

Über die Autorin
Marie von Stein, geboren Mitte der 1960er Jahre, ist das Pseudonym einer Autorin mit Wurzeln in Südbaden, nahe Stein am Rhein. Seit den späten 1980er-Jahren arbeitet Marie von Stein angestellt und seit einigen Jahren freiberuflich als Texter und Autor.
Ihr soziales Engagement bietet ihr vielerlei Motive und Geschichten für ihre Kriminalromane.
Nach ihrer Hochzeit zieht sie mit ihrem Mann in die lippische Heimat ihrer Mutter und findet dort ihr neues Zuhause. Marie von Stein lebt mit ihrer Familie im Lip-pischen Bergland in NRW – zwischen Wiesen, Äckern, Wild und Wald.
Über die Sozialkrimireihe
Als fiktiver Ort vereint die Stadt Badenhausen Straßen, Plätze und Örtlichkeiten zweier nebeneinanderliegender Städte in Ostwestfalen. Die Macher der Sozialkrimireihe greifen die sozialen Komponenten von Rechtsfällen auf und lassen sich von ihnen inspirieren. Immer die Frage im Hinterkopf: Was für Konsequenzen hat es für die betroffenen Menschen, wenn unbedachte Entscheidungen und selbstgerechtes Handeln dem Schicksal in die Hände spielen? Die Geschichten selbst und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig.
Die Amtsschimmelflüsterer V
Abfuhr
Der Kalletalkrimi

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Copyright: |
© 2018 Marie von Stein |
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Kontakt: |
Marie. von.Stein@t-online. de |
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Lektorat: |
Textcheck Agency |
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Redaktion: |
WerbeWortBÜRO Text & Co. |
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Fotos: |
Taller Wichtel, Kalletal © Ute Brinkmann Lippische Rose © Klara Westhoff |
Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
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ISBN |
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Paperback |
978-3-7469-6848-3 |
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Hardcover |
978-3-7469-6849-0 |
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eBook |
978-3-7469-6850-6 |
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
In Gedenken an Friedchen
1926 – 2016
Oft unverstanden,
doch unvergessen.
Die faszinierende Welt eines Schriftstellers,
aus verschiedenen Wörtern, einfach anders
platziert, ganz wunderbare Geschichten zu
fabrizieren.
© Klara Westhoff
PROLOG
Mitte Januar 2018
»Bis nächste Woche, Frau Heyermeyer. Und stellen Sie die Heizung etwas höher. Wird lausekalt draußen.« Die Haustür fiel scheppernd ins Schloss und Monika war weg.
»Ja, ja, Mädchen, wenn du meinst«, murmelte die alte Frau in die plötzliche Stille hinein und verzog den Mund zu einer Schnute. Dabei zog sie die dicke Strickjacke vor dem Bauch zusammen und schnürte die Kordel fest. »Du musst die Heizkosten ja nicht bezahlen. Ein Raum genügt.« Wie gut, dass sie heute über den Blickdichten noch ein paar dicke Socken gezogen hatte. Es zog. Ordentlich. Durchs ganze Haus. Die Haustür hatte unten einen Spalt, der dringend repariert werden musste. Oder eine neue, dicht schließende Haustür. Das wär’s gewesen. Ach, Fred.
Langsam taperte Friedchen Richtung Beistelltisch. Sie setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und seufzte laut auf, als der Schmerz in ihre Hacken fuhr. Der Rollator blieb an einer Ecke des kleinen Perserteppichs hängen und sie geriet ins Wanken. Dammich. Friedchen stoppte auf ihrem Weg und versuchte, mit dem einen Fuß die störende Ecke hinunterzudrücken. Sie hob den Rollator ein Stückchen an und drückte. Endlich, die Rollen waren nun wieder frei.
