Das Buch
2017 – die Ära von Trump, Brexit und Fake-News. Zwanzig Jahre sind seit Steven Stelfoxs mörderischem Rundumschlag in Kill Your Friends vergangen. In Gott bewahre trat er noch einmal als unerbittlicher Juror der größten amerikanischen Casting-Show in Erscheinung.
Nun, mit siebenundvierzig Jahren genießt er ein geruhsames Jetset-Leben. Wenn er Langeweile hat, verdingt er sich als Berater in der Musikindustrie. Und löst Probleme.
Und sein alter Freund James Trellick, mittlerweile CEO der größten amerikanischen Plattenfirma, hat ein massives Problem: Sein Künstler Lucius Du Pre ist der erfolgreichste Popstar auf Erden. Nun ja, er war der erfolgreichste Popstar auf Erden. Inzwischen ist er ein hoffnungsloser Junkie und unberechenbares Sexmonster. Um die irrsinnigen Vorschüsse wieder einzuspielen, ist eine weltweite Comeback-Tour geplant. Doch dafür müsste er erst wieder in Form kommen. Und es gilt einen Erpressungsversuch abzuwenden – ein Video mit kompromittierenden Szenen, das nie an die Öffentlichkeit gelangen darf.
Welcome back, Steven Stelfox. Er kennt keine moralischen Bedenken und geht bekanntlich über Leichen. Das Klima des »amerikanischen Gemetzels« – des Populismus, der puren Gier und der großen Lügen – spielt ihm in die Karten. Aber in dieser Zeit der Unsicherheit weiß man natürlich nie, was als Nächstes geschieht.
Der Autor
John Niven, geboren in Ayrshire im Südwesten Schottlands, spielte in den Achtzigern Gitarre bei der Indieband The Wishing Stones, studierte dann Englische Literatur in Glasgow und arbeitete schließlich in den Neunzigern als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte. 2008 landete er mit dem Roman Kill Your Friends – einer rabenschwarzen Satire auf die Musikindustrie – einen internationalen Bestseller. Es folgten die Romane Coma, Gott bewahre, Das Gebot der Rache, Straight White Male, Old School und Alte Freunde. Er lebt derzeit in Buckinghamshire, England.
John Niven
KILL
’EM ALL
Roman
Aus dem Englischen
von Stephan Glietsch
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
KILL ’EM ALL
bei William Heinemann, Penguin Random House, London
Copyright © 2018 by John Niven
Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Thomas Brill
Covergestaltung: Nele Schütz Design / Margit Memminger,
unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock / gabrisigno
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN: 978-3-641-22016-7
V003
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Für Keith
»Alle Imperien sind aus Feuer und Blut erbaut.«
Pablo Escobar
JANUAR
1
Hertfordshire, England, Freitag, 20. Januar 2017, 6:40 Uhr
Im Maybach ist es zu kalt.
Ich weise Grahame an, die Klimaanlage auszuschalten. Leichte Graupelschauer prasseln gegen die getönten Scheiben, Winternebel liegt über den lautlos vorbeiziehenden Wiesen und Feldern. Die Scheinwerfer erfassen ein Schild mit den Wörtern »Flughafen Luton, 3 Meilen«. Wir verlassen die M1, und das Schild verschwindet hinter uns in der kalten, schwarzen Nacht. Ich sitze auf der Rückbank und lese auf dem Smartphone die neuesten Nachrichten – heute ist die Amtseinführung – und Fachmagazine: Billboard, Variety, Music Week. Angesichts der jüngsten Erfolge von Ariane Grande, Bruno Mars und den Chainsmokers in den wöchentlichen Single-Charts empfinde ich weder Genugtuung noch Verbitterung. Für Unigram war es dagegen mal wieder keine gute Woche, der Aktienkurs des Labels hat es irgendwie geschafft, noch weiter zu fallen. Das Cover des Billboard-Magazins schmückt mit Lucius Du Pre der erfolgreichste Künstler von Unigram, der dem Vernehmen nach in Kürze mit den Proben für seine Comeback-Shows im Sommer beginnt: Geplant sind zwanzig Konzerte im New Yorker Madison Square Garden und im Anschluss daran zwanzig weitere in der Londoner O2 Arena.
