Kirsty Manning
Die Jadelilie
Roman
Sonja Rebernik-Heidegger
Knaur e-books
Kirsty Manning lebt mit ihrem Mann und drei Kindern nördlich von Melbourne in einem Haus unter Kastanienbäumen. Neben dem Gärtnern und Kochen gilt ihre ganze Leidenschaft dem Weinanbau und den Weingeschäften und Bars, die sie in Sydney und Melbourne betreibt.
Die australische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Jade Lily« bei Allen & Unwin, Sydney.
© 2019 der eBook-Ausgabe Knaur eBook
© Osetra Pty Ltd 2018
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Birgit Förster
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung: Arcangel/Allan Jenkins/Shutterstock.com
Illustrationen im Innenteil: Olga Alekseenko/Shutterstock.com
ISBN 978-3-426-45419-0
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Für meine Eltern Richard und Carolyn, die mir gezeigt haben,
dass das Zuhause immer dort ist, wo die Familie ist.
»Die Vergangenheit beeinflusst die Gegenwart, aber die Zukunft liegt in unseren Händen.«
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»Denn wir wollen auch nach 60 Jahren Zeugnis ablegen«,Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, 24. Januar 2005
»Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.«
Konfuzius, 551–479 v. Chr.

Es war das erste Mal, dass sie sich Papas Regeln widersetzte, und Romys Kehle war vor Angst wie zugeschnürt. Ihre Finger tasteten nach dem Passierschein in ihrer Jackentasche, während sie sich langsam dem Kontrollpunkt am Ende des Gettos näherte. Der Schein erlaubte es ihr, untertags an der Universität im französischen Viertel zu studieren, doch mittlerweile war es bereits später Nachmittag. Sie wollte den Besuch einer Abendvorlesung über infektiöse Krankheiten als Erklärung vorschieben und hatte sogar das entsprechende Lehrbuch in ihre Tasche gesteckt, die nun so schwer war, dass der Riemen in ihre Schulter schnitt.
Romy hielt den Atem an, als sie vor einen japanischen Soldaten mit ausdruckslosem Blick trat. Sie wollte bereits das Buch aus der Tasche holen, doch der junge Mann schlug bloß seufzend nach einer Mücke und bedeutete ihr mit einem Nicken, dass sie passieren durfte. Er sah genauso verschwitzt, müde und ausgezehrt aus wie sie.
»Aber sieh zu, dass du zum Beginn der Ausgangssperre wieder zurück bist«, bellte er. »Sonst …« Er fuhr sich mit dem Zeigefinger waagrecht über die Kehle, als wollte er sie aufschlitzen.
Romy traute sich nicht, ihm zu antworten, sondern nickte bloß.
Sie hatte zu große Angst, um noch einen letzten Blick zurückzuwerfen, und zu wenig Geld, um ein Fahrradtaxi oder eine Rikscha anzuhalten, die sich zwischen den Oberleitungsbussen hindurchschlängelten, also eilte sie so schnell sie konnte zu Fuß in Richtung Waibaidu-Brücke. Die Tasche mit dem Lehrbuch schlug gegen ihren Oberschenkel. Sie wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel der Jacke vom Gesicht, die sie sich von ihrer Mutter geliehen hatte, und versuchte, sämtliche Gedanken an ihre Eltern zu verdrängen. Sie hätten ihr niemals erlaubt, das Getto zu verlassen. Das Risiko, erwischt zu werden, war viel zu hoch, und nach allem, was passiert war …
Sie betrat die Brücke, und die Gerüche der Sampans, die auf dem Suzhou dahinglitten, stiegen zu ihr empor. Die warme Luft war von dem Gestank der Abwasserkanäle und dem Geruch nach frittiertem Fisch erfüllt, die sich mit dem Duft nach Kardamom, Zimt und Sternanis mischten. Auf den Balken wehte frisch gewaschene Wäsche im Abendwind, und von überallher ertönte das Klappern der Löffel und Kellen in den Woks und Kochtöpfen.
Der Straßenhändler am Ende der Brücke, der gerade Teig in dünne Nudeln zog, schenkte ihr ein zahnloses Lächeln. »Du kaufen, Missy?«
Romy schüttelte den Kopf, obwohl ihr Magen knurrte. Sie hatte heute noch nichts gegessen – abgesehen von einer Schüssel mit wässrigem Reis-Congee zum Frühstück. Um sich von ihrem Hunger abzulenken, überlegte sie während des zehnminütigen Fußmarschs fieberhaft, wie sie sich am besten in Shanghais nobelstes Hotel schleichen konnte.
Kurz darauf bog sie auch schon um die Ecke, und die Waitan-Uferpromenade entlang des Huangpu Jiang lag schimmernd vor ihr. Bankhäuser im romanischen Stil und von der Renaissance inspirierte Bürogebäude ragten über der Promenade auf, und auf ihren Dächern wehten die japanischen Militärflaggen mit der stilisierten aufgehenden Sonne. Romy machte sich auf den Weg zu dem Art-déco-Hotel mit der apfelgrünen Pyramide auf dem Dach. Das Cathay. Vor den Drehtüren standen lachende japanische Soldaten und mehrere hochgewachsene russische Prostituierte. Die Frauen hatten beinahe durchsichtig weiße Haut, trugen knallroten Lippenstift und hauchdünne Seidenkleider und ließen sich von den Männern Feuer geben.
Romy drückte sich mit gesenktem Kopf an ihnen vorbei und achtete darauf, niemandem in die Augen zu schauen. Sie war froh, dass sie sich für das langweilige braune Kostüm ihrer Mutter entschieden hatte. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht …
Als sie sich nervös über den Mosaikboden des hoch aufragenden Atriums bewegte, hoffte sie bloß, dass ihre Absätze nicht zu laut klapperten. Hotelangestellte in weißen Uniformen aus gestärktem Leinen schoben sich mit übergroßen Champagnerflaschen und Tabletts mit Whiskeygläsern zwischen den Gästen hindurch, und japanische Soldaten hatten sich unter die deutschen, französischen und chinesischen Paare gemischt. Die Männer trugen weiße Smokingjacken und die Frauen Federboas in Pastelltönen und funkelnde Diamantcolliers. Viele waren in ein Gespräch mit einer der eleganten chinesischen Damen vertieft, die stolz ihre hübschen Cheongsams oder die Lamé-Ballkleider mit tiefem Rückenausschnitt glatt strichen.
