Patrizia Parolini

Almas Rom

Patrizia Parolini

Almas Rom

Roman

orte Verlag

für Elvira

ROMA

I

Alma brach die Schale auseinander. Ihre Finger brannten. Sie roch den rauchigen Duft der gerösteten Kastanie und hörte die ciociari – die Bauersleute aus der Ciociaria –, wie sie unter den Arkaden entlang der Piazza weiter riefen: «Calde e arroste, calde e arroste! – Heisse Marroni, heisse Marroni!»

Es war ein kalter Januartag im Jahr 1901. Die Verkäufer sassen eingehüllt in abgetragene Jacken und dicke Decken hinter ihren Röstöfen, neben Körben voller Edelkastanien und aufgeschichteten Holzscheiten für das Feuer. Alma trug ihren rostroten Wollmantel und die weisse Strickmütze, unter der ein zartes, blasses Gesicht mit schmalen Augen und dunkelbraune, gewellte Haare hervorschauten. Während sie auf die Kastanie in ihrer Hand pustete, schaute sie zu, wie der ciociaro vor ihr seinen Atem in die Hände hauchte, um sich zu wärmen. Es waren grosse, abgearbeitete Hände mit russigen Fingern.

Anna, die Mutter, hatte Alma vom Institut an der Via Buonarroti und Romeo von der Sonderschule an der Piazza Pepe abgeholt. Sie hatte die centesimi abgezählt, die Tüte entgegengenommen und die caldarroste an ihre Kinder verteilt, an Alma, Romeo und die kleine Amelia. Neben ihr stand der Kinderwagen, in dem Attilio schlief, das fünf Monate alte Brüderchen. Alma kratzte das haften gebliebene Stück dünne, haarige Haut von der Frucht und steckte diese in den Mund. Mehlig zerfiel das Fruchtfleisch auf ihrer Zunge.

«Meine grosse Schwester hatte gestern Geburtstag!», platzte Romeo voller Stolz heraus.

«Wie alt bist du denn geworden?», brummte der Mann mit dem gegerbten Gesicht, musterte Romeo und fuhr mit der Kelle durch die Kastanien in der Röstpfanne.

«Sieben!», antwortete Alma schüchtern.

Die kleine Amelia stellte sich selbstbewusst vor den Verkäufer hin und streckte ihm drei Finger entgegen: «Tre!»

«Hmm! Kommt her!» Mit seiner Kelle legte er jedem der Kinder eine zusätzliche Kastanie in die Hand. «Ihr müsst blasen, sie sind sehr heiss!»

«Danke!», freute sich Alma und liess die Kastanie von einer Hand in die andere rollen, bis sie nicht mehr brannte auf der Haut.

Langsam gingen sie die Via Leopardi hinunter. An der Mündung in die Via Merulana warteten sie, bis die carrozze – die Kutschen – und die von Pferden gezogene Tramway vorbeigerattert waren. Dann überquerten sie die breite Strasse und standen vor der Bar von Vater und zio Edgardo.

II

Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Spirituosen stehen auf dem beleuchteten Glasregal an der Wand. Campari, Fernet-Branca, Ramazotti. Mein Blick schweift zur Kasse, zur Vitrine mit den gefüllten cornetti und hinaus zu den Tischen auf dem Gehsteig unter dem dichten Blätterdach der ahornblättrigen Platanen. Italienische Popmusik ertönt aus dem Hintergrund. Die Serviererin stellt mir die Tasse hin. Unter dem röstbraunen Schaum ist der Kaffee nachtschwarz. Mit der Hand streiche ich über die grünlich gläserne Theke. Das ist sie also, die Kaffeebar, die einst Cristoforo und Edgardo, meinem Urgrossvater und dessen Bruder gehört hatte. Der Ort in Rom, wo das Leben von Alma, meiner Grossmutter, eine erste dramatische Kehrtwende erfuhr.

Ich sehe mich, das sechsjährige Mädchen mit den Stirnfransen, an Almas Beerdigung – nicht in Rom, sondern im Puschlav. Wie ich auf dem engen Vorplatz stehe, rund um mich herum schwarz gekleidete Menschen, die sich begrüssen, flüstern, sich die Nasen schnäuzen. Und mittendrin stand der Sarg. Ich wusste, etwas Wichtiges war passiert, und ich wollte dabei sein. Doch so sehr ich mich auch gewehrt hatte, ich weiss noch genau, ich hatte nicht mitgehen dürfen.

Vage erinnere ich mich, dass auch die zie aus Rom da gewesen waren, die Nichten von Alma. Sie kamen beinahe jeden Sommer hinauf in das Bergtal und schwärmten immer von der aria genuina – der gesunden Bergluft. Sie waren klein, elegant gekleidet und voller Temperament. Meine Schwestern und ich freuten uns, die drei Tanten zu sehen, denn sie gingen jedes Mal mit uns in das Café an der Piazza. Wir Kinder waren wild auf die gelati, die es dort gab, weil man sie so, frisch in der Waffel, nicht bekam an unserem Wohnort in der Deutschschweiz.

Auch wir verbrachten die Sommerferien im Puschlav und nicht etwa am Meer wie meine Schulkameraden. Deshalb war mir Italien kein Begriff, bis ich zum ersten Mal nach Rom reiste und mich in einer verrückten, verkehrsverstopften Stadt wiederfand. Ich war siebzehn und entsetzt darüber, dass abends, wenn wir uns die Nasen putzten, sich die weissen Taschentücher schwarz färbten. Ich weiss auch noch, wie meine Schwestern und ich auf dem Rücksitz des roten Topolino sassen. Am Steuer die zia. Wir brausten über die Piazza Venezia. Ich staunte über das riesige, blendend weisse Monument. Die Tante nannte es spöttisch die «Schreibmaschine». Später raste sie über eine Kreuzung, obwohl die Ampel bereits auf Rot gesprungen war. Sie wollte die andere Tante und unsere Eltern, die vorausfuhren, im Chaos des römischen Stadtverkehrs auf keinen Fall verlieren. Wir Kinder kreischten, vor Schreck und vor Übermut. Und jetzt, zwanzig Jahre später, bin ich zum zweiten Mal in Rom. An der Piazza Venezia habe ich festgestellt, dass die «Schreibmaschine» anders aussieht als in meiner Erinnerung. Auf dem verkehrsberuhigten Platz ist jetzt ein grasbewachsener Kreisel, Sigthseeingbusse und Reisecars fahren heran, Touristen flanieren auf der autofreien Strasse, die zum Kolosseum führt. Meerkiefern spenden Schatten. Das Vittoriano ist eine gigantische Säulenreihe mit Treppen, Balustraden und Ornamenten und der bronzenen Reiterstatue von König Vittorio Emanuele II in der Mitte. Das Weiss des Marmors hebt sich ab vom Rostrot der anliegenden Palazzi. Nach dem Willen der Erbauer sollte das Denkmal zur Ehre des neuen, geeinten Italiens alle bestehenden Wahrzeichen der Stadt überstrahlen. Heute wirkt es fremd und selbstgefällig.

