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Walter Radetz

Der Stärkere

Walter Radetz

Der Stärkere

Das Leben des Arbeitersportlers

Werner Seelenbinder

VERLAG NEUER WEG STUTTGART

Februar 1981

Verlag Neuer Weg GmbH

D-7000 Stuttgart 1, Postfach 3080

Gesamtherstellung

Repro + Druck GmbH, 5657 Haan

ISBN 978-3-88021-535-1

VORWORT

Der Stärkere – das ist der Arbeitersportler Werner Seelenbinder (1904 - 1944). In der Weimarer Republik war er einer der bekanntesten Ringer im Arbeitersport; unter dem Hitlerfaschismus nutzte er seine Popularität für die illegale Arbeit gegen den Faschismus aus. Als Mitglied der Widerstandsgruppe Uhrig wurde er am 24. Oktober 1944 hingerichtet.

Das Buch beruht auf Tatsachen, die Personen haben wirklich gelebt und erscheinen im Buch unter ihrem richtigen Namen. In Romanform ist mit dem Buch ein Stück Geschichte der Arbeiterbewegung und des deutschen Arbeitersportes geschrieben.

Werner Seelenbinders Weg verlief nicht gradlinig. Die politischen Verhältnisse verwirrten ihn lange Zeit, seine starken Gefühle verleiteten ihn zu unbedachtem Handeln. Aber er war unbestechlich, mutig und von Klassengefühl durchdrungen. Er konnte seine Schwächen überwinden und entwickelte sich zu einem standhaften und selbstlosen Kämpfer für die Interessen der Arbeiterklasse. Ein Übermensch, ein unwirklicher Held? Nein, Werner Seelenbinder wußte — auch aus eigenem Erlebnis —, daß unter der faschistischen Diktatur ein Arbeiterleben nichts zählte. Deshalb war er ein entschlossener Gegner dieses unmenschlichen Systems. Weil er auch unter diesen schwersten Bedingungen den Kampf aufnahm, gab er seinem Leben einen Sinn. Deutlich wird das auf dem Hintergrund des Schicksals seiner Ringerfreunde Ludwig Schweikert und Erich Droas. Der ehrgeizige Schweikert fiel an der Ostfront bei einem Bewährungseinsatz als Offiziersanwärter. Sein alter Jugendfreund Droas, der sich nie vom Einfluß des Reformismus lösen konnte, fiel wenige Tage vor Kriegsende als Volkssturmmann. Befangen in der versöhnlerischen Haltung, die ihm durch die sozialdemokratische Parteiführung eingeimpft worden war, wagte er selbst zu diesem Zeitpunkt nicht, Widerstand zu leisten und sich der Einberufung zu entziehen. Die beiden waren zu willenlosen Opfern geworden — Werner Seelenbinder leistete einen Beitrag zum Untergang des Faschismus. Er ist für uns heute ein Vorbild und Ansporn.

Das vorliegende Buch umfaßt eine Zeit, in der sich der deutsche Arbeitersport zu großer Stärke und Bedeutung entwickelt hatte. Überschattet wurde diese Entwicklung allerdings durch die verhängnisvolle Spaltung in reformistische und revolutionäre Verbände, ein Ausdruck der politischen Spaltung der Arbeiterbewegung. Diese Uneinigkeit der Arbeiterklasse war die entscheidende Voraussetzung für den Sieg des Faschismus.

Die Arbeitersportbewegung hatte ihr eigenes Wesen und Aussehen und grenzte sich klar von der bürgerlichen Sportbewegung ab. Der Massensport, nicht die bürgerliche Rekordsucht, standen im Mittelpunkt. Auf den fairen Kampf kam es an. Mit der Losung „Freundschaft an erster Stelle, Wettkampf an zweiter Stelle“ hatten in unseren Tagen die Sportler aus dem China Mao Tsetungs diesen proletarischen Sportgeist fortgesetzt. Dagegen verkommt der kapitalistische Sport mit seiner Jagd nach persönlichem Ruhm und finanziellem Vorteil zusehens. Während der bürgerliche Sportrummel die Arbeiterklasse und die breiten Massen von ihren Problemen ablenken, für kurze Zeit am Wochenende in einem Begeisterungstaumel einnebeln will, förderte die Arbeitersportbewegung die Selbsterziehung der Arbeiterklasse, stärkte ihr Selbstbewußtsein und unterstützte tatkräftig den Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse. Über diese Kraft und die Erfolge der Arbeitersportbewegung berichtet das Buch auf vielfältige Weise.

Somit ist es nicht nur eine Schilderung des harten Weges eines Arbeiterjungen zum Kämpfer für seine Klasse und zum beliebten und leistungsstarken Arbeitersportler. Es beweist auch, zu welchen Leistungen auf verschiedensten Gebieten eine selbständig handelnde, starke Arbeiterbewegung fähig ist.

Werner Seelenbinder wurde von den Faschisten ermordet, aber durch seine Tat, sein Heldentum und mit den Idealen, für die er eintrat, war er der Stärkere!

Verlag Neuer Weg

Februar 1981

I. KAPITEL

1.DIE GLATZER STRASSE IN Berlin lag schon im Schatten der Nachmittagssonne. Aus der dunklen Toreinfahrt der Nummer sechs trat ein Junge. Schwarzes Haar fiel ihm über die Stirn. Er mochte dreizehn Jahre alt sein. Er war nicht groß, aber er hatte die breiten, stämmigen Schultern eines Siebzehnjährigen. In der Straße kannten ihn alle. Es war Werner Seelenbinder.

Er blieb an der Toreinfahrt stehen und biß auf den Resten eines Brotkantens herum. Dabei bemühte er sich, nicht durch die Nase zu atmen. Der Rindertalg, den Großmutter auf den Kanten geschmiert hatte, roch ranzig nach Tran. Es war das einzige Fett, das sich im Hause befand. Butter hatte es seit drei Wochen nicht mehr gegeben.

Noch während er an den letzten Brocken kaute, fischte er aus der Hosentasche ein Bonbon. Vorsichtig blies er den Staub von dem bunten Papier. Das Bonbon war weich und klebrig. Werner nahm es vorsichtig mit den Lippen vom Papier ab. Für einen Augenblick spürte seine Zunge Sand und Schmutzkrumen, dann aber füllte wohlige, langentbehrte Süßigkeit seinen Mund und spülte den penetranten Geschmack des Rindertalgs weg.

Zufrieden schlenderte er die Glatzer Straße entlang, bog in die Boxhagener Straße ein, die schräg und etwas krumm durch das Viertel lief und es wie eine Diagonale teilte.

Hinter dem Wismarplatz bestaunte er im Fenster einer Eckkneipe eine riesige verstaubte Schnapsflasche aus Pappmache. Ein Soldat in Landsturmuniform kam vorbei. Sein Körper pendelte zwischen zwei niedrigen Krücken, und sein Gesicht wippte bei jedem Pendelschlag weit nach vorn, als wolle es die Straße berühren. Der Landsturmmann hatte nur noch Beinstümpfe. Seine Uniform war schmutzverkrustet. Als er die Schnapsflasche im Fenster sah, zeigte er mit der Krücke darauf: „Bloß Attrappe und nischt drin“, sagte er. „Für unsereinen haben sie nicht mal mehr was zu saufen. Wenn sie uns schon nischt zu beißen geben können, wenigstens was zu saufen sollten sie rausrücken.“

Sein Gesicht war grau und verwüstet. Bläuliche Punkte bedeckten die rechte Gesichtshälfte wie Tintenspritzer.