Erneut drang ein Seufzen aus Friedchens Mund. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Ein kleiner Tropfen rann langsam von ihrem blauweißen Haaransatz, lief stockend die faltige Haut entlang bis in ihre Augenwinkel und brannte entsetzlich. Sie wollte reflexartig ihre Hand heben, um in den Augen zu reiben, doch sogleich merkte sie, dass sie unsicher wurde, und hielt sich lieber weiter mit beiden Händen an den Rollatorgriffen fest. Sie schob noch ein Stückchen vorwärts und erreichte endlich den kleinen Sessel, der dekorativ neben dem Bei-stelltischchen in der Ecke stand. Ihr Lieblingsplatz, schon seit langer Zeit.
Vorsichtig drehte sie die Füße und brachte den Rollator zum Drehen. Stück für Stück, bis sie mit dem Rücken zum Sessel stand und sich langsam auf ihn herunterließ. Geschafft!
Friedchen zerrte an dem Briefumschlag, der in der vorderen Tasche ihrer hellblauen Kittelschürze steckte. Endlich löste er sich aus seinem Versteck und die alte Frau konnte den Brief neben sich auf das Tischchen legen. Sie stöhnte.
So, das war es nun. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan. Sollten sich doch andere Leute mit den Folgen herumärgern. Sie wollte, sie konnte nicht mehr. Dann schubste sie den Rollator mit letzter Kraft weit von sich und lehnte sich keuchend in ihren bequemen Sessel mit dem kuscheligen braungrauen Veloursbezug zurück. Das war’s – für heute … Ende – Schluss – Aus! Der alte schwarze Stahlradiator gluckerte zustimmend und seine Hitze hinterließ dünne feuchte Rinnsale auf den eiskalten Fensterscheiben. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie schloss die Augen und entspannte sich zusehends. Vorbei.
Der Rollator geriet ins Kippeln, immer stärker, dann fiel er um. Die Räder drehten sich surrend, bis das Geräusch langsam aber stetig verklang.
1
Donnerstag, 1. Februar 2018
Etwa 15 Jahre vorher …
Da hat dieser Nichtsnutz von Nachbarjunge aus der Neustadt doch glatt ein paar von den weißen Rosen aus Oma Heyer-meyers Garten abgebrochen und sie mit einem kleinen, spöttischen Diener seiner Freundin überreicht. Die lachte vergnügt ob dieser Geste und versuchte einen Knicks. Reichlich verunglückt. Und dann lachten die beiden sich auch noch kaputt. Unverschämt, so etwas.
Frieda saß mit Monika auf der Terrasse und beobachtete die Szene, kniff wütend die Augen zusammen, doch sie sagte nichts. Bloß nicht auffallen. Wie sah das denn aus, wenn man hier im Freien so laut wurde? Sie räusperte sich.
Die jungen Leute blickten auf und Frieda direkt ins Gesicht. Ertappt ergriff der Junge die Hand des Mädchens und spurtete mit ihr los. Frieda blickte zu Monika. Monika schob ihren Gartenstuhl knirschend zurück, sprang auf und rannte hinter den Dieben her, keuchend. Das Herz pumpte hart, die Lunge brannte, das Gesicht leuchtete erhitzt. Ach, was heißt erhitzt? Hochrot, voller Schweiß. Doch sie rannte weiter. Die Arndtstraße runter, den kleinen Weg zum Spielplatz und auf die Bergstraße. Die junge Frau vor ihr schaute sich kurz um, zog den gleichaltrigen jungen Mann am Ärmel und schob ihn auf ein Gartengrundstück. Monika hechtete hinterher. Die beiden waren nicht mehr zu sehen. Verdeckt von Heckenpflanzen und einer Terrassenumzäunung. Keuchend stoppte sie kurz hinter der Grundstücksgrenze und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Mist auch. Die waren weg.
Da fiel ihr Blick auf eine ältere Dame, die auf einem Gartenstuhl saß und in einer Zeitung blätterte. Sie hob den Kopf und winkte ihr zu.
