
Jörg Kastner
Roman

1840–1842
Im ersten Opiumkrieg zwischen Großbritannien und China setzt sich die siegreiche europäische Großmacht für die britischen Handelsinteressen ein, nicht zuletzt für die Überschwemmung Chinas mit aus Indien importiertem Opium. China tritt Hongkong als Kronkolonie an die Briten ab und verspricht, fünf Häfen für den internationalen Handel zu öffnen.
1851
Der Taiping-Aufstand, entfacht von der christlichen Taiping-Sekte, beginnt. Er erschüttert China schwer und fordert letztlich zwischen zwanzig und dreißig Millionen Tote.
1857–1860
Nach bewaffneten Auseinandersetzungen mit Großbritannien, Frankreich, Russland und den USA (zweiter Opiumkrieg) muss China weitere Häfen öffnen, Gebiete abtreten und Reparationszahlungen leisten.
1860–1864
Großbritannien und Frankreich helfen der chinesischen Regierung mit ihren Truppen bei der Niederschlagung des Taiping-Aufstands und festigen dadurch die eigene Position in China.
1861
Eine preußische Gesandtschaft schließt in Peking einen Handelsvertrag mit China ab.
1868–1872
Der schlesische Geologe und Geograf Ferdinand von Richthofen erkundet China in mehreren Reisen, über die er später ein mehrbändiges Werk schreibt, um das Land in Deutschland bekannt zu machen. Ein besonderes Interesse gilt dem Kiautschou-Gebiet, das mit seinen Steinkohlevorkommen als Flottenstützpunkt geeignet erscheint, zumal sich die Bucht außerhalb der Taifunzonen befindet und, obwohl relativ weit nördlich gelegen, im Winter eisfrei bleibt.
1869
Der Norddeutsche Bund unter preußischer Führung stationiert mit Billigung Großbritanniens zwei Korvetten zum Schutz deutscher Handelsinteressen in Singapur. Damit beginnt eine dauerhafte Anwesenheit deutscher Kriegsschiffe in Ostasien.
1881
Die katholische Steyler Mission beginnt als erste deutsche Mission ihre Tätigkeit in der Provinz Schantung.
1885
China tritt Annam (Indochina) an Frankreich ab und verzichtet zugunsten Japans auf das Protektorat Korea.
1886
China tritt Birma an Großbritannien ab.
1894/95
Niederlage Chinas im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg. China tritt Formosa (heute Taiwan) sowie die Pescadores-Inseln an Japan ab und erkennt Koreas Unabhängigkeit an.
1896
Im Auftrag des Vizeadmirals Alfred von Tirpitz wird die Kiautschou-Bucht in Anlehnung an von Richthofens Veröffentlichungen daraufhin untersucht, ob sie als deutscher Flottenstützpunkt geeignet ist. Das Ergebnis fällt positiv aus, und in Deutschland wartet man auf eine Gelegenheit, sich das Gebiet anzueignen.
1897
Im November werden zwei Missionare der Steyler Mission in der Provinz Schantung von Mitgliedern der chinesischen ›Messer-Sekte‹ ermordet. Das bietet deutschen Marinetruppen den Vorwand, die Kiautschou-Bucht noch im selben Monat kampflos zu besetzen.
1898
Im März schließen das Deutsche Reich und China einen Pachtvertrag mit einer Laufzeit von neunundneunzig Jahren über das Gebiet an der Kiautschou-Bucht ab. Kapitän zur See Carl Rosendahl wird der erste Gouverneur. – Im Mai besucht Prinz Heinrich von Preußen, jüngerer Bruder Kaiser Wilhelms II., Tsingtau.
1898–1900
Die chinesische Vereinigung der ›Faustkämpfer für Gerechtigkeit und sozialen Frieden‹ (Boxer) beginnt einen Aufstand gegen die Ausländer in China, dem sich schließlich das chinesische Kaiserhaus anschließt, das den ausländischen Mächten den Krieg erklärt. Diese schlagen den ›Boxeraufstand‹ nieder.
1899
Im Februar wird Kapitän zur See Paul Jaeschke zweiter Gouverneur des deutschen Pachtgebiets.
1901
Im Januar wird Kapitän zur See Max Rollmann dritter Gouverneur des deutschen Pachtgebiets. – Im Juni wird Vizeadmiral Oskar von Truppel vierter Gouverneur des deutschen Pachtgebiets. Seine zehnjährige Amtszeit markiert die Blütezeit Tsingtaus.
1904/05
Japan siegt im Russisch-Japanischen Krieg um die Vorherrschaft in Korea und in der Mandschurei.
1911
Im August wird Kapitän zur See Alfred Meyer-Waldeck fünfter und letzter Gouverneur des deutschen Pachtgebiets.
1911/12
Im Oktober 1911 beginnt ein erfolgreicher Aufstand gegen die seit Jahrhunderten in China regierende Qing-Dynastie, die ›Republik China‹ wird gebildet. – Im Februar 1912 dankt der letzte Kaiser der Qing-Dynastie ab, der erst fünfjährige Pu Yi.
1912
Im September und Oktober erneuter Besuch Prinz Heinrichs in Tsingtau.
1914
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August erklärt Japan dem Deutschen Reich den Krieg und fordert die Übergabe von Tsingtau, was Deutschland ablehnt. – Ende September schließen die Japaner den Belagerungsring um Tsingtau, und japanische Großkampfschiffe beschießen die Stadt. – Ende Oktober beginnen die Japaner die pausenlose Beschießung Tsingtaus von See und Land aus. – Am 30. Oktober schlagen die deutschen Verteidiger einen Sturmangriff der Japaner zurück, die Tsingtau ihrem Tenno als Geburtstagsgeschenk überreichen wollen. – Am 6. November verlässt der deutsche Marineflieger Gunther Plüschow Tsingtau in seiner Taube, um wichtige Dokumente vor den Japanern in Sicherheit zu bringen. – Am 7. November kapitulieren die Verteidiger und übergeben Tsingtau am 9. November an die Japaner.
1917
Auf Druck der gegen Deutschland und seine Verbündeten kämpfenden Mächte bricht China im März die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und erklärt dem Deutschen Reich im August den Krieg.
1918
Nach Abschluss des Waffenstillstands im November werden die deutschen Liegenschaften in Tsingtau enteignet und fast sämtliche deutsche Firmen liquidiert.
1919
Im März werden die noch in Tsingtau lebenden Deutschen von den Siegermächten nach Deutschland ausgewiesen. – Im Vertrag von Versailles muss das besiegte Deutschland alle Rechte am Kiautschou-Gebiet ohne Entschädigung an Japan abtreten.
1920
Rückkehr der Verteidiger Tsingtaus aus japanischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland.
1922
Japan gibt Kiautschou und Tsingtau, besonders auf Druck der am Chinahandel interessierten USA, an China zurück.