Plötzlich meldete sich einer der Kellner auf Englisch zu Wort. »Ladys und Gentlemen, wenn Sie mir bitte folgen würden? Die Show beginnt in wenigen Minuten. Ich werde Sie zu Ihren Tischen begleiten.«
Der Zigarettenrauch und der schwere Duft der verschiedenen Parfums trieb Romy beinahe die Tränen in die Augen, als sie einen Blick in den angrenzenden, mit opulenten Stoffen ausgestatteten Raum warf. Sie war vor Angst wie gelähmt, aber sie war zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren.
Die Person, die sie unbedingt finden wollte – und für die sie ihr Leben riskiert hatte –, befand sich in dieser Bar.
Ihr Ziel war nur noch wenige Schritte entfernt. Die Band begann gerade mit den ersten Akkorden von George Gershwins »Summertime«. Sie atmete tief durch, um ihr rasendes Herz ein wenig zu beruhigen, dann folgte sie dem Geruch nach Zigaretten und Whiskey und trat durch eine Holztür in die Jazzbar.
Niemand durfte wissen, dass sie hier war. Wenn es herauskam, würde man sie beide töten.

Eine von Papas neuen Regeln lautete, dass sie den Blick immer gesenkt halten sollte, doch Romy konnte sich nur schwer daran halten.
Sie eilten die Wipplingerstraße entlang. Aus den schweren Holzrahmen der Schaufenster ragten Glasscherben. Die hübschen Läden hatten sich über Nacht in Furcht einflößende Tatzelwürmer mit weit aufgerissenen Mäulern verwandelt, und die breite, herrschaftliche Straße glich einem Meer aus dunklen Mänteln in Schwarz, Braun, Marineblau und Grau, das sich in verzweifelter Hast zwischen den stuckverzierten Häusern dahinwälzte.
Alle irrten planlos umher.
Mehrere Erwachsene versuchten, die Glasscherben aufzufegen. Der Rest versammelte sich zu kleinen Gruppen, murmelte aufgeregt miteinander, weinte und klagte. Schwarze Autos schoben sich hupend durch die verstopfte Straße. Einige warteten erst gar nicht darauf, dass die Leute Platz machten, sondern fuhren einfach weiter, sodass sie zur Seite springen mussten.
Romys Vater hatte ihr Handgelenk fest umklammert, während ihre Mutter sie an der anderen Hand hielt und sie wie ein kleines Kind durch das Chaos zerrte, obwohl sie bereits zwölf war. Trotzdem beschwerte sie sich nicht, und man hörte lediglich das Knirschen der Glasscherben unter ihren Füßen. Sie versuchte, sich an Papas Regeln zu halten, und bemühte sich, den Menschen in den dunklen Mänteln nicht in die Augen zu sehen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Füße ihrer beiden älteren Brüder, Benjamin und Daniel, die etwa eine Armlänge vor ihr gingen.
Romy lugte seitlich unter ihrem marineblauen Barett hervor. Auf den zerbeulten und eingeschlagenen Türen der Läden hingen kleine Plakate, die im Wind flatterten.
Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!
Juden raus!
Es waren doppelt so viele wie gestern. »Warum hängen die Leute das auf?«
Papa sah sie mit Tränen in den Augen an und schüttelte den Kopf, ohne seine Schritte zu verlangsamen. »Herr Hitler hasst alle Juden. Ich fürchte, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war, solange die Nazis in Österreich an der Macht sind.«
»Aber ich verstehe nicht, warum der Führer uns hasst. Warum …?«
»Hier ist nicht der richtige Ort, um darüber zu sprechen«, unterbrach Papa sie. »Auf den Straßen ist es nicht mehr sicher … Beeile dich lieber. Denk an die Regeln, Romy.«
Papa hatte normalerweise auf alles eine Antwort, doch heute wirkte er genauso verloren, wie Romy sich fühlte.
Sie stolperte über einen umgeworfenen Stuhl, und Mutti riss sie hastig hoch. Die Familie Bernfeld musste nach Hause.
Drei Häuserreihen hinter ihnen befand sich ihre Synagoge, von der nur noch verkohlte Ziegel, rußbedeckte Fliesen, brennende Balken und Schutt übrig waren. Der gesamte Inhalt der Bücherei – die seltenen Bücher und Manuskripte – lag in einem Haufen glühender Asche auf dem Bürgersteig.
Sie schoben sich zwischen den Trümmern hindurch. Romy hustete. Ihr Hals brannte, und ihre Augen tränten. Es stank nach Rauch und Benzin, und jeder Atemzug tat weh. Warum konnten ihre Eltern nicht ein wenig langsamer gehen? Ihre neuen Stiefel aus schwarzem Lackleder hatten ihr eine Blase an der Ferse beschert, und die dicke, doppelreihige Marinejacke mit den glänzenden Goldknöpfen, über die sie sich letzte Woche noch so gefreut hatte, kratzte an den Armen und im Nacken.
Papa legte eine Hand auf die ausgebeulte Innentasche seines Mantels, in der ihre Reispässe steckten. Sie waren kilometerweit bis zur britischen Botschaft gelaufen, um ein Visum zu beantragen.
»Ich habe in Oxford mein Doktorat gemacht und ein Jahr lang im dortigen Krankenhaus Chirurgie unterrichtet. Wir sprechen alle Englisch. Zählt das denn gar nichts?«, fragte er aufgebracht.
Der Beamte mit den mausgrauen Haaren und der goldenen Taschenuhr sah ihn entschuldigend an. »Es tut mir leid, aber wir haben strikte Anweisungen, Dr. Bernfeld. In Großbritannien gelten rigorose Einwanderungsbestimmungen. Es gibt eine lange Warteliste, und es können keine Ausnahmen gemacht werden. Nicht einmal für Spezialisten.« Er schluckte und senkte den Blick, während seine Ohren knallrot anliefen. »Amerika hat mittlerweile dieselben Bestimmungen, und ich habe gehört, dass nicht einmal Palästina weitere Flüchtlinge aufnimmt. Es tut mir schrecklich leid …« Er zuckte mit den Schultern und hob hilflos die Hände.
Papa nickte, steckte die Reisepässe wieder in die Manteltasche, nahm seinen Filzhut und wandte sich ab.