Pulververbrennungen oder Gas, dachte Werner.

Der Mann musterte den Jungen, kniff die Augen zusammen und krächzte: „Wachs bloß nicht schneller, sonst holen sie dich auch noch. Drei Jahre geht der Scheißkrieg, und Schluß ist immer noch nicht. Paß bloß auf, daß sie dich nicht noch holen. Sie können nicht so viele neue Leute kriegen, wie draußen kaputtgehen.“ Dann pendelte er davon. Seine Krücken schnellten nach vorn, für einen Augenblick schwebte der kurze, zerstörte Körper über dem Gehsteigpflaster, die Beinstümpfe, an denen abgeschnittene Autoreifen befestigt waren, setzten hart auf die Steine auf, und die Krücken schnellten wieder nach vorn.

Wenn das Vater passiert, dachte Werner erschrocken. Wenn Vater so nach Hause kommt! Dann kann er niemals wieder auf ein Baugerüst klettern. Vater war Maurer, Putzerpolier, aber jetzt stand er in Rumänien bei einer Artillerieeinheit. Vor zwei Jahren, im ersten Kriegsjahr, war die Mutter gestorben, und als Vater einrücken mußte, kam die Großmutter aus Stettin, um die Kinder zu versorgen. Werner hatte noch drei Geschwister. Irmgard, die Große, jetzt war sie fünfzehn; Erich, der zwei Jahre jüngere Bruder, und Käthe, die Kleinste. Sie ging das zweite Jahr zur Schule. Was soll mit uns nur werden, wenn Vater auch so aus dem Krieg kommt.

In die Gedanken hinein plärrte jämmerliches Geschrei. Werner horchte, erst zögernd und unwillig, doch dann aufmerksamer, weil er plötzlich das Schreien in eine Verbindung mit dem Kriegskrüppel brachte. Aufgeregt rannte er bis zur nächsten Ecke. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig war eine Schlägerei im Gange. Drei große Bengel schlugen auf ein sechs- oder siebenjähriges schmächtiges Kerlchen ein, auf dessen Rücken ein abgeschabter Schulranzen klebte. Mit den Armen versuchte der Kleine seinen Kopf vor den pausenlos auf ihn einprasselnden Hieben zu schützen. Einer der Burschen zog ihm immer wieder die Arme herunter, und die anderen schlugen zu. Der Kleine brüllte. Er hatte kaum noch die Kraft, die Schläge abzuwehren. Da zerrte ihm ein Großer auch noch den Schulranzen vom Rücken; der Trägerriemen riß.

Werner packte die Wut. Diese Feiglinge! Er jagte mit weiten Sprüngen über den Damm. Den ersten der Jungen riß er am Kragen zurück und schleuderte ihn zur Seite. Den zweiten packte er mit beiden Händen, hob ihn wie eine Holzpuppe hoch, drehte ihn in der Luft und legte ihn auf den Gehsteig. Indessen stürzte sich der dritte mit geballten Fäusten auf Werner. Ehe er jedoch zuschlagen konnte, ohrfeigte ihn Werner. Verwundert griff sich der Junge an die geschlagene Stelle. Es hatte nicht sehr weh getan, aber es war seltsam: eine Ohrfeige statt Faustschläge!

Werner hatte ein Prinzip. Jungenehre! Jemanden, den er verachtete, schlug er nie mit der Faust. Ein Faustschlag war etwas Ehrenhaftes, ein Kampfmittel unter gleichen. Eine Ohrfeige dagegen drückte Verachtung aus. Sie brannte Schande in das Gesicht des Geschlagenen.

Der Geohrfeigte allerdings legte Werners Rechtsempfinden als Schwäche aus. Er stürzte sich erneut auf ihn. Die beiden anderen kamen eilig zur Hilfe. Werner boxte auch jetzt nicht. Er duckte nur seinen Körper sprungbereit zusammen und wich geschickt den Schlägen aus. Dann packte er wieder die Jungen mit festem, zwingendem Griff, wirbelte sie herum, stieß sie weg. Zuschauer fanden sich ein und verfolgten den ungleichen Kampf. Aus dem ersten Stock des Hauses keifte eine Frau: „Aufhören, aufhören!“ aber niemand beachtete sie.

Nach wenigen Minuten lagen die drei großen Jungen gleichzeitig auf dem Pflaster. Sie rappelten sich hoch und rannten davon. Auf dem Gehsteig blieb eine staubige Mütze zurück.

Erst jetzt sah Werner sich nach dem Kleinen um. Er saß am Rinnstein. Der Schulranzen lag auf seinem Knie, das zerrissene Ende des Trägerriemens hielt er krampfhaft in der Hand. Seine schmalen Schultern zuckten. Er weinte bitterlich.

Werner beugte sich zu ihm. „Warum weinst du denn? Tut es sehr weh? Wein nicht, jetzt sind sie weg.“ Er strich dem Kleinen beruhigend über die Schultern. Der Junge antwortete nicht, aber er hielt Werner die Rißstelle des Riemens entgegen. Auf seine Hand tropften Tränen.

„Kriegst du Senge deswegen?“

Der Junge nickte. Werner fuhr sich nachdenklich durch die Haare. Der Kleine tat ihm leid.

„Wenn du willst“, sagte er endlich, „dann gehen wir zu mir, und ich näh dir den Schaden zusammen. In zehn Minuten sind wir fertig, und deine Mutter merkt nicht mal was ...“

Er nahm den Jungen an die Hand und zog ihn nach Hause. Den Riemen flickte er, so gut er konnte. Die Rißstelle war kaum noch zu sehen.

Die Tränen des Kleinen versiegten endgültig.

Werner begleitete den Kleinen nach Hause und sagte zum Abschied: „Wenn sie dir noch mal was tun wollen, dann kommst du zu mir. Weißt ja, wo ich wohne!“ Er streckte ihm die Hand freundschaftlich entgegen. Der Kleine zögerte. Vorsichtig schaute er erst zu Werner hoch, dann griff er nach der Hand. „Du bist aber gut“, sagte er bewundernd, und als schäme er sich der Worte, rannte er rasch durch den dunklen Hausflur in den Hinterhof.

2.Es dämmerte bereits, als sich Werner wieder auf den Heimweg machte.

„He, du! Schläfst wohl?“ sagte jemand neben ihm. Werner fuhr herum. In der Toreinfahrt vor der Straßenecke stand Erwin Droas. Werner kannte ihn, wie man eben Leute aus dem Kietz kennt. Er war ein Jahr älter als Werner, aber kaum größer und in den Schultern schmächtig wie ein Mädchen.

„Was willst du?“ fragte Werner unwillig.

Erwin stieß sich mit der Schulter von der Wand ab.

„Hast die drei vorhin ganz schön verwamst“, sagte er anerkennend. „Allerhand! Du mußt ganz schön Kraft haben!“

Werner fühlte sich geschmeichelt, weil der ältere ihn lobte. „Es geht“, sagte er.