Amerika – Abenteuer in der neuen Welt
ISBN: 978-3-95751-048-8
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wagen Jacob Adler und Irene Sommer den Aufbruch in die Neue Welt. Mit ihnen sind zahllose Menschen – Verarmte, Verbitterte, Verfemte – auf der Suche nach einer neuen Heimat jenseits des Atlantiks. Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten warten zahlreiche Gefahren auf die Auswanderer: Naturkatastrophen, wilde Tiere, Banditen und Indianer. Noch dazu tobt in Amerika ein erbarmungslos geführter Bürgerkrieg. Trotz aller Bedrohungen durchqueren Jacob und Irene den riesigen Kontinent, nehmen jede Mühsal und jedes Abenteuer auf sich und begegnen dabei so manch berühmter Persönlichkeit.
Der dunkle Bischof – Die große Mittelalter-Saga
ISBN: 978-3-95751-123-2
Köln im 11. Jahrhundert ist nicht nur eine aufstrebende Handelsstadt. Hier, im Schatten des alten Kölner Doms, greift Erzbischof Anno nach der Macht über das gesamte Reich. Der Kaufmannssohn Georg Treuer wehrt sich gegen die Ränkespiele des »dunklen Bischofs«. Die daraus entstehende Fehde schürt Verbitterung und Hass. Noch aus dem Grab heraus scheint der Kölner Bischof die Familie Treuer zu verfolgen. Jörg Kastners große Mittelalter-Saga Der dunkle Bischof zeichnet ein düsteres, aber zugleich farbenfrohes Bild der damaligen Ereignisse. Basierend auf alten Überlieferungen, erschafft Kastner ein bewegtes, lebendiges Abbild von Kaufleuten und »Schottenmönchen«, Dirnen und angeblichen Hexen, Bettlern und Königen – und gibt uns das Gefühl, mitten unter ihnen zu sein.
Die Saga der Germanen
ISBN: 978-3-95751-049-5
Wenig wissen wir heute über den Cherusker Arminius und jene berühmte Schlacht, in der er die Legionen des Varus vernichtete. In Jörg Kastners Germanen-Saga wird diese Zeit wieder lebendig. An der Seite seines Waffenbruders Arminius macht Thorag der Cherusker es sich zur Aufgabe, das Land der freien Germanen vor den Römern zu beschützen – und muss dabei mehr als einmal um seine große Liebe Auja kämpfen.
Die Germanen – eine spannende historische Saga über eine längst vergangene Zeit und zugleich ein Sittengemälde römischer und germanischer Kultur, von den Urwäldern Germaniens bis zu den römischen Stützpunkten am Rhein, von den sieben Hügeln Romas bis zur reichen Hafenstadt Ravenna.
Die Farbe Blau
ISBN: 978-3-95751-125-6
Blau – Farbe der Könige und Farbe des Todes: Amsterdam, 1669. Grauenhafte Mordfälle erschüttern das Herz der Niederlande. Hochstehende Bürger haben ihre Familien wie im Rausch bestialisch hingemetzelt. Immer war ein Gemälde im Spiel, wie von Rembrandt gemalt, aber in einem starken Blau gehalten – jener Farbe, die der berühmte Meister ein Leben lang mied. Der erfolglose junge Maler Cornelis Suythof verdingt sich bei Rembrandt selbst als Schüler, um dem Geheimnis des Todesbildes auf die Spur zu kommen. Er entwickelt starke Gefühle für Rembrandts Tochter Cornelia, aber die unheimlichen Vorfälle reißen nicht ab. Gemeinsam mit Inspektor Jeremias Katoen versucht Suythof, das düstere Geflecht aus Kunst, Politik und Mord zu entwirren.
Die Tulpe des Bösen
ISBN: 978-3-95751-126-3
Amsterdam – Stadt der Tulpen, Stadt des Todes: Amsterdam, 1671. Seltsame Morde an ehrbaren Bürgern erschüttern die Stadt und das Vertrauen in die Obrigkeit, die unfähig scheint, Licht ins Dunkel zu bringen. Jeder Ermordete hält das Blütenblatt einer unbekannten Tulpenart in der Hand: schwarz mit roten Tupfern, die wie Blut aussehen. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter der »Bluttulpe«, und welche Absicht hinter den Morden? Inspektor Jeremias Katoen, mit der Aufklärung beauftragt, gerät bald zwischen die Fronten von eigenwilligen Tulpenzüchtern und fanatischen Tulpenhassern. Katoen wird klar, dass eine Blume tatsächlich den Tod bringen und sogar die gesamten Niederlande aus den Angeln heben kann.

Jörg Kastner, geboren in Minden an der Weser, war bereits als Kind und Jugendlicher ein begeisterter Leser mit einem Hang zu den Klassikern der Abenteuer- und Spannungsliteratur. So fiel es ihm nach erfolgreichem Jurastudium nicht schwer, sich gegen eine juristische Karriere zu entscheiden und den Beruf des Schriftstellers zu ergreifen. Genaue Recherche und die Kunst, unwiderstehlich spannend zu erzählen, zeichnen seine Romane aus. Bislang in fünfzehn Sprachen übersetzt, sind seine Bücher auch im Ausland sehr erfolgreich. Zu seinen größten Erfolgen zählen die mehrbändige Germanensaga um den Cheruskerfürsten Arminius und seinen Waffenbruder Thorag, der Rembrandt-Roman Die Farbe Blau und seine mit dem Roman Engelspapst beginnende Reihe von Vatikanthrillern. Jörg Kastner lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Corinna Kastner, in Hannover.
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Jörg Kastner: Der Kuss der Schmetterlinge. Roman
Copyright © 2018 by Jörg Kastner
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Covergestaltung: Joachim Luetke (www.luetke.com) unter Verwendung von Motiven von Persian Graphics Studio/shutterstock.com und LU JINRONG/shutterstock.com
Überarbeitete Neuausgabe © 2018 by hockebooks gmbh
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.
Die Originalausgabe ist 2013 unter dem Namen Victoria Lundt im Piper Verlag GmbH, München, erschienen.
ISBN: 978-3-95751-278-9
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Was eine Raupe das Ende des Lebens nennt, nennt der Weise einen Schmetterling.
(Chinesisches Sprichwort)
Sonntag, 9. September 2012.
Christas Worte waren ein Schock für Bernhard, wie ein Schlag vor den Kopf. Gleichzeitig klangen sie unwirklich. Sie wollten nicht zu der fröhlichen Umgebung passen, zu all den Schmetterlingen, die ihn und seine Tante in bunter Pracht umflatterten.
»Ich werde sterben, Bernhard, das hat mein Arzt mir klipp und klar gesagt. Ich muss davon ausgehen, dass ich längstens noch ein Jahr zu leben habe.«
»Nur noch ein Jahr zu leben?«, brachte er stockend, fassungslos, hervor. »Aber warum?«
»Na, woran sterben die meisten Leute heutzutage wohl; Nachbarn, Freunde, Verwandte? Was frisst sie – und mich – von innen auf? Vielleicht ist es die ganze Chemie, die wir ohne Unterlass einatmen und anfassen, vielleicht sind es elektrische Strahlung und Funkwellen oder Tschernobyl und Fukushima.« Sie seufzte kurz, lächelte dann aber gleich wieder. »Sei’s drum, meine Uhr läuft ab, und da kommst du ins Spiel. Nicht als mein Neffe oder gar mein Haupterbe – dir geht’s finanziell ja wohl blendend –, sondern als mein Anwalt und Testamentsvollstrecker.«
Bernhard nickte nur, zutiefst betroffen über das eben Gehörte.
