Fünf Jahre nach dem großen Klassentreffen hat sich bei den vier Freundinnen einiges geändert – und manches ist gleich geblieben: Annabel ist nach wie vor eine unabhängige Frau, sie hat inzwischen eine eigene Boutique und noch immer lässt sie sich nicht von den gängigen Moralvorstellungen einschränken. Sie hat eine erwachsene Tochter, die bald ihrerseits in Radcliff studieren wird. Und es sieht so aus, als hätte sie nach all den Jahren jemanden gefunden, vor dem sie ihre Stärke nicht verstecken muss. Das »Golden Girl« Daphne musste einen herben Schicksalsschlag verkraften und hat den Mut aufgebracht, zu ihrer eigenen Unvollkommenheit zu stehen, auch wenn das letztlich die Trennung von ihrem perfektionistischen Mann bedeutet. Emily wagt ebenfalls den Schritt in ein eigenständiges Leben und beschreitet einen Weg, der sie schließlich aus ihrer lieblosen Ehe heraus und in ein eigenes Unternehmen und ein eigenes Apartment in New York führt. Chris hat einen Weg gefunden, sich mit Alexander, der komplizierten Liebe ihres Lebens, zu arrangieren, die Aufmerksamkeit eines anderen Mannes hilft ihr dabei.
Jede der Frauen steht vor der Aufgabe, ihren eigenen Weg durchs Leben zu finden. Dabei sind sie sich mal näher, mal ferner, ganz aus den Augen verlieren sie sich nie.
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Corinna Rodewald
Ullstein
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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage September 2018
© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018
© 1985 by The Rona Jaffe Foundation
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Titel der amerikanischen Originalausgabe: After the Reunion (Delacorte Press, New York)
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Titelabbildung: © WATFORD / Mirrorpix / Mirrorpix via Getty Images
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ISBN 978-3-8437-1780-1
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Für Tom
1) Welche Hoffnungen, Träume und Erwartungen hatten Sie in Bezug auf Beruf, Liebe und Familie, als Sie das College beendeten?
2) Haben sie sich erfüllt?
3) Haben sich Ihre Werte, Träume und / oder Erwartungen irgendwann geändert? Bitte erläutern Sie.
Aus einem Fragebogen an Absolventinnen des Radcliffe College aus dem Jahrgang 1957, fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Abschluss.
Nur junge Leute glauben, dass sie positiv überrascht werden können. Wer irgendwann angefangen hat zu glauben, es gäbe nur unangenehme Überraschungen, oder es werde überhaupt keine Überraschungen mehr geben, muss alt sein – egal, wie alt derjenige tatsächlich ist. Wenn mitten in der Nacht das Telefon klingelt, denken alte Leute sofort an das Schlimmste: Unfall, Krankheit, Tod. Junge Leute denken ganz einfach: »Hoffentlich ist es für mich.« Natürlich gibt es auch böse Überraschungen; wir reden hier schließlich vom Leben, man weiß nie, was man bekommt. Aber es gibt auch die von der anderen Sorte. Es gibt sie wirklich. Ganz bestimmt …
Emily Applebaum Buchman hatte stets Angst vor allem gehabt, und jetzt, wo sie an einem Punkt in ihrem Leben angekommen war, an dem sie davon ausging, dass sich nicht mehr viel ändern würde, weder zum Guten noch zum Schlechten, befand sie sich irgendwo zwischen resigniert und zufrieden. Sie wusste, dass viele sie um ihr Leben beneiden würden: eine reiche Hausfrau in Beverly Hills, noch immer mit ihrer Jugendliebe vom College verheiratet – mit Ken, der mittlerweile ein äußerst erfolgreicher Dermatologe war, in erster Linie für die Stars –, dazu zwei Kinder, Peter und Kate, und ein von Wohltätigkeit, gesunder Bewegung an der frischen Luft, Freundinnen, Shopping, ihrer Familie, ihrem Aussehen, Kultur, Büchern und vielem mehr erfüllten Alltag. Das Leben, das für sie bestimmt gewesen war.
Inzwischen war Emily sechsundvierzig, sie war klein und schlank, hatte dunkle Haare und große graue Augen, und ihren Freundinnen zufolge war sie sehr attraktiv. Im Juni hätte sie ihr fünfundzwanzigjähriges Klassentreffen in Radcliffe, aber sie hatte beschlossen, nicht hinzugehen. Sie war auf dem zwanzigjährigen gewesen und hatte den guten Vorsatz getroffen, ein produktiveres Leben zu führen, sogar einen Beruf zu ergreifen, und war glücklich und erbaut wieder nach Hause gekommen. Der Beruf war dann zu einer Teilzeittätigkeit als Ehrenamtliche im Children’s Hospital geworden.
Es war in Ordnung. Das Leben bestand aus Kompromissen. Man gab seinen Beruf auf, um sich ein Zuhause zu erschaffen und Kinder zu bekommen, und danach stellte man fest, dass es keinen Platz mehr für einen gab, an den man zurückkehren konnte. Emily war ohnehin nie allzu sehr auf eine Karriere fixiert gewesen. Sie hatte zwar davon geträumt, es aber nicht in die Tat umgesetzt. Schon in Ordnung.
Doch es war nicht in Ordnung …
Ihre Kinder lebten in ihren eigenen Wohnungen und führten ein eigenes Leben. Sie waren keine Familie mehr, wenn Familie bedeutete, dass alle abends nach Hause kamen, um sich nach der kalten Welt da draußen aneinander zu wärmen.
Nein, es war nicht in Ordnung …
Emily vermutete, der Brief, der heute Morgen im Briefkasten gelegen hatte, war der Grund dafür, dass sie so unzufrieden war. Er war von einer Frau, die mit ihr auf dem College gewesen und inzwischen Autorin geworden war. Emily kannte sie nicht; es war ein großer Jahrgang gewesen. Außerdem war sie fast die ganze Zeit auf dem College schon mit Ken zusammen gewesen und hatte sich nicht viel um andere gekümmert. Die Autorin hatte einen Fragebogen beigefügt, der als Recherche für einen Artikel fungieren sollte, mit dem The Ladies’ Home Journal sie betraut hatte – eine Art Profil dessen, was aus all den Frauen von damals auf dem College geworden war. Emily hatte in ihrer Traumküche in ihrem Traumhaus oben auf dem Berg mit Blick auf das üppige Blattwerk Kaliforniens auf der einen und Los Angeles auf der anderen Seite gesessen, ihr Pool und ihr Tennisplatz direkt unter ihr, und der Fragebogen in ihrer Hand hatte sich angefühlt wie eine kleine Explosion.
