Sasha Wasley
Outback Kiss.
Wohin das Herz sich sehnt
Roman
Aus dem Australischen von Veronika Dünninger
Knaur e-books
Sasha Wasley wurde im australischen Perth geboren. Sie ist Möchtegern-Farmerin und hegt eine große Leidenschaft für Tiere und die Natur. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Töchtern lebt sie in einer Weinregion in der Nähe von Perth.
Die australische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »True Blue« bei Penguin Random House Australia.
© 2019 der eBook-Ausgabe Knaur eBook
Copyright © Sasha Wasley 2018
First published by Penguin Random House Australia Pty Ltd, Australia. This edition published by arrangement with Penguin Random House Australia Pty Ltd
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Sabine Thiele
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung: shutterstock.com
ISBN 978-3-426-45356-8
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Für Trevor, meinen ganz persönlichen schlauen, witzigen, freundlichen Iren.
Dieser Himmel …
Die Farbe des Himmels von Kimberley hatte irgendetwas an sich, das jedes Mal einen freudigen Schauer durch Free jagte, wenn sie nach Hause nach Paterson Downs fuhr. Es war ein seltenes, außergewöhnliches Blau. Wie konnte irgendetwas so strahlend, rein und vollkommen sein?
Sie prägte sich den Farbton ein, versuchte, ihn im Kopf abzuspeichern, um ihn später auf der Leinwand nachbilden zu können. Es war ihr nicht ein einziges Mal gelungen, nicht in einem Jahrzehnt des Malens.
Unter ihr verlief der Herne River, dunkelrot umrandet wie ein schmerzerfülltes Auge, das die Welt darüber spiegelte. Free schoss drei Fotos mit ihrem Handy, dann begutachtete sie sie auf dem Display. Zwei waren nicht besonders interessant, aber das dritte hatte einen aufflammenden Sonnenstrahl in dem plätschernden Wasser über einem Felsen eingefangen – ein Stroboskopblitz auf der blauen Oberfläche des Flusses. Free kletterte die Flussböschung hoch und stieg wieder in ihren Wagen. Sie blieb noch ein paar Minuten am Straßenrand sitzen, während sie das Foto auf Instagram hochlud und eine Bildunterschrift tippte.
Tag 197 meines #Herne365-Projekts. Der Herne River an einem perfekten Tag in Kimberley, mit einem Schuss Sonnenschein. #NoFilter
Sie fuhr zurück auf die Herne River Road. Oh, dieser Himmel! Free starrte ihn durch die Windschutzscheibe an, während sie fuhr, verlor sich in seiner riesigen, stillen, wolkenlosen Schönheit über den goldbraunen Schluchten.
Ein anderes Blau weckte ihre Aufmerksamkeit – blaue Lichter, die im Rückspiegel blinkten.
»Ohhh«, stöhnte Free. »Oh, nein.«
Sie sah auf den Tacho, während sie leicht auf die Bremse trat. Siebenundneunzig, und hier waren einhundert erlaubt. Sie war angeschnallt – deshalb war sie schon mal erwischt worden. Nicht weil sie absichtlich das Gesetz missachtete; eher, weil sie den Kopf im Allgemeinen voll mit Dingen hatte, zu denen Anschnallen nicht gehörte. Oder Parken innerhalb der Markierung. Auch dafür war sie schon einmal verwarnt worden.
Free fuhr an den Straßenrand und stellte den Motor ab. Sie hielt es nicht aus, im Wagen sitzen zu bleiben, daher schwang sie die Tür auf und stieg aus. Sie kaute auf ihrer Lippe, während der Polizist aus seinem Fahrzeug stieg. Er trug eine Sonnenbrille, und als er näher kam, sah sie, dass er jung, aber trotzdem riesig war – breitschultrig und sehr, sehr groß. Sie schrumpfte an ihrem kleinen weißen Wagen zusammen.
»Ähm, hi«, rief sie, als er in Hörweite kam.
Er trat schweigend näher, genau auf sie zu, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm hochzusehen. Ihr Herz hämmerte.
Dann nahm er seine Sonnenbrille ab, und sie sah ein Paar freundliche braune Augen. »Guten Tag, Miss.« Seine Stimme war warm, und Free lehnte sich erleichtert gegen den Wagen.
»Habe ich irgendwas falsch gemacht? Es tut mir so leid.«
»Nicht in dem Sinn. Uns ist nur aufgefallen, dass Ihr Kofferraum halb offen ist. Sie haben dort hinten auf der Straße irgendetwas verloren.«
»Oh, Scheiße! Ich habe im Kofferraum nach meiner Kamera gesucht, um ein Flussfoto für meinen Instagram-Account zu schießen, aber dann ist mir klar geworden, dass ich sie zu Hause gelassen habe, daher musste ich sowieso mein Handy benutzen. Ich mache gerade ein Projekt über den Fluss, ein Bild pro Tag.«
Der Typ beobachtete sie schweigend. Oh, Gott, ich schwafele. Free stürzte hinter den Wagen, um nachzusehen. Na klar, der Kofferraum stand halb offen, die Haube schwankte noch immer leicht. Sie drückte sie etwas weiter auf und überprüfte den Inhalt.
»Oh, nein!«
Er stellte sich zu ihr. »Was denn?«
»Der Schleier für den Junggesellinnenabschied. Und – oh, Gott – die Trinkhalme sind auch weg.« Sie sah auf. Bei seiner teilnahmsvollen Miene fühlte sie sich gleich besser. »Ach, na ja. Dann werde ich wohl zurückfahren und sie suchen müssen.«
Er musterte sie mit diesen warmen, intelligenten Augen, und ihr Puls schlug einen Takt schneller. Wie konnte es sein, dass ihr dieser Typ in Mount Clair bis jetzt noch nie aufgefallen war? Vielleicht war er aus Roeburke und hierher abgeordnet, oder wie immer man das nannte.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er.
Sie lächelte dankbar. »Würden Sie das tun? Ich kann nicht glauben, dass ich den Kofferraum nicht richtig zugemacht habe. Ich bin ein solcher Idiot.«
»So was kommt vor«, meinte er. »Ich habe ein paar Hundert Meter weiter hinten ein paar Sachen herausfliegen sehen. Springen Sie in den Wagen, dann werden wir sehen, ob wir sie finden können.«
»Sie sind eine Wucht, Detective …« Sie sah auf sein Namensschild. »Kelly.«
»Constable.« Er grinste. »Nennen Sie mich einfach Finn.«
»Finn!« Free war entzückt. »Wie der gutmütige irische Riese!«
Sein Lächeln schwand. »Was?«
»Sie wissen schon, die Legende von Finn McCool, dem freundlichen irischen Riesen. Ich habe in Dublin von ihm gehört. Sie sind ein Riese, und Sie scheinen gutmütig …«
Finn schwieg, und Free brach ab, in der Hoffnung, dass sie ihn nicht beleidigt hatte. Sie erreichten den Polizei-Geländewagen, und Finns Beifahrer fuhr sein Fenster herunter.