»Fein«, sagte Christa und betrachtete einen farbenfroh schillernden Schmetterling, der dicht vor ihrem Gesicht tanzte. »Ich wusste, du würdest es verstehen. Ich habe mir nämlich einen Erben ausgesucht, den man als etwas ungewöhnlich bezeichnen könnte.«
»Als dein Neffe wäre es mir lieber, du bräuchtest gar keinen Erben«, sagte er leise. »Aber als dein Rechtsanwalt muss ich wohl danach fragen, wer die Person ist, der du dein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen hinterlassen möchtest.«
»Kein Mann und keine Frau. Wie sagt ihr Rechtsverdreher doch gleich? Es handelt sich um eine juristische Person: dieser Schmetterlingspark.«
»Wie?«, fragte er, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Er erinnerte sich an seine Verwunderung darüber, als seine Tante ihn gebeten hatte, mit ihr zu diesem neuen Schmetterlingspark rauszufahren. Seiner Ansicht nach war das eher etwas für Kinder und für Rentner, beides passte nicht zu ihr. Auch mit ihren weit über sechzig Jahren war Christa keineswegs der Oma-Typ. Weder ihre äußerliche Erscheinung – sie ging mit ihrer schlanken Figur und ihrer rotblonden Kurzhaarfrisur für zehn Jahre jünger durch – noch ihr geistiges Auftreten deuteten darauf hin. Die Gespräche mit ihr empfand er anregender als mit so manchem Gleichaltrigen, und nicht zuletzt deshalb schätzte er ihre gemeinsamen monatlichen Treffen. Außerdem war sie seit dem frühen Unfalltod seiner Eltern seine engste Familie. An Politik und Kultur immer interessiert, besuchte Christa mit ihm häufig Ausstellungen, Museen oder Diskussionsrunden.
Sie erklärte ihm alles ausführlich, während sie durch die große Freiflughalle gingen, die mit ihren tropischen Pflanzen, kleinen Wasserfällen und einer Hängebrücke wie ein Miniatur-Urwald anmutete. Aber nicht das tropische Klima trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Eine große Last, scheinbar fast schwerer als einer der Felsen, die als Auflockerung zwischen all dem Grün aufragten, lag auf ihm, seit Christa ihm von ihrer Diagnose erzählt hatte. Verstohlen schaute er sie von der Seite an, aber er konnte keine Anzeichen der tödlichen Krankheit bei ihr erkennen. Sie wirkte so munter und lebensfroh wie immer.
»Für mich begann alles vor mehr als fünf Jahrzehnten, als meine Großeltern väterlicherseits noch lebten, deine Urgroßeltern«, begann Christa, auf deren Handrücken sich ein bunter Falter zutraulich niedergelassen hatte, zu erzählen. »Noch heute, nach so vielen Jahren, denke ich an jenen Sonntagnachmittag im Juni zurück, als ich den Schmetterling fing. Meine Eltern hatten mich zu den Großeltern am Stadtrand gebracht, weil meine Mutter ins Krankenhaus musste. Es war der Tag, an dem mein Bruder, dein Vater, geboren wurde. Aber darüber machte ich mir damals keine Gedanken. Ich war neun Jahre alt, und der riesige Garten meiner Großeltern war für mich ein herrlicher Spielplatz, eine eigene Welt für sich.«
Sonntag, 13. Juni 1954.
»Gib das her!«
Die raue Stimme von hinten ließ Christa zusammenfahren. Beinah hätte sie das Marmeladenglas mit dem auffallend roten Schmetterling fallen lassen. Sie hatte ihren Großvater niemals zuvor so zornig gesehen.
»Gib das Glas her, Christa!«, herrschte er sie an, die Stirn in Falten gelegt, den Mund zusammengekniffen – es war angsteinflößend.
Christa stand starr vor Schreck, da entriss ihr der Großvater das Marmeladenglas. Als er den Deckel öffnen wollte, kehrte das Leben in sie zurück. Blitzschnell griff Christa mit beiden Händen zu.
»Das ist mein Schmetterling, ich habe ihn gefangen!«, rief sie mit aller Widerborstigkeit, derer sie trotz ihrer Angst fähig war.
Sie drückte das Glas an sich und lief auf das Haus zu, wo ihre Großmutter in der Hintertür erschienen war. Erwachsene waren stärker als Kinder, und deshalb, das war ihr klar, brauchte sie einen anderen Erwachsenen als Verbündeten. Sie flüchtete sich in die schützenden Arme der Großmutter und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Großmutters Hand strich tröstend über Christas Hinterkopf, und sie sagte mit sanfter Stimme: »Dein Großvater hat es nicht böse gemeint.«
Christa schaute über die Schulter zu ihrem Großvater, der jetzt hinter ihr stand. Er schien nicht länger wütend, sondern vielmehr erschrocken über sich selbst – und vielleicht sogar ein bisschen traurig.
Trotzdem krampften sich ihre kleinen Hände noch fester um das Glas, als sie ihre Großmutter schluchzend fragte: »Warum hat er mich dann angeschrien? Es ist doch nur ein Schmetterling.«
»Nein, es ist nicht nur ein Schmetterling.« Ihre Großmutter blickte andächtig auf das gefangene Insekt, das reglos auf dem Boden des Glases saß. »Es ist vielleicht die Seele eines Menschen, eine tapfere Seele. Wenn ich dir seine Geschichte erzähle, wirst du es verstehen.«
»Die Seele eines Menschen?«, wiederholte Christa ungläubig und vergaß dabei ihre Tränen.
Die Großmutter nickte. »Er war sehr stark, und das musste er auch sein, weil er viel zu erdulden hatte. Sein Name war Erich …«
Ankunft in Tsingtau
September 1908.
Die Luft in China roch nach Honig, süß und verlockend, zugleich fremd und geheimnisvoll. Der Wind, der von den Bergen herüberwehte, sang ein Lied, das von fernen Ländern und unbekannten Gebräuchen erzählte – und von neuen, aufregenden Erfahrungen. Amelie, die an Deck des Postdampfers stand und auf die vor ihr liegende Bucht hinausblickte, lauschte andächtig jeder Strophe dieses Liedes, jeder Zeile und jedem Wort. Ihr war, als müssten alle Passagiere an Bord der Goeben, die zum ersten Mal diese fremde Küste erblickten, ebenso ergriffen sein wie sie selbst. Aber auf viele ihrer Mitreisenden, die das breite Promenadendeck bevölkerten, schien die Bucht von Kiautschou keinen besonderen Eindruck zu machen. Männer und Frauen in überwiegend heller, leichter Kleidung sahen nur beiläufig auf das hinüber, was doch ihre neue Heimat sein sollte, und ergingen sich dabei in munterem Geplauder, wie sie es die ganze Überfahrt hinweg getan hatten. Amelie achtete nicht weiter auf die Menschen um sie herum. Sie konzentrierte sich ganz auf das wundervolle Lied, das mit jeder Brise erklang, die durch ihre dunkelblonden Locken wehte, und das einen verheißungsvollen Namen trug: China!