»Welche Hoffnungen, Träume und Erwartungen hatten Sie in Bezug auf Beruf, Liebe und Familie, als Sie das College beendeten?«
Die Frage hätte besser lauten sollen, mit welchen Träumen sie ursprünglich aufs College gekommen war. Die gescheite, hübsche, verschreckte kleine Emily, die 1953 über die jüdische Quote in Radcliffe angenommen wurde, eine Außenseiterin, die davon träumte, Kinderärztin zu werden. Die beliebte, gut situierte Emily, die mehr Kaschmirpullover im Schrank hatte als jedes andere Mädchen im Wohnheim. Ein braves Mädchen, das stets gefallen wollte, stets tat, was man ihm sagte. Eine junge Frau, die von ihrer Studienberaterin gleich in der Einführungswoche gesagt bekam, dass sie niemals Ärztin werden konnte, dass sie nicht ausreichend vorbereitet war. Es war nicht vorgesehen gewesen, dass Emily eine medizinische Laufbahn einschlug, und im übrigen auch sonst keine Laufbahn. Wenn sie denn unbedingt Ärztin werden wolle, so ihre Beraterin, solle sie doch einen Arzt heiraten. Ein braves Mädchen, das stets tat, was man ihm sagte. Also zog Emily los, verliebte sich in Ken Buchman und eroberte ihn.
»Welche Hoffnungen und Träume hatten Sie, als Sie das College beendeten?« Das war Ken gewesen. Die Ehe, und ein romantisches, harmonisches Leben.
Frage Nummer zwei: »Haben sie sich erfüllt?« Aber sicher. Oh ja. Mir wurde der falsche Traum vorgesetzt, und er ist in Erfüllung gegangen.
Sorgfältig faltete sie den Fragebogen und versteckte ihn in ihrer Handtasche. Vermutlich würde sie ihn beantworten. Aber die Wahrheit würde sie nicht sagen. Die schlechten Bestandteile, die fürchterlichen Dinge, die passiert waren, würde sie auslassen. Die gingen niemanden etwas an außer sie selbst.
Christine Spark English saß im Wohnzimmer in ihrer zauberhaften Wohnung auf der Fifth Avenue mit Blick auf den Central Park. Der Himmel war zaghaft rosafarben und grau, wie man es in New York in der Abenddämmerung sah, wenn der Winter noch nicht ganz vorbei war, der Frühling aber noch nicht begonnen hatte. Sie hielt den Fragebogen in der Hand, der am Morgen in der Post gewesen war, und lächelte schief. Sie war anders gewesen als ihre Freundinnen am College, und sie war sicher, dass sie sich auch jetzt von ihren Freunden und Kollegen unterschied. Sie war die einzige in Briggs Hall gewesen, die kein Geld hatte und nicht auf Spaß aus war oder darauf, sich einen Mann von Harvard zu angeln. Damals wollte sie ein altbackener Bücherwurm sein und kleidete sich auch wie einer, aber weil sie so nett und klug war und einen absolut treffsicheren, schwarzen Humor hatte, war sie dennoch bei den anderen Mädchen beliebt gewesen, auch wenn sie nichts mit deren frivolem Lebensstil zu tun haben wollte. Und dann traf sie Alexander.
Alexander English, dessen dunkle Schönheit ihr Herz stillstehen ließ, wann immer sie ihn ansah. Der mürrische mysteriöse Alexander, dessen Kummer und Schuldgefühle sich auf das Leben all derer ausbreitete, die ihn liebten. Wie sie ihm nachgejagt hatte, ihn schließlich erobert zu haben glaubte, niemals erkannte, wie fremd sie einander tatsächlich waren … so dass sie seine geheimen, versteckten Winkel mit ihren eigenen Phantasien ausschmückte …
»Welche Hoffnungen, Träume und Erwartungen hatten Sie, als Sie das College beendeten?« Alexander natürlich. Etwas anderes hatte es nie gegeben. Chris’ ganzes Leben und Dasein, ihr kompletter Lebensinhalt waren stets Alexander und ihre überwältigende Besessenheit von ihm gewesen. Selbst als sie herausfand, dass er schwul war und es auf dem College verheimlicht hatte, hoffte sie weiter darauf, ihn für sich zu gewinnen, ihn zu ändern, ihn dazu zu bringen, sie zu wollen. Sie wurden beste Freunde. Chris war nicht länger eine graue Maus, sondern entwickelte Stil, wurde kultiviert. Sie wartete ab …
Irgendwann liebte auch er sie. Heiratete sie. Sie vermutete, dass die Mädchen vom College, die sich nur daran erinnerten, dass Chris ihn erobern wollte, wenn sie nun das Ergebnis sähen, es für ein perfektes Happy End halten würden. Chris und Alexander, endlich vereint. Alexander, der gutaussehende erfolgreiche New Yorker Banker, der in der Bank seines Vaters schnell aufgestiegen war, und die kluge attraktive Chris, die stets in der Verlagsbranche gearbeitet hatte und dazu noch ihren Sohn Nicholas großzog.
Sie unternahmen aufregende Reisen um die ganze Welt, sie alle drei zusammen: Chris, Alexander und ihr Sohn. Sie waren gute Gastgeber. Ihr Familienleben war so behaglich. Was für ein Bild von einer interessanten, facettenreichen Frau Chris doch war! Was für eine gute Fassade sie aufrechterhielt.
»Haben sich Ihre Werte, Träume und / oder Erwartungen irgendwann geändert? Bitte erläutern Sie.« Wann hatten sie das nicht getan? Und wie könnte Chris das jemals erklären, selbst wenn sie es wollte? Alexander betrog sie. Und sie hoffte, nichts darüber zu erfahren.
Sorgfältig zerriss Chris den Fragebogen in schmale Streifen. Die Wahrheit konnte sie nicht sagen, und sie verspürte nicht den Wunsch zu lügen. Sollten doch all die normalen Menschen die Fragen beantworten. Sie würde es nicht tun.
Annabel Jones faltete einen Papierflieger aus dem Fragebogen und ließ ihn durchs Zimmer Richtung Papierkorb segeln. Weil sie nicht richtig zielte, landete er auf dem Fußboden. Sie fragte sich, ob das wohl ein Omen war, ob es bedeutete, sie konnte sich des Fragebogens – und der Erinnerungen, die er hochbrachte – nicht so ohne Weiteres entledigen. Annabel glaubte an Omen. Manchmal hatte sie richtig gelegen und manchmal nicht, doch das hielt sie nicht von der Ansicht ab, dass etwas an ihnen dran sein musste. Sie hatte schon immer auf ihren Instinkt und ihre Wünsche vertraut, ob richtig oder falsch, und weil sie warmherzig und vertrauensvoll war, war sie mitunter verletzt worden. Doch dumm war sie nie gewesen. Lediglich zu romantisch veranlagt. Nicht so wie ihre beste Freundin Chris mit ihrer Besessenheit von Alexander, aber sie fasste das Leben eben auf, als wäre es ein großes Geschenk. Hätte sie sich selbst beschreiben müssen, sie hätte gesagt, sie sei schon immer eine Rebellin gewesen – mit Stil.
