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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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1. Auflage 2018

© 2018 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

Druck: EuroPB, Dělostřelecká 344, CZ 261 01 Příbram

ISBN 978-3-99100-255-0

eISBN 978-3-99100-256-7

Für Anna und Katharina

Inhalt

Einleitung

Christine und Cornelia Wallner

– Neue Heimat Afrika

Sanja, Dorothea und Patrizia

– Gleiche Pole ziehen sich nicht an

Interview mit Bundesministerin Ursula von der Leyen

– „Entscheidend ist die Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation“

Hanna Ibrahim und Menerva Hammad

– Der Aha-Effekt des Lebens

Maria

– „Die Besuche bei meiner Mutter sind wie eine rituelle Teufelsaustreibung“

Helga und Franziska König

– Wer denkt an die Kinder hyperaktiver Mütter?

Alexandra und Nejat Mantler

– Angekommen

Interview mit Daniela Dantas-Fischleders

– Klangwelt Mutterleib

Proschat und Sonja Madani

– Zwei Mütter sind eine zu viel

Susanne und Saskia Jungnikl

– Zwei Anrufe, die alles verändern

Interview mit Michaela Novak-Chaid

– Meine Tochter ist mein Coach

Margareth und Marcela Buschwenter

– Hundert Jahre Zweisamkeit, oder?

Elisabeth und Caroline Erb

– Die Freiheit, die sie meinen

Yuriko und Maiko

– „Die Pubertät meiner Tochter war die schlimmste Zeit meines Lebens“

Doris und Olivia Rose

– Rituale als Anker

Helga, Vroni und Fini Male

– Das Weggehen hat uns gerettet

Monolog einer Mutter über ihre besondere Beziehung zur ältesten Tochter

– „Damit habe ich nicht gerechnet“

Einleitung

MAMA MIA!

Es ist bitter kalt. Wir frieren. Der Zugang zur Zentrale der Sozialdemokratischen Partei Österreichs ist versperrt. Der erste Stock des Gebäudes in der Wiener Innenstadt ist hell erleuchtet. Dort fällt im Vorstand der Regierungspartei die Entscheidung über das, was später unter „die Wende“ in der österreichischen Innenpolitik bekannt werden wird. Wird es SPÖ-Chef Viktor Klima gelingen, seine Partei auf eine Fortsetzung der Koalition mit der Österreichischen Volkspartei einzuschwören oder nicht? Stunden verrinnen in dieser Nacht vom 20. auf den 21. Jänner 2000.

Zusammen mit unzähligen Journalisten, Fotografen und Kameraleuten warten wir vor dem Haus Löwelstraße 18 auf ein Ende der Sitzung und einen Beschluss der Partei. Mitternacht, ein Uhr früh, zwei Uhr, drei Uhr. Die Stimmung ist angespannt. Wir sind erschöpft. Es passiert nichts. Irgendwann in dieser Zeit kommt es zu einem „Vorfall“, der uns viele Gespräche und viele Jahre später dazu brachte, gemeinsam dieses Buch zu schreiben. Denn während wir beide, zitternd vor Kälte und müde vor Langeweile, zur nächsten Zigarette greifen, kommt plötzlich Bewegung in die wartende Meute. Ein Kameramann, unweit von uns entfernt, schultert sein Gerät und richtet das Objektiv in unsere Richtung aus. Plötzlich ist die Müdigkeit verflogen. Wir sind hellwach. Rauchen vor laufender Kamera? Niemals! Schnell weg mit der Zigarette. Meine Mutter darf nicht sehen, dass ich rauche! Meine Tochter darf nicht wissen, dass ich wieder angefangen habe! Es ist vier Uhr früh. Die Sitzung ist zu Ende, die amtierende Regierung Geschichte.

Im Nachhinein wussten wir, dass unser kurzer Dialog ein großes Thema angerissen hat. Eines, das viele Frauen ein Leben lang beschäftigt. Wir haben uns damals und auch kurz danach nicht mehr darüber unterhalten, was dieser Reflex einer Mutter und einer Tochter zu bedeuten hatte. Das große Thema war das Ende sozialdemokratischer Regierungen nach dreißig Jahren. Viele Wochen und Monate lang. Der „Vorfall“ geriet in Vergessenheit. Er gab aber Jahre später den Anstoß, sich mit der Vielfalt, der Komplexität, der oft lebensentscheidenden Konsequenz der Mutter-Tochter-Beziehungen näher zu beschäftigen.

Diese „Mutter aller Beziehungen“, wie sie in der Psychologie oft bezeichnet wird, prägt maßgeblich Biografien von Frauen. Beziehungsmuster, Karriereweg, Familienplanung – sobald Frauen darüber reflektieren, führt es sie meistens zurück zu ihrer Mutter. Zum Rollenbild, das ihnen ihre Mutter vorgelebt hat. Zur bedingungslosen Mutterliebe, die sie bekommen haben oder eben nicht, mit Auswirkungen auf ihr gesamtes Leben. Zu viel Liebe oder zu wenig, zu streng oder zu liberal – im Zweifelsfall sind die Mütter schuld. Und wenn Töchter dann selbst Mütter werden, geht diese unendliche Beziehungsgeschichte in die Fortsetzung. Dann verändert sich der Blick auf die eigene Mutter und Frauen staunen, wie ähnlich sie als Mutter ihrer eigenen Mutter werden oder wie sehr sie sich selbst als das Gegenmodell definieren. Nicht alle Frauen sind Mütter, aber alle Frauen sind Töchter – und bleiben, ob sie wollen oder nicht, ihrer Mutter gegenüber ein Leben lang in dieser Kinderrolle. Jetzt könnte man einwerfen, das gelte genauso für Söhne. Auch Söhne haben Mütter, auch Söhne erleben diese Urprägung durch die Mutter. Selbstverständlich! Genauso wie Väter und Töchter oder Väter und Söhne eine ganz wichtige, einmalige Beziehung miteinander haben können. Aber keine andere Eltern-Kind-Beziehung reicht in der Komplexität an jene zwischen Mutter und Tochter. Oder erzählen Männer, wie sie sich Abende lang mit Freunden über das Verhältnis zu ihrer Mutter unterhalten? Wohl nur wenige. Viele Frauen aber machen eine Therapie, um ihr Verhältnis zu ihrer Mutter und die Auswirkung auf ihr Leben besser zu verstehen. Töchter leiden unter ihren Müttern und umgekehrt. Andere Töchter und Mütter wiederum erleben eine ganz besonders intensive und schöne Bindung. Mütter, die von kleinen Mädchen wie ihr größeres Ich angehimmelt werden, werden spätestens in der Pubertät vom Podest gestoßen. Will ich mich als Frau einmal so ähnlich positionieren wie sie? Dem Partner gegenüber oder im Job? Oder kann ich mir vorstellen, mein Leben – so wie meine Mutter – ganz der Familie zu widmen? Mütter fungieren als Orientierungshilfen im Erwachsenwerden von Töchtern, Töchter als Projektionsfläche für Mütter, die ihre eigenen verlorenen Lebensziele bei ihren Töchtern gerne erfüllt sähen.