Mit dem Lift bin ich auf das Dach des Monuments hinaufgefahren, um die Stadt von oben zu sehen. Ein Foto in einem Schaukasten auf der Zwischenterrasse zeigt Szenen der Einweihung: ein schwarzes Meer von gedrängt stehenden Menschen und gehissten Fahnen. Jeder Zwischenraum, jeder Vorsprung und sogar das Dach ist von Feiernden besetzt. Man sieht den klein gewachsenen König Vittorio Emanuele III flankiert von den corazzieri – den gross gewachsenen Soldaten seiner Leibgarde. Ich habe mir vorgestellt, wie die Leute damals, von der Piazza aus, nur den hohen Zylinder sahen, wie er sich hob und senkte mit jeder Stufe, die der König emporstieg, im Takt mit den hin- und herpendelnden Rosshaarschweifen auf den Helmen der Gardisten, und wie deren silbrige Brustpanzer glänzten und die Reitersäbel rasselten. Man hatte die Einweihung des Vittoriano im Jahr 1911 zum Anlass genommen, Cavour, Mazzini und Garibaldi und das fünzigjährige Bestehen des italienischen Nationalstaats zu feiern.

Rom, Blick vom Vittoriano in Richtung Kolosseum, im Hintergrund die Basilika San Giovanni in Laterano und die Albaner Berge, 2012.

Das war das Jahr gewesen, in dem Alma Rom hatte verlassen müssen. Mit siebzehn Jahren. Ich denke nicht, dass sie bei der Einweihungsfeier dabei gewesen war. Die Puschlaver Auswanderer hielten, sofern sie denn katholisch waren und nicht reformiert, dem Papst die Treue. Und Kirche und Königreich waren sich spinnefeind. Aber bestimmt war die ganze Familie zur Gelateria Fassi gefahren, die an diesem besonderen Tag des Monats Juni allen Kindern ein Eis frei ausgegeben hatte.

III

Nervös strich sich Cristoforo mit der mageren Hand über den Schnurrbart und zwirbelte ihn nach oben. Er eilte voraus, um am Largo Brancaccio nach einer freien Kutsche Ausschau zu halten. Alma und Pietro, der fünfjährige Bruder mit den pechschwarzen Locken, hielten mit ihm Schritt. Der Vater schaute seine Tochter an. Sie war mittlerweile fast so gross wie er. Angst, dass ihm nur noch wenig Zeit verbleiben könnte, regte sich in ihm. Fahrig zeigte er auf die Ankündigung der Einweihungsfeier an der Plakatsäule und erklärte, mit dem Bau des Vittoriano habe man begonnen, kurz nachdem er in Rom angekommen sei. Damals habe er in der Nähe gewohnt, und ja, den Kapitolshügel habe er noch gesehen, bevor man ihn abzutragen begann. Das sei auch die Zeit gewesen, als man die Piazza in ihrem Quartier erstellt habe, die Parkanlage, ebenfalls zu Ehren des verstorbenen Königs.

«Ah!» Alma nickte.

Vater sprach von einer Vergangenheit, für die sie keine Bilder hatte. Ihr Quartier, das war die Peripherie Roms. Dort, wo all ihre Freundinnen lebten. Die meisten waren Töchter von Landsleuten ihrer Eltern. Von Zugezogenen. Aber Herkunft hin oder her: Sie war Römerin, und die Stadt war ihr Zuhause. Hier würde sie eine Liebe finden, heiraten und Kinder haben. Keines würde früh sterben müssen, weil es für sie alle nur die beste medizinische Versorgung geben würde. Sie würde ins Kino gehen und in den grandi magazzini Kleider kaufen. In der Stube ihrer Wohnung würde ein Grammophon Musik abspielen, und sie würde Fahrrad fahren. Und wenn sie dann einmal ganz alt sein und sterben würde, sollten ihre Kinder sie auf dem Campo Verano begraben.

Zia Ludovica, Vaters ältere Schwester, und Anna, die Mutter, hatten sie eingeholt. Die Tante hielt keuchend an und strich sich weisse Haarsträhnen aus dem Gesicht. Giacomo schmiegte sich an die Mutter. Wie immer. Mammà, dachte Alma, ist das Gegenteil von Vater. Ein kleiner, fülliger Körper und energische Hände, ein schönes rundliches Gesicht. Vater und Mutter kamen aus der Schweiz, aus dem südöstlichsten Zipfel des Landes, der an Italien grenzte. Das winzige Dorf, steile Berge und der ewige Schnee auf den höchsten Gipfeln tauchten in ihrer Erinnerung auf.

Sie war ein einziges Mal dort gewesen. Im Sommer 1900, als Attilio auf die Welt gekommen war. Sie sah das ärmliche Haus der Grosseltern am Fuss des Berges und die Tiere. Sie hatte sich vor den Kühen gefürchtet, aber sie spürte noch, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie die Schafe hatte streicheln dürfen. Deren Wollkringel waren nicht weich gewesen, sondern rau und fest.

Sie zuckte zusammen und packte Pietro an der Hand. Vor ihr schrien und winkten Attilio und Irene aufgeregt einem herannahenden Kutscher zu. Pietro riss sich von ihrer Hand los, und Folco, der in der Hocke Kieselsteinchen vom Boden aufgelesen hatte, sprang auf. Vater hob beide in die Kutsche, drückte Anna einen Geldschein in die Hand, sagte: «Ciao, bambini!» und wandte sich hastig ab. Er musste zurück an die Arbeit.

Zia Ludovica nahm Folco, den Jüngsten, auf ihren Schoss, Mutter Pietro, den Zweitjüngsten. Die anderen Kinder kletterten ebenfalls in die Kutsche. Als Letzter, wie immer, und mit der Hilfe von Alma, Romeo. Der sechzehnjährige Bruder, der versehrte Junge im Kind gebliebenen Körper.

Sie sassen zusammengepfercht und schwitzten. Zum Glück hatte sich die Sonne hinter weissen Schleierwolken versteckt. Er Ponentino – die frische Brise vom Tyrrhenischen Meer her – wehte wohltuend durch die Strassen. Pietro beugte sich zu Folco hinüber und stupste ihn.

«Bleibt ruhig, Kinder, sonst wird mir schlecht!» Mutter zog Pietro zurück und warf Folco einen warnenden Blick zu.

Sie ratterten durch die Via Nazionale, den hohen, stattlichen Palazzi entlang, vorbei an flanierenden Fussgängern und durch das Durcheinander der Kutschen hindurch, die in alle Richtungen fuhren. Kurz vor der Piazza delle Terme liess der Kutscher die Pferde nach links in die Via Torino abbiegen. Das Gewicht der Familie hinauf zur Via XX Settembre zu ziehen, machte den Tieren zu schaffen. Vom Fontanone dell’Acqua Felice her streifte sie ein kühler Lufthauch. Dann bogen sie nochmals links ab und stiegen in der Via di Porta Salaria aus. Die Grande Gelateria Elettrica Siciliana di Giovanni Fassi war die modernste Konditorei und die beste Eisdiele der Stadt. Sie erreichten die grosse, laute Menschenmenge, die drängelnd vor dem Eingang stand. Missmutig stellte sich Alma mit den anderen zuhinterst an.

«Mammà, ich will Eis!» Auch dem dreieinhalbjährigen Folco war die Warterei verleidet.