Der Beamte räusperte sich. »Wissen Sie«, meinte er, »es gibt da einen Ort, wo Sie kein Visum brauchen.« Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern und beugte sich näher heran. »Shanghai. Sie …« Er zögerte.
Mutti wurde blass und schüttelte heftig den Kopf.
»Es könnte sich lohnen …« Er brach ab.
Papa schüttelte ebenfalls den Kopf und murmelte: »Danke.«
Mutti riss Romy beinahe die Hand aus, als sie sie aus dem Konsulat zog, und ihre Absätze klapperten aufgebracht über den Parkettboden.
Die beiden wurden auch nicht langsamer, nachdem sie das Gebäude verlassen hatten, und als sie schließlich an Romys Lieblingscafé vorbeikamen, hoffte diese inständig, dass sie vielleicht haltmachen würden, um den Nachmittagstee einzunehmen. Sie wollte ihre Eltern bereits darum bitten, als sie sich an Papas Regeln erinnerte: Nicht sprechen!
Sie marschierten an dem Café vorbei, und Romy warf einen verstohlenen Blick in das mit dunklem Holz vertäfelte Lokal, in dem Männer in genauso dunklen Anzügen saßen, Kaffee tranken und Zeitung lasen, als ginge sie das Chaos auf der Straße nichts an. Sie stellte sich vor, wie Mutti und sie an einem der kleinen Marmortische saßen. Mutti mit einer hübschen Tasse Kaffee und Romy mit einer heißen Schokolade mit einem Sahnehäubchen.
Sie kamen jeden Samstagnachmittag nach der Klavierstunde hierher. Vermutlich gewährte Herr Bloch Romy lediglich aus Loyalität zu ihren beiden Brüdern eine halbe Stunde Unterricht pro Woche. Daniel spielte in einer Jazzband an der Universität, an der er auch studierte, und Benjamin hatte sich um einen Studienplatz an der berühmten Wiener Staatsoper beworben – bevor ihm die neue Regierung mitteilen ließ, dass er kein Anrecht darauf hatte. Letzte Woche hatte Romy ihre plumpen Finger sogar schon dazu gebracht, einen D-Dur-Arpeggio ohne Absetzen zu spielen, und außerdem hatten die ersten Takte des Übungsstückes von Mahler bereits ganz passabel geklungen. Herr Bloch hatte jedenfalls applaudiert und »Bravo!« gerufen.
Mittlerweile näherte sich die Familie Bernfeld Herrn Blochs Klaviergeschäft, das durch den Nebel aus beißendem Rauch kaum zu sehen war. Romy reckte den Kopf, um einen Blick auf den glänzend schwarzen Stutzflügel im Schaufenster zu werfen, doch stattdessen ragten bloß die ebenholzschwarzen Beine des Klaviers durch das zerbrochene Glas.
»Seht mal!«, rief Romy und deutete aufgeregt auf den Laden. Herr Bloch wurde gerade an den Haaren vor die Tür gezerrt, wo er sich vermutlich einer Handvoll Männern mittleren Alters anschließen sollte, die auf Händen und Knien über den Bürgersteig robbten, Scherben einsammelten und die Pflastersteine säuberten. Zwei blonde Soldaten schleuderten Herrn Bloch zu Boden, und als er versuchte, sich aufzurichten, trat ihm der kleinere der beiden mit dem Stiefel in den Bauch, sodass er nach hinten fiel.
»Halt! Bitte hören Sie auf!«
Romys Kopf fuhr herum, und sie sah, wie Benjamin auf Herrn Bloch zulief, um ihm zu helfen. Papa fluchte, als Daniel seinem älteren Bruder folgte. Romy hielt den Atem an und spürte, wie Mutti ihre Hand drückte. Zu Hause warteten sicher eine Menge Schwierigkeiten auf die beiden Jungen.
Einer der Soldaten trat auf Benjamin zu, und Romy erstarrte. Doch dann erkannte sie den jungen Mann plötzlich, und sie entspannte sich wieder: Es war Franz, ein Bariton aus Benjamins Chor. Offensichtlich war es zu einem Missverständnis zwischen ihm und dem Musiklehrer gekommen, und Benjamin würde seinen Freund sicher zur Vernunft bringen. Doch das Lächeln, mit dem sich Franz näherte, reichte nicht bis zu seinen Augen, und er begrüßte Benjamin auch nicht mit dem üblichen Handschlag. Stattdessen schwenkte der Soldat seine Waffe herum und schlug Benjamin mit dem Gewehrkolben gegen die Schläfe.
Noch Jahre später – als sie bereits eine alte Frau war – versuchte Romy zu vergessen, was danach geschah, doch die Erinnerungen daran hatten sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.
Benjamin und Herr Bloch lagen seitlich auf dem Bürgersteig, und Blut rann aus ihren Ohren und tropfte von ihrem Kinn. Mutti stieß ein schrilles Kreischen aus, und um sie herum war es plötzlich totenstill. Romy atmete flach und roch Schweiß, Rauch, Urin und Angst, als der Soldat schließlich sein Gewehr an die Schulter hob.
Ein Schuss fiel.
»Benjamin!« Romy brach kalter Schweiß aus, als Benjamins Ohr mit einem Mal explodierte. Warmes Blut spritzte in ihr Gesicht, und sie stöhnte auf.
Ein weiterer Schuss erklang.
Herrn Blochs Körper sackte leblos auf die Pflastersteine.
Mutti sank neben Romy in die Knie, während Daniel auf Benjamin zustürzte. Im nächsten Augenblick schlang Franz einen Arm um Daniels Hals.
Romy stand wie erstarrt da. Ihr Bruder … war er …?
Ja, Benjamin war tot.
Papa heulte wie ein Wolf und versuchte, sich einen Weg durch die Menschenmenge zu seinen Söhnen zu bahnen, doch die Mauer aus Schultern war unüberwindbar. Es folgte ein weiteres lautes Krachen, als erneut Gewehre abgefeuert wurden, und dieses Mal warfen sich alle zu Boden. Eine Glasscherbe bohrte sich in Romys Knie, und sie schrie auf.
Jemand zog sie unter dem Mann hervor, der auf sie gefallen war, und sie kroch auf die eisig kalte Mauer zwischen zwei Läden zu und lehnte sich dagegen.
Papa kniete auf dem Boden und vergrub den Kopf in den Händen, während Mutti keuchend versuchte, sich aufzurichten.