»Freya Paterson. Ich hätte es mir denken können.«
»Briggsy!« Free sah zwischen Finn und Sean Briggs, der keine Uniform trug, hin und her. »Oh! Bist du auf dem Weg nach Quintilla zu Toms Junggesellenabschied?«
»Ja. Kelly hier ist mein Chauffeur, da ich vorhabe, heute Abend verantwortungsbewusst ein paar Gläser zu trinken.« Briggsy zwinkerte.
»Oh, mein Gott, das ist ja so witzig. Ich habe eben noch ein paar Sachen für Willows Brautabschiedsparty besorgt. Es soll eine Überraschung sein. Willow wollte das eigentlich gar nicht, daher überrumpeln wir sie damit.« Sie setzte sich auf die Rückbank. »Finn hat gesagt, wir könnten rasch nach den Sachen suchen, die ich verloren habe.«
Briggsy verdrehte die Augen. »Du kannst es nicht lassen, was, Kelly? Musst einer Dame in Nöten beistehen. Aber macht schnell. Ich will nicht zu spät kommen.«
Finn wendete den Wagen mit knirschenden Reifen und fuhr die lange, gerade Straße zurück. »Wonach genau suchen wir?«, fragte er.
»Einem weißen Schleier, der an einem silbernen Plastikkrönchen befestigt ist, mit einem L für Lernführerschein drauf«, antwortete Free. »Und ein paar Trinkhalmen, die so geformt sind wie …« Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, was sie um ein Haar gesagt hätte.
Briggsy warf einen wissenden Blick über die Schulter. »Scherz-Trinkhalme für einen Brautabschied? Ich glaube, ich weiß, wonach wir suchen.«
Free wand sich innerlich, während Finn versuchte, sich das Lächeln zu verbeißen.
Den Schleier fanden sie schnell. Er hatte sich an einem Stacheldrahtzaun verfangen, silbernes Plastik glitzerte im Sonnenschein, und Tüll bauschte sich in der kräftigen Brise. Finn fuhr an die Seite, und Free sprang hinaus, um den Schleier aus den Metallstacheln zu entwirren. Sie inspizierte das Netzgewebe. Ein großes Loch und ein paar Risse.
»Wenigstens ist er am Paterson-Downs-Zaun hängen geblieben«, bemerkte sie, als sie wieder in dem Geländewagen saß. »Das ist doch eigentlich sehr passend. Vielleicht kann ich Willow ja sogar überreden, ihn zu tragen, wenn ich ihr die Geschichte erzählt habe.«
Aber von den Trinkhalmen fehlte jede Spur, und nach ein paar Minuten vergeblicher Suche mussten sie aufgeben.
»Irgendein Lastwagenfahrer wird sie morgen vermutlich an seinem Kühlergrill finden«, bemerkte Finn.
»Oh, großer Gott, bloß nicht«, erwiderte Free. »Ich hoffe, sie sind nicht in dem armen Fluss gelandet. Und ich hoffe, sie werden nicht von einem Kind gefunden! Sie sind wirklich geschmacklos, aber ich wollte Willow zum Lachen bringen.«
»Sag ihr einfach, du hattest ein paar Cops darauf angesetzt, deine Pimmel-Trinkhalme zu finden«, lautete Briggsys Kommentar. »Das dürfte ihr ein Lächeln entlocken.«
Free kicherte. »Danke, Jungs.«
Sie fuhren sie zurück zu ihrem Wagen, und Finn stieg aus und begleitete sie zur Fahrerseite.
»Beeil dich, Kelly!«, rief Briggsy. »Ich verliere hier wertvolle Trinkzeit.«
»Gehst du auch zu Toms Junggesellenabschied?«, fragte Free Finn.
»Nein, ich bin nur der Fahrer.« Er musterte sie. »Und du bist also eine Brautjungfer?«
Auf einmal fühlte sie sich verlegen. Seine Augen – sie waren so wundervoll sanft und freundlich, aber mit einem Funkeln, das deutlich sagte, dass ihm gefiel, was er sah. Und er war so verdammt groß.
Sie erinnerte sich, dass sie antworten musste. »Ja, Willow ist meine Schwester.« Sie wies auf die Weite aus Rot und Grün jenseits der Zaunlinie, auf der Rinder als Punkte in der Ferne zu sehen waren. Paterson Downs in der späten Regenzeit. »Das ist unser Zuhause.«
Finns Blick folgte ihrem Zeigefinger, wobei er seine Augen mit einer Hand vor der Sonne schützte. »Wow. Das muss fantastisch sein. Ich bin ein Großstadtjunge, daher weiß ich absolut nichts über das Leben auf einer Farm.«
»Dann wurdest du für eine Weile aufs Land abkommandiert, nehme ich an? Aus Perth?«
Finn nickte.
»Wahrscheinlich kannst du es kaum erwarten, in die Großstadt zurückzukehren.«
Seine Stirn furchte sich. »Warum sagst du das?«
»Na ja, hier ist es irgendwie langweilig, oder?«, antwortete sie. »Die kriminellen Machenschaften in Mount Clair beschränken sich doch sicher hauptsächlich auf Kneipenschlägereien und Trinken in der Öffentlichkeit. In der Großstadt hättest du Morde und organisiertes Verbrechen, Drogendeals, Wirtschaftskriminalität. Das wäre doch bestimmt interessanter, oder? Glamouröser.«
Finns Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Mount Clair wird von Tag zu Tag interessanter.«
Free musterte ihn eingehend von Kopf bis Fuß. Als ihr Blick zu seinen Augen zurückkehrte, war sein Gesicht gerötet. Hoppla.
»Wie lange bist du schon in der Stadt?«, fragte sie, als hätte sie ihn nicht unter die Lupe genommen. »Nicht lange?«
»Seit November.«
»Ah, jetzt ist alles klar.«
»Was ist klar?«, fragte er.
»Na ja, ich bin sicher, du wärst mir in der Stadt aufgefallen, wenn du schon eine Weile hier wärst. Du bist so groß und …« Free brach ab, bevor sie gutaussehend sagen konnte, aber dann fiel ihr nichts anderes ein, um ihn zu beschreiben. Das Wort heiß schoss ihr durch den Kopf. »Groß.«
Seine Augenbrauen schossen hoch. »Hast du eben gesagt, ich bin groß und groß?«
»Na ja, du bist ja auch ziemlich groß.« Sie lächelte tapfer.
Finn platzte mit einem Kichern heraus, das in Anbetracht seiner Größe verblüffend jungenhaft war. Sie fiel mit ein.
»Kelly!«, brüllte Briggsy. »Beweg deinen Arsch zurück hierher!«
»Komme schon, Sarge! Tut mir leid – muss los.« Trotzdem rührte sich Finn nicht vom Fleck. »Vielleicht sehen wir uns bald mal wieder?«
»Ja! Und danke noch mal für deine Hilfe.«
Er sprintete zurück und verschwand in seinem Fahrzeug. Finn winkte, als sie an ihr vorbeifuhren, und Free lenkte ihren Wagen lächelnd wieder auf die Straße. Trotz ihrer ganzen kleinstädtischen Berechenbarkeit ging doch nichts über die Großzügigkeit der Leute in Mount Clair. Sie war beeindruckt von Constable Finn Kelly. Obwohl er noch nicht lange in der Stadt lebte, verstand er die ländliche Freundlichkeit schon jetzt.