Sie hatte in den vergangenen Monaten viel über dieses fremde, große Land gelesen; alles, was ihr in die Finger gekommen war. Reiseberichte, geografische Beschreibungen, Erzählungen aus dem Boxerkrieg, einfach alles, aber das hatte ihre Wissbegier nicht gestillt. Im Gegenteil, ihre ohnehin rege Phantasie war durch all das Gelesene noch befeuert worden, und sie war zum Bersten neugierig auf jenes Land, in dem die Männer lange Zöpfe trugen, in dem die Frauen als begehrenswert galten, wenn sie ihre Füße zusammenbanden, sodass sie kaum laufen konnten, und in dem die Menschen sogar ihr Gesicht verlieren konnten.
Und sie hatte alle Landkarten studiert, derer sie habhaft werden konnte. Die Geografie dieser Region stand ihr so deutlich vor Augen wie vielleicht sonst nur den Seeoffizieren auf der Brücke des großen Dampfers. Das deutsche Pachtgebiet Kiautschou mit der Hafenstadt Tsingtau lag in der chinesischen Provinz Schantung, die wie ein ausgestreckter Finger ins Gelbe Meer hineinzeigte, ungefähr fünfhundert Kilometersüdöstlich der chinesischen Hauptstadt Peking und sechshundert Kilometer nördlich von Schanghai, das die Goeben gestern verlassen hatte. Nur kurz dachte sie an diesen letzten Zwischenhalt zurück. So stark der Eindruck auch gewesen war, den die umtriebige Handelsstadt an der Mündung des Jangtsekiang auf Amelie gemacht hatte, jetzt waren ihre Gedanken ganz und gar auf Tsingtau gerichtet, auf ihre neue Heimat.
Der Reichspostdampfer hatte in langsamer Fahrt die kleinen vorgelagerten Felsinseln passiert. Dann lief er durch eine schmale Einfahrt in die große Kiautschou-Bucht ein und umrundete zur Rechten – oder an Steuerbord, wie man auf See sagte – eine Landzunge, auf der eine Geschützbatterie über die Einfahrt wachte. Dahinter war ein Hafenbecken zu erspähen, und eine helle Stimme hinter Amelie sagte: »Da legen wir gleich an, endlich!«
Die Stimme gehörte ihrer Schwester Helene, die nun auch an Deck gekommen war, aber ein Stück von der Reling entfernt blieb, als fürchte sie, bei all dem Gedränge ins Wasser gestoßen zu werden.
»Da legen wir nicht an«, beschied Amelie, als könne sie darüber bestimmen. »Das ist der Kleine Hafen, in dem vorzugsweise die Chinesen mit ihren kleinen Booten anlegen. Wir steuern den Großen Hafen an, dort.«
Sie streckte den rechten Arm aus und zeigte voraus, nach Norden.
»Woher weißt du das alles?«, staunte Helene.
»Aus Büchern, woher sonst«, sagte Amelie, ohne ihre Schwester anzusehen.
Eine andere Stimme erklang hinter ihr, es war die ihrer Mutter: »Du solltest nicht so viel lesen, Amelie. Das verdirbt die Augen und verwirrt den Verstand. Und wenn überhaupt, dann nimm dir lieber Bücher für junge Damen vor!«
»Welche denn?«, fragte Amelie müde. »Etwa Marlitt, Werner und Heimburg?«
»Warum nicht, keine schlechte Wahl«, befand ihre Mutter.
Obwohl sie diese Autorinnen auch schon gelesen hatte, seufzte Amelie leise: »Dann lieber Karl May.« Ihr war mehr nach Exotik und Abenteuern als nach schwülstigen Liebesgeschichten zumute, während sie den Großen Hafen betrachtete, auf den die Goeben jetzt zulief.
Dort lagen etliche Schiffe vor Anker, längst nicht alle so groß wie der einlaufende Reichspostdampfer, der zur Feldherren-Klasse des Norddeutschen Lloyd gehörte. Überall wurde gearbeitet, wurde Fracht verstaut oder gelöscht, besserten schwielige Hände Schiffsteile aus, wurden Güterwaggons be- oder entladen. Ein Teil der Fracht, die sich im Hafen in Kisten und Fässern ohne Ende stapelte, war wohl für die Goeben bestimmt, für Yokohama oder Schanghai, für Genua oder Bremerhaven. Amelies Blick glitt über die Dächer der großen Lagerhallen und Hafengebäude hinweg, über die qualmenden Schornsteine der Fabriken und Werkstätten zu den landeinwärts auf höherem Gelände erbauten Villen, die ebenso gut in Berlin hätten stehen können. Dahinter erhoben sich die Berge, die im Licht der allmählich sinkenden Sonne rotgrau schimmerten. Sie hatte sich die Anhöhen viel grüner vorgestellt, bedeutete der Name Tsingtau auf Deutsch doch Grüne Insel. Aber das konnte ihren Enthusiasmus nicht schmälern. Sie hoffte, spürte, wusste, dass sie sich hier wohlfühlen würde. Ab heute hieß ihre Heimatstadt nicht länger Berlin, sondern Tsingtau.
»Wie viele Menschen hier wohl leben?«, überlegte Helene laut.
»Fast sechzigtausend«, sagte Amelie, ohne eine Sekunde nachdenken zu müssen.
»Wirklich? Ich hätte nicht gedacht, dass sich so viele Deutsche hier angesiedelt haben.«
»Haben sie ja auch nicht. Die meisten sind selbstverständlich Chinesen, dazu kommen ungefähr dreieinhalbtausend Deutsche, das hier stationierte Militär eingerechnet, und einige andere Fremdstämmige: Briten, Franzosen, Russen, Japaner und so weiter.«
»Ah, das wusste ich nicht«, sagte Helene fast ein wenig entschuldigend.
»Das muss man auch nicht wissen«, meinte ihre Mutter. »Schließlich kann man es jederzeit in Büchern nachlesen.«
»Jedenfalls, solange man sich dabei nicht die Augen verdirbt«, murmelte Amelie so leise, dass niemand sonst es verstehen konnte.
Manchmal fragte sie sich, ob ihre Mutter wirklich alles so meinte, wie sie es sagte. Aber wenn sie dann länger darüber nachdachte, kam sie zu dem Schluss, dass es nicht anders sein konnte.
Für Hedwig Kindler war die Welt ein festes Gefüge, und alles hatte gefälligst so zu bleiben, wie es schon immer gewesen war. Frauen hatten in ihren Augen nur eine Bestimmung: zu heiraten, dem Ehemann möglichst viele Kinder zu schenken und für die Familie zu sorgen. Ihre Lektüre hatte aus Kochbüchern und Fibeln zur besseren Haushaltsführung zu bestehen, zur Erbauung durfte es allenfalls noch Die Gartenlaube oder ein ähnlich harmloses Familienblatt sein. Amelie fragte sich, ob sich Mutter in Tsingtau eingewöhnen würde. Auch wenn im deutschen Pachtgebiet deutsche Regeln das Leben bestimmten, würde doch gewiss einiges anders sein als zu Hause.