Romy war hingegen wie erstarrt. Sie fühlte sich vollkommen leer und stand unter Schock.
Sie hielt erneut den Atem an, als die Soldaten mehrere junge Männer zusammentrieben und sie mitten auf der Straße Aufstellung beziehen ließen.
Dann begann sie zu weinen. Sie würden doch sicher nicht auch noch Daniel erschießen, oder?
Der Anführer der Soldaten hob den Arm, und drei Planen-Lkw fuhren vor. Die jungen Männer wurden angewiesen, sofort einzusteigen. Als Daniel an der Reihe war, warf er einen letzten Blick zurück auf Mutti und Papa, und Romy sah die Angst in seinen Augen.
»Daniel!«, schrie Mutti.
Papa wollte bereits auf ihn zulaufen, doch einer ihrer Nachbarn, Herr Gruber, bahnte sich eilig den Weg durch die Menschenmenge und auf ihn zu. Sein Gesicht war verhärmt und blass, als er Papa die Hände auf die Schultern legte.
»Sie müssen fort, Oskar. Jetzt sofort! Tun Sie es für Romy und Marta. Sonst tötet man Sie ebenfalls. Verlassen Sie Wien. Österreich hat den Verstand verloren.«
Doch Papa schüttelte den Kopf. »Ich … Benjamin! Daniel! Meine Jungen …!« Seine Stimme brach. »Ich werde sie nicht im Stich lassen«, krächzte er. »Ich … ich kann doch nicht …« Er senkte den Kopf und begann zu schluchzen, während sich die Menschen um ihn herum langsam gegenseitig auf die Beine halfen. Einige vermieden es, Papa anzusehen, als wäre sein Unglück eine ansteckende Krankheit, während andere ihm mit feuchten Augen mitleidsvolle Blicke zuwarfen.
Mutti kroch auf Papa zu. Sie umarmten sich schluchzend und wiegten sich hin und her.
Herr Gruber beugte sich zu ihnen. »Lassen Sie mich helfen!«, flüsterte er. »Sie müssen über die Grenze. Wir sollten sofort los.«
Romys Haut war schweißbedeckt, und ihr Herz klopfte viel zu schnell. Ihre Knie pochten, wo sie sich geschnitten hatte. Sie fühlte sich leer. Dann brach die Dunkelheit über sie herein …
Als Romy wieder zu sich kam, ruhte ihr Gesicht an Papas Hals, der sie gerade die Wipplingerstraße entlangtrug. Ihre Mutter ging mit aschfahlem Gesicht hinter ihnen her und hatte eine schützende Hand auf Romys Schulter gelegt. Romys Kopf dröhnte mit jedem Schritt, und sie hörte das Knirschen der Glasscherben unter Papas Füßen. Gingen sie nach Hause? Oder waren sie bereits auf der Flucht?
Romy warf einen zaghaften Blick über die Schulter ihres Vaters. Mittlerweile war es Abend geworden, und das flackernd gelbe Licht einer der wenigen heil gebliebenen Straßenlaternen fiel auf ein Hufeisen vor einem der Läden. Daneben sah sie das ausgebleichte Bild eines Schornsteinfegers auf einer Markise, und darunter stand in fröhlichen grünen Buchstaben:
Geh nicht am Glück vorbei!

Alexandra lächelte und nickte der Palliativkrankenschwester Sally freundlich zu, bevor sie auf Zehenspitzen in Omas und Opas Wohnzimmer schlich. Sie nahm einen kaum merklichen holzigen Geruch wahr, der ihr zwar bekannt vorkam, den sie aber nicht zuordnen konnte.
Opa lag in einem Krankenhausbett. Als sie gestern Abend nach Hause gekommen war, hatte Alexandra den hageren Mann mit dem eingefallenen Gesicht kaum wiedererkannt. Das rhythmische Fauchen der Sauerstoffmaschine und das Piepen des Herzmonitors erfüllten den Raum und übertönten beinahe das Ticken der Standuhr aus Mahagoniholz.
Alexandra verbrachte ihre Tage damit, auf Wände aus Monitoren zu starren und nach der kleinsten Abweichung Ausschau zu halten, die ihr den Anstoß geben würde, in Shanghai Gold einzukaufen, um es anschließend in London wieder zu verkaufen. Sie verbrachte achtzehn Stunden am Tag im Licht der Leuchtstoffröhren, suchte nach Unregelmäßigkeiten, spielte mit Zahlen. Aber hier war kein Blick auf den piependen Bildschirm notwendig, um zu wissen, dass die Zeit ihres geliebten Opas abgelaufen war. Sie war nun seit zwölf Stunden zu Hause, doch er war noch nicht zu Bewusstsein gekommen.
Ihr lief ein Schauder über den Rücken. War sie womöglich zu spät gekommen?
Alexandra ließ sich in den alten pfauenblauen Lehnstuhl sinken und strich mit den Fingern über die rauen Stellen auf den Armlehnen. Die Füllung ragte bereits aus dem fadenscheinigen Samt, und die Federn waren durchgesessen. Sie erschauderte erneut und musste niesen – das war wieder einmal typisch für sie, dass sie sich auf dem Flug eine Erkältung eingefangen hatte. Sie schmiegte ihre Wange an eines der Kissen. Sie hatte so viele Stunden in diesem Stuhl verbracht. Zuerst auf Omas oder Opas Schoß, während die beiden ihr Fabeln von Äsop und Märchen der Gebrüder Grimm vorlasen, und dann – als Teenager – mit einem Schulbuch, um Algebra und Algorithmen zu pauken.
Das Haus selbst war ein edwardianischer Backsteinbau, der sich hinter einem mit blassrosaroten Rosen überwucherten Lattenzaun versteckte. Blauregen wand sich die Verandasäulen empor und hing von dem verschnörkelten Gusseisenrahmen, doch seine Blüten waren bereits verblasst. Omas Wohnzimmer mit dem großen Erkerfenster, das auf ihren geliebten Garten hinausführte, hatte in all den Jahren nichts von seiner Grandezza verloren, obwohl die Farbe von den graublau gestrichenen Wänden und den Fußbodenleisten abblätterte und die cremefarbene Deckenrosette dringend nachgebessert werden musste. Die deckenhohen Regale an der gegenüberliegenden Wand waren bis oben hin mit Büchern über Kräuter, chinesische Medizin, Geschichte und Fotografie vollgestopft. Dazwischen drängten sich allerdings auch Biografien bekannter Politiker, britische Thriller – wie etwa le Carré oder Forsyth – und fünf Jahrzehnte der französischen Vogue.
