Anmerkungen

1 Später gekürzt zu Zimmerman Blues. Die zehnte und letzte Ausgabe erschien unter dem Titel Changin’.

2 Ebenso stellte sich eine andere harmlos beschriftete Kassette, gelistet als «Legionnaire’s Disease – Billy Cross», als Dylans erste Aufführung beim Soundcheck in Detroit heraus.

3 Die fragliche Journalistin war vermutlich Lynne Allen. Aufgrund der Erwähnungen eines Gesprächs in Atlanta in Lynn Allens Interview mit Trouser Press wurden Zweifel laut, dass dieses Gespräch in Nashville ebenfalls mit ihr stattfand, aber das Interview vom 2. Dezember wurde ihr zugeschrieben. Als übrigens Allens Interview im folgenden Mai schließlich in der amerikanischen Musikzeitschrift Trouser Press erschien, trug es die Überschrift «Interview With An Icon», illustriert mit einem auffallend christusähnlichen Bild des Dichters und Sängers.

4 Beattie selbst schränkte Kellys Darstellung ein und behauptete, als diese Rabbis sie anriefen, habe sie ihnen gesagt: «Wenn ihr [so] empört seid, dann versucht ihr doch, ihn zu ändern.»

5 Das Budget des Films, der später im selben Jahr erschien, war immerhin groß genug, um Orson Welles als Erzähler zu verpflichten. Wo allerdings extremere Auslegungen nötig waren, erschien Lindsey selbst, inszeniert wie ein Albumcover von James Taylor, vor der Kamera.

6 In Wirklichkeit war es das Roxy, am 29. März 1979.

7 Möglicherweise ließe sich die Melodie dieses «verschollenen» Dylan-Songs rekonstruieren. Ein Song, dessen Titel – eindeutig fälschlicherweise – mit «Ain’t Too Proud To Beg» angegeben ist, wurde im September 1979 mitgeschnitten, als Dylan, ohne Mikrofon singend, den Gitarristen John Pechickjian vorspielen ließ.

8 Ein früherer Take des Songs, bei dem Dylan am Keyboard vorangeht und Knopfler kaum zu hören ist, befindet sich auf der Bootleg Series Vol. 13.

9 Das einzige Mal, dass Dylan den Song mit voller Bandbegleitung versuchte, war bei einem Konzert in Cincinnati im November 1981, und das Ergebnis grenzt ans Unerträgliche. Ein Arrangement mit voller Band – vermutlich noch rein instrumental – wurde im Shoals schon nach einem einzigen Take aufgegeben.

10 Ein berechtigter Punkt, bedenkt man, dass darauf Songs wie «Gospel Plow» und «Jesus Make Up My Dying Bed» enthalten sind – um Letzterem seinen eigentlichen Titel zu geben.

11 Der einzige alte Song, den er bei diesen Proben definitiv spielte, war ein alter Folksong, auf den er 1981 ein, zwei Mal mit The Band zurückgriff, «Barbara Allen» (Child Ballad 84).

12 Young machte im Herbst 1973 Furore damit, dass er ein komplett neues Programm darbot, um dann als Zugabe einen Song zu spielen, «den ihr schon gehört habt». Es war der Song, mit dem er das Konzert eröffnet hatte.

13 Wie Dave Kelly berichtet, war auch Ken «Einer flog über das Kuckucksnest» Kesey «bei den Konzerten dabei und kam ein paar Mal hinter die Bühne. Er hatte ein neues Buch über UFOs und Aliens, das er pushen wollte.»

14 In der Lutherbibel von 2017 lautet der Vers wörtlich: «Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.»

15 Dies war eine von nur zwei Live-Aufführungen des Songs von Dylan. Die andere war am 7. Mai 1980 in Hartford, Connecticut.

16 Dies ist eines der Lieblingszitate von Dylan und stammt aus 1. Korinther 1,27 – «Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache.»

17 1. Korinther 10,12 – «Darum, wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle.»

18 Jesaja 65,20 – «Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.»

19 Römer 8,15 – «Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!»

20 Eine vorläufig geplante «dritte» Show in Albuquerque am 6. Dezember wurde ebenfalls abgesagt, als der Veranstalter merkte, dass die Konzerte am 4. und 5. für die Nachfrage mehr als ausreichend waren.

21 Das Konzert, das als Raubkopie einer VHS-Überspielung weite Verbreitung fand, ist bislang das beste visuelle Dokument von dieser Tour, trotz der Einschränkungen des Drei-Kamera-Setups.

22 Möglicherweise kürzte Dylan beide Konzerte in Tempe ab, weil es ihm nicht gut ging. In einem Bericht in der Arizona Republic vom 29. November heißt es: «Für eine Weile stand es am Sonntagabend auf Messers Schneide. Bob Dylan hatte über eine Erkältung geklagt und Andeutungen gemacht, das Konzert am Sonntag müsste vielleicht ausfallen, wenn er keinen Arzt aufsuchen könnte. Er ließ sich überreden, auf die Bühne zu gehen, als man ihm versicherte, ein Arzt würde hinter der Bühne bereitstehen, um ihn zu behandeln.»

23 Nach Textquellen im Internet lautet die Zeile eigentlich: «You’re the lamb of my soul, girl, and you touch up the night.» Wie es scheint, hat Dylan für schlechte Textblätter seinen eigenen Raubverleger mit Namen Google.

24 Das ausgefallene Konzert am 10. wurde auf den 16., nach den Shows in Seattle, verlegt, so dass die beiden Konzertreihen mit je drei Abenden fast zu einer verschmolzen. Jedenfalls betrachtete ein legendärer Mitschneider aus Seattle auch die Shows in Portland als sein Jagdrevier.

25 Das Zitat stammt aus Galater 1,8 – «Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.»

26 In Römer 10,13 heißt es: «Denn wer den Namen des Herrn anruft, wird selig werden.»

27 Dies ist zwar der Take auf Saved, aber ein «längeres, langsameres» Ende wurde geschnitten.

28 Michael Krogsgaard datiert in seinen Session-Protokollen die Versuche zu «Saved» und «Satisfied Mind» auf den 13., ungeachtet des Session-Sheets für den Song, das einige Zeit vor Krogsgaards Werk in Dylan: Behind Closed Doors reproduziert wurde. Darauf ist eindeutig der 12. eingetragen.

29 Es scheint mindestens eine frühere Abmischung des Albums zu geben. Ein Mixband mit Seite eins des Albums in den Sony-Archiven ist mit D.N.U. (Do Not Use) markiert.

30 Ein Band mit sieben Songs von den letzten beiden Toronto-Shows, die angeblich identisch mit diesem Live-Album sein sollen, hat als Bootleg weite Verbreitung gefunden. Seltsamerweise fehlen darauf die drei neuen Songs, die Dylan bei diesen Konzerten spielte.

