über dem Kopf hielt. Ein anderes Foto zeigte sie auf einem Pferd sitzend und so weit zurückgebeugt, dass ein Stück nackter Taille zum Vorschein kam. Auf dem Foto, das Varya und Klara am besten gefiel, hing sie an einem Seil, an dem sie sich mit den Zähnen festhielt.

Zwei Dinge sagten ihnen, dass diese Frau ihre Großmutter war. Das erste war ein zerknittertes, mit Fingerabdrücken beschmiertes Foto, auf dem dieselbe Frau und ein hochgewachsener Mann ein Kind an der Hand hielten. Dieses Kind war ihre Mutter, das wussten Varya und Klara, auch wenn sie auf dem Foto noch sehr klein war: Sie hielt die Hände ihrer Eltern in ihren kleinen Patschhändchen, mit einem verblüfften Gesicht, wie sie es von Gertie nur zu gut kannten.

Klara beanspruchte das Kästchen samt Inhalt für sich.

»Es gehört mir«, sagte sie. »Ich trage ihren Namen. Ma schaut sowieso nie hinein.«

Doch schon bald fanden sie heraus, dass das nicht stimmte. Am Morgen, nachdem Klara das Lackkästchen mit ins Kinderzimmer genommen und unter ihrem Bett versteckt hatte, ertönte ein Aufschrei aus dem elterlichen Schlafzimmer, gefolgt von Gerties gekreischten Beschuldigungen, die Saul mit gedämpfter Stimme zurückwies. Einen Augenblick später stürmte Gertie ins Kinderzimmer.

»Wer von euch hat es geklaut?«, schrie sie. »Wer?«

Ihre Nasenflügel bebten, und ihre breiten Hüften füllten den Türrahmen, so dass kein Licht aus dem Flur ins Zimmer fiel. Klara war vor Angst den Tränen nahe. Nachdem Saul zur Arbeit gegangen und Gertie in die Küche gestampft war, schlich sie sich ins Elternschlafzimmer und verstaute das Kästchen da, wo sie es gefunden hatte. Wenn niemand zu Hause war, das wusste Varya, holte Klara jedes Mal die Fotos von der kleinen Frau aus dem Lackkästchen. Sie betrachtete die Leidenschaft und den Glanz ihrer Großmutter und schwor sich, in ihre Fußstapfen zu treten.

Seht euch nicht so komisch um«, zischt Daniel. »Tut so, als wärt ihr hier zu Hause.«

Die Geschwister Gold eilen die Treppe hoch. Die beige Farbe blättert von den Wänden, die Flure liegen im Dunkeln. Im vierten Stock bleibt Daniel stehen.

»Und was machen wir jetzt?«, flüstert Varya. Sie genießt es, wenn Daniel nicht weiterweiß.

»Wir warten«, sagt Daniel. »Bis einer rauskommt.«

Aber Varya will nicht warten. Es macht sie ganz kribbelig, und so geht sie allein den Flur hinunter.

Sie dachte, Magie würde spürbar sein, doch die Türen mit ihren zerkratzten Türknäufen und den aufgeschraubten Nummern sehen alle gleich aus. Die Vier der Nummer 54 hängt schief. Als Varya auf die Tür zugeht, hört sie Geräusche aus einem Fernseher oder einem Radio: ein Baseballspiel. In der Annahme, dass eine rishika sich nicht für Baseball interessiert, tritt sie wieder von der Tür zurück.

Ihre Geschwister haben sich verteilt. Daniel steht in der Nähe der Treppe, die Hände in den Hosentaschen, und behält die Türen im Auge. Simon kommt zu Varya, die immer noch vor der Vierundfünfzig steht, stellt sich auf die Zehenspitzen und rückt mit dem Zeigefinger die Vier gerade. Klara war den Flur in die entgegengesetzte Richtung hinuntergegangen, kommt aber jetzt zurück und gesellt sich zu ihnen. Sie riecht nach Breck Gold Formula-Shampoo, für das sie das ganze Taschengeld einer Woche ausgegeben hat; alle anderen in der Familie benutzen Shampoo von Prell, das wie Zahnpasta in einer Tube verkauft wird und so braun ist wie Seetang. Obwohl Varya nach außen hin verächtlich tut – sie würde nie so viel Geld für ein Shampoo ausgeben –, beneidet sie Klara insgeheim, die nach Rosmarin und Orangen duftet und gerade eine Hand hebt, um an die Tür zu klopfen.

»Was machst du da«, flüstert Daniel. »Wer weiß, wer da wohnt!«

»Ja?«

Die Stimme, die hinter der Tür ertönt, ist tief und mürrisch.