„Du solltest in unseren Verein kommen!“

Werner schaute überrascht auf. „Was für ein Verein denn? Wohl ’n Verein für Mäusezüchter?“

„Für Schwerathleten!“

Werner fühlte sich verkohlt. „Du spinnst ja!“ sagte er, tippte sich an die Stirn und lief weiter. Erwin Droas rannte hinter ihm her. „Ich meine wirklich einen Schwerathletenverein“, sagte er. Werner musterte den Jungen. Er sah nicht nach einem Athleten aus. Seine Jacke, die ihm viel zu groß war, mußte einmal einen größeren, kräftigeren Besitzer gehabt haben. Sie hob die körperliche Dürftigkeit des jetzigen Trägers besonders hervor. Die Schulterpolster hingen auf die Oberarme herab, und der Rockschoß reichte fast an die Knie. Werner spottete: „Vielleicht bist du auch so ein Schwerathlet, und man sieht es bloß nicht.“

Der Junge senkte den Kopf. „Noch nicht“, sagte er verlegen. „Aber ich will ein Ringer werden.“

Ach du liebes bißchen, dachte Werner, der meint das ernst. So ein mickriger Hering will Ringer werden!

„Na, sieh mal“, sagte Werner, „ringen mag ja eine feine Sache sein. Aber dazu gehören starke Leute. Du bist doch nicht stark.“ „O doch“, sagte Erwin sicher, „ein bißchen ...“

Der ist übergeschnappt, dachte Werner, hat sich da an einer Sache festgebissen, von der er überhaupt nichts versteht. Davon muß man ihn heilen.

„Na, dann versteh ich dich nicht!“ spottete er. „Wenn du wirklich ein bißchen stark bist, warum hast du mir vorhin nicht geholfen gegen die drei?“

Erwin wandte den Kopf verlegen zur Seite. „Ich wollte ja“, sagte er traurig. „Ich hab dich vom Fenster aus gesehen, aber weil ich Geschirr waschen mußte, hat mich mein Bruder nicht gelassen!“

„Der ist also doch stärker!“

„Der ist auch sechs Jahre älter!“

Das verstand Werner. Erwin gefiel ihm auf einmal. Der hätte es fertiggekriegt und mir wirklich geholfen, dachte er. Für Burschen, die anderen zu helfen bereit waren, hatte er eine Schwäche. Das waren richtige Kameraden. Er dachte an Martin und Alfred. Wenn es nicht solche Jungen gäbe, dann wären alle Spiele langweilig. Er rückte ein Stück näher an Erwin heran. „Was hast du da vorhin von dem Verein gesagt? Erzähl noch mal!“ Werner bat weniger aus Neugier, sondern weil er dem anderen eine Freude machen wollte.

Erwin zog ihn in die Toreinfahrt. Sie setzten sich auf die kühlen Steinstufen.

„Ich kenne dich schon eine ganze Weile“, begann er. „In den Straßen sprechen die Jungen viel von dir. Du bist stark und schnell und überhaupt in Ordnung. Solche wie dich könnten wir im Verein brauchen ...“

Seine Worte übersprudelten sich, aus Angst, der andere könne weglaufen, bevor er ihm alles gesagt hatte. Er erzählte vom Boxsport, von der Ringersparte, von Gewichtheben und Jiu-Jitsu. Dann erging er sich über seine Lieblingssportart, das Ringen. Werner hörte nur halb zu. Vieles verstand er nicht. Von Gewichtsklassen hatte er keine Ahnung, und Worte wie „Turnen“, „guter Sportler“ und „Training“ berührten ihn unangenehm. In der Schule hatten sie einen kriegsuntauglichen Unteroffizier als Turnlehrer. Aus der Gymnastik machte er Kasernenhofdrill. Alles mußte nach Pfiffen gehen. Strammstehen war die wichtigste Übung, und schlechte Körperhaltung korrigierte er mit dem Rohrstock. Werner haßte den Turnunterricht, und weil er jetzt daran dachte, unterbrach er Erwin:

„Vielleicht ist das auch so wie bei uns in der Schule? Eins-zwei, eins-zwei und pfeifen wie bei einer Hundedressur?“

„Wo denkst du hin! Ringen, das ist nicht so wie Männchen machen!“

„Eben“, sagte Werner überzeugt. „Die Kraft entscheidet. Wer die größte Kraft hat, gewinnt. Und wer auf die Schultern fällt, hat verloren!“

Erwin sah ihn ungeduldig an. „Du weißt gar nichts“, sagte er. „Klar, Kraft gehört dazu, aber gewinnen kann nur, wer seine Kraft am besten einsetzt. Man nennt das Technik. Und im Verein lernen wir die Technik des Ringens. Die verschiedenen Griffe: Nelson, Hammerlock, Hüftschwung, Armzug, Ausheber ...“

Werner wirbelte es im Kopf. „Was ist das: Griffe?“

Erwin geriet in Feuer. „Ich sage dir doch: Griffe, wie man einen Gegner packt, um ihn auf die Matte zu legen! Ob man ihn über die Hüften zieht, über die Schultern oder am Nacken ...“

„Und die Griffe haben alle einen Namen?“

„Alle ... oder fast alle“, verbesserte sich Erwin schnell.

„Hm“, machte Werner nachdenklich. Hier kam er nicht mit. Für ihn war Ringen eine Art besseren Raufens. Er fand es komisch, daß man für verschiedene Arten des Raufens Worte erfunden hatte! Vielleicht nehmen die sich zu ernst? dachte er und sagte geringschätzig:

„Wozu soll denn das nur gut sein?“

„Wenn man ringen können will, muß man lernen. Und wenn man lernen will, muß man sich verständigen. Der Übungsleiter kann nicht immer sagen: Du mußt den Arm unter der Achsel des Gegners durchschieben und seinen Nacken umfassen. Das wäre viel zu umständlich. Er sagt bloß: Mach einen Nelson! Und gleich weiß man, was er meint.“

Das leuchtete Werner ein.

Erwin fuhr fort: „Kraft allein entscheidet niemals. Erst wenn man alle Griffe beherrscht, also die Technik, dann kann man wirklich ringen und legt sogar einen, der stärker ist, aufs Kreuz. Du hast bestimmt Kraft, aber wenn wir zusammen ringen, dann pack ich dich glatt auf die Matte.“

„Nun langt’s mir!“ sagte Werner aufgebracht. Alles, was bisher so ernsthaft geklungen hatte, zerfiel durch diese Prahlerei des schmächtigen Bürschchens in Lächerlichkeit. Aber der Junge schien es nicht zu merken. „Wetten wir?“ fragte er listig.

„Das kannst du haben!“ sagte Werner selbstsicher. „Komm rüber zum Rummel auf die Wiese!“

„Wo denkst du hin?“ wehrte Erwin bestürzt ab. „Nachher leg ich dich aufs Kreuz, und du schlägst dir ein Loch in den Kopf. Ich will nicht mit dir raufen. Ich will ringen!“

Werner grinste. „Sag doch gleich, daß du kneifen willst!“ Doch sofort bereute er die Worte. Erwin sah so dürftig aus: die verrutschten Wattepolster an den Schultern, der dünne Hals, die spillrigen Finger und sein schmales, ausgehungertes Gesicht.