Mit sechsundvierzig war sie sogar noch schöner als sie es am College gewesen war. Sie glaubte daran, dass man mit über vierzig das Gesicht hatte, das man verdiente, und um das sicherzustellen, hatte sie sich liften lassen, auch wenn Radcliffe-Absolventinnen so etwas nicht taten. Sie war noch immer rank und schlank, obwohl sie jede Sekunde der Trainingsübungen, zu denen sie sich zwang, wenn es die Arbeit zuließ, verabscheute. Sie sprach noch immer mit ihrem Südstaatenakzent, obwohl sie seit Jahren in New York lebte. Die halbe Etage, die sie in einem Brownstone auf der East Side ergattert hatte, als sie hergezogen war und ihre erste Stelle begonnen hatte, war schon beinahe zu einem Nationaldenkmal geworden, und sie hatte nicht vor, sie jemals aufzugeben. Mittlerweile führte sie ihre eigene Boutique auf der Madison Avenue, Annabel’s, sie hatte ein wunderbares Verhältnis zu ihrer zweiundzwanzigjährigen Tochter Emma (auch wenn Emma so beschäftigt mit ihrer eigenen Karriere war, dass sie einander nicht oft genug zu Gesicht bekamen), und sie schlief noch immer mit gutaussehenden jüngeren Männern, wann immer ihr der Sinn danach stand. Ihre angebetete neue Katze, Sweet Pea, eine flauschige, weiße Perserkatze mit einem blauen und einem kupferfarbenen Auge, lief zum Fragebogen und begann, ihn zu zerkauen. Sweet Pea versuchte sich an allem, was nicht essbar war. Annabel rettete den Zettel und hielt ihn gedankenverloren in der Hand.
Es wäre vielleicht nicht schlecht, in einer Zeitschrift zu erscheinen. Sie könnte sagen: »Ich hatte keine Träume und Erwartungen und führe ein dramatisches und glückliches Leben.« Würde ihnen das nicht recht geschehen, diesen hochnäsigen, heuchlerischen Mädchen, die sie geächtet und gehasst hatten, weil sie sich nicht für den einen aufgehoben hatte? Was für seltsame Werte sie damals hatten! Chris war ihre einzige Freundin gewesen.
Nein, es würde zu lange dauern, um zu erzählen, wie ihr Leben verlaufen war, und außerdem war die Vergangenheit Geschichte. Annabel hatte vor, für die Zukunft zu leben. Als sie diesmal den Papierflieger losschickte, zielte sie richtig.
Daphne Leeds Caldwell, das Golden Girl der Radcliffe Absolventinnen von 1957, Ehefrau von Richard Caldwell, dem Goldjungen von Harvard, besah sich den Fragebogen, der an diesem Morgen eingetroffen war, um ihr den Tag zu verderben, und wusste, was man von ihr erwartete. Die Leute machten einen zum Star, und dann merkte man, dass es einem gefiel, also versuchte man, so zu bleiben, wie sie es von einem wollten. Daphne hatte zwar ein gesegnetes Leben geführt, doch es gründete auf Geheimnissen und Täuschungen. Man konnte auf vielerlei Art und Weise etwas Besonderes sein, und Daphne hatte dafür gesorgt, dass alle nur die guten Seiten kannten. Der Abend in Connecticut war kalt, in der Luft lag schwer die Ahnung von Schnee; ein gemütlicher Abend, ein Abend, wie sie ihn mochte. Im Wohnzimmer machte sie ein Feuer im Kamin, so dass es Richard freundlich begrüßte, wenn er aus der Stadt nach Hause kam, und sie gab Eiswürfel in den Kübel auf der Bar, für seinen Feierabenddrink. In ihrem großen Haus war es still und aufgeräumt, alle Jungs waren im Internat. Daphne schenkte sich ein Glas Wein ein und setzte sich mit dem Fragebogen ans Feuer. Was sollte sie schreiben?
Auf dem College hatten alle Mädchen – bis auf Chris und Annabel – Daphne bewundert und wären gern wie sie gewesen. Sie war groß, blond und schön, und ihre Augen waren etwas schräg gestellt und kornblumenblau; eine so auffällige Farbe, dass man sie als Erstes wahrnahm, wenn Daphne einem begegnete. Sie war eine reiche Debütantin, gescheit, sportlich, weiblich, lässig und sehr beliebt. Während die meisten Mädchen sich mit nur einer Verabredung zufriedengaben, ließ Daphne sich oft von zwei jungen Männern davontragen wie ein Schatz. Es war unvermeidlich, dass sie und Richard zusammenkamen. Sich in den Fünfzigern zu verabreden glich einer genetischen Auktion: Mädchen sollten zu Müttern werden, und die Besten suchten sich die Besten heraus. Nur was für eine einsame Lüge hatte sie gelebt! Schon von Kindesbeinen an war sie Epileptikerin, und sie wusste, dass niemand sie heiraten würde, fände er es heraus. Er würde nicht wollen, dass seine Kinder es bekamen; er würde nicht einmal sie wollen. Damals war nur so wenig über Epilepsie bekannt. Es wurde angenommen, man stürze in einem Krampfanfall zu Boden, während die anderen nur hilflos und entsetzt und angewidert zuschauen konnten – und genau das war ihr als Kind auch passiert. Doch niemand wusste, dass es Medikamente gab, um derlei unter Kontrolle zu halten, und dass nicht alle Epileptiker gleich waren, oder dass es möglich war, dem Schlimmsten zu entwachsen und allen anderen so sehr zu ähneln, dass es nie jemand erfahren musste. Und es hatte auch niemand von Daphnes Epilepsie gewusst, nicht einmal Richard, nicht in all den gemeinsamen Jahren, bis sie es ihm schließlich erzählte. Er hatte reagiert, als hätte sie ihn hintergangen. Nicht, weil sie nicht vollkommen war, sondern weil sie all die Jahre über etwas Bedeutendes vor ihm geheim gehalten, ihm nicht vertraut hatte. Und jetzt hegte er den Verdacht, dass sie noch andere Geheimnisse vor ihm hatte.
