
Zafer Şenocak
Das Fremde,
das in jedem wohnt
Wie Unterschiede unsere Gesellschaft zusammenhalten

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

Meiner Mutter Emine Şenocak
Inhalt
Familienspuren
Du klingst anders! • Bei Verwandten • Spiel und Identität • Feine Unterschiede • Vorbilder • Respekt und Autobiografie • Von Angora nach Ankara • Der Koran und die Wehrmacht • Fromm und skeptisch? • Wer wandert, begegnet einander
Meine Sprache – eure Sprache
Die dritte Sprache des Übersetzers • Einbahnstraße Sprache • Zwei Sprachen, zwei Stimmen • Fragmente des Übersetzers • Schrift und Reform • Unter den Wurzeln – ein Boden
Paris – Schiraz
Poesie der Übersetzung • Der Apfel der Dichter • Steine, die blühen • Dichter sind Nomaden • Woher das Schreiben kommt • Meine Lesesommer am Bosporus • Zwischen den Moscheen • Geheimnisse des Schreibens
Herkunftssplitter
Das andere Buch • Das andere Land • Herkunftsspalt • Lesehunger • Der Bücherbus • Einbürgern • Zukunft und Geschlecht • Vom Gespräch auf der Ausländerbehörde • Die ewige Passfrage • Ich nenne sie Freunde • Zweisein
Heimatspuren
Klänge und Assoziationen • Sinn und Widerspruch • Gruppenbild mit Fremden • Die Gegenwelt • Landpartie oder »Die Haut musst du schützen!« • An der Grenze I • An der Grenze II • Fremdglauben • Von Provinz zu Provinz • Politik zwischen Tradition und Folklore • Unsere Seidenstraße • Kirchenglocken in Istanbul • Der Sommer mit Tom Jones • Herkunft ist auch Politik
Migration – Wege ins Freie
Verkehrte Gesten, falsche Migranten • Leere Archive – verlorene Briefe • Wie und von wem lernen? • Geist, Gesicht und Herkunft • Denkt an den Körper! • Wer sind wir? • J für Jude, Y für Yahudi • Halbe Sachen oder mehr als das Ganze • Ein Geburtstagsgruß • Epilog oder Was dem Redner einfällt
Über den Autor
Impressum
Familienspuren
Du klingst anders!
Ich bin mit dem Fremden immer in Berührung gewesen. Diese Berührung spielte sich in meinem Ohr ab und hatte mit Sprache zu tun. Ihr Geheimnis, das diese Berührung zu etwas Besonderem machte, steckte in meinem Namen, in dessen Klang.
Das Ohr ist nicht nur ein Gleichgewichtsorgan. Es ist auch die Zentrale der Verständigung. Die Klänge, die das Leben ausmachen, werden mit dem Gehirn verbunden. So entstehen Sprache und Verständigung. Der andere, abweichende Klang ist immer ein Ausdruck der Fremde. Der Zungenschlag wurzelt im Ohr. Das Ohr ist ein bedeutendes Identitätsorgan.
Der Klang lässt aber auch Bilder entstehen, Landschaften, die einem fremd oder vertraut vorkommen können. Bilder, die uns täuschen oder heimfinden lassen.
Der Andere hatte sich meines Namens bemächtigt und ließ ihn in meinen Ohren anders erklingen. Denn mein Rufname wurde unterschiedlich ausgesprochen. Zafer hört sich auf Türkisch in etwa so an, wie man Safer auf Deutsch aussprechen würde. So riefen mich meine Eltern, und meine Welt war in Ordnung. Aussprache und Hörerlebnis befanden sich im Einklang.
Doch schon in der Familie meines Vaters stand ich dem Anderen gegenüber, der einen anderen Zungenschlag hatte. Saafer rief mich meine Tante, die ich wegen ihrer bunten Kleider besonders mochte. Sie hatte fünf Kinder und wohnte in einem Vorort Istanbuls mit vielen Neubauten. Eine Generation zuvor hatte hier niemand gelebt. Auf den Feldern erntete man Gemüse und versorgte mit ihnen die nahe Großstadt. Immer noch gab es zwischen den Gebäuden freie Grundstücke mit allerlei unbekanntem Getier. Die Anderen in der Familie meines Vaters zogen hierher und machten es meiner Tante nach, riefen mich also Saafer, mit einer betont verlängerten ersten Silbe. Sie waren zahlreich und immer sehr laut. Wenn wir aus der Stadt hinausfuhren, erwartete mich immer der Andere, der, der Saafer hieß.
