Petra Morsbach
PLÖTZLICH IST ES ABEND
Roman
Ljudmila Semjonowna Gwosdikowa
meistens Ljusja genannt; aber auch Ljuska, Ljusenka, Ljusenitschka, Ljuda, Ljudmilotschka
Semjon Nikiforowitsch Gwosdikow
ihr Vater
Pelageja Ilarionowna
ihre Mutter
Wowa (Wladimir) ihr ältester Bruder
Jenka (Innokentij) ihr älterer Bruder
Ljuba (Ljubow) ihre älteste Schwester
Lera (Walerija) ihre ältere Schwester
Jurik (Jurij Borissowitsch Gwosdikow), auch Jura, Jurotschka genannt, Ljusjas unehelicher Sohn
Lilja (Lidija Pawlowna Gwosdikowa), auch Lilotschka genannt, Ljusjas ältere Tochter aus der Ehe mit Pascha Cherzew
Anja (Anna Pawlowna Gwosdikowa), auch Annotschka, Anjetschka genannt, Ljusjas jüngere Tochter aus der Ehe mit Pascha Cherzew
Wolodja Ljusjas erster Mann
Damir Mirsaidowitsch Bojarow
Literat, vier Jahre lang Ljusjas Liebhaber
Pawel Jakowlewitsch Cherzew
meist Pascha genannt, Kunstkenner und Spekulant, später Dissident, Ljusjas zweiter und vierter Mann
Alexander Alexandrowitsch Tretjakow
auch Sascha, Saschenka genannt, Professor für Physik, Ljusjas dritter Mann
Iwan Sergejitsch
auch Wanja, Wanjetschka genannt, Funktionär, Firmenchef, Ljusjas letzter Liebhaber
Katerina Dawidowna Zucker
auch Katja, Katjuschka genannt, Anwältin, Ljusjas Freundin aus der ersten Kommunalwohnzeit
Sinaida Borissowna
meist Ida genannt, freischaffende Modeschneiderin, Freundin Ljusjas, wohnt in Moskau
Ära Nikodimowna
Ära, auch Ärotschka genannt, Kantinenchefin, Ljusjas Freundin
Galja
Arbeiterin in einer Bleistiftfabrik, dann Wodkaverkäuferin, Ljusjas Arbeitskollegin; später Spekulantin
Anton Robertowitsch Müntzer
pensionierter Wissenschaftler, Spezialist für Elektrotechnik, Freund A. A. Tretjakows
Merkurij Wassilytsch Dobrynin
ehemaliger Anglist, politischer Sträfling später Lastträger, zuletzt Emigrant
Lukian Lukianowitsch Leschenko
freigelassener politischer Sträfling, ukrainischer Nationalist
Wjatscheslaw Petrowitsch Balmaschow
meist Slawa, Slawotschka genannt, freigelassener politischer Sträfling
Walerija Mironowna Balmaschowa
meist Mironowna genannt, dessen Mutter
Trifon Njerus
Bauarbeiter, Kommunalka-Nachbar
Agafja
Ingenieurin, Kommunalka-Nachbarin, Trifons Frau
Ruth Jossifowna
ehemalige politische Gefangene, inzwischen Germanistin, Kommunalka-Nachbarin
Zelja Isaakjewna
Marktfrau, Kommunalka-Nachbarin
Ilja Israeljewitsch
Zeljas Mann, Pensionär, arbeitet nebenbei als Heizer
Arkadij Markowitsch
meist Arkascha genannt, Tankstellenadministrator, Spekulant (Autoersatzteile), Kommunalka-Nachbar
Dawid Lwowitsch Seligmann
Dozent für Germanistik, Kollege von Ruth Jossifowna
Wera Ljusjas Schwiegertochter (Juriks erste Frau)
Schura Ljusjas Schwiegertochter (Juriks zweite Frau)
Ritka Ljusjas Enkelin (Tochter von Jurik)
Paschenka Ljusjas Enkel (Sohn von Lilja)
Nadjka Ljusjas Enkelin (Tochter von Anja)
Im Russischen setzt sich jeder Name aus drei Teilen zusammen: dem Vornamen (Ljudmila), dem Vatersnamen (Semjonowna; bei Männern Semjonowitsch) und dem Nachnamen (Gowosdikowa; bei einem Mann: Gwosdikow). Die offizielle Anrede im Russischen besteht aus Vor- und Vatersnamen, was dem deutschen »Herr« oder »Frau« entspricht: Ljudmila Semjonowna wäre bei uns »Frau Gwosdikow«.