«Es wird dir schmecken.» Mutter lächelte und strich Folco über die Wange.

«Du hast ja keine Ahnung, was es gibt!», spöttelte Irene, die vier Jahre ältere Schwester.

«Do-och! Fata bianca

«Und was ist das?»

«Eis!»

«Macché! Die fata bianca ist eine Fee. Die rutscht in deinen Bauch hinunter und verzaubert dich.» Sie bohrte den Zeigefinger in Folcos Bauch.

Dieser schaute mit grossen Augen an sich hinunter. «Aber ich will Eis!» Er packte ihren Finger.

«Und wenn du verzaubert bist, kannst du fliegen.»

«Ich komme mit ins Zauberland», warf Pietro eifrig ein. «Dann fliegen wir zu Pupi und Drago!» Er ruderte heftig mit den Armen.

«Jaa!» Folco und Giacomo lachten aufgeregt.

«So ein Blödsinn», kommentierte Attilio trocken die Begeisterung seiner jüngeren Geschwister.

«Beh, pass du bloss auf! Wenn du Drago nicht magst, dann holt er dich!» Irene packte Attilio an den Schultern und fauchte ihn an.

« Hör auf! » Bevor sich Attilio ihrem Griff entwinden konnte, stürzten sich Pietro und Folco auf ihn. Er rannte davon, um sie loszuwerden, die anderen drei hinter ihm her.

Die Mutter schaute Alma an: «Gehst du?»

Alma verzog das Gesicht und eilte widerwillig den Geschwistern nach. In Richtung Porta Salaria. Als sie zurückkehrten, stand Mutter mit Giacomo, zia Ludovica und Romeo im halbdunklen Innern des Lokals. Die Kleinen stellten sich vor den Glaskasten, der sie magisch anzog, und starrten mit glänzenden Augen in die aneinandergereihten Kübel mit den bunten Eissorten. Als die Kinder endlich die Waffel mit der schneeweissen, flaumigen Eiscreme in die Hand gedrückt bekamen, machten sie sich gierig über das zauberhafte dolce her. Innert weniger Augenblicke waren Münder und Hände verschmiert und Hosen und Jacken verkleckst.

Später, nachdem sie die Hände an einem nahegelegenen Brunnen gewaschen hatten, bummelten sie die Hauptstrasse entlang und fuhren dann mit der elektrischen Tramway zur Piazza Santa Maria Maggiore. Auf dem von neu gepflanzten Platanen gesäumten Strassenstück bis zum Häuserblock, in dem sie wohnten, gingen sie zu Fuss.

Schon bald tauchte Vaters Geschäft auf. Der Eingang befand sich in der Spitze des Winkels, dort, wo die Via Mecenate in die Via Merulana mündete. «Bar e liquoreria» stand darüber in goldgelben Buchstaben auf einem schwarzen Schild. Neben der Tür prangte eine Tafel mit dem weissen schwungvollen Schriftzug «Coca Cola» auf rotem Hintergrund. Ein brandneues kaffeebraunes Getränk, das, so hiess es, aufputsche und Kopfschmerzen lindere. Daneben die Werbung für Fernet-Branca mit dem Bild eines Adlers über einer Erdkugel, das Alma schon als kleines Mädchen fasziniert hatte. Der forno e drogheria – die Bäckerei mit dem Laden – befand sich rechts davon in der Via Mecenate, die Bar und das Eingangsportal zu ihrem Wohnblock links in der Via Merulana.

Übermütig stiegen sie die Treppen hinauf und traten, durch die mittlere der drei Wohnungstüren, direkt in die Küche ein. Nazzarena, die Gouvernante, stand am Kochherd. Die schwarzen Röcke unter der weissen, spitzenbesetzten Schürze standen von ihren Hüften ab wie eine grosse Glocke. Ihr gutmütiges Gesicht war umrahmt von dichtem, pechschwarzem Haar, das in einem strengen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden war. Nazzarena klatschte die Hände zusammen und starrte die Flecken auf den Sonntagskleidern der Kinder an: «Mamma mia!»

Alma sah, wie sie mit sich rang und nicht wusste, ob sie lachen oder weinen sollte. Bis Folco die Arme nach ihr ausstreckte, Nazzarena ihn auf den Arm nahm und die anderen Kinder, lachend und schimpfend zugleich, ins Badezimmer dirigierte. Derweil erzählten ihr diese schwärmend von den Zauberkünsten der fata bianca und der Fahrt mit der Tramway.

Alma verschwand unbemerkt in ihr Zimmer.

IV

Über die Via Cavour habe ich die Basilika Santa Maria Maggiore erreicht. Dahinter beginnt die Via Merulana. Sie führt schnurgerade zur Basilika San Giovanni in Laterano hinunter. Von dort aus sind, über die Aurelianischen Stadtmauern und die Bogen der antiken Wasserleitungen hinweg, die Albaner Berge sichtbar. Im oberen Teil der Via Merulana steht der Palazzo Brancaccio. Hinter ihm erstrecken sich dessen riesige Gartenanlage und die Reste der Trajansthermen. Weiter unten befindet sich das Goldene Haus von Kaiser Nero im Parco del Colle Oppio mit seinen hohen Palmen und Zypressen, der zu einem meiner Lieblingsorte in Rom wird. Von da aus sieht man das Kolosseum unten am Fuss des Hügels, das seit fast zweitausend Jahren, zwar halb zerfallen, doch immer noch aufrecht dasteht. Im Rücken des Vittoriano.

Ich hatte den Stadtplan genau studiert. Nach dem Palazzo Brancaccio musste die Kaffeebar sein. An der Ecke zur Via Mecenate. Ich war aufgeregt, neugierig, und ich brauchte einen starken caffè. Den ich jetzt in zwei Schlucken hinunterstürze. Das dazu servierte Wasser ist frisch und gut. Ich behalte das kühle Glas in den Händen, bestelle einen zweiten Kaffee und setze mich draussen an einen Tisch. In meinem Blickfeld der Hauseingang. In den Blättern über mir das Rascheln des Windes.

Wann hatte ich gemerkt, dass ich nichts wusste von Alma, meiner Grossmutter? Ausser an die Beerdigung habe ich eine einzige ferne Erinnerung an eine zerbrechliche Gestalt, die in der Küche sass, in einem Sessel, eine selbstgestrickte Decke über den Knien, und nie sprach. Wie ein verblasstes Foto, auf dem nur noch die Umrisse erkennbar sind. Wie konnte ich mehr über sie erfahren, über den Ort und die Zeit, in die sie hineingeboren worden war? Solange ihre jüngeren Geschwister noch lebten, hätte ich diese fragen können, doch als Jugendliche interessierte mich das alles nicht. Warum denn jetzt diese Suche nach den Vorfahren? Hatte die Krankheit diese Sehnsucht ausgelöst? Die Erfahrung, physisch und psychisch an Grenzen zu stossen? Das Ringen nach Halt im Zerfleddern des Körpers, im bodenlosen Dahinfallen der Seele? Eine Ahnung der Endlichkeit des irdischen Lebens, die mich aufrüttelte?