Und er war so … groß.
Sie kehrte zur zulässigen Höchstgeschwindigkeit zurück. Die Scherz-Trinkhalme waren kein großer Verlust, und Free konnte ihre Aufregung kaum noch im Zaum halten, während sie die letzten paar Hundert Meter zum Farmhaus fuhr. Sie öffnete die Wagentür. Willow würde so überrascht sein …
Die Fliegentür flog mit einem Knall auf. »Wo bleibst du denn?« Beth kam mit großen Schritten über die Kiesauffahrt auf sie zu. »Alle anderen sind schon da.«
Free stürzte um den Wagen zum Kofferraum und klappte ihn auf. Sie raffte so viele von den Brautabschiedssachen zusammen, wie sie konnte. »Habe ich die Überraschung verpasst?«
»Natürlich hast du sie verpasst.«
»Scheiße. Hat Willow sich gefreut? Ich lag eigentlich gut in der Zeit, aber dann hatte ich auf der Fahrt hierher ein kleines Problem.«
Sie wollte Beth gerade die Geschichte mit den Pimmel-Trinkhalmen erzählen, aber ihre älteste Schwester hatte sich bereits einige Sachen aus dem Kofferraum geschnappt und war auf dem Weg zum Haus. Beth warf einen Blick zurück.
»Du hast den Kofferraum offen gelassen«, rief sie. Free ging noch einmal zurück, um ihn zu schließen.
Im Haus war ihr Vater am Küchentresen damit beschäftigt, Champagnergläser nachzufüllen. Er sah auf, als sie hereinkam.
»Wie geht’s meinem Mädchen? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!«
»Entschuldige, Dad. Ich musste unbedingt anhalten, um ein Flussfoto zu schießen.«
»Gut so. Dieser Staudamm ist allmählich nicht mehr lustig. Ich habe mich neulich mit Horrie Blackwell unterhalten. Er glaubt, jede Menge tote Fische gesehen zu haben, die in dem Wasser hinter der Baustelle treiben.«
»Oh, nein! Was ist mit ihnen passiert?«
»Wenn ich das wüsste. Es wird dieses Dreckszeug sein, das von dem Staudammbau ins Wasser geleitet wird, würde ich sagen.«
Sie stöhnte auf. »Warum unternimmt denn niemand etwas dagegen? Das muss gestoppt werden.«
»Free!«, zischte Beth, die in diesem Augenblick in die Küche sah. »Kommst du oder was?«
Free stürzte ins Wohnzimmer. Ein paar Frauen aus der Stadt saßen dort mit Willow zusammen. Free sah Kate – die Freundin von Sergeant Sean Briggs – und zwei andere Frauen, die sie dem Gesicht, aber nicht dem Namen nach kannte.
»Free!«
Willow sprang auf und kam auf sie zu, und Free begrüßte sie mit einer innigen Umarmung. Sie lehnte sich zurück, um ihre Schwester zu mustern. Free bewunderte Willows praktisch veranlagte, fleißige Art und diese leicht verletzlichen dunklen Augen.
»Ich kann nicht glauben, dass du und Beth das getan habt.« Willow klang schon jetzt ein bisschen beschwipst. Sie zog Free zu dem Kreis von Frauen im Wohnzimmer, die ihr einen Willkommensgruß zuriefen. »Kennst du Kate, Karlia und Bec?«
Free umarmte alle. Diese Frauen waren in den letzten Monaten zwangsläufig Willows Freundinnen geworden, da sie die Freundinnen von Toms Kumpels waren. Beth schwirrte durchs Zimmer und baute die Spiele und Preise auf, die Free gekauft hatte. Willow schob Free ein Glas Schampus hin, während sie sich zu der Gruppe setzte.
»Ich bin Briggsy begegnet, als er gerade auf dem Weg nach Quintilla war«, berichtete sie Kate.
Diese verdrehte die Augen. »Er wird in fünf Minuten abgefüllt sein und ein rührseliges, liebevolles Häuflein Elend, bis ich ihn später sehe. Hat er jemanden gefunden, der ihn hinfährt?«
»Ja, der neue Constable – Finn.« Free lächelte bei der Erinnerung an diese freundlichen braunen Augen.
Karlia stieß einen Pfiff aus. »Constable Finn Kelly. Der kann mich jederzeit in Handschellen legen und mich hinten in seinen Gefangenentransporter werfen. Du bist Single, Free – du solltest dein Glück versuchen.«
»Ja, gönn dir ein bisschen Spaß mit Finn, Mädchen«, fiel jetzt auch Kate mit ein. »Er ist nicht nur heiß, er ist auch mit Abstand der netteste Typ, dem ich je begegnet bin. Verdammt, wenn ich nicht mit Sean zusammen wäre, würde ich selbst mein Glück versuchen, scheiß auf den Altersunterschied.«
»Ich habe Phoebe gesagt, sie sollte ihn sich angeln«, meinte Karlia.
»Da ist Sean bereits dran«, informierte Kate sie. »Der Kuppler plant jetzt schon seit Wochen, Phoebe und Finn zu verbandeln. Er muss Phoebe nur noch dazu überreden. Nach dem Blind Date mit Tom hat sie Angst vor seinen Kupplerdiensten.«
Beide warfen einen Blick auf Willow. Ihre Wangen waren ein wenig gerötet, aber sie lächelte.
»Ja, die Nummer habe ich Phoebe wohl vermasselt.«
Kate kicherte, sobald sie sah, dass Willow nicht eingeschnappt war. »Ich glaube, es war Tom, der ihr die Nummer vermasselt hat. Es war ziemlich offensichtlich, dass Toms Gedanken an dem Abend überall, nur nicht bei Phoebe waren.« Sie stieß Willows Knie sanft an. »Aber es hat sich doch alles zum Besten gewendet. Und vielleicht wird die arme alte Pheebs mit dem freundlichen Constable Finn ja mehr Glück haben.«
Die Erwähnung von Finns Freundlichkeit erinnerte Free an die Rettung des Schleiers, und sie sprang auf, um ihn von dem Haufen zu holen, an dem Beth sich zu schaffen machte. Sie arrangierte ihn auf Willows Kopf, wobei sie die Stacheldrahtlöcher geschickt verbarg.
»Wie sehe ich aus?« Willow nahm eine sittsame Haltung ein, und Free war verblüfft, wie schön und aufrichtig glücklich ihre Schwester aussah, selbst mit dem albernen L an dem Krönchen.
»Umwerfend«, lautete ihr tief empfundenes Urteil. »Beth, komm und sieh dir das an. Sieht Willow nicht umwerfend aus?«
Beth trat an Frees Seite und musterte Willow. »Und ob sie das tut.«
»Weint ihr zwei etwa?«, fragte Willow, deren eigene Augen ebenfalls verräterisch glänzten.
Free weinte tatsächlich. Ebenso wie Beth. Und dann brachen sogar Kate und die anderen Frauen in Tränen aus.
»Oh, Gooott«, stöhnte Willow, während sie sich die Augen wischte. Sie schnappte sich ihr Glas und nahm einen kräftigen Schluck. »Keine Tränen! Bitte!«
»Stellt euch bloß vor, wie es uns bei der eigentlichen Hochzeit gehen wird«, stieß Free hervor.
