Notruf Deichklinik

Küstenherzen

Edna Schuchardt


ISBN: 978-3-95573-877-8
1. Auflage 2018, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2018 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

1. Kapitel

 

Die Sanitäter schoben im Laufschritt die fahrbare Liege aus der überdachten Anfahrtszone in die Notaufnahme. Auf dem Gang kam ihnen Dr. Sarah Zimmermann entgegen, die eilig die Notfallbögen aufnahm, die am Fußende der Liege lagen.

„Ich übernehme“, sagte sie dabei, den Blick auf die Einträge gerichtet. „Was liegt an?“

„Verdacht auf starke gastrointestinale Blutungen“, gab der Rettungssanitäter Auskunft. „Wann sie einsetzten, ist nicht bekannt. Die Eltern der Patientin fanden sie bewusstlos im Badezimmer. Weitere Angaben konnten sie nicht machen, außer, dass die Patientin seit dem vergangenen Jahr stark an Gewicht verloren hat.“

„Seit dem vergangenen Jahr?“ Dr. Zimmermann runzelte die Stirn. „Okay, sofort in den Schockraum.“

Der Schockraum war mit zum Teil mobilen Diagnoseapparaten ausgerüstet, sodass dort alle wichtigen Untersuchungen und sogar kleinere Eingriffe durchgeführt werden konnten. Für große OPs standen zwei modernst ausgestattete Operationssäle zur Verfügung, denen der Aufwachraum und die Intensivstation angeschlossen waren.

Die Patientin wurde auf eine der Untersuchungsliegen umgebettet. Hier standen bereits zwei Schwestern bereit, die der Ärztin assistieren sollten, die zwar umgehend mit ihrer Untersuchung begann, aber eine der Schwestern beauftragte, Dr. Luise Friedrich von der internistischen Station hinzuzurufen.

„Die Patientin sollte auf jeden Fall auf Mangelerscheinungen untersucht werden“, meinte diese, nachdem Dr. Zimmermann sie kurz über die Symptome und ersten Ergebnisse der Voruntersuchung informiert hatte. Anschließend wandte sich Dr. Friedrich direkt an die junge Frau, die inzwischen ansprechbar war. „Wann haben Sie das letzte Mal etwas gegessen?“

„Gestern Abend“, antwortete diese rasch, zu rasch für das Empfinden der beiden Ärztinnen.

„Aha, und was?“, forschte Dr. Friedrich weiter.

„Ein Brötchen.“

„Mit?“

„Käse.“ Die junge Frau schloss erschöpft die Augen. „Goudakäse, glaube ich.“

„Wir bringen Sie jetzt erst einmal zum Ultraschall“, setzte Dr. Friedrich sie in Kenntnis, ohne auf die Antwort einzugehen. „Wir müssen die Blutung lokalisieren, um sie dann stoppen zu können.“

Die Patientin nickte eine schwache Zustimmung. Sie war tatsächlich erschreckend mager, ihre Haut spannte sich wie dünnes Pergament über die Knochen, die überall spitz hervorstachen. Ihr Teint zeigte eine ungesunde Graufärbung, die Dr. Zimmermann momentan die größten Sorgen bereitete, war es doch ein Anzeichen dafür, dass die Frau bereits viel Blut verloren hatte. Doch bevor Sarah ihre Gedanken aussprechen konnte, ordnete Dr. Friedrich schon eine rasche Laboranalyse an, bei der als Wichtigstes der Hämoglobinspiegel gemessen werden sollte.

Die Blutgruppe war bereits im RTW festgestellt worden, dafür befand sich an Bord eines jeden Wagens ein Minilabor, in dem Sedimentanalysen durchgeführt werden konnten. Damit wurde wichtige Zeit eingespart, die den Ärzten im Krankenhaus dann ein schnelleres Eingreifen ermöglichte.

„Ich vermute, dass es sich um das Mallory-Weiss-Syndrom handelt“, verriet Dr. Friedrich, als die wichtigsten Proben genommen waren und Transfusionen liefen. Gerade hatte ein Pfleger die Patientin in die bildgebende Abteilung gebracht.