31 Der Untertitel zu «Cover Down» wurde durchweg als «Breakthrough» gelistet, doch bei den beiden Malen, als Dylan den Song in Toronto ankündigte, sagt er deutlich: «Pray It Through.»

32 Das war Dylans Beschreibung der verbotenen Themen gegenüber Scott Cohen vom Magazin Spin fünf Jahre später.

33 Römer 16,20 – «Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter eure Füße treten.»

34 1. Timotheus 3,16 – «Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.»

35 Dylan zitiert (nicht ganz korrekt) 2. Korinther 10,4–5: «Die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Absichten zerstören wir und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes.»

36 Matthäus 24,24 – «Denn es wird mancher falsche Christus und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder wirken, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen.»

37 Er bezieht sich auf Jakobus 4,4 – «Wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.»

38 Das Bibelzitat stammt aus 2. Korinther 5,19.

39 Jeremia 17,5 – «Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom Herrn.»

40 Jesaja 55,11 – «So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen.»

41 Die erste Strophe und der Refrain sind unverändert geblieben, doch der Rest von «Cover Down» wurde neu geschrieben. Dieser Entwurf befindet sich im Dylan-Archiv in der George Kaiser Family Foundation in Tulsa, Oklahoma.

42 Selbst die Herausgeber der Bootleg Series Vol. 11 sind sich bei der zeitlichen Platzierung nicht sicher. Der Song erscheint auf einer frühen Big-Pink-Aufnahme, möglicherweise einzeln aufgenommen und womöglich sogar zu einem späteren Zeitpunkt zu dem betreffenden Band hinzugefügt.

43 Saved brachte es auf Platz 3 der britischen Charts und hielt sich dort für acht Wochen, während Slow Train Coming es bis zum zweiten Platz schaffte und dreizehn Wochen lang in den Charts blieb. In den USA war der Gegensatz noch weitaus krasser. Slow Train Coming kam bis Platz 3 und blieb sechsundzwanzig Wochen in den Charts, während Saved gerade mal bis Platz 24 kam und sich nur elf Wochen lang halten konnte.

44 Es gibt sogar zwei Kandidaten für diesen Song bei den frühen Proben, von denen keiner mit einer klaren Angabe des richtigen Titels versehen ist.

45 Die Position des Liedes am Anfang des Bandes vom 1. Oktober, ohne Vorspiel, legt nahe, mit dem tatsächlichen Datum etwas vorsichtig zu sein.

46 Der Vertrag von 1978 untersagt es Dylan ausdrücklich, mehr als ein Album pro Jahr abzuliefern. Wie sich die Zeiten ändern.

47 Ein faszinierendes, von Geige und Mundharmonika bestimmtes Arrangement des Songs bei der letzten Probe im Oktober war sehr vielversprechend, wurde dann aber doch nicht verwendet.

48 Die Probenbänder bestätigen, dass es sich bei «Love In Vain» nicht um den Robert-Johnson-Song handelte, sondern um «Is Your Love In Vain», das er nie wieder auf der Bühne spielte.

49 Dadurch, dass die zweispurige Soundboard-Aufnahme dieser bahnbrechenden Aufführung auf Bootleg Series Vol. 13 enthalten ist, wird eine der aufschlussreichsten Aufnahmen in Dylans gesamtem Kanon endlich der Öffentlichkeit zugänglich. Die aufschlussreiche (gesprochene) Einleitung jedoch wurde nicht komplett mit aufgezeichnet.

50 Der letztgenannte Song landete auf einem Copyright-Band mit vier Aufnahmen aus dem Oktober 1980, was mich dazu verleitete, seinen Entstehungszeitpunkt im Vorjahr zu datieren. Mea culpa.

51 «Every Grain Of Sand» ist der zweite Song nach «Shot Of Love» auf einer Liste, die Arthur Rosato, der sie zusammengestellt hat, «eine zusammenfassende Liste jedes Songs oder Songteils» nennt, «den wir aufgenommen haben» bei den Sessions zwischen dem 25. März und dem 2. April. Daher meine Überzeugung, dass ein solches Band existiert.

52 Michael Krogsgaards Diskografie erwähnt nur acht Takes von «Caribbean Wind», doch die kompletten Bänder aus dem Studio 55 weisen erheblich mehr aus.

53 Die anderen waren «My Girl», das stets nur instrumental gespielt wurde, und «Reach Out I’ll Be There».

54 Plotkin scheint zu glauben, es sei David Geffen gewesen, der seinen Namen zuerst gegenüber Dylan erwähnte. Daher vielleicht der «besondere Dank» auf der Plattenhülle von Shot Of Love.

55 Im Fall von New Morning war dieser eine übrig gebliebene Song die Aufnahme von «If Not For You», aufgenommen am 1. Mai 1970 mit George Harrison. Dieser Take wurde im letzten Moment dann doch noch ersetzt, aber ich denke, die Aussage bleibt dennoch bestehen.

56 Das berühmte «Troggs-Band» enthielt Studiogespräche, die bei einer Aufnahmesession der Troggs mit aufgezeichnet wurden und, sagen wir, ein wenig politisch unkorrekt waren.

57 Während die fünf Songs «zum Aufwärmen» vom 23. April lediglich deshalb (auf Kassette) existieren, weil Rosato eine Kopie aufbewahrte, ist die Originalspule im Bänderchaos verloren gegangen. Doch die übrigen Zweispurbänder vom 23. und 24. existieren noch.

58 Benmont Tench hat bestätigt, dass es einen Song gab, bei dem der Bass fehlte, und ihn als «Watered-Down Love» identifiziert, gegenüber Damien Love aber weniger plausibel behauptet, das sei passiert, «weil wir alle fertig waren, schon lange mit dem Tag abgeschlossen hatten und fast alle ihre Sachen gepackt hatten und gegangen waren», einschließlich des Bassisten Tim Drummond.

59 Keiner der vier Songs, die am 24. aufgenommen wurden, war «Magic», der als einziger in Krogsgaards Session-Verzeichnis aufgeführt wird. Wie bereits dargelegt, wurde «Magic» während dieser Sessions nur einmal aufgezeichnet, und zwar am 23. April.

60 Plotkin hat eine Geschichte erzählt, wie er Dylan mit einem Mikrofon durchs Studio verfolgte, während er den einzigen Take von «Every Grain Of Sand» sang, aber den Studioaufzeichnungen zufolge befindet er sich da völlig im Irrtum.

61 Damit meine ich natürlich das richtige Album mit neun Tracks, nicht das gefälschte Album mit zehn Tracks, welches das Original in den letzten Jahren verdrängt hat, nachdem «The Groom’s Still Waiting» für eine Vinyl-Neuausgabe 1985 am Anfang der zweiten Seite hinzugefügt wurde, mit der Begründung, so ergebe sich ein «besseres» Album. Nach demselben Kriterium sollten wir wohl «Positively 4th Street» zu Highway 61 Revisited und «Strawberry Fields Forever» und «Penny Lane» zu Sgt. Pepper hinzufügen.