Und die hatte sie auch.
Aber nur, weil sie wollte, dass ihre Ehe glücklich war, ohne turbulente Krisen und Streitereien, die sie beide nur verletzen würden und nie geklärt werden könnten. Wenn man mit jemandem zusammenlebte, lernte man, was man besser verschwieg. Diese eine Offenbarung hatte einen Riss in ihre Ehe gebracht, und dieser Riss war nie wirklich gekittet worden, war nur von der dünnen, zerbrechlichen Schicht der glücklichen Jahre übertüncht worden, die darauf folgten.
»Meine Hoffnungen, Träume und Erwartungen, als ich das College beendete, waren, den Rest meines Lebens mit Richard Caldwell zu verbringen, und das habe ich auch getan.« Klang das zu selbstgefällig? Sie entschied, dass es romantisch klang, und schrieb weiter. »Eine Zeitlang, bevor wir heirateten, arbeitete ich in einer Kunstgalerie, aber mein eigentlicher Wunsch war ein Haus auf dem Land und viele Kinder, und genau das haben wir auch bekommen! Wir haben vier wunderbare Söhne.«
Ich habe fünf Kinder. Nicht vier, fünf.
Lügen und Geheimnisse.
Daphne zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in einem vollendeten Ring aus; dafür war sie am College berühmt gewesen. Komisch, sie hatte seit Jahren keinen dummen Rauchring mehr gemacht. Kaum dachte man an die Vergangenheit, war man auch schon wieder dort. Daphne würde den Fragebogen so ausfüllen, wie alle aus ihrem Jahrgang, die sie gekannt hatten, es von ihr erwarteten, und zwar indem sie angab, ihr Leben sei vollkommen, so wie es immer gewesen war, wie es immer sein würde. Sie würde Richards großen Erfolg in der Immobilienbranche erwähnen, die friedliche und ländliche Idylle in ihrem Haus mit Garten und Grundstück in Greenwich, die jüngsten schulischen und sportlichen Leistungen ihrer vier gutaussehenden Söhne. Ihre Tochter würde sie nicht erwähnen.
Was sie eigentlich schreiben wollte: »Selbst wenn man das bekommt, was man will, das Leben lacht einen doch auf seine Weise aus.«
Aber das würde sie nicht tun. Sie würde die Antworten eines Golden Girl geben. Ein Golden Girl wurde vom Leben nicht ausgelacht.
Wie so oft wurde Emily um acht von der kalifornischen Sonne geweckt, die in ihr Zimmer schien. Sie drehte sich im breiten Bett um und streckte sich, und dann spürte sie den vertrauten Anflug von Verzweiflung, den sie jeden Morgen verspürte, als wäre sie verlassen worden. Ken war schon wieder aus dem Haus, auf ihn wartete ein interessanter Tag, und er hatte sich nicht einmal verabschiedet. Er nannte das Rücksichtnahme. Er war das Phantom des Hauses, und Emily sollte nach all den Jahren daran gewöhnt sein, aber noch immer lief sie wie ein Kind ans Fenster im Flur, um auf die Auffahrt zu schauen, ob sein kleiner Sportwagen noch dort stand. Das tat er nicht. Nur ihr Mercedes Zweisitzer stand dort, ganz allein. Sie hoffte, dass niemand, der einen Raubüberfall oder Schlimmeres im Sinn hatte, vorbeifuhr und sah, dass jemand ganz allein zu Hause war. Deswegen hatte sie den Kombi auch nicht verkaufen wollen, doch Ken war der Meinung gewesen, es sei albern, ihn zu behalten, jetzt, wo die Kinder ausgezogen waren, und außerdem hatte er jetzt ja ihnen Autos kaufen müssen, und keiner von beiden würde sich je in etwas so Spießigem wie einem Kombi blicken lassen.
Aus der Ferne hörte sie die Stimmen der Männer – Mexikaner, Japaner –, die auf den Nachbargrundstücken arbeiteten, und wie jemand eine Hecke beschnitt. Ansonsten war alles still. Ein Vogel krächzte. Ein Wagen fuhr mit einem Affenzahn vorbei; jemand auf dem Weg zur Arbeit. Weit unter ihr, weichgezeichnet im morgendlichen Dunst, sah sie Los Angeles, wo all die anderen Menschen gerade ihren Tag begannen. Sie sollte ihren Tag auch beginnen, ehe Adeline da war, ansonsten hätte sie keinen Augenblick mehr Ruhe.
Zu spät. Brummender Motor, qualmender Auspuff, da war Adelines gewaltiges und uraltes Kabrio, das so tief über der Erde lag wie ein Boot. Der reinste Spritschlucker, wie Adeline es nicht müde wurde, sich bei Emily zu beklagen, obwohl doch Ken für das Benzin bezahlte. Sie hätten ihr den Kombi geben sollen. Aber Ken, der Adeline vergötterte, fand, Emily sei doch verrückt, so etwas zu denken. Warum denn nicht, fragte sie, wo doch andere auch einen Wagen für ihre Haushälterin anschafften, und der Kombi war doch schon alt und nicht mehr viel wert? Ken war explodiert.
Ken, der stets großzügig wie kein anderer gewesen war, hatte bei den merkwürdigsten Dingen Geiz entwickelt. Im einen Moment bestellte er unzählige Kisten des besten, teuersten Weins, weil jemand ihn empfohlen hatte, und im nächsten funkelte er Emily wütend an, weil sie ein Kleid gekauft hatte, was sie ohnehin selten tat, weil sie sich nicht sonderlich für Shopping interessierte. Sie mochte es nicht, wenn Ken sie verrückt nannte – es erinnerte sie an die Zeit, als sie es gewesen war, und sie wünschte, er würde sich etwas anderes einfallen lassen, womit er sie beschimpfen konnte. Er wusste, wie es ihr damit ging, und sie hatte den schrecklichen Verdacht, dass er es mit Absicht tat, was ihm ebenfalls so gar nicht ähnlich sah. Vielleicht konnten sie sich zusammensetzen und darüber sprechen, was hier vor sich ging, wenn sie ihn denn jemals erwischte, wenn er allein war und nicht abgespannt.
Als Emily nach unten kam, saß Adeline beim Frühstück am Küchentisch und las Zeitung. In der Luft hing der Geruch nach gebratenem Speck, wie ein Vorwurf, eine Herausforderung in diesem enthaltsamen Haushalt, in dem es nie dunkles Fleisch gab.
»Guten Morgen, meine Liebe!«, trällerte Adeline.
