Yiwu Liao
Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand
Texte aus der chinesischen Wirklichkeit
FISCHER E-Books

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht Massaker, wofür er vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis Freiheit zum Schreiben ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. 2011, als Für ein Lied und hundert Lieder in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien Die Kugel und das Opium, 2013 Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch, 2014 Gott ist rot und 2018 Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass. Er wurde u.a. mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Erschienen bei S. FISCHER
© 2019S. Fischer Verlag GmbH,
Hedderichstr. 114,
D-60596 Frankfurt am Main
Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Umschlagabbildung: Stuart Franklin/Magnum Photos/Agentur Focus
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ISBN 978-3-10-491080-2
Lao Wei ist ein Pseudonym Liao Yiwus, das er häufig, vor allem bei seinen Interviews mit chinesischen Underdogs, benutzt.
Der erste gemeinsame Gedichtband von Liu Xiaobo und Liu Xia ist 2000 im Xiafeter Verlag, Hongkong, erschienen.
Xingtian , chinesische Gottheit, die gegen die höchsten Götter um die Vormacht kämpft und unterliegt. Zur Strafe wird sie hingerichtet, kämpft aber weiter, in einer Hand den Schild, in der anderen die Axt und mit den Brustwarzen als Augen und dem Nabel als Mund.
Tao Yuanming, auch Tao Qian (365/372–427), berühmter Dichter während der Östlichen Jin-Dynastie.
Wei Yan , geboren 234, Offizier der Shu Han zur Zeit der Drei Reiche.
Tuibeitu , chinesisches Wahrsagebuch auch für die Zukunft des Landes aus der Tang-Dynastie.
Liu Bowen oder Liu Ji (1311–1375), chin. Philosoph und Staatsmann in der späten Yuan-Dynastie und unter dem ersten Ming-Kaiser Ming Taizu. Wegen seiner Prophezeiungen wurde er mit Nostradamus verglichen.
Wörtlich: »mit noch unangebohrtem Herzen« . Anspielung auf folgende Geschichte aus dem Kapitel 7 des Zhuangzi, hier in der Übersetzung von Richard Wilhelm: »Der Herr des Südmeeres war der Schillernde; der Herr des Nordmeeres war der Zufahrende; der Herr der Mitte war der Unbewußte. Der Schillernde und der Zufahrende trafen sich häufig im Lande des Unbewußten, und der Unbewußte begegnete ihnen stets freundlich. Der Schillernde und der Zufahrende überlegten nun, wie sie des Unbewußten Güte vergelten könnten. Sie sprachen: ›Die Menschen alle haben sieben Öffnungen zum Sehen, Hören, Essen und Atmen, nur er hat keine. Wir wollen versuchen, sie ihm zu bohren.‹ So bohrten sie ihm jeden Tag eine Öffnung. Am siebenten Tage, da war der Unbewußte tot.«
Ausdruck aus der Kulturrevolution, mit dem ein guter familiärer Hintergrund bezeichnet wurde.
Der chinesische Text weicht hier vom französischen Original ab.
Chinesische Infos zu diesen beiden Büchern unter: http://blog.renren.com/share/254801477/3255138753 (November 2018).
Der Roman »Der rote Fels« von Luo Guangwu und Yang Yiyan aus dem Jahre 19 61 beschreibt Chongqing während des zweiten Bürgerkriegs zwischen den Kommunisten und der Guomindang und die Untergrundarbeit der KPCh. Der Roman erlebte 98 Auflagen mit insgesamt 10 Millionen Exemplaren und wurde mehrfach verfilmt.
Trauerkundgebungen zum Tode von Zhou Enlai auf dem Tiananmen, mit vielen spontanen Gedichten und Liedern, gilt als Vorläufer der Demokratiebewegung.
Der Affenkönig Sun Wukong ist die Hauptfigur des beliebten klassischen Romans »Xiyouji«, deutsch: »Die Reise nach dem Westen«.
Alle sind Vertreter des 4. Juni.
»Die Geschichte der Drei Reiche« oder kurz: »Die Drei Reiche« ist ein bis heute beliebter Roman von Luo Guan-zhong aus der Ming-Dynastie über die Zeit der Drei Reiche (208–280).
Niaoyu ist der Vorname von Liao Yiwus damaliger Frau.
Berühmtes Arzneimittel für Kinder, eine Sulfamethazin-Verbindung zur Behandlung von Entzündungen der Netzhaut, der oberen Atemwege, des Darmes, der Ohren, von Hautkrebs und auf Grund ihrer Nebenwirkungen gegen jede Art von Schwellungen.
Ah Q, ein von der Revolution nur träumender Tagelöhner, ist der eher traurige Held einer gleichnamigen Novelle von Lu Xun, auf dessen Charakter als Nationalcharakter hier angespielt wird.
Haizi (1964–1989), Pseudonym des berühmten chin. Dichters Zha Haisheng , der sich das Leben nahm, indem er sich auf ein Zuggleis legte.
»Howl« – ein berühmtes Gedicht des amerikanischen Beat-Dichters Alan Ginsberg (1926–1997).
Chan-Buddhismus, spezielle, ab dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in China entwickelte Form des Mahayana-Buddhismus, die auf einen direkten und schnellen Weg zur Erleuchtung durch spezielle Meditationsübungen abzielt, im Westen eher bekannt unter der japanischen Bezeichnung Zen-Buddhismus.
Ein chinesischer Fuß: etwa 1/3 Meter.
Aus dem Gedicht »Requiem« von Liao Yiwu.
Sanmao, geboren als Chen Maoping (1943–1991), taiwanische Romanautorin, die sich im Alter von 47 Jahren das Leben genommen hat.