62 Die europäische Single bekam «Let It Be Me» als B-Seite, und Hut ab vor CBS, die es tatsächlich schaffte, sie an die Läden auszuliefern, während Dylan noch in Großbritannien auf Tour war.

63 Basham meint J.F.K. und John Lennon. Letzterer wurde ermordet – vier Tage, nachdem Dylan eine Tour beendet hatte, bei der er den Song jeden Abend gesungen hatte, was dem Song eine zusätzliche, wenn auch unbeabsichtigte Resonanz verlieh, als er ihn 1981 sang.

64 Erst 1979 hatte er in Frankreich mit «Man Gave Names To All The Animals» einen Hit.

65 Eine ausführlichere Darstellung, wie Springsteen sich mit der The River Tour die Gunst der Kritiker verscherzte, finden geneigte Leserinnen und Leser in meinem Buch E.Street Shuffle.

66 Unter welchen Patrick Humphries’ völlig abwegiger Rezension im Melody Maker ein besonderer Rang zukommt.

67 Immer noch nicht sein bester Kalauer auf Bruces Kosten. Dieser Rang gebührt zweifellos seiner Begrüßung bei ihrer ersten Begegnung: «Ich habe gehört, du bist der neue Ich.»

68 Clapton hatte 1965 und 1975 bei Dylan-Sessions mitgespielt; Dylan 1976 bei Claptons Session.

69 Vermutlich war dies das sogenannte Sandra-Jones-Interview, das in verschiedenen europäischen Zeitungen erschien und sich für mich nicht im Entferntesten nach dem Dylan anhört, den ich kenne.

70 Die Achtspurbänder von Mannheim (18. Juli) bis Basel (23. Juli) scheinen verloren gegangen zu sein, aber auch diese Konzerte wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aufgezeichnet.

71 Die drei Songs auf der Werbe-LP für Saved waren «Solid Rock», «Are You Ready?» und «What Can I Do For You?».

72 Die Soundboard-Aufnahme dieser Darbietung ist auf Bootleg Series Vol. 13 enthalten.

73 In Jakobus 4,3 heißt es: «Ihr bittet und empfangt’s nicht, weil ihr in übler Absicht bittet, nämlich damit ihr’s für eure Gelüste vergeuden könnt.»

74 In Römer 8,11 heißt es: «Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.»

Clinton Heylin
Dylan. Gospel.

www.fontis-verlag.com

Für Debbie Gold.
Sie war eine Freundin von mir.

Hinweis:
Die Aussagen des Autors über andere Autorinnen und Autoren, über Organisationen und Kirchengemeinden sowie über Musikerinnen und Musiker, Journalistinnen und Journalisten entsprechen seinen ganz persönlichen und sehr respektierten Ansichten, geben aber nicht in jedem Fall zwingend die Meinung des Verlags wieder.

Clinton Heylin

Dylan.
Gospel.

Die rauen Töne der wahren Geschichte

Mit einem Vorwort von Markus Spieker, Fernsehjournalist

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Published by agreement with Overamstel Uitgevers B.V.
Originally published in the USA under the title:
«Trouble in Mind»
© 2017 by Clinton Heylin
All Rights Reserved.
This Licenced Work published under license.

Übersetzung aus dem Amerikanischen:
Christian Rendel, Witzenhausen

Copyright der deutschen Ausgabe:
© 2018 by Fontis-Verlag Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns
Foto Umschlag: «Play It […] Loud» by Hood alias Ludzska
Foto Innenteil: Paul Van Scott / pixels.com
Foto Seite 391: F. Antolin Hernandez / cc, wikipedia.com
E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel
E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-498-1
ISBN (MOBI) 978-3-03848-499-8

www.fontis-verlag.com

Inhalt

Vorwort von Markus Spieker

INTRO
Before the Flood

AIN’T GONNA GO TO HELL FOR ANYBODY

Der Slow Train nach Nashville

1. Mit angezogenen Zügeln

2. Von Sheffield nach Santa Monica

3. Countdown zum Warfield

4. Rock and Roll bis in den Abgrund

5. ’65 Revisited

6. Where I Will Always Be Renewed

7. Der Dämonenhasser

WATERED-DOWN LOVE

Zwischenspiel: In The Summertime

8. Warten auf die Nacht

9. Zurück in Babylon

10. Zurück ins Rundown

11. Die Clover-Sessions

12. Durchgeknallt

13. Ein altes und ein neues Testament

14. Das Ende der Straße

OUTRO
After The Flood

Die Gospeljahre: Eine Chronologie

Weitere Bühnenansagen

Verwendete Interviews

Danksagungen

Über den Autor

Anmerkungen

Dylan1

INTRO

BEFORE THE FLOOD

Dylan1

ERSTER TEIL

AIN’T GONNA GO TO HELL FOR ANYBODY

DER SLOW TRAIN NACH NASHVILLE …

Allein schon einen Song wie [«Slow Train»] zu schreiben, hat mich wahrscheinlich von anderen Illusionen befreit. Ich habe so viele Songs und Alben geschrieben, dass ich nicht auf alle eingehen kann, … [aber] diesen zu schreiben, war auf seiner eigenen Ebene … eine Art Wendepunkt für mich.

- BOB DYLAN ZU JOHN DOLEN, FORT LAUDERDALE, 1995

2. Dezember 1978. Mit der stillen Entschlossenheit eines Eiferers bahnte er sich unauffällig seinen Weg in Innere des Municipal Auditorium in Nashville zum abendlichen Konzert. Nur dass es noch einige Stunden waren bis zum Konzert, und die Band fing gerade erst mit dem Soundcheck an.

Bei dieser Tour hatte es sich meistens gelohnt, die Soundchecks mitzukriegen. Nach einem vollen Jahr auf Tournee war es kaum noch nötig, an den Songs im aktuellen Set zu arbeiten. Deshalb spielte die elfköpfige Band, sobald der Sound einigermaßen eingestellt war, meistens hinter dem Leader her, sei es zu einem neuen Song, den er am selben Tag geschrieben hatte, einem Cover, einer alten Countrynummer oder einem improvisierten Blues.