Rom, Stadtplan (Ausschnitt)
aus Baedeker, Karl: Handbuch für Reisende, Mittelitalien und Rom, Leipzig, 1908.

Ich bemerkte auch, dass Alma auf keinem meiner Kindheitsfotos abgebildet ist. Nur der weisshaarige Attilio. Warum nur? Hatte sie nicht dabei sein wollen an meiner Erstkommunion? Oder hatte man sie nicht eingeladen? Ich war entrüstet. Sie war halt alt. Aber Grossmütter sind alt! Ich begann, Fragen zu stellen. Meinem Vater, seiner Schwester und seinem Bruder, Almas Kindern.

Und jetzt bin ich da, um den Ort und die zie erzählen zu lassen.

Auf einmal fällt mir auf, dass andauernd Leute auf die Klingelknöpfe am Hauseingang drücken und dann das hohe Eingangsportal aufspringt. Wenn auch ich das Haus betreten könnte? Ich fasse mir ein Herz und beschliesse, die Nächsten, die eintreten, anzusprechen. Es sind zwei junge Männer, die zu meiner Überraschung sehr zuvorkommend reagieren und mich, als ich den Grund für mein Hiersein schildere, mit hinauf nehmen. Die Wohnung im ersten Stock habe ein Chinese gekauft und daraus eine Pension gemacht, erzählen sie mir. Und, was für ein Zufall, einer der jungen Männer ist der gerente – der Geschäftsführer. Ich darf einen Blick in jedes der zahlreichen hohen Zimmer werfen, in die Küche, in den engen Innenhof. Ich kann fast nicht fassen, dass ich so unverhofft in Almas Wohnung stehe. In Cristoforos Wohnung. Für andere Enkelkinder mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Ja, im Haus der anderen Grossmutter ging ich auch jahrelang ein und aus. Aber j etzt bin ich sprachlos und emozionata, molto emozionata.

V

Die Absätze seiner Schuhe klopften auf das Kopfsteinpflaster. Im gleichen Takt hämmerten sich die Worte in seinen Schädel: «Cristoforo, du bist krank, schwer krank. Du bist krank, …» Er kehrte von der Sprechstunde zurück. Der Hausarzt in seinem weissen Kittel hatte von esaurimento gesprochen, Erschöpfung. «E-sau-ri-men-to, e-sau-ri-men-to, …», dröhnte es in seinem Kopf, und er fürchtete, die ganze Stadt könnte die Diagnose mithören. Sein Magen war flau, seine Schritte schwer und langsam.

Dottor Venditti hatte ihm noch drei Monate gegeben. «Du musst aufhören, hörst du!»

Das war gnadenlos. Drei Monate! Dottor Vendittis Hand auf seiner Schulter war ein Hohn gewesen, keine Aufmunterung, wie er es vielleicht gemeint hatte. «Kehr zurück in die Heimat! Die Bergluft wird dir gut tun.»

Zurück in die Heimat? Cristoforo lachte auf, der Arzt hatte gut reden. Was sollte er dort? Wie sollte er sieben Kinder durchbringen? Seine Existenz in Rom aufgeben? Und wenn er trotz allem nicht genesen würde? Ein kalter Schauer raste über seinen Rücken. Die Härchen seiner Unterarme stellten sich auf. Es protestierte in ihm. Das ist nicht wahr! Das will ich nicht! Er schüttelte sich.

Die letzten Sonnenstrahlen waren die Hausfassaden hinaufgekrochen und schwanden über der Stadt, als Cristoforo am Haustor anlangte. Er legte seine Hand auf das warme Holz und lehnte seine Stirn daran. Über ihm der Türklopfer, ein grimmig blickender bronzener Teufelskopf. Ihm war schwindlig, und trotz der Hitze fror er am ganzen Körper und zitterte. Mücken sirrten um seine Ohren, ihm fehlte die Kraft, sie fortzuscheuchen. Auf einmal tauchte Anna auf in seiner Erinnerung. Wie sie sich an ihm vorbeidrückte. Ihr noch schlanker Körper an seinem ausgestreckten Arm, mit dem er ihr das Eingangstor aufhielt. Ihr Eau-de-toilette hatte nach Zitronenblüten geduftet. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Cristoforos Lippen. Er sah, wie sie lachte und davoneilte ins dunkle Innere. Am Treppenabsatz hatte er sie eingeholt, ihre Hand gestreift und war dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinaufgestürmt. Auf dem Boden des ersten Stockwerks hatte er sich mit einem beschwingten Hüpfer zu ihr hingedreht.

Und jetzt schleppte er sich hinauf, von Stufe zu Stufe. Die rechte Hand krampfte sich um den Handlauf des Treppengeländers. Er versuchte, seiner weichen Knie Herr zu werden. Nichts war mehr da von der sprühenden Kraft seiner Jugend. Von der Begeisterung von damals, im Dezember 1892, eine Woche nach seiner Hochzeit mit Anna. Mit ausgebreiteten Armen hatte er auf sie gewartet, während sie, ihre langen Röcke raffend, erwartungsvoll die letzten Stufen hinaufgestiegen war.

Das Haus war einige Jahre davor erbaut worden, mitten in den goldenen Jahren des römischen Baubooms. Es war sehr modern gewesen. Die Küche war mit einem neuartigen Holzkohleherd mit drei Kochvertiefungen und Grillgitter ausgestattet, es gab fliessendes Wasser in Küche und Bad und überall elektrisches Licht. Anna hatte gegluckst vor Freude. Voller Stolz hatte er ihr die neue Wohnung vorgeführt. Es war ja schon ein bisschen verrückt gewesen. Nach seiner Ankunft in Rom hatte er sich mit dem Einsammeln von Zigarettenstummeln für wenige centesimi über Wasser gehalten, vierzehn Jahre später hatte er sich den Kauf dieser Wohnung leisten können.

Siebzehn war er gewesen, als er das elterliche Dorf zusammen mit seinem älteren Bruder Edgardo verlassen hatte. Ohne Mittel waren sie, die beiden jüngsten von elf Geschwistern, dem euphorischen Ruf vorausgegangener Landsleute gefolgt. Froh, dass sie nicht nach Übersee hatten auswandern müssen wie die anderen Brüder. Sie waren nach Rom gereist mit der Bereitschaft, für ein besseres Leben auch ganz unten anzufangen, und mit dem unerschütterlichen Willen, es zu etwas zu bringen. Zehn Jahre später hatte das Geschäft im Erdgeschoss des Neubaus ihm und seinem Bruder gehört: Bar e liquoreria, forno e drogheria – Bar, Bäckerei und Gemischtwarenladen.

Später war die Zweigstelle in der Via Macchiavelli dazugekommen. Eisern hatte er weiter gespart, um auch die Wohnung im ersten Stock zu erwerben und sich dann in der Heimat eine Braut zu holen. Inzwischen war Edgardo mit Rosa, seiner Frau, und den Kindern ins Puschlav zurückgekehrt, und Clemente und Tiziano, die Söhne seiner Schwester Ludovica, waren ins Geschäft eingestiegen. Seit seiner Ankunft in der pulsierenden Stadt waren dreiunddreissig Jahre vergangen. Anna hatte ihm neun Kinder geboren, zwei waren viel zu früh gestorben, was ihn sehr bekümmert hatte. Romeo hatte es knapp geschafft. Die anderen waren gesund und munter. Die Kinderschar war, auch wenn sie zuweilen Nerven kostete, sein Ein und Alles. Gleich würden sich die marmocchi – die Kleinen – schreiend auf ihn stürzen, und Giacomo, Pietro und Folco würden darum ringen, seine ganze Aufmerksamkeit zu bekommen.