Mit Schrecken erinnere ich mich an die lange zurückliegende Zeit, in der die wöchentliche Lektüre dieser Branchenmagazine ein steter Quell von Panik und Nervosität für mich gewesen ist. Jedes Mal zitterte ich abwechselnd freudig oder verängstigt der Antwort auf die Frage entgegen, welche Kollegen und Konkurrenten aufgestiegen (traumatisch) oder gestürzt (erfreulich) waren, wer eingestellt und wer gefeuert würde. Und heute? Heute lesen sich diese Blätter wie Berichte von Kriegen und Schlachten, deren Fronten nicht weiter von mir entfernt verlaufen könnten. In einem anderen Land. Auf einem anderen Planeten.
Falls ihr euch in den letzten fünfzehn Jahren den Taliban angeschlossen, in einer Höhle gehaust, Nagelbomben gebaut und Bergziegen penetriert haben solltet, stelle ich mich gerne noch mal kurz vor. In meinem Wikipedia-Eintrag steht: »Nach einer erfolgreichen Karriere als A&R-Manager in der Musikindustrie rief Stelfox 2003 die ABN-Fernsehshow American Pop Star ins Leben, für die er eine Zeit lang auch als Juror tätig war.« Und das lief auch alles wie geschmiert, bis eines Tages dieser kleine Spinner auftauchte, der sich für Jesus Christus hielt und wegen dem der ganze Laden den Bach runterging. Ihr habt die Show sicher gesehen: Unterschichtenprolls singen Mariah-Carey-Songs zur Unterhaltung anderer Unterschichtenprolls, die ihre Sozialhilfeschecks auf den Kopf hauen, um am Telefon für sie abzustimmen. Wir lizenzierten die Rechte an Gott und die Welt, bevor wir das Format Ende 2011 verkauften und dafür zweihundert Millionen Dollar einsackten. Das war vor sechs Jahren. Mit zweiundvierzig in den vorzeitigen Ruhestand. Wie es mir seitdem ergangen ist, wollt ihr wissen? Was ich den ganzen Tag so treibe? Was für ein Leben ich führe? Okay, nehmen wir mal den letzten Monat …
Mitte Dezember habe ich mein Haus im arschkalten London (700 Quadratmeter in Holland Park) den Angestellten (Roberta, meiner Londoner Haushälterin, und Grahame, der mich gerade fährt) überlassen, und wir (das heißt ich, eine Bekannte sowie meine Kumpels Hedgefonds-Paul und Investmentbanking-Mel) sind mit dem Privatjet nach Barbados geflogen, um dort an Bord einer Jacht zu gehen. Ich habe die Mistrial bereits zum zweiten Mal gemietet, und sie ist der absolute Hammer. Ihr solltet sie sehen: knapp sechzig Meter lang, sieben Zimmer inklusive einer (meiner) riesigen Mastersuite, Platz für bis zu fünfzehn Crewmitglieder (auch wenn wir nur sieben an Bord hatten – ganz so anspruchsvoll bin ich dann auch wieder nicht), Fitnessraum, Jacuzzi, eine Reichweite von 8000 Kilometern und eine Spitzengeschwindigkeit von sechzehn Knoten. Das perfekte Schiff für einen Törn durchs Mittelmeer oder die Karibik.
Auf Barbados haben wir dann erst einmal ordentlich auf die Kacke gehauen. An den üblichen Orten und mit den üblichen Verdächtigen: im Sandy Lane, The Cliff, Cin Cin, The Tides und Daphne’s mit Todd, Wayne, Philip, Simon, Lev, Vlad, Roman und einer ständig wechselnden, austauschbaren Entourage von ISBs – internationalen Spitzenbräuten –, den Kellys, Meghans, Swetlanas und Brooks dieser Welt. Bestimmte Qualitäten sind allen von ihnen gemein: Keine ist über dreißig, alle haben riesige Brüste, schmale Taillen und die Fähigkeit, lang und überzeugend über unsere Witze zu lachen. Auch die Herren der Schöpfung haben etwas gemeinsam. Na, könnt ihr euch denken, was? Richtig: Keiner von uns nagt am Hungertuch.