»Guten Morgen, Adeline. Machen Sie sich keine Mühe, ich hole mir selbst etwas, essen Sie nur in Ruhe Ihr Frühstück«, sagte Emily. Sie schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und steckte eine Scheibe kalorienreduziertes Brot in den Toaster. Adeline hatte vor fünf Jahren angefangen, bei ihnen zu arbeiten, und ganz allmählich hatte sie die Macht darüber übernommen, wer was tat. Sie hatte Emily so weit eingeschüchtert, dass sie sich wie eins der Kinder benahm. Adeline war halb Afroamerikanerin, halb amerikanische Ureinwohnerin, massig, starrsinnig und undurchschaubar, und sie wirkte alterslos und gab auch nichts preis, aber Emily musste ihr ihr Gehalt bar auf die Hand geben, damit sie bei ihnen blieb.
Inzwischen kümmerte Adeline sich um sämtliche Mahlzeiten, und Emily bekam eine Einkaufsliste für den Supermarkt in die Hand gedrückt – Emily, die mit Vorliebe gekocht und unzählige Kurse zu sämtlichen Küchen der Welt belegt hatte, wurde nun nur noch an Adelines freien Tagen Zutritt in ihre eigene Küche gewährt. Ken fand, Adeline sei ein Juwel, Kate und Peter ließen sich gern von ihr verwöhnen, Emily konnte sie nicht ausstehen, kam aber inzwischen auch nicht mehr ohne sie zurecht, und niemand konnte je auch nur erahnen, was Adeline dachte.
Die Kinder würden zum Abendessen kommen, und Emily sah schon die lange Einkaufsliste auf dem Küchentresen und dass die Backbleche für die Kekse bereitlagen. Sie wünschte, sie könnte zumindest die Kekse backen. Kekse waren Liebe.
»Sie gehen besser früh los, bevor es bei Gelson’s zu voll wird«, bemerkte Adeline.
Oh Gott, Donnerstag! Coupon-Tag. Der Tag, an dem es die ganzen Anzeigen für Sonderangebote in der Zeitung gab. Adeline hätte sie schon gestern hinschicken sollen … oder sie hätte selbst daran denken und darauf bestehen sollen.
»Vielleicht gehe ich woanders hin«, sagte sie zaghaft.
»Ich mag Gelson’s«, sagte Adeline in einem Ton, der eindeutig besagte, Emily begehe einen großen Fehler. Emily kannte diesen Ton noch aus ihrer Kindheit, wenn sie mit ihrer Mutter Kleidung einkaufen gegangen war. Hatte sie deswegen solche Angst davor, Adelines Wohlwollen zu verlieren, dass es ihr bisweilen vor Beklemmung die Kehle zuschnürte, wenn Adeline nicht einer Meinung mit ihr war? Würde man nicht nach all den Jahren Psychoanalyse annehmen, dass sie das zwanghafte Bedürfnis, es allen recht zu machen, abgelegt hätte? Sie war das brave Kind, die gute Ehefrau, die gute Mutter, und sie war unsichtbar.
»In Ordnung, ich fahre zu Gelson’s.«
Als sie schließlich geduscht und sich die Haare gewaschen, sich angezogen und etwas Make-up aufgelegt hatte – man wusste schließlich nie, ob man jemandem über den Weg lief, der dann erzählte, wie fürchterlich man aussah –, wusste Emily, dass es schon zu spät war. Ewig kurvte sie in der Tiefgarage unter dem riesigen Supermarkt umher, verzweifelt auf der Suche nach einem Parkplatz, und als sie schließlich einen fand, lag er so weit weg, dass er schon zu einem anderen Geschäft gehörte. Dann der endlose Gang durch die Kohlenmonoxid-Abgase all der Autos; Emily versuchte, nicht zu atmen, und war sich nur zu bewusst, dass es ihr doppelt so lang vorkommen würde, wenn sie auf dem Rückweg einen beladenen Einkaufswagen vor sich her schob. Adeline erinnerte sich an alles, was Peter je gern gegessen oder getrunken hatte, und sie hatte alles auf die Liste gesetzt, weil sie ihm ein Carepaket mitgeben wollte. Kate aß nur wenig, weil sie nicht zunehmen wollte, und obwohl sie immer ganz höflich Kekse mit nach Hause nahm, war Emily doch sicher, dass sie sie weiter verschenkte.
Emily tat es beinahe leid, dass ihre beiden Kinder am selben Abend zum Essen kamen, denn wenn sie zusammen waren, schien es ihr, als hätten sie Geheimnisse, in die Ken und sie selbst nicht eingeweiht waren. Die schwer greifbare Kate mit der rauchigen Stimme, deren Blick einen auf Distanz hielt … Emily hatte sich schon oft gefragt, wem, wenn überhaupt jemandem, je Zutritt zu Kates Welt gewährt wurde außer Peter, und sogar bei ihm war sie sich nicht sicher. Peter war ausnahmslos höflich und respektvoll gegenüber seinen Eltern, weil er fand, dass sich das so gehörte. Es hatte kaum etwas mit seinen Gefühlen zu tun. Manchmal fragte Emily sich, ob er überhaupt Gefühle hatte, so tief verborgen waren sie. Er weigerte sich, Angst oder Verletzlichkeit oder auch nur irgendwelche Zweifel zuzugeben. Wenn er etwas fragte, und er fragte viel, dann, weil er etwas lernen wollte. Immer wieder versicherte er einem, dass er so viel wie möglich lernen wolle, damit er Erfolg haben würde. Weder Kate noch Peter berührten ihre Mutter, wenn es sich vermeiden ließ; nie gaben sie ihr einen Kuss. Natürlich ließen sie es zu, dass Emily sie umarmte und küsste, so behandelte man schließlich seine Mutter. Im Umgang miteinander lachten sie und zwinkerten sich zu, klopften sich gegenseitig auf den Rücken und tauschten Blicke aus, die wie in Kurzschrift ein ganzes Leben abdeckten, aus dem andere ausgeschlossen waren. Sie waren wie zwei Kinder, die sich aneinander festklammerten, damit sie nicht untergingen …
Zwei nassglänzende Köpfchen, die auf der Wasseroberfläche wippten. Ein türkisfarbener Pool … nackte gebräunte Ärmchen, die grellorangen Schwimmwesten verstaut im Geräteschrank …
Und eine Mutter, die nicht kam, als Kate schrie …
Emily verbannte die Bilder aus ihren Gedanken und stapfte mit ihrem beladenen Einkaufswagen entschlossen durch die Tiefgarage. Später gäbe es ein köstliches Essen, und sie alle würden einen richtig schönen Abend zusammen verbringen. All das war lange her, damals war Emily selbst fast noch ein Kind. Vielleicht erinnerten sie sich nicht einmal daran.
