


SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschrift en, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22922-6 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26859-1 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2018 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.
Weiter wurden verwendet:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Zürcher Bibel © 2007 Verlag der Zürcher Bibel
beim Theologischen Verlag Zürich
Gesamtgestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch
Titelbild: franckreporter/istockphoto.com
Über den Autor
Vor der Hüttenzeit
1 Die Aufstiegsspur
Vom Zauber der Anfänge
2 Die Hütte
Den eigenen sicheren Ort finden
3 Die Stille
Ein aufgeräumter Mensch werden
4 Der Enzian
Das Leben im Verborgenen
5 Die Wettertanne
Das Leben in der Öffentlichkeit
6 Der Brunnen
Von der schöpferischen Aufnahmefähigkeit
7 Berg und Tal
Glauben als Umdeuten
8 Das Hüttengespräch
Von der Kunst der Intimität
9 Der Zaun und das Gatter
Grenzen befrieden
10 Die Wanderung
Den guten Kampf des Glaubens kämpfen
11 Capuns
Das Geheimnis der Gastfreundschaft
12 Kuhmist
Spiritualität von unten
13 Die Preiselbeeren
Die Früchte des Lebens ernten
14 Die Jasskarten
Das Beste aus dem Tatsächlichen machen
15 Schneefall
Die Vollendung des Unvollkommenen
Nach der Hüttenzeit
Anmerkungen
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Daniel Zindel ist Theologe und arbeitet als Gesamtleiter der Stiftung »Gott hilft« in der Schweiz. Nebenberuflich ist er als Eheseelsorger und Führungscoach tätig. Zudem hat er zu den Themen Leiterschaft, Spiritualität und Ehe (Co-Autor) publiziert und ist Mitglied in der Redaktion von AUFATMEN.
In seiner Berghütte verbringt Daniel Zindel gerne Zeit allein, aber auch mit seiner Frau und seinen vier erwachsenen Kindern und Enkeln.

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Ich werde in Ihnen mit diesem Buch die Sehnsucht nach einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen wecken, wo alles einfach wird. Wenn Sie eintreten, umfängt Sie die wohlige Wärme eines knisternden Feuers, eine kleine, handverlesene Bibliothek und der Geruch von Rauch, der von unserem Herd und dem Tabak meiner Pfeife stammt. Treten Sie vor die Türe der Hütte, hören Sie den Brunnen plätschern und von ferne rauscht der Bergbach. Ihr Blick erhebt sich hinunter in die Idylle eines Bergtals. Wenn Sie aufblicken, wandert er von Bergspitze zu Bergspitze, die im Winter weiß leuchten und deren Fels sich im Sommer gegen einen klaren Himmel abhebt, wie er im Tal nicht erlebt werden kann.
Aber aufgepasst: Ich führe Sie nicht in den »Paradiesrest«1 einer heilen Welt. Es gibt hier oben auch klirrende Kälte, jede Menge Kuhdung und viele Fliegen. Vor lauter Einsamkeit kann sich in der Hüttenzeit eine Krisenstimmung einstellen, in der sich die eigenen Dämonen melden. Da muss man hindurch.
Hier oben begegnet man sich selbst, Menschen, die auf Besuch kommen und Gott. Langsam und still wächst in dieser Abgeschiedenheit eine Bergweisheit heran, die nicht durch brillante Klugheit blendet und vielleicht auch etwas behäbig Einfaches in sich trägt. Sie ist aber nicht abgehoben, hat den Kontakt zu Erde und Fels behalten, ist stille- und sturmerprobt.
Ich möchte durch meine Zeilen Ihren Wunsch nach eigenen Hüttenzeiten stärken. Dabei stimmt folgender Satz nicht: »Schön ist es anderswo, hier bin ich sowieso.« Sie tragen die Hütte in sich und das gute Leben lässt sich auch im Tal entdecken. Es besteht in jedem Augenblick, den wir vor und mit Gott leben. Wir empfangen dabei uns selbst und das Leben neu.