Nur mein Vater blieb bei Safer. So als gehörte er nicht zu der Familie, aus der er stammte. Vielleicht wollte er auch nur meine Identität festigen, die sich von der seiner Verwandtschaft unterschied. Sein Türkisch war gespickt mit vielen ausgefallenen Wörtern. Ein Mann der reichen Sprache. Die Sprache, vielmehr die gemeinsame Aussprache, machte mir meine Eltern nicht nur zu geliebten Menschen, sondern auch zu Komplizen. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir zusammengehörten. Die Sprache hatte enge Bande zwischen uns geknüpft.
Meine Eltern hatten selbstverständlich die eigentliche Autorität über meinen Namen. Schließlich hatten sie mir diesen gegeben. Ich hatte keine Wahl, oder? Wie hätte ich diesen Namen ablegen können? Ich wollte das ja auch nicht. Warum sollte ich also eine Abweichung des Klangs akzeptieren? Safer war die Norm, das Normale, das Übliche und Saafer die Abweichung. Wenn das so war, was bedeutete dann dieser Unterschied? War ich in der Abweichung ein anderer Mensch als in der Norm? Das doppelte »a« meiner Verwandten aus Ostanatolien erschien mir fremd, aber auch schön. Mit ihm klang mein Name, somit auch ein Teil meiner selbst, für meine Ohren anders. Aber meine Verwandten machten sich dadurch auch zu Fremden. Sie hatten eine lange Strecke zurückgelegt, um zu uns zu stoßen. Fast zweitausend Kilometer lag der Ort entfernt, aus dem mein Vater stammte. Ein schon durch seine imposante Entfernung reizvoller Punkt auf der Landkarte.
Diese fremden Verwandten waren in unser Leben eingedrungen. Sie hatten begonnen, uns zu bedrängen. Aus glücklicheren Zeiten gab es ein paar Postkarten mit Festtagswünschen, Fotos von neugeborenen Kindern. Nichts, was ich mir hätte konkret vorstellen können. Schon gar nicht etwas, was in mein Ohr drang.
Doch mittlerweile hatte ich das Gefühl, als würden mir die Verwandten fehlen, wenn es sie nicht gäbe. Wenn sie meinen Namen riefen, klang er kräftiger, bodenständiger als üblich. So als würde der Doppellaut mich stärker an den Ausrufenden binden. Er drückte einen anderen Zafer aus, der mir geheimnisvoll erschien. Ich wollte ihn verstecken und für mich behalten, aber meine Verwandten waren laut und machten sich überall bemerkbar. Tatsächlich waren sie mir mit ihrem Gehabe deutlich fremder als die zahlenmäßig überschaubare Familie meiner Mutter. In großen hellen Wohnungen wohnten sie und hatten diese mit Erbstücken möbliert, alten Uhren, Schränken, Sesseln. Elegant waren sie, wenn sie sich zeigten, und dufteten immer nach Parfum. Meine Tanten väterlicherseits aber rochen nach Börek und gestikulierten wild, wenn sie sprachen. Ihre Wohnungen waren vollgestellt mit neuen Möbeln, die so wirkten, als hätte man sie noch nicht benutzt. In dieser Familie gab es weniger Etikette und Verunsicherung. Niemand war schüchtern, obwohl ihre ganze Umgebung für sie eine große undurchdringliche Fremde war, die sie nicht akzeptieren würde. Ihre Erinnerungen waren hier nicht zu Hause.
»Hauptsache, die Kinder bleiben hier keine Fremden«, pflegte meine Tante zu sagen. »Sie sind ja auch nicht mehr zu Hause, da, wo wir herkommen.« In den Sätzen meiner Tante waren wieder diese langen Vokale. Sie klangen dadurch bestimmter und langlebiger. Niemand würde ihr widersprechen wollen, schon gar nicht jemand wie meine Mutter, die ihre Stimme nicht erhob. Meine Tante liebte also Vokale. Das kam mir jedenfalls so vor, denn sie kostete sie aus, doppelte sie, machte sie wichtig. Durch sie entdeckte ich ihre erotische Anziehungskraft. Die Vokale haben Farben. Das Lautmalerische der Sprache wohnt in ihnen. Das Ohr ist auch ein Lustorgan. Es lässt die Stimmen zu Körpern werden, zu Körpern, die Sehnsucht haben, die begehren, die auskosten. So etwas ahnt jedes Kind, auch wenn es noch keine deutliche Vorstellung vom Begehren hat. In der Sprache versteckt sich die Keimzelle unseres Begehrens, und diese macht uns zu dem, der wir sind.