An diesem Abend stieg sie zum Entzücken des Eiferers, der sich in die Dachbalken geschlichen hatte, um gleich darauf seinen Kassettenrekorder aus der Schultertasche zu fischen, in einen unbekannten Song ein. Er hatte eine klare, definierte Struktur und einen Refrain, der sich augenblicklich einprägte: «There’s a slow train coming around the bend.» Der Eiferer drückte die Aufnahmetaste, wild entschlossen, einen neuen Dylan-Song zu dokumentieren. Dass er Zeuge der Geburt eines völlig neuen Dylan war, ahnte er nicht …

Zum Leidwesen der Nachwelt hatte Brian Stibal damals wohl zwar den Eifer und die Entschlossenheit eines Gläubigen, nicht aber die technische Findigkeit, die ein erstklassiger Archivar braucht. Obwohl er Dylan in der zweiten Hälfte der Siebziger mehrfach filmte (auf Super 8) und aufnahm – während er zugleich das erste Dylan-Fanzine der Welt, Talkin’ Bob Zimmerman Blues,1 herausgab und die meisten Artikel dafür schrieb –, litten seine Filmaufnahmen oft unter einer so unsicheren Hand, dass er meist nur die Saaldecke im Bild hatte, während seine Audiobänder sich allgemein so anhörten, als wären sie aus dem Führer-Bunker geborgen worden, nachdem er plattgemacht war.

Insofern wusste man als Dylan-«Experte», der etwas auf sich hielt, während der vergangenen neununddreißig Jahre nur, dass Dylan beim Soundcheck zu seinem Konzert in Nashville im Dezember 1978 erstmals einen Song namens «Slow Train» zu Gehör brachte. Zumindest, bis ein eifriger junger Bursche in der Dylan-Zentrale nach Material für eine weitere Bootleg Series schürfte – und dabei auf eine Kassette mit der Aufschrift «Slow Train – Soundcheck» stieß. Kann nicht sein, oder?

Doch. Tatsächlich entpuppte sich dieser «Slow Train» als eben die vierminütige Fassung des Songs aus dem Nashville Municipal Auditorium, mit einem unfertigen, aber verständlichen Text, gerichtet an eine Frau, «who thought I was blind» und die «couldn’t make up [her] mind», untermalt von einem sehr an Street Legal erinnernden Arrangement der heute vertrauten «Slow Train»-Melodie.2

Schon jetzt unverkennbar war die Eindrücklichkeit des Refrains, der bewusst Dylans persönliche Ikonografie anzapfte, auf die er sich bei einer Reihe von Konzerten Ende 1980 bewusst bezog, wo er in verschiedenen Varianten folgende Überleitung gab:

Als kleiner Junge hockte ich immer herum, die Züge rollten drei oder vier Mal am Tag durch die Stadt. Und ich schaute diesen Zügen immer hinterher und dachte darüber nach, wo sie wohl hinfuhren. Und ich wusste, eines Tages würde ich da hinkommen, wohin diese Züge fuhren.

Zwischen November 1979 und November 1980 schickte er dem Song deutlich schwefelhaltigere Ansagen voraus, aber erst, nachdem der «holy slow train», auf den Dylan erstmals auf der Plattenhülle von Highway 61 Revisited angespielt hatte, von einer christlichen Gemeinschaft gekapert worden war, für die das Auslegen der notorisch kryptischen Bedeutungen der Bibel ein Kinderspiel war.

Damals, Anfang Dezember 1978, fiel diese Aufgabe Dylan nicht ganz so leicht. Während der vergangenen vierzehn Tage hatte er mehrfach das Matthäus-Evangelium durchgelesen und allabendlich im dramatisch umgeschriebenen Text von «Tangled Up In Blue» darauf Bezug genommen.

Die Wahl dieses Lesestoffs lässt tief blicken. Matthäus schrieb sein Evangelium für seine Mitjuden, um sie davon zu überzeugen, dass Jesus der im Alten Testament vorhergesagte Messias sei. Fast jedes Kapitel, so könnte man beinahe sagen, hakt Vers für Vers eine Checkliste messianischer Prophezeiungen ab, die der junge Jesus erfüllte.

Zugleich ist das Matthäus-Evangelium, wie der bekannte Autor A. N. Wilson schrieb, ein Werk, das «die Spannungen widerspiegelt, unter denen sich die neue Religion – die wir Christentum nennen – aus der alten Religion – dem Judentum – herauskristallisierte. Es ist paradoxerweise zugleich ein zutiefst jüdisches und ein zutiefst antijüdisches Werk. In der Tat ist es der große Urtext des Antisemitismus.»

Dieser innere Widerspruch dürfte Dylan, der seit vierzehn Tagen auf der Suche war nach einer rationalen Erklärung für ein Erlebnis, das er auf dem Weg nach Miami (über «Damaskus») gehabt hatte, ziemlich zugesetzt haben:

Bob Dylan: Manche sagen, sie hätten einfach auf irgendeiner einsamen Straße eine Stimme gehört, andere sagen, sie waren gerade mitten in einem Footballspiel. Manche Leute waren gerade auf der Herrentoilette einer Greyhound-Busstation. Man muss nicht in irgendeiner besonderen Situation sein [um den Ruf Jesu zu hören]. (1981)

Er selbst jedenfalls war in keiner «besonderen Situation». Bei ihm war es so, dass er ausgerechnet in einem Hotelzimmer in Arizona «eine Stimme hörte». Es war der 18. November 1978, und er fühlte sich nicht besonders gut. Es ging ihm sogar noch schlechter als am Vorabend, als er sich mühsam durch ein Konzert in San Diego gequält hatte, wie er ein Jahr später einem erleseneren Publikum in derselben Stadt anvertraute:

Als ich das letzte Mal hier in San Diego war, vor ungefähr einem Jahr, kam ich von irgendwo [anders] her, und mir ging es hundeelend, als ich hier durchkam. Ich spielte, ich glaube, es war nicht in diesem Saal. Jedenfalls, gegen Ende des Konzerts warf jemand aus dem Publikum – die wussten, dass es mir nicht gut ging, ich glaube, die konnten das spüren –, und einer warf ein silbernes Kreuz auf die Bühne. Na ja, normalerweise hebe ich keine Sachen auf, die vorne auf die Bühne geworfen werden. Hin und wieder schon, aber meistens nicht. Aber ich schaute hinunter auf dieses Kreuz und sagte mir: «Ich muss das aufheben.» Also hob ich das Kreuz auf und steckte es in meine Tasche. Es war ein silbernes Kreuz – vielleicht so hoch –, und ich trug es von der Bühne und nahm es mit in die nächste Stadt, drüben in Arizona. Jedenfalls, als ich da hinkam, ging es mir noch schlechter als in San Diego, und ich dachte mir: «Also, ich brauche echt was heute Abend.» Und ich wusste nicht, was. Ich kannte alles Mögliche, aber ich sagte mir: «Heute Abend brauche ich etwas, was ich wirklich noch nie gehabt habe.» Und ich griff in meine Tasche und fand dieses Kreuz, das jemand … in San Diego auf die Bühne geworfen hatte. Und dieses Kreuz hängte ich mir um.