Nachdem wir eine Woche lang nichts als groben Unfug getrieben hatten, lichteten wir schließlich den Anker und setzten Kurs auf Grand Cayman – über St. Lucia, Montserrat sowie die Turks- und Caicosinseln –, wo ich geschäftlich zu tun hatte. Auf sämtlichen Inseln, die man auf so einem Trip besucht, folgt das Prozedere mehr oder weniger demselben Prinzip: Man ankert und fährt mit dem Speedboot (zur Mistrial gehört ein Van-Dutch-Zehnsitzer mit einer Spitzengeschwindigkeit von locker 100 km/h) in die Stadt, um dort im gerade angesagtesten Laden ein ausgedehntes, von reichlich Alkohol begleitetes Essen zu sich zu nehmen. Beim Essen zieht man die Blicke zahlreicher Bräute auf sich, die die coolen Restaurants rund um den Hafen durchforsten und denen nicht entgangen ist, wie du Anker gesetzt hast und an Land gegangen bist. Nach dem Essen geht es für ein Nachmittagsschläfchen zurück aufs Schiff, um anschließend vielleicht noch ins Wasser zu springen und eine Runde zu schwimmen, ein paar Gesellschaftsspiele zu spielen oder mit dem Jet-Ski über die Wellen zu rasen, bevor gegen 19 Uhr die Cocktails gereicht werden. Hat man ein paar davon intus, geht es mit dem Van Dutch zum Abendessen in einen weiteren Aufreißerschuppen zurück in die Stadt. Danach zieht man weiter, gewöhnlich in einen Club, um ein paar von diesen Super-Groupies aufzugabeln, die einen schon den ganzen Abend begaffen, um mit ihnen zur Jacht zurückzukehren, auf Deck die Musik aufzudrehen und bis drei oder vier zu feiern, bevor man dann mit wem auch immer unter Deck verschwindet. Am frühen Nachmittag quält man sich aus dem Bett, einer von der Crew schippert die ISBs an Land, und dasselbe Spiel geht wieder von vorne los.
Nachdem das nun gute vierzehn Tage so gelaufen war, freute ich mich richtiggehend darauf, die Caymans zu erreichen und mich ein paar Tage ums Geschäft zu kümmern. Edgar, der Leiter meines Finanzteams, war aus London eingeflogen, um mir ein paar Formulare vorzulegen, für die im Zusammenhang mit verschiedenen Firmen, die ich hier auf Grand Cayman unterhalte, meine Unterschrift benötigt wurde. Selbstverständlich sind die Caymans kein Steuerparadies mehr. Wer etwas anderes behauptet, der lügt! Inzwischen haben sie sich nämlich den Titel »internationales Finanzzentrum« zugelegt. Ein echter Geniestreich. Das ist in etwa so, als würde sich Peter Madsen einen Pressebetreuer nennen. Ich schwöre bei Gott, dass ich mich manchmal nur mit Mühe und Not zurückhalten kann, meinen Schwanz aus der Hose zu holen und mir einen von der Palme zu wedeln beim Gedanken an all die Schulen, Krankenhäuser und Straßen, die von meinem Geld nie etwas abbekommen werden. Zahlt ihr Steuern? Ich schätze schon. Vermutlich drückt ihr irgendwas zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Prozent von dem erbärmlichen Hungerlohn, den ihr Einkommen schimpft, ans Finanzamt ab. Im Fiskaljahr 2015/16 betrug mein Steuersatz knapp zwölf Prozent. Was natürlich immer noch zu hoch ist. Kein Wunder, dass ich mich jeden Januar dabei ertappe, wie ich Edgar ungläubig anbrülle: »Wie viel wollen diese Wichser von mir haben?«
Aber hier auf Grand Cayman gibt es keine Steuern. Gar keine. Du kannst dein gesamtes Geld behalten und es weiterleiten, wohin du willst. Diese Insel ist die Inkarnation der »Pferdeäpfel-Theorie«. Ihr wollt wissen, was die einheimische Bevölkerung davon hat? Tja, vierzig Prozent dieser armen Würstchen leben in Armut, und ein Päckchen Fischstäbchen kostet sie acht Pfund. Spitzenresultat!
Seht euch euer eigenes Leben an. Na los. Wie ihr wohnt. Was ihr anzieht. Die Restaurants, in denen ihr esst. Wohin ihr in Urlaub fahrt. Ganz ordentlich, oder? Euch geht’s doch nicht schlecht.
Ihr seid nichts.