Mein »Anderer« bekam eine Zwillingsschwester, als ich nach Bayern kam. Ich müsste eigentlich sagen, er bekam einen Bruder, aber in Deutschland erschien mir alles Fremde weiblich. Ich war acht Jahre alt und hieß plötzlich Xaver. Jungs in Lederhosen nannten mich so. Sie traten mir breitbeinig entgegen. Xaver war ein männlicher Name, aber sein Klang war für mich so fremd, dass er mir so unbekannt erschien wie das andere Geschlecht. Ich fühlte mich den Mädchen näher, die mich stillschweigend musterten. Mit der Zeit geriet Saafer in Vergessenheit, und Xaver bemächtigte sich meiner Existenz. Dagegen konnte auch mein Elternhaus nichts ausrichten. Vater und Mutter blieben bei Safer, und das Glück in unserer kleinen Familie blieb unangetastet. Ich stelle mir heute vor, wie es gewesen wäre, hätte man einen Krieg um die Aussprache geführt, Saafer ständig korrigiert, sich kritisch mit Xaver auseinandergesetzt. Mein Körper wäre aufgeteilt worden, wie ein besetztes Land. Schrecklicher Gedanke, ein Bürgerkrieg um den eigenen Namen. Aber nichts dergleichen geschah, wäre damals irgendjemandem in den Sinn gekommen. Ich blieb immer der Gleiche, egal ob ich Safer, Saafer oder Xaver gerufen wurde. Meine alltägliche Dreieinigkeit.
Doch die Welten, die hinter den Namen standen, die sie aussprachen, blieben einander fremd. Das war ihr Reiz. So schützten sie ihre Gerüche und Farben. Sie wollten nicht zusammengehen und mussten es auch nicht. Ich versteckte sie gerne voreinander. Denn ich merkte, dass sie sich argwöhnisch beäugten. Früh lernte ich, dass Argwohn in Ruhe gelassen werden muss. Denn er ist wie eine Wunde, die sich nur notdürftig schließt, wenn man ihn vertieft.
Ich war gerne der Andere. »Je est un autre!« Ich ist ein Anderer! Dieser Satz des französischen Dichters Arthur Rimbaud ließ mich erschaudern, als ich ihn das erste Mal las. Er wurde zu meinem Mantra, zum ersten und zum letzten in meinem Leben. Ein Leben verträgt nicht mehr als einen einzigen so mächtigen Satz. Nicht mehr als ein Auflehnen gegen dieses Gesamtpaket ICH. Eine Erwartung des Widerspruchs. Eine Akzeptanz der inneren Zerrissenheit. Wundversorgung lebenslang. Wäre die andere Welt nicht gewesen, wäre ich ärmer. Wäre der Andere nicht auf der Welt, mir so nah, verwachsen mit meinen Atemzügen, wäre ich nicht vom Fleck gekommen. Das Verlassen der eigenen Grenzen versprach die Überwindung einer Enge. Eine neue Sprache beschrieb die Umgebung und veränderte sie. Der Blick und die Stimme korrespondierten ungewohnt. Was Rimbaud als ausschweifende Sinnlichkeit der Poesie beschrieben hatte, war für mich eine neue Form der Wahrnehmung, mit der ich die Grenzen zwischen Vater und Mutter, Türkei und Deutschland, München und Berlin, Türkisch und Deutsch, Glauben und Skepsis zu überschreiten versuchte. Ich tauchte in das jeweilige Anderssein ein und empfand es fast schon ekstatisch als Teil meiner Identität. Fantasie und Erkenntnis sind schier unbegrenzt, wenn Unterschiede vertieft werden. Diese Unterschiede kommen in Berührung und wachsen zu einem neuen komplexen Ganzen.