»Kommen Sie ruhig näher, Fräulein? Wünschen Sie etwas?«
»Da …« Monika verschluckte sich und musste husten. »Entschuldigung. Da liefen gerade zwei junge Leute auf dieses Grundstück.« Schon wieder ein Hustenanfall. »Ein Junge und ein Mädchen. Wo sind sie hingelaufen?«
»Die beiden eben?« Sie wies auf eine schmale Lücke zwischen zwei Eiben. »Dort entlang … Aber keine Sorge, da geht es nicht weiter. Warten Sie’s ab. Die sind gleich wieder hier.«
»Wirklich?«
»Aber sicher. Da vorn ist doch der Ziegenbach, da kommen die beiden nicht weiter. Und das Nachbargrundstück ist eingezäunt.«
»Wie können Sie so entspannt sein, wenn zwei Fremde über Ihr Grundstück fetzen und sich so mir nichts, dir nichts durch die Heckenpflanzen quetschen? Ich hätte längst vor Wut rumgeschrien.«
Die ältere Dame lachte amüsiert auf. »Muss ich nicht. Passen Sie mal auf.« Sie klatschte in die Hände und rief: »Larissa. Lass den Unsinn und komm da hervor. Hier ist jemand, der euch wohl sprechen möchte.«
Zwischen den eng gewachsenen Eiben raschelte es und das Mädchen und der junge Mann kamen mit betretenen Gesichtern vom Nachbargrundstück zurück, wobei der junge Mann wohl eher schnippisch in die Luft guckte und tat, als würde er alles um sich herum ignorieren. Das Mädchen blickte zu Boden. »Du hast mich gerufen, Oma?«
»Larissa!« Die alte Dame verdrehte genervt die Augen. »Du weißt doch genau, weshalb ich dich gerufen habe. Klär, was es zu klären gibt und mach keinen Quatsch. Sven.« Sie nickte dem jungen Mann zu, stand auf, schnappte sich ihre Zeitschrift und ihr Glas vom Gartentisch und ging ins Haus.
»Tschüss«, murmelte Monika und guckte den beiden jungen Leuten dann streng in die Augen.
»Euch ist schon klar, weshalb ich hinter euch hergerannt bin, oder?«
Betretenes Schweigen.
»Oder?« Monika wurde lauter.
»Ja.« Das Mädchen zog den jungen Mann an der Hand neben sich. »Sven. Nun sag doch was.«
»Ach, plötzlich. Du wolltest die blöden Dinger doch haben. Und jetzt soll ich den Ärger kriegen. Nee, vergiss es.« Er entriss dem Mädchen die Hand und rannte wieselflink vom Grundstück auf die Bergstraße und mit einem Satz über die Mauer auf den hinteren Schulhof der Wichern-Grundschule. Und schon war er verschwunden.
Monika schüttelte den Kopf. »Was war das denn für einer? Larissa, so heißt du doch, richtig?«
»Ja.« Larissa nickte. »Das ist mein Freund. Oder wohl eher, das war mein Freund. Sven, Sven Funke. Dieser Arsch.« Sie kniff die Augen zusammen, drehte den Kopf zur Seite und rieb sich verstohlen mit den Handballen über die Augenwinkel. »So ein verdammter Arsch«, flüsterte sie und zog mehrmals die Nase hoch.