Daniel Zindel
Furna im Mai 2018

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Ich erwache früh und steige, noch etwas steif, die schmale Treppe von der Kammer in die Küche hinunter, die zugleich Wohn- und Esszimmer ist. Im einzig beheizbaren Raum der kleinen Hütte ist es noch recht warm. Zwölf Grad sind es drinnen, ein Blick auf das Thermometer draußen zeigt minus zehn. Es ist Neujahrsmorgen und mein Schädel brummt.
Der Schneefall, der letzte Nacht unerwartet einsetzte, nachdem wir auf das neue Jahr angestoßen hatten, hat nachgelassen. Wir standen draußen im Licht der Fackeln und hörten, wie die Glocken der Dorfkirche das neue Jahr einläuteten und schauten auf die Feuerwerke unten im Tal. Welche Freude und welches Leid heißen die schlichten Glockenklänge in diesem Jahr willkommen?
»Viva«, sagten wir, als wir mit unseren Gläsern anstießen. Gelingt das Leben auch im neuen Jahr? Kommen wir gerade mal durch oder erfahren wir Fülle und volle Genüge? Auch im kommenden Jahr wird wohl beides Platz haben.
Unsere Gäste sind dann bald auf ihren Schneeschuhen talwärts zu ihren Autos gestapft.
Jetzt ist der Himmel klar, nur noch ein paar Nebelfetzen hängen im Tal. In einer guten Stunde wird die Sonne aufgehen. Spontan entschließe ich mich zu einer kleinen Skitour. Während meine Frau noch tief und fest in den neuen Tag hineinschlafen wird – jede und jeder von uns hat so seine Art, mit Übernächtigung umzugehen – ist für mich der bescheidene Aufstieg über die Waldgrenze hinaus zum Berg genau das Richtige zum Jahresbeginn. Auch für meinen Kopf.
Klick. Ich schnalle mir die Skier an, ergreife die Skistöcke und ziehe bergwärts. Mitten hinein in die Winterlandschaft. Sanft gleiten die Skier über den Schnee. Dann wird es steiler. Aber dank der Felle, die den Gleitflächen genug Widerstand geben, rutsche ich auch bei steilstem Aufstieg nicht zurück. Die unzähligen Härchen des Fells wirken wie eine Bremse, wenn die Skier gegen den Boden drücken. Beim Vorwärtsgehen laufe ich mit dem Strich des Fells, das ermöglicht einen angenehmen, eleganten Gleitgang. Früher hat man sich mit einfacheren Aufstiegshilfen zufriedengeben müssen. Leute aus dem Dorf haben mir erzählt, dass sie als Kinder zum gleichen Zweck Tannenreiser unter ihre Skier gebunden hätten. Wir verwendeten in unserer Jugend noch richtige Felle von Seehunden, die wir mit Riemen unter unseren Skiern befestigten. Ich habe sie als schwere Dinger in Erinnerung, die immer wieder abfielen. Heute benutzt man Klebefelle aus Kunststoff, die einen beim Aufstieg vor dem Zurückgleiten bewahren.
Es ist ein Genuss, im frisch verschneiten Gelände seine Spur zu legen. Vor mir liegt die unberührte Schneedecke, die Skier stoßen in die jungfräuliche Schneelandschaft vor, jeder Schritt ist mit einem knirschenden Zischgeräusch verbunden. Für meine Spur halte ich mich immer in den Mulden und versuche, die Steigung möglichst konstant zu halten. Wird die Spur zu steil, verbraucht man zu viel Kraft, wenn ich sie zu flach lege, heißt das zu viel Laufarbeit. Eine Spur, die einmal gelegt ist, wird zum Weg für alle, die nachfolgen werden und so ihre Kräfte schonen.
Dabei werden sie die Aufstiegsspur kommentieren, loben oder kritisieren, je nachdem, wie sie gewählt wurde. Überholt man die Person an der Spitze, die vorspurt, bedankt man sich für ihre Arbeit. Meistens bleiben die Vorgänger, die schweißtriefend die Spur gelegt haben, allerdings unbekannt. Genauso wie viele Menschen inkognito bleiben, die uns den Weg frei gemacht und vorgebahnte Spuren in unserem Leben hinterlassen haben.