Cristoforo gab sich einen Ruck, als ob er seine Müdigkeit abstreifen wollte, strich über seinen Schnurrbart und trat ein, durch die mittlere Wohnungstür in die Küche. – Und alles blieb still. Ach ja, ein mattes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Wie hatte er es vergessen können! Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Die Kinder waren noch mit Nazzarena in Gavignano bei deren Familie. Würde er sie wiedersehen? Sein Magen krampfte sich zusammen.

VI

Gavignano war ein Kaff. Alma hasste den Ort. Diese Handvoll dicht aneinander, in die Höhe gebauter steinerner Häuser auf dem steil abfallenden felsigen Hügel. Zuoberst stand der stolze Turm des Baronspalastes, der alles überragte, weiter unten der weissgetünchte Turm der Pfarrkirche, noch weiter unten eine weitere Kirche am Fuss einer langen, steilen Freitreppe. Brunnen gab es keine, fliessendes Wasser schon gar nicht, nur sogenannte pozzi – Tonnen aus Blech oder Holz zum Auffangen des Regenwassers. Das Trinkwasser musste unten in der Ebene geholt werden. Die kräftigsten Frauen des Dorfes trugen es in verzinnten Kupferkrügen, die sie auf dem Kopf balancierten, den weiten Weg ins Dorf hinauf. Almas Geschwistern gefiel es in der Ciociaria, diesem ärmlichsten Provinznest südlich von Rom, in das die Eltern sie zur Hochsommerzeit mit Nazzarena, der Gouvernante, schickten. Dann, wenn in der Stadt die canicola – die Hundstage – herrschten, und man sich nur morgens und abends aus den tagsüber abgedunkelten Wohnungen hinauswagte.

Alma hingegen sehnte vom ersten Tag an den letzten herbei. Da halfen auch die Bücher, die sie hatte mitnehmen dürfen, und die Comics der Kleinen, die sie aus lauter Langeweile bereits mehrmals gelesen hatte, wenig.

Wenn zumindest sie nicht mehr hätte hierherreisen müssen! Doch mit Vater war nicht zu reden gewesen. Heftig rückte Alma den Stuhl vom Esstisch weg. Sie war aufgeregt, wenn sie daran dachte, dass sie in wenigen Tagen endlich nach Hause fahren würden. Die verstörende Beklemmung der letzten Wochen wich einer leisen Zuversicht, ja beinahe Heiterkeit. Sie wischte die Brotkrümel von ihrer weissen Bluse und dem knöchellangen braunen Arbeitsrock und zwang eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare, die sie zu einem Knoten zusammengebunden trug, in eine Haarspange. Dann packte sie den Stapel leergegessener Teller und stürzte damit aus dem Wohnzimmer in den Flur, als könnte sie, wenn sie sich nur genügend schnell bewegte, die Zeitspanne bis zur Rückfahrt verringern, und prallte unversehens mit Romeo zusammen, der mit der Früchteschale in den Händen aus der Küche kam. Ein schriller Schrei entfuhr ihr. Sie sah den Schreck in Romeos schräg stehenden, dunkelbraunen Augen. Dann klirrte und klapperte es. Teller zerbrachen auf den Steinplatten, Besteck tanzte über Scherben und Boden. Hunde bellten, Stimmen schwollen an im Wohnzimmer.

«Mannaggia, was ist los?», hörte sie Nazzarenas alten Vater poltern. «Bringt das sofort in Ordnung!»

Alma sah Irenes dunkelblonden Schopf im Türrahmen, ihr unterdrücktes Grinsen.

«Holt den Besen!» Nazzarenas Mutter, eine kleine, verbrauchte Frau, stieg unverzagt über die Scherben hinweg. «Raus mit euch, bringt ja nicht eure Flöhe in unser Haus!», verscheuchte sie die neugierigen Nachbarskinder, die von der engen, steilen Gasse her zur offenen Eingangstür hereinguckten.

Nazzarena eilte mit dem Besen herbei, ihre jüngere Schwester schickte die Kleinen energisch zurück an den Tisch.

«Ihr seid ja unruhig heute!», schimpfte Nazzarena und schaute Alma vorwurfsvoll an. Diese stand bestürzt da und hielt unbeholfen die wenigen verbliebenen Teller vor sich hin.

«Geh, Romeo!» Nazzarena schubste den Jungen vorwärts.

Alma beobachtete, wie Romeo einen Fuss nach dem anderen über die hölzerne Türschwelle hob, die Früchteschale umklammerte, vorsichtig darauf bedacht, nicht zu stolpern. Dieser krumme Körper. Sie waren im selben Jahr auf die Welt gekommen. 1894. Sie im Januar, er im Dezember.

«Hast du gehört, was ich gesagt habe?» Nazzarenas Stimme schwankte zwischen Ärger und Mitleid.

Alma löste sich aus ihrer Starre und schüttelte den Kopf.

«Trag die Teller in die Küche und bring mir den Putzlappen!»

Alma stotterte leise eine Entschuldigung und verschwand in die Küche. Nazzarenas Schwester klaubte Tellerstück um Tellerstück und Gabeln und Messer vom Boden auf, Nazzarena wischte den Rest zusammen.

Alma stellte die Teller ab. Sie musste sich setzen. Ihre Beine zitterten. Sie sah sich und Romeo, als sie noch klein waren, wie sie beide, ein Herz und eine Seele, mit ihren Stoffpuppen spielten, auf dem hölzernen Schaukelpferd wild hin- und herwippten oder mit einem Tuch um die Schultern als Verkleidung durch die Wohnung rannten, über die Treppe hinunter in den forno, durch die Bar und den Innenhof. Jemand hatte immer mitgespielt. Der Buchhalter, einer der Bäcker oder der Kellner hatte den Unbeholfenen gemimt und war ihnen hinterhergetapst. Und sie, aufgeregt kichernd, hatten sich auf und davon gemacht. Alma lächelte unwillkürlich.

Auch auf die Dachterrasse ihres Wohnblocks hatten sie sich geschlichen, in den sechsten Stock hinauf, obwohl es ihnen strengstens verboten war. Und immer noch haute Romeo gern ab. Meistens besuchte er den Pferdefuhrhalter an der Porta San Giovanni, jenseits der Aurelianischen Mauern. Wie strahlte er dann vor Stolz, wenn man ihn mit der Kutsche nach Hause zurückfuhr!