Das birgt Konfliktpotenzial. „Du bist wie deine Mutter“, ein Satz, der von Töchtern selten als Kompliment aufgefasst wird. Denn bei aller Liebe, welche Tochter will schon als Kopie ihrer Mutter wahrgenommen werden? Mütter wiederum sehen sich gesellschaftlichen Erwartungshaltungen in ihrer Lebensrolle ausgesetzt. Lange Zeit galt es für Töchter fast als Tabu, ihre eigene Mutter zu kritisieren oder sie gar für Defizite im eigenen Leben verantwortlich zu machen.

Der Mythos der grenzenlosen Mutterliebe, der liebevollen Solidarität zwischen Müttern und Töchtern, verbat das. Kein Wunder, dass in den 1970er-Jahren das Buch „Wie meine Mutter“ der amerikanischen Autorin Nancy Friday von der Kritik als „Buch wie ein Schock“ rezensiert wurde, bevor es zum Bestseller avancierte. Das Buch ist ein schonungslos ehrlicher Blick auf das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. So schreibt Friday: „Egal, wie wir das Netz von Emotionen zwischen uns und anderen weben, häufig ist es geprägt von dem Muster, das zwischen ihr und uns besteht. Viele der Beziehungen, die wir als Erwachsene führen, enthalten Elemente der Mutter-TochterBeziehung.“ Es war wie ein Befreiungsschlag für viele Frauen, die sich durch dieses Buch ermutigt fühlten, sich mit ihren Müttern ehrlich auseinanderzusetzen. Viel hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Und doch beschäftigt viele erwachsene Frauen ein Leben lang die Frage, wie und ob sie den Erwartungshaltungen ihrer Mütter entsprechen, es sollten oder eigentlich gar nicht wollen.

Auch in Literatur und Film sind Mutter-Tochter-Storys stets ein guter Plot. Ob Elfriede Jelineks autobiografischer Roman „Die Klavierspielerin“ oder jüngst der Film „Lady Bird“ – Mutter-Tochter-Geschichten verlieren nie an Brisanz. Die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Beziehungen fasziniert. Und spiegelt Gesellschaftsbilder und Trends.

Sollte die Mutter früher für Töchter vor allem eine Respektsperson sein, werden Mütter und Töchter mittlerweile gerne medial als beste Freundinnen inszeniert.

Auf den ersten Blick kaum zu erkennen, wer Mutter, wer Tochter ist – eine attraktiver und jugendlicher als die andere. Aber kann das funktionieren? Vom Eltern-Kind-Verhältnis zu einer Begegnung auf Augenhöhe? Bleibt eine Mutter nicht immer in einer anderen Rolle, als wir es uns von einer Freundin erwarten? Muss dieses freundschaftliche Setting nicht zwangsläufig zu Enttäuschungen auf beiden Seiten führen?

Oder ist das alles völlig übertrieben? Sind Mutter-Tochter-Beziehungen einmal besser, einmal schlechter und die Auswirkungen auf das Leben von Frauen völlig überzeichnet?

Fragen über Fragen, die wir in diesem Buch sicher nicht beantworten werden. Nicht können und auch nicht wollen. Wir sind keine Therapeutinnen und haben auch keinerlei therapeutischen Ansatz. Wir sind Journalistinnen, die gelernt haben, genau hinzuschauen und gut zuzuhören. In vielen, sehr persönlichen Gesprächen sind wir in den vergangenen Jahren immer wieder beim Mutter-Tochter-Thema gelandet. Auch in der Beobachtung politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Auf den Kern reduziert, erklären sich Verhaltensmuster von Menschen in ihren ersten Prägungen. Da landet man bei Frauen recht schnell bei ihrer Muttergeschichte. Das war Grund genug, uns dem Thema einmal ausführlicher zu widmen.

Unsere Perspektiven sind unterschiedlich – die eine könnte die Mutter der anderen sein, das gibt naturgemäß einen anderen Blick. Beide sind wir Mütter von Töchtern, die wir allein erzogen haben oder erziehen. Die eine erlebt seit Jahren eine mehr als gelungene Beziehung mit ihrer erwachsenen Tochter, die andere hofft, dass ihr das mit ihrer Tochter auch so gut gelingen möge, und steckt gerade mitten in den Herausforderungen, die sich einer Mutter im Zuge der Pubertät der Tochter stellen.

In diesem Buch erzählen Mütter und Töchter ihre ganz persönlichen Mutter-Tochter-Geschichten, jede aus ihrer Sicht – manchmal ist diese ähnlich, manchmal völlig konträr. Eines haben alle Geschichten gemeinsam – sobald wir Mütter zu ihren Töchtern befragten, berichteten diese innerhalb kürzester Zeit über ihre eigenen Mütter und ihre Prägungen durch diese. Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin. Eine unendliche Beziehungsgeschichte.

Auch wir wollen am Beginn dieses Buches einen Blick zurückwerfen auf unsere Mütter, die wir beide sehr früh verloren haben.