Mit dem was wir anpacken, hinterlassen wir in unserem Leben sichtbare und bleibende Spuren. Auch mit unserem Unterlassen hinterlassen wir Spuren, nur merken wir das seltener. Man beklagt sich eher über falsch gelegte Spuren als über nicht gebahnte Wege, wo die Nächsten bei ihrem Weg nicht unterstützt und gefördert werden. Es gibt Menschen, die legen ihre Spur nur virtuell. Sie sprechen viel und vielleicht gekonnt über das, was man alles tun könnte, aber sie gehen keinen einzigen Schritt voran. Man kann eine Sache noch nicht, wenn man nur gelehrt darüber spricht. Es ist einfach, »gedankenvoll und tatenarm«2 unterwegs zu sein. Man hinterlässt zwar keinen Schaden, aber auch keinen Segen. Das eigene Leben bleibt dann wortwörtlich harm-los. Legt darum unser Meister von Nazareth so großen Wert darauf, dass wir sein Wort nicht nur hören, sondern auch tun, damit wir der Welt etwas Handfestes hinterlassen? Können wir nur so auf Felsen bauen und nicht auf Sand?
Ich komme langsam ins Schwitzen, ziehe Mütze und Handschuhe aus und schreite, meine Aufstiegsroute planend, im verschneiten Gelände zügig voran. Wenn ich zurückblicke, sehe ich die Linienführung sanft ansteigend in den Schnee gezeichnet und die runden Abdrücke der Skistöcke begleiten die Spur als regelmäßig versetzte Punkte zu beiden Seiten.
Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts. Mir fällt Kierkegaard ein. Der dänische Religionsphilosoph hat recht mit diesem Gedanken: Wir leben vorwärtsgerichtet, wir schreiben unsere Lebenstexte im Moment und vorausgewandt und erst rückblickend versuchen wir, sie zu interpretieren. Manches aus dem gelebten Leben verstehen wir in der Rückschau tatsächlich, anderes wohl nie.
Mit jedem neuen Schritt lege ich meine Spur in unbekanntes Terrain. Mir fällt es leicht, etwas Neues anzufangen. Anfänge haben für mich etwas Begeisterndes. Wenn ich ein neues Land bereise, eine unbekannte Stadt besuche, einen neuen Mitarbeiter einstelle oder ein neues Buch schreibe, habe ich ein prickelndes, gutes Gefühl. Ich liebe diesen Feuereifer des Anfangens. Dichter können ihn präzise beschreiben: »In jedem Anfang wohnt eine Zauber inne, der uns beschützt und uns hilft zu leben«, sagt Hermann Hesse.3 Anfänge haben etwas Berauschendes und tragen in sich eine Kraft, die uns sicher und stark macht.
Ich erinnere mich an den Anfang eines sozialpädagogischen Projekts in Ostafrika. Ich sehe uns heute noch auf dem leeren Feld stehen, nichts außer Gestrüpp. Hier sollte eine Institution für Kriegswaisen entstehen. Vor Baubeginn feierten wir ein Fest zum Spatenstich. Wir enthüllten eine Tafel: »Gedenkt nicht des Alten, der früheren Dinge achtet nicht.« Das war unsere Botschaft: Die Gräueltaten des eben beendeten Bürgerkrieges sollen nicht das letzte Wort haben. Jetzt steht ein Neuanfang bevor. Wir brachten noch eine weitere Tafel auf dem Gelände an: »Seht hin; ich mache etwas Neues; schon keimt es auf. Seht ihr es nicht?«4 Eine Handvoll Geistlicher, Vertreter der örtlichen Gemeinden, betete für die kommende Aufbauarbeit. Eine 16-jährige Uganderin und unsere 16-jährige jüngste Tochter hielten sich an ihren Händen, um ein Zeichen zu setzen: Ab jetzt werden black and white together für die Bürgerkriegsopfer ein Hoffnungsprojekt aufbauen.