Wie konnten sie sich nicht daran erinnern? Kate hatte es Ken selbst erzählt. Und dann hatte Ken ein Kindermädchen angestellt und Emily zur Nervenklinik gefahren und sie dazu gebracht, sich selbst einzuweisen. Sicherlich wussten die Kinder noch, dass sie sie allein gelassen hatte; sie war sechs Monate weg gewesen. Nach ihrer Rückkehr war Emily so beschäftigt mit ihren eigenen Problemen gewesen und damit, wieder gesund zu werden, dass es ihr nie in den Sinn gekommen war, sich zu erkundigen, ob das, was passiert war, den Kindern Schaden zugefügt hatte. Es nahm sie völlig in Beschlag, eine gute Mutter zu sein, Kate und Peter zu den Terminen eines voll ausgefüllten Tags in Südkalifornien zu fahren – Schule, Unterricht, Verabredungen, Sport –, und gleichzeitig mit ihrer Psychoanalytikerin herauszufinden, warum sie ihre Kinder noch immer nicht leiden konnte, bis sie es schließlich geschafft hatte; bis kein einziges Fünkchen Groll mehr in ihr zurückblieb.
Außer in den seltenen Augenblicken, in denen ihr klar wurde, dass ihre Kinder noch ihr ganzes Leben vor sich hatten und ihr eigenes vorbei war. Und dass sie so viel mutiger waren, als Emily es je gewesen war.
Wieder zu Hause half Adeline ihr beim Ausladen. »Gott, ist das heiß«, sagte Emily.
»Das ist es. Ich kann es nicht ertragen, wenn es so heiß ist.«
In der Küche trank Emily eine Dose künstlich gesüßten Eistee und warf einen Blick auf die Post, während Adeline die restlichen Einkäufe wegräumte. Emily wusste nicht, weshalb sie stets das Gefühl hatte, sie müsse in Adelines Gegenwart bleiben, anstatt dass sie den Eistee am Pool oder in ihrem Zimmer trank; irgendetwas, vielleicht die gleichen unbenannten Schuldgefühle, veranlassten sie dazu, Adeline überallhin zu folgen, um sich mit ihr gut zu stellen.
»Ich habe vergessen, Butter aufzuschreiben«, sagte Adeline.
Emily seufzte. »Muss ich wirklich nochmal losfahren?«
»Ohne Butter kann ich nicht kochen. Tut mir leid, meine Liebe.«
Widerwillig fuhr Emily die gewundene Straße zurück. Das macht sie ständig. Ich weiß nicht, warum sie mir das antut. Dabei schmecken meine Kekse viel besser als ihre; ihre sind so fettig. Meine sind weich und klebrig und wunderbar … Sie hielt an dem kleinen Lebensmittelladen an, der näher lag als der Supermarkt, und kaufte zwei Pfund Butter, natürlich von Adelines Lieblingsmarke, auch wenn es nicht ihre eigene Lieblingsmarke war. Sie wollte nicht riskieren, von Adeline mit bösen Blicken bombardiert zu werden und eine Stunde lang zuhören zu müssen, wie sie mit den Töpfen schepperte. Als Emily wieder nach Hause kam, war es schon Zeit, zu ihrer Stelle im Krankenhaus zu eilen.
Das Children’s Hospital war neu und schön und in fröhlichen Primärfarben dekoriert, die die kleinen Kinder, deren Leben von Krankheit und Schmerzen bestimmt waren, die sie nur zum Teil verstehen konnten, aufmuntern sollten. Die meisten Ehrenamtlichen waren in Emilys Alter, die Krankenschwestern waren jung, und die Spielelady, Suzanne, die auch Emilys Vorgesetzte war, war achtundzwanzig. Die Spielelady durfte Alltagskleidung tragen, doch Emily musste eine alberne pastellfarbene Schürze überziehen. Die Spielelady war beinahe zwanzig Jahre jünger als Emily. Sie hatte die Art leitende Position, die Emily vor Jahren selbst besetzt hatte, als sie Ken gerade erst geheiratet hatte und eine psychiatrische Sozialarbeiterin war, die man respektierte. Jetzt war sie einfach nur eine Gehilfin. Dennoch, wenn sie den Kindern half, ihre Ängste und Wut auszuleben, in der Hoffnung, dass Emily ihr Leben dadurch ein wenig erträglicher machte, erfüllte es sie für ein paar Stunden. Die Kinder mochten Emily, und sie verstand sich gut mit ihnen. Wenn eins der Kinder fehlte, bekam sie es jedes Mal mit der Angst – sie wusste, wenn sie nach Hause gehen durften, weil sie schon vorher davon erzählten, aber wenn sie einfach verschwanden, wusste sie, dass etwas Schreckliches passiert war. Erleichtert stellte sie heute fest, dass alle Kinder, die sie kannte, noch da waren. Ein neues verängstigtes Gesicht war unter ihnen, verborgen unter einer tief heruntergezogenen Baseballmütze. Keine Haare: Chemotherapie. Krebs. Mit einem flüchtigen Blick prüfte sie, ob der Junge noch beide Beine hatte.
»Hallo! Ich bin Emily. Wie heißt du?«
Ein trauriges, leises Murmeln. Emily nahm den Jungen in den Arm.
»Emily, holen Sie Papier und Farben«, sagte Suzanne. »Wir spielen heute Matisse. Oder Star Wars. Kommt ganz darauf an.« Emily ging zum Wandschrank und holte das Material. »Oh, wir brauchen noch viel mehr als das«, sagte Suzanne.
»Ich hole noch mehr.« Emily bemühte sich um einen freundlichen Ton. Warum kommandierten alle sie herum? Trotzdem, sie hatte solches Glück, dass sie gesund war und gesunde Kinder hatte, und dass sie von zu Hause weggekommen war; sie sollte sich über nichts beklagen.
Die Zeit verging wie im Flug. Der neue kleine Patient nannte ihr seinen Namen, und sie bemalte seine Baseballmütze mit goldenen Sternen. Dann ließ sie ihn ein Monster auf ihren Arm malen, Haare auf ihre Hand und Klauen auf ihre Finger. Schon bald lachte er. Nach der Spielstunde gingen Emily und Suzanne für einen Kaffee in den Aufenthaltsraum.
»Sagen Sie«, setzte Suzanne an, »eine der Frauen hat mir erzählt, dass Sie die Mutter von Kit Barnett sind.«
»Ja.« Es war das erste Mal, dass man sie im Krankenhaus mit Respekt ansprach.