So viel Liebe und trotzdem alles andere als einfach – Birgits Blick auf ihre Mutter

Seit einigen Jahren entdecke ich an mir zunehmend äußerliche Ähnlichkeiten mit meiner Mutter, der ich eigentlich überhaupt nicht ähnlich schaue. Meine Mutter, ein dunkler Typ, immer sportlich, immer schlank. Ich blond und blauäugig, nicht sehr sportlich, völlig anderer Körperbau – absolut Vaterlinie. Vergleicht man Kinderfotos meiner Mutter und mir – man findet keine Ähnlichkeiten. Und doch gibt es seit einiger Zeit plötzlich Fotos, auf denen ich Gesichtszüge oder Gesten an mir entdecke, wie ich sie von meiner Mutter kenne. Da kommt etwas durch. Dabei habe ich in vielem das Gegenmodell zum Lebensentwurf meiner Mutter gewählt. Ganz bewusst, das habe ich ihr in vielen heißen Diskussionen als Pubertierende auch gesagt. Nie im Leben wollte ich eine Familie um den Preis, mein eigenes Leben dafür aufzugeben. Das tat meine Mutter nämlich und ließ es mich seit Kleinkindtagen auch nie vergessen. Ihre fast abgeschlossene Pianistenausbildung, ihren großen Freundeskreis, ihren Job – meine Mutter ließ ihr Leben komplett hinter sich, als sie heiratete, in eine neue Stadt zog und mich bekam. Sie war ausschließlich Hausfrau und Mutter, aber in dieser Rolle nicht glücklich. Das war zu spüren und das verbalisierte sie auch.

Schon als Kind hatte ich ihr gegenüber deshalb oft ein schlechtes Gewissen. Mühsam habe ich mich davon in meinen Zwanzigern befreit oder es zumindest versucht. Aber immer noch träume ich mindestens einmal im Jahr irgendeine Geschichte, in der ich ein ungeheuer schlechtes Gewissen meiner Mutter gegenüber habe, obwohl sie vor mehr als zehn Jahren gestorben ist. Meine Mutter bezeichnete es als Fehler, ihr Leben derart der Familie untergeordnet zu haben. Sie erklärte sich ihre Entscheidung für dieses Lebensmodell als ihre Reaktion auf das Leben ihrer Mutter, mit der sie zeitlebens eine äußerst schwierige Beziehung hatte und die als Alleinerzieherin immer berufstätig war und im Erleben meiner Mutter wiederum zu wenig Zeit für sie hatte. Ich bin ein Einzelkind und wurde überschüttet. Überschüttet mit Liebe, aber auch mit Aufmerksamkeit und mit Ideen, was für mich am besten wäre. Sicherlich entsprach es durchaus auch meinen Vorlieben und bis zu einem gewissen Grad meinen Begabungen, aber dass mich meine Mutter von klein auf in musikalische Früherziehung, in Tanzkurse, in Zeichenkurse, später als absolut jüngste Teilnehmerin in Musicalkurse von Susi Nicoletti steckte, hatte sicherlich auch etwas mit ihren eigenen unerfüllten künstlerischen Hoffnungen zu tun. Als ich mich nach der Matura entschloss, Politologie zu studieren, statt die Aufnahmeprüfung am Max Reinhardt Seminar zu machen, also Schauspielerei zu versuchen, war meine Mutter sehr enttäuscht und bis zu ihrem Lebensende davon überzeugt, dass sie einen für mich passenderen Berufsweg gewusst hätte, als den, den ich ihn eingeschlagen habe. Freunde erzählen mir heute noch, wie stolz meine Mutter trotzdem auf meinen Job war, mir selbst konnte sie das nie so direkt sagen. Meine Mutter unterstützte mich, so gut sie konnte, aber die Richtung gab sie ganz klar vor. Meine große Rebellion blieb wohl nur deshalb aus, weil das Schicksal mit dem frühen Tod meines Vaters einen Rollentausch zwischen meiner Mutter und mir erzwungen hat, als ich zwanzig Jahre alt war. Sie war allein. Plötzlich fühlte ich mich für sie verantwortlich. Jahrelang fühlte ich mich mehr in der Mutter- denn in der Tochterrolle. Den natürlichen Prozess der Abnabelung oder Auseinandersetzung, wie er für die Entwicklung einer reifen Mutter-Tochter-Beziehung wahrscheinlich gut gewesen wäre, gab es nie. Als ich selbst Mutter wurde, war eine neue Perspektive aufeinander nicht mehr möglich. Meine Mutter bekam die niederschmetternde Krebsdiagnose fast zeitgleich mit meiner Schwangerschaft. Ihre Enkeltochter gab ihr unglaublich viel Kraft für ihren tapferen Kampf gegen diese elende Krankheit, den sie jedoch verlor, als meine Tochter ein Jahr alt war. Trotzdem ist meine Mutter nach wie vor präsent in meinem Leben. Als „Wolken-Oma“, wie sie Anna als kleines Kind nannte, weil ich ihr einmal erzählt hatte, dass ihre Oma jetzt sicher irgendwo auf einer Wolke sitze und sich über sie freue. Und als Mutter, die mich sehr geprägt hat und immer noch beschäftigt, ganz besonders natürlich bei der Arbeit an diesem Buch.

Der Einfluss von Ambivalenz – Annelieses Blick auf ihre Mutter

Birgit und ich teilen die Erfahrung der unheilbaren Erkrankung unserer Mütter. Mehr nicht. Meine Nachkriegsgeneration war von praktischen (Über)Lebensfragen geprägt, nicht von der Beschäftigung mit der Beziehung zur Mutter oder dieser zu den Töchtern. Es waren meist materielle Fragen oder solche der Abgrenzung und Befreiung von den Schatten der Vergangenheit. Frauen der Generation meiner Mutter konnten wahrscheinlich mit Themen wie der Erziehung zur Selbstbestimmtheit und Selbstständigkeit wenig anfangen. Den Luxus, über ihre eigenen Prägungen nachzudenken, sie zu diskutieren, hatten sie nicht.

Diesen haben wir Töchter uns erst sehr viel später genommen – in meinem Fall erst mit Beginn der eigenen Mutterschaft. Wahrscheinlich ist auch ein Aspekt der Mutter-Tochter-Beziehung in meiner Generation bestimmender als in der nachfolgenden: die Ambivalenz. Wenn die eigene Mutter nicht so frei war, wie man es selbst gerne gehabt hätte, dann setzt das Verständnis erst viel später ein. Und auch die Erkenntnis, wie sehr man selbst von dieser Unfreiheit beeinflusst wurde und welche Auswirkungen sie auf das eigene Muttersein hat. Wissend, dass keine ihrer Töchter den Lebensweg eingeschlagen hat, den sie sich für sie gewünscht hätte, war mir immer klar, welchen Kummer das manchmal meiner Mutter bereitet haben muss. Die Ambivalenz und die Konflikte, die sich daraus ergeben haben, verfehlen bis heute nicht ihre Wirkung. Für meine eigene Tochter habe ich daher schon sehr früh, zuerst für mich unausgesprochen, später auch für sie ganz offen, nur eine Linie festgelegt: „Follow your bliss“, folge deinem Glück, greif nach den Sternen, wo immer diese für dich sind, ich bin zur Förderung und Unterstützung da. Im Scherz be-eilte ich mich immer hinzuzufügen: Die Grenze ist Kriminelles oder Ähnliches. Aber als Postulat gilt: Lebe deine Leidenschaft.