»Ein Spiel!« Beth wischte sich mit einem Arm die Augen. »Das brauchen wir jetzt.«
Sie scharte die Frauen um sich und versorgte jede mit ihrem eigenen kleinen Papp-Penis, um sie auf das Poster eines schmachtend blickenden männlichen Models zu heften, das sie mit Klebemasse an der Wand befestigt hatte.
Das musste Free Beth lassen. Sie wusste, wie man eine Party rettete.
Nicht schlecht«, bemerkte Beth, während sie einen Blick in die Küche von Frees Unterkunft in Mount Clair warf. »Sieht jedenfalls sauber aus.« Sie öffnete den Kühlschrank. »Na ja, größtenteils.«
»Sieh dir das an!« Free winkte sie ins zweite Schlafzimmer. »Das hier wird mein Studio sein.«
Beth nickte und warf einen zweifelnden Blick auf den Teppichboden. Auf einmal zuckte sie zusammen und kreischte auf, aber als Free hinzutrat, um zu sehen, was sie so erschreckt hatte, war es nur eine getigerte Katze, die den Flur hinunterschlich.
»Hallo!« Free bückte sich, um ihr den Kopf zu streicheln, und sie schnurrte laut. »Er ist hinreißend. Ich frage mich, wem er gehört.«
»Ein Straßenkater vielleicht.« Beth starrte das Tier leicht angewidert an. »Ich hoffe, er hat keine Flöhe.«
»Er sieht sauber und gut genährt aus. Die Hintertür steht offen, er ist also wohl von selbst hereingekommen.«
Der getigerte Kater war ein Schmuser. Er rieb sich so glückselig an Frees Hand, dass sie ihn auf den Arm nahm und sein Kinn kraulte.
»Wie heißt du denn?«, fragte sie ihn. Der Kater stieß ein Miauen aus, das fast wie ein Wort klang. »Hast du das gehört? Er hat ›Max‹ gesagt!«
»Vielleicht gehört er den Leuten nebenan«, überlegte Beth.
»Möglich. Oder vielleicht gehört er zum Haus dazu. Schließlich ist es vollständig möbliert.« Free grinste.
Beth musterte sie. »Weißt du, du musst nicht hier leben. Du könntest bei mir wohnen. Ich habe Platz. Mein Haus ist größer – und hübscher.«
Free setzte den Kater auf dem Boden ab. Wie könnte sie Beth erklären, dass sie in einer staatlichen Unterkunft – in dieser Doppelhaushälfte – und nicht in dem gemütlichen Haus ihrer Schwester in der guten Gegend von Mount Clair leben wollte? Die Doppelhaushälfte gehörte zu ihrem Job, war Teil des Künstlerstipendiums an der Highschool, das für Free etwas ganz Besonderes war. Es war der erste richtige, wichtige Job, den sie je gehabt hatte. Beth, die fast seit dem Tag, an dem sie ihr Medizinstudium abgeschlossen hatte, ihre eigene Arztpraxis in der Stadt führte, würde das nicht verstehen.
»Es ist alles unter Dach und Fach.« Free bemühte sich um einen beiläufigen Ton. »Und die Doppelhaushälfte liegt so nah bei der Schule. Ich könnte zu Fuß gehen, wenn ich wollte. Ich werde es eine Zeit lang ausprobieren und sehen, wie es mir gefällt.«
Beth zuckte die Schultern. »Wie du willst. Mein Angebot steht.«
»Danke, Beth.«
Der Kater stieß wieder dieses abgehackte Miauen aus, und Free kicherte. »Es ist so cool, dass er seinen eigenen Namen sagt. Wirst du bleiben, Max?«
Der Kater sprang auf den Teppich und begann, sich zu putzen.
»Ich nehme nicht an, dass er irgendwohin gehen wird«, meinte Beth. »Hoffentlich ist er stubenrein.«
Free war optimistisch. »Katzen sind immer stubenrein. Das ist ihr Instinkt.«
Willow hatte einen Pick-up und zwei Farmhelfer von Paterson Downs organisiert, um Free bei ihrem Einzug zu unterstützen. Beth half, Frees Sachen auszuladen, dann winkten sie den Jungs zum Abschied zu, und Beth begann, einen Karton mit ausrangierten Sachen von Patersons auszupacken.
»Du hast überhaupt kein zusammenpassendes Besteck«, rief sie, während Free einen Karton mit Kunstutensilien in ihr neues Studio schleppte.
»Ja, das ist schrill«, rief Free zurück. »Schick. Die Antiquitätenläden in Perth verlangen ein Vermögen für bunt zusammengewürfeltes Besteck.«
»Ja, aber das ist dann stilvoll. Nicht von IKEA und Kmart.«
Free zuckte innerlich die Schultern. Wer hatte in ihrem Alter denn zusammenpassendes Besteck? Sie kämpfte mit ihrer großen Staffelei, hielt sie mit einem Knie und einer Hand auf, während sie mit der anderen die Schraubenmutter festzog. Als sie ihr neuestes Werk an der Staffelei befestigte, bemerkte sie eine verschmutzte Ecke.
»Mist«, murmelte sie.
Es war noch immer ein bisschen nass. Vermutlich hatte das Bild auf der Fahrt einen Stoß abbekommen. Sie kramte einen Pinsel hervor und kratzte mit dem harten hölzernen Ende wieder Struktur in die Farbe. Hmm. Das war nicht ganz richtig. Sie öffnete eine Tube mit Schwarz und eine andere mit gebrannter Umbra und drückte ein paar Kleckse auf ihre Metallpalette, dann arbeitete sie wieder etwas Farbe in die Ecke, bis der Felsen besser aussah. Nicht perfekt, aber besser.
Der Himmel war noch immer falsch. Free trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn stirnrunzelnd. Egal, was sie tat, sie konnte dieses spezielle Blau einfach nicht nachbilden. Sie packte Gläser mit Öl und Terpentin aus und drückte einen Klecks himmelblaue Farbe zwischen kleinere Kleckse aller anderen Farben, die sie in die Finger bekommen konnte. Während sie den harten, frischen Geruch von Leinöl einatmete, mischte Free das Blau mit Weiß und Grün, fügte eine Spur Ocker hinzu. Hey, das sah gut aus. Noch mehr Ocker? Ein klein wenig Silber vielleicht? Free probierte die Farbmischung auf der Leinwand aus und trat mit angehaltenem Atem einen Schritt zurück.
Gott. Eine Katastrophe.
Sie seufzte und warf den Pinsel in dem Moment in das Terpentinglas, in dem Beth auftauchte. Ihre Schwester blieb abrupt stehen, und ihr Blick wanderte von Frees Staffelei zu dem Kater, der sich noch immer träge auf dem Teppich putzte.