Nur vage konnte sich Alma an den Tag erinnern, als man Romeo notfallmässig ins Spital gebracht hatte. Mutter, die sonst nicht aus der Ruhe zu bringen war, hatte wie eine Furie reagiert und niemanden ins Zimmer gelassen. Der Bruder hatte mit hohem Fieber im Bett gelegen, unter Halluzinationen und Krämpfen gelitten, geweint und geweint und bei jeder Berührung aufgeschrien. Bis man ihn geholt hatte. Und dann, aus dem Spital, hatten sie die Diagnose bekommen: Meningitis. Alma hatte sich darunter nichts vorstellen können. Aber Romeo war von da an nicht mehr derselbe gewesen. Er war kaum mehr gewachsen und hatte sich nur noch langsam entwickelt. Obwohl beinahe siebzehn Jahre alt, hatte er den Körper eines Kindes und war nicht grösser als der elfjährige Attilio. In der Sonderschule an der Piazza Pepe hatte er ein bisschen Lesen und Schreiben gelernt.

Wieder Nazzarenas Stimme. Alma tat einen tiefen Seufzer, stand auf, nahm den Putzlappen und brachte ihn Nazzarena. Dann machte sie sich ans Abwaschen. Sie goss das verbliebene Wasser, das im Kessel auf dem Holzherd dampfte, in das Waschbecken. Irene, Nazzarena und ihre Schwester halfen mit, die Küche aufzuräumen. Folco fütterte die Katzen. Später schaute Alma zu, wie die Buben und Nazzarenas Brüder die störrischen Ziegen, die sie vom Feld ins Dorf geholt hatten, die enge, steil abfallende Gasse zwischen ihrem und dem Nachbarshaus hinuntertrieben. Zusammen mit den beiden Eseln wurden sie in den Stall gebracht, der sich ein Stockwerk unter dem Wohnzimmer befand. Nazzarenas Familie lebte kärglich von den Tieren, etwas Getreide- und Gemüseanbau und dem Lohn ihrer Brüder, die in Weinbergen und Olivenhainen arbeiteten. Die Schwestern, die nicht in die Stadt gezogen waren, verrichteten Ammendienste, solange sie konnten, und verarbeiteten, Abend für Abend, Stroh, Seide und Wolle. Nazzarenas Mutter schloss die Gehege der Hühner und Gänse. Darüber breiteten sich die Äste des Wacholderstrauchs aus, der sich gegen den dunkelblau leuchtenden Himmel abhob wie ein klappriges, dorniges Gerippe.

Auf den umliegenden Hügeln hockten wie Kappen andere kleine Dörfer. Der Klang der Kirchenglocken breitete sich über die Campagna aus. Der Ruf zum Angelus Domini.

Bevor sie ins Bett geschickt wurden, durften die Kinder im Wohnzimmer noch etwas spielen. Alma und Romeo sassen am Tisch und setzten das abgewetzte Puzzle mit den Pferden zusammen. Am Hauseingang waren die Silhouetten von Nazzarenas Vater und Brüder erkennbar. Sie rauchten Pfeife, ihre Hände waren wie Pranken.

Alma sehnte sich nach Rom. Sie vermisste ihre Freundinnen und war froh, dass der September angebrochen war. Es war höchste Zeit zurückzukehren.

Romeo suchte eifrig nach Puzzleteilen. Alma spürte, dass er glücklich war. Hier in Gavignano tollte er stundenlang mit dem Hund von Nazzarenas Vater herum. Mit den anderen Kindern zog er umher, besuchte die Esel oder Ziegen auf den Weiden, rannte fasziniert den Hühnern und Schmetterlingen nach. Hier passierte es nie, dass er ganz still wurde und in sich versank wie zu Hause, wenn seine Brüder von ihren Erlebnissen in der Schule erzählten und jeder versuchte, lauter und origineller zu sein als der andere. Wenn Traurigkeit in seinen Augen aufflackerte und Alma seinen Schmerz darüber erahnte, dass er anders war, dass für ihn vieles nicht möglich war. Das waren die Momente, in denen sie wusste: Jetzt brauchte er ein Zeichen, dass er dazugehörte, die Gewissheit, dass sie da war. Nur für ihn.

VII

Alma und ihre Geschwister schliefen in einer der beiden Dachkammern. Diese waren über eine schiefe Steintreppe an der Aussenmauer des Hauses erreichbar, genauso wie das Klohäuschen am Ende des Holzstegs über dem Miststock. Alma erwachte viel zu früh, noch vor dem Ave Maria. Sie hörte die Esel schreien. Vogelgezwitscher. Dann Ruhe. Diese lähmende Stille. Erst das Meckern der Ziegen und das Schreien der Ziegenhirten beruhigten sie.

Es war Sonntag, und Alma, Irene und ihre Brüder waren mit Nazzarena, deren Eltern und Geschwistern und deren Familien auf dem Weg zum Gottesdienst. Alle drehten die Köpfe nach ihnen. Auch das konnte Alma nicht ausstehen. Dieses schreckliche Schaulaufen!

Frauen und Männer in ärmlicher Sonntagskleidung strömten zur Kirche. Die älteren Frauen in Schwarz mit Kopftuch, die jüngeren in langen Röcken und mit selbstgestrickten Umhängen über den Schultern. Die Männer in Gilet, Krawatte und Zylinder. Die wenigsten trugen die in der Stadt in Mode gekommene Melone.

Alma hatte ihr neues Kleid an. Es war aus weichem Baumwollstoff mit rot-schwarzem Karomuster und Bordüren aus schwarzem Samt. Mutter hatte es beim Schneider bestellt, weil sie, die älteste, hochgeschossen in den letzten Jahren, nichts Anständiges mehr anzuziehen gehabt hatte. In Rom gefiel sie sich darin, hier aber war ihr, als fiele sie aus dem Rahmen, was ihr gar nicht behagte. Alma schaute weder nach rechts noch nach links, als sie die Kirche betraten, sondern starr auf den Boden. Sie schloss dicht zu Nazzarena auf, hielt Rücken und Schultern gerade, so wie sie es von den Nonnen gelernt hatte, und kniff die Lippen zusammen. Nur nicht die Zähne zeigen, die hervorstehenden. Die neugierigen Blicke der jungen ciociari waren ihr unangenehm, und sie wagte erst wieder aufzuschauen, als sie sich in eine Kirchenbank gesetzt hatten. Ihr war heiss trotz der Kühle im Kircheninneren. Verunsichert wandte sie sich zu Pietro, der neben ihr sass, und nestelte an seinem Hemdkragen herum. Der Bruder wehrte sich sofort heftig.

Endlich! Die Kirchenorgel mit dem Eröffnungsstück. Don Innocenzo und die Messdiener erschienen, das Schwatzen verstummte und die Blicke der Gläubigen richteten sich nach vorn. Weihrauch strömte vom Altarraum in den bis auf den letzten Platz besetzten Kirchenraum.

Die Messe begann, und Alma versank in Gedanken. Sie malte sich die Rückkehr nach Rom aus. Am nächsten Tag würde das ganze Haus sauber gemacht, Vorräte würden bereitgestellt, die Sachen gepackt. Der blecherne Bottich, der neben dem Miststock stand und Regenwasser auffing, auf dessen Rand die Vögel frühmorgens fröhlich zwitschernd hin- und herhüpften, würde in die Küche gebracht. Mit warmem Seifenwasser würden sie den ganzen Staub und Dreck des Sommers abschrubben, bis ihre Haut rosig glänzte. Zuerst die Buben, dann sie und ihre Schwester.