In einer Welt, in der nur das Geld zählt, ist euer Leben ein Pisspott. Ein menschliches Urinal. Eure bloße Existenz ist blanker Selbstmord. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Großbritannien beträgt 28000 Pfund. Ich habe das Zwanzigfache damit verdient, dass ich vor dem Brexit gegen das britische Pfund gewettet habe. Mit einer einzigen Wette auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen habe ich sogar noch mehr verdient. Warum? Woher ich wusste, wie das geht? Wie ich diese Kaninchen aus dem Hut gezaubert habe, als ihr auf eurem billigen Kunstledersofa gesessen, euch eure ekligen Eier gekrault und beim Pizzaservice eine große Pädophilia mit extra Pimmelkäse bestellt habt, während eure adipösen Monsterweiber in ihren »Jeggings« über den quietschenden und knarrenden, hauchdünnen Laminatboden gewalzt sind und mit ihrem IMAX-großen Fettarsch den einzigen Wertgegenstand verdeckt haben, den ihr besitzt, einen riesigen Plasmafernseher, den ihr zweifellos bei einem Elektromarkt mit einem so klangvollen Namen wie Pöbelhaus XXL auf Kredit gekauft habt, zu einem Jahreszins von dreitausend Prozent? Ich wusste, was ich zu tun hatte, weil ich aus meiner Zeit in der Musikbranche eine sehr wichtige Lehre gezogen habe. In den zwanzig Jahren, in denen ich einen dampfenden Haufen Scheißmusik nach dem anderen in Idiotenkehlen gestopft habe, habe ich etwas gelernt, das mir in der Vergangenheit immer wieder verdammt gute Dienste geleistet hat. Und das ist Folgendes: Unterschätze niemals den schlechten Geschmack des Pöbels. Musik, Fernsehen, Filme, Möbel, Essen, Architektur, Politik – es gibt absolut keine Abgründe, auf deren Niveau diese Vollpfosten nicht sinken könnten. Um ungestraft »Ausländer raus!« rufen zu können, würden sie in der Wahlkabine bereitwillig dafür stimmen, den Rest ihres erbärmlichen Daseins in einer grausamen Reality-Version von Cormac McCarthys Die Straße zu verbringen. Überall wo die Menschen so ticken, lässt sich ohne Ende Geld scheffeln.
Jedenfalls haben wir ein paar Tage auf den Caymans abgehangen, bevor wir schließlich ins Flugzeug zurück nach Heathrow gestiegen sind. Eigentlich hatte ich geplant, anschließend noch etwas Zeit in London zu verbringen, um Ende Januar wie üblich nach Courchevel zu fliegen, zum Skifahren mit meinen alten Kollegen aus der Musikbranche – den erfolgreichen natürlich, nicht denen, die irre geworden, pleitegegangen oder in der Entzugsklinik geendet sind. Dieser Plan wurde allerdings unerwartet über den Haufen geworfen, als ich überraschend einen Anruf oder vielmehr einen Notruf erhielt – denn nur so kann ich ihn bezeichnen.
Von Trellick.
Sicher erinnert ihr euch noch an James Trellick. Den Rechtsverdreher. Er und ich, wir haben gemeinsam Karriere gemacht, damals in den Neunzigern. Trellick lebt inzwischen in Los Angeles und ist Geschäftsführer von Unigram. Wir sind stets in Verbindung geblieben, schicken uns gegenseitig Glückwunsch-E-Mails, wenn mal wieder ein gemeinsamer Gegner öffentlich niedergemacht wird, gehen hin und wieder zusammen was essen, wenn er in London ist oder ich drüben bin. In den Nullerjahren, als ich die TV-Show gemacht habe, sind wir in Beverly Hills mal eine Weile Nachbarn gewesen – zumindest so gut wie. Um Trellick, dieses klassische Produkt der Eliteschulen von Eton und Oxford, mit einem Wort zu beschreiben, war bislang eigentlich kein Ausdruck besser geeignet als »unerschütterlich«. Nicht so letzte Nacht. Letzte Nacht wirkte Trellick sogar ausgesprochen erschüttert. Am Telefon konnte er zwar nicht ins Detail gehen, und schreiben wollte er mir schon gar nicht, worum es ging – aber sein Anliegen war so dringend, dass er mich am liebsten gleich heute Morgen in L. A. sehen wollte. So dringend, dass er mein gewaltiges Beratungshonorar anstandslos abnickte, nur damit ich mich schnellstmöglich seines Problems annehme. So dringend, dass es in mir eine Regung weckte, die sich in letzter Zeit nur äußerst selten bemerkbar gemacht hat: echte Neugierde.