Monika kramte in ihrer Hosentasche und holte ein ordentlich gefaltetes Papiertaschentuch hervor. »Hier, ganz neu.«
Larissa griff danach, tupfte sich die Augen ab, faltete das Tuch auseinander und schnaubte sich ordentlich. »Danke.«
*
29.01.2018
»Denken Sie daran, den Schlüsseldienst zu beauftragen, Herr Funke? Wenn ich nachher erneut niemanden in der Fichtestraße antreffe, dann muss ich mir Zutritt verschaffen. Das ist Ihnen schon klar, oder?«
»Ja, natürlich. Unsere Bank möchte den Fall jetzt langsam abschließen. Die gute Frau meldet sich nicht, dann muss sie mit den Konsequenzen leben. Und wenn es eine Zwangsöffnung ihres Hauses ist. Haben Sie die neuen zusätzlichen Forderungen schon erhalten, die Sie eintreiben müssen?«
»Ja, habe ich. Die Kreditzinsen der letzten zwei Monate kommen auch noch dazu. Plus Verfahrenskosten.« Der Beamte räusperte sich. »Als Gerichtsvollzieher hatte ich schon häufiger mit älteren Damen zu tun. Manchmal sind sie einfach nicht genug informiert, wie sie sich bei Pfändungen oder Zwangsräumungen zu verhalten haben. Oder wie sie sie abwenden können. Das kann einem schon leidtun, wenn es so ein Ende nimmt.«
»Wenn Sie meinen, wird das wohl so stimmen. Der Schlüsseldienst wird um drei vor Ort sein. Wiederhören.«
Verdutzt horchte der Gerichtsvollzieher in den Hörer hinein. Aufgelegt. So was aber auch. Ziemlich kühl, der Herr Funke von der Bürgerkasse. Stand nicht letztens in Badenhausen aktuell ein Bericht, dass er sich für die nächste Bundestagswahl für eine der Volksparteien aufstellen lassen wollte? Hatte er nicht einen Listenplatz sicher gehabt? Komisch, was machte er dann hier in Badenhausen und tummelte sich nicht auf seinem Abgeordnetensessel in Berlin?
Der Gerichtsvollzieher zuckte mit den Schultern und nahm sich die nächste Telefonnummer vor, um weitere Termine für die kommenden Tage mit den Gläubigern und den Schuldnern abzustimmen.
*
März 2017
Der blöde Safe klemmte schon wieder und Sven Funke hieb wütend mit der Faust neben den Schließmechanismus auf die Front. Endlich ließ sich der Schlüssel drehen und er konnte eine der Bilanzakten herausnehmen.
Die Jalousien im Büro waren nicht nur wegen der grellen Sonne heruntergelassen, dumme Blicke von den Nachbarbüros oder den angrenzenden Fluren wären ihm gerade jetzt nicht recht gewesen. Musste er doch die neuen Zahlen prüfen und nachsehen, ob sich der Saldo noch um weitere Zinseingänge erhöht hatte.
Funke nahm die Akte mit an den Tisch und rief sich die Kontostände der eingefrorenen Konten auf. Jap. Das klappte doch. Bei über drei Millionen – und das sogar steigend – waren auch in dieser lächerlichen Niedrigzinsphase, richtig angelegt, ordentliche Beträge zusammengekommen. Das läpperte sich. Wofür war man ein Meister seines Fachs? Häh, wofür? Funke rieb sich die Hände und knirschte mit den Zähnen. Er klickte auf das Druckerfeld, markierte sämtliche neuen Kontobewegungen, zog die Ausdrucke aus dem Druckerschacht und legte sie in die Akte zu den anderen Kontoaufzeichnungen.
Mit einem Schwung ging seine Bürotür auf und Funke erschrak. Sein Pressechef stand mitten im Raum.
»Was …?«, zischte er erbost und ließ dabei glitzernde Spuckefäden aus seinem Mund fliegen. Er funkelte den Eindringling mit zusammengekniffenen Augen voller Zorn an.
Der hob abwehrend die Hände. »Sven, du musst sofort runterkommen. Der Flörkemeier macht unten einen Aufstand und bölkt herum.« Er winkte ihn fahrig zu sich. »Los. Mach schnell!«
Ohne groß nachzudenken, sprang Funke auf und rannte zur Tür. »Ruf den Sicherheitsdienst.« Und schon war er auf dem Weg in die Schalterhalle.
Der Pressechef eilte zu Funkes Schreibtisch und griff nach dem Hörer der Telefonanlage. Sein Blick fiel auf die Unterlagen auf dem Arbeitsplatz. »Na, was haben wir denn da?«, dachte er, nahm die Hand zurück und zog stattdessen sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Vorsichtig blätterte er durch die Akte und machte Fotos von Verträgen und Auszügen. »Damit haben wir dich«, murmelte er, schob alles wieder zusammen und steckte sein Smartphone zurück. Beim nächsten Versuch klappte es mit dem Anruf. »Sicherheitsdienst? Ja, in der Schalterhalle, Herr Funke braucht Unterstützung bei einem Kunden. Beeilen Sie sich.«
*
29.01.2018
Pünktlich nachmittags um drei stand der Mitarbeiter vom Schlüsseldienst vor dem Haus in der Fichtestraße und begrüßte den ebenfalls gerade eintreffenden Gerichtsvollzieher und dessen Assistentin.