Im gesprochenen Russisch werden die korrekten Formen des Vatersnamen gelegentlich abgeschliffen (z. B. Iwan Sergejitsch statt Sergejewitsch), was eine gewisse Vertraulichkeit einer Person gegenüber bedeuten kann, die man siezt. Bisweilen wird auch ausschließlich der Vatersname in stark abgeschliffener Form gebraucht (Sanytsch für Alexandrowitsch), was eine beinahe kumpelhafte Vertraulichkeit bedeutet.
Vornamen werden privat selten in der offiziellen Version (Ljudmila) benützt. Dafür existieren von jedem Vorname Koseformen, oft mehrere verschiedene (z. B. für Ljudmila Ljusja, Ljuda, Ljusenitschka, Milotschka usw.).
ZUR SCHREIBUNG DER RUSSISCHEN NAMEN
Ich habe die Namen in deutscher Orthographie so geschrieben, daß sie dem russischen Klang möglichst nahe kommen.
Manche der hier vorkommenden Namen sind nicht genuin russisch, sondern griechischen, lateinischen, deutschen oder jüdischen Ursprungs. Ich habe auch hier die dem deutschen Gebrauch nähere Form gewählt (z. B.: Alexander statt Aleksandr, Ruth statt Ruf, Zucker statt Cuker, Müntzer statt Mjuntcer, Seligmann statt Zeligman) in der Hoffnung, daß des Russischen nicht mächtige deutsche Leser sich die (vertrauteren) Namen besser merken können.
P. M.
Achmatowa, Anna Andrejewna
(1886–1966) neben Marina Zwetajewa bedeutendste russische Lyrikerin. Ihr erster Mann, der Lyriker Nikolaj Gumiljow, wurde von der Tscheka erschossen, ihr Sohn Lew verbüßte eine Lagerstrafe. – In der Sowjetunion Publikationsverbot 1922–40 und 1946–56.
Amalrik, Andrej Alexejewitsch
(1938–80), Dramatiker, Prosaiker, Publizist. Nach einem brillanten Essay »Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?« (1969) zu einer mehrjährigen Lagerstrafe verurteilt, 1976 emigriert, kam 1980 in Spanien bei einem Autounfall ums Leben.
Arshak, Nikolaj
Pseudonym von Daniel, Julij Markowitsch (geb. 1925), Schriftsteller, 1966 zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, lebte nach 1970 als Übersetzer in Kaluga.
Andropow, Jurij Wladimirowitsch
(1914–1984) Politiker. 1967–82 Vorsitzender des KGB, 1982–84 als Regierungschef Nachfolger von Leonid Breshnjew.
Banja
Dampfbad.
Berija, Lawrentij Pawlowitsch
(1899–1953) machte Partei- und Staatskarriere unter Stalin; von 1938 an Leiter des NKWD (MWD), das er nach den Säuberungen zu seinem persönlichen Machtinstrument ausbaute. Seit 1946 Politbüromitglied und rechte Hand Stalins; versuchte nach dessen Tod die Herrschaft an sich zu reißen; 1953 gestürzt und erschossen.
Bliny
Eine Art flacher Pfannkuchen.
Blockade
deutsche Belagerung Leningrads 1941–1943. Die Stadt war 900 Tage lang vom übrigen Rußland abgeriegelt, sie wurde beschossen und beinahe ausgehungert. Nach Schätzungen sowjetischer Historiker über 800000 Todesopfer.
Breshnjew, Leonid Iljitsch
(1906–1982) Politiker, von 1960 bis zu seinem Tode nominelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Breshnjew fehlten Stalins kriminelle Energie ebenso wie Chrutschtschows reformerisches Temperament; er versuchte im wesentlichen die Diktatur zu erhalten, ohne sie ideologisch befeuern zu können. Seine Regierungszeit ist als Phase der »Stagnation« in die sowjetische Geschichte eingegangen.