Alexandra dachte an ihre übereilte Abreise aus London zurück und schluckte die Tränen hinunter. Bereits wenige Stunden nachdem Oma angerufen hatte, hatte sie die Tür ihrer Wohnung in der Sloane Street hinter sich geschlossen und war kurz darauf in ein Flugzeug nach Melbourne gestiegen. Opas Krebs war zurückgekehrt und hatte auf andere Organe, die Knochen und auch das Blut übergegriffen. Die Stimme ihrer Großmutter hatte nicht mehr so beherrscht wie früher geklungen, sondern vielmehr traurig und resigniert.
Als Alexandra vierundzwanzig Stunden später durch den Zoll in die Ankunftshalle getreten war, hatten Oma und ihre Freundin Nina bereits auf sie gewartet. Sie standen Schulter an Schulter, die eine dunkel und dürr, die andere blond und mollig. Alexandra versank in der Umarmung der beiden Frauen. Sie genoss den Duft nach Gardenien, den Omas straffer Haarknoten verströmte, und atmete den Geruch nach geröstetem Knoblauch und geräuchertem Paprika ein, der Ninas Küsse seit jeher begleitete.
»Danke, dass du so schnell gekommen bist. Ich weiß, dass der Umzug …« Omas Stimme zitterte ungewöhnlich.
»Ach!« Alexandra beugte sich nach unten und drückte ihre Wange an die ihrer Großmutter, wobei sie beinahe über ihren Koffer gestolpert wäre. »Opa … ist er noch …?«
Ihre Großmutter tupfte sich die Augen mit einem Taschentuch trocken und nickte. »Er wartet.«
Nina legte sanft eine Hand auf Alexandras Schulter. »Dein Opa ist noch bei Bewusstsein. Gerade mal so. Er hat nach dir gefragt. Komm! Ich nehme deine Taschen!«
Nina nahm Alexandra den Trolley ab und legte dabei eine erstaunliche Energie an den Tag, wenn man bedachte, dass sie bereits über neunzig Jahre alt war.
Alexandra hakte sich bei ihrer Großmutter unter und fragte leise: »Und du, Oma? Wie geht es dir? Es muss sehr schwer für dich sein.«
»Es geht mir gut, mein Liebling. Und jetzt sogar noch besser, weil du wieder hier bist«, erwiderte Oma.
Alexandras Smartphone vibrierte in ihrer Gesäßtasche, und sie rutschte ein Stück zur Seite, um es herauszuholen. Noch eine Nachricht von Hugo: Ruf mich zurück. Es tut mir leid!
Sie löschte die Nachricht, widerstand jedoch dem Drang, die Nummer ihres Ex ein für alle Mal zu blockieren. Sie hatte zwar nicht vor, ihm zu verzeihen, aber es gab dennoch einen kleinen Teil in ihr, der ihn noch nicht vollkommen aus ihrem Leben streichen wollte. Sie war Expertin darin, Risiken zu analysieren und Ergebnisse vorauszusagen, aber sie hatte übersehen, wie verwundbar ihr eigenes Herz war.
Das würde ihr nicht noch einmal passieren.
Sie schob das Telefon zurück in die Gesäßtasche, ohne auch nur einen Blick auf die Kurse bei Bloomberg zu werfen. Der Markt konnte warten.
Sie erhob sich, verschränkte ihre Finger mit Opas Fingern und drückte sie sanft, als könnte sie ihm so etwas von ihrer Lebensenergie schicken. Oma hätte wohl behauptet, dass sie ihr Qi kanalisierte. Alexandra grinste. Vielleicht fiel der Apfel doch nicht so weit vom Stamm.
»Li … Sophia?«, fragte Opa keuchend, und Alexandra ging neben ihm in die Hocke. Er streckte die Hand aus und versuchte, den Jadeanhänger um ihren Hals zu berühren. Sie erschauderte und räusperte sich.
Ihr Blick wanderte zu dem Foto ihrer Eltern auf dem Kaminsims. Sie selbst war als kleines Mädchen mit glänzend schwarzen Haaren in einem karmesinroten Overall und einem gestreiften Rollkragenpullover zu sehen, das grinsend auf den Knien seiner Mutter saß und fröhlich in die Hände klatschte. Alexandras Vater Joseph – ein großer, blonder und breitschultriger Mann – stand neben Sophia und hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. Alexandras Mutter trug ein blaues Sommerkleid, und ein Träger war ihr über die gebräunte Schulter gerutscht. Der Jadeanhänger ruhte direkt über ihrem Dekolleté, sie sah lachend zu Joseph hoch und blickte ihm dabei tief in die blauen Augen.
Alexandras Magen zog sich zusammen, und sie versuchte, sich an diese innige Liebe zu erinnern. Das Foto war das einzige Andenken an ihre Eltern.
Opa hatte selten über Sophia gesprochen, und Oma hatte nur lächelnd den Kopf geschüttelt, wenn sie von »dem größten Geschenk« erzählte. Von dem klugen Kind, das sie in China adoptiert hatten. Und das sie genauso vergöttert hatten wie später Alexandra.
Opa richtete sich mühsam auf und versuchte, einen besseren Blick auf ihr Gesicht zu erlangen.
»Li?«, fragte er noch einmal.
»Opa, ich bin’s. Alexandra«, erwiderte sie und strich mit dem Daumen über seine Hand, die furchtbar knochig geworden war. Seine Muskeln waren mit der Zeit immer mehr verkümmert und mit ihnen auch seine Energie und sein Gedächtnis. Alexandra hatte ihre Großeltern noch nie von einer Frau namens Li sprechen hören.
»Oh.« Er ließ seinen Kopf in das Kissen zurücksinken und lächelte schwach. Im nächsten Moment wirkte er verwirrt. »Der Job in Shanghai?«, fragte er leise.
Alexandra zögerte einen Augenblick, bevor sie antwortete. War er wieder ganz bei Sinnen? »Shanghai kann warten«, erwiderte sie schließlich, während sie den Infusionsschlauch ein wenig beiseiteschob, um sich zu ihm aufs Bett zu setzen. Sie konnte ihm ja schwer sagen, dass sie ihren Umzug nach China verschoben hatte, um so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen, bevor er …
Sie blinzelte die Tränen fort.