Amelies Mutter ahnte das zumindest, und nur widerstrebend hatte sie mit ihren beiden Töchtern die Reise angetreten. Aber das Geschäft, das Heinrich Kindler und sein Sohn Fritz aufgebaut hatten, florierte, und so hatte Vater beschlossen, den Rest der Familie nachzuholen. »In Tsingtau werdet ihr ein ganz neues Leben finden, meine Lieben«, hatte in seinem letzten Brief gestanden, doch Mutter hatte den Kopf geschüttelt und gesagt: »Was sollen wir mit einem neuen Leben? An dem jetzigen gibt es doch nichts auszusetzen.« Sie hatte in einem Eilbrief an Vater darauf bestanden, die Villa am Wannsee noch eine Weile zu behalten »für den Fall, dass es uns in China doch nicht gefällt. Wir müssen erst einmal schauen, Heinrich, ob es wirklich etwas für die Mädchen ist. Sie müssen schließlich eine gute Partie machen, und dort gibt es ja wohl hauptsächlich Chinesen.«
Vermutlich war Amelie die Einzige der drei weiblichen Familienmitglieder, die sich aus vollem Herzen auf China freute. Und jetzt, während des Anlegemanövers, das kein Ende nehmen wollte, wurde sie regelrecht ungeduldig.
An Land versammelten sich mehr und mehr Menschen, im Hintergrund waren es viele Chinesen in ihren zumeist blauen oder schwarzen Kleidern, im Vordergrund eher Europäer, wohl überwiegend Deutsche, die auf Besuch, Nachrichten oder Fracht aus der Heimat warteten. Vergeblich hielt sie nach Vater und Bruder Ausschau. Stattdessen erspähte sie eine Militärkapelle, die mit flottem Schritt aufmarschierte und auch schon begann, zur Begrüßung des Postdampfers Das Wandern ist des Müllers Lust zu spielen. Warum der Kapellmeister ausgerechnet dieses Lied ausgewählt hatte, erschloss sich Amelie nicht. So laut das Blech der tüchtigen Musikanten auch tönte, gegen das hundertfache Stimmengewirr aus Zurufen und Kommandos, das lang gezogene ›Tuut-Tuut‹ der Schiffssirenen, das Rasseln von Ketten und das Fauchen von Dampfwinden kam es nicht an. Amelie konnte nicht anders, als über die Bemühungen der Musiker, denen aufgrund der großen Hitze bald dicker Schweiß auf die geröteten Stirnflächen trat, zu lachen.
Als die Goeben schließlich fest angelegt hatte, konnte sie gar nicht früh genug an Land gelangen. Männer, Frauen und Kinder strömten in einem unablässigen Drängeln zu den Gangways, und Amelie war mittendrin. Dabei hätten jene Passagiere, die schon in Bremerhaven an Bord gegangen waren und folglich geschlagene eineinhalb Monate auf See verbracht hatten, es noch eiliger haben müssen als sie. Die Kindlers hatten den Hauptteil ihres Gepäcks in Bremerhaven an Bord schaffen lassen, waren selbst aber mit der Eisenbahn nach Genua gefahren und erst dort zugestiegen, was die Reisezeit um zwei Wochen verkürzte. Doch ein ganzer Monat mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einer Vierbettkabine der zweiten Klasse genügten ihr voll und ganz, auch wenn das vierte Bett – zum Glück – nicht belegt gewesen war und ein Steward ihr versichert hatte, dass die entsprechenden Kabinen auf anderen Schiffen viel enger seien.
Während Amelie unablässig nach vorn drängte, um endlich mehr von dieser neuen Welt zu sehen, hatten ihre Mutter und Helene alle Mühe, nicht den Anschluss an sie zu verlieren. Mehrmals hörte sie hinter sich Mutters schrille Stimme, die ihren Namen rief, aber mitten in dem großen Menschenstrom war ein Anhalten und Warten gar nicht möglich. Erst an der Einreise- und Zollkontrolle löste sich das Gewirr langsam auf, was Helene und Mutter nutzten, um zu ihr aufzuschließen. Mutter sagte etwas, das sich vorwurfsvoll anhörte, aber Amelie achtete nicht darauf, denn jenseits des Kontrollpunkts hatte sie zwei bekannte Gesichter entdeckt: Vater und Fritz. Fritz winkte ihnen eher verhalten zu, aber Heinrich Kindler strahlte über sein ganzes Vollmondgesicht, zwirbelte die Spitzen seines Kaiser-Wilhelm-Barts und rief ihnen aus Leibeskräften etwas zu, das aber im allgemeinen Gelärm unterging.
Dann waren sie endlich vereint. Hände wurden kräftig geschüttelt, Amelie und Helene küssten Vater und Bruder auf die Wangen, und Heinrich Kindler drückte seine Frau an sich, um sie vom Boden hochzuheben und sich einmal im Kreis mit ihr zu drehen.
»Lass das, Heinrich!«, ermahnte Mutter. »Uns können doch all die Leute hier sehen!«
»Ja, das können sie wohl«, lachte Vater und hielt sie noch immer hoch. »Aber die sind mit sich selbst beschäftigt.«
Er setzte seine Frau ab, die aufatmete und ihr verrutschtes Tropenkleid glattstrich. Heinrich Kindler legte ihr derweil mit einer Geschicklichkeit, die man ihm angesichts seiner leicht korpulenten Statur und seiner kräftigen Hände kaum zugetraut hätte, eine silberne Kette mit einem grünen Anhänger um den Hals.
»Was ist das?«
»Ein Begrüßungsgeschenk für dich, Hedwiglein. Der Anhänger ist aus Jade, dem die Chinesen heilende Kräfte zuschreiben.«
Amelies Mutter sah ihren Mann besorgt an. »Ich hoffe doch sehr, es gibt hier deutsche Ärzte.«
»Aber ja, und auch deutsche Krankenhäuser und deutsche Apotheken.«
Das beruhigte sie, und sie betrachtete den kleinen Anhänger. »Das ist ja eine Ziege.«
Heinrich Kindler nickte. »Weil du im Jahr der Ziege geboren bist, Hedwiglein. Sieh es nicht als persönliche Anspielung. Wer im Jahr der Ziege geboren ist, gilt in China als besonders charmant.«
»Na dann«, sagte Mutter nur.
Auch Helene hängte der Vater einen Jadeanhänger um, einen Hund, und er erklärte ihr: »Wer im Jahr des Hundes auf die Welt kam, wird hierzulande als sehr klug, gewissenhaft und vertrauenswürdig angesehen.«
Das passte zu ihrer stets zurückhaltenden, in sich gekehrten Schwester, fand Amelie, aber da war sie auch schon selbst an der Reihe, und ihr Vater legte ihr eine Kette mit einem Affen aus Jade um.
»Und welche Eigenschaften habe ich, wenn es nach den Chinesen geht?«
»Du bist kreativ und großzügig, und es fällt dir schwer, deine Gefühle zu verbergen.« Ihr Vater tippte mit der Fingerspitze auf Amelies Nase. »Und das nicht nur, wenn es nach den Chinesen geht. Ach ja, und du bist schnell verliebt.«
Amelie hielt die Figur in ihrer Handfläche und betrachtete sie eingehend. »Obwohl der Affe so klein ist, sieht er sehr natürlich aus, beinah lebendig.«
Ihr Vater nickte eifrig. »Jen Bo ist ein echter Künstler auf seinem Gebiet. Die Figuren sind Unikate, eigens für euch angefertigt. Auf der Rückseite hat er eure Namen eingraviert.«
Amelie drehte den Affen um und las ihren in winzig kleinen Buchstaben geschriebenen Vornamen.