Dann all die Leute, die kommen würden. Die ganze Verwandtschaft von Nazzarena, ihre Freundinnen, die Nachbarn und viele Bekannte. Das halbe Dorf. Die älteren Frauen würden die widerstrebenden Kleinen an die üppige Brust drücken, alle würden ihnen eine gute Heimreise wünschen und hoffen, dass sie das nächste Jahr wieder kommen würden.

Nur das nicht! Nächstes Jahr würde sie sich entschlossener dagegen wehren, aufs Land abgeschoben zu werden, schwor sich Alma. Am Tag darauf, morgens in aller Frühe, würden sie mit der klapprigen Kutsche ins Tal hinunterrattern, den Omnibus besteigen und später mit dem Zug in die Stadt zurückfahren. Sie freute sich auf den Moment, wenn sie in die Stazione Termini einfahren, mit der Kutsche die Piazza Santa Maria Maggiore überqueren und dann endlich in die Via Merulana einbiegen würden. Bei dieser Vorstellung kräuselten sich Almas Nackenhaare, und ein Strahlen huschte über ihr Gesicht.

Nach der Messe verliessen die Frauen die Pfarrkirche und eilten nach Hause an den Herd. Die Männer suchten die nächste Bar auf, bestellten Kaffee und Wein und begannen zu debattieren.

VIII

Unkundig und uferlos beginne ich mit den Recherchen. Beharrlich lese ich mich durch historische Sachbücher und Reiseberichte, Stadtführer und Enzyklopädien. Im Antiquariat finde ich ein rotes Büchlein, das zu meiner Rom-Bibel wird: «Baedekers Handbuch für Reisende, Mittelitalien und Rom, Jahrgang 1908, mit Stadtplan und Strassenbahnplan.» Fasziniert lerne ich die Stadt kennen, in- und auswendig. Ich lebe in ihr! Zumindest auf dem Papier und so weit, als sie noch nicht über den Ring der Aurelianischen Stadtmauern hinausgewachsen ist. Ich lese Werke von Schriftstellerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und versuche, dem Denken, den gesellschaftlichen Normen und dem Lebensgefühl jener Zeit auf die Spur zu kommen. Neugierig sammle ich Familienfotos und nehme sie unter die Lupe. Ich entdecke die Gedichtbände von Pietro und Attilio und erfahre, dass Pietro, der Zurückgekehrte, zeitlebens die Berge besang, und Attilio, der Zurückgebliebene, sich stets nach der Familie als Hort der Wärme und Geborgenheit sehnte.

Trotz meiner akribischen Suche bleiben viele Fragen offen, und oft wünsche ich mir, ich könnte mich in jene Zeit hineinversetzen, ein Zeitfenster aufstossen und einen Blick erhaschen vom damaligen Leben in der Via Merulana.

IX

Alma lag im Bett und konnte nicht einschlafen. Sie betrachtete die Muster, die das Licht der Strassenlampe durch die Ritzen der Fensterläden an die Blümchentapete zeichnete. Sie hörte den Lärm der Bar durch das geöffnete Fenster und den leichten Atem ihrer Schwester von der anderen Seite des Zimmers her. Die Ankunft in Rom hatte sie sich anders vorgestellt. Den Vater nach einem Monat wiederzusehen, war ein Schock gewesen. Er war dünn geworden, und sein Gesicht war eingefallen. Zwar hatte auch er sich gefreut über das Wiedersehen und hatte die Kleinen in die Arme geschlossen. Doch nur kurz, dann hatte er sie alle ganz nervös aus dem forno und in die Wohnung hinaufgeschickt. Mutter war ihnen entgegengekommen. Sie hatte wenig gesagt und Tränen in den Augen gehabt. Irgendetwas war nicht in Ordnung.

Als Mammà sie an den Tisch gerufen hatte und die Kleinen mit lautem Gelächter aus dem Bubenzimmer gerannt waren, dann aber in die andere Richtung, in den hinteren Trakt der Wohnung, war Vater aus dem Badezimmer gestürzt und hatte zu schimpfen begonnen.

Noch nie war Alma seine Stimme so schrill vorgekommen. Er hatte die Kleinen, einen nach dem anderen, an den Ohren gezogen und sie dann am Angestelltenzimmer und an der engen wohnungsinternen Treppe, die direkt zur Backstube hinunterführte, vorbei durch die eine Wohnungstür ins Treppenhaus und von da durch die gegenüberliegende Wohnungstür wieder in den Flur in Richtung Esszimmer dirigiert.

Wimmernd hatten Pietro und Folco mit der Hand an ihr Ohr gefasst, Giacomo war weinend zur Mutter geflohen. Wieso Vater auch noch mit dem Stock gedroht hatte, konnte Alma nicht begreifen. Doch alle hatten sich sofort mucksmäuschenstill an den Tisch gesetzt, hatten das Tischgebet nachgemurmelt, das der Vater mit kurzatmiger Stimme vorgesprochen hatte, und hatten schweigend gegessen. Alma hätte beinahe gelacht, aber die Lage schien todernst.

«Ist schon gut», hatte er gebrummt, als er die erschrockenen Mienen bemerkt hatte, als hätte es ihm leid getan.

Das war nicht ihr Vater. Er war immer streng gewesen, aber nie jähzornig. Er konnte nachsichtig sein und auch lustig. Nun hatte er die Nerven verloren wegen nichts!

Finster hatte er da gesessen und einige maccheroni und etwas Gemüse hinuntergewürgt. Immer wieder hatte er unruhig hin- und hergeblickt, mit Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Hastig hatte er sein Weinglas geleert und die Früchte stehen gelassen, was er sonst nie tat, und war aufgestanden. «Ich muss den Hefeteig vorbereiten.»

«Bleib nicht zu lange», hatte ihm Anna hinterhergerufen, vorwurfsvoll, weil alle noch am Essen waren, und gleichzeitig beunruhigt. Die Kinder hatten aufgeatmet und sich verstohlen angeschaut. Kaum war Vater weg gewesen, hatten sie zu erzählen begonnen.

Alma seufzte, drehte sich zur Wand und versuchte, zu schlafen. Ihr war heiss und die Sorge um den Vater schnürte ihr die Kehle zu. Vater sei sehr krank, hatte Mutter ihr beim Aufräumen in der Küche gesagt. Und auf ihre Frage, was denn los sei, hatte sie erwähnt, dass der Arzt von drei Monaten gesprochen habe.

Drei Monate wofür?

Drei Monate zu leben!

September, Oktober, November. Und dann? Dann sollte er nicht mehr da sein? Die Familie allein, ohne ihn? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Und was würde aus dem Geschäft?

Sie würden zurückkehren in die Heimat, hatte Vater ihnen erklärt, als er von der Backstube zurück im salottino, dem Eckzimmer im vorderen Bereich der Wohnung, vorbeigeschaut hatte, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen. Er müsse! Das sage der Arzt.

Vielleicht will er auch, ging es Alma durch den Kopf.

Nur vorübergehend, hatte er beschwichtigt, als sie ihn entsetzt angeschaut hatte. Der rigorose Ton in seiner Stimme hatte weitere Fragen vom Tisch gewischt. Einige Monate in den Bergen würden ihm gut tun, hatte er beigefügt, als er hinausging.