»Wir sind da, Boss«, informiert mich Grahame. Beim Anblick der Flughafenlichter male ich mir die Szenen aus, die sich dort drinnen gerade abspielen. Tätowierte Mütter und Väter, die ihre schreienden Kinder durch die Filiale von Kentucky Fried Chicken schubsen. Streit und Krawall in den drei Kilometer langen Schlangen. Durchgeknallte Arsenal-Fans, die schon um sieben Uhr morgens ihre Bierkrüge auf den Tresen der Flughafenkneipe hämmern, außer sich, dass sie für ihr Pfund nur noch einen halben Euro kriegen. Keiner dieser Hirnis hatte das kommen sehen, als sie letztes Jahr voller Stolz das mit »Austreten« beschriftete Kästchen auf dem Wahlzettel angekreuzt haben. Gerade als mir diese Fantasie eines Lebens, in dem ich tatsächlich vor dem Flughafen Luton halte, den Terminal betreten und all die imaginierten Schrecken hautnah miterleben muss, schon bedrohlich real erscheint, fährt Grahame im Kreisverkehr links, und der mintgrüne Schriftzug des Holiday Inn Express bleibt rechts von uns zurück, bevor wir in die vertraute Zufahrt des RSS Private Jet Centre einbiegen. Über das flache VIP-Gebäude hinweg kann ich bereits das Flugzeug sehen, eine Gulfstream G550 mit dem Unigram-Logo am Heck.
Allein die Vorstellung! Ein Linienflug – was für ein Albtraum.
Zugegeben: Mehr als alles andere, mehr als die Tatsache, dass ich meinem alten Kumpel aus der Patsche helfen will (ja, schon klar), motiviert mich der Umstand, dass mich an manchen Tagen die Sorge umtreibt, ein Lebensstil wie der soeben von mir beschriebene könne als ein klein wenig … stumpfsinnig empfunden werden. Deshalb bin ich einerseits im Ruhestand, andererseits aber auch wieder nicht. Irgendwas muss man schließlich tun, nicht wahr? Scheiße, sonst wird man irgendwann verrückt. Also arbeite ich gelegentlich als »Consultant«. Wenn das Projekt reizvoll genug und das Honorar hoch genug ist, steige ich ins Flugzeug. Wie vor ein paar Jahren, als Warner Music das Konkurrenzlabel EMI übernommen hat. Ich habe den Deal persönlich mit eingefädelt – hinter den Kulissen natürlich. Ein paar Monate Arbeit für eine siebenstellige Summe. Einen angenehmen Nebeneffekt hatte es noch dazu: Ich konnte den Rauswurf einiger Witzfiguren bewerkstelligen, die es in den Neunzigern gewagt hatten, sich mit mir anzulegen. (Wie es der große Mann in seinem Buch Nicht kleckern, klotzen! so treffend formuliert: »Ich liebe es, mich zu rächen, wenn mich jemand über den Tisch gezogen hat. Üben Sie immer Vergeltung. Im Geschäftsleben müssen Sie es Menschen, von denen Sie abgezockt wurden, immer heimzahlen. Sie müssen sie dann fünfzehn Mal so schlimm abzocken. Das tun Sie nicht nur, um die Person dranzukriegen, die Sie über den Tisch gezogen hat, sondern auch, um anderen zu zeigen, was mit ihnen passiert, wenn sie Sie über den Tisch ziehen. Wenn jemand Sie angreift, zaudern Sie nicht. Zielen Sie auf die Halsschlagader.«) Außerdem ist da noch … und ich gebe das nur sehr ungern zu … aber da ist so ein Hauch eines Zweifels. Das nagende Gefühl, ich könnte der Musikindustrie womöglich zur falschen Zeit den Rücken zugedreht haben.