»Im Ernst, Free? Du bist seit einer halben Stunde in deinem neuen Haus, und du hast schon jetzt eine Katze adoptiert und angefangen zu malen?« Beth stellte sich hinter Free, nahm ihre Arme und steuerte sie aus dem Studio. »Eins nach dem anderen, Mädchen. Auspacken.«
»Na super.«
»Ich muss los. Ich wollte ja bleiben und helfen, aber meine Vertretung hat gerade angerufen. Er hat einen Notfall und muss früher gehen.«
Free war erleichtert, was ihr prompt einen schuldbewussten Stich versetzte. »Schon gut, Bethie, geh nur. Vielen Dank, dass du mir heute geholfen hast.«
»Wenigstens deine Küche ist fertig, das heißt, du müsstest dir etwas zu essen machen können. Willow hat dir für den Anfang ein paar Dosen und andere Vorräte mitgegeben.«
Free umarmte sie. »Meine Schwestern sind die Besten.«
»Auf dem kleinen Tisch auf der Veranda stehen noch ein paar Sachen. Dein Drucker und noch ein Karton. Vergiss nicht, sie hereinzuholen.«
»Na klar.«
»Als Nächstes solltest du dein Badezimmer in Angriff nehmen«, empfahl ihr Beth, während sie nach ihrer Handtasche griff. Sie warf ihre langen Haare nach hinten, um sich den Lederriemen über die Schulter schlingen zu können, und musterte Free. »Bist du sicher, dass du hier klarkommst?«
»Natürlich! Ich bin in Nepal durch Gebirgsketten gewandert, Beth. Ich bin sicher, ich schaffe meine erste Nacht in Mount Clairs Lehrerunterkunft. Und Max wird mir Gesellschaft leisten.«
Beth murmelte zum Abschied leise irgendetwas von Straßenkatzen und Flohbefall. Free lehnte sich gegen das Geländer, das ihre Veranda von der ihres Nachbarn trennte, und winkte ihr zu, während das »Biest« mit knirschenden Reifen aus der Auffahrt fuhr, und ging dann zurück in ihr Studio. Max begrüßte sie mit einem abgehackten Miauen, und sie kraulte ihm die Ohren, während sie wieder auf den Himmel auf ihrem Gemälde starrte. Vielleicht ein klein wenig Gelb …
Die Sonne ging unter, als sie schließlich aus ihrer Versunkenheit wieder zu sich kam. Free streckte sich und stellte ihre Pinsel in das Terpentinglas. Irgendetwas hatte sie gestört. Da war ein Geräusch, wurde ihr bewusst – ein ungewohntes Geräusch, das durch die Wand kam. War das Musik? Ein Radio vielleicht. Es brach für einen Moment ab, dann setzte es wieder ein, lauter und näher diesmal. Gesang. Irgendjemand sang genau auf der anderen Seite der Studiowand.
Natürlich – das hier war eine Doppelhaushälfte. Nebenan wohnte sicher ein anderer Lehrer und teilte sich eine Wand mit ihrer Unterkunft. Free nahm ein leeres Glas, schlich durchs Zimmer und hielt es vorsichtig an die Wand. Sie legte ein Ohr an den Glasboden, genau wie sie es in Filmen gesehen hatte, und der Gesang wurde ein klein wenig klarer. Ihr wurde warm ums Herz. Wer immer das war, hatte eine entzückende Stimme, und er sang ein Lied, das sie einmal in Dublin gehört zu haben glaubte. Als sie am Rand des Stadtteils Temple Bar wohnte, war Free einmal in eine einheimische Kneipe geraten, in der Annahme, es sei ein gewöhnliches irisches Großstadtpub. Anfangs war sie unfreundlich empfangen worden, aber nachdem Free ein paar Pints Guinness bestellt und getrunken hatte, taute der Barmann schließlich auf, und sie kamen ins Gespräch. Bald hatte sich die Hälfte der Leute im Pub vorgestellt und bezog sie in ihre Unterhaltung und Lieder mit ein.
Während sie zuhörte und in Erinnerungen schwelgte, wurde ihr ganz warm – die gleiche Wärme, die sie jedes Mal verspürte, wenn sie auf Paterson Downs am Küchentisch saß und mit ihrem Vater Tee trank.
Sie sah lächelnd auf Max hinunter. Ich glaube, es wird mir hier gefallen.
»Ihr habt überhaupt keinen Grund, nervös zu sein.«
Die Leiterin des Fachbereichs Kunst der Highschool von Mount Clair hieß Jay Lincoln, eine rundliche kleine Frau mit einem schwarz-grauen Lockenschopf, auf dem ihre Brille ständig saß. Sie hatte wunderschöne große, dunkle Augen.
»Die Zehnt- und Elftklässler wollen sich mit Kunst beschäftigen. Sie sind nicht so wie die Schüler in der Unterstufe. Mit einigen von ihnen würdet ihr Schwierigkeiten bekommen.«
Aidan, der andere Künstler, der ein Stipendium für das Mosaikwandprojekt gewonnen hatte, rieb sich seine scharfe Nase. »Bei mir würden sie sich das nicht trauen.«
Jay lächelte höflich, und Free beeilte sich, die Anspannung aufzulockern.
»Hey, wenn ich das Bierzelt beim Viehtrieb-Festival von Mount Clair überlebe, halte ich es auch aus, dass mit Papierkügelchen nach mir geworfen wird«, meinte sie.
Jay lachte schallend auf. »Das berüchtigte Bierzelt! Hört zu, es sind im Grunde gute Kinder. Tatsächlich sind einige von ihnen unglaublich talentiert. Ein paar haben bei örtlichen Ausstellungen und darüber hinaus Preise gewonnen. Und überhaupt, sobald sie die neunte Klasse hinter sich haben, entscheiden sie sich bewusst für Kunst als Wahlfach. Das hier sind die Interessierten.«
»Puh«, sagte Free. »Das trifft sich gut, ich hätte nämlich keine Ahnung, wie ich irgendjemanden ›erziehen‹ sollte.«
Aidan ließ den Blick über das Studio schweifen, das makellos war nach dem Großreinemachen in den Sommerferien. Es war Free noch immer zutiefst vertraut, selbst nach neun Jahren Abwesenheit.
»Dafür sind wir ja sowieso nicht hier«, meinte Aidan. »Wir sind hier, um diese Kinder von unserem Wissen und unseren Fähigkeiten profitieren zu lassen. Wenn sie in meinem Unterricht frech werden, werden sie vor der Tür stehen, bevor sie ›Zeitverschwender‹ sagen können.«
Er lächelte sie an, aber Free empfand ein wenig Mitleid mit Aidan. Er musste auf eine Privatschule in der Großstadt gegangen sein, um ein solch begrenztes Verständnis davon zu haben, wie Teenager in Mount Clair tickten.
»Wenn irgendjemand Ärger macht, dann vielleicht, weil er oder sie persönliche Probleme hat«, wagte sie sich vor. »Probleme zu Hause oder so.«
»Na ja, dann kann er oder sie sich um seine oder ihre Probleme außerhalb meines Studios kümmern«, erklärte Aidan mit noch einem dieser coolen Lächeln.