Diese Haltung, resultierend aus der Ängstlichkeit und den Bremsversuchen der eigenen Mutter, ist jedoch auch nicht ohne Ambivalenz: Mitunter kann auch die Toleranz, die Liberalität der Mutter Angst machen. Und mitunter kann die Tochter dann mit der gewährten Freiheit auch nicht alles anfangen.

Andere Mütter und Töchter

Wie schaut das bei anderen Müttern und Töchtern aus? Wie ist es ihnen gelungen, eine reife, vertrauensvolle Beziehung zwischen zwei erwachsenen Frauen zu entwickeln oder woran sind sie gescheitert? Auf diese Fragen haben wir viele ehrliche, sehr persönliche und völlig unterschiedliche Geschichten gehört. Für die Offenheit, mit der Mütter wie Töchter erzählt haben, möchten wir uns ganz herzlich bei ihnen bedanken! Ohne ihre Bereitschaft dazu gäbe es dieses Buch nicht.

Ganz herzlich bedanken möchten wir uns auch bei allen, die uns beim Schreiben dieses Buches unterstützt haben, mit denen wir unsere Ideen diskutieren konnten oder die uns schlichtweg den Rücken freigehalten haben, um schreiben zu können. Im Besonderen: Katharina, Anna, HP! Unser besonderer Dank gilt auch unserer Lektorin Anita Luttenberger und last, but not least Bernhard Borovansky, der trotz längerer Vorarbeitszeit immer daran geglaubt hat, dass dieses Buch wirklich fertig wird.

Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer,
Wien im August 2018

Christine und Cornelia Wallner

Neue Heimat Afrika

„Diese Afrika-Geschichte habe ich geistig schon sehr lange aufgebaut. Eigentlich war ich seit meinem neunten Lebensjahr darauf fixiert, einmal nach Afrika zu ziehen. Also, so ist das nicht, dass eine 63-Jährige plötzlich ihr Haus verkauft und so mir nichts, dir nichts da runtergeht. Man sieht das nicht, aber es gab eine lange menschliche Vorbereitung.“

Wenn Christine Wallner von ihrem außergewöhnlichen Leben erzählt, schwingt gleichzeitig die Analyse ihres Handelns und ihrer Entscheidungen mit. Und schnell erweisen sich Dinge als ziemlich anders, als sie auf den ersten Blick scheinen. Das trifft auch auf das Verhältnis und die ungewöhnliche Geschichte zwischen ihr und ihrer Tochter Cornelia zu.

„Die Leute haben schon oft gesagt: ‚Na, ihr beiden, das Gleiche studiert, beide so taff und jetzt gemeinsam dieses Hilfsprojekt‘. Meine Tochter wurde sicher oft in meinen Topf geworfen, dabei stimmt das überhaupt nicht. Wenn ich sie mir heute anschaue, sie ist eine derart eigenständige Persönlichkeit und in vielem wiederum so anders als ich. Das finde ich schön und gut.“

Hier bleiben, mitgestalten

Seit 2007 leiten die beiden Ärztinnen das Hilfsprojekt „Africa Amini Alama“, das Christine Wallner mit unglaublicher Kraft in kürzester Zeit sprichwörtlich aus dem Boden gestampft hat. Herzstück ist die Krankenstation in Momella – einem Ort zwischen Kilimandscharo und Mount Meru, zwischen den Stämmen der Massai und der Meru – in Tansania, Ostafrika. Mittlerweile gibt es Schulen, Lehrwerkstätten, ein Waisenhaus und eine von den Massai betriebene Lodge direkt am Fuß des Kilimandscharo. Eines Tages soll das Geld, das Touristen dort lassen, ausreichen, um das Hilfsprojekt zu finanzieren. Das zumindest ist die Vision. Eine von vielen, ohne die man so ein Projekt wohl nicht angehen kann.

Dass sie das alles gemeinsam mit ihrer Tochter Cornelia aufbauen und leben wird, war nicht vorgesehen. Ganz im Gegenteil. Der schnelle und für die Mutter überraschende Entschluss der Tochter, ihre eigene Heilpraxis in Norddeutschland, die diese gerade mit ihrem damaligen Partner aufzubauen begann, von heute auf morgen zu verlassen, mit ihren beiden kleinen Kindern nach Afrika zu ziehen und sich mit Haut und Haaren dem Projekt der Mutter zu verschreiben, stieß bei ihr anfangs keineswegs nur auf Begeisterung.

„Als Mutter war das natürlich wunderschön. Jö, das Schatzi kommt, die Enkelkinder kommen. Als Projektleiterin hatte ich zeitgleich andere Gedanken: Ich wusste ja noch gar nicht, wie das alles aufgeht, dieses Abenteuer. Wenn meine Tochter mit den Kindern kommt, habe ich eine ganz andere Verantwortung. Zusätzlich gab es einen Teil in mir, der sagte: Jetzt lass mich doch endlich einmal was allein machen. Ich weiß, wie stark meine Tochter ist. Außerdem hatte sie doch gerade nach ihrer Scheidung damit begonnen, mit ihrem neuen Partner etwas aufzubauen. Sie hatte in Wien alle Zelte abgebrochen, war aus unserer gemeinsamen Praxis ausgestiegen und mit ihren Kindern zu ihm nach Deutschland gezogen.“

Doch als Cornelia erstmals das Projekt ihrer Mutter besuchte, gab es für sie nur eine einzige Möglichkeit: hier bleiben, mitgestalten. „Es war klar, dass es nicht geht, woanders etwas aufzubauen, sie hat gespürt, dass ihr Platz hier ist.“ Nicht hierherzukommen, wäre ein Protest gegen die Mutter gewesen, also ein Zeichen der Schwäche. „All meine Bedenken wurden von ihr abgeschmettert. Außerdem sagte sie auch noch etwas, das mein Ex-Mann hätte sagen können“, erzählt Christine Wallner ernst, aber mit lachenden Augen. „Ich komme, weil du das allein nicht geschafft hättest. Wumm, Schlag in die Magengrube. Und jetzt? Jetzt realisiere ich mit dieser unglaublich starken Persönlichkeit so ein tolles Projekt. Sie hat sich zu tausend Prozent darauf eingelassen, und alle sagen, was für ein Glück.“