Brodskij, Jossif Alexandrowitsch
geb. 1940, Lyriker. In der Sowjetunion bis 1964 hauptsächlich über Samisdat bekannt. 1964 zu einer fünfjährigen Lagerstrafe verurteilt, wegen der empörten Reaktion der Weltpresse auf diesen Prozeß nach 1½ Jahren freigelassen, 1972 zur Ausreise gezwungen, seitdem lebt er in den USA. 1987 Nobelpreis für Literatur.
Chlestakow
Hauptfigur in Nikolaj Gogols (1809–1852) klassischer Komödie »Der Revisor«.
Datscha
Sommerhaus, Landhaus; auch: Waldparzelle.
Dermokrat
Kalauer. Dermo heißt auf russisch Dreck.
Dsjerhinskij, Felix Edmundowitsch
(1877–1922) Berufsrevolutionär polnischer Herkunft, erster Leiter der 1917 gegründeten Tscheka und Organisator des »Roten Terrors«.
Eherner Reiter
Monumentales Bronzedenkmal Peters I. des Großen zu Pferde, im Auftrag Katharinas II. 1782 auf dem Manegeplatz errichtet. Das Standbild wurde zum Titelhelden von Alexander Puschkins (1799–1837) Ballade »Der eherne Reiter«, die ihm rückwirkend den Namen gab.
Elektritschka
(elektrisch betriebener) Vorortzug.
Entkulakisierung
Kollektivierung der Landwirtschaft 1929–34, s. d., s. a. Kulak.
Geheimpolizei
Bezeichnung und Organisationsform der »Organe der Staatssicherheit« haben in der SU mehrfach gewechselt. 1917 wurde die Tscheka (Č. K. von Vserossijskaja Črezvyčajnaja Kommissija – Allrussische Außerordentliche Kommission) gegründet; Hauptaufgabe: Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage; außerdem: »roter Terror« mittels Gefängnissen, Konzentrationslagern, Erschießungen. 1922 in geringfügig veränderter Form unter dem unverfänglichen Namen GPU (Gosudarstvennoe Političeskoe Upravlenije – Staatliche politische Verwaltung) dem Volkskommissariat des Inneren angegliedert, 1923–1934 als OGPU (Obedinennoe Političeskoe Upravlenije – Vereinigte staatliche politische Verwaltung) selbständige Behörde im Rang des Volkskommissariats der UdSSR. Seit Ende der 20er Jahre Hauptorgan des Stalinschen Terrors, zuständig u. a. für Entkulakisierung, Enteignungen, Musterprozesse, Hinrichtungen; die GULag (Hauptverwaltung der Lager) ging aus ihr hervor. 1934 in NKWD (Narodnyj Komissariat Vnutrennych Del – Volksmkommissariat des Inneren) umbenannt. Als solches für Deportationen, Verbannungen und Einweisungen in Zwangsarbeitslager zuständig. Nach dem Dezember 1934 wurde der NKWD unter den berüchtigten Chefs Jagoda (bis 1936), Jeshow (1936–1938) und Berija (1938–1953) Instrument der großen Säuberungen. 1946 in MGB (Ministerstvo Gosudarstvennoj Bezopasnosti – Ministerium für Staatssicherheit) umbenannt. 1954 als KGB (Komitet Gosudarstvennoj Bezopasnosti – Komitee für Staatssicherheit) aus dem Innenministerium ausgegliedert.
Ginsburg, Jewgenija Semjonowna
(1896–1977) Lehrerin, Hochschuldozentin, Journalistin in Kasan; Parteimitglied, trotzdem 1937 verhaftet, zehnjährige Gefängnis- und Lagerstrafe, acht weitere Jahre Verbannung. Ihre Memoiren (1967; in Deutschland zwei Bände: »Marschroute eines Lebens« und »Gratwanderung«) wurden im Samisdat berühmt.
Gorbatschow, Michail Sergejewitsch
(* 1931), Politiker. Seit 1956 hoher Funktionär, seit 1980 im Politbüro, 1985–1991 Generalsekretär des ZK der KPdSU. Versuchte, das kommunistische System durch demokratische Reformen (s. a. Perestrojka) zu retten, und leitete dadurch den Zusammenbruch der Sowjetunion ein. 1991 zurückgetreten.