Sein Selbstbewusstsein war erstaunlich. Jay zeigte auf eine dünne Frau mit kurzen grauen Haaren, die in diesem Moment eine Trocknungsmaschine durchs Klassenzimmer zerrte. »Das hier ist unsere Assistentin Inga, die schon seit Jahren bei uns ist. Sie wird euch mit den Materialien helfen, Ausrüstung organisieren, Sachen lagern und umräumen, Schaukästen aufbauen und was sonst noch so anfällt. Inga!« Sie winkte der Frau zu. »Das hier sind Free Paterson und Aidan Hamilton, unsere beiden Künstlerstipendiaten für das Mosaikwandprojekt.«
Sie tauschten einen Gruß, und Jay führte sie weiter und zeigte auf einen dunklen Türeingang. »Hier drin sind die Keramikmaterialien und der Brennofen.«
Sie führte sie in den Raum und schaltete das Licht ein. Free musterte die Ausstattung. Ein ziemlich großer, recht neuer Brennofen, und in einem kleineren Lagerraum befanden sich in Plastik verpackter Ton sowie Behälter mit Glasurchemikalien.
»Wir unterrichten zwei Sitzungen pro Woche, dazu ein Nachmittagskurs, richtig, Jay?«, erkundigte sich Aidan.
»Ja, zwei Kurse entweder mit den Zehnt- oder den Elftklässlern – ich werde euch jeweils einen Jahrgang zuweisen. Und dann kann einer von euch den Dienstagnachmittag übernehmen und der andere den Donnerstag. Da könnt ihr dann an den Fliesen arbeiten. Die Theorie und die Entwürfe können während der Unterrichtszeit behandelt werden. Das fügt sich gut in den Lehrplan ein. Aber die praktische Arbeit – das Modellieren und Glasieren – eignet sich besser für die Nachmittagskurse.«
»Ja, das klingt gut.« Free ging eine Kiste mit Farben durch. »Hoffentlich sind die Schüler bereit, über die reine Unterrichtszeit hinaus noch länger zu bleiben, damit wir ein paar der eher zeitaufwendigen Arbeiten erledigen können.«
Jay hatte bereits genickt und den Lagerraum wieder verlassen, aber Aidan sah in Frees Richtung. Er beugte sich zu ihr vor und sprach mit leiser Stimme.
»Dir ist aber schon klar, dass unsere Verträge lediglich eine Stunde pro Woche für die Nachmittagskurse vorsehen?«
»Ja, das weiß ich«, antwortete Free. »Aber wenn sie gewillt sind, ein bisschen länger zu bleiben, anstatt auf die Minute pünktlich zu gehen, werden wir viel mehr schaffen. Du weißt doch, wie es ist, wenn man mitten in der Arbeit aufhören muss.«
»Du wirst nur für die eine Stunde bezahlt. Keine Überstunden. Jay hat mir gesagt, dass das Stipendium vollständig für unsere Gehälter und das Material für die Fliesen ausgegeben wird.«
Free lachte. »Ich würde auch keine zusätzliche Bezahlung erwarten.«
Aidan hob die Augenbrauen, und sein Blick glitt über sie, aber er sagte nichts. Free folgte Jay ins Klassenzimmer.
»Morgen wird eine gute Gelegenheit sein, um euch mit der Ausstattung und dem Aufbau der Klassenzimmer vertraut zu machen«, erklärte Jay. »Habt ihr gelesen, was ich euch zu den Lernzielen geschickt habe?« Sie nickten beide. »Perfekt. Für die Lerninhalte bin ich verantwortlich, aber ich würde euch gern möglichst viel von der theoretischen und praktischen Arbeit übertragen. Dafür seid ihr schließlich hier – um euer Fachwissen zu teilen. Ich werde mich morgen mit jedem von euch zusammensetzen, um die Unterrichtspläne für das Quartal durchzugehen.« Jay hielt einen Moment inne. »Am Freitagabend treffen wir uns im Mounties. Das ganze Lehrpersonal. Ihr solltet auch kommen und alle kennenlernen, bevor das Quartal beginnt.«
Free nickte. »Klingt gut.«
Aidan kniff die Lippen zusammen. »Ich werde sehen, ob ich es einrichten kann. Ich nehme an einer Kunstausstellung teil und muss dafür noch an meinem Ausstellungsstück arbeiten. Diese Woche ist schon ziemlich ausgefüllt damit, dass ich heute und morgen hier sein und mich außerdem in meinem Haus einrichten muss.«
Jay schien nicht besonders beeindruckt. Sie lächelte Free warm an.
»Komm morgen gleich nach der Schule mit, wenn wir hier fertig sind. Wir sind ein netter Haufen, wenn man uns kennenlernt.«
»Mache ich«, erwiderte Free.
»Ich habe die Unterrichtspläne jetzt fertig und schicke sie euch dann«, sagte Jay, bevor sie in ihr Büro verschwand.
Free ließ den Blick durchs Klassenzimmer schweifen. Das hier war der Ort, an dem sie die glücklichsten Momente ihrer Highschoolzeit verbracht hatte. Ihr wurde warm ums Herz, während sie die vertrauten tiefen Mulden und laminierten Arbeitsflächen unter den mit Farbe bespritzten Fenstern in sich aufnahm. Draußen bauschten sich weiße Wolken vor dem blauen Himmel. Atemberaubend. Ultramarinblau und ungebrannte Umbra vielleicht? Oder Kadmium …
»Vermutlich sollten wir uns über unsere Unterrichtsstrategien für das Quartal austauschen«, schlug Aidan vor. »Hast du Zeit für einen Kaffee, wenn wir hier fertig sind?«
Free kehrte in die Gegenwart zurück. »Ähm, okay, ja. Aber ich habe eigentlich keine Strategie in dem Sinn. Ich hatte einfach vor, zu tun, was Jay mir gesagt hat.«
Einer seiner Mundwinkel wanderte nach oben. »Vielleicht könnten wir uns dann einfach ein bisschen besser kennenlernen, da wir schließlich das Quartal über zusammenarbeiten werden.«
Free war verwirrt. »Musst du nicht an deinem Beitrag für diese Kunstausstellung arbeiten?«
Aidan lachte leise. »Ich kann mir eine Stunde freinehmen.«
»Oh. Okay, wenn Jay uns hier nicht braucht, könnten wir rasch einen Kaffee trinken gehen. Aber ich muss mir den Lehrplan wirklich gut anschauen. Ich habe Angst, dass ich alles vermasseln werde.«
Beklemmung erfasste Free bei dem Gedanken ans Unterrichten. Sie musterte Aidans Gesicht, um zu sehen, ob er irgendwelche Anzeichen von Nervosität erkennen ließ. Schwer zu sagen. Sie war abgelenkt von seiner merkwürdig glatten Haut, den schmalen Lippen und den blassen, hervortretenden Augen. Es war fast, als ob sein brauner Pferdeschwanz sein Gesicht straff spannte. Wenn sie den Pferdeschwanz löste, würde sein Gesicht sich dann zu einer normalen, warmen, freundlichen Miene entspannen? Es juckte sie, es auszuprobieren.
»Klingt, als ob du eindeutig einen Kaffee brauchst«, sagte er mit einem raschen Lächeln. »Du schaffst das schon.«
»Ich hoffe es.«
»Lass uns zu Marcel’s Deli fahren, wenn wir hier fertig sind«, schlug er vor. »Ich lade dich auf einen Kaffee ein.«
Free war zu Fuß zur Arbeit gegangen, daher fuhr Aidan mit ihr zu Marcel’s, nachdem Jay ihnen gesagt hatte, sie seien für den Tag fertig. Sein Wagen war sauber und brandneu, die Farbe ein dunkles Silber. Er roch teuer.