»Soll ich schon öffnen?«
»Warten Sie kurz.« Er klingelte. Doch nichts geschah. Er klingelte ein zweites Mal. Niemand kam an die Tür. Er hob die Briefkastenklappe hoch, kräuselte unbewusst die Nase und rief: »Frau Heyermeyer? Jemand zu Hause?« Doch es kam keine Antwort. »Ich gehe kurz ums Haus und gucke, ob da jemand ist. Wenn nicht, können Sie anfangen.«
»Okay.«
Nach nicht einmal zwei Minuten stand der Gerichtsvollzieher wieder vor der Haustür und rieb sich die Erde unter den Lederschuhen an der Fußmatte vor dem Eingang ab. »Niemand zu sehen, im Garten. Öffnen Sie bitte.«
»Gern.« Der Schlüsseldienstmonteur griff in seine Werkzeugtasche und holte sich die Mappe mit den Dietrichen und den speziellen Hakwerkzeugen heraus. »Ich habe mir das Schloss schon einmal angeguckt. Das ist ein ganz einfacher Schließmechanismus, sollte nicht allzu schwierig sein.« Er zog die Öffnungsnadeln aus der Mappe und schob sie ins Schloss. Ein kurzes Knacken und schon ließ sich die Tür aufdrücken. »Seltsam. Es war gar nicht abgeschlossen.« Er drehte sich zum Gerichtsvollzieher um. »Ich verabschiede mich dann mal. Ab hier sind Sie zuständig. Rechnung geht an die Bürgerkasse?«
»Genau. Danke für Ihre Hilfe. Bis zum nächsten Mal.«
Der Gerichtsvollzieher drehte sich zu seiner Mitarbeiterin um. »Dann lassen Sie uns mal reingehen und unsere Arbeit machen.«
Im Nachbarhaus fiel ein Vorhang zur Seite. Tja, da war wohl wieder mal was los in der Fichtestraße. Gaffer gab es auch in der Nachbarschaft, da musste man nicht erst die Autobahnen absuchen.
Er drückte die Haustür ganz auf. »Ganz schön muffig hier drin. Es roch vorhin durch den Briefschlitz schon so komisch. Gucken Sie mal dort.« Er zeigte auf das kleine Treppenhausfenster. »Da liegt ein Schlüsselbund auf der Fensterbank. Wir sollten, wenn wir gehen, nachschauen, ob wir damit wieder zuschließen können. Machen Sie die Tür bitte hinter sich zu. Die Nachbarn haben heute schon genug zu sehen bekommen.«
Seine Assistentin schloss die Haustür hinter sich und gemeinsam gingen sie geradeaus in die Wohnung, die laut Angaben der Bürgerkasse von Frieda Heyermeyer bewohnt wurde.
»Frau Heyermeyer? Sind Sie da? Wir sind vom Amtsgericht Badenhausen und haben einen Termin mit Ihnen. Frau Heyermeyer?« Die Tür rechts zur Küche stand auf. Alles leer und ordentlich aufgeräumt. Weder Tassen noch Teller standen herum. Er drückte die Klinke zum Raum links. Das Schlafzimmer. Auch hier die Betten akkurat gemacht.