Die Musikindustrie. Was, glaubt ihr, ist mit ihr passiert? Wenn ihr den kleinen Mann von der Straße fragt, den Durchschnittsmongo, der tagtäglich seinen Hintern von der Kneipe ins Wettbüro schleppt, dann bekommt ihr so etwas zu hören wie: »Ach ja. Die ist längst Geschichte. Das Internet hat die Musikindustrie zerstört. Niemand braucht heute noch Plattenfirmen. Mein Kumpel Glen hat sein Album online veröffentlicht und achthundert Stück davon verkauft. Die Gatekeeper sind weg vom Fenster.«
Ich greife zum Smartphone und öffne meinen Twitter-Account. Ich finde einen Tweet, den ich letzte Woche favorisiert habe. Er ist von Roger McGuinn, dem ehemaligen Gitarristen der Sechzigerjahre-Proto-Indie-Loser The Byrds. Roger schreibt: »Im zweiten Quartal 2016 hat Pandora ›Eight Miles High‹ 228086 Mal gespielt und mir dafür 1,79 Dollar gezahlt.«
Anderthalb Kröten für eine Viertelmillion Plays.
Selbst um diese unchristliche Zeit bringt mich das so laut zum Lachen, dass Grahame sich genötigt sieht, sich zu erkundigen, ob es mir gutgeht. Zugegeben, Anfang der Nullerjahre war die Situation dank Napster und all diesem Quatsch ein Weilchen etwas beängstigend, aber letztendlich hat sich alles zum Guten entwickelt. Wir haben es tatsächlich mal wieder geschafft, könnt ihr das glauben? Von Notenblättern über Schellack-Platten, Singles und LPs bis hin zu Musikkassetten, CDs und – heute – dem Internet: Der Musikindustrie ist es erneut gelungen, einer ganzen Generation von Musikern einen drei Meter langen, scherbenbesetzten Dildo in den Arsch zu rammen. Diese Klausel, die »alle noch zu entdeckenden Technologien« abdeckt und die wir seit gut dreißig Jahren in sämtliche Verträge schreiben, ist einfach der absolute Oberknaller. Ich würde liebend gerne mal in der Zeit zurückreisen, um diesem abgewichsten Satansbraten von Anwalt die Hand zu schütteln, der sich diese Wunderformel ausgedacht hat. In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern haben wir den Künstlern dank dieser Klausel für eine CD-Single, die wir für vier Pfund verhökert haben, eine Zeit lang dieselben Tantiemen gezahlt wie für eine Vinyl-Single, die für die Hälfte des Preises über den Ladentisch ging. Wenn ein Songschreiber einen Hit bei Spotify landet, ist diese Klausel der Grund dafür, dass er bald darauf entsetzt feststellen wird: Seine Millionen Plays bringen ihm lächerliche fünf Dollar ein. Aber wohin geht denn dann der Rest des verfickten Geldes? Na, was glaubt ihr wohl? Die Gatekeeper sind weg? Allerdings, denn sie sind bei euch zu Hause, fressen euch den Kühlschrank leer und vögeln eure Frauen.
Ich verschicke ein paar Pro-Trump-Tweets von meinen Troll-Accounts (#godonald!, #MAGA, #Amtseinführung), um der Nervosität vor dem Flug vorzubeugen und etwas Druck abzulassen, während Grahame sich in der Eiseskälte des frühen Januarmorgens mit dem Einchecken des Gepäcks herumschlägt. Pass- und Sicherheitskontrolle dauern ganze zwei Minuten: »Guten Morgen, Sir! Schön, Sie wiederzusehen.« Während der Prozedur muss ich kurz daran denken, wie ihr – die braven Bürger –, eure Gürtel und Schuhe auszieht, hektisch eure Reisetaschen nach Notebook und iPad durchsucht, folgsam in den Scanner trottet und die Arme hebt, während der Typ euch mit dem Stab abtastet. Und das Ganze dauert eine halbe Ewigkeit, weil vor euch in der Schlange Leute stehen, die offenbar nicht mehr geflogen sind, seit Mohammed Atta und Konsorten 2001 ihr Ding abgezogen haben. Leute, die diese Laptop-, Gürtel- und Schuhnummer nicht verstehen. Die vollkommen verwundert sind, dass sie gebeten werden, sich dieser Dinge zu entledigen beziehungsweise sie in eine Plastikwanne zu legen. Wenn ihr dann zwei Stunden danach aus der Sicherheitskontrolle taumelt, braucht ihr dringend einen Humpen Bier in der als kultiges Dorfpub gestalteten Kneipe. Noch bevor ihr es überhaupt ins Flugzeug geschafft habt, seid ihr bereits akut selbstmordgefährdet.