Hooligan/-in
Lehnwort aus dem Englischen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit der klassischen Bedeutung: Raufbold, Schläger, Randalierer. Russisch heißt es chuligan, die weibliche Form ist chuliganka. Ebenso geläufig ist das Verb chuliganit’ – schlägern, randalieren. Chuliganstvo (»Hooliganismus«, Randalieren, Rowdytum), nach Definition des Strafgesetzbuchs der RSFSR »vorsätzliche Handlungen, welche die öffentliche Ordnung grob stören oder offene Mißachtung der Gesellschaft ausdrücken«, ist seit 1922 Straftatbestand.
Ikone
Geweihtes Tafelbild der orthodoxen Kirche, thematisch und formal streng an die Überlieferung gebunden.
Ikonastas
(im deutschen Sprachgebrauch auch: Ikonostase) Dreitürige Bilderwand zwischen Gemeinde- und Altraraum in der orthodoxen Kirche.
Jagoda, Genrich Gregorjewitsch
(1891–1938), von 1934 bis 1936 Leiter des NKWD; 1938 im 3. Moskauer Schauprozeß verurteilt und hingerichtet.
Jeshow, Nikolaj Iwanowitsch
(1894–1939 [?]), als Leiter des NKWD 1936 Nachfolger von Jagoda. Unter ihm Höhepunkt der Säuberungen; diese Phase um 1937 als »Jeshowschtschina« berüchtigt. Jeshow wurde 1938 gestürzt und von Berija abgelöst; vermutlich hingerichtet.
Jeshowschtschina
s. Jeshow.
Kaganowitsch, Lasar Mojssejewitsch
(1893–1991) Politiker, 1924–1957 Mitglied des ZK, maßgeblich an den Säuberungen 1936–38 beteiligt. Im Juni 1957 aus Politbüro und ZK ausgeschlossen und aller Ämter enthoben.
KGB
Komitee für Staatssicherheit, s. a. Geheimpolizei.
Koltschak, Alexander Wassiljewitsch
(1873–1920), Admiral; bildete 1918 in Sibirien eine antibolschewistische Armee und Gegenregierung; wurde militärisch geschlagen und erschossen.
Kolchos
Abkürzung von Kollektivnoe chozjajstwo, Kollektiv-Wirtschaft. Laut offizieller Definition eine freiwillige Vereinigung werktätiger Bauern zur gemeinsamen wirtschaftlichen Großproduktion auf gesellschaftlicher Basis und mittels kollektiver Arbeit.
Kolchosmarkt
Landwirtschaftskollektive durften einen Teil ihrer Überschußproduktion auf speziellen Märkten verkaufen. Auf diesen Märkten gab es mehr und bessere Waren als in den staatlichen Läden, zu freiem und daher höherem Preis.
Kollektivierung der Landwirtschaft
Der Idee nach freiwilliger Zusammenschluß bäuerlicher Privatwirtschaften zu Kollektivbetrieben; in der historischen Praxis gewaltsame Enteignung der Bauern 1929–32 (auch »Entkulakisierung« genannt, s. Kulak). Als die Bauern aus Protest ihr Vieh abschlachteten, statt es an die Kolchosen abzugeben, gab es eine Versorgungsnotlage. Stalin erklärte im Dezember 1929, daß man nun dazu übergehe, »die Kulaken als Klasse zu liquidieren«. Bauern, die sich der Enteignung widersetzten, wurden deportiert oder erschossen. Viele Bauern flohen in die Städte, die landwirtschaftliche Produktion brach zusammen. Die Folge waren Hungersnöte, die 1932–34 nach westlichen Schätzungen 5,5 Millionen Menschenleben forderten.
Kombat
Abkürzung von Komendant bataliona, Bataillonskommandant.
Komitee
(auch: Staatskomitee), umgangssprachlich für KGB (s. d., s. a. Geheimpolizei).
Kommunalka
umgangssprachliche Abkürzung von Kommunal’naja kvartira (Kommunale Wohnung): Wohnung, die auf mehrere Mieter aufgeteilt wird, meist ein Mieter bzw. eine Familie pro Zimmer bei gemeinsamer Küchen- und Badbenutzung. Staatliche Wohnraumverteilungsmaßnahme der postrevolutionären Ära, zuerst als Provisorium gedacht, aber in Rußland bis heute üblich. Die Verteilung der Mieter wird von einer Wohnungs-Nutzungs-Behörde geregelt.