»Das wusste ich gar nicht. Sie hat ja einen anderen Nachnamen.«
»Sie heißt immer noch Kate Buchman. Aber beruflich nennt sie sich Kit Barnett.«
»Ich finde sie großartig«, erklärte Suzanne. »Ich habe sie ein paarmal im Fernsehen gesehen. Wenn ich mitbekomme, dass sie irgendwo mitspielt, versuche ich, es mir anzuschauen.« Es war auch das erste Mal, dass die Spielelady so ausführlich mit Emily sprach. »Wie ist sie denn so?«
»Wie meinen Sie das?«
»Im echten Leben. Wie ist sie da so?«
Ich bin nicht sicher, ob ich das weiß. Sie ist zwar meine Tochter, aber ich kenne sie im Grunde auch nicht. »Eine ganz normale junge Frau«, antwortete Emily leichthin. »Fleißig, engagiert. Ich bin sehr stolz auf sie.«
»Na dann, wenn Sie sie sehen, sagen Sie ihr, sie hat einen Fan.«
»Ich sehe sie heute Abend«, sagte Emily.
»Ach. Schön.« Suzanne nickte und lächelte, und Emily nickte und lächelte ebenfalls, und dann gingen sie jede ihres Wegs. »Dann noch einen schönen Abend«, rief Suzanne ihr noch hinterher.
Im Wagen, der im Berufsverkehr nur im Schneckentempo vorankam, dachte Emily bei sich: Ich bin berühmt. Ich bin die Frau von Ken Buchman und die Mutter von Kit Barnett. Da würde sich meine Studienberaterin in Radcliffe aber freuen.
In der Küche roch es himmlisch. »Doktor Buchman hat angerufen«, begrüßte Adeline Emily. »Er hat noch ein Meeting und lässt ausrichten, dass Sie ohne ihn anfangen und ihm etwas aufheben sollen.«
Emily wurde es schwer ums Herz. »Haben Sie ihn daran erinnert, dass die Kinder kommen?«
»Das weiß er.«
Als Ken die letzten Male »Meetings« gehabt hatte, hatte es bis zehn oder elf Uhr gedauert, und als er dann nach Hause kam, war er missmutig gewesen und hatte nicht reden wollen. Emily war überzeugt gewesen, dass seine Frauengeschichten vorbei waren, aber jetzt war sie sich da nicht mehr so sicher. Was mochte es sonst sein? Dermatologen hatten keine Meetings, und sie arbeiteten auch nicht bis elf Uhr abends. Vielleicht war er nur mit einem Freund auf einen Drink in die Polo Lounge gegangen, so wie er es manchmal tat; aber es war rücksichtslos, wenn er das machte, da die Kinder ihn doch auch sehen wollten. Sie aßen immer um sieben, so dass Adeline nach Hause fahren konnte. Bis sieben konnte man doch sicherlich schon genug Drinks gehabt haben. Nun ja, sie würde sich nicht mit ihm streiten. Sie würde ihr Bestes geben, damit es zu einem schönen Abend für sie alle wurde.
»Hallo, Mom! Hallo, Adeline!« Peter, ihr großer, sonnengebräunter, gutaussehender Sohn, mit einem Lächeln.
Adeline legte die Handflächen aneinander und verbeugte sich wie Ed MacMahon in der Johnny Carson Show. »Der kleine Prinz!«, sagte sie und verbeugte sich nochmals. Peter lachte und umarmte sie. Auch von Emily ließ er sich umarmen.
»Du siehst schön aus, Mom«, sagte er. »Was gibt’s zu essen?«
»Dein Leibgericht und eine Überraschung«, entgegnete Adeline, bevor Emily antworten konnte.
»Ich habe alle Ausgaben vom Wall Street Journal für dich aufgehoben«, sagte Emily.
»Ich habe jetzt selbst ein Abo«, sagte Peter fröhlich. »Der kleine Prinz wird bald der kleine Tycoon. Oder hoffentlich eines Tages der große Tycoon. Wo ist Dad?«
»Er verspätet sich«, sagte Emily.
»Hab ich was Falsches gesagt?«, fragte Kate, die wie ein Geist ins Zimmer geschlüpft war, mit einem Lächeln. Sie war einen Kopf größer als Emily, wirkte aber trotzdem zart, und mit ihrem dunklen Haarschopf und den großen grauen Augen sah sie aus wie Emily in dem Alter, nur ohne die Angst. Die schrille Stimme, die sie als Kleinkind gehabt hatte – die durchdringende, fordernde kleine Stimme, die Emily vor so vielen Jahren in den Wahnsinn getrieben hatte –, gab es nicht mehr, sie war einem interessanten rauchigen Klang gewichen. Das war eine der Eigenschaften, die Kate von anderen jungen Schauspielerinnen abhob, doch vor allem waren da ihre Augen: Darin lag, auch wenn Kate ein freundliches Auftreten hatte, etwas Geheimnisvolles, Zurückgehaltenes, eine Herausforderung. Genau wie jeder andere war sich Emily dessen auf dem Bildschirm bewusst, doch sie sah es auch bei sich zu Hause, und sie wusste, dass das eben Kates Blick war; es gab einen Punkt, an dem es hieß, bis hierher und nicht weiter.
Kate umarmte Adeline flüchtig, erduldete die Umarmung ihrer Mutter und legte dann ihrem Bruder einen Arm um die Schultern.
»Lasst uns einen Wein am Pool trinken«, schlug Emily vor. »Es ist so schön abends um diese Zeit.«
Mit einer Karaffe Weißwein, Gläsern und einem Kühler spazierten sie hinaus und setzten sich vor den Sonnenuntergang. Erst jetzt bemerkte Emily den Bluterguss auf Kates Wange, als hätte jemand sie geschlagen. »Was hast du da?«, fragte sie beunruhigt nach.
»Was habe ich wo?«
»Auf deiner Wange. Es sieht aus, als hättest du dich verletzt.«
»Ach, keine Ahnung«, entgegnete Kate ruhig. Ihr Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht darüber sprechen wollte.
»Wie läuft es bei der Arbeit?«, fragte Emily rasch.
»Ich habe ein Angebot, aber wenn ich darüber spreche, dann beschreie ich es nur«, sagte Kate.
»Ich drücke auf jeden Fall die Daumen. Erzähl es mir einfach, sobald du es weißt.«
»Das mache ich.«
»Ich hätte die Möglichkeit, mein Auto an ein Mädchen von der Uni zu verkaufen«, sagte Peter. Er trank einen Schluck. »Was ist das für ein Wein?«
»Ach, einfach ein Tafelwein«, sagte Emily.