Wie aus Distanz Nähe wurde

Am Anfang, erinnert sich Christine Wallner, hätte sie mit ihrer Tochter in Afrika aber auch Dinge erlebt, die sie, die bereits Erfahrungen im Leben in einer völlig anderen Kultur hatte, vor den Kopf gestoßen haben. „Ich war schon ein Jahr in Tansania, als Cornelia kam, und ich erinnere mich, wie sie mich zu einem Treffen der Massai begleitet hat. Sie ist Popo schwingend und mit ihren ganzen weiblichen Reizen durchmarschiert. Und ich hab mir nur gedacht: ‚Oh du lieber Gott, das kann sie doch nicht machen. Sie kann doch hier nicht so als Frau auftreten.‘ Aber sie war eben eine 37-jährige Frau, die mit jeder Pore Weiblichkeit ausstrahlte, und wahrscheinlich war ich auch ein wenig eifersüchtig, weil ich nicht mehr so jung war. Einerseits. Und andererseits wusste ich, dass das hier nicht geht. Aber inzwischen ist sie reifer und hat ihr Frausein auf ihre Art gut im Griff. Das Projekt steht einfach total im Mittelpunkt.“

Wenn Christine Wallner von der Ähnlichkeit ihrer Tochter zu ihrem Ex-Mann spricht, meint sie den verstorbenen, legendären Casino-Chef Leo Wallner, mit dem Christine Wallner nach eigener Definition unglücklich verheiratet war und mit dem sie ihre Tochter Cornelia und ihren Sohn Clemens hat.

Als Kind hatte Cornelia ein eher distanziertes Verhältnis zu ihrer Mutter. Ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, der als Bub ganz eng mit der Mutter war. Später hat sich das ins Gegenteil gewendet – der Sohn hat den Kontakt zur Mutter vor einigen Jahren abgebrochen. Ein großes Desaster habe es gegeben, das für sie mit einem riesigen Schock geendet habe, erzählt Christine Wallner, die sichtlich sehr darunter leidet. Aber jetzt sei die Distanz besser, sonst würde sie daran zerbrechen und das lasse sie nicht zu. „Von mir aus gibt es diese bedingungslose Liebe als Mutter, aber er wird einen Grund haben und den respektiere ich. Er hat sich so entschieden, das wird ihm wohl guttun und daher muss ich damit fertigwerden.“

Die Geschwister untereinander haben nach wie vor Kontakt. Die Schwester erzählt auch von ihrem Bruder, wenn es um ihre Beziehung zur Mutter geht.

Cornelia ist die Erstgeborene; nach ihren ersten Erinnerungen gefragt, fällt ihr eine Szene ein, die sie als damals 8-Jährige sehr prägte: „Sie stand im Badezimmer und hat ihre Wunden behandelt, die sie immer im Gesicht hatte. Das war jedes Mal sehr traumatisch. Ich glaube, daher habe ich mich wenig auf körperliche Nähe mit ihr eingelassen. Sie hatte Angst, dass wir ihr Schmerzen zufügen, wenn wir ihr Gesicht berühren. Sie musste ihre Narben und Wunden abdecken, um schön zu sein. Das hat sehr geschmerzt. Ich glaube, deshalb habe ich mich als junges Mädchen oder jetzt als Frau nie geschminkt. Ich habe als Kind sehr viel von ihrem Leiden mitbekommen. Mein Bruder hat das, glaube ich, anders erlebt. Er ist ein bisserl jünger, und als wir klein waren, war er meiner Mutter sicherlich näher als ich. Auch körperlich. Ich kann mich daran erinnern, dass er oft bei der Mama im Bett geschlafen hat. Ich hatte mein Zimmer, und Clemens war immer ganz nah bei der Mama. Das ging so, bis wir in etwa elf, zwölf Jahre alt waren.“

Christine Wallner leidet an „Lupus erythematodes“, einer heimtückischen Autoimmun- und entstellenden Hautkrankheit, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Kinder beeinflusst hat. Die langen Krankenhausaufenthalte und die Schmerzen hat Cornelia als Mädchen natürlich mitbekommen. Inzwischen geht es ihrer Mutter gesundheitlich wesentlich besser, aber die überschminkten Narben im Gesicht sind nach wie vor präsent, so wie es die fragile Gesundheit der Mutter immer war. „Ich glaube“, meint Cornelia, „dass ich gerade als Tochter auch unbewusst sehr viel von ihrer Tragik mitbekommen habe. Und ich glaube auch, dass das ein Aspekt meiner damaligen, mir nicht bewussten Distanz zu ihr war. Denn ich bin überhaupt kein distanzierter Mensch, im Gegenteil, mir ist Nähe sehr wichtig.“

Über Muttersein und Mutterwerden

Christine Wallner erinnert sich an ihre Zeit als junge Mutter: „Das Mutterwerden und Muttersein, das war keine spezielle Herausforderung in meinem Leben. Das ist wahrscheinlich eine Gabe, ich hätte endlos Kinder bekommen können. Von mir aus mit jedem Mann eines. Das war für mich von Anfang an etwas ganz Natürliches. Ich habe mein Leben gelebt und die Kinder haben sich so gut eingefügt. Andere Dinge in meinem Leben waren sehr schwierig und problematisch, die Kinder nie. Ich habe meine Tochter sofort bedingungslos geliebt. Dabei war sie mir damals gar nicht so nah. Sie war von klein auf schon eine Persönlichkeit, und ich habe das respektiert.“