»Normalerweise gehe ich nicht zu Marcel’s«, bemerkte sie.
Aidan blinkte rechts, wartete darauf, dass ein roter, schlammbespritzter Geländewagen vorbeirumpelte. »Warum nicht?«
»Galileo’s verwendet Bohnen aus fairem Handel, daher gehe ich meistens dorthin. Ich meine, seit meine Schwester mir beigebracht hat, was das heißt.«
»Der Kaffee bei Marcel’s ist ausgezeichnet«, entgegnete er.
»Oh, gut. Und sie verwenden Bohnen aus fairem Handel?«
»Es würde mich wundern, wenn nicht.« Aidan bremste unvermittelt und hupte eine junge Aborigine-Frau an, die mit zwei kleinen Kindern die Straße überquerte. Sie zeigte ihm den Mittelfinger, und Aidan seufzte.
»Einheimische«, murmelte er.
»Fahr besser ein bisschen langsamer«, meinte Free. »Auf der Hauptstraße sind immer viele Fußgänger unterwegs.«
»Unachtsame Fußgänger«, bemerkte er. »In der Großstadt würden sie plattgemacht werden.«
Er bog ein und parkte vor Marcel’s Deli.
»Oh, ich glaube, sie schließen gerade«, sagte Free, als sie sah, wie ein junger Mann ein Schild ins Café schleppte.
»Ich kläre das.« Aidan sprang aus dem Wagen und trat auf den Mann zu. Sie unterhielten sich kurz, und dann gab Aidan Free ein Zeichen, auszusteigen.
»Ist noch geöffnet?«, rief sie.
Aidan winkte noch einmal. »Josh macht uns noch einen Kaffee.«
»Seid ihr nicht dabei zu schließen?«, fragte sie den jungen Mann.
Er zuckte die Schultern. »Ist schon okay. Kommt rein.«
»Warum gehen wir nicht einfach zu Galileo’s, Aidan?«, drängte Free ihn. »Wenn Josh schließen will, sollten wir ihn nicht aufhalten.«
»Er hat absolut kein Problem damit«, erwiderte Aidan, und seine Stimme war so entschieden, dass Free nicht das Gefühl hatte, etwas dagegen einwenden zu können.
Sie stieg die Stufe hoch und betrat den rosa-braun gestreiften Deli mit den beleuchteten Vitrinen mit Croissants, Quiches und Pasteten.
»Einen Long Black, mit einem Schuss laktosefreier Milch«, rief Aidan Josh zu. Er sah Free fragend an.
»Äh, einen Flat White, bitte.«
»Und eine Auswahl Macarons«, ergänzte Aidan.
Sie setzten sich an einem winzigen Tisch auf harte Holzstühle.
»Also, wo kommst du her?«, fragte Aidan.
»Oh, ich bin ein Farmmädchen!«, antwortete Free. »Meine Familie hat eine Rinderfarm an der Herne River Road. Ich lebe bei meinem Dad und meiner Schwester Willow. Wir sind dabei, auf Biozertifizierung umzustellen.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Wirklich? Und davon kann man leben?«
»Ja, na ja, ich nehme es jedenfalls an.« Free schnitt eine Grimasse. »Ich weiß es eigentlich nicht so genau, aber ich nehme nicht an, dass Dad es Willow tun lassen würde, wenn es finanziell nicht okay wäre.«
Aidan schien das Interesse an dem Thema bereits verloren zu haben. »Ehrlich gesagt, meinte ich deinen künstlerischen Hintergrund.«
»Oh! Das ist nichts Besonderes. Ich habe an der Uni bildende Kunst studiert, und dann war ich ein bisschen auf Reisen. Habe ein paar kurze Kurse bei Keramikmeistern in Italien besucht. Ich mache hauptsächlich Ölgemälde, Kohlezeichnungen und Keramik.« Sie hielt einen Moment inne, in der Hoffnung, nicht anmaßend zu klingen. »Und du?«
»Ich habe an der Notre-Dame bildende Kunst studiert …«
»In Frankreich?«, unterbrach ihn Free aufgeregt.
»An der Universität von Notre-Dame in Perth.«
»Oh … natürlich.«
»Dann habe ich ein Stipendium gewonnen, um ein Kunstwerk für eine Unternehmenszentrale in Perth zu gestalten. Ich hatte zwei Gemeinschaftsausstellungen und eine Einzelausstellung. Ich mache hauptsächlich Skulpturen und abstrakte Werke, und mein bevorzugtes Medium ist Acryl.«
Er schwieg. Free war gedemütigt.
»Wow. Ich hatte noch nie eine Einzelausstellung. Das ist einfach fantastisch. Es ist so schwer, als Künstler erfolgreich zu sein. Ich bin beeindruckt.«
Josh brachte ihnen zwei Kaffees und einen Goldrandteller, der mit Macarons in verschiedenen bunten Farben beladen war.
»Danke!« Sie starrte auf die Gebäckstücke. »Das sieht ja köstlich aus!«
»Findest du immer noch, dass Galileo’s besser ist als Marcel’s?«, fragte Aidan lächelnd.
Josh sah Free verblüfft an, und sie wollte sich am liebsten unter dem winzigen Tisch verkriechen. »Das habe ich nie gesagt!«, verteidigte sie sich. »Ich habe nur gemeint, dass ich für gewöhnlich dorthin gehe. Aber ich werde eindeutig wieder hierherkommen.« Sie lächelte Josh zu, und er grinste rasch und besänftigt, bevor er sich entfernte.
»Probier mal das violette«, empfahl ihr Aidan.
Free hatte die Hand bereits nach dem Macaron ausgestreckt, das nach Kokos aussah, doch dann zögerte sie.
»Na los«, drängte er sie. »Das sind die besten.«
»Okay.« Sie nahm das runde Gebäckstück und kostete. Lakritz? Igitt, sie hasste Lakritz.
»Blaubeere«, erklärte Aidan selbstzufrieden.
»Ähm, das ist Lakritz.«
Er schüttelte den Kopf. »Eindeutig Blaubeere. Ich hatte neulich eins.«
Free war sich nicht sicher, was sie tun sollte. Es war auf jeden Fall Lakritz, aber Aidan war so stur. Und sie konnte das Macaron nicht aufessen – es schmeckte ekelhaft. Sie legte das violette Monstrum hin und wandte ihre Aufmerksamkeit ihrem Kaffee zu, während sie einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Exemplar mit Kokosgeschmack warf.
»Eine eigene Ausstellung muss toll gewesen sein«, bemerkte sie.
»Ja. Viel harte Arbeit, aber sie hat sich gelohnt.«
»Hast du viel verkauft? Das ist doch bestimmt das Beste an einer Ausstellung – ein paar Sachen loswerden, um ein bisschen Platz zu schaffen.«
Er zuckte die Schultern. »Ja, ich habe ein paar Stücke verkauft. Aber mich hat eher der öffentliche Auftritt interessiert – du weißt schon, um meine Marke zu entwickeln – als eventuelle Verkäufe. Der Markt ist im Moment sowieso tot, daher ist es wichtiger, in der Kunstwelt präsent zu sein, als Arbeiten zu verkaufen.«
»Du meinst, der Kunstmarkt ist tot?« Frees Stimmung sank ein wenig. Es war schon zu den besten Zeiten schwer genug, mit Kunst Geld machen zu wollen. Sie verdiente einen Hungerlohn mit dem Verkauf ihrer Werke. Ihr war kein Rückgang ihrer Umsätze bei einer örtlichen Galerie oder in ihrem Online-Shop aufgefallen, aber vielleicht hatte Aidan recht.