Dr. Zimmermann nickte zustimmend. Auch sie vermutete, dass die junge Frau magersüchtig war. Magenblutungen waren eine der häufigsten Folgen einer Bulimie, da in der Magenschleimhaut durch das häufige Erbrechen Risse entstanden. Es war hier nicht nur wichtig, die augenscheinlichen Symptome zu behandeln, sondern das gesamte Krankheitsbild zu erkennen und zu therapieren, wozu auch eine Erfassung seelischer Probleme und anschließende psychotherapeutische Behandlung zählten. Die große Frage war, ob die Patientin dazu bereit sein würde.

Auf dem Gang entstand ein Tumult, der nicht nur die beiden Ärztinnen aufhorchen ließ.

„Ich will sofort zu meiner Freundin!“, forderte eine erregte Männerstimme. „Lassen Sie mich zu ihr, verdammt!“

Ein Pfleger versuchte, in ruhigem Ton auf den Mann einzuwirken, doch der ließ sich nicht beruhigen. Aus den Geräuschen, die jetzt in den Schockraum drangen, war zu schließen, dass da draußen gerade eine massive Rangelei stattfand. Kurz entschlossen verließ Dr. Zimmermann den Notfallraum und trat auf den Gang hinaus, auf dem gerade zwei Pfleger versuchten, einen jungen Mann davon abzuhalten, den Schockraum zu stürmen. Er wehrte sich nach Kräften, schlug und trat um sich, wobei er die Pfleger auch noch mit den unflätigsten Schimpfwörtern bedachte.

Die Chancen, den Kampf zu gewinnen, standen für Letztere schlecht. Der Typ war muskelbepackt wie Conan der Barbar und leider waren diese Muskeln nicht nur Show, sondern mit Schlagkraft gefüllt, weshalb es dem Protz auch immer wieder gelang, sich zu befreien. Sarahs empörter Ausruf „Was ist hier los?“ ließ ihn allerdings in seinem Tun kurz innehalten. Die beiden Pfleger wie Hähnchen am Hals festhaltend, blickte er die Ärztin verwirrt an, dann kam er mit zwei, drei Riesenschritten auf sie zu, wobei er die beiden Pfleger wie Stoffpuppen mitschleifte.

„Ich will sofort zu meiner Freundin!“, schrie er Sarah an, die ihm mit entschlossenem Gesichtsausdruck und in die Seiten gestemmten Händen den Zugang zum Schockraum verwehrte.

„Erstens wird hier nicht herumgeschrien“, machte sie ihm in ruhigem Ton klar. „Und zweitens müsste ich erst einmal wissen, wie Ihre Freundin heißt.“

„Lisa“, schnaubte der Muskelmann, die Pfleger immer noch im Würgegriff. „Lisa Herscheid.“

„Aha.“ Sarah wusste Bescheid. Sie hatte die junge Dame gerade in die bildgebende Diagnostik geschickt. „Frau Herscheid wurde als Notfall eingeliefert und wird gerade untersucht. Sie müssen sich gedulden, bis …“

„Nichts werde ich!“, brüllte der Stier los, Röte schoss ihm ins Gesicht. „Ich will sofort zu ihr.“ Die beiden Pfleger von sich stoßen und Sarah am Ausschnitt ihres Leinenkasacks packen war eine Bewegung. „Bring mich zu ihr, Schlampe, sofort!“

Für Sarah kam der Angriff so überraschend, dass sie im ersten Moment nicht reagieren konnte. Fassungslos starrte sie in das zornesrote Gesicht des Mannes. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, in seinen Augen loderte pure Zerstörungslust. Seltsamerweise versetzte Sarah dieser Anblick jedoch nicht in Panik. Im Gegenteil, sie wurde ganz ruhig.

„Sie werden mich jetzt sofort loslassen.“ Ihre Stimme war leise, hatte aber einen zwingenden Ton. „Haben Sie mich verstanden? Lassen Sie mich los.“

Leider schien das Hirnvolumen des Protzes nicht mit dem seiner Muskeln einherzugehen.