So nahm ich immer Reisen wahr. Kaum hatte ich Abschied genommen vom Stützpunkt meines Lebens, erschien dieser in einem anderen Licht. Dieses andere Licht war schon ein Teil der neu zu entdeckenden Welt. Reisen ließ mich erst nach Heimat suchen. Heimatlos ist nur jener, der nie Sehnsucht hatte. Waren die deutschen Romantiker nicht große Sehnsüchtige gewesen? Die unzugängliche Welt, unüberwindbare Distanzen mögen körperfeindlich sein. Doch für Ideen ist Tiefe und Weite nicht nur Ansporn und Sehnsucht. Durch die Erweiterung des Horizonts, die Entgrenzung der Vorstellungskraft lassen sich Ideen bewegen. In ihnen kann man sich einrichten mit den Klängen eines fremden Namens. Nirgendwo sind Begriffe wie Heimat und Welt so sehr ineinander verschränkt, ihre Ambivalenz so vibrierend wie in den geistigen Sphären der deutschen Romantiker. Die Grenzen der Dichterkreise waren eng gesteckt, mal Heidelberg, mal Dresden. Doch das Wort reiste aus und ein. Die Romantiker hatten Heim- und Fernweh zugleich. Da gab es einen heute gänzlich vergessenen Dresdner Dichter, Otto Heinrich Graf von Loeben, der sich den Künstlernamen Isidorus Orientalis gab. Eichendorff und Tieck gehörten zu seinen Freunden. Armin und Brentano in Berlin, Novalis’ Schriften aus der Provinz. Hauffs Märchen aus dem Orient reisten ein. In der Fantasie berührten sich das Eigene und das Fremde, gerade weil sie in ihrer jeweiligen Tiefe ausgelotet wurden. In der deutschen Romantik ist der Orient nicht nur ein Gewand. Er ist eine Tonlage, übergegangen in die Stimme, die Mundart des Sprechers. So wird Deutsch auch zu einer orientalischen Sprache. Ohne diese Sprache hätte Goethe seinen Divan nicht schreiben können. Aber auch Novalis nicht seine Hymnen an die Nacht.
Die Ergründung der christlichen Identität und die fantastischen Reisen in den Orient sind kein Widerspruch. Die verwobene Beziehung von Nähe und Ferne ist charakteristisch für das Lebensgefühl an der Schwelle zur Moderne. So formuliert Novalis zu Beginn seines Romanfragments Heinrich von Ofterdingen: »Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen.«
Bei Verwandten
Immer wenn die Verwandten meiner Mutter zu Besuch kamen, fühlte ich Druck in mir aufsteigen. Nein, ich fürchtete mich nicht vor unangenehmen, aufdringlichen Fragen. Die Geschwister meiner Mutter waren mir immer sehr nahe. Doch ich fühlte die Fremde, die sie meinem Vater gegenüber empfanden. Dieses Fremdeln verunsicherte mich. Musste ich meinen Vater ihnen gegenüber verteidigen, oder sollte ich auf Distanz zu ihm gehen, den argwöhnischen Blick, mit dem er angeschaut wurde, übernehmen? Mein Vater aber blieb ruhig. Es hatte immer den Anschein, als bräuchte er kein Gegenüber, um zu sprechen. So kamen und gingen die Leute. Vater als Gastgeber, die Rolle, die ich ihm zuschrieb. Er war zu Hause und empfing die Gäste. Die Verwandten meiner Mutter machten sich über seine Freunde lustig, denn sie fielen aus dem Rahmen. Sie waren einzelgängerisch. Oft waren es Junggesellen, Männer, die keine passende Frau gefunden hatten. So jedenfalls stellte ich es mir vor. Unwillkürlich schämte ich mich für meinen Vater, der den Umgang mit ihnen pflegte. Ich schämte mich für seine sonderbare Art zu sprechen, doch ich bemühte mich, diese Scham zu verbergen. In den Blicken meiner Tanten las ich so klare Aussagen wie: Werde ja nicht wie dein Vater. Aber ich blieb eine Reaktion schuldig, wurde wortkarg und suchte in meinem Inneren nach Brosamen der Liebe. Ich lehnte mich an die angenehmen Düfte, die meine Tanten ausstrahlten, um mir einen Zugang zu ihren geheimnisvollen Welten zu verschaffen. Der Duft der Frauen lockte mich hinaus in die Welt, wo die Straßen voller lebenslustiger Menschen waren. Dabei hatte ich das Gefühl, meinen Vater zu hintergehen. Denn dieser Duft führte mich in eine Welt, die er niemals betrat. Dort wurde eine andere Sprache gesprochen, seine Sprache nicht verstanden, ja verhöhnt.
Verstehst du die Sprache all dieser Bücher, die du immerzu liest? Ich stellte ihm diese Frage und deutete auf eines der Bücher, die in einer fremden Schrift, die »alte türkische Schrift« genannt wurde, geschrieben worden waren. Diese alte Schrift war auch die Schrift der Araber, der Perser und des Korans. Mein Vater nahm das Buch mit dem abgegriffenen Leineneinband in die Hand, öffnete es und las mir vor. In den Klängen verlor ich die Bedeutung der Wörter. Ich wusste nicht mehr, wer sprach und wer zuhörte.