Komsomol
(von: Komsomolskaja molodež, Kommunistische Jugend) Jugendverband.
Komsomolze
Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes.
Kulak
(von russ. »Faust«) Großbauer. Entkulakisierung (russ. Raskulačivanije): nach Wortsinn Enteignung der Großbauern. In der Praxis war davon jeder Bauer betroffen, der seinen Privatbesitz nicht abgeben wollte; s. a. Kollektivierung.
Lager
Lehnwort aus dem Deutschen, auch in der Wortbildung Konclager, Konzentrationslager. Die ersten »Besserungs-Arbeitslager« wurden bereits 1918 von Felix Dsjershinskij in Betrieb genommen. Während Stalins Herrschaft wuchs ihre Zahl auf weit über 100. Zwangsarbeit wurde in der Holzindustrie, in Bergwerken, bei der Kohle- und Zink-, Phosphat- und Bleigewinnung eingesetzt, zum Eisenbahn- und Kanalbau. Über die Zahl der Insassen lagen lange nur westliche Schätzungen vor. Sie schwanken zwischen zwei und 20 Millionen; alle gehen von einer hohen Sterberate aus. Eine 1989 eingesetzte russische Kommission zur Klärung der Bevölkerungsverluste errechnete, daß allein im Jahr 1937 2,65 Millionen Lagerinsassen registriert waren.
Leningrad
1924–1991 Name der Stadt St. Petersburg.
Lenin, Wladimir Iljitsch
(1870–1924), eigentlich W. I. Uljanow, Berufsrevolutionär, Politiker. Wegbereiter der sozialistischen Revolution in Rußland, unbestrittener Führer Sowjetrußlands 1917-1924.
MGB
Ministerium für Staatssicherheit; s. a. Geheimpolizei.
NKWD
Volkskommissariat für Staatssicherheit; s. a. Geheimpolizei.
OBChSS
Otdel Borby s Chiščenijami Socialističeskoj Sobstvennosti i Spekuljaciej – Abteilung zum Kampf gegen Diebstahl sozialistischen Eigentums und Spekulantentum: Vor allem im Dienstleistungsbereich eingesetzte Unterabteilung der Geheimpolizei.
Organe
Umgangssprachlich: Staatsorgane, im engeren Sinn: Geheimdienst, Staatssicherheit.
OWIR
Otdel Vizi i Registracij, Paß- und Meldebehörde.
Papirossa
Zigarette mit hohlem Mundstück.
Perestrojka
Wörtlich: Umbau. Schlagwort für organisatorische Veränderungen in der Parteistruktur schon 1930 und 1934; aktuell und international bekannt geworden als Überbegriff für den von Michail Gorbatschow 1985 eingeschlagenen Reformkurs. Dessen Hauptanliegen wurden ein offener Umgang mit der Gesellschaft (glasnost’), Stärkung der Sowjets (demokratizacija), eine radikale Wirtschaftsreform sowie eine Neuordnung der Gesellschaft nach dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit. Das Sowjetsystem selbst sollte zunächst nicht in Frage gestellt werden. Die Modernisierung der Wirtschaft nach kommunistischen Regeln unter einem verkommenen Apparat führte jedoch zu einer seit 1989 nicht mehr übersehbaren Wirtschaftskrise mit galoppierender Inflation. Konservative Kräfte versuchten im August 1991, die Perestrojka durch einen Putsch zu stoppen. Der Putsch scheiterte und leitete das Ende der Sowjetunion ein.
Pirogge
Pastete, Kuchen; Teigteilchen mit süßer (Quark, Mus) oder salziger (Kohl, Fleisch) Füllung.
Radek, Karl
(1885–1939), Berufsrevolutionär aus Ostgalizien; Kominternfunktionär, Journalist, Bolschewik seit 1917, 1937 zu zehn Jahren Lager verurteilt, dort zugrunde gegangen.
Rayon
Lehnwort aus dem Französischen: (Stadt-)Bezirk; (Verwaltungs-) Kreis.
Registration
Umgangssprachlich: standesamtliche Trauung.
RONO
Rajonnyj Otdel Narodnogo Obrazovanija – Bezirksabteilung für Volksbildung.