Ich laufe zügigen Schrittes über die Piste. Von den Piloten mit einem überschwänglichen Hallo begrüßt, jogge ich mit Elan die Einstiegstreppe hoch und setze mich auf meinen Lieblingssitz – den Fensterplatz vorne rechts, mit dem Rücken zum Heck. Eine Stewardess bringt mir ein silbernes Kännchen mit dampfendem Kaffee sowie Schalen und Teller mit Früchten, frischgebackenen Croissants, Pastetchen und geräuchertem Lachs. Genug für alle achtzehn Plätze der Gulfstream, auch wenn ich der einzige Passagier an Bord bin. Die Stewardess ist blond, Ende dreißig und eine klare AB, auch wenn sie gut genug aussieht, um möglicherweise mal eine BB gewesen zu sein. Bräute lassen sich in drei Kategorien einordnen: Bagger-Bräute – Sängerinnen, Schauspielerinnen oder Models, die einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Bei denen könnt ihr davon ausgehen, dass ihr sie über einen längeren Zeitraum anbaggern müsst, ein paar gemeinsame Essen, Drinks, Kinoabende und Preisverleihungen durchhalten solltet, bevor ihr den Schwanz rausholen könnt. Dann gibt es noch die Abgreif-Bräute – aufstrebende Sängerinnen, Schauspielerinnen und Models auf dem Weg nach oben, attraktive Mädchen aus dem Showbiz oder artverwandten Bereichen, Mode, Film, so was halt. Bräute dieses Schlages ladet ihr auf ein bis zwei Drinks oder zum Essen ein, und danach nehmt ihr sie mit zu euch, wo ihr selbstverständlich euren Schwanz rausholt, und schon ist die Sache geritzt. Und schließlich wären da noch die Wühltisch-Bräute – die Sorte Schlampen, die sich im Umfeld der Kreativindustrie in Scharen tummeln und im Prinzip kaum von Groupies zu unterscheiden sind. Eine Wühltisch-Braut könnt ihr fünfzehn Minuten nach eurer ersten Begegnung in eine Toilettenkabine zerren und sofort euer Rohr durch ihre Hintertür verlegen. Wie bei jedem Klassensystem im Spätkapitalismus gibt es auch hier fließende Übergänge. Eine Abgreif-Braut kann mit wachsendem Erfolg zur Bagger-Braut aufsteigen. Eine Wühltisch-Braut kann es mit etwas Reife und Selbstachtung zur Abgreif-Braut bringen. Umgekehrt kann eine Bagger-Braut, wenn sie genügend Lebensjahre und Misserfolge auf dem Buckel hat, schnell zur Abgreif-Braut absteigen. Allerdings wird eine Bagger-Braut fast nie so tief sinken, dass sie zur Wühltisch-Braut wird. Ausnahmen wie Courtney Love bestätigen die Regel.
Ich ignoriere die Snacks, lasse mich in den cremefarbenen Ledersessel sinken, zünde mir eine Zigarette an und stelle mir genüsslich vor, wie es euch ergeht. Wie ihr da im Flugzeug sitzt, auf Platz 44 f, mit dreißig Zentimetern Beinfreiheit, auf dem Klapptisch vor euch ein Plastikteller mit Formfleisch aus gepressten Augenlidern und Schließmuskeln, links davon eine hundertfünfzig Kilo schwere Hausfrau mit einem kreischenden Baby, rechts der somalische Marathonläufer, der, ohne zu duschen, geradewegs von seinem letzten Rennen kommt, und jede eurer Poren schreit nach Nikotin, während ihr still und verzweifelt das »No Smoking«-Schild anstarrt, das selbst bei einem Atomkrieg noch leuchten würde. Ihr tut mir aufrichtig leid. Echt jetzt.