Bestimmt hat mich diese andere Sprache empfänglicher gemacht für Sprachwechsel, für den Austausch von Klängen, für die Übersetzung zwischen zwei Sprachen. Dann wanderten wir aus, und ich hatte neben den Sprachen mütterlicherseits und der Vatersprache noch die Fremdsprache Deutsch, die mir mit der Zeit immer näher rückte, bis sich alle drei Sprachen aufeinanderlegten und durchsichtig füreinander wurden. Auf der Zunge spalte ich diese Sprachen manchmal wieder, und sie entfalten einen unverwechselbaren Geschmack.
Sowohl diese verschiedenen Sprachen auf der Zunge als auch die zunehmende Entspannung im Verhältnis meiner beiden Herkunftsfamilien haben mich entscheidend geprägt, Vater und Mutter gingen nicht auseinander. Sie übersetzten sich. Ich konnte wieder trennen und unterscheiden, ohne zu verletzen. Die Familien wurden milde zueinander. Sie trennten sich und fanden wieder zueinander. Neugierigen Fragen wich mein Vater nicht mehr aus. Er begann, auch seine in traditioneller Form geschriebenen Gedichte vorzutragen und wurde zum Berater in wichtigen Familienangelegenheiten. Er kümmerte sich rührend um die ältere Schwester meiner Mutter, die früh verwitwet war. In der Gesellschaft aber verlief das Verhältnis der beiden Welten, der Mutterwelt und der Vaterwelt, genau entgegengesetzt. Die Grenzen wurden härter, die Kluft tiefer. Statt der Zweisprachigkeit oder der Übersetzung wurde Monolingualität gepredigt, ja vorgeschrieben. In dem neuen Land gehört es nun zum guten Ton der Identität, einsprachig zu sein.
Spiel und Identität
Früh muss ich den Unterschied zwischen dem Spielen im Freien und in der Kinderstube oder einer anderen geschützten Ecke unserer kleinen Wohnung bemerkt haben. Denn der Schutzraum »drinnen«, im Inneren des Hauses, milderte den Reiz des Spiels. Welch ein Irrtum! Draußen konnten unvorhergesehene Dinge passieren. Ja, man konnte sich schlimm verletzen, sich eine Platzwunde zuziehen, ein Knie aufschlagen. Draußen waren Fremde. Durch die Wohnungstür aber kamen nur die Bekannten. Waren sie deswegen ungefährlicher? Die Verletzungen, die sie mir hätten zufügen können, blieben unsichtbar. Ich malte sie mir als Bösewichte aus. Als jähzornige Menschen, die ihre Nähe zu mir ausnutzten, um mich in unangenehme Situationen zu versetzen. Der liebevolle Umgang meiner Eltern war eintönig geworden. Gewohnheiten, die sich nicht mehr verändern lassen. Als gehörten sie einfach nur zum langweiligen Sonntagsritual, ein ausgedehntes Frühstück, die Spaziergänge ums Haus. Dagegen drängte es mich, die verletzte Stimme zu mimen. Einen Blick aufzusetzen, der Schmerz ausdrückt oder wehtut. Verwandtenschmerz.
In Istanbul gab es Jungen und Mädchen, die ich immer nur draußen sah. Sie hatten, so glaubte ich damals, kein Zuhause. Ich beneidete sie darum. Denn keine Wohnung zu haben, hieß auch, ohne Grenzen zu sein. Ich beobachtete sie aus sicherer Entfernung, vom Balkon unserer Wohnung im dritten Stock, dessen Brüstung aus engmaschig vergitterten Eisenstäben bestand und mir zwar genug Sicht ließ, mich dabei aber fast gänzlich verbarg. Ich war ein behütetes Balkonkind gewesen, bevor ich nach Deutschland abflog, an einem kalten, nebligen Novembertag. Niemand dürfte mich vermisst haben.
In der Kälte des deutschen Winters wurde der großräumige, spärlich möblierte Salon der Neubauwohnung, die wir bezogen, zu einem Spielplatz ohne Charme. Nichts ließ sich hier verstecken. Da entdeckte ich die deutsche Sprache als eine Art Räuberhöhle, in die ich die mühsam ergatterten Wörter stapelte. Ich versteckte mein Diebesgut vor allen anderen. Das war nicht schwer, denn die Fremdwörter bleiben immer unsichtbar. Manchmal aber kamen sie hinter den Gardinen hervor und schütteten sich aus. Ich holte mir ein Wort aus dem Haufen und ließ es auf meiner Nase tanzen. Es begann zu sprechen, es fragte mich aus und beantwortete meine Fragen. Die neue Sprache war meine Komplizin im Bekämpfen der Langeweile. Das Erlernen einer fremden Sprache ist mit dem Lüften eines Geheimnisses vergleichbar. Das Geheimnis der deutschen Sprache schien schier unerschöpflich zu sein.