RSFSR
Rossijskaja Soveckaja Federativnaja Socialističeskaja Respublika – Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepubik. Sie war bis 1991 die größte und bedeutendste Unionsrepublik der Sowjetunion (seit 1991 das Kernland der G.U.S.). Umfaßt mit 17,2 Millionen Quadratkilometern drei Viertel des Territoriums der UdSSR. Von den 137 Millionen Einwohnern waren 1979 82,6% Russen; 69% der Bevölkerung lebten in Städten.
Rubel
Offizielle sowjetische Währung.
Alte Rubel, neue Rubel: Im Dezember 1947 und im Januar 1960 wurden Devaluationen mit der Rate jeweils 1:10 durchgeführt. 1960 wurde der offizielle Wechselkurs zum Dollar mit 1 R = 1,11 $ festgelegt. Neben dem offiziellen Kurs existierten davon stark abweichende Schwarzmarktkurse. Der Besitz von Valuta war Sowjetbürgern verboten.
Sakuski
»Zuspeise« z. B. zum Wodka, Imbiß.
Samisdat
(von russ. sam – selbst, izdat’ – herausgeben) »Selbstverlag«: Bezeichnung für die private Verbreitung von Texten und Manuskripten, die aufgrund ihres kritischen oder nonkonformistischen Inhalts kaum eine Chance gehabt hätten, die staatliche Zensur zu passieren. Die Werke wurden abgetippt oder von Hand geschrieben, ihr Besitz war strafbar. Tamisdat (von russ. tam – dort): »Dortverlag«, im Westen gedruckte und von dort nach Rußland geschmuggelte, verbotene Literatur.
Sarafan
Vorn zuzuknöpfender Rock der russischen Bäuerinnen, sommerlicher Kleiderrock.
Säuberung
(wörtliche Übersetzung von russ. Čistka), bedeutete ursprünglich die in Abständen erfolgte Prüfung des Mitgliederbestandes der Kommunistischen Partei, mit nachfolgendem Ausschluß der »parteifremden« und »parteischädigenden« Elemente. Historisch wurde der Begriff der Großen Säuberungen v. a. der 30er Jahre, in denen Stalin seine echten und vermeintlichen Feinde in der Partei nicht nur entmachtete, sondern physisch liquidierte (nach westlichen Schätzungen eine halbe Million Menschen). Darunter war ein Großteil der sowjetischen Intelligenz (Leitungskader in der Wirtschaft, Generalstab, Wissenschaftler, Künstler). Rechnet man zu diesen Erschossenen Kollektivierungsopfer und in den Arbeitslagem zugrunde gegangene Menschen hinzu, kommt man auf ca. 20 Millionen Todesopfer des Stalinschen Terrors. Eine 1989 im Zuge der Perestrojka eingesetzte Kommission berechnete aufgrund einer neuen Auswertung der Volkszählung die »Bevölkerungsverluste« allein zwischen 1927 und 1939 auf ca. zwölf Millionen.
Schalamow, Warlam Tichonowitsch
(1906–1982) Schriftsteller, Dichter. 1929–32 erste Lagerstrafe, ab 1937 weitere 17 Jahre Lager im Bereich Kolyma. Verfasser berühmt gewordener Prosaberichte aus dem Lagerleben (»Erzählungen aus Kolyma«), in der Sowjetunion nur im Samisdat erschienen.
Schwarze
Umgangssprachlich: (schwarzhaarige) Bewohner der südlichen Sowetunion, im engeren Sinn: Kaukasier. Abwertend.
Sil
Sowjetische Nobellimousine, Funktionärsauto.
Solshenizyn, Alexander Issajewitsch
(geb. 1918) Schriftsteller. 1945 bis 1953 in Straf- und Sonderlagern, bis 1956 in »ewiger Verbannung« in Mittelasien. 1962 durch die Erzählung »Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch« in die erste Reihe der russischen Autoren aufgerückt. 1969 Ausschluß aus dem sowjetischen Schriftstellerverband, 1971 Nobelpreis für Literatur, 1974 Ausbürgerung.