Auch Mutter hatte die Rückseite ihres Anhängers angesehen. »Das ist so klein, das kann man kaum lesen. Immerhin scheint dieser Jen Irgendwas die deutschen Namen zu kennen.«
»Mehr oder weniger«, lachte Heinrich Kindler. »Sagen wir, er gibt sich Mühe. Sicherheitshalber habe ich ihm eure Namen sehr deutlich aufgeschrieben. Aber darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass er gute Arbeit leistet.«
»Wieso ist das wichtig?«, fragte Mutter.
Fritz gab die Antwort: »Weil wir den Jadeschmuck nach Deutschland exportieren wollen, wir versprechen uns sehr viel davon.«
»Reden wir jetzt nicht übers Geschäft, dafür ist noch Zeit genug«, winkte Vater ab. »Ihr seid bestimmt neugierig auf unser Haus und vielleicht auch hungrig. Lasst uns aufbrechen!«
»Und unser Gepäck?«, fragte Mutter mit einem zweifelnden Blick auf das Gewimmel aus Europäern und Asiaten rund um die Goeben.
»Darum wird sich Fritz kümmern, er kommt dann später nach. Nicht wahr, Fritz?«
Amelies Bruder grinste und salutierte übertrieben. »Jawoll, Herr Papa!«
»Kindskopf«, murmelte Vater, bevor er Frau und Töchter durch die Menge bugsierte.
Einige Herren zogen den Hut vor ihnen und grüßten, was Heinrich Kindler manchmal mit ein paar kurzen Worten, oft aber auch nur mit einem knappen Kopfnicken quittierte.
»Du scheinst hier viele Bekannte zu haben, Heinrich«, sagte Mutter.
»Die meisten meinen nicht mich, sondern unsere beiden Schönheiten. Deutsche Frauen sind in Tsingtau nämlich Mangelware.«
»Oh«, erwiderte Mutter lediglich, aber es genügte Amelie, um einen erfreuten Unterton herauszuhören. Wenn es nach Mutter ging, gehörte Amelie mit ihren zweiundzwanzig Jahren schleunigst unter die Haube, und für die drei Jahre jüngere Helene wurde es auch langsam Zeit. Da ließ Mutter nicht mit sich reden. Und wenn Amelie einzuwenden wagte, dass Fritz fünf Jahre älter sei als sie und auch noch nicht verheiratet, hieß es bloß: »Bei Fritz ist das etwas anderes, er ist ein Mann.«
Heinrich Kindler führte seine Familie zu einem großen Platz voller zweirädriger droschkenähnlicher Karren, die meisten von ihnen so klein, dass nicht mehr als eine Person darin sitzen konnte. Zugtiere suchte man vergebens. Etliche Chinesen standen auf dem Platz und überboten einander an lauten Zurufen. Amelie begriff schnell, dass die Chinesen auf Kundenfang waren. Ihr Vater winkte vier von ihnen zu sich heran.
»Wollen wir etwa damit fahren?«, fragte Mutter zweifelnd. »Die Droschken haben ja gar keine Pferde!«
»Die Kulis sind Kutscher und Zugtier zugleich.«
»Und es sind keine Droschken, sondern Rikschas«, ergänzte Amelie, die Abbildungen solcher kleiner Wagen in einem Band mit Fotografien aus dem Fernen Osten gesehen hatte.
Auch wenn Mutter sich etwas zierte, bald saß jeder von ihnen in einer Rikscha, und die bezopften Männer, von denen sie gezogen wurden, suchten sich mit erstaunlicher Wendigkeit einen Weg durch die Reisenden, die Empfangskomitees und die Chinesen, die das Gepäck der Ankömmlinge trugen oder auf klobigen Schubkarren transportierten. Mutter und Helene hätten wohl, ihren verkniffenen Gesichtern nach zu urteilen, eine Pferdedroschke vorgezogen. Amelie hingegen genoss die Fahrt sehr. Diese neue, unbekannte Art der Fortbewegung erschien ihr die einzig angemessene in diesem neuen, unbekannten Land.
Sie befanden sich noch im Hafenviertel, rechts von ihnen die Kaianlagen und dahinter die vor Anker liegenden Schiffe, links die endlosen Reihen der Lagerhäuser, zwischen denen Dutzende und Aberdutzende Kulis, beladen mit Kisten, Paketen und Fässern, wie große Ameisen hin und her liefen, als vor ihnen ein Unfall geschah. Die vorderste Rikscha, in der Heinrich Kindler saß, geriet ins Schlingern, weil direkt vor ihr ein mit mehreren Kisten beladener Schubkarren umstürzte. Die Bänder, mit denen die Kisten festgezurrt waren, rissen, und die Fracht fiel polternd auf den Fahrweg. Eine Kiste zerplatzte beim Aufprall, und ihr Inhalt verteilte sich auf dem schmutzigen Boden. Es waren kleine, einfache Schuhe, wie sie wohl von den Chinesinnen oder von einheimischen Kindern getragen wurden.
Trotz aller Anstrengungen, die der vorderste Rikschaläufer unternahm, um sein Gefährt vor einem Umkippen zu bewahren, fiel sein Passagier schließlich heraus und landete inmitten der Schuhe. Das Bild ihres Vaters, der wie ein auf den Rücken gefallener Riesenkäfer zwischen all den Schuhen lag und mit Armen und Beinen strampelte, war so komisch, dass Amelie ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Mutter warf ihr einen tadelnden Blick zu, bevor sie sich ihrem Mann zuwandte und ihn fragte, ob er sich etwas getan habe. Der rappelte sich mithilfe des untröstlichen Fahrers auf, klopfte seinen hellen Baumwollanzug ab und versicherte, dass es ihm gut gehe.
Aus dem Schatten eines Vorbaus war ein alter Chinese getreten, den Rücken leicht gebeugt, das Gesicht von tausend Falten durchzogen und von einem grauen Bart geziert, dessen wenige Haare rund um den Mund und am Kinn wie die Borsten einer Drahtbürste abstanden. Er hielt auf die hinterste Rikscha zu, in der Amelie saß, und sagte in einem hellen Singsang: »Junge Frau aus Deutschland ist neu in meinem Land.« Es war eine Feststellung, keine Frage.
»Ja, ich bin eben erst mit dem Postdampfer angekommen«, sagte Amelie, weniger überrascht als gebannt von der seltsamen Ausstrahlung des Fremden. Seine schmalen Augen, die fast schwarz waren, blickten derart intensiv, dass sie meinte, er könne ihre Gedanken lesen.