Lange Zeit konnte ich Spielkameraden entbehren. Bis mich eines Tages ein Mädchen, das uns gegenüber wohnte, in einem der Bungalows mit Garten, zu sich nach Hause einlud. Sie tat dies, indem sie mich am Arm nahm und mich in die Wohnung zerrte, wortlos, als könnte ich sie nicht verstehen. Mit dem Kopf und den Augen gestikulierte sie und erschien mir auf diese Weise schöner als zuvor.
Auch danach sprachen wir kaum miteinander und verbrachten dennoch ganze Nachmittage zusammen. Sie wurde zu meinem Geheimnis und ersetzte tausend Wörter, die ich in meiner Höhle hinter den Gardinen eingesperrt hatte. Ich ließ mich von ihr einsperren. Denn wenn wir zusammen waren, blieben wir immer unter uns.
Feine Unterschiede
Man stellt sich ein intellektuelles Leben selten körperlich vor. Doch das Denken wildert im Körper. Die Gedanken bekommen Farben und korrespondieren mit den Klängen der Sprache. Das Denken schreibt sich einen Lebenstext, der atmet, riecht, sorgfältig aufgehoben werden muss, wie leicht verderbliche Nahrung. Die gedankliche Entwicklung im Leben braucht Orte zum Ankern, Orte zum Erinnern und zum Ersehnen, Sprachen zum Hinhören und Wörter zum Atmen. Wer am Meer aufwächst, hat andere Klänge im Ohr als ein Bergbauer. Der Körper eines Metallarbeiters folgt einem anderen Rhythmus als der eines Volksschullehrers. Mir wird ganz anders, wenn ich einen Film sehe, der im Voralpenland spielt. Plötzlich rieche ich, was ich sehe, das sattgrüne Gras, das verwitterte Holz. Meine Nase wird zum verlängerten Gedächtnis.
Ich lasse meinem Körper freien Lauf. Meine Gedanken folgen den vielen Umzügen in meinem Leben. Der Umzug von München nach Berlin im Sommer 1989 schuf Neuland und in meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr eine wichtige Zäsur. Meine Schreibweise änderte sich. In München hatte ich vor allem Poesie geschrieben. Mein Leben drehte sich um eine lyrische Achse. In Berlin wurde mein Schreiben politischer und gesellschaftsbezogener. Ich entdeckte die Form des Essays als eine für mich passende, weil wankelmütige und zugleich reflektierende Ausdrucksweise. So wurde ich zum Wanderarbeiter zwischen den Städten und den literarischen Formen. Ich machte meinen Körper hier und da fest. Doch unversehens hatte ich mich in Gedanken verloren, die meinen Körper von seiner Halterung lösten. Gerne gab ich mich dem Vagabundensein hin. Doch immer mit einem Hinterzimmer in Gedanken, einer Wohnstatt in Berlin, die mehr Werkstatt als Wohnung ist. Dort werde ich von Wörtern bewohnt, und mein Körper öffnet und schließt sich im Rhythmus der Texte, die ich schreibe.
Wer vagabundiert, braucht ein Hinterzimmer im Kopf. Dort lagern die Bestände seiner Herkunft, seines erinnerten oder in der Vergangenheit fantasierten Lebens, sei es auch nur ein einziger Stein heimatlicher Erde, die die Großeltern verlassen haben, um in der Fremde ihr Brot zu verdienen.
Wenn ich Menschen in Deutschland begegne, die in der dritten oder vierten Generation in diesem Land leben, fällt mir auf, wie die wenigsten unter ihnen noch irgendeinen Fetzen besitzen, der sie an ihre Herkunft erinnert. Es sieht für mich so aus, als wäre ihnen nicht nur die urmütterliche Sprache genommen worden, sondern jeglicher Gegenstand, der zur Erinnerung Anlass geben könnte. Sie besitzen keinen Gedenkstein mehr. Ich bilde mir ein, ihren Körpern diesen Verlust ansehen zu können. Oft sind es zerbrechliche Körper, versteckt in dicker Schutzhaut. Die Haut klingt nach Metall. Berührte man das Herz, löschte man die Person aus. Das Herz hört nichts mehr. Kann man sich schützen, wenn man sich die Wege zum Herzen verbaut?