Die Assistentin presste sich angewidert mit einer Hand die Nase zu, während sie vor ihrem Vorgesetzten herging und die Schiebetür zu einem der nächsten Räume am Ende des schmalen Flurs aufschob. Sie drehte sich um und verzog voller Ekel das Gesicht. »Irgendwie stinkt es hier erbärmlich. Ob da was im Mülleimer verrottet? Bäh. Kaum auszuhalten.«
Der Gerichtsvollzieher zeigte nach vorne in das Wohnzimmer, drehte sich abrupt um und ging mit großen, schnellen Schritten zum Ausgang. Der eigene Blick in den Raum ließ die unerfahrene Assistentin zusammenzucken. Eine Gestalt, den Kopf nach hinten gekippt, mit langen fisseligen weißen Haaren, bekleidet mit einer Kittelschürze und einer Strickjacke, dicken Strümpfen und weißen Gesundheitsslippern, hockte zusammengesunken auf einem Velourssessel, die grünlich schimmernden faltigen Hände mit langen krummen Fingernägeln wie zum Gebet gefaltet, und starrte mit riesigen Augen aus einem knochigen, grün marmoriert geädertem Gesicht reglos an die Decke.
Mit leisem Klatschen fielen der Assistentin die Gerichtsunterlagen auf den Boden und durchbrachen mit ihrem Geräusch die kalte Stille in dem Flur, der sich langsam mit dem warmen modrigen Verwesungsgestank aus dem geliebten, gut geheizten Aufenthaltsraum von Friedchen Heyermeyer füllte. Die Assistentin schrie und schrie, verstummte jäh, presste eine Hand vor den Mund, rannte von Adrenalin gepusht wie der Wind nach draußen, am Gerichtsvollzieher mit seinem Mobiltelefon am Ohr vorbei bis zum grünen Maschendrahtzaun des Nachbarn und übergab sich unvorschriftsmäßig auf dessen englischen Rasen.
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März 2017
Abschiedsstimmung bei der Bürgerkasse Badenhausen. Sven Funke, der Vorstandsvorsitzende, nahm seiner Sekretärin den Blumenstrauß aus der Hand und überreichte sie seinem ehemaligen Pressechef. »Danke für deine Arbeit in den letzten Jahren. Du hast uns immer um alle Klippen herum und durch alle Untiefen sicher navigiert, sodass wir nicht anecken mussten. Ohne dich wären wir sicher nicht da angekommen, wo wir heute stehen. Nochmals ein fettes Dankeschön.« Er grinste und fuhr fort: »Wobei ich absolut nicht begreifen kann, wie man freiwillig die wilde Weser gegen den ruhigen Wannsee tauschen kann. Oder besser noch unser freundliches Bankhaus gegen das Haifischbecken in der Parteizentrale in Berlin.«
»Ach, weißt du, Sven. Hier bei euch war es doch etwas zu ruhig. Die Spannung in der Freizeit beim Kanufahren, die tausche ich doch lieber mit der Spannung in der Bundesregierung und als Berater vom nächsten Bundeskanzler. Und entspannen, das mache ich dann ganz in Ruhe auf dem Wannsee.« Er zwinkerte Sven Funke zu.
»Noch haben wir beide es nicht geschafft, die Bundesregierung aufzumischen, doch ich bin sicher, in ein paar Monaten sehe ich dich wieder. Meine Fahrkarte habe ich ja schon. Ein ausreichender Listenplatz ist mir sicher.«
Sven Funke rief fröhlich in die Runde: »Auf einen Neuanfang in Berlin, mein Lieber. Wir sehen uns in der Hauptstadt. Zum Wohl!« Die Kollegen hoben ihr Glas und stießen mit dem scheidenden Pressechef an.
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29.01.2018
Die Beamten vom Kriminaldauerdienst waren schnell vor Ort, als sie den Einsatzbefehl der Zentrale erhielten. Die Neustadt von Badenhausen und die Polizeidienststelle waren kaum ein Kilometer Luftlinie auseinander. Einzig die Einbahnstraßen in der Innenstadt verhinderten, dass die Einsatzfahrzeuge auf dem direkten Weg von der Blücherstraße über die Weserstraße zur Fichtestraße kamen.
Und die Beamten vom KDD waren noch schneller dabei, die Kollegin von der Gerichtsmedizin zu informieren. Denn mit einer Leichenbegleitkarte und unzähligen Fotos der Spurensicherung allein war es hier nicht getan. Frau Dr. Nathan, von allen liebevoll Nathan, die Weise genannt, machte sich gerne selbst vor Ort einen ersten Eindruck und einige Notizen, wenn es um so ungewöhnliche Leichenfunde ging, wie den in der Fichtestraße in Badenhausen.