»Shanghai wartet auf niemanden.« Opa tätschelte ihre Hand, und ein Kichern stieg aus seiner Brust empor, das kurz darauf allerdings in einen starken Hustenanfall überging. »Du solltest …« Noch mehr Husten. »Li. Aber du wirst sie nicht finden … Du siehst aus wie sie, weißt du?«
Alexandra fragte sich, wen er wohl meinte. Sprach er von ihrer Mutter? Ihr Herz wurde schwer. Ihre Großmutter hatte sie gewarnt, dass Opa mittlerweile sehr verwirrt war. Er hatte offenbar vergessen, dass ihre Eltern schon lange tot waren. Sie starben bei einem Autounfall, nur wenige Wochen nachdem das Foto auf dem Kaminsims entstanden war. Alexandra war von einem Sanitäter aus dem Wrack gezogen worden. Ihr Hinterkopf war vollkommen gespalten gewesen. Sie fuhr mit den Fingern über die glatte Narbe in ihrem Nacken, die sich unter ihren langen Haaren versteckte. Manchmal brannte sie, wenn sie sie berührte – doch meistens spürte sie gar nichts.
Mit Tränen in den Augen sah sie zu dem Kristallkronleuchter an der Decke hoch und beobachtete die vielen kleinen Regenbögen, die das Licht auf die Decke und die Wände zauberte. Dieses graublaue Zimmer war ihr Zuhause. Ihre Großeltern waren ihr Anker. Und nun würde sie ihren Opa verlieren. Sie drückte erneut seine Hand und strich über seinen anderen Arm, um ihn ein wenig zu wärmen und seine Schmerzen zu lindern.
Opa keuchte und spuckte. »Das exakte Ebenbild. Deine Großmutter …«
»Schhh«, beruhigte Alexandra ihn und sah sich Hilfe suchend nach der Krankenschwester um.
»Deine Großmutter – Romy.« Ein Husten. »Sie war die Stärkste von uns allen. Wir drei waren …«
Noch mehr Husten. Opas Schultern bebten so stark, als würde seine Lunge explodieren.
Die Krankenschwester sprang auf und eilte zu ihnen, um Opas Rücken zu massieren, während er keuchend weiterhustete. Alexandra trat zurück, damit sie mehr Platz hatte. »Können wir ihm denn nichts geben?«, fragte sie hilflos. »Wasser? Medikamente?«
Die Schwester ignorierte sie und konzentrierte sich ausschließlich auf ihren Patienten. »Ruhig. Ganz ruhig, Mr Cohen – Wilhelm! Langsam und tief einatmen …«
»Ich hole Oma«, erklärte Alexandra und warf einen Blick durchs Fenster in den Garten.
»Das ist nicht nötig, Liebes. Es ist gleich vorbei. Außerdem räuchert sie dann bloß wieder und steckt ihm noch ein paar Nadeln in die Knöchel. Aber das hat alles keinen Sinn mehr. Nicht in diesem Stadium.«
Alexandras Kopf begann zu dröhnen, als sie erkannte, wonach es im Wohnzimmer roch. Moxa. Sie sah beinahe vor sich, wie ihre Oma die getrockneten Zweige des Chinesischen Beifußes über ihrem Opa schwenkte, sie unter seine Nase hielt und anschließend einen Augenblick lang entzündete. Der Rauch wurde verblasen, und das Ende des Zweiges wurde direkt auf die Druckpunkte an den Knöcheln, den Handgelenken und am Hals gedrückt. Alexandra kicherte leise. Kein Wunder, dass Sally nicht gerade begeistert war.
Die Krankenschwester hob eine Augenbraue und eilte auf die andere Seite des Bettes, um die Infusion neu einzustellen. »Flüssigkeit und Morphium. Ihr Großvater ist gut versorgt – nicht wahr, Wilhelm?« Die Krankenschwester sprach langsam und betonte jede Silbe wie bei einem Kleinkind.
»Opa … wird er …?« Alexandra zögerte. »Der Husten. Helfen die Medikamente auch wirklich gegen die Schmerzen?«
»Auf jeden Fall. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit er sich so wohl wie möglich fühlt.«
»Besteht denn die Chance … ich meine, dass der Krebs …« Sie sah zu Opa hinunter, der erneut das Bewusstsein verloren hatte.
Sally schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Liebes. Aber zumindest weiß er jetzt, dass Sie hier sind. Sie sind sein Augenstern. Er redet rund um die Uhr nur von Ihnen.«
Die Krankenschwester rollte Opa vorsichtig auf die Seite. Dann wandte sie sich wieder an Alexandra. »Dann sind Sie also gerade erst aus London hierhergekommen? Der Jetlag muss enorm sein, oder? Außerdem ist es sicher schockierend, unter diesen Umständen nach Hause zu kommen.« Sie klang freundlich und gleichzeitig geschäftsmäßig und massierte weiter Wilhelms Rücken.
Alexandra nickte. Ihre Beine schmerzten, und ihr Kopf fühlte sich an, als wäre sie von einem Laster überfahren worden. Der Direktflug von London nach Australien hatte ihr eine rinnende Nase und einen bellenden Husten eingebracht, obwohl sie sich noch vor dem Abflug in einer Drogerie ein Eukalyptus-Nasenspray besorgt hatte, dessen Duft ihr Heimweh nur noch verstärkt hatte. Allerdings hätte wohl auch ein ganzer Ozean aus Salzwasser in ihrer Nase nichts gegen diese Erkältung ausrichten können. Gleich nachdem das Taxi in der Auffahrt vor dem Haus angehalten hatte, hatte Oma Alexandra ins Badezimmer gescheucht, um ihr ein warmes Bad mit Zimt einzulassen. Es hatte herrlich nach Weihnachten geduftet. Alexandra lächelte in sich hinein, während sie unbewusst ihren Jadeanhänger berührte. Opa lag im Sterben, aber Oma kümmerte sich immer noch mit voller Hingabe um ihre Enkeltochter. Einige Dinge änderten sich eben nie.
»Ihre Großmutter hat mir erzählt, dass Sie eine ziemlich bedeutende Position auf dem Londoner Finanzmarkt haben.« Sally warf einen verstohlenen Blick auf Alexandras marineblaue Yogahose von Stella McCartney und den Kapuzenpullover mit Goldrand. »Das klingt ziemlich wichtig.« Sie lächelte.