Weil er keine Kraft hat, dachte er, versucht er sich mit Worten stärker zu machen. Laut sagte er: „Ich versteh’s ja, daß du Angst vor mir hast. Aber aufzuschneiden brauchst du auch nicht. Mir ist egal, ob einer stark ist oder nicht, Hauptsache, er ist ein feiner Kerl!“ Und noch etwas ärgerlich brubbelte er hinterher: „Machst mich mit Griffen besoffen: Kammerlock und Nelson oder wie das Zeug heißt. Überhaupt so ’n Quatsch: Kam—mer—lock!“

„Das heißt Hammerlock!“

Werner winkte ab. „Ist auch Wurst. Aufschneiden ist nicht schön!“ Er wollte gehen, aber Erwin hielt ihn am Ärmel fest. „Ich schneide wirklich nicht auf. Und Angst hab ich auch keine! Ich will nur richtig ringen, verstehst du? Aber wenn du mir nicht glaubst, dann komm mit zum Verein. Am Freitag ist Training. Wenn du willst, hol ich dich ab.“

„Und da wird wirklich richtig gerungen, und du kohlst mich nicht an?“ fragte Werner mißtrauisch.

„Ich kohl nicht!“

„Du ringst mit mir? Ehrlich?“

Erwin legte die Hand aufs Herz. „Ehrlich!“

Am Freitag holte Erwin ihn pünktlich ab. Werner tat die Sache schon leid. Es war schade um den weiten Weg. Er wird den schmächtigen Erwin ordentlich an den Hüften packen und ihn dann langsam zur Seite drehn wie den einen Jungen bei der Rauferei auf der Straße.

Es wird nicht einmal eine Minute dauern.

Das Übungslokal des Vereins lag in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs in einer Schulturnhalle.

Schulturnhalle war schon faul!

Mißtrauisch lief er durch die kahlen, hallenden Schulgänge. Wie in seiner Schule roch es auch hier modrig nach Terpentin, Öl und Lysol. Die Garderobenhaken vor den Klassenzimmern streckten ihre verwaisten Eisenfinger in die Luft. Von den Aborten kam Gestank nach Urin und Desinfektionsmitteln, und auch die Turnhalle glich der in der Marktstraßenschule: an der Stirnwand eine Sprossenleiter, in der Mitte ein Rundlauf, dessen Schleuderstricke hochgezogen waren. Ein Pferd mit abgeschabtem Lederbalg, unter dem ein Federbrett stand. Und in der Mitte der große freie Raum für die Gymnastikübungen. Werner zögerte weiterzugehen. Erwin schubste ihn. „Jetzt hast du wohl Angst?“ Werner dachte nicht an den Ringkampf. Er sagte nur: „Wenn das so ist wie in der Schule, mit eins, zwei und so, dann hau ich ab! Ehrenwort!“ „In Ordnung!“

Etwa sechs oder sieben Jungen und ein älterer Herr, er mochte an die sechzig Jahre alt sein, zerrten prustend eine dicke Rolle in die Mitte der Halle.

„Das ist die Matte“, erklärte Erwin. „Die ist weich, darauf ringen wir.“

Die Jungen rollten flink die Matte aus. Sie war vier oder fünf Meter im Quadrat und bedeckte wie ein riesiger Flicken die Hallenmitte. Die Turnhalle wirkte jetzt wärmer.

Erwin brachte Werner zu dem älteren Herrn. Dessen Haar war schlohweiß, unter der Nase zwirbelte sich ein grauer Kaiser-Wilhelm-Bart. Er hatte flinke Augen, und sein rechtes Ohr war merkwürdig verkrüppelt. Es war Herr Hertel, der augenblickliche Vorsitzende des Vereins. Der frühere Vorsitzende, Kurt Rimek, war an der Westfront. Wie Werner von Erwin wußte, sollte das ein großartiger Ringer sein.

Herr Hertel musterte Werner zufrieden. „Scheinst in Ordnung zu sein! Hauptsache, du bringst auch genug Geduld mit.“ Er klopfte Werner auf die Schulter. „Geht euch umziehen!“

In der Garderobe konnte Werner seine Verwunderung nicht mehr zurückhalten. „Der hat aber ein komisches Ohr“, sagte er.

„Blumenkohl!“ belehrte ihn Erwin fachmännisch. „Viele Ringer haben so eine Schmarre. Es kann passieren, daß beim Ringen ein Ohrknorpel bricht. Vielleicht, wenn die Ohren kalt sind. Dann kommt so ein Blutzeug rein, und die Löffel schwellen an. Der Arzt punktiert das ein bißchen. Aber die Ohren bleiben dick oder verschrumpeln.“

Werner faßte vorsichtig nach seinen Ohren. Sie waren weich und biegsam; er spürte keinen Knorpel zwischen den Fingerspitzen. Erwin lachte. „Hast du Angst um deine Ohren?“

„Ich weiß nicht. Schön sieht es nicht aus!“

„Jedem passiert das auch nicht. Wer weiche Ohren hat, kann sie sich nicht brechen. Herr Hertel sagt, ein gebrochenes Ohr ist das einzige Unglück, das einem Ringer zustoßen kann.“

Was der alles plappert, dachte Werner. Dabei bewunderte er die Selbstsicherheit Erwins. Der hatte sich schon ausgezogen und streifte sein Ringertrikot über. Es sah aus wie eine Badehose mit Trägern, alles aus einem Stück gewirkt, mit tiefem Ausschnitt auf Brust und Rücken. Erwin wirkte jetzt gar nicht mehr so schmächtig. Er hatte eine gute, sportliche Figur, aber seine Arme waren doch dünn, und die Schlüsselbeine stachen aus dem mageren Körper. Er hat nicht viel zu beißen, dachte Werner voll Mitgefühl, und er schämte sich, daß er die Herausforderung Erwins angenommen hatte.

Gleichzeitig ärgerte es ihn aber, daß der andere so selbstsicher an seine Stärke glaubte, wo jeder Mensch sehen konnte, daß nicht viel dahintersteckte.

Als sie in die Turnhalle zurückkamen, hatte der Übungsbetrieb schon begonnen. Auf der Matte kniete ein Junge und stützte die Hände auf den Boden. Der Vorsitzende, Hertel, kniete neben ihm. Er machte einige andeutende Armbewegungen dicht am Körper des Knienden, plötzlich packte er den Jungen und drehte ihn langsam auf den Rücken. Dann ließ er ihn los und stand auf. Sofort kniete sich der Junge erneut hin. Aus der Schar der Burschen, die um die Matte standen, trat ein schlaksiger, großer Junge. Wie Hertel kniete er sich neben den Jungen, packte ihn und warf ihn auf den Rücken. Der Reihe nach mußte jeder die Übung nachmachen.

Das ist aber ein komisches Ringen, dachte Werner und schüttelte verständnislos den Kopf. Stellt der sich blöd an. Wehrt sich nicht und läßt sich auf die Matte knallen. Mit mir könnten sie das nicht machen; und er überlegte, wie er sich verhalten sollte. Wenn der andere zupacken will, springe ich rasch auf die Beine, er wird überrascht sein, und dann packe ich ihn an den Schultern und drücke ihn mit dem ganzen Körpergewicht aufs Kreuz!

Er trat an den Mattenrand. Bereitwillig machten ihm die Jungen Platz. „Das ist eine Bank“, flüsterte Erwin erklärend.

„Was für eine Bank?“

„Herrje, das nennt man eben so! Die Bank ist wichtig für den Bodenkampf!“

Werner begriff trotzdem nicht, wozu so eine Bank gut sein sollte. Es interessierte ihn auch wenig. Er stupste Erwin an: „Und wann hören die auf, damit wir zwei ringen können?“

„Du kommst schon noch dran“, sagte Erwin unwillig.

Eine Stunde lang schaute Werner zu. Wenn Hertel sagte: „Komm, versuch du mal!“ dann schüttelte er den Kopf und antwortete: „Später. Ich gucke mir das erst an.“ Er guckte nicht viel. Die Wahrheit war, er langweilte sich.