Auch wegen ihrer Krankheit war Christine Wallner ausschließlich zu Hause bei den Kindern, bis diese circa elf, zwölf Jahre alt waren. Die Tochter erinnert sich mit Freuden daran, dass ihre Mutter stets viel mit ihnen unternahm, es viel gemeinsames Programm und Sport gab. „Ich habe immer gespürt, dass wir das zentrale Element im Leben meiner Mutter sind. Das hätten wir Kinder ja auch als Belastung empfinden können, aber das war nicht so. Das Belastende, wenn man so will, war das Schicksal, das meine Mutter zu tragen hatte. Wir hatten es wirklich gut, aber ich habe von Anfang an ihre beiden Persönlichkeitsanteile gekannt. Da war die Frau, der es schlecht geht, die sich zurückzieht. Und da war die Frau, die, wenn zum Beispiel Opernball war, strahlend und hübsch im roten Kleid vor uns stand. Das ganze Haus war dann von ihrem Parfüm erfüllt. Aber in ihrer Mitte habe ich meine Mutter in dieser Zeit selten erlebt. Als Mädchen habe ich dauernd diese beiden Elemente in ihr gesehen und ich glaube, ich habe mich durch eine gewisse Distanz zu ihr davor schützen wollen, vor dieser Art von Leid, die im Frausein auf einen zukommen kann.“

Als junges Mädchen kleidete sich Cornelia am liebsten sportlich, Mädchenkleider wollte sie partout nicht anziehen. „Ich weiß noch, ich habe damals gedacht, dass das Frausein einen nicht glücklich macht. Sich über das Frausein zu definieren, sah ich als zum Scheitern verurteilt an. Das hab ich von meiner Mutter sehr stark vermittelt bekommen: ‚Mach was Gscheites, schau, dass du in der Schule gut bist.‘“ Christine Wallner hat aus dieser Zeit eine Situation im Kopf, die sie als typisch für die Reaktion ihrer Tochter auf ihre eigene Krankheit empfindet: „Ich kann mich erinnern, als ich wieder einmal im Spital war und der Arzt mir strikt verboten hat, zu verreisen, weil das seiner Meinung nach für mich lebensgefährlich wäre. Diese Reise war aber lange mit Freundinnen und deren Kindern geplant und meine Kinder hatten sich sehr darauf gefreut, also hat dieser Arzt ihnen erklärt, warum es nicht geht. Mein Sohn hat pragmatisch reagiert: ‚Die Mama ist krank, also fahren wir eben nicht.‘ Aber Cornelia, die war ganz anders, innerlich ganz fest, sie wollte trotzdem fahren. Das war dieses Abgrenzen bei ihr. Sie wollte auf ihr Leben schauen und sich nicht so hineinziehen lassen. In dem Moment war das sehr hart, aber es war wichtig für sie. Diese innerliche Distanz hat sich Cornelia behalten, das ist gut, sie kann sich gut abgrenzen. Das ist gerade bei unserer Arbeit hier in Afrika sehr notwendig.“

Als Christine Wallner, die als junge Frau „ohne Begeisterung“ Jus studiert und auch abgeschlossen hatte, mit dem Medizinstudium begann, hatte sie nicht mehr so viel Zeit, um sich hauptsächlich um die Schule der Kinder zu kümmern. „Meine Kinder waren meine Stütze, sie waren das Gute in meinem Leben und ich habe immer ein Grundvertrauen in sie gehabt, dass schon gut gehen wird, was sie machen. Als ich studiert habe, haben wir zu dritt daheim gelernt, die Kinder für die Schule, ich für die Uni. Das war dann so ein Klima zu Hause: Man lernt hier“, lacht sie.

Und ihre Tochter: „Meine Mutter ist erkrankt, bevor wir geboren wurden, und es war gar nicht klar, ob sie wegen der Krankheit Kinder haben kann. Dass es ihr oft schlecht ging, hat sie uns nie drübergestülpt. Das ist, glaube ich, eine Stärke meiner Mutter, dass sie dieser Krankheit etwas Gutes abgewinnen kann.“

Sehr prägend war für Cornelia als Kind ihre Großmutter mütterlicherseits, mit der sie als kleines Kind ein sehr inniges Verhältnis hatte. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die unter ihrer eigenen Mutter sehr gelitten hat: „Man sagt ja, was man als Kind an Mutterliebe mitbekommt, das wendet man dann als Mutter an. Ich hab mir aber immer gedacht, wenn ich mit meinen Kindern genau das Gegenteil von dem tue, was meine Mutter mit mir gemacht hat, dann wird das passen. Ich habe es nämlich wirklich hart gehabt mit meiner Mutter. Ich war mir komischerweise eigentlich immer sehr sicher, dass das, was ich für meine Kinder mache, richtig ist. Ich selbst hatte viel aufzuarbeiten mit meiner schwierigen Kindheit. Es gab Lebensereignisse, die mich gebrochen haben. Mein Vater hat mich, als ich ein kleines Mädchen war, missbraucht, das wusste ich ganz lange gar nicht. Das erklärt meine seelischen und gesundheitlichen Probleme. Ich wollte immer raus aus dieser Familie, aber ich war zu schwach. Meine Mutter war wahnsinnig hübsch und intelligent – und sie war unglaublich dominant. Aber sie hat immer nur mit ihren weiblichen Qualitäten gepunktet. Als junger Mensch war ich zu schwach. Daraus entstanden schwache Entscheidungen. Und aus schwachen Entscheidungen wurde eine schwache Zeit. Aber mich ganz von meiner Mutter zu trennen, das habe ich nicht geschafft, da hätte ich ein viel zu schlechtes Gewissen gehabt“, erzählt Christine.

Und ausgerechnet diese Mutter hat sich ihre Tochter als Lieblingsenkelkind auserkoren. „Die Oma hat mich sehr verwöhnt und sicher versucht, mich auf ihre Seite gegen die Mama zu ziehen. Sie hat zu mir so Dinge gesagt wie: ‚Schau, der Clemens, der hat die Mama, aber du, du hast ja mich.‘ Meine Großmutter hat meinen Bruder ganz anders behandelt als mich. Wenn wir bei ihr übernachtet haben, dann habe ich immer neben ihr geschlafen und er unten am Boden auf einer Matratze.“ Eine fatale Situation für Christine Wallner. Im Rückblick erklären sich sowohl Mutter als auch Tochter damit, dass sie erst später, als Cornelia erwachsen wurde und sich auch zunehmend von der Oma distanzierte, enger zusammenfanden. Der Tod der Großmutter sei für ihre Mutter eine Erleichterung gewesen, glaubt Cornelia. Als sie selbst merkte, dass ihre Oma sie instrumentalisierte, entschied sie sich ganz klar für ihre Mutter, ihr beizustehen und dieses Spiel der Großmutter nicht in der nächsten Generation zu tolerieren. Ihre Mutter sei in ihrer Familie immer sehr allein gewesen, mit einerseits ihrer dominanten Mutter, andererseits ihrem Mann, der sich nicht um Kindererziehung oder Familienleben gekümmert hat, sondern vor allem sein eigenes Leben lebte. „Meine Großmutter hat meinen Vater sehr verehrt, die beiden waren ein richtiges Gespann. Meine Mutter war absolut allein und de facto alleinerziehend. Aber sie war gleichzeitig abhängig. Wenn ihre Krankheit wieder schlimmer wurde, brauchte sie ihre eigene Mutter, also meine Oma, damit wir versorgt waren.“