In unseren Anfängen nehmen wir, von der Anfangsgnade verzaubert, die kommenden Herausforderungen, Niederlagen und Konflikte noch kaum wahr. Das ist gut so! Würde sonst noch geheiratet, ein Haus gebaut, ein Kind gezeugt? Zerstöre nie die Blase der Anfangsbegeisterung. Ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, die Euphorie von Anfängerinnen und Anfängern als einen falschen Zauber zu entlarven. Von Bitterkeit angetrieben: Das haben wir auch schon mal probiert, es hat nicht geklappt. Gescheiter wäre es, Menschen, die einen Neuanfang wagen, in ihrem Aufbruch zu ermutigen und zu segnen.
Auf jeder Skitour kommt der Moment, wo die Körperbewegungen wie von alleine gehen, wo sich ein eingespielter Rhythmus von Atem, Schritt und Stockeinsatz einstellt. Dieser gleichförmige Fluss von Bewegungsabläufen klärt das Denken und entwirrt die Gefühle. Wir brauchen gerade in unseren Anfängen solche Klärungszeiten. Hier zeigt sich dann, ob es zum Beispiel Verliebtheit ist oder Liebe, ein Strohfeuer der Anfangsbegeisterung oder das innere Feuer, der eigenen Berufung zu folgen.
Neben der erfrischenden Naivität trägt auch unsere Unvoreingenommenheit bei Anfängen zu deren Leichtigkeit bei. Die Spur ist noch nicht gelegt, wir stehen erst am Start. Wir treten unbelastet an und alle Optionen stehen uns offen. Theoretisch wissen wir zwar, wo gehobelt wird, fliegen auch Späne. Aber in dieser Anfangsgnade wissen wir um das Fehlende und die Fehler unseres zukünftigen Tuns noch nicht. Uns beeinträchtig auch nicht der Gedanke daran, dass es meist leichter ist, flott anzufangen, statt gut abzuschließen.
Jetzt geht die Sonne auf. Sie verwandelt die Landschaft in einen märchenhaften Winterzauber. Alles glitzert und gleißt, die tief verschneiten Tannen leuchten leicht rosa, als wären sie mit einem dicken Zuckerguss überzogen worden. Jeder Schneekristall funkelt, Swarowsky würde vor Neid erblassen. Ich setzte die Sonnenbrille auf, der Schnee blendet. Mit jedem Höhenmeter weitet sich die Sicht, der Blick in die Ferne nimmt mit jedem Schritt zu, das Panorama mit den frisch verschneiten Bergspitzen wird immer breiter, ja ganze Talschaften und Bergketten tun sich auf.
Was für ein Neujahrsmorgen!
Sind Anfänge wirklich immer so leicht, wie es mir in diesem strahlenden Moment erscheint? Aller Anfang ist schwer, auch das ist eine Realität. Ich denke an unsere Kinder, die ihre Familien gründen. Die Geburt des ersten Kindes stellt alles auf den Kopf, kann den jungen Eltern so vorkommen, als schlüge eine Bombe ein. Die Herausforderung von Anfängen kann einen erschlagen.
Mir kommt auch jene biblische Szene in den Sinn: Die Israeliten sind gerade aus dem Exil heimgekehrt und stehen vor einem riesigen Trümmerhaufen. Da existierte einmal ihr Tempel. Hier sollen sie mit dem Wiederaufbau loslegen. Wo sie hinschauen, nichts als Schutt und Asche. Sie können nicht wählen, sie müssen die Konsequenzen des negativen Tuns ihrer Vorfahren tragen, deren Fehler ausbaden: »Die Eltern haben saure Trauben gegessen, und den Kindern werden die Zähne stumpf.«5
Anfänge auf einer grünen Wiese sind einfacher als auf Ruinen und Trümmern. Aber manchmal gehört es einfach zu unseren Anfängen dazu, zuerst einmal Altlasten abzutragen. Vergessen wir dabei nie, dass unsere Vorgängerinnen und Vorgänger nicht nur Hypotheken, sondern auch Segen hinterlassen haben. Und dass die, die nach uns kommen, auch unsere Fehlleistungen entsorgen müssen.