„Ich will zu meiner Freundin!“, blökte er aufgebracht. „Sofort! Sie muss hier raus. Ich weiß besser als ihr verdammten Klugscheißer, was ihr fehlt und was sie braucht.“

„Ach, Sie sind Arzt?“, rutschte es Sarah heraus. Im nächsten Augenblick hätte sie sich am liebsten selber in den Allerwertesten getreten. Wieso konnte sie nicht den Mund halten!?!

„Halt’s Maul!“, kreischte der Wutmensch denn auch sofort und zog Sarah noch ein Stückchen näher zu sich heran. „Du bringst mich …“

Der Rest ging in seltsamen Glucks-, Quietsch- und Stöhnlauten unter, während sich der Muskelmann mit Tränen in den Augen krümmte. Kein Wunder, denn Sarah hatte ihm ihr rechtes Knie mit solch zorniger Energie zwischen die Beine gestoßen, dass er sofort kampfunfähig zu Boden ging. Die Polizisten, die indessen eingetroffen waren, konnten ihn dadurch leicht bändigen. Zu viert schafften sie es, ihm Handschellen anzulegen und ihn aus der Notaufnahme zu schleifen.

Sarah wartete die Kommentare des Pflegepersonals, das die Szene entsetzt beobachtet hatte, nicht ab, sondern kehrte in den Schockraum zurück, wo schon der nächste Patient auf rasche Hilfe wartete. Die Ärzte in der Notaufnahme waren eigentlich immer im Stress. Da blieb keine Zeit, sich zu beruhigen und solche Erlebnisse wie eben aufzuarbeiten. Zumal sich diese und andere Vorfälle in den letzten Jahren häuften. Die Menschen waren ungeduldiger, egoistischer und aggressiver geworden. Warum, wusste niemand zu sagen. Aber fast alle hier im Rettungsdienst, in der Pflege, bei der Feuerwehr oder bei der Polizei waren schon einmal angegriffen und/oder beschimpft worden. Ganz zu schweigen von den Fakeanrufen, die beileibe nicht nur von Jugendlichen oder Kindern verübt wurden.

Wahrscheinlich wird sich das erst ändern, wenn niemand mehr in den Rettungsdienst, zur Polizei und Feuerwehr gehen will, überlegte Dr. Zimmermann und nahm von Dr. Wagner den Notfallbogen des ihr zugeteilten Patienten entgegen. Sekunden später war sie wieder ganz auf ihre Arbeit konzentriert.

2. Kapitel

 

Dr. Werner Kowalsky war so darauf konzentriert, ja kein Geräusch zu verursachen, dass er glatt über den Schirmständer stolperte. Der fiel natürlich um und da er aus Blech gearbeitet war, tönte das Scheppern durchs ganze Haus bis in die Einliegerwohnung seiner Schwiegermutter. Darüber, dass sie es eventuell nicht gehört hatte, machte Werner sich keine Illusionen. Die Alte hatte Ohren wie ein Luchs.

Okay, wat mutt, dat mutt, wappnete Werner sich innerlich gegen den Ansturm von Fragen und Vorwürfen, die sicherlich gleich über ihn hereinbrechen würden. Und richtig, im oberen Stockwerk wurde eine Tür geöffnet, dann tappten nackte Füße über den Boden.

„Werner, bist du es?“ Valeries Stimme klang ängstlich. „Scha-hatz?“

Werner holte tief Luft, bevor er antwortete: „Ja, Liebling, ich bin es.“ Er legte dunkle Wärme in seinen Ton, in der Hoffnung, so seine Frau beruhigen zu können. „Schlaf weiter, Liebling. Es ist erst fünf Uhr.“

Stille folgte seinen Worten. Schon begann Werner zu glauben, dass seine Frau tatsächlich seinem Rat gefolgt war, da ertönten erneut Schritte auf der Treppe. Gleich darauf stand sie vor ihm, das Haar zerstruwwelt, die Wangen vom Schlaf sanft gerötet. Unter dem hauchdünnen Nachthemd schimmerte ihre makellose Haut und ließ die sexy Rundungen erahnen, die sich unter dem hauchdünnen Stoff verbargen.