Verständigung unter Migranten heißt, sich gegenseitig Deckung zu geben. Darunter leiden die freie Sicht und die Freiheit der persönlichen Entfaltung. Man lebt oft ohne Zentrum, aber der Radius, den man ausschreiten kann, ist begrenzt. Es gibt zu viele Attrappen, die als Hinweisschilder aufgestellt sind. Hinweise auf die Herkunft, auf den Platz in der Gesellschaft. An der Stelle des zerbröckelten Herzens stehen Neubauten, die immer leer bleiben, auch wenn eine ganze Familie einzieht. Denn längst übertragen die Gedanken die Leere der Räume in den Körper. Jeder von uns hört sein Echo. Meine Sprache ist der Widerhall meiner Gegenwart. Sie richtet sich an mich selbst, erreicht kein Gegenüber mehr. Wenn du sprichst, verdoppelst du deine Einsamkeit.
Mach dein Herz winterfest, bevor du in die Fremde gehst, heißt es in einem alten kaukasischen Spruch. Die Argonauten wussten alles besser. Sie hatten es mit Sprachküsten zu tun, die uns bis heute anregen und herausfordern. Mir kommt es so vor, als hätten sie unsere Leiden erfunden. Alles, was auf der attischen Halbinsel nicht geheilt werden konnte, brach in den Norden auf, überquerte hohe Berge und das große dunkle Meer. So emigrierten die Leiden, für die bis heute kein Heilmittel gefunden worden ist.
Vorbilder
Ich wurde von meinen Altersgenossen beneidet, als ich mit meinen Eltern nach Deutschland zog. Im neunten Lebensjahr gibt es für einen Jungen kaum etwas Wichtigeres als Fußball. Das ist heute so und war 1970 erst recht nicht anders. Gerade in Deutschland angekommen, stand die Weltmeisterschaft in Mexiko auf dem Programm. Unvergesslich die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Viertelfinale gegen England, Halbfinale gegen Italien, knappe Spiele, mit Toren in letzter Minute. Ich verfolgte diese Spiele live in einem kleinen oberbayerischen Ort, auf einem Farbfernseher, der unserer Wirtin gehörte. In der Türkei gab es damals noch gar keine Fernsehsendungen. Ich hatte in den Ferien bei meiner Rückkehr in die Türkei viel zu erzählen.
Einer meiner Freunde wollte wissen, ob ich schon so viel Deutsch sprechen konnte, dass ich den Kicker zu lesen im Stande war. Kicker? Ich zuckte mit den Achseln. Ich wollte nicht zugeben, dass ich im Deutschen mehr oder weniger noch Analphabet war. Ein Analphabet im neunten Lebensjahr. Ich zog ja nicht einfach nur nach Deutschland. Mein Vater, der nichts von Fußball hielt, hatte sicherlich unbewusst und dennoch zielsicher die Stadt München als unseren neuen Wohnort ausgewählt. München! Diese Stadt lag in Bayern, und Bayern und München kombiniert, reiste ich also zu Bayern München aus. Ein Club, der schon damals in der Türkei sehr populär war. Ein Grund für mich, mit ihm zu fremdeln. Keiner meiner türkischen Freunde konnte meine Begeisterung für 1860 München oder den 1. FC Köln teilen. Doch ich wollte mich von meinen Freunden in der Türkei unterscheiden. Ich wollte eine gewisse Distanz zu ihnen aufbauen. Dies konnte nur geschehen, indem ich ihre Begeisterung für den FC Bayern München nicht teilte. Heute kann ich zugeben, dass ich insgeheim stolz darauf war, in jene Stadt zu ziehen, in der dieser Club spielte und überhaupt nach Deutschland, in das Land von Beckenbauer & Co. Fast fünfzig Jahre sind vergangen. In Deutschland geborene türkische Jugendliche drängen in die deutsche Fußballnationalmannschaft. Sogar im deutschen Eishockeyteam kann man einen türkischen Namen lesen. Eishockey ist ein Sport, den es in der Türkei nicht gibt.
Einer dieser türkischen Namen, der als deutscher Fußballnationalspieler bekannt geworden ist, hat eine besondere Stellung errungen, als Regisseur des deutschen Spiels, als kreativer, unersetzbarer Spieler in der Aufstellung des Weltmeisters: Mesut Özil. Neulich gestattete der hochdotierte Fußballer der Presse einen Einblick in seinen Alltag.