Gleichzeitig gab es noch einen anderen Mann. „Es war die große Liebe meiner Mutter. Sie ist aber nicht aufgegangen“, erinnert sich Cornelia an diesen Mann, den sie kannte, seitdem sie denken konnte und der wie ein Onkel in der Familie präsent war. „Wir Kinder haben das nie hinterfragt, er wurde richtig in die Familie eingeführt und von uns absolut akzeptiert.“ Ein Happy End gab es für diese große Liebe ihrer Mutter jedoch nicht.

Von der armen Mama zur Wow-Mama

Das späte Medizinstudium und die Scheidung von ihrem Mann veränderten Christine Wallners Position in ihrer eigenen Familie wesentlich. „Plötzlich war ich die Wow-Mama und nicht mehr die arme Mama“, scherzt sie und schildert, wie sie durch ihr Studium, die Begeisterung für ihren Beruf und den Aufbau einer eigenen Praxis nach und nach endlich zu sich selbst gefunden hat. „Ich bin dann auch gesünder gewesen. Und die Kinder haben mich als tüchtig, erfolgreich und gesund wahrgenommen. Da waren sie schon recht groß, aber mir hat das gutgetan, nicht mehr die arme Mama zu sein.“

Für die Tochter war die Scheidung der Eltern eine Erleichterung, endlich gab es keinen Streit mehr zu Hause. „Mir war es damals als 15-Jährige wichtig, zu sagen: ‚Ja, meine Eltern sind geschieden, aber sie verstehen sich jetzt besser als vorher.‘“ Dass der Kontakt zu ihrem Vater später durch dessen zweite Frau immer schwieriger wurde, bis er ganz abriss, erklärt sich Cornelia auch damit, dass sie wohl ihrer Mutter immer ähnlicher wurde und sie die neue Frau ihres Vaters als Bedrohung wahrnahm.

„Der richtige Bruch mit meinem Vater kam, als ich Anfang zwanzig war. Seine Frau wollte mit mir nichts zu tun haben. Und mein Vater war vom Charakter her bei Frauen nicht so stark. ‚Wenn sie das so will, dann ist das halt so‘, hat er sich vielleicht gedacht. Jedenfalls ist unser Kontakt dann völlig abgerissen. Seine zweite Frau konnte nicht mit meiner Mutter und ich bin nun mal die Tochter meiner Mutter und da bin ich dann auch an ihrer Seite gestanden.“

Wahrlich keine einfache Familiengeschichte. Und trotzdem hört man zu diesem Thema weder von der Mutter noch von der Tochter Bitterkeit oder Traurigkeit. Und auch darin sind sie sich einig, dass das Mutterwerden und -sein für sie beide nie durch die schwierige Familiengeschichte belastet war.

Und wie die Mutter, so ist auch die Tochter absolut davon überzeugt, dass in uns allen, wie sie es nennt, „karmische Erfahrungen“ mitschwingen. „Bei uns gibt es ein Thema, das ganz stark ist. Wir wissen, dass wir uns schon eine unglaublich lange Zeit kennen, viele Leben miteinander verbracht haben. Und die waren nicht nur schön, daher muss jetzt dieses schöne Miteinander sein. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir uns beide so intensiv mit dem Leben und der Spiritualität beschäftigen“, meint Christine Wallner und fügt hinzu, dass ihre Tochter und sie genauso gut auch als Zwillinge auf die Welt hätten kommen können. Und wenn man diese Spiritualität nicht nachvollziehen kann? „Ich glaube, dass es außerhalb dieses Lebens noch viele andere Aspekte gibt. Wieso kann es sonst sein, dass aus einer Traumbeziehung zwischen beiden Elternteilen oft Kinder hervorkommen, die unfähig zu einer Partnerschaft sind? Andere kommen aus zerrütteten Familien und bekommen dann einen Partner, der sie trägt“, bringt es Cornelia Wallner auf den Punkt.

Mit dem Vater ihrer Kinder hat sie, wie sie sagt, ein gutes Auskommen, und das, obwohl sie sich kurz nach der Geburt ihrer Tochter von ihm getrennt hat. „Ich musste mich von ihm trennen, weil mir plötzlich klar wurde, dass wir beide nie miteinander glücklich werden können. Seine jetzige Frau passt viel besser zu ihm, das hätte ich ihm nie geben können.“

Ihre Mutter wiederum hatte in Afrika noch einmal eine große Liebesgeschichte, die wohl auch an den kulturellen Unterschieden gescheitert ist, wie ihre Tochter meint. „Das war eine irre intensive und wichtige Beziehung für meine Mutter, das habe ich von Anfang an gespürt. Aber ich habe eben auch die Schwierigkeiten mitbekommen. Manchmal habe ich sie dabei auf Dinge aufmerksam gemacht, weil ich nicht anders konnte. Ich war traurig für sie, dass es nicht möglich war, diese Beziehung zu leben. Als es dann auseinandergegangen ist, glaube ich schon, dass ich da eine Stütze für sie war.“

Muttersein in Afrika

Jetzt leben und arbeiten die beiden Frauen seit Jahren gemeinsam. Ob sie zu stark für Männer sind?

„Ich fürchte, ja“, lacht die Tochter, „also, wenn man das im Sinne von Männern sieht, dann könnte das wohl so sein.“ Ihre Kinder würden es aber als das Normalste der Welt empfinden, nur mit Mutter und Großmutter aufzuwachsen.