Er streckte seine großen, knöchrigen Hände nach ihr aus. »Du zeigst mir deine Hände, ich sage dir deine Zukunft.«
Ein Wahrsager also, dachte Amelie, mittlerweile leicht amüsiert. Einer, der den Neuankömmlingen auflauerte, um ihnen zu erzählen, sie würden in Tsingtau Glück und Reichtum finden. Vielleicht war der Unfall mit dem Schubkarren sogar inszeniert gewesen, damit der alte Chinese an seine Kundschaft kam. Und doch, obwohl die Situation gegen ihn sprach, wirkte er auf sie nicht wie ein billiger Gaukler. Seine verblichene Kleidung war alt und mehrfach geflickt, aber sie war ebenso sauber wie seine Hände und sein Gesicht. Fast wie unter einem hypnotischen Bann streckte sie ihre Hände aus. Der Chinese nahm sie, drehte die Handflächen nach oben und betrachtete sie eingehend.
Schließlich öffneten sich die Lippen zwischen den grauen Bartfäden, und er sagte: »Du bist nach Tsingtau gekommen, um hier das zu finden, was dir fehlt in deinem Land. Dein Haus dort ist voller schöner Dinge, aber dein Herz ist leer. Hier wird dein Herz voll sein und im Einklang mit dem eines Mannes schlagen.« Wahrscheinlich war das die Prophezeiung, die er jeder jungen Frau machte, und sie wollte ihre Hände schon enttäuscht zurückziehen, doch er hielt sie mit sanfter Gewalt fest. »Aber sei auf der Hut, Tochter des Affen. Der helle Tag ist nicht ohne die finstere Nacht, der warme Sommer ist nicht ohne den kalten Winter, und die Glück bringende Liebe ist nicht ohne den Verderben bringenden Hass. Sei auf der Hut vor dem Hass, denn er wird dich verfolgen!«
Der alte Chinese sprach mit solchem Ernst, mit so großer Eindringlichkeit, dass Amelie erschrocken ihre Hände zurückriss. Sie starrte den Mann fragend an, aber er schien sich keinen Spaß mit ihr zu erlauben. Im Gegenteil, in seinen dunklen Augen las sie tiefe Besorgnis.
Amelies Vater war hinzugekommen, drängte den Chinesen von der Rikscha weg und drückte ihm eine silberne Münze in die Hand, einen mexikanischen Peso, der in Tsingtau und ganz China unter der Bezeichnung ›Silberdollar‹ ein beliebtes Zahlungsmittel war. »Nimm das, aber jetzt lass uns in Ruhe, alter Mann!« Heinrich Kindler blickte seine Familie und die Rikschaläufer an. »Wir fahren weiter.«
Die Fahrbahn vor ihnen war inzwischen freigeräumt. Vater nahm wieder in der vordersten Rikscha Platz, und schon setzten sich die Kulis in Bewegung. Amelie schaute sich nach dem alten Chinesen um, aber er war nicht mehr zu sehen. Vermutlich hatte der Schatten des Vorbaus ihn verschluckt. Sie versuchte, nicht mehr an seine Worte zu denken, doch es wollte ihr nicht gelingen. Die Weissagung lag über ihrer eben noch so heiteren Ankunft in Tsingtau wie ein bedrohlicher Schatten.
Die kleine Rikschakolonne verließ den betriebsamen Hafen, hielt sich landeinwärts und fuhr durch ein hauptsächlich von Chinesen besiedeltes Gebiet. Die Straßen waren breit und gerade wie in deutschen Städten, der Baustil teils europäisch, teils asiatisch. Die überwiegend zweigeschossigen Gebäude schienen zugleich Wohn- und Geschäftshäuser zu sein. Unter den gestreiften Markisen hockten die chinesischen Schneider, Schuster und Barbiere, die Verkäufer von Seiden, Stickereien und Kuriositäten allerdings im Freien. Einige blickten kurz zu den Rikschas auf, widmeten sich aber rasch wieder ihrer Arbeit, sobald sie erkannten, dass hier kein Geschäft zu machen war.
Heinrich Kindler ließ die Rikschas anhalten, stieg aus und erklärte: »Wir sind in der Schantungstraße, mitten im Chinesenviertel Tapautau. Um die dreißigtausend Chinesen leben hier, die meisten von ihnen sehr fleißig, wie man sieht. Man muss sie nur ordentlich anleiten.«
Amelie deutete auf einen kleinen Asiaten, der kurz geschorenes Haar und einen Anzug europäischen Zuschnitts trug. Er wartete vor einem Uhrmacherladen offenbar auf Kundschaft. »Ist das da ein Japaner? Ich habe gehört, hier sollen sich viele von ihnen niedergelassen haben.«
Vater sah kurz zu dem Mann hinüber. »Ein Japaner, ganz recht, mein Kind. Man findet hier auch einige Inder und Koreaner.«
Der Uhrmacher hatte das Interesse der Deutschen bemerkt und rief zu ihnen herüber: »Der Herr will kaufen schöne Uhren für seine schönen Frauen?«
Vater schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank, heute nicht.« Zu den Seinen gewandt, fügte er leiser hinzu: »Nicht minder geschäftstüchtig als die Chinesen, diese Japaner. Klein, aber zäh. Sie kommen gern hierher, wissen sie doch, dass unter deutscher Ordnung alles prächtig wächst und gedeiht. Japan hätte auf diesem herrlichen Flecken Land gern eine eigene Niederlassung errichtet, aber wir Deutschen waren eben fixer.«
Sie fuhren weiter und ließen das Chinesenviertel hinter sich, was Amelie auch an den Straßenschildern ablesen konnte. Die Schantungstraße ging in die Friedrichstraße über, und diese wurde von Straßen mit Namen wie Bremer Straße, Berliner Straße und Kronprinzenstraße gekreuzt. Hier gab es nur wenige Chinesen, Dienstboten zumeist, und alles wirkte so deutsch, dass Amelie sich für einen Augenblick in Berlin wähnte und glaubte, die Reise nach Tsingtau nur geträumt zu haben. Vater grüßte hin und wieder einen Passanten, bis er plötzlich erneut anhalten ließ und ausstieg.
Den Anlass gab ein großer, breitschultriger Mann im hellbraunen Leinenanzug, dessen untere Gesichtshälfte von einem auffallend roten Bart verdeckt wurde. Die beiden begrüßten sich sehr herzlich, und Vater sagte anschließend: »Wilhelm, darf ich dir meine Frau und meine Töchter vorstellen? Sie sind eben mit dem Postdampfer eingetroffen.«
Der Mann trat zu ihnen, verbeugte sich und zog den Hut. Auf dem Kopf war er fast kahl, nur ein spärlicher Haarkranz war übriggeblieben. Der war von einem ähnlich kräftigen Rot wie der Bart, an vielen Stellen mit grauen Flecken gesprenkelt.
»Das ist Wilhelm Schweiger, ein guter Freund und tüchtiger Geschäftsmann«, erklärte Heinrich Kindler.
»Willkommen, meine Damen, willkommen in Tsingtau, der Perle am Gelben Meer«, sprudelte es aus einem enthusiastischen Wilhelm Schweiger hervor. »Einer Perle, die durch Ihre Anwesenheit noch mehr Glanz erhält. Sie müssen mit diesem Glanz unbedingt auch mein Haus erhellen. Heinrich, wie wäre es gleich morgen zum Abendessen, die Damen, Fritz und du?«
»Sehr gern.«
»Dann ist es abgemacht, fein, wunderbar.« Schweiger strahlte über das ganze Gesicht, verbeugte sich noch einmal vor Amelie, Helene und ihrer Mutter und ging dann seines Wegs.