Wo sollen die Exilanten beginnen? Am liebsten gar nicht. Wir kennen das und können das so gut nachvollziehen! Hinter einem hinausgezögerten Anfang steckt oft nicht einfach Faulheit. Aufschieben kann sogar zu einer echten psychischen Störung werden und ist als Prokrastination therapierbar. Hinter dem Vertagen steckt oft viel Verzagen. Was uns lähmt, ist meistens unsere Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Es braucht bei solchen Anfangsblockaden ermutigende Menschen, wie in der Lage der Israeliten den Propheten Sacharja: »Gibt es jemanden unter euch, der sich noch an dieses Haus erinnert und daran, wie herrlich es früher einmal war? Welchen Eindruck macht es heute auf euch? Sieht es nicht jetzt nach nichts aus?«6 Anfangsängste sollen ernst genommen werden, noch mehr aber muss den Verzagten vor Augen gemalt werden, wer ihnen zu Hilfe kommen wird: »Doch fasse Mut, Serubbabel, (Statthalter von Juda, ergänzt D. Z.)! Fasse Mut, Jeschua, Sohn Jozadaks, Hoher Priester! Fasse Mut, Volk, das im Land lebt … und arbeitet. Denn ich bin mit euch.«7 Wir sind nicht allein unterwegs! An keiner Stelle des Weges, und schon gar nicht am Anfang.
Der Blick auf die menschlichen Ressourcen wird vom Propheten noch ausgeweitet: »Mein Geist bleibt bei euch. … Deshalb fürchtet euch nicht!«8
Als ich noch ein junger Leiter war, hat mir ein erfahrener Seelsorger das Wort mit auf den Weg gegeben: »Daniel, denke immer daran, der Heilige Geist kann auch noch etwas!« Es ist tatsächlich so: »Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.«9 Gerade beim letzten Aspekt, der Selbstbeherrschung, habe ich eine lange Zeit gebraucht, Disziplin nicht einfach als eigenen Kraftakt und als Willensanstrengung zu betrachten, sondern als geistliches Geschehen, das innere Leistungsbarrieren zu überwinden hilft. Mehr davon auf unserer gemeinsamen Sommerwanderung.
Ich habe Angst, zu scheitern und fange darum oft gar nicht erst an. Wie ist es dir denn gegangen, mein Schöpfergott, als du im Anfang das Wagnis eingingst, meinen Vater Adam und meine
Mutter Eva zu erschaffen? Du ewiger Anfänger, hast du die kommende Unheilsgeschichte vor dir gesehen, als du diese Spur der Menschheitsgeschichte begonnen hast? Du hast sie dennoch gelegt. Wusstest du von Anfang an, wie viel göttliches Heil noch nötig sein würde, um uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien? Und wie viel menschlichen Mut es noch brauchte, bis wir tatsächlich aufstehen und uns auf die eigenen Beine stellen würden?
Ahntest du, was es dich kosten würde? Du hast hoch gepokert und dabei dein Liebstes eingesetzt, ein Stück von dir selbst. Du hat es verloren, damit wir nicht verloren gehen. Hier liegt das Geheimnis des ewigen Neuanfangs. Gerade deshalb liebe ich dich, mein Risiko-Gott. Du flüsterst mir zu: »Wage es, zu leben. Wage immer neue Anfänge. Daraus besteht das gute Leben. Du darfst Fehler machen, am besten nicht immer die gleichen.«
Mein guter Meister von Nazareth, dein Erfolg lag im Scheitern: Du bist das Weizenkorn, das in die Erde gelegt wurde und sterbend Frucht brachte. Heiliger Geist, der du über der noch leeren und wüsten Erde meines Lebens gebrütet hast, du Schöpfergeist: Behalte mich als mutigen Anfänger, als beherzte Anfängerin ewig voller Glauben in allem Tohuwabohu meines Alltags, damit ich dich, Gott, ehre und den Menschen diene.