»Absolut«, erwiderte er. »Hoffentlich wird er jetzt, wo die konservative Regierung wieder an der Macht ist und die Wirtschaft sich erholen kann, wieder anziehen.«
Free war sprachlos.
»Unternehmenskäufer sind meiner Meinung nach die besten«, fuhr er fort. »Sie verstehen, dass Kunst bares Geld wert ist.«
»Ich glaube, ich habe noch nie irgendetwas an ein Unternehmen verkauft«, bemerkte Free. Sie nahm sich unauffällig das Kokosmacaron von dem Teller.
»Sie sind toll«, sagte Aidan und nippte an seinem Kaffee. »Sie zahlen gut, und sie wissen experimentierfreudige Werke zu schätzen.«
»Vielleicht bin ich für den Geschmack von Unternehmen nicht experimentierfreudig genug«, überlegte sie. Sie knabberte an dem Macaron. Oh ja, das war viel besser!
»Bist du bei sozialen Netzwerken?«, fragte er. »Wir sollten unsere Kontaktdaten austauschen.«
»Ja, du kannst mich unter ›Free Paterson‹ auf Instagram, Facebook, allen Seiten eigentlich, finden«, antwortete sie. »Oder such einfach nach dem Hashtag Herne365.«
Er legte die Stirn in Falten. »Was ist das denn?«
»Das ist ein Projekt, an dem ich arbeite. Ich poste ein Jahr lang jeden Tag ein Foto vom Herne River.«
»Warum?«
Free sprach um einen Mundvoll Kokosmacaron herum. »Ich liebe den Herne.«
»Jeden Tag ein Foto?« Aidan schlürfte seinen Kaffee. »Wird das nicht ein bisschen … eintönig?«
»Gott, nein! Der Fluss ist ständig anders. Es ist verblüffend. Sieh dir meine Fotos an. Du würdest nicht glauben, wie sehr sich der Fluss von Tag zu Tag verändert.«
»Ich werde mal nach dir suchen.« Aidan zückte seine Brieftasche, entnahm ihr eine Karte und reichte sie Free. »Hier sind meine Kontaktdaten, damit wir zusammenarbeiten können oder was auch immer.«
»Danke!«, erwiderte Free. Aidan schien so gewandt. Es war eine Erleichterung zu wissen, dass sie seine Unterstützung hatte. »Erzähl mir von deinem Beitrag zu dieser Kunstausstellung, den du erwähnt hast. Woran genau arbeitest du?«
Free musste sich noch eine ganze Stunde um den armen Barista sorgen, bevor sie endlich loskam. Aidan schlürfte seinen Kaffee langsamer als jeder, dem sie je begegnet war, während er ihr in allen Einzelheiten von seinem neuesten Acrylgemälde auf Leinwand erzählte. Er redete von Sujet und Farbe, Paradigma und Gegenüberstellung. Sie kannte all die Begriffe und Konzepte, aber seine Erklärung verwirrte sie. Er musste superschlau sein.
Free sah sich seine Arbeit im Internet an, und ihr fiel auf, dass er hauptsächlich auf sehr großen Leinwänden arbeitete, mit schreienden Farben und aggressiven Pinselstrichen über einem Hintergrund von Farbspritzern. Sie konnte wenig mit seinen Gemälden anfangen, aber der Typ war offensichtlich erfolgreich. Sie war gespannt darauf, das Endergebnis seines neuesten Werks zu sehen. Vielleicht würde er ja ein paar Farben oder Strukturen von Kimberley einfließen lassen, jetzt, wo er in der Region lebte.
Zu Hause fuhr Free ihren Wagen in die Garage und wuchtete das Rolltor herunter. Beth hatte ihr eingeschärft, hier in der Stadt auf ihre Sicherheit zu achten. Es sei nicht so wie auf Patersons, wo man nie irgendetwas abschließen musste. Der getigerte Kater wartete an der Haustür auf sie. Aufgeregt stieß er mehrere seiner witzigen kleinen Miaulaute aus.
»Hallo, Max«, säuselte sie zur Antwort. »Wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe, werde ich ein Katzenklo besorgen, damit du im Haus bleiben kannst, während ich in der Arbeit bin. Dann wird dir nicht so heiß. Komm rein und iss etwas.«
Max nahm ihre Einladung an, und sie stellte ihm einen Napf mit Futter hin. Free verbot es sich, ins Studio zu gehen, in dem Wissen, dass ihr gegenwärtiges Bild sie wieder ablenken würde. Stattdessen schleppte sie ihren Drucker von der Veranda ins Haus und stöpselte ihn ein. Sie wollte den Unterrichtsplan ausdrucken und sicherstellen, dass sie genau wusste, was von ihr erwartet wurde, bevor die Schule nächste Woche begann. Jay hatte ihnen mehrmals versichert, sie müssten sich keine Sorgen wegen des Lerninhalts machen; sie würde sie dabei anleiten. Free und Aidan sollten lediglich den Schülern helfen, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln, und sie mit der Theorie vertraut machen. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, das Mosaikprojekt zu leiten. Aber Free machte sich trotzdem Sorgen. Was, wenn sie es vermasselte? Was, wenn sie die Schüler versehentlich ablenkte oder verwirrte? Es könnte ihre Noten beeinträchtigen.
Sie rief die Dokumente auf, die Jay ihr geschickt hatte, und klickte auf »Drucken«. Der Drucker erwachte gehorsam surrend zum Leben, aber bevor er auch nur ein Blatt Papier eingezogen hatte, machte er auf einmal ein ungesundes knirschendes Geräusch und piepste sie an.
»Oh, was ist denn jetzt schon wieder los?« Free hasste technische Probleme und bat normalerweise Willow, sie für sie zu lösen. Sie öffnete die vordere Klappe des Druckers und sah etwas, das sie vor Entsetzen aufstöhnen ließ.
Schuppen?
Sie begriff prompt, was passiert sein musste. Da sie ihren Drucker vier Tage draußen auf der Veranda stehen gelassen hatte, war irgendein Reptil hineingekrochen und hatte es sich dort gemütlich gemacht. Free starrte auf die gemusterten Schuppen, für einen Moment wie gelähmt vor Angst. Dann klappte sie den Deckel wieder zu, rannte in die Küche und schnappte sich die Topflappen, die Beth für sie an Haken gehängt hatte. Free wagte kaum zu atmen, während sie den Drucker möglichst weit von sich gestreckt wieder hinaus zum Verandatisch trug. Dann stürzte sie zurück ins Haus und schloss mit einem Schauder hinter sich die Tür. Hoffentlich würde die Schlange ihre neue Behausung bald leid sein und verschwinden. In der Zwischenzeit würde Free einfach ohne Drucker auskommen müssen.