Was meine bereits erwähnte Nervosität vor dem Start betrifft, so hatte ich früher nie Probleme damit, an Bord eines Flugzeugs zu gehen. Seltsamerweise macht mich das Fliegen in den letzten Jahren zunehmend nervös. Offenbar ist es wie beim russischen Roulette: Je mehr man fliegt – und ich fliege verdammt viel –, desto mehr Patronen lädt man in die Trommel. Noch schwerer wiegt allerdings die Erkenntnis, dass ich inzwischen sehr viel mehr zu verlieren habe. Um mich abzulenken, schlage ich das Bordmagazin auf (das garantiert einen Titel wie Überflieger, Aufwärts oder Eure Armut kotzt mich an trägt) und blättere durch ein Heft voller Anzeigen für Privatinseln, begehbare Humidore und Jachten mit Hubschrauberlandeplätzen. Werbung, die ausschließlich auf Leute wie mich abzielt. Ich bleibe auf den Seiten eines Lifestyle-Artikels hängen: eine Homestory über die alternde Frau eines Hollywood-Studiobosses, die den Leser durch ihr Haus in L. A.s Villenviertel Pacific Palisades führt und mich stark an eine sechzigjährige Version der Stewardess auf meinem Flug erinnert. So alt sie inzwischen auch aussieht, in den späten Siebzigern war sie sicher mal ein schwertschluckendes Saugkraftwunder. Aufmacher des Artikels ist ein Foto, das eindeutig vor vielen Jahren aufgenommen wurde und auf dem sie ihren kleinen Sohn in den Armen hält. Inzwischen ist er ein berühmter Schauspieler und verbringt frei nach der immer noch gültigen Devise »Wer zuerst mit dem Saufen aufhört, ist ein Loser« mehr Zeit in der Entzugsklinik als zu Hause. Ich ertappe mich dabei, wie ich das Baby anstarre: seine riesigen klaren Augen und die samtweiche Haut, die selbst in dieser zweidimensionalen Form fast spürbar ist. Verunsichert – ohne genau sagen zu können, warum – lege ich das Magazin zur Seite und nehme einen beruhigenderen Ausblick ins Visier: den Hintern der Stewardess, die sich in der Bordküche bückt, um etwas aus einem der unteren Schränke zu holen.
Also gut, hier ist noch ein Geständnis – etwas, das ich euch bisher verschwiegen habe, noch ein Grund, warum ich mir den ganzen Stress überhaupt antue. Es geschah diesen Winter, drüben in der Karibik. Wir lagen gerade für ein, zwei Tage in Tobago am Kai und lungerten auf Deck herum, als plötzlich ein gewaltiger Schatten über uns fiel. Ich blickte nach oben und sah, wie sich David Geffens Jacht The Rising Sun zwischen uns und die Sonne schob. Mit ihren ganzen 140 Metern Länge, fünf Decks und 82 Zimmern machte sie am Kai neben uns fest und thronte über uns wie der Todesstern über einem Fiat 500. Just in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie verfickt arm ich in Wahrheit eigentlich bin. Du hältst dich für ’ne große Nummer, Steven? Als mir klar wurde, dass ich ebenso gut in der Flughafenkneipe von Luton mein Bier exen könnte, begann ich auf der Stelle jenes beruhigende Mantra zu rezitieren, das mir in stressigen Momenten gewöhnlich Frieden schenkt. Ich bin Steven Stelfox. Ich bin 300 Millionen Dollar schwer. Doch es half nichts. Ich hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: Ich muss dringend das richtig große Geld verdienen.
Heutzutage sind 300 Millionen nichts. Es wird Zeit, das in Ordnung zu bringen. Frei nach dem Motto »Entweder ganz oder gar nicht«. Deshalb trete ich diese Reise an. Versteht mich nicht falsch, natürlich nicht so eine Reise. Nicht die Art von Reise, auf die sich die bescheuerten Tussen, Schlampen und Tunten in diesen Fernsehshows begeben, die ihr und euresgleichen euch anseht. Keine dieser Reisen, auf denen Promis angeblich immer dann gewesen sind, wenn sie gerade ein Buch, einen Film oder sonst einen Scheiß zu verhökern haben. Solche Reisen sind ausnahmslos Lügengespinste, die dem alleinigen Zweck dienen, euch das Geld aus der Tasche zu leiern. Bei Reisen dieser Art wird den Beteiligten unterstellt, unterwegs etwas dazugelernt zu haben. Irgendwie über sich hinausgewachsen zu sein.
Ich werde nichts dazulernen.
Ich werde nicht über mich hinauswachsen.
An mir gibt es nichts zu verbessern.
Jetzt kommt schon.
Kommt mit mir.