Jetzt habe ich die Spitze des Berges erreicht. Ratsch, mit einem Ruck reiße ich die Felle von meinen Skiern und packe sie in meinen Rucksack. Bei herrlicher Sicht in alle Richtungen verweile ich lange hier oben. Ein Rundblick von 360 Grad Schönheit, Klarheit, Reinheit. Ich staune wie ein Kind, während sich mein Puls beruhigt. Geschafft, das Ziel ist erreicht, ich bin angekommen. Dann bereite ich mich zur Abfahrt vor und sause in sanften Schwüngen zu unserer Hütte hinunter. Alles ist in Bewegung. Verzuckerte Tannen, die verschneiten Zäune, die von der Sonne fast schwarz gebrannten, tief verschneiten Maiensässhütten fliegen vorbei. Alles fließt, unvermutete Licht- und Schattenwechsel, schäumend-pudriger Pulverschnee – ich vergesse mich ganz und bin zugleich völlig eins mit mir, der Welt und Gott.
In ihm sei’s begonnen! Unvermittelt steigt in mir dieser Satz auf. Woher der wohl stammt? Er gehört zu einem Gedicht, aber von wem ist es? Egal. Neues Jahr, ich gleite in dich hinein, in ihm sei’s begonnen!
Verschwitzt und außer Atem stehe ich am letzten Steilhang, über den es zu unserer Hütte runtergeht. Hier muss ich ein wenig aufpassen, wie ich meine Abfahrtspur lege. In diesem steilen Gelände können sich sogar spontan Schneerutsche lösen. Eigentlich verdanke ich einem solchen unsere Hütte. Eine Nassschneelawine hatte die alte Maiensässhütte so beschädigt, dass sie unbewohnbar geworden war und neu aufgebaut werden musste. Der damalige Mieter verließ die vom Schneerutsch aus den Fugen geratene Hütte und wir durften das neu aufgebaute Kleinod von seinem Erbauer, unserem heutigen Vermieter, übernehmen. Auf Zeit, so wie auch das Wohnen in unserer »Lebenshütte« begrenzt ist. Im Slalom setze ich meine Schwünge und komme direkt vor der Hüttentüre zum Halten.
»Happy New Year!«, hat jemand vor der Hütte in den Schnee gefurcht. Wer das wohl gewesen sein mag? Ich suche vergeblich nach einem Absender, aufgrund der Schneeschuhspuren müssen es zwei Personen gewesen sein. Offenbar war in der Hütte alles still gewesen und die heimlichen Botschafter wollten uns nicht wecken. So hinterließen sie uns auf diese Art und Weise ihren Neujahrswunsch.
Drinnen ist es noch still. Ich mache Feuer im Herd und setze mit der italienischen Espressomaschine Kaffee auf. Mit meinem Handy eröffne ich einen Hotspot und suche nach dem genauen Wortlaut des Gedichts. Aha, Eduard Mörikes Zum neuen Jahr:
Zum neuen Jahr
In ihm sei’s begonnen,
der Monde und Sonnen
an blauen Gezelten
des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
sei Anfang und Ende,
sei alles gelegt!
Eduard Mörike
Ich weiß nicht, ob es der Geruchssinn meiner Frau ist, der den Kaffeeduft wahrnimmt, oder doch ihr feines Gehör, das das Fauchen der Kaffeemaschine registriert. Jedenfalls pflegt sie genau zu dem Zeitpunkt aufzuwachen – oder sagen wir mal aufzustehen und herunterzukommen –, wenn der Kaffee fertig ist. Sie blinzelt durch die Fensterscheiben nach draußen in die frisch verschneite Landschaft und sagt: »Ein wunderschöner Neujahrstag.«
Und du mein Gott, der du Monde und Sonnen bewegst, du schenkst mir auch heute in meinem Tal deine Anstöße zum guten Leben. Wie gut, dass ich immer neu anfangen kann. Mein Herz weiß, dass ich dir alles in die Hände legen darf. Wie entlastend das ist. Und wie schwer zugleich. Ich bin ein Macher, eine Managerin. Mein Reflex ist es, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich liebe Pläne und während ich Plan A verfolge, beruhigt es mich, für alle Eventualitäten Plan B in der Schublade zu haben.