»Wir wollen zu der Frau«, ruft Klara.

Stille. Varya hält den Atem an. In der Tür befindet sich ein Spion, kleiner als der Radiergummi an einem Bleistift.

Hinter der Tür räuspert sich jemand.

»Einer nach dem anderen«, sagt die Stimme.

Varya und Daniel tauschen einen Blick. Sie sind nicht darauf vorbereitet, sich zu trennen. Doch ehe sie dazu kommen zu verhandeln, wird ein Riegel zurückgeschoben, und Klara – was denkt sie sich dabei? – geht durch die Tür.

Niemand weiß genau, wie lange Klara schon da drinnen ist. Varya kommt es vor wie Stunden. Sie sitzt an die Wand gelehnt, die Knie an die Brust gezogen. Sie denkt an Märchen, an Hexen, die Kinder stehlen und auffressen. Panik breitet sich in ihrem Magen aus wie die Äste eines Baums, die immer weiter wachsen. Dann endlich geht die Tür auf.

Varya springt auf, doch Daniel ist schneller. Sie hört Musik – eine Mariachi-Kapelle? – und das Klappern eines Topfs, der auf den Gasherd gestellt wird.

Bevor Daniel die Wohnung betritt, dreht er sich zu Varya und Simon um. »Macht euch keine Sorgen«, sagt er.

Aber sie tun es trotzdem.

»Wo ist Klara?«, fragt Simon, nachdem Daniel fort ist. »Warum ist sie nicht rausgekommen?«

»Sie ist noch drinnen«, sagt Varya, obwohl sie sich dasselbe gefragt hat. »Sie sind beide da drinnen. Klara und Daniel. Bestimmt warten die einfach auf uns.«

»Das war eine blöde Idee.« Simons blonde Locken sind ganz feucht vom Schweiß. Weil Varya die Älteste ist und Simon der Kleinste, hat sie das Gefühl, ihn eigentlich bemuttern zu müssen, aber Simon ist ihr ein Rätsel; nur Klara scheint ihn zu verstehen. Er redet weniger als die anderen. Beim Abendessen sitzt er stirnrunzelnd und mit glasigen Augen am Tisch. Dabei ist er sonst flink wie ein Wiesel. Manchmal, wenn Varya mit ihm zur Synagoge geht, ist sie plötzlich allein. Sie weiß zwar, dass Simon bloß vorausgelaufen ist oder hinterhertrödelt, aber jedes Mal kommt es ihr so vor, als wäre er spurlos verschwunden.

Als die Tür wieder aufgeht, auch diesmal nur einen Spaltbreit, legt sie ihm eine Hand auf die Schulter. »Ist in Ordnung, Simon, geh nur rein. Ich halte solange hier draußen Wache. Okay?«

Weswegen sie Wache hält, weiß sie selbst nicht so genau, der Flur ist genauso leer wie zu Anfang, als sie hergekommen sind. Varya ist schüchtern. Obwohl sie die Älteste ist, lässt sie den anderen immer gern den Vortritt. Aber Simon scheinen ihre Worte beruhigt zu haben. Er schiebt sich eine Locke aus dem Auge und geht hinein.

Als Varya allein ist, verschlimmert sich ihre Panik. Sie
fühlt sich von ihren Geschwistern abgeschnitten, als stünde sie an der Küste und schaute zu, wie ihre Schiffe davonfahren. Sie hätte sie nicht mit hierhernehmen sollen. Als die Tür erneut aufgeht, steht ihr der Schweiß in dicken Perlen auf der Oberlippe, und ihr Rockbund ist klatschnass. Aber es ist zu spät, um zu gehen, und die anderen warten. Varya drückt die Tür auf.

Und dann steht sie in einer winzigen Wohnung, die so vollgestopft ist, dass sie zunächst niemanden in dem Durcheinander sehen kann. Bücher türmen sich auf dem Boden wie Modelle von Wolkenkratzern. Auf den Küchenregalen sind keine Lebensmittel, sondern bündelweise Zeitungen, und auf der Anrichte stapeln sich haltbare Nahrungsmittel wie Kräcker, Haferflocken, Dosensuppen und jede Menge bunte Schachteln mit Teebeuteln. Auf einem Tisch liegen Spielkarten, astrologische Tabellen und Kalender – einer auf Chinesisch, einer mit römischen Zahlen – und ein Mondphasenkalender. An einer Wand hängt ein vergilbtes I-Ging-Poster mit den gleichen Hexagrammen, die auch in Klaras Buch der Wahrsagung abgebildet sind. Sie sieht eine mit Sand gefüllte Vase, Gongs und Kupferschalen, einen Lorbeerkranz, einen Haufen zweigähnlicher Holzstäbchen, in die horizontale Linien geritzt sind, eine Schale voll Steine, von denen einige an eine lange Schnur geknotet sind.