Ob er damit sich selbst hatte Mut machen wollen? Zuversicht hätte anders getönt, fand Alma besorgt.

Wie gelähmt hatte sie dagesessen, während Attilio mit Begeisterung reagiert und die Kleinen damit angesteckt hatte. Er hatte einmal ein ganzes Schuljahr im Puschlav verbracht und schwärmte noch immer von jener Zeit voller Abenteuer, in der er viele neue Freunde gewonnen hatte.

Sie würde lieber bleiben, hatte Mutter zu Alma bemerkt, als die Kleinen im Bett waren. Sie hatte vage von einer Wohnung in San Saba gesprochen, auf dem Aventin.

Alma wollte auf jeden Fall bleiben. Die Wochen in Gavignano reichten ihr. Allein den Gedanken, die Stadt und mit ihr auch ihre Freundinnen zu verlassen und künftig in einem Bergdorf zu leben, fand sie unerträglich. Das konnte nicht sein! Doch je mehr sie versuchte, ihn zu verscheuchen, desto bedrängender wurde er. Sie betete darum, dass Vater so bald wie möglich gesund würde und dass alles nur ein böser Traum sei. Sie nahm sich vor, noch gehorsamer und fleissiger zu sein. Auf jeden Fall musste sie Rachele sehen und ihr alles erzählen.

Ein frischer Luftzug strich vom Fenster her über Alma hinweg. Schemenhaft sah sie die Umrisse des Waschkrugs auf der Kommode am Ende des Bettes. Sie schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

X

Cristoforo stand auf einer hohen Brücke, die Sonne stach, ihm schwindelte, er hörte jemanden von einem Mörder sprechen, Sturmglocken läuteten, ihm wurde wärmer und wärmer. Schweiss brach aus, er schreckte auf, streckte die Hand aus und brachte den Wecker auf seinem Nachttisch zum Schweigen. Sein Herz klopfte heftig. Es war ein Uhr morgens. Das Monster mit dem Feuermaul verwandelte sich in die Madonnenstatue mit dem Kerzenstummel, die zwischen dem Fenster und der Durchgangstür zum salottino stand. Er strampelte das Bettlaken von seinem Körper und streckte Arme und Beine von sich. Er hatte kaum geschlafen und fühlte sich zerschlagen. Wie immer in den letzten Wochen. Die ganze Nacht hatte er sich verzweifelt hin- und hergewälzt, und jetzt war ihm, als sei er eben erst zu Bett gegangen. Kaum war er wieder halbwegs bei Sinnen, brach die ganze Bedrohung der vergangenen Tage wieder über ihn herein. Ah, der Arzt! Er schauderte. «E-sau-ri-men-to. Aufhören. Zurückkehren. Basta!», hörte er dessen feste Stimme. «Sonst bist du in drei Monaten tot.»

Tot, tot, echote es in seinem Kopf. Nein, es ist zu früh zum Sterben, versuchte er, schwach und voller Angst, dem Echo entgegenzuhalten. Zitternd quälte er sich aus dem Bett und zog sich an.

Anna drehte sich vom Rücken auf die Seite und murmelte etwas im Schlaf.

Sie ist gut gebaut und von robuster Gesundheit, dachte Cristoforo mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung. Über dem Bett hing das holzgerahmte Hochzeitsfoto. Er war einunddreissig gewesen, Anna dreiundzwanzig. So jung damals! Er dachte an Alfredino, der mit eineinhalb Jahren viel zu früh gestorben war, an die kleine, süsse Amelia, auch sie, mit drei Jahren gegangen vor ihrer Zeit. Seither war das schüttere Haar an seinen Schläfen grau und die Stirn kahl.

Aber seine Anna war stark. Unermüdlich erledigte sie die endlose Hausarbeit, kümmerte sich liebevoll um die Erziehung der Kinder und half klaglos im Laden mit. Sie war gutmütig mit allen und umgänglich mit den Kunden. Selten wurde sie laut, nur dann, wenn jemand sie übers Ohr hauen wollte oder wenn die Kinder vor lauter Übermut gar nicht mehr gehorchten.

Traurig wandte sich Cristoforo ab. Er war müde. Müde in Kopf und Körper. Leise verliess er das Zimmer und schleppte sich in die Backstube hinunter, wo die Bäcker bereits mit der Arbeit begonnen hatten.

Als es dämmerte, strömten die Händler und die Bauern in die Grossstadt. Sie kamen von den Dörfern und den landwirtschaftlichen Gehöften ausserhalb der Stadtmauern. Auf den von Pferden gezogenen Gefährten stapelten sich Kisten und Körbe mit Gemüse und Früchten, Fisch- und Fleischwaren. Obenauf duftende Blumensträusse in allen Farben. Es begann mit dem Rattern der Karren auf der gepflästerten Strasse, dem Widerhall der Hufe zwischen den Häuserfassaden und den ersten Morgengrüssen, die bald in ein fröhliches Stimmengewirr übergingen. Die frühmorgendliche, fast heilige Stille verwandelte sich unversehens in das laute hektische Treiben der Marktfahrer.

In Cristoforos forno wurden die Brote der ersten Ofenbleche auf fahrbaren Kisten in den Laden gebracht, während einer der Kellner in der Bar nebenan die saracinesche – die Rollgitter – hinaufschob. Tiziano füllte die Regale, Cristoforo und der Verkäufer hetzten zwischen Ladentisch und Regal hin und her, streckten sich zu den obersten Tablaren und duckten sich zu den Körben am Boden. Pagnotte und pagnottelle, sfilatini, ciriole und cuscinetti, marchigiani und napoletani. Nach allem wurde verlangt. Clemente sass an der Kasse, auf einem Podest neben einer der drei weit geöffneten Flügeltüren, und tippte ununterbrochen. In der heissen Backstube arbeiteten die Bäcker mit Hochdruck, alle mit entblössten Oberkörpern. Sie brüllten und fluchten, während der Duft der frisch gebackenen Brotwaren auf die Strasse hinausströmte und auch Unschlüssige und Verspätete herbeilockte.

Nach diesem ersten Ansturm lehnte sich Cristoforo an den Türrahmen, sog die morgendlich kühle Luft ein und zündete eine Zigarette an. Es würde die einzige bleiben, nahm er sich vor, hatte ihm doch Dottor Venditti das Rauchen strikt verboten. Er rief den Zeitungsausläufer der Frühschicht herbei und wechselte einige Worte mit Vorbeigehenden. Immer wieder zwirbelte er seinen Schnurrbart nach oben. Sorgen und Beschwerden waren vorübergehend vergessen.

Später füllte Cristoforo ein Stoffbündel mit Brot. Wenn manchmal maritozzi übrigblieben, die weichen, mit Rosinen und Orangenschalenstückchen versehenen Brötchen, mit Rahm gefüllt und Zucker bestäubt, nahm er sie mit in die Wohnung, dann freuten sich die Kinder ganz besonders. Der lange Tisch im Esszimmer war gedeckt, Nazzarena hatte dampfenden Kaffee, Milch und heissen Kakao aufgetischt.