»Elegy«, Gedicht von Dylan Thomas, Quelle: https://www.poemhunter.com/poem/elegy-2/ (November 2019)
Mahakappa ist im Buddhismus die Bezeichnung für einen Weltenzyklus.
Julius Fučík (1903–1943), tschechischer Schriftsteller, Antifaschist und kommunistischer Kulturpolitiker.
Odysseas Elytis (1911–1996), griechischer Dichter und Literaturnobelpreisträger.
Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 zog die chinesische Regierung über 200000 Mann der Volksbefreiungsarmee zusammen, rückte gegen Beijing vor, kreiste es ein und richtete ein Massaker von ungeheuren Ausmaßen an, das international für Entsetzen sorgte. Über die bis heute nicht geklärte Anzahl der Opfer besteht Uneinigkeit. Regierungssprecher Yuan Mu hat am 6. Juni verlautbart, nach »ersten Schätzungen« liege die Zahl der Toten bei nicht ganz 300. Die Schätzungen des chinesischen Roten Kreuzes und der Organisatoren der Studentenbewegungen belaufen sich nach einer seinerzeitigen Inspektion von über 100 Beijinger Krankenhäusern auf 2600 bis 3000 Opfer.
Das Weiße Haus sprach 2014 nach Einsicht entsprechender Dokumente von 10454 Opfern und 40000 Verletzten.
Ende 2017 sprachen die National Archives von England nach Einsicht entsprechender Dokumente von mindestens 10000 Opfern unter der Bevölkerung.
Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang; als die Panzerkolonne schließlich bremste und stehen blieb, nutzte er die Gelegenheit, stieg auf den Panzerturm, verhandelte kurz mit dem Fahrer, der sich für einen Augenblick sehen ließ, und zog sich zurück – als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg. Gerade, als es nicht mehr vor und zurück ging, erschienen drei unbekannte Gestalten auf dem Plan und schafften ihn weg, als würden sie eine Barrikade forträumen.
Viele westliche Journalisten, die aufgrund des »Kriegsrechts« im Beijing-Hotel festgehalten wurden, haben mit riesigen Teleobjektiven den Vorgang heimlich aufgenommen. Doch den Hauptdarsteller der Szene kannte niemand. Der Name Wang Weilin tauchte zum ersten Mal im englischen »Sunday Express« auf, einer kleinen regionalen Zeitung, die überhaupt keinen Korrespondenten in Beijing unterhielt, aber die Schlagzeile von Wang Weilin, dem »Tank Man«, ging um die Welt. Auch die Milliardenbevölkerung Chinas hörte davon. »Wang Weilin, der Mann, der vor den Panzern stand« wurde zu einem Symbol für den millionenfachen Widerstand im Land. Aber wie hieß der Mann, der vor den Panzern stand, wirklich? Woher kam er? Wohin ist er verschwunden? Das ist, wie bei so vielen anderen Opfern des Massakers auf dem Tiananmen, bis heute ein ungelöstes Rätsel.
Gemeinhin wird angenommen, dass er an einem geheimen Ort exekutiert worden ist, die drei Männer, die ihn mitgenommen haben, waren offensichtlich Agenten mit einer entsprechenden Spezialausbildung – doch als der Staatsvorsitzende Jiang Zemin von westlichen Medien gefragt wurde, hat er das mehrfach entschieden dementiert. Auch ein anderer Beamter der chinesischen Kommunisten hat festgestellt: »Wir haben keine Möglichkeit, ihn zu finden. Wir haben von den Journalisten seinen Namen bekommen, haben die digitalen Daten gecheckt, aber er war weder unter den Toten noch unter den Inhaftierten zu finden.«
So sind wir auf Spekulationen, auf alle möglichen romantischen Geschichten angewiesen. So soll Wang Weilin nach heimlicher Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er als Archäologe arbeiten und über die Geschichte mit den Panzern nicht anders sprechen soll als über seine stummen Fossilien; dann wieder will man Wang Weilins Eltern gefunden haben, die aber nicht bereit seien, den Verbleib ihres Sohnes preiszugeben.
Die Reihe von Romanen, Gedichten, Rocksongs, Kunstwerken und selbst Werbespots, die diese Geschichte zum Stoff haben, reißt nicht ab; in einem kürzlich erschienenen Roman steht Wang Weilin auf einem anderen Stern an der Spitze von Aufständischen. So nimmt es kaum wunder, dass während des arabischen Frühlings 2011 der libysche Diktator Gaddafi nach der Unterdrückung der oppositionellen Demonstrationen in einer Fernsehansprache sagte: »Das ist kein Spiel hier … jeder, der sich vor einen Panzer stellt, wird zermalmt werden. Die Einheit und Unversehrtheit Chinas ist ein höherer Wert als die paar Leute auf dem Tiananmen.«
Auf diese Weise hat sich Wang Weilin über Zeit und Raum erhoben. Vielleicht wird sich nach weiteren tausend Jahren und nach weiteren unzähligen Neuanfängen der Kreis zurück zum »Klassiker der Berge und Meere« schließen. Damals hätte man Wang Weilin wie Xingtian[1], der die totalitäre Macht des alten Imperiums herausgefordert hat, den Kopf abgeschlagen, doch er hätte nach dem Verlust seines eigentlichen Antlitzes noch immer aufrecht auf der Straße gestanden und, die Brustwarzen als Augen, den Nabel als Mund, mit ausgebreiteten Armen für alle Zeiten Widerstand geleistet. Deshalb heißt es in einem Gedicht des Eremiten Tao Yuanming[2] aus der Jin-Dynastie:
Der Vogel im Schnabel ein Holz
will das Meer damit füllen.
Xingtian tanzt mit Axt und Schild
verliert nie den Kampfeswillen.
Berlin, 4. Juni 2017