Ich bleib, bis ich mit dem Erwin gerungen habe, dachte er, und dann hau ich ab. Hier komm ich nicht wieder her. Er hatte jedes Interesse verloren. Es passierte nichts Aufregendes. Es gab keine Ringkämpfe, an denen man sich hätte begeistern können. Niemand brauchte angefeuert zu werden, weil einer immer zupackte und der andere sich nicht wehrte. Jede Rauferei auf der Wiese neben dem Rummelplatz in der Hahnstraße war zehnmal interessanter.

Ganz unerwartet stieß ihn Erwin an. „Komm, wir fragen Hertel, ob wir jetzt ringen können.“ Werner war zufrieden. Hertel machte ein mißmutiges Gesicht. „Ihr zwei paßt nicht zusammen. Der Werner ist viel zu schwer für dich, Junge!“

„Das macht nichts!“ wehrte Erwin ab.

„Kommt erst auf die Waage!“

Werner wog fast vierzehn Pfund mehr. Hertel schüttelte bedenklich den Kopf. „Nee, Kinder, das wird nichts. Sucht euch mal andere Partner!“

Werner freute sich über die Entscheidung und dachte, sie müßte auch Erwin recht sein. Er brauchte sich nicht zu blamieren, und niemand würde ihm vorwerfen, er habe sich drücken wollen. Aber Erwin freute sich gar nicht. Er bestürmte Hertel, sie doch miteinander ringen zu lassen, da er es Werner versprochen hätte. Schließlich entschied der Vorsitzende: „Gut, aber nicht länger als fünf Minuten!“

Ich werd nicht gleich mit aller Kraft anfangen, dachte Werner. Wenn ich ihn gleich auf den Rücken lege, weint er vielleicht. Er freut sich zu sehr auf den Ringkampf. Erst wenn die fünf Minuten bald um sind, werde ich ihn zu Boden drücken. So wird er wenigstens das Gefühl haben, fast so stark zu sein wie ich.

Auf der Matte schüttelten sich Werner und Erwin in aller Form die Hände. Der Kampf begann. Schon nach kurzer Zeit vergaß Werner seinen Vorsatz, nur mit halber Kraft zu ringen. Erwin war nicht so schwach, wie er aussah. Sein Griff war fest und sicher. Werner mußte alle Kraft aufbieten, um sich seinen Umklammerungen zu entwinden. Wenn er aber selbst zupacken wollte, dann rutschte ihm Erwin unter den Fingern davon. Nach zwei Minuten keuchten beide. Die Jungen am Rande der Matte feuerten Erwin, den sie kannten und der offensichtlich der körperlich Benachteiligte war, an. Zweimal gelang es Erwin, Werner zu Fall zu bringen. Die Jungen klatschten. Verbissen versuchte Werner das gleiche zu tun. Er mußte Erwin am Boden haben, um ihn dann mit der ganzen Kraft auf den Rücken zu wälzen. Endlich vermochte er ihn um die Hüften zu packen. Aber plötzlich warf sich Erwin nach hinten. Werner fiel mit und überstürzte sich. Er spürte, wie seine Schultern die Matte berührten. Die Spannung der Zuschauer löste sich in einem Aufschrei, und der Vorsitzende pfiff. Der Kampf war entschieden. Werner stand verwirrt auf und stotterte fassungslos: „Das war Zufall.“ Erwin schlug sofort großzügig vor: „Komm, wir machen noch mal!“ Ehe Hertel es verhindern konnte, verkrallten sie sich wieder wild ineinander. Der Ehrgeiz brannte in Werner. Er biß die Zähne zusammen. Aber seine Kraftanstrengungen verpufften immer wieder an Erwins Wendigkeit. Nach zwei Minuten hatte Erwin auch den zweiten Kampf gewonnen.

Das Blut stieg Werner in den Kopf. Ohne sich umzusehen, rannte er in die Garderobe. Er schämte sich und war dem Heulen nahe.

Als Erwin nachkam, beachtete er ihn nicht. Erwin rutschte unruhig auf der Bank hin und her und sah Werner beim Anziehen an. Endlich druckste er: „Warum läufst du weg?“

„Weil ich mich blamiert habe“, gab Werner unumwunden zu. Er kroch in den Pullover, um sein glühendes Gesicht zu verbergen. „Du mußt dir nichts draus machen, Werner! Ich ringe doch schon fast zwei Jahre.

Du aber hattest überhaupt kein Training, kennst keinen Griff. Da mußt du doch verlieren! Hättest du heute ordentlich zugeschaut und die Übungen mitgemacht, dann wäre es mir schon schwerer geworden, dich zu besiegen. Wenn du drei Monate trainierst, legst du mich glatt auf den Rücken. In der ersten Minute!“

„Wirklich?“

„Klar, alles nur Training!“

Ein feiner Kerl! dachte Werner gerührt. Er läßt es mich nicht spüren, daß er gewonnen hat. Hätte Erwin geprahlt, dann wäre Werner wortlos davongelaufen. So bewunderte er Erwin und schaute ihn dankbar an. Er war ein Kumpel, genauso zuverlässig wie Werners andere Freunde. Er streckte ihm die Hand entgegen. „Gut, ich versuch’s!“ Und fügte hinzu: „Wenn du mir dabei hilfst!“

3.Nach drei Monaten waren Werner und Erwin die besten Freunde. Jede freie Minute spielten sie zusammen. Zweimal in der Woche liefen sie zum Schlesischen Bahnhof.

Aber der Krieg würgte den Sport. Die meisten Männer mußten an die Front. Im Verein erlahmte der Übungsbetrieb. Die Kinder- und Jugendriege zerfiel. Viele Jungen glaubten, vom alten Hertel nichts mehr lernen zu können. Zeigte er an einem der schmächtigen Knabenkörper zwei, drei Griffe und der Junge leistete nur ein bißchen Widerstand, so mußte er sich schon auf der Bank am Mattenrand verschnaufen. Vor Schmerzen preßte er die Hand auf das kranke Herz, aber er gestand die Anstrengung nicht ein. Nicht einmal sich selbst.

Die Auflösung der Kinderriege war ein schwerer Schlag für Hertel, träumte er doch davon, aus den Kindern einmal große, weltberühmte Ringer zu machen. Um so eifriger beschäftigte er sich mit jenen, die geblieben waren. Zu ihnen gehörten Werner und Erwin. Sie durften in die Übungsstunden der Männermannschaft kommen. Doch auch hier war es trostlos. Es wurde kaum gerungen. Die Jungen hockten untätig und mißmutig auf den Holzbänken.

Hertel versuchte sie aufzumuntern. Er berichtete von großen Wettkämpfen vor dem Kriege und erzählte ihnen die Lebensgeschichte berühmter Ringer. Werner saß mit hochrotem Kopf vor dem Erzähler. Eine Welt tat sich vor ihm auf, von deren Existenz er keine Ahnung gehabt hatte, und stürzte ihn in einen Taumel der Begeisterung.