Alexandra zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich. Ich handle mit Rohstoffen. Mit Edelmetallen. Kupfer, Gold, Zink, Nickel, Aluminium … aber meistens handle ich nur mit Papier«, scherzte sie.
»Ich verstehe«, meinte Sally und wirkte einen Moment lang ratlos, bevor sie ein bescheidenes Lächeln aufsetzte. »Ich schätze, Sie brauchen sich keine Gedanken um Ihre Altersvorsorge zu machen, oder?«
Alexandra war viel zu verlegen, um ihr zu antworten – ihr Job erschien ihr plötzlich so sinnlos. Sally hatte Opa beruhigt und anschließend das weiße Laken über seinen Beinen und unter seinen Armen glatt gezogen, damit ihn der kratzige Saum nicht störte – alles in allem kam es Alexandra so vor, als würde Sallys Beruf sehr viel mehr Bewunderung verdienen als ihrer.
»Okay, Wilhelm. Ruhen Sie sich noch ein wenig aus, und dann können Sie sich weiter mit Ihrer Enkelin unterhalten. Sie ist eine wunderbare junge Frau.« Die Krankenschwester zwinkerte Alexandra zu, bevor sie sich wieder auf den Weg zu ihrem Stuhl in der gegenüberliegenden Ecke des Wohnzimmers machte, wo bereits ein spannender Thriller auf sie wartete.
Alexandra ließ sich erneut in den bequemen Lehnstuhl sinken und zog sich eine Wolldecke über die Beine. Könnte sie doch bloß die Zeit zurückdrehen. Sie wollte nicht, dass Opa starb. Noch nicht. Und im Grunde überhaupt nie. Allerdings hasste sie es, ihn so zu sehen.
Sie nahm die Schale mit der Suppe, die Oma zubereitet hatte, bevor sie hinaus in den Garten gegangen war. Sie war noch immer warm. Alexandra hielt die Schale einen Moment lang in den Händen, bevor sie einen Schluck nahm und die vertraute Wärme genoss, die sich sofort in ihrer Kehle und dann in ihrem Magen ausbreitete. Der Geschmack erinnerte sie an die vielen Erkältungen ihrer Kindheit: getrocknete schwarze Bohnen mit zerstoßenem Knoblauch, Ingwer und Schnittlauch.
Alexandra beobachtete, wie Oma durch ihren Gemüsegarten spazierte und dabei auf einer grünen Bohne kaute. Am Zaun im hinteren Teil des Grundstücks wuchs eine üppige Lorbeerhecke, und zwischen dem wuchernden Thymian stand eine Reihe Bäume – ein knorriger Meyer-Zitronen-Baum, einige Linden und ein winziger Ginkgo. Darunter hatte Oma Lilien, Pfingstrosen, violett blühenden Knoblauch, Schnittlauch und blauen Eisenhut gepflanzt. Alexandra hatte die chaotische Farbzusammenstellung und die seltsamen Pflanzenkombinationen in Omas Garten vermisst. Wann hatten ihre eigenen Finger das letzte Mal Erde gespürt? Sie streckte ihre manikürten Hände aus. Sie waren so glatt, als würden sie gar nicht zu ihr gehören. Als Kind hatte sie es geliebt, mit Oma und Opa im Garten und in der Küche zu arbeiten. Sie war auf die alte Eiche geklettert, hatte Erbsen ausgelöst und Tomaten hochgebunden – und sich die kleinsten immer sofort in den Mund gestopft, bis nichts mehr darin Platz gehabt hatte und der Saft auf ihr T-Shirt getropft war.
Sie nahm noch einen Schluck Suppe, und der Ingwer wärmte ihren Hals.
Omas silberne Haare tauchten immer wieder zwischen den Reihen der hochgewachsenen Tomaten auf. Die Pflanzen waren in etwa gleich groß wie sie. Oma pflückte die verbliebenen roten und grünen Tigerella-Tomaten von den Ranken, bis ihr Weidenkorb voll war. Anschließend erntete sie noch etwas von dem dunkelgrünen Basilikum, das unter den Tomaten wuchs. Alexandras Magen knurrte, als ihr klar wurde, dass Oma die Zutaten für das Mittagessen zusammensuchte.
Sie schloss die Augen, lauschte dem rhythmischen Fauchen der Sauerstoffmaschine, dem Piepen des Monitors und dem Ticken der Standuhr und begann zu beten.

Nachdem sie im Garten fertig war, ging Romy in die Küche, stellte ihren Korb auf der Holzbank ab und steckte sich zwei winzige rote Tomaten in den Mund. Sie waren immer noch warm von der Herbstsonne, und der süße Saft und die Kerne lösten eine regelrechte Geschmacksexplosion in ihr aus.
Sie hatte auch eine große Menge Koriander geerntet, und nun gab sie die Blätter und Stiele zusammen mit einem Schuss Olivenöl, einer Handvoll Mandeln, drei Knoblauchzehen und dem Saft einer halben Zitrone in den Mixer, um ein Pesto für das Mittagessen zuzubereiten. Alexandra konnte eine nahrhafte Mahlzeit vertragen, und der Koriander würde ihren müden Organismus wieder in Schwung bringen und die Erkältung, die sie sich im Flugzeug eingefangen hatte, vertreiben. Der Rest des Pestos würde anschließend einfach in den Kühlschrank wandern.
Romys Appetit ließ in diesen Tagen zu wünschen übrig. Sie holte mehrere gewellte Pak-Choi-Blätter aus dem Korb und wusch sie, um sie anschließend zum Trocknen auf den Koriander zu legen. Kurz vor dem Essen würde sie die Blätter dampfgaren und ein Dressing aus Basilikumöl, Chili, Szechuanpfeffer und einem Schuss Ahornsirup zubereiten. Sie aß lieber eine Schale Pak Choi als die Reste des Risottos mit Kürbis und Wasserkastanien vom Vorabend.
Nina – die mit ihnen zu Abend gegessen hatte, nachdem sie vom Flughafen nach Hause gekommen waren – hatte sich hingegen sogar noch einen Nachschlag genommen. Manche Dinge änderten sich eben nie.