Nur eine Nische neben der Tür ist freigeräumt. Dort stehen ein Klapptisch und zwei Klappstühle, daneben ein kleinerer Tisch mit roten Stoffrosen und einer aufgeschlagenen Bibel. Rechts und links der Bibel sind zwei Gipselefanten sowie eine Gebetskerze, ein hölzernes Kreuz und drei weitere kleine Figuren angeordnet. Bei den Figuren handelt es sich um einen Buddha, eine Jungfrau Maria und den Kopf der Nofretete, was Varya daran erkennt, dass auf dem winzigen Sockel ein handgeschriebenes Schildchen klebt, auf dem steht NOFRETETE.

Varya hat plötzlich ein schlechtes Gewissen. In der Sonntagsschule hat Rabbi Chaim wider den Götzendienst gewettert und aus dem Traktat Avoda Sara vorgelesen. Ihre Eltern wären entsetzt, wenn sie wüssten, dass sie hier ist. Aber hat Gott die Wahrsagerin nicht genauso geschaffen wie Varyas Eltern? In der Synagoge versucht Varya zu beten, doch Gott antwortet ihr nie. Die rishika wird wenigstens mit ihr sprechen.

Die Frau steht an der Spüle und füllt ein zierliches metallenes Teeei vorsichtig mit Teeblättern. Sie trägt ein weites Baumwollkleid, lederne Sandalen und ein marineblaues Kopftuch. Ihr langes braunes Haar hat sie zu zwei dünnen Zöpfen geflochten. Obwohl sie sehr beleibt ist, sind ihre Bewegungen geschmeidig und gezielt.

»Wo sind meine Geschwister?« Varyas Stimme klingt rau, und sie schämt sich dafür, dass man ihr ihre Verzweiflung anhört.

Die Jalousien sind heruntergelassen. Die Frau nimmt eine Henkeltasse vom oberen Regalbrett und hängt das Teeei hinein.

»Ich möchte wissen«, sagt Varya etwas lauter, »wo meine Geschwister sind.«

Ein Wasserkessel pfeift auf dem Herd. Die Frau schaltet das Gas ab und hält den Wasserkessel über die Tasse. Wasser schießt in einem dicken, klaren Strahl heraus, und ein Geruch wie von frisch gemähtem Gras breitet sich aus.

»Draußen«, sagt sie.

»Nein, sind sie nicht. Ich hab im Flur gewartet, und sie sind nicht rausgekommen.«

Die Frau macht einen Schritt auf Varya zu. Ihre Wangen sind teigig, und sie hat eine Knollennase. Sie hat die Lippen geschürzt. Ihre Haut ist goldbraun wie die von Ruby Singh.

»Wenn du mir nicht vertraust, kann ich nichts machen«, sagt sie. »Zieh die Schuhe aus. Dann kannst du dich setzen.«

Gehorsam streift Varya ihre ledernen Halbschuhe ab und stellt sie neben die Tür. Vielleicht hat die Frau recht. Wenn Varya ihr nicht vertraut, war alles umsonst, was sie für dieses Treffen riskiert haben: die Blicke ihres Vaters, der Unmut ihrer Mutter, das ganze gesparte Taschengeld. Sie setzt sich an den Klapptisch. Die Frau stellt die Teetasse vor sie. Varya denkt an Tinkturen und Gifte, an Rip Van Winkle und seinen zwanzigjährigen Schlaf. Dann denkt sie an Ruby. Sie weiß Sachen, diese rishika, hat Ruby gesagt. Dafür können wir ihr gar nicht dankbar genug sein. Varya hebt die Tasse und trinkt einen Schluck.

Die rishika setzt sich auf den Klappstuhl ihr gegenüber. Sie betrachtet Varyas verspannte Schultern, ihre feuchten Hände, ihr Gesicht.

»Dir geht es in letzter Zeit nicht besonders gut, nicht wahr, meine Kleine?«

Varya ist völlig überrascht. Sie muss schlucken. Dann schüttelt sie den Kopf.

»Und du möchtest, dass sich das ändert?«

Varya schweigt, aber ihr Puls rast.