Stalin, Jossif Wissarionowitsch
(1879–1953) von 1927 bis 53 faktisch unumschränkter Herrscher der Sowjetunion. Seine Diktatur war charakterisiert durch rücksichtslose Machtpolitik, gewaltsame Maßnahmen wie die Kollektivierung der Landwirtschaft, die pauschale Vernichtung echter und vermeintlicher Gegner im Zuge von sogenannten »Säuberungen«,die Errichtung eines Geheimpolizei- und Spitzelapparats und eines Repressionsapparats von bisher in der Weltgeschichte einmaligem Ausmaß.
Stolitschnaja
»Hauptstädtischer«: Wodkamarke.
Suslow, Michail Andrejewitsch
(1902–1982) Politiker und Funktionär, seit 1966 Politbüromitglied und als maßgeblicher Sprecher in ideologischen Fragen im inneren Führungskreis der Partei.
Tamisdat
s. Samisdat.
Terem
Bojarenhaus; Wohnraum im oberen Teil des Hauses. Hier im Sinne von: Palast.
Terz, Abram
Pseudonym von Sinjaswskij, Andrej Donatowitsch (geb. 1925). Schriftsteller. Publizierte unter diesem Pseudonym in Frankreich, 1966 zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt, 1971 entlassen, 1973 Emigration nach Paris.
Tolstoj, Alexej Konstantinowitsch
(Graf, 1817–1875) Dichter, Dramatiker, Publizist, dem Hofe nahestehend; nicht zu verwechseln mit dem sowjetischen Autor Alexej Nikolajewitsch Tolstoj (1883–1945).
Tschazkij
Hauptfigur in Alexander Gribojedows (1801–1838) klassischer Komödie »Verstand schafft Leiden«.
Tscheka
Abkürzung von Č. K., Črezvyčajnaja Kommissija, Außerordentliche Kommission (zur Bekämpfung von Konterrevolution und Spionage); s. a. Geheimpolizei.
Tschernjenko, Konstantin
(1911–1985) Politiker, Funktionär. Von 1984 bis 85 als Staatschef Nachfolger von Jurij Andropow.
Vatersname
Vorname des Vaters, Mittelteil des russischen Namens; s. a. S.659, Namen und Anreden im Russischen.
Warenje
Eingemachtes; Marmelade, Konfitüre, Mus.
Zertifikat
Sowjetbürger durften keine Devisen besitzen, im Ausland verdientes Geld aber zum offiziellen Kurs in sogenannte Zertifikatrubel umtauschen. In Zertifikatläden, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren, gab es für diese Rubel Importware aus den kapitalistischen Ländern.
Zone
Umgangssprachlich: Lager.
Zweiter Weltkrieg
Am 22. 6. 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion ohne Vorwarnung und drang schon in den ersten Kriegsmonaten bis Leningrad, Smolensk und – im Süden – bis zur Krim vor. Der Eroberungsfeldzug zur »Erschließung neuer Lebensräume im Osten« verwandelte sich in einen Vernichtungsfeldzug, der die slawische Rasse unterwerfen und den Genozid an Juden und Zigeunern vervollständigen sollte. Für die unvorbereitete und schlecht ausgerüstete sowjetische Bevölkerung wurde es der mit dem Mut der Verzweiflung gewonnene »Große Vaterländische Krieg«. Geschätzte Anzahl der Todesopfer: zwanzig Millionen.
Petra Morsbach, geboren 1956, studierte in München und St. Petersburg. Ihr erster Roman »Plötzlich ist es Abend« schöpft aus den russischen Erfahrungen. »Mein Gaststudienjahr an der Leningrader Theaterakademie 1981/82 brachte außer Kursen und Seminaren auch private Erfahrungen und Freundschaften. Die Kontakte aus jener Zeit habe ich gehalten. Was mich bewegte an Geschichten und Sinnfälligem, habe ich notiert. Ich hatte immer das Gefühl, es sei ein großer und wichtiger Stoff. Ich bedauerte, dass ich nicht imstande war, ihn zu gestalten. Schließlich habe ich es doch versucht, weil ich fand, es wäre schade, wenn er vergessen würde.«
Petra Morsbach in der Presse:
»Morsbachs ausgreifender, doch stets kontrollierter, pointierter Erzählstil erinnert an die großen Russen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.«
DIE ZEIT
Außerdem von Petra Morsbach lieferbar:
Petra Morsbach, Gottesdiener
Petra Morsbach, Opernroman
Petra Morsbach, Justizpalast
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