Hatte Hertel jedoch seine Erzählung beendet, dann tauchte das schmutzige, öde Gesicht der Turnhalle wieder auf. Die zwei, drei Veteranen, die nur aus alter Anhänglichkeit zu den Übungsabenden kamen, räusperten sich verdächtig, als weinten sie der Vergangenheit nach, aber keiner machte Anstalten, auf die Matte zu gehen. Und da ließ auch Werner traurig den Kopf hängen, seine Schultern fielen schlaff herab. Er schämte sich, daß er den Erzählungen so begeistert gelauscht hatte. Es waren doch nur Träume, und mißmutig sagte er: „Wir werden nie gute Ringer. Wo sollen wir’s lernen, wenn wir nicht einmal richtig üben?“

Mit solchen mutlosen Worten versetzte er Hertel in Erregung. Der alte Herr dachte nicht an sein krankes Herz. Wieselflink sprang er auf, zerrte Werner auf die Matte und ereiferte sich: „Warte! Ich zeig dir jetzt einen Hammerlock, einen Hüftschwung und einen Armausheber!“

Nachdem er aber Werner zwei-, dreimal ausgehoben hatte, faßte er sich an die Brust und setzte sich schnaufend.

„Seh’n Sie, Herr Hertel“, sagte Werner bedauernd, „es geht nicht.“ Aber Hertel winkte energisch mit der Hand ab, und nach Luft japsend stammelte er: „Warte, Junge! Wenn erst der Krieg aus ist und unsere Leute zurückkommen, dann werdet ihr ringen lernen!“

„Sie wollen uns nur trösten, aber es kommt ja keiner.“

Einige Ringer aus dem Verein kehrten schon vor Kriegsende zurück, verwundet und frontuntauglich. Doch wen die kaiserliche Armee nicht mehr brauchte, der konnte auch nie wieder ringen. Zwei hatten Lungensteckschüsse, einem war der Halsmuskel durchschossen worden. Die Wunde war verheilt, aber der Mann trug den Kopf merkwürdig schief und verzerrt. Der Sportler Walter Lorenz, einstmals der beste Mittelgewichtler des Vereins, hatte nur noch einen Arm. Drei Vereinsmitglieder waren gefallen.

Die Verwundeten starrte Werner mit furchtsamer Neugier an. Er sah täglich viele Kriegskrüppel auf der Straße, aber so zugerichtet wie die Vereinsmitglieder schien ihm keiner. Er kannte Fotos aus ihrer sportlichen Glanzzeit: Starke, muskulöse Männer mit stämmiger, sportlicher Figur in enganliegendem Trikot. Idealbilder männlicher Schönheit. Und nun diese menschlichen Wracks, von denen man nicht mehr glauben konnte, daß sie einmal gute Sportler waren. Werner fühlte sich durch den Krieg um eine große Hoffnung betrogen. Tagelang lief er mit bösem Gesicht umher. Immer bohrte der gleiche Gedanke in seinem Hirn: Wenn alle früheren Ringer so aus dem Krieg zurückkommen, wird es keinen Ringkampf mehr geben. Eines Tages sagte er es auch verbittert zu Hertel. Aber der Vorsitzende lächelte zuversichtlich. „Alle können sie nicht erschießen! Wenn erst Rimek zurückkommt, dann trainieren wir in kurzer Zeit eine Mannschaft auf Höchstleistung!“

„Und warum kann Rimek nicht erschossen werden?“ zweifelte Werner.

Hertel lachte. „Rimek sitzt weit vom Schuß. Fünfzig Kilometer hinter der Front. Der bedient eine ,Dicke Berta‘, was soll dabei schon passieren?“

Aus den Erzählungen Hertels wußte Werner, daß Rimek zu den besten Ringern gehörte. Halbschwergewicht. Im Standkampf sollte er kaum zu übertreffen sein. Seine Füße standen wie Blei auf der Matte. Selten riß ihn jemand aus dem Stand zu Boden. Er war jahrelang Vorsitzender und Trainer des Vereins gewesen. Wenn der zurückkam, war wirklich alles gerettet. Und auch Werner setzte alle Hoffnungen auf Rimek.

An einem Übungsabend im Sommer 1918 befanden sich nur ein paar Jungen und zwei, drei Veteranen in der Turnhalle. Unter ihnen der einarmige Lorenz. An diesem Abend wurde nicht einmal die Matte ausgerollt. Die Anstrengung lohnte sich nicht. Die Alten erzählten wieder von früheren Sportbegegnungen.

Plötzlich trat ein fremder Junge in die Halle. Er brachte Hertel einen zerknitterten Zettel, die Rückseite eines Feldpostbriefes. Der Name des Absenders stand oben auf der punktierten Linie: Kurt Rimek. Darunter hatte jemand mit ungelenkem Bleistiftstrich ein paar Worte gekritzelt. Der Vorsitzende versuchte sie zu entziffern. „Ist .. heu ..te Training? Wenn ja, dann komme ich rum. Gruß Rimek.“

Der Vorsitzende las den Zettel zwei-, dreimal. Ungläubig starrte er den fremden Jungen an. „Das hat dir wirklich Kurt Rimek gegeben?“

„Ja!“

„Unser Rimek?“

„Wer denn sonst?“ sagte der Junge patzig. „Er ist doch unser Nachbar. Gestern ist er nach Hause ...“ Hertel ließ den Jungen nicht mehr ausreden.

„Habt ihr’s gehört?“ schrie er aufgeregt in die Halle. „Unser Kurt ist auf Urlaub! Unser Rimek! Na, heute geht’s los!“

Er sah, daß der fremde Junge sich immer noch in der Halle herumdrückte und fuhr ihn an: „Was suchst du noch hier? Lauf zu Rimek. Bring ihn sofort her. Wir warten auf ihn.“

Er schob den Jungen eilig aus der Tür. Dann fauchte er die Veteranen und die Kinder an: „Was gafft ihr herum? Es geht los, hab ich gesagt! Die Matte ausrollen! Die Trikots anziehen! Los, los!“ Er rannte zu der großen Matte, versuchte sie allein aus der Ecke zu zerren. Sie ließ sich nicht von der Stelle rücken. Mit aller Gewalt stemmte er sich dagegen, aber auch dann gab sie noch um keinen Zentimeter nach.

„Gottverdammt!“ fluchte er. „Wollt ihr mir endlich helfen?“

Werner und Erwin stürzten zu ihm hin. Sogar der Einarmige packte zu. Mit Mühe schoben sie die dicke Matte in die Hallenmitte. Der Vorsitzende pustete. Schweiß stand auf seinem krebsroten Gesicht. Er preßte die Hand auf das Herz, aber er lächelte. Als die Matte ausgerollt wurde, tanzte er aufgeregt von einer Seite zur anderen und schob so lange an ihr herum, bis sie in einer Linie mit der Außenwand und genau unter dem hochgezogenen Rundlauf lag. Die anderen schauten immer noch unschlüssig und verwundert zu. Sie konnten sich einen Übungsbetrieb mit Rimek nicht mehr vorstellen.

Hertel schaute die Leute entgeistert an. „Ja, begreift ihr denn nicht?“ schrie er. „Rimek kommt! Ausziehen! Runter mit den Klamotten!“

Der Einarmige schüttelte traurig den Kopf. „Mit wem soll er denn ringen? Mit mir?“ Er hielt den Armstumpf in die Luft. Der leere Jackettärmel fiel schlaff herab.