Während Amelie ihm noch amüsiert hinterhersah, sagte Mutter: »Du lieber Himmel, Heinrich, ist der Mann wirklich ein Freund?«
»Ist er, und ein erfolgreicher Geschäftsmann noch dazu. Seine Firma Schweiger & Sohn beliefert das hier stationierte Militär und macht dabei hervorragende Geschäfte. Ich würde mich sehr gern daran beteiligen. Also zieht morgen Abend eure schönsten Kleider an.«
»Schweiger & Sohn?«, wiederholte Mutter.
»Der Sohn heißt Erich und ist unverheiratet.«
Hedwig Kindler lächelte von einer Sekunde zur anderen. »Ich freue mich schon sehr auf den morgigen Abend.«
Amelie zwinkerte ihrer Schwester zu und formte mit den Lippen die unhörbaren Worte: »Merkst du was?«
Helene, offenbar erschöpft von den Anstrengungen dieses Tages, nickte nur müde.
Die Fahrt ging weiter, und die Rikschas bogen nach links in die Prinz-Heinrich-Straße ein, fuhren an zahlreichen Geschäftshäusern und dem Postamt vorbei, bis Heinrich Kindler erneut das Zeichen zum Halten gab.
»Was ist denn nun schon wieder?«, fragte seine Frau. »Noch ein guter Freund?«
»Nein, aber unser Geschäft. Hier!«
Stolz zeigte er auf ein langgezogenes zweigeschossiges Haus, an dessen fast blütenweißer Fassade ein großes Schild mit der Aufschrift »Kindler Import & Export« prangte.
»Das sehen wir uns bei Gelegenheit an«, entschied Mutter. »Zeig uns jetzt bitte unser neues Heim, Heinrich, wir sind alle ein wenig müde.«
Etwas mürrisch gab Vater nach und wies die Rikschaläufer an, sich auf kürzestem Weg ins Villenviertel zu begeben, wo die wohlhabenden Europäer und ein paar Amerikaner wohnten. Die Bebauung wurde spärlicher, und zwischen den häufig in Hanglage errichteten Häusern standen Kiefern, Pappeln und Eichen. Viele der Bäume waren noch nicht sehr groß, offenbar befand sich das Gebiet im Zustand der Aufforstung. Die Fahrt endete vor einem zweistöckigen gelben Haus, das etwas abseits der Straße recht malerisch zwischen etlichen Kiefern stand, die fast schon einen kleinen Wald bildeten. Die Rikschaläufer zogen ihre Gefährte über den gepflegten Kiesweg, und bald las Amelie über der doppelflügeligen Eingangstür in großen gusseisernen Buchstaben »VILLA HEDWIG«.
»Na, Hedwiglein, ist das eine Überraschung?«, fragte Vater feixend. »Ich habe unser Haus nach dir benannt.«
Die Geehrte rang sich ein pflichtschuldiges Lächeln ab, während sie mit einem Spitzentaschentuch ihre Stirn betupfte. »Kommt mir das nur so vor, oder ist die Luft hier sehr feucht?«
Vater winkte ab. »Ach, das ist die Nachwirkung der Regenzeit, da ist es reichlich schwül. Aber es ist schon gar nicht mehr so schlimm, und bald wird die Luft noch besser werden. Tsingtau hat das gesündeste Klima von ganz China und ist ein beliebter Kur- und Badeort. Der Badestrand in der Auguste-Viktoria-Bucht liegt übrigens nicht weit von hier. Er ist sehr hübsch angelegt, ihr werdet ihn mögen.«
»Alles zu seiner Zeit«, sagte Mutter, während sie das Taschentuch sorgfältig zusammenlegte.
Als die Familie mithilfe der Kulis aus den Rikschas stieg, sah Amelie, dass die Villa mehrere Anbauten nach hinten heraus hatte und damit größer war, als sie zuerst angenommen hatte. Aus der Eingangstür traten drei Chinesen und stellten sich nebeneinander auf. Der älteste von ihnen war um die vierzig und hatte ein auffallend rundliches Gesicht. Der Mann neben ihm war etwa zehn Jahre jünger und zeichnete sich durch einen sehr kräftigen Körperbau aus. Der dritte Chinese war mit Abstand der jüngste und mochte fünfzehn oder sechzehn Jahre zählen. Er wirkte neben den beiden anderen eher schmächtig.
»Das ist unsere Dienerschaft«, sagte Vater, nachdem er die Rikschaläufer bezahlt hatte. »Fang De, der Koch und die gute Seele des Hauses« – ein Lächeln überzog das rundliche Gesicht –, »Lu Wei, unser Kuli für die schweren Arbeiten und den Garten« – der kräftige Chinese verneigte sich –, »und Jen Schi, unser Hausboy.« Der junge Chinese verneigte sich ebenfalls und murmelte in paar Worte, die Amelie nicht verstand.
Mutter schlug die Hände vor sich zusammen. »Mein Gott, was für Namen! Die kann sich doch niemand merken. Ich werde sie Franz, Ludwig und Jens nennen. Und wo sind die Mädchen, Heinrich?«
»Welche Mädchen?«
»Die Dienstmädchen.«
»Es gibt keine. Dienstbotinnen sind hierzulande nicht üblich, es sei denn als Amah.«
»Als was?«
»Als Kindermädchen.« Heinrich Kindler blickte seine Töchter an und fügte mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: »Aber noch sind wir ja nicht so weit.«
»Und wer macht die Betten, wenn es keine Dienstmädchen gibt?«
»Jen Schi ist sehr fleißig, du wirst dich wundern.«
»Du meinst, er macht auch die Betten in unserem Schlafzimmer und in denen von Amelie und Helene?«
»Selbstverständlich, meine Liebe«, sagte Heinrich Kindler in jenem ihm zuweilen eigenen Tonfall, der zwar weiterhin freundlich klang, aber doch anzeigte, dass jegliche Diskussion beendet war. »Und jetzt hinein, damit ihr euer neues Heim bewundern könnt.«
Es war ein schönes Haus, das überwiegend europäisch ausgestattet war, dessen Einrichtung aber nicht ganz verleugnete, dass es in China stand. Immer wieder gab es asiatische Verzierungen, und Amelie, der das gut gefiel, beschloss insgeheim, ihr Zimmer nach und nach mit chinesischen Einrichtungsgegenständen auszustatten. Es lag neben Helenes Zimmer im Obergeschoss, und durch das große Fenster konnte sie, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ein wenig vorbeugte, einen Zipfel blauen Wassers sehen. Das musste die Auguste-Viktoria-Bucht sein, die Vater erwähnt hatte. Sie brannte darauf, die Bucht und den Badestrand zu erkunden. Kein Zweifel, sie würde sich hier wohlfühlen!
Als sie mit dem Rundgang durchs Haus fertig waren, stand Fritz in der Eingangshalle, und ein paar Kulis trugen das Reisegepäck, drei große Überseekoffer, herein.