»Ist der Kürbis aus deinem Garten, Oma?«, hatte Alexandra gefragt und sich ganz offensichtlich große Mühe gegeben, gelassen und fröhlich zu klingen, während sie das Essen auf ihrem Teller hin und her schob.
»Ja, er stärkt die Milz und fördert das Qi. Und der Thymian ist gut für die Lungen.«
Nina sah Alexandra an und verdrehte solidarisch die Augen.
»Na dann«, meinte sie mit ihrem starken österreichischen Akzent. »Da hattest du ja gerade noch mal Glück, dass du die sautierten Lammnieren nicht essen musstest, die mir deine Großmutter letzte Woche aufgezwungen hat. Mit einem Orchideenstiel und Shiitake-Pilzen.« Sie zwinkerte schelmisch.
»Die sollten deine Schmerzen im unteren Rücken und in den Knien lindern«, protestierte Romy. »Außerdem unterstützen sie die Langlebigkeit. Und jetzt sieh dich doch mal an – du bist noch immer so stark wie ein Ochse.« Ihr Blick glitt beinahe ungläubig über die goldene Haut und die dichten blonden Haare ihrer Freundin, die auch an diesem Abend einen ihrer zahllosen paillettenbesetzten Kaftans trug.
»Na ja«, meinte Nina. »Vielleicht hat mir das Essen tatsächlich Energie verliehen. Auf jeden Fall war da mehr …« Sie brach ab und suchte nach dem richtigen Wort. »Lebensfreude? Leidenschaft? Der alte Mr Thompson aus meinem Buchklub hat es jedenfalls genossen.«
Nina wackelte mit ihrem üppigen Busen und kicherte, als Romy sie mit schmalen Augen ansah und entnervt den Kopf schüttelte.
Alexandra hätte sich beinahe an einem Stück Kürbis verschluckt.
»Wenn das so weitergeht, werfen sie dich noch aus der Seniorensiedlung«, sagte Romy ernst. »Hast du nicht erst letzte Woche eine schriftliche Verwarnung bekommen?«
»Ach komm, wir sind zwar alt, aber noch nicht tot.«
Mit einem Mal senkte sich Schweigen über den Tisch, und das einzige Geräusch war das Klappern der Gabeln in den Schalen aus blau-weißem Chinaporzellan.
Nina nahm die Hände der beiden anderen Frauen, hob sie an die Lippen und küsste zuerst Romys und dann Alexandras Handrücken. »Es tut mir leid. Es war gedankenlos von mir, einen solchen Scherz zu machen. Ich bin für euch da. Ihr könnt euch auf mich verlassen, okay?«
Sie seufzte und sah Romy mit ernsten braunen Augen flehend an. »Jetzt bin ich mal an der Reihe.«
Romy ließ ihre Hände über die frische Minze gleiten und hob ein Blatt hoch, um daran zu riechen. Sie würde ihrer Enkeltochter nachher einen Tee für ihren wunden Hals aufbrühen.
Sie machte sich Sorgen um Alexandra. So, wie sie die Ankunftshalle betreten hatte – mit dunklen Ringen unter den Augen, eingefallenen Wangen und gebeugten Schultern –, hatte sie Romy an ihre Mutter erinnert, wie sie damals im eisigen Wind auf dem Bahnsteig am Brennerpass gestanden hatte. Damals, als sie aus Österreich geflohen waren, um in Shanghai ein neues Leben zu beginnen.
Von allem beraubt.
Aber wovor war Alexandra auf der Flucht?
Natürlich wusste Romy, dass sie sich gerade erst von ihrem Freund getrennt hatte. Allerdings war sie immer schon der Meinung gewesen, dass Hugo und Alexandra zwei einsame Seelen waren, die sich aneinandergebunden hatten wie ein eilig zusammengeflicktes Rettungsfloß, ohne das sie womöglich beide untergegangen wären. Sie hatte sich immer gefragt, ob Alexandra Hugo vielleicht nicht aufgrund seines mathematischen Könnens und ihrer gemeinsamen Liebe zu diesem Fachgebiet ausgewählt hatte, sondern deshalb, weil sie nicht mehr allein sein wollte.
Selbst Nina war Alexandras Zustand nicht entgangen, und sie hatte Romy hinter dem Rücken des Mädchens mit hochgezogenen Augen einen besorgten Blick zugeworfen, als sie am Abend zuvor ihre Taschen in das Taxi geladen hatten.
Romy wusste, dass es einen gewissen Druck verursachte, ein Einzelkind zu sein. Ihre Zeit in Shanghai lastete noch immer schwer auf ihr. Das Bedürfnis, für beide Eltern genug zu sein, war eine Last, über die sie noch nie offen gesprochen hatte.
Und jetzt war Alexandra wieder hier – ihr einziges Enkelkind, das nach Hause gekommen war, um den geliebten Großvater beim Sterben zu begleiten. Wilhelm und Alexandra waren immer unzertrennlich gewesen, hatten zusammen Tennis gespielt, Tabellen studiert und sich gegenseitig Verkaufstipps gegeben.
Romy hatte es hingenommen, als sich die starke Bindung zwischen ihnen dreien irgendwann zu lösen begonnen hatte und Alexandra zum Studieren, für ihre Karriere und schließlich auch der Liebe wegen nach London gezogen war. Trotzdem war es schwer gewesen, sie so weit fortgehen zu lassen.
Allerdings holte einen die Vergangenheit wohl immer wieder ein. Ihre Familie – und das Leben, das sich Romy und Wilhelm in diesem endlosen, brütend heißen und glücklichen Land aufgebaut hatten – ging dem Ende zu.
Romy wischte sich die Tränen aus den Augen, hob die Arme, streckte den Rücken durch und atmete den Duft der Kräuter ein, der ihre Küche erfüllte.
Was war nur mit Alexandra los? Ihre sonst so glänzenden Haare wirkten fahl, und ihr Lächeln schien aufgesetzt und vermittelte einen Optimismus, den sie offensichtlich gar nicht empfand. Ihre braunen Augen zuckten hin und her, wenn sie sprach, und ihre Beine standen niemals still. Natürlich war sie erkältet – aber da war auch noch etwas anderes. Eine gefährliche Energie, die von ihrem sonst so kräftigen Körper Besitz ergriffen hatte.
Romy, die ihr Leben lang sämtliche Probleme tief in sich vergraben hatte, kannte die Anzeichen nur zu gut.