„Mit den Kindern natürlich!“ erboste sich Hertel. „Und mit mir!“ Er schlug sich an die Brust. Der Einarmige lachte. „Mit dir? Willst du einen Herzschlag kriegen? Wie eine Puppe schleift dich Rimek über die Matte!“

Hertel war ernsthaft wütend. „Ich werd’ es euch schon zeigen!“ schimpfte er. Er warf seine dünne Jacke ab, zog im Stehen die Hosen aus. Auf diesen Tag hatte er gewartet. Unter seinen Sachen trug er ein altes, weinrotes Ringertrikot. Es paßte ihm nicht mehr genau, fältelte sich schlapp um die Brust und hing tief auf die Oberschenkel. Aber Werner, der den Vorsitzenden noch nie im Trikot gesehen hatte, staunte. So eingefallen Hertel in dem zu groß gewordenen Trikot wirkte, sein Körper, jahrelang trainiert, sah nicht wie der eines Sechzigjährigen aus. Die Haut war immer noch glatt, die Körperhaltung gerade und die Muskeln gespannt. Wie ein Boxer trippelte er auf der Matte, um sich locker zu machen. Der Name Rimek hatte den alten Herrn mit neuem jugendlichen Schwung belebt. Der Einarmige sagte nichts mehr. Auch er zog sich aus.

Werner riß sich das Hemd vom Oberkörper. Ihn brauchte niemand zum Umziehen anzutreiben. Er boxte Erwin übermütig auf die Brust. Im Nu kugelten sich die beiden Jungen auf der Matte. Sie roch modrig nach Kreide und Schweiß. Hertel stürzte zu den beiden und zerrte sie hoch. „Was denkt ihr euch? Lausezeug!“ schimpfte er. „Fünf Minuten werdet ihr noch warten können! Runter vom Teppich! Werdet heute noch genug kriegen! Los, runter und anständig hingestellt! Rimek soll sehen, daß wir ihn erwarten!“

Am Mattenrand standen schließlich acht Leute zwischen zwölf und sechzig Jahren. Sie waren zur rechten Zeit angetreten. Von draußen stürzte der fremde Junge von vorhin herein. „Er kommt!“ rief er und hielt die Tür zum Turnsaal weit auf.

Der Vorsitzende kommandierte: „Augen rechts!“, dann schritt er würdevoll, seiner Aufgabe bewußt, federnd zum Eingang. Werner beugte sich leicht aus der Reihe, um Hertel nachzublicken und Rimek zu sehen, wenn er eintrat. Hertel nahm an der Tür, auf den Zehenspitzen leicht nach vorn wippend, stramme Haltung an. Auf dem Korridor draußen klapperte es.

„Jetzt“, flüsterte der fremde Junge Hertel zu.

Ein Soldat auf zwei Krücken trat ein. Zwischen den Krücken schwang nur ein Bein. Es war Kurt Rimek.

4.In den letzten Kriegsmonaten wurde im Verein nicht mehr gerungen. Hertel lag mit einer Herzgeschichte im Bett. Es ging ihm sehr schlecht. Er stand kaum noch auf. Seit Rimeks Rückkehr hatte er den Willen zum Leben verloren.

Werner besuchte ihn einmal.

„Setz ... dich“, sagte Hertel mühsam zu Werner und rückte mit seiner dürren Hand einen Stuhl dichter an das Bett. Werner hockte sich zögernd auf die Stuhlkante. Er fühlte sich fremd und unsicher.

Hertel ächzte und versuchte sich auf die Seite zu legen.

„Es ist aus ... Aus!“ Er holte tief Luft, fischte nach Werners Hand und tätschelte sie matt. „Ich habe ... gedacht ...“, begann er mühsam, „aus euch läßt sich was machen. Aus dir und ... und aus Droas. Oh, ihr ... ihr seid schon Burschen! Über einen guten Leisten geschlagen! Wir hätten gute Ringer aus euch gemacht Rimek und ich! Und nun wird’s halt nichts. Alle Ringer hat uns der Krieg kaputtgemacht.“

Mitleid erfaßte Werner. Erst jetzt verstand er, mit welch heißem Herzen der alte Mann am Ringkampfsport hing. Er versuchte ihn zu trösten. „Viele sind doch noch nicht zurück, Herr Hertel!“ sagte er leise. „Der Gotthardt fehlt noch und der Lenz. Wenn die zurückkommen, fangen wir einfach von vorn an!“

Hertel schüttelte traurig den Kopf. „Nein, nein, Junge. Auch wenn sie zurückkommen, helfen können sie euch kaum. Sie brauchen selbst Hilfe ...“

„Sie werden schon wieder gesund, Herr Hertel“, sagte Werner, „und dann machen wir ordentlich weiter. Wir werden es schon schaffen!“

Aber als er das sagte, hatte Werner das Gefühl: der Mann im Bett wird nie wieder gesund. Doch das wollte er nicht wahrhaben. Gab er Hertel auf, so gab er auch den Ringkampf auf.

Werner beugte sich zum Bett und zupfte besorgt das Deckbett über die entblößte Schulter Hertels.

„Wenn Sie zurückkommen“, sagte er sanft, „dann brauchen Sie nicht mehr zu ringen, Herr Hertel. Sie setzen sich nur auf die Bank, und dann werden Sie uns sagen, was wir machen müssen. Und bestimmt lernen wir eine ganze Menge!“

Hertel nickte zufrieden. „Eine ganze Menge ...“, sagte er verträumt. „Sicher, Junge, sicher. Aber ich komm nicht zurück. Nicht mehr ... In meinem Alter spürt man das. Nur versprechen mußt du mir etwas ...“ Er faßte nach Werners Hand. „Wenn der Krieg aus ist ... und wenn wieder gerungen wird ... dann mußt du in einen Verein gehen, wo gute Ringer sind ... wenn es noch so einen Verein gibt ... und dann mußt du ringen lernen. Du und der Droas ... versprichst du es mir?“

„Ja“, sagte Werner mit belegter Stimme. Der Augenblick kam ihm feierlich und unwiederbringlich vor.

Über Hertels eingefallenes Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln. Er ließ sich in die Kissen zurückfallen und schloß die Augen. Nach kurzer Zeit war er eingeschlafen, aber das Lächeln erlosch nicht auf seinem Gesicht.

Werner griff vorsichtig in die Hosentasche und fingerte sein Taschentuch heraus, in dem etwas eingewickelt war. Umständlich knotete er die Zipfel des Tuches auseinander. In dem Taschentuch lag ein Ei. Die Großmutter hatte gestern nach langem Anstehen fünf Eier nach Hause gebracht. Es war die erste Zuteilung seit zwei Monaten, die sie ergattern konnte. Sie brachte es nicht wie früher fertig, die Eier in die Suppe zu schlagen, jeden Tag eins, damit alle recht lange etwas davon hatten. Die Augen der Kinder hatten heißhungrig geglänzt, als sie die Tüte mit den Eiern auspackte, und die Großmutter legte vor jedes Kind ein Ei.

„Ihr könnt euch wünschen, wie ihr es essen wollt!“ hatte sie dazu gesagt. „Gekocht“, jubelte Käthe und klatschte vor Freude in die Hände. Irmgard und Erich ließen sich ein Spiegelei braten. Werner ließ das Ei auf dem Tisch kreisen. Es drehte sich plump und schwerfällig, dann packte er es in das Taschentuch.

Jetzt legte er es vorsichtig auf den Nachttisch und stützte es mit dem Medizinlöffel ab, damit es nicht herunterrollen konnte. Einen Augenblick dachte er daran, daß es gut schmecken müsse, aber er schämte sich sofort dieses Gedankens.

Auf Zehenspitzen verließ er das Zimmer.