Bitte lege das feste Vertrauen in mich hinein, dass du bewegst, rätst, lenkst und wendest. Ich gebe die Kontrolle ab. Gerade jetzt, wenn ich so bete, merke ich, dass ich es noch nicht ganz kann. Oder doch? Lenke du, und wende!

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»Ich könnte nicht eine einzige Nacht dort oben allein in dieser Bergeinsamkeit verbringen«, sagt meine Frau, als ich am späten Nachmittag meinen Rucksack packe, um den Abend, die Nacht und den nächsten Morgen in der Hütte zu verbringen. Für meine Frau ist diese Einöde, so mutterseelenallein bedrohlich. Auch für mich ist die Einsamkeit nicht nur eitel Freude. Wir werden darüber noch sprechen müssen, dass die Stille nicht einfach automatisch stillt. Sie muss auch aktiv gestaltet werden. Brot, Eier, Käse, eine Flasche Wein, etwas Obst, zwei Bücher, Laptop, Handy. Zuoberst Mütze, Handschuhe und Stirnlampe. Ich bin gerüstet. Ich verabschiede mich von meiner Frau.
Beides ist wunderschön, zu zweit zur Hütte hochzufahren oder allein zu gehen. Zu zweit brauchen wir jeweils eine Übergangszeit, wo wir in der Hütte ankommen und uns beide als Paar finden. Ich muss dann bewusst wählen, dass jetzt die Hütte für mich nicht Einsamkeit und Rückzug bedeutet, sondern dass sie zum Ort der Begegnung und der Beziehung wird. Der Weg zueinander als Paar ist manchmal etwas holprig. Jeder von uns kommt aus der eigenen Lebens- und Arbeitswelt, die uns fordern, gar überfordern. Bei der Ankunft sind wir beide noch unter Strom. Setzt die Entspannung ein, sind wir beide bedürftig und erwarten vom anderen oft, was er oder sie im Moment selbst nicht geben kann. Manchmal finden wir zueinander über den Umweg eines sinnlosen Streits. Etwa darüber, wer nun schuld daran sei, dass wir die Milch vergessen haben. Wenn das passiert, sind wir nicht frustriert. Wir wissen, dass wir noch etwas Zeit brauchen und nicht subito und störungsfrei in die harmonische Zweisamkeit hineintanzen können.
Auf dem Weg zur Intimität gibt es keine Abkürzungen, aber am Ziel der Gemeinsamkeit halten wir fest. Tatsächlich wird so die Hütte zum Ort tiefer Begegnung und zum Kreativraum für unsere gemeinsamen Projekte.
Ich fahre aber ebenso gern allein hoch. So wie heute. Ich parke den Wagen auf dem Platz, den uns der Wegmacher mit Pflug und Schneefräse frei geräumt hat. Wie eine Mauer türmt sich der Schnee um den Parkplatz. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und laufe auf meinen Skiern durch den verharschten Schnee. Der Lichtkegel meiner Stirnlampe erfasst einen Fuchs, der sich schnell trollt. Meine Skier geben bei jedem Schritt ein kratzendes, knirschendes Geräusch. Die Nacht ist sternenlos.
Jetzt kommt sie mir wieder in den Sinn, jene mondhelle Nacht, die mir solche Angst eingejagt hatte. Damals stieg ich in einer Vollmondnacht zur Hütte hoch. Ich brauchte keine Lampe. Im Licht des Mondes, das durch den Schnee reflektiert wurde, hätte man sogar ein Buch lesen können. Als ich mich der Hütte näherte, sah ich vor dem Eingang eine dunkle Tiergestalt liegen. Ich blieb stehen. Mein Herz klopfte schnell vom Aufstieg