»Du machst dir Sorgen«, sagt die Frau nickend. »Du hast Probleme. Du lächelst nach außen hin, du lachst, aber tief in deinem Herzen bist du nicht glücklich. Du bist allein. Hab ich recht?«

Varyas Lippen zittern, als sie nickt. Ihr Herz ist zum Überlaufen voll.

»Das ist schade«, sagt die Frau. »Daran müssen wir arbeiten.« Sie schnippt mit den Fingern und zeigt auf Varyas linke Hand. »Deine Handfläche.«

Varya rutscht auf die Stuhlkante und streckt ihre Hand aus. Die Hände der rishika sind kühl und flink. Varyas Atem geht flach. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen Fremden berührt hat. Normalerweise trägt sie eine unsichtbare Membran, die sie wie ein Regenmantel vor Fremden schützt. In der Schule sind die Pulte ganz klebrig von den vielen Fingerabdrücken, und auf dem Pausenhof wimmelt es nur so von Vorschülern, und wenn sie nach Hause kommt, wäscht sie sich die Hände, bis sie ganz wund sind.

»Können Sie das wirklich?«, fragt sie. »Können Sie mir sagen, wann ich sterbe?«

Die Willkür des Schicksals macht ihr Angst: Farblose Pillen können das Bewusstsein erweitern oder völlig auf den Kopf stellen. Männer werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und in die Cam Ranh-Bucht oder ins Dong Ap Bia-Massiv geschickt, wo mitten im Bambusdickicht und zwischen vier Meter hohem Elefantengras tausend Leichen verstreut liegen. Sie hatte einen Klassenkameraden, Eugene Bogopolski, dessen drei Brüder nach Vietnam geschickt wurden, als Varya und Eugene erst neun waren. Alle drei sind wieder heimgekehrt, und die Bogopolskis haben in ihrer Wohnung in der Broome Street eine Party gegeben. Ein Jahr später hat Eugene im Schwimmbad einen Kopfsprung gemacht, ist mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen und gestorben. Ihr eigenes Todesdatum wäre eine Sache – vielleicht die wichtigste –, die Varya erfahren möchte.

Die Frau schaut Varya an. Ihre Augen sind glänzende schwarze Murmeln.

»Ich kann dir helfen«, sagt sie.

Sie nimmt Varyas Hand, mustert zuerst die Form der Handfläche, dann die stumpfen, breiten Finger. Sanft biegt sie Varyas Daumen nach hinten; er lässt sich nicht weit biegen. Sie untersucht die Zwischenräume zwischen Ringfinger und kleinem Finger. Sie drückt die Kuppe von Varyas kleinem Finger.

»Wonach schauen Sie?«, fragt Varya.

»Nach deinem Charakter. Schon mal von Heraklit gehört?« Varya schüttelt den Kopf. »Griechischer Philosoph. Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal – das hat er gesagt. Die beiden sind miteinander verbunden wie Geschwister. Möchtest du die Zukunft wissen?« Sie zeigt mit ihrer freien Hand auf Varya. »Schau in den Spiegel.«

»Und was ist, wenn ich mich ändere?« Es scheint Varya unmöglich, dass ihre Zukunft bereits in ihr ist wie eine Schauspielerin, die jahrzehntelang hinter den Kulissen auf ihren Auftritt wartet.

»Dann wärst du eine Ausnahme. Denn die meisten Menschen ändern sich nicht.«

Die rishika dreht Varyas Hand um und legt sie auf den Tisch.

»Einundzwanzigster Januar 2044«, sagt sie so sachlich, als würde sie die Temperatur angeben oder den Gewinner eines Baseballspiels nennen. »Du hast noch viel Zeit.«

Einen Moment lang hüpft Varyas Herz. 2044 wäre sie achtundachtzig, ein respektables Alter zum Sterben. Dann hält sie inne.

»Woher wissen Sie das?«

»Habe ich nicht gesagt, du sollst mir vertrauen?« Die rishika zieht ihre dichten Augenbrauen zusammen. »So, ich möchte, dass du jetzt nach Hause gehst und über das nachdenkst, was ich gesagt habe. Wenn du das tust, wirst du dich besser fühlen. Aber sprich mit niemandem darüber, abgemacht? Was in deiner Hand geschrieben steht, was ich dir gesagt habe – das bleibt alles unter uns.«

Die Frau schaut Varya in die Augen, und Varya erwidert ihren Blick. Jetzt, wo Varya diejenige ist, die begutachtet, und nicht diejenige, die begutachtet wird, passiert etwas Merkwürdiges. Die Augen der Frau verlieren ihren Glanz, ihre Bewegungen verlieren ihre Geschmeidigkeit. Die Zukunft, die sie Varya vorausgesagt hat, ist allzu gut, und das ist der Beweis für den Betrug der Seherin: Wahrscheinlich sagt sie allen dasselbe. Varya denkt an den Zauberer von Oz. Ebenso wenig wie dieser ist die Frau eine Magierin oder Seherin. Sie ist eine Schwindlerin, eine Trickbetrügerin. Varya steht auf.