„Ich wurde in der Klinik aufgehalten“, log Werner, wie er es immer tat. „Ein Notfall, weißt du, und dazu noch sehr kompliziert.“

Valerie musterte ihn mit einem Blick, in dem sich Trauer und Enttäuschung spiegelten, die sie in diesem Moment empfand. Nein, Valerie war längst nicht mehr das naive, blindverliebte Mäuschen, das ihm jede noch so fadenscheinige Lüge glaubte. Nach zehn Jahren voller Tränen, Versprechungen, heftigen Streitereien und unzähligen Schwüren, sich zu ändern, hatte die Realität ihre romantischen Träume vertrieben.

Längst war Valerie klar, dass ihr Mann von einem Teufel besessen war, der ihn fest in seinen Klauen hielt. Werner fehlte schlicht die Kraft, sich diesem Dämon zu widersetzen, und es war inzwischen nur noch eine Frage der Zeit, wann ihn und letztlich auch sie dieser Teufel endgültig ins Verderben gerissen haben würde.

„Dann bist du sicherlich sehr müde“, vermutete Valerie, es klang resigniert. „Willst du etwas essen?“

„Nein, danke.“ Werner schüttelte den Kopf. Sein unsteter Blick, die fahrigen Bewegungen verrieten Valerie, dass ihn die Glücksgötter auch dieses Mal im Stich gelassen hatten. Sie mochte gar nicht wissen, wie viel Geld er in der heutigen Nacht verloren hatte. Inzwischen rechnete sie jeden Tag damit, dass der Gerichtsvollzieher vor der Haustür stand. „Ich will nur kurz unter die Dusche und mich umziehen, dann muss ich wieder in die Klinik.“

„Wie du meinst.“ Valerie wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und sah zu ihm zurück. „Fahr vorsichtig.“

„Aber natürlich.“ Werner lächelte sie beruhigend an. „Leg dich nur wieder hin und schlafe noch ein bisschen.“ Er zog sie an sich und küsste sie auf die Lippen. „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch“, murmelte Valerie. Mit sanfter Gewalt schob sie ihren Gatten von sich, drehte sich um und verließ das Wohnzimmer.

An Schlaf war jetzt allerdings nicht mehr zu denken. Hellwach lag sie im Bett und lauschte auf die Geräusche im Haus. Leise Schritte auf der Treppe, Wasserrauschen, leise Musik, Türenklappen und schließlich das Brummen eines Motors, das sich im Irgendwo auflöste. Dann durchzog der Duft frisch aufgebrühten Kaffees das Haus, was bedeutete, dass Valeries Mutter aufgestanden war.

Wie lange würden sie wohl noch alle zusammen in diesem Haus leben können? Wann würden die ersten Gläubiger ihr Geld zurückhaben wollen? Ach, wenn Werner doch nur von seiner Sucht loskäme! Aber jeder Versuch, auf ihn einzuwirken, scheiterte an seiner strikten Verleugnung. Dabei war er doch kein Dummkopf! Er musste wissen, dass Valerie längst sein unseliges Geheimnis kannte. Aber er leugnete hartnäckig die Tatsache, dass er wieder und wieder die Spielhallen zwischen Leer und Wilhelmshaven aufsuchte oder an einem der illegalen Roulette- oder Pokertische saß, die hinter gutbürgerlichen Fassaden standen. In letzteren Etablissements wurde um hohe Summen gespielt, die jeden normalen Menschen zum Rückzug veranlassen würden. Doch Werner war von der irren Hoffnung erfüllt, diesmal den ganz großen Wurf zu landen, und es gab nichts, das ihn von dieser Sucht abhalten konnte.

Auch nicht die Angst, eines Tages alles zu verlieren.

 

3. Kapitel

 

„Und, er war wieder die ganze Nacht weg, nicht wahr?“ Das war eigentlich gar keine Frage, sondern eine Feststellung, die Rita Stettner mit gelassener Überzeugung aussprach. „Ich frage mich wirklich, wie er es immer wieder schafft, das Geld für seine Sucht zusammenzukratzen. Eure Schulden müssen doch inzwischen astronomische Höhen erreicht haben.“

Valerie legte das Messer, mit dem sie gerade ihr Frühstücksbrot beschmieren wollte, aus der Hand und seufzte bedrückt. Ihre Befürchtungen laut ausgesprochen zu hören, machte alles irgendwie so real, so unausweichlich. Man konnte sich dann nicht mehr einreden, dass es irgendwie schon weitergehen würde.