In Afrika sind Kinder oft monatelang allein mit Mutter, Großmutter und Tanten, während die Männer für die Arbeit unterwegs und nicht bei der Familie sind. In Tansania sei ihre Familienstruktur keineswegs etwas Außergewöhnliches. Wobei Mütter und Töchter in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft aus der Beobachtung von Christine und Cornelia Wallner meist ein ganz anderes Verhältnis zueinander haben als in westlichen Gesellschaften. „Das Muttersein in Afrika hatte ich ganz anders in meinen Gedanken, als ich es hier mitbekomme, das muss ich ganz ehrlich sagen. Mütter hier tragen ihre Kinder ganz nah bei sich, aber nicht um der Nähe willen, sondern weil es schlicht und einfach praktischer ist. Die Babys hängen an der Brust, sie werden gefüttert, und die Mutter kann trotzdem weiterhin die Feldarbeit erledigen. Diese Zeit ist zwischen Müttern und den ganz Kleinen körperlich sehr nahe, aber sobald die Kinder gehen können, werden sie oft allein gelassen. Wirklich allein gelassen. In Afrika gibt es nicht nur die leibliche Mutter, sondern auch die Mama Mdogo, die kleine Mutter, das sind oft die Ersatzmütter. Das können zum Beispiel Tanten sein, die sich um die Kinder kümmern, wenn die Mutter krank ist oder gestorben. Also wenn jemand von seiner Mutter spricht, dann muss das noch lange nicht die leibliche Mutter sein. Hier gibt es noch dieses Clan-Denken“, meint Cornelia.

Und auch die Geschlechterrollen sind nach wie vor sehr traditionell bestimmt, was die Mütter immer noch an ihre Töchter weitergeben, wie Christine erzählt: „Die afrikanische Mutter erzieht ihre Tochter so, dass sie sich als afrikanische Frau bewehren kann. Und das ist eine wirkliche Katastrophe, weil afrikanische Männer Machos bis zum Gehtnichtmehr sind. Frauen haben ausschließlich ihren Platz in der Küche und den Männern zu Diensten zu sein. Das ist archaisch, nicht? Wenn er nach Hause kommt, will er zu essen haben, und wenn er Sex haben will, muss der Sex stattfinden. Unser Projekt bemüht sich unter anderem darum, aus Töchtern reifere afrikanische Frauen zu machen, die mehr Wahlmöglichkeiten haben. Schon jetzt gibt es solche Frauen, aber es sind noch wenige. Wir hoffen, dass es immer mehr stolze Afrikanerinnen geben wird, die ihren Weg gehen und ihren Töchtern das weitergeben, was sie in ihrem Leben erfahren haben. Und vor allem werden sie versuchen, ihre Töchter loszulassen, weil sie selbst eine Ausbildung absolviert und etwas eigenes Geld haben und die Töchter nicht mehr hauptsächlich als Lebenssicherung im Alter sehen. Wichtig ist dabei, dass diese Frauen in diesem Prozess ihre afrikanischen Werte nicht verlieren. Das zu realisieren, wäre unser Wunsch. Weil das, was sich bei uns an Einsamkeit und Verdrossenheit und Leere im Herzen abspielt, das gibt es hier nicht.“

Für ihre Enkelin sei sie deshalb sehr glücklich, dass sie beide Kulturen mitbekommt, freut sich Christine, die aber auch sichtlich stolz darauf ist, dass sie und ihre Tochter der Enkeltochter ein starkes Frauenbild mitgeben. „Meine Enkeltochter ist jetzt zehn und sie will so stark werden wie wir beide zusammen“, lacht sie, „also, wenn aus der einmal nichts wird, dann müsste ich sie völlig falsch interpretiert haben.“

Im Moment seien sie sich gegenseitig jedenfalls die größten Stützen, die diese schwierige Arbeit in Afrika ohne einander nie im Leben so gut meistern und das Projekt nie so gut und schnell weiterbringen könnten, darin sind sich Mutter und Tochter absolut einig. Einmal gemeinsam einen Urlaub zu verbringen und nur Oma, Mutter, Tochter zu sein, das bleibt dadurch allerdings auf der Strecke.

Dass Mutter und Tochter so eng zusammenleben und arbeiten können, das hätten sie sich richtig erarbeitet, meint Christine Wallner: „Auf unseren vielen Reisen, zum Beispiel durch Indien, da war Cornelia ganz klar die Reiseleiterin und wir waren gar nicht so sehr Mutter und Tochter, sondern vielmehr diese zwei Personen, die sich einfach mochten. So würde ich das sehen. Wir haben damals sicher viel Arbeit geleistet, die eben zu tun ist, wenn man einen reifen Beziehungsstatus bekommen will.“

Ihren Alltag in Tansania bestimmt das Projekt: „Wenn man das klassisch formulieren möchte, würde man sagen: Cornelia ist der CEO, also die Generaldirektorin, und ich bin die Aufsichtsratsvorsitzende. Das spielen wir jetzt so. Überhaupt versuchen wir, unsere Arbeit in Afrika als Spiel anzusehen, das man nicht immer allzu ernst nehmen sollte. Wir lachen gern und viel zusammen und geben uns gegenseitig viel Kraft. Und wir dürfen uns dabei nicht zu wichtig nehmen. Wie sagt man? Den großen Plan hat eh der da oben. Wir tun unser Bestes, und nach uns kommt jemand anders“, lacht die Mutter.

Ihre Tochter formuliert es so: „Als Spiel würde ich es nicht bezeichnen. Aber man kann nie wissen, was sein wird. In der afrikanischen Kultur leben die Menschen im Hier und Jetzt. Ganz anders als wir Europäer, die immer über unsere Vergangenheit nachdenken und in der Zukunft und Visionen leben. Planen kann man sowieso nicht, das hat mir mein Leben bereits mehrfach gezeigt. Ich sehe dieses Projekt ganz unabhängig von meiner Mutter wie ein drittes Kind. Ich hatte immer das Gefühl, ich werde noch ein drittes Kind bekommen. Das wird nicht mehr sein, aber dieses Projekt in Momella ist mein drittes Kind geworden.“

Wenn Christine und Cornelia Wallner darüber und über ihr Leben in Afrika erzählen, dann ganz selten in der Ich-Form, sondern fast ausschließlich als „Wir“. Als eine Einheit zweier extrem starker Frauen, die so viel gemeinsame Passion in das Krankenhaus, die Schule, das Waisenhaus, die Werkstätten, kurzum in das Hilfsprojekt am Fuße des Kilimandscharo, stecken, dass manchmal verschwimmt, ob hier Mutter und Tochter oder einfach nur zwei wesensverwandte Frauen am Werk sind.

Sanja, Dorothea und Patrizia

Gleiche Pole ziehen sich nicht an