»Mein Bruder hat Sie sicherlich schon bezahlt«, sagt sie und zieht ihre Schuhe wieder an.

Die Frau steht ebenfalls auf. Sie geht zu einer Tür, hinter der Varya einen Wandschrank vermutet – an der Klinke hängt ein BH, die Körbchen so groß wie die Netze, mit denen Varya im Sommer Schmetterlinge fängt –, aber nein: Es ist die Tür nach draußen. Die Frau öffnet sie einen Spaltbreit, und Varya sieht einen Streifen rote Backsteinwand, ein Stück Feuertreppe. Als sie die Stimmen ihrer Geschwister von unten hört, weitet sich ihr Herz.

Aber die rishika baut sich vor ihr auf wie eine Barriere. Sie kneift Varya in den Arm.

»Alles wird gut für dich, meine Kleine.« Etwas Bedrohliches schwingt in ihren Worten mit, als wäre es wichtig, dass Varya sie hört, dass Varya daran glaubt. »Alles wird gut.«

Zwischen den Fingern der Frau färbt Varyas Haut sich weiß.

»Lassen Sie mich los«, sagt sie.

Sie wundert sich selbst über die Kühle ihrer Stimme. Im Gesicht der Frau fällt ein Vorhang. Sie lässt Varya los und tritt zur Seite.

Varya läuft die Feuertreppe hinunter, die unter ihren Halbschuhen scheppert. Eine Brise streichelt ihre Arme und zaust die zarten hellbraunen Haare, die neuerdings an ihren Beinen wachsen. Unten angekommen, sieht sie, dass Klara Tränen über die Wangen laufen und ihre Nase rot leuchtet.

»Was ist los?«

Klara fährt herum. »Na, was wohl?«

»Aber du kannst doch nicht im Ernst daran glauben …« Varya sieht Daniel hilfesuchend an, doch dessen Gesicht ist wie versteinert. »Egal, was sie dir gesagt hat – es hat nichts zu bedeuten. Sie hat es erfunden. Stimmt’s, Daniel?«

»Stimmt.« Daniel wendet sich in Richtung Straße. »Gehen wir.«

Klara packt Simon am Arm und zieht ihn auf die Füße. Er hält immer noch den Stoffbeutel umklammert, der so voll ist wie zuvor.

»Du solltest sie doch bezahlen«, sagt Varya.

»Ich hab’s vergessen«, sagt Simon.

»Sie hat unser Geld nicht verdient.« Daniel steht auf dem Gehweg, die Hände in die Hüften gestemmt. »Los, kommt!«

Schweigend machen sie sich auf den Heimweg. Varya hat sich von den anderen noch nie so weit entfernt gefühlt. Beim Abendessen stochert sie in ihrem Fleischeintopf herum, und Simon isst überhaupt nichts.

»Was ist los, mein Kleiner?«, fragt Gertie.

»Hab keinen Hunger.«

»Warum denn nicht?«

Simon zuckt die Achseln. Im Licht der Lampe, die über dem Tisch hängt, wirken seine blonden Locken weiß.

»Iss das Essen, das deine Mutter gekocht hat«, sagt Saul.

Simon schüttelt den Kopf. Setzt sich auf seine Hände.

»Was ist denn nur los?«, fragt Gertie besorgt. »Schmeckt es dir nicht?«

»Lass ihn in Ruhe.« Klara zaust Simons Haare, aber er wendet sich ab und schiebt seinen Stuhl zurück, so dass es laut quietscht.

»Ich hasse euch!«, ruft er und springt auf. »Ich! Hasse! Euch alle!«

»Simon«, sagt Saul und steht auf. Er trägt immer noch den Anzug, in dem er zur Arbeit gegangen ist. Sein Haar wird allmählich schütter, und es ist heller als Gerties, ein ungewöhnliches rötliches Blond. »So sprichst du nicht zu deiner Familie.«

Er wirkt hölzern in seiner Rolle. Normalerweise ist Gertie die Zuchtmeisterin. Jetzt sitzt sie nur mit offenem Mund da.

»Aber es stimmt«, sagt Simon. Sein Gesicht drückt Verblüffung aus.

TEIL EINS

Du würdest tanzen, Kleiner.

1978 – 1982

Simon