Zwei Mal im Lauf des Jahres 1980 gab Dylan offen zu, dass sein Erlebnis im Hotelzimmer etwas Mystisches hatte. Dem Reporter der LA Times Robert Hilburn sagte er im November: «Da war eine Präsenz im Zimmer, die niemand außer Jesus sein konnte. … Ich hatte wahrhaftig ein Wiedergeburtserlebnis, wenn du es so nennen willst.»

Gegenüber der australischen Journalistin Karen Hughes hatte er schon im Mai zuvor bekannt: «Jesus hat seine Hand auf mich gelegt. Es war körperlich. Ich habe es gespürt. Ich konnte es am ganzen Leib spüren. Mein ganzer Körper fing an zu zittern. Die Herrlichkeit des Herrn haute mich um und hob mich wieder auf.»

Tatsächlich wurde er im Blick auf seine Bekehrung zunehmend kompromisslos, ja kämpferisch, wenn er auf Skepsis stieß.

Bei einer spontanen Pressekonferenz in Deutschland im Juli 1981 feuerte er aus allen Rohren auf die versammelten Medienvertreter: «Jesus ist mir erschienen, und er ist König der Könige und Herr der Herren, und er ist am Kreuz für die ganze Menschheit gestorben. … Wiedergeboren, so nennt man das. Es ist ein ziemlich beängstigender Gedanke. … Ich predige hier nicht. … Es ist geistlich – es ist nicht kompliziert.»

Doch für einen Mann, der sich in einem Augenblick in einem Hotelzimmer komplett verändert und alles, was er gewesen war, hinter sich gelassen hatte, gab es herzlich wenig externe Indizien dafür, dass er tatsächlich diese Blake’sche Vision des Herrn der Herren empfangen hatte. Oder vielleicht hatten die amerikanischen Medien die unauffälligen Veränderungen auch nur übersehen.

Bei einem Konzert in Fort Worth, sieben Tage nach San Diego, wurde er auf der Bühne mit einem neuen Schmuckstück um den Hals fotografiert, einem silbernen Kreuz von beträchtlicher Größe. Und dem Song «Señor» schickte er nun jeden Abend eine lange Ansage voraus, eine apokalyptische Vision von einem Mann mit feurigen Augen in einem Zug, der langsam bis nach San Diego dampfte. Derweil las die ewige femme fatale aus «Tangled Up In Blue» allabendlich die Worte des Propheten Jeremia vor. Jenseits der Konzertsäle löcherte er überdies eine junge schwarze Sängerin aus seiner Band, mit der er sich angefreundet hatte, mit allen möglichen Fragen:

Helena Springs: Einmal rief er mich an, als er Probleme hatte, und stellte mir Fragen, und das waren Fragen, bei denen niemand ihm hätte helfen können. Und ich sagte nur: «Betest du denn nie?» … Und er sagte: «Im Ernst?» Und dann stellte er mir noch mehr Fragen darüber und fing an, richtig nachzuforschen. Wissen Sie … er ist ein sehr wissbegieriger Mensch.

Springs ahnte nicht, dass er außerdem dabei war, das Album ganz neu zu überdenken, das er machen wollte, wenn die Tour vorbei war. Seit Street Legal hatte er einen beträchtlichen Vorrat an Songs angesammelt. Die meisten schienen sich jedoch darum zu drehen, dass «ein Mann mit einer Frau redet, die ihn einfach nicht anständig behandelt» – genauso beschrieb er «Stepchild», den einzigen neuen Song, den er jeden Abend spielte, gegenüber einer Journalistin in Nashville, nur ein paar Minuten nach dem Soundcheck mit «Slow Train».3

Lynne Allen scheint die letzte amerikanische Journalistin gewesen zu sein, die den noch nicht wiedergeborenen Dylan zu sehen bekam. Sie erlebte einen Mann voller Pläne für große Veränderungen für die Gestaltung seiner Karriere.

Eine dieser Veränderungen sollte direkte Auswirkungen auf die Studio-Ausbeute seiner Gospeljahre haben. Auf die Frage nach seiner bisherigen Vorgehensweise im Studio räumte er ein: «Vor Jahren spielte ich den Song immer live, bevor er auf eine Platte kam, also … gewöhnte ich mir an, mit den Songs ins Studio zu gehen, bevor ich allzu vertraut mit ihnen war, und die Platte zu machen. Und mit der Zeit entwickelte sich dann etwas anderes daraus. Also werde ich mir das nächste Mal mehr Mühe geben, … eine leichter zugängliche Platte zu machen.»

Zudem schien er darüber nachzudenken, eine Theatertournee zu lancieren, als die beharrliche, vermutlich hübsche Frau sich erkundigte, was seiner Meinung nach «passieren wird, wenn keiner mehr etwas dafür bezahlen will, Bob Dylan zu sehen». Dylans Antwort zeugt von einer verblüffenden Vorausschau: «Ich schätze, dann muss ich in kleineren Sälen spielen.»

Inzwischen hatte Dylan bereits «Slow Train» im Studio für das höchst «zugängliche» Album gleichen Namens aufgenommen. Während der folgenden Monate blieb jeder seiner Schritte von Spekulationen und in die Medien gestreuten Fehlinformationen verschleiert.

Dass Dylan selbst bereits drei Schritte vorausdachte, zeigte sich bei einer anderen Zusammenkunft an einem äußerst ereignisreichen Tag in Nashville. Eine seiner Background-Sängerinnen von 1978 (und seine zukünftige Frau) Carolyn Dennis machte ihn mit ihrer besten Freundin Regina McCrary bekannt, deren Vater ein Prediger war. McCrary selbst war eine hervorragende Gospelsängerin.

Wie McCrary berichtet, wurden sich die beiden sofort einig, dass sie, falls sich eine Chance ergab, «mit ihm auf Tour gehen» würde, sobald er sich wieder auf den Weg machte. Als sie dann vier Monate später tatsächlich den Anruf erhielt, ging es zunächst um die Arbeit an Slow Train Coming, bevor sie – McCrary – dann zur einzigen ständigen Besetzung einer Gospelgruppe wurde, die den vokalen Hintergrund liefern würde für alles, was Dylan zwischen 1979 und 1981 aufnahm und auf die Bühne brachte.

Zu diesem Gospelchor gehörten anfangs auch Springs und Dennis, die letzten beiden Überbleibsel des 78er-Sounds. Vorläufig heulten die beiden sich noch durch das zweieinviertelstündige Programm des Sets von 1978, beginnend mit einem krachenden Arrangement von Tampa Reds «She’s Love Crazy» und endend mit dem epischen «Changing Of The Guards», dem Eröffnungssong von Street Legal.