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Juni 2017
»Fred! Fred!« Friedas schrille Stimme schepperte durch das Treppenhaus, schlich die beiden Absätze hoch, brach sich in dem hochflorigen violetten Vorleger und erreichte als sanftes Grummeln die Ohren ihres Sohnes, der im Obergeschoss am Küchentisch direkt hinter der offenen Tür rechts neben dem Wohnungseingang saß, seinen Kaffee und ein Pinnchen Schnaps schlürfte und genüsslich ein Stück Platenkuchen mit einer ordentlichen Schicht Zucker verspeiste.
Wieder kam ein mittlerweile wütenderes »Fred!« säuselnd bei ihm an. Fred leckte sich die Krümel von den Fingern, schob den Kuchenteller vor und den Holzstuhl mit dem lila Stoffbezug zurück und stand auf, die dicke Wampe um den Esstisch drückend. »Is’ ja schon gut«, murmelte er genervt, versteckte die Wacholderflasche ganz hinten im Küchenregal und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss.
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Im Hintergrund tickte die Bürouhr leise vor sich hin und unterstrich noch die Leere des Raumes und die Ruhe, die heute mal in ihm herrschte.
Katja Sollig, Kriminalhauptkommissarin der Polizei in Badenhausen, wärmte sich die Hände an ihrer heißen Teetasse und nippte vorsichtig, um zu prüfen, ob ihr geliebter Ingwer-Zitrone-Tee nun endlich eine akzeptable Trinktemperatur erreicht hatte. Ja, super. Mit kleinen vorsichtigen Schlucken konnte sie nun auch von innen etwas wärmer werden. Februar in Badenhausen und in der Region war ja ganz nett mit Eis und Schnee, doch es war auch ziemlich kalt – jedenfalls hier in ihrem Büro. Allein mit sich und dem Schriftverkehr, den sie noch zu erledigen hatte. Die Abteilung war heute wie ausgestorben, die Kollegen alle zu irgendwelchen Aufgaben ausgeflogen und die Sonderkommission Sozial, der Katja vorstand, hatte derzeit noch keinen neuen Fall. Sonderkommission halt: nicht immer aktiv, dafür dann aber richtig, wenn es Neues zu ermitteln galt. Dann standen sie auf der Matte und gaben ihr Bestes. Für die, denen es nicht so leichtfiel, sich im Chaos der gesetzlichen Regelungen des Sozialrechts durchzuwurschteln. Also eigentlich für alle, die mit dem Sozialrecht zu tun hatten. Viele Behördenmitarbeiter und sogar manche Anwälte ausdrücklich nicht ausgenommen.
Katja nahm die Tasse in die linke Hand und griff nach dem Keksteller, auf dem sie sich ihre Lieblingsorangenplätzchen ordentlich drapiert hatte. Wenn schon, denn schon so, wie es sein musste. Aus der Packung essen? Nein. Die Urmi, ihre längst verstorbene Großmutter und die Urgroßmutter ihres Sohnes Jakob, hätte damals zu viel bekommen. So was machte man nicht. Und irgendwie kam sie gegen diese Erziehung nicht an. Geprägt fürs Leben. Widerstand zwecklos. Katja schmunzelte. War schon okay. Das war einer der kleinen Ticks, die sie sich ruhig zugestehen konnte. Sie taten keinem weh. Ganz anders dieses Eintunken von Keksen in ein heißes Getränk. Iihh! Da lief es ihr kalt den Rücken runter und sie konnte spüren, wie sich die feinen Härchen auf ihren Unterarmen aufrichteten. Kekse stippen in Kaffee … Was das sollte, erschloss sich ihr nicht. Sie nahm sich einen Orangenkeks und schob ihn sich in den Mund. Himmlisch – und so schön knackig. Und dieser Duft …
Vor ihr lag der Zeitungsbericht zum Fall NeleBadenhausen aktuellSozial