Ihre Mutter betrachtete sie mitleidig und zugleich regte sich auch Ärger in ihr. Dieser Ärger brachte sie dazu, ihre Gedanken weiter auszusprechen.

„Es wird höchste Zeit, dass du dich um eure Finanzen kümmerst“, sagte Rita Stettner eindringlich. „Du kannst nicht länger die Augen und Ohren vor den Tatsachen verschließen. Mensch, eure Misere beißt dir doch beinahe schon in den Hintern!“ Jetzt hatte der Ärger gewonnen. Ritas geballte Faust landete auf dem Tisch und ließ Geschirr und Besteck klappern. „Ihr steht am Abgrund, Val! Wenn nicht ganz bald etwas geschieht, dann steht ihr nur mit dem, was ihr am Leibe tragt, auf der Straße.“

Valerie schossen die Tränen in die Augen. Den Kopf gesenkt, starrte sie auf die Brotscheibe, als könnte sie dort alle Lösungen für ihre Probleme ablesen.

„Und was soll ich tun?“, fragte sie schließlich zaghaft.

Rita Stettner stöhnte genervt.

„Was weiß ich!“ Sie stand auf und trat ans Fenster, vor dem ein sonniger Sommertag mit bunter Blütenpracht und strahlend blauem Himmel prahlte. „Ich weiß nur, dass ganz bald etwas geschehen muss. Sprich mit der Bank, geh wieder arbeiten, verlass Werner – egal, denk nach und lass dir was einfallen. Nur hör auf, untätig herumzusitzen.“

Valerie nickte traurig, obwohl sie nicht die blasseste Ahnung hatte, wie sie ihre Probleme in Angriff nehmen sollte. Und solange Werner weiter seiner Sucht nachging, würde auch jeder Versuch scheitern, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wenn Werner sich nur endlich in Therapie begeben würde! Aber das lehnte er strikt ab. Er sei nicht süchtig, stritt er die Wahrheit ab, die aus allen Ecken schrie. Valerie sollte sich nicht verrückt machen, es sei alles in Ordnung. So und so ähnlich argumentierte er, wenn Valerie versuchte, ihn auf seine Spielsucht anzusprechen.

Eine Bewegung am Fenster riss Valerie aus ihren traurigen Gedanken. Als sie aufblickte, sah sie ihre Mutter, die vor dem Tisch stand.

„Ich muss los.“ Rita nickte ihrer Tochter zu. „Wenn etwas sein sollte, ruf mich an oder schick mir eine Message. Ich bin den ganzen Tag im Büro.“

„Ja, Mutter.“ Valeries Stimme klang kläglich. Durch einen Tränenschleier sah sie zu, wie Rita das Esszimmer verließ. Ach, wenn sie doch nur ein bisschen was von Ritas Durchsetzungsvermögen geerbt hätte. Ihre Mutter schaffte alles, was sie sich vornahm. Dabei scheute sie vor keinen Schwierigkeiten zurück, sondern marschierte mitten durch. Und unterkriegen ließ Rita sich erst recht nicht.

Sie, Valerie, war ganz anders. Ängstlich, schüchtern und Furcht vor allem, was sie nicht kannte, das waren ihre grundlegenden Wesenseigenarten. Lieber sagte sie zu allem Ja und Amen, als ihre Meinung zu vertreten. Ständig fürchtete sie, jemanden zu verletzen oder zu verärgern. Also steckte sie zurück und zurück und zurück, bis – ja, bis sie, so wie jetzt, mit dem Rücken an der Wand stand.

Ja, Rita hatte recht, es wurde Zeit, dass sie ihrem Leben eine Wende gab. Sie musste endlich die Ärmel hochkrempeln und die Initiative ergreifen.

Wenn sie nur wüsste, wie sie das machen sollte.