An diesem Abend in Nashville würden die Kameras surren. Zum ersten und einzigen Mal auf der Tour von 1978 würde eine offizielle Kameracrew einen Teil des Konzerts für eine Fernsehsendung filmen (den sogenannten «Rome-TV-Film»). Wäre das Material sofort ausgestrahlt worden und nicht erst 1979, so hätten Dylans aufmerksamere Fans durchaus merken können, dass da etwas im Busch war, schon allein daran, wie er sich in «Changing Of The Guards» hineinstürzte, als wäre es ein Vorbote der Dinge, die da kamen. Fast schien es, als hätte sein Unterbewusstsein schon längst gewusst, wohin er während der letzten zwölf Monate unterwegs gewesen war. Nämlich nicht in die Lincoln County Road:

Eden is burning.
Either get ready for elimination,
Or your heart must have the courage,
For the changing of the guards.

Kapitel 1

MIT ANGEZOGENEN ZÜGELN
(Dezember 1978 bis April 1979)

Es wäre einfacher gewesen, wenn ich Buddhist oder Scientologe geworden wäre, oder wenn ich nach Sing Sing gekommen wäre.

– BOB DYLAN ZU KAREN HUGHES, 21. MAI 1980

Das war alles Teil meiner Erfahrung. Es musste so kommen. Wenn ich mich auf etwas einlasse, dann lasse ich mich total darauf ein. Ich spiele nicht nur am Rand herum.

– BOB DYLAN ZU ROBERT HILBURN, 1983

Dylans eingehende Lektüre der Bergpredigt, wie Matthäus sie wiedergibt – es war nicht das erste Mal, schon 1974 hatte er in «Up To Me» darauf Bezug genommen –, hatte ihn nicht davon abgehalten, einen weiteren Song aus der Sicht eines Mannes zu schreiben, der «mit einer Frau redet, die ihn einfach nicht anständig behandelt».

Der Song, den er nur fünf Tage nach dem Soundcheck mit «Slow Train» in Nashville während seines Soundchecks in Greensboro antestete, griff das berühmte Zitat aus dieser Predigt – «Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch» – auf und machte daraus eine an die Frau («Her») gerichtete Ermahnung: «If you do right to me, baby / I’ll do right to you, too.» Das klang ganz so, als käme es aus derselben Feder wie «Is Her Love in Vain?» (um den ursprünglichen Titel zu gebrauchen).

Auch als «Do Right To Me Baby» während des Abschlusskonzerts in Miami in einem Heavy-Metal-Disco-Gewand auftauchte, ließ das im Publikum keine Alarmglocken schrillen. Der Song fügte sich ja durchaus nahtlos in eine Reihe anderer Titel wie «Stepchild» und «We’d Better Talk This Over» ein. Falls der Song so etwas wie eine Gospelfärbung hätte haben können, so wurde diese durch den Gitarristen Billy Cross, einen Metalhead, der «Lessismore» für ein Schloss in Dänemark hielt, von Anfang an resolut übertönt; dem Song Gefühle beizugeben, überließ Dylan also einem Mann, der Monogamie – monogamy – für ein Brettspiel hielt.

Während des Jahres 1978 hatte sich Dylan fast durchweg einen Spaß daraus gemacht, Spekulationen über sein Liebesleben zu schüren, indem er bei den Bandvorstellungen jede der Background-Sängerinnen als seine Muse präsentierte. Das Konzert in Miami bildete keine Ausnahme. Dort erklärte er dem Publikum: «Auf der einen Seite meine Ex-Freundin Helena Springs. Ich esse gern, und Helena kocht nicht gern. In der Mitte [ist] meine derzeitige Freundin Jo Ann Harris. Sie ist auch süß. [Und] auf der anderen Seite die wahre Liebe meines Lebens und meine Verlobte: Miss Carolyn Dennis.»

Das war eine amüsante Vernebelungstaktik eines Mannes, der immer gern Rauchbomben warf. Aus Dennis würde eines Tages Mrs. Dylan werden, wenn auch erst ein knappes Jahrzehnt später, während Springs mehr so etwas wie eine Ab-und-zu-Freundin war als eine Ex-Freundin. Lediglich Jo Ann Harris scheint gegen den Charme des Rockstars völlig immun geblieben zu sein.

Doch nach dem Ende der Tour kehrte Dylan zu einer anderen im Hintergrund schwebenden Frauengestalt zurück, die in L.A. (un)geduldig auf ihn gewartet hatte, wo sie sich ein Apartment mit einer anderen zeitweiligen Freundin des Sängers teilte, der Schauspielerin Sally Kirkland.

Die Schauspielerin Mary Alice Artes hatte bereits eine rätselhafte Erwähnung auf dem Cover von Street Legal eingeheimst, wo sie schlicht als «Queen Bee» erschien. Seit Ende 1977 schwirrte sie um Bob herum. Und sie war ganz sein Typ:

David Mansfield: Mary Alice Artes war eine dieser dynamischen Persönlichkeiten, zu denen sich Bob wahrscheinlich allgemein hingezogen fühlt, und wenn sie schwarz sind, umso besser – sie war wirklich eine Wucht. Sie konnte ausgesprochen sexy aussehen und sich ausgesprochen sexy kleiden, ohne je Sex zu verströmen. Aber zugleich war sie eine von diesen richtig kompetenten Müttern, die dich immerzu mit Liebe und Aufmerksamkeit überschütten und … dir sagen, was du tun sollst, und dir einen Klaps auf den Hintern geben, damit du in die Gänge kommst und es tust. Sie wäre die perfekte jüdische Ehefrau gewesen.

Obwohl Artes sich alle Mühe gab, konsequent im Schatten zu bleiben, wurde ihr in einer Reihe von Presseberichten im folgenden Sommer der Impuls für Dylans Bekehrung zum wiedergeborenen Christen zugeschrieben.

Später wurde Artes zwei Mal von Dylan-Forschern ausfindig gemacht, doch beide Male stritt sie das entschieden ab. Gegenüber Howard Sounes sagte sie, sie könne «niemanden zum Herrn führen», und zu Scott Marshall, wenn der Heilige Geist wolle, dass er etwas über Dylans Geschichte herausfände, dann solle er versuchen, mit Dylan zu reden – eine seltsame Darstellung des Heiligen Geistes als Presseagent für Gläubige.

Artes’ knappe Äußerungen gegenüber den beiden ließen keinen Zweifel daran, dass sie immer noch gläubig war. Ob sie aber die «sehr enge Freundin» war, die «mir von ein paar Dingen erzählte, und eines davon war Jesus» – wie Dylan im November 1980 seinen «precious angel» beschrieb –, sagte sie nicht. Bis heute. Zum Glück steht offenbar ziemlich außer Frage, dass sie es war. Auch nicht, dass Dylan nach L.A. zurückkehrte, um noch einmal gründlich nachzudenken, und dabei entdecken musste, dass Artes inzwischen auch umgedacht hatte – und infolgedessen, so ein zeitgenössischer Bericht, nicht mehr in Sünde leben wollte. Ihre persönliche Pilgerreise hatte sie in die Vineyard Fellowship geführt, eine kleine evangelikale Splittergruppe, die ihre Basis ausschließlich in Kalifornien hatte und von einem charismatischen Bekehrten vom Schlage eines Paulus geleitet wurde:

Ken Gulliksen: Am Ende einer [Vineyard-]Versammlung kam [Artes] zu mir und sagte, sie wolle ihr Leben neu dem Herrn anvertrauen. … An diesem Morgen übergab sie ihr Leben neu dem Herrn. Dann offenbarte sie, sie sei Bob Dylans Freundin, und fragte, ob einige Pastoren gleich mitkommen und mit Bob reden könnten.