Dabei zog ein üppiges Porträtbild große Aufmerksamkeit auf sich. In der Londoner Villa des deutschen Fußballnationalspielers Mesut Özil hängt das lebensgroße Porträt eines osmanischen Sultans. Es handelt sich um Selim III., der Ende des 18. Jahrhunderts die ersten großen modernistischen Reformen im Osmanischen Reich eingeleitet hatte. Özil aber glaubt, dass es Mehmet II., der Eroberer von Istanbul, ist, dessen Bildnis er da an seiner Wand aufgehängt hat. Jedenfalls hat er das vor laufender Kamera so behauptet, und den türkischen Zeitungen war diese Verwechslung eine Nachricht wert. Hinter dieser kleinen Geschichte steckt aber tatsächlich eine größere, bedeutendere Erzählung, eine, die Erwartungen weckt, Zuordnungen und Identität schafft oder auch enttäuscht.
Teile der deutschen Öffentlichkeit erwarten, dass der Zuwanderersohn Özil als Teil der deutschen Nationalmannschaft öffentlich das deutsche Lied mitsingt. Schließlich geht es um Zugehörigkeit. Dazu gehören aber auch Emotionen. Emotionen werden in der Intimsphäre erschaffen und strukturiert. Sie können öffentlich ausgelebt werden oder auch nicht. Özil beruft sich stolz auf die türkische Geschichte. Sie bestimmt seine Fantasiewelt. Dabei kommt es nicht auf historische Genauigkeit an, sondern auf die Bilder im eigenen Kopf.
Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist mehrfach gebrochen. Ein deutscher Nationalspieler, der sein Brot in London verdient, hängt einen osmanischen Sultan an die Wand und präsentiert ihn voller Stolz Kameras, die seine privaten Gemächer filmen dürfen. Dabei verweist er auf die angeblichen Verdienste dieses Herrschers, die Eroberung von Istanbul 1453. Nun weiß jeder Türke, wie der Eroberer aussieht und dass der porträtierte definitiv nicht Mehmet II. ist.
Ist der in Deutschland geborene Nachfahre von Türken etwa nicht ein Erfolgsmodell für die Integration, wie mancher sie haben will? Er hat wenig bis gar keine Ahnung von der Geschichte seiner Vorfahren. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich auf diese Geschichte zu berufen. Für die türkische Presse dagegen wird hier nicht einfach nur ein Unwissen offenbart, sondern die Geradlinigkeit der Geschichte verletzt. Der Eroberer wird ausgetauscht gegen einen Reformer.
Ist der Reformer aber nicht der eigentliche Held? Der Eroberer dagegen ein Schreckgespenst bis in unsere Tage? Zumindest für alle, die in einer modernen Welt friedlich zusammenleben wollen. Anscheinend nicht für einen in Deutschland geborenen jungen Fußballer, genauso wenig wie für die vielen Anhänger einer Wiedererweckung des Osmanentums in der gegenwärtigen türkischen Politik.
In der Sehnsucht nach einer starken ungebrochenen reinen Identität steckt viel Energie. Sie biegt Erzählungen zurecht, bringt Unvereinbares zusammen, ist eigentlich die Ursprungsquelle einer heterogenen Überlieferung, die jede Art von Widerspruch in sich birgt. Der Zeitgeist aber duldet keine Widersprüche. Er sehnt sich nach der einfachen, linearen Geschichte. Die Geschichte als Märchen und Legende, mit vorgegebenem Anfang und Ende, mit Gut und Böse. Die Tradition wird weitergegeben. Sie ist gottgewollt und nicht hinterfragbar.
Vielleicht sind historische Bezüge für Kinder von Migranten einfach nur Märchen. Schließlich spielt sich ihre Kindheit ja fern ihrer ursprünglichen Heimat ab. Geschichten aus dieser fernen Heimat können leicht Märchencharakter annehmen. Auch das Verhältnis zur eigenen Religion lässt sich vor allem durch Kindheitserfahrungen und Erinnerungen definieren. In der Kindheit steckt eben auch Zusammenhalt. Fäden werden in ihr geflochten, die sich durch das ganze Leben ziehen.
Ich erinnere mich an dieses Foto, das Özil vor der Kaaba in Mekka zeigt, im weißen Pilgertuch. Dieses Foto zog tatsächlich nicht nur Lob, sondern auch eine Reihe kritischer Kommentare und Bewertungen nach sich.