»Oh. Jedenfalls dachte ich, dann könnte ich mir einen gebrauchten BMW kaufen und lernen, wie man ihn wieder flott macht.«
»Du bist noch zu jung für so ein teures Auto«, erwiderte Emily. »Darüber haben wir doch schon gesprochen.«
»Aber es wäre gut für mich, wenn ich lerne, wie man ein Auto repariert. Wenn es mein eigenes wäre, dann hätte ich auch den Antrieb dazu.«
»Ich will, dass du deine Zeit mit studieren verbringst, nicht damit, Autos zu reparieren«, wandte Emily ein.
Peter klang gequält. »Ich habe nur Bestnoten. Ihr habt gesagt, wenn ich mein Auto verkaufe, kann ich ein neues bekommen.«
Wo ist Ken?, dachte Emily. Ich bekomme ihn kaum noch zu Gesicht. Er fehlt mir, und ich will mit ihm zusammen sein, das ist einfach nicht fair. »Ich dachte, wir hätten entschieden, dass du einen Toyota bekommst«, sagte sie.
Es herrschte Stille, während Peter über sein Schicksal nachgrübelte. »Findet ihr, ein weißes Auto ist zu feminin?«, wollte er wissen.
»Zu feminin?«
»Ja. Junge Frauen fahren weiße Autos, und Schwuchteln.«
»Ich gehe gerade mit einem Mann aus, der ein weißes Auto fährt«, sagte Kate lässig. »Der ist keine Schwuchtel.«
»Vielleicht besorge ich mir ein weißes Auto und lasse die Scheiben dunkel tönen«, sagte Peter. »Das sähe sicher super aus.«
»Wie sollst du dann was sehen?«, fragte Emily.
»Man sieht was«, entgegnete Peter.
»Ach, massier mir mal den Rücken«, sagte Kate. »Der bringt mich noch um.«
Sie beugte sich vor, und Peter begann, ihr die Schultern zu kneten. »Mhm … herrlich«, sagte sie.
»Ich wünschte, ich würde mein eigenes Geld verdienen«, sagte Peter. »Ich wünschte, ich wäre stinkreich.«
»Das wirst du noch«, sagte Emily aufmunternd.
Er lächelte.
»Dann hätte ich ein luxuriöses Haus am Strand, eine umwerfende Freundin, die bei mir wohnt, einen teuren Sportwagen und einen Wahnsinnshund, der alles bewacht.«
»Bekommst du alles«, sagte Kate.
»Na ja«, sagte er. »Ich geb mir Mühe.«
Mit dem restlichen Wein in der Hand gingen sie ins Esszimmer. Emily hatte eine ihrer weißen Orchideen mittig auf dem Tisch platziert und kleine dicke Kerzen darum herum aufgestellt. Die zündete sie jetzt an, und sie dimmte das Licht vom Kronleuchter, so dass es sanft golden schimmerte. Das Zimmer sah wunderschön aus, und Emily wünschte, Ken wäre hier, um den Abend zu vervollständigen.
Adeline kam mit einem riesigen Tablett herein, auf dem sie ihr berühmtes Hühnchen aus dem Ofen umgeben von Bergen von Maisbratlingen angerichtet hatte. Ich wusste nicht, dass sie alles in Fett braten würde, dachte Emily entsetzt. Erleichtert bemerkte sie, dass eine große Glasschüssel mit Salat auf der Anrichte stand.
sehen
»Adeline, es schmeckt köstlich«, rief Peter.
Sie waren mit dem Essen fertig und tranken Kaffee, als Emily Kens Schlüssel in der Tür hörte. »Ich bin da!«, rief er. Er stellte ein paar Tüten im Flur ab und kam ins Esszimmer. Wie müde er aussah! Mit seinen strohblonden Haaren hatte er noch immer das jungenhafte Aussehen, das über sein Alter hinwegtäuschte, doch anstatt dass er kompakt und sportlich wirkte, schien er mittlerweile zu dünn. Auf einmal fragte sich Emily leicht verängstigt, ob ihm schon die ganze Zeit körperlich etwas fehlte, er irgendeine kaum erkennbare Erkrankung vor ihr geheim hielt und deswegen so gereizt gewesen war.
Bald nach dem Essen verabschiedeten sich Kate und Peter, sie hatten am nächsten Tag zu tun; beide trugen die Schachteln voll Essen im Arm, die Adeline ihnen noch bereitgestellt hatte, bevor sie nach Hause gefahren war. Als Emily schließlich das Licht gelöscht und die Alarmanlage eingeschaltet hatte, war Ken bereits oben.
»Was?«, fragte er zurück – wieder dieser seltsame, gereizte Tonfall, wie ein Fremder.
»Ach, nur ein paar Socken.«
Blitzschnell drehte er sich zu ihr um und funkelte sie an, als würde er sie am liebsten ohrfeigen. »Darf ich nicht mal mehr meine Socken selbst kaufen? Kannst du mich mal Luft holen lassen?«
»Hör auf zu jammern.«
»Geh ins Bett«, sagte er. Das Gespräch war für ihn beendet. Er zog sich seine Badehose an.
»Wonach sieht es denn aus? Ich gehe schwimmen.«
»Mir geht es bestens.«
Sein Gesicht lief rot an vor Wut, tatsächlicher Wut. Was hatte sie jetzt schon wieder getan? »Sei still«, sagte er. Dann verließ er das Zimmer.
Er war siebenundvierzig, das war ein verwundbares Alter, in dem Männer ihre eigene Sterblichkeit zu spüren begannen. Überall, wo er hinkam, begegnete er hübschen jüngeren Frauen, und wer würde Ken nicht wollen? Diesmal betrog er sie womöglich nicht nur, war es nicht nur ein Seitensprung, sondern möglicherweise war es etwas Ernstes, so dass er Emily loswerden wollte, die alte, langweilige Ehefrau …
Der Balkon vor ihrem Schlafzimmer zeigte auf den Pool. Ken hatte sämtliche Beleuchtung am und im Becken eingeschaltet. Emily trat auf den Balkon und sah auf Ken hinab, eine kleine dunkle Gestalt im Wasser, die glitzernde Spritzer aufwarf, während sie eine Bahn nach der anderen zog und durch die dabei entstehenden schaukelnden Wellen pflügte. Hin und her, hin und her, scheinbar unermüdlich, als müsste Ken einen Dämonen exorzieren. Nachts war es kalt hier draußen; Südkalifornien war ein Wüstenstaat. Emily begann nun ernsthaft zu zittern.
Ihr Mann exorzierte einen unbekannten Dämon, und sie stand in der Wüste. Sie war vollkommen allein.