Der Vineyard dürfte Dylan nicht völlig unbekannt gewesen sein. Mindestens drei Mitglieder seiner Tourband von 1978 waren während des Jahres der Anziehungskraft der Gemeinde erlegen: David Mansfield, T-Bone Burnett und Stephen Soles, wenn auch sowohl Mansfield als auch Burnett nachdrücklich behaupteten, nichts damit zu tun zu haben, dass Dylan sich der Gemeinschaft anschloss. Dennoch stürzten sich alle drei mit etwas mehr Verve in die kirchlichen Aktivitäten, als man von bekanntermaßen eher vorsichtigen Neubekehrten erwarten würde:

David Mansfield: T-Bone war der Erste, der dieses Erlebnis durchmachte, und Stephen schloss sich ihm gewissermaßen an, und ich dann schließlich auch. T-Bone hat nicht nur ein bisschen was von einem Prediger an sich, und wahrscheinlich bearbeitete er alle seine Freunde auf die Weise, wie er es am wirksamsten konnte – Diskussionen über christliche Apologetik. Aber da war diese Erweckung im Gang; es gab eine Zeit, in der wir alle in dieselbe Gemeinde gingen und Bob sich inkognito ganz hinten herumdrückte, [während] T-Bone, Stephen und ich alle in der Gemeindeband spielten.

Es scheint also wirklich so zu sein, dass Artes unabhängig von Dylan und/oder seinen Musikerkollegen zu Jesus fand und dann ihrem Möchtegern-Freund die Gute Nachricht weitersagte.

Wenn man dem glauben kann, was Dylan zwei Jahre später äußerte, reagierte er darauf überraschend beiläufig: «Der ganze Gedanke mit Jesus war mir fremd. Ich sagte mir: ‹Damit kann ich nichts anfangen.› … Aber später kam mir der Gedanke, dass ich dieser Person vertraute und in den nächsten zwei Tagen nichts zu tun hatte. Also rief ich die Person [vom Vineyard] zurück und sagte, ich sei bereit, mir etwas über Jesus anzuhören.»

Die Person, mit der er sprach, als er bei der Gemeinde anrief, scheint Bill Dwyer gewesen zu sein. Dwyer zufolge rief Bob «bei uns im Büro an, weil da ein paar Sachen liefen» in seinem persönlichen Leben, was Dylans eigener Schilderung klar widerspricht. Er betonte stets: «Viele Leute denken, Jesus komme nur dann ins Leben eines Menschen, wenn er ganz am Boden oder unglücklich oder einfach alt und am Verwelken ist. So war es bei mir nicht. Mir ging es gut.» Die Songs, die Dylan nun zu schreiben begonnen hatte, deuten allerdings eher auf das Gegenteil hin.

Der Pastor selbst bestätigte in einem Interview mit Joel Gilbert, bei dem ersten Gespräch mit Dylan sei es auch um persönliche Anliegen gegangen:

Bill Dwyer: Wir hatten einige Pastoren mit musikalischem Hintergrund, und sie gingen hin und redeten mit ihm. Das war ganz bodenständig: Brauchst du Hilfe in deinem Leben? Hast du das Gefühl, dass es da noch mehr gibt, und willst den Herrn einladen? Ist dir bewusst, dass deine eigenen Sünden eine Menge Schuld und Scham in deinem Leben hervorgebracht haben, und willst du davon frei werden? … Was damals im Vineyard lief, hatte überhaupt nichts mit Druck zu tun, es hatte nichts Ekstatisches. Die meisten Leute [, die sich der Gemeinschaft anschließen,] … rufen zu Gott: «Ich brauche eine höhere Macht.» Die meisten Leute kommen wegen einer Lebenskrise dorthin. … Sie unterhielten sich einfach mit ihm und beantworteten ihm ein paar Fragen. Ich glaube, sie schenkten ihm eine Bibel. (JG)

Die Anspielung auf eine «höhere Macht» gibt einen Hinweis, mit was für Leuten der Vineyard häufig zu tun hatte – der Begriff taucht am häufigsten nicht in kirchlichen Kreisen auf, sondern in der Suchttherapie im Rahmen der sogenannten Zwölf-Schritte-Programme. Für Eilige jedoch gab es das Ein-Schritt-Programm, und das war der Weg, den, so Ken Gulliksen, Dylan an jenem Tag einschlug:

«Larry Myers und Paul Emond besuchten Bob zu Hause und kümmerten sich um ihn. Er reagierte darauf, indem er sagte, ja, er wolle Christus in seinem Leben haben. Und er betete an jenem Tag und nahm den Herrn auf.»

Dass der Vineyard ausgerechnet Myers schickte, war clever. Als Musikerkollege wusste er genau, wer Dylan war und auf was für einem Trip er bisher war, und er konnte einem einen Crashkurs in millenialistischer Eschatologie verabreichen, von dem einem Oberkirchenrat schwindelig geworden wäre.

Larry Myers: Ich war einer der beiden [Pastoren], die Dylan Anfang 1979 in Brentwood aufsuchten, auf Bitten von Bob Dylan … durch Mary Alice Artes. Dort begegneten wir einem Mann, der sich sehr dafür interessierte, was die Bibel über Jesus Christus sagt. So gut ich konnte, fing ich am Anfang des ersten Buches Mose an und ging das Alte und das Neue Testament durch, bis zur Offenbarung. Ich versuchte, deutlich zu machen, wer Jesus nach dem historischen, orthodoxen Verständnis ist. … Es gab keinen Versuch, den Mann zu irgendetwas zu überreden, zu manipulieren oder zu drängen. Aber meiner Ansicht nach sprach Gott durch sein Wort, die Bibel, zu einem Mann, der schon seit vielen Jahren auf der Suche war. Irgendwann während der nächsten Tage nahm Bob allein und in aller Stille Christus an und kam zum Glauben, dass Jesus Christus tatsächlich der Messias ist.