Wenige Wochen später starb Hertel. Hinter seinem Sarg gingen neun Jungen, ein Mann mit Krücken, ein Mann, der den Kopf merkwürdig schief trug, und ein Einarmiger. Zur Trauerfeier hatte der Einarmige noch eine traurige Nachricht mitgebracht. Die Ringer Lenz und Gotthardt waren gefallen. Der eine in Frankreich, der andere in Rußland.

II KAPITEL

1.DER KAISER WAR GEFLOHEN. Die Kirchenglocken läuteten die erste Friedensweihnacht. In der Friedrichstraße wurde geschossen: Revolution.

Die Großmutter ließ die Kinder nicht mehr auf die Straße. Das wenige, was es zu kaufen gab, holte sie selbst ein. Bei jeder Gefahr nahm sie wie eine Bruthenne die Kinder hütend unter ihre Fittiche.

Vom Westen zog General Lequis mit Artillerie zur Innenstadt gegen die Matrosen der Volksmarinedivison, die auf Schloß und Marstall rote Fahnen gehißt hatten. Die Straßen waren leer. Dumpfe Einschläge hallten bis in das Lichtenberger Viertel. Verwehtes Geräusch von Maschinengewehrfeuer sprühte über die ganze Stadt. Werner stand am Fenster und lauschte. Sein Herz pochte. Von allem was geschah, verstand er nichts. Aber es war aufregend, den Schüssen zu lauschen. Die Großmutter zerrte ihn vom Fenster weg. „Bist du des Teufels?“ zeterte sie.

Während sich Werner eingesperrt wie in einem Käfig fühlte, verließen die Arbeiter ihre Betriebe und strömten in die Innenstadt. Die Gardetruppen General Lequis’ wußten kaum noch, gegen wen sie schießen sollten. In ihre Reihen drängten sich waffenlose Arbeiter und Arbeiterfrauen. Die Menschenmenge machte die Angreifer wehrlos. Ihr Zusammenhalt zerbrach. Die Soldaten warfen die Waffen weg oder entwaffneten ihre Offiziere. Gegen Mittag verstummte das Gewehrfeuer. Werner lauschte vergebens nach neuen Schüssen und Einschlägen. Es war ihm unklar, wer gegen wen gekämpft hatte, aber die Fragen brannten in ihm: Was ist geschehen? Was ist das — „Revolution“? Was wird mit uns geschehen?

Am nächsten Morgen, es war der erste Weihnachtsfeiertag, klingelte es früh an der Korridortür. Käthe, die Jüngste, machte ahnungslos auf. Ein hochgewachsener, bärtiger Mann in Artilleristenuniform stand vor der Tür. Mit einem Aufschrei flog ihm das Mädchen an den Hals. Es war Vater. Lange hatten die Kinder keine Post von ihm bekommen und sich viele quälende Gedanken um ihn gemacht. Jetzt war er gekommen als einziges großes Weihnachtsgeschenk.

Die Rückkehr des Vaters milderte die trübe Zeit, aber auch er gestattete den Kindern nicht, auf die Straße zu gehen, als im Januar die Kämpfe von neuem begannen. Die Männer flüsterten im Treppenhaus dumpf miteinander und teilten sich Neuigkeiten und Vermutungen mit. Die Frauen riefen sich eine schnell erhaschte Nachricht im engen Hof von Fenster zu Fenster zu, wenn das Gewehrfeuer nicht mehr so drohend klang.

Werner spitzte die Ohren. Jede Nachricht saugte er wißbegierig auf, verglich sie mit anderen. Die Gerüchte widersprachen sich, hundert Münder hatten sie bereits entstellt, aber das vermochte er sich mit einiger Sicherheit zusammenzureimen: Die revolutionären Truppen hatten die Reichsdruckerei besetzt, die Eisenbahndirektion und am 8. Januar den Schlesischen Bahnhof. In Berlin ruhte die Arbeit: Generalstreik. Die regierungstreuen Truppen stürmten unter Noskes Kommando die deutsche Hauptstadt zum zweiten Mal. Sie drangen in die Reichsdruckerei ein, versuchten, das Mossehaus im Zeitungsviertel zu erobern und waren in Kämpfe am Brandenburger Tor und auf dem Anhalter Bahnhof verwickelt. In Spandau vermochten sie das Rathaus zurückzuerobern.

Werner schien alles ein riesiges Durcheinander. Auf beiden Seiten kämpften Soldaten, wechselten manchmal von der einen zur anderen Seite. Manche Soldaten blieben neutral, aber sie hatten noch immer ihre Waffen und warteten, um sich nach dem Kampf dem Sieger anzuschließen. Werner verstand die Zusammenhänge nicht.

Wenige Tage nach der Besetzung des Spandauer Rathauses fiel das „Vorwärts“-Gebäude. Das Zeitungsviertel gab den Kampf auf. Die Regierungstruppen wälzten sich mit zehnfacher Übermacht zum Alexanderplatz und besetzten das Polizeipräsidium. Die letzte Schlacht entbrannte um den Schlesischen Bahnhof.

Werner lauschte dem nahen Kampflärm. Maschinengewehre bellten, Artillerieeinschläge krachten und rüttelten an den Häusern in der Glatzer Straße.

Vater saß die ganze Zeit unbeholfen und steif am Tisch. Er wußte nichts mit sich anzufangen. Vom Krieg hatte er genug. Er fieberte nur nach Arbeit. Seine großen Maurerhände lagen untätig und fremd auf den Oberschenkeln, als gehörten sie nicht zu seinem Körper.

Als die letzten Schüsse verebbten, war Werner nicht mehr zu halten. Es trieb ihn auf die Straße. Er bestürmte Erwin, mit nach dem Alexanderplatz zu laufen, sich die Kampfstätten anzuschauen. Erwin zeigte keine Lust. Aber sein Vater, der sich auf dem Sofa ausruhte, die Mütze auf das Gesicht gelegt, um sich vor dem Licht zu schützen, brummte: „Seht euch ruhig die Schweinerei an!“ Er kratzte sich faul an der Schulter. Am Ellbogen seiner alten Strickjacke klaffte ein großes Loch. Ohne die Mütze vom Gesicht zu nehmen, redete er weiter, sich immer mehr in Zorn steigernd. „Banditen! Die Ordnung wollen sie zerschlagen! Jetzt, wo der Kaiser weg ist, wo für die Arbeiter das Leben anfängt, jetzt schlagen sie alles kaputt! Geht euch das man ansehen!“ Erwin zog Werner aus der Stube.

„Wen meint denn dein Vater?“ fragte Werner verwundert.

„Die Spartakisten!“

Werner hatte den Namen in den letzten Tagen häufig gehört. Er konnte sich nur wenig darunter vorstellen. Er hatte Vater danach gefragt, aber der kannte sich auch nicht aus, vielleicht weil er solange Soldat und zu weit von Berlin weggewesen war. Werner wußte nur, daß es im alten Griechenland mal eine Stadt gegeben hatte, die Sparta hieß. Mit der mußte das irgendwie zusammenhängen, aber wie, das vermochte er sich doch nicht zu erklären. Von Spartakus, dem Führer eines Sklavenaufstandes im alten Rom, wußte er nichts. Die Lehrer hatten darüber geschwiegen. Auch Erwin wußte es nicht, aber er wußte, was die Spartakisten für Leute sind. Im Tone seines Vaters erklärte er: „Sie zerstören jede Ordnung und sind gegen die Regierung!“

„Und wofür sind sie denn?“