Myers scheint anzudeuten, dass Dylans Bekehrung nicht so augenblicklich geschah, wie Gulliksen es damals beschrieb. Dylans eigene Erinnerung an das Treffen war, dass er mit einer offenen Haltung hineinging: «Ich war jedenfalls nicht zynisch. Ich stellte einen Haufen Fragen … wie: ‹Was heißt Sohn Gottes? Was bedeutet das überhaupt – für meine Sünden sterben?›» In seinen Songs hatte er solche Fragen mindestens seit «Long Ago, Far Away» von 1962 gestellt; besonders eindrücklich in «Sign On The Cross», seinem Meisterwerk von 1967, in dem er einen reuigen Sünder schilderte, der befürchtet, an der Himmelspforte feststellen zu müssen: «The door it might be closed.»

Im Januar 1979 blieb die offene Tür in diesem Dichtergeist nicht lange offen. Und nachdem sie sich geschlossen hatte, blieb sie für einige Zeit zu. 1984 beantwortete Dylan die direkte Frage, ob er immer noch «buchstäblich an die Bibel» glaube, mit «Ja». Und auf die Frage, ob das Alte und das Neue Testament «gleichermaßen gültig» seien, sagte er, für ihn sei das der Fall. Auch zwei Jahre später noch bestand er auf einer buchstäblichen Auslegung des ewigen Wortes:

Bob Dylan: Für mich gibt es kein Rechts oder Links. Es gibt Wahrheit, und es gibt Unwahrheit, weißt du? Es gibt Ehrlichkeit, und es gibt Heuchelei. Schau in die Bibel: Da findest du nichts über Rechts oder Links. Andere Leute denken vielleicht anders darüber, aber ich nicht, denn so schlau bin ich nicht. Tut mir leid, dass ich den Leuten immer die Bibel um die Ohren haue, aber sie ist das einzige Werkzeug, das ich kenne, das Einzige, was wahr bleibt. (1986)

Etwas hatte sich verändert. Und während Dylans Wahrheitssuche ihn bisher durch viele Häuser geführt hatte, war die Vineyard Fellowship ein evangelikales Haus Gottes, mit Betonung auf evangelikal. Für die Mitglieder des Vineyard war das nicht dasselbe wie Fundamentalismus. Wie David Mansfield sagt: «Es war genauso leidenschaftlich wie das, was in fundamentalistischen Kreisen vor sich geht, aber kulturell kam es aus der völlig entgegengesetzten Richtung.» Eine Unterscheidung, die – nicht ganz ohne Grund – von allen Nichtgläubigen und von etlichen Gläubigen übersehen wurde. Um John Green, den Verfasser von Religion and the Culture Wars, zu zitieren:

Fundamentalisten neigen dazu, die Bibel wörtlich zu lesen. Viele Evangelikale lesen sie im Grunde nicht wörtlich. Sie sind offen für das Verständnis, dass es in der Bibel Metaphern und Poesie gibt. … Nur: Die Wahrheit, die sich in diesen Metaphern und dieser Poesie ausdrückt, die ist irrtumslos.

Der springende Punkt bei der Art und Weise, wie die Vineyard-Pastoren die Bibel auslegten – die viel dazu beitrug, Dylan von der Vorstellung der Gemeinde davon, «wer Jesus ist», zu überzeugen –, war der radikale Gedanke, dass die Prophezeiungen im Buch der Offenbarung kurz davor standen, historische Wirklichkeit zu werden.

Unabhängig davon, ob er schon bei diesem ersten Besuch davon hörte oder erst später mit dieser sonderbaren Eschatologie in Berührung kam: Dylan hatte sich einer besonders ungestümen Form des Christentums angeschlossen.

Wie David Mansfield ergänzt, war ein weiteres wichtiges Verkaufsargument gegenüber der Popikone die Tatsache, dass «ein großer Teil der Gemeinschaft in dieser Gemeinde die Musik war». Das war natürlich attraktiv für einen Mann, der später behaupten würde: «Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. … Ich hänge nicht an Rabbis, Predigern, Evangelisten. … Ich habe mehr von den Songs gelernt als von allen derartigen Gebilden.»

Doch fürs Erste war Dylan in der Hand von «Rabbis, Predigern und Evangelisten»! Und obwohl er nie wirklich praktizierender Jude gewesen war, waren es die Ersteren, die sich schon bald gegen den Gedanken sträubten, einen der Ihren verloren zu haben.

Helena Springs erinnerte sich später: «Die Leute waren sauer auf ihn, die jüdischen Leute waren [besonders] sauer auf ihn, weil er Christ wurde. [Für ihn] war es so, dass er sich mit dem Christentum auseinandersetzte.»

Sobald diejenigen, die ihm am nächsten standen, von der Veränderung erfuhren, wuchs der Druck auf ihn enorm an. Dave Kelly, ein Musikerkollege und ebenfalls gläubiger Christ, erinnert sich gut an «den Druck, den seine Mutter auf ihn ausübte, sich diesen hochrangigen Rabbis aus dem orthodoxen Judentum zu fügen – es war wie ein Krieg, was da ablief».4

Kelly zufolge gab es eine konkrete Gelegenheit, wahrscheinlich Anfang 1980, bei der «drei oder vier Rabbis, darunter [das Oberhaupt der Lubawitscher Bewegung] Rebbe Menachem Schneerson, … auftauchten. … Sie meinten, er habe sich die Zeit genommen, das Christentum zu studieren. … Ihr Standpunkt also … war, dass er ihrer Meinung nach nun auch ihnen eine Chance geben sollte.»

Dylan mag anfänglich den Eindruck erweckt haben, auf diese Sendboten einzugehen, wie es seine Art war. Jedenfalls erinnert sich sein PR-Agent Paul Wasserman: «[Zu] dieser Zeit … waren da etliche sehr religiöse Juden im Hintergrund, die … Zeit mit ihm verbrachten. … Dylan studierte auch die Thora mit ihnen. … Er schottete sich gegen nichts ab.»

Doch vorläufig war ihr Ringen vergeblich. Der Vineyard hatte Dylan mit Beschlag belegt und hatte nicht vor, ihn wieder loszulassen. Binnen weniger Wochen – oder vielleicht nur weniger Tage – hatten sie ihn davon überzeugt, sich bei einer Jüngerschaftsschule ihrer speziellen Form der Bibellehre zu unterziehen. Vielleicht dachte er, das würde eine ähnliche Wirkung haben wie die Malereischule, die er 1974 für drei Monate besuchte und die entscheidend dazu beigetragen hatte, Blood On The Tracks zu erschließen:

Bob Dylan: Ich ging auf die Bibelschule in einem Anbau einer Gemeinde draußen im Valley in Reseda, Kalifornien. Sie war ein Arbeitszweig der Gemeinde. (1985)

Bob Dylan: Zuerst sagte ich: «Ich kann unmöglich drei Monate dafür aufwenden. Ich muss bald wieder auf Tournee.» Aber eines Tages lag ich schlafend im Bett, setzte mich um sieben Uhr morgens auf und hatte den Drang, mich anzuziehen und zu der Bibelschule zu fahren. (1980)

Larry Myers: