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Buch

1485, eine Zeit voller Konflikte und Umbrüche in Europa: Henry Tudor hat Richard III. bezwungen und Englands Thron bestiegen. In Florenz spielt der mächtige Lorenzo de‘ Medici ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Vatikan, und Isabella von Spanien zieht gegen die Osmanen in den Krieg. Währenddessen steht Jack Wynter vor dem Nichts, nachdem sein Vater exekutiert und ihm eine wertvolle Karte gestohlen wurde. Er folgt dessen letzten Worten nach Florenz, wo er sich die Hilfe der Medicis erhofft. Doch am intriganten Hof von Florenz warten weitere Gefahren auf Jack. Und es gibt jemanden, der nur ein Ziel kennt: Jack endgültig zu zerstören …

Die Autorin

Mit ihrem Debüt »Die Blutschrift« gelang der Britin Robyn Young in Großbritannien und den USA ein großartiger Durchbruch, der sie auf die Bestsellerlisten schnellen ließ. Geboren 1975 in Oxford, begann sie schon früh, Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Aber erst während eines Seminars in Kreativem Schreiben fand sie den Mut, ihre Ideen für einen Roman zu Papier zu bringen. Heute lebt Robyn Young in Brighton, und wenn sie nicht gerade an einer Trilogie schreibt, unterrichtet sie Kreatives Schreiben an verschiedenen Colleges.

Von Robyn Young bereits erschienen

Robert the Bruce: Rebell der Krone, Krieger des Friedens, König des Schicksals


Jack Wynter: Der Thron der Dornen, Der Hof der Wölfe



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ROBYN YOUNG

DER HOF
DER WÖLFE

HISTORISCHER ROMAN

Aus dem Englischen
von Nina Bader

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Court of Wolves« bei Hodder & Stoughton, London.

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Copyright © der Originalausgabe 2018 by Robyn Young

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Werner Bauer

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,
unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com
(Oksana Alekseeva; Benjamin Abram; Groundback Atelier;
pavila; ollen) und Johannes Wiebel

JB · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-20474-7
V001

www.blanvalet.de

1

Bei Tagesanbruch erhob sich der Gefangene von seinem Lager. Im Dämmerlicht goss er Wasser in ein juwelenbesetztes Becken, wusch sich das Gesicht und strich sein dunkles Haar zurück. Ein paar Tropfen rannen an seiner Brust herunter, wo verblasste Narben Geschichten von Gewalt erzählten. Die auffälligste begann in der Nähe seiner linken Schulter und wand sich in einer knotigen Linie bis zur Handfläche, wo sie alle anderen Linien durchschnitt, die sich dort entlangzogen: die des Herzens, die des Lebens und die des Schicksals. So hatte er es gelernt.

Nachdem er sein Gewand angelegt hatte, dessen Seidenstoff sich kühl auf seiner Haut anfühlte, stimmte er sein Gebet an. Der monotone Singsang hallte durch die geräumige Kammer, schwoll an und ebbte ab wie ein Lied. Trotz der weichen Matte schmerzten seine Knie jedes Mal, wenn er sich auf dem Boden nach vorne warf. Wie immer bat er Gott um die Kraft, diesen Tag durchzustehen, und darum, seine Familie zu segnen, wo immer sie sich auch befinden mochte.

Sobald er geendet hatte, trat er zum Fenster, umfasste die Eisenstäbe und blickte über den Spalt von Land hinweg, zu dem seine Welt zusammengeschrumpft war. Im Osten drangen die ersten Sonnenstrahlen wie Bänder aus Licht durch eine Wolkenbank und vergoldeten die Wipfel der Bäume, die sich vom Fuß des Turms zu einem Tal hinunterzogen, bevor sie auf der anderen Seite zu bewaldeten Hügeln anstiegen. Es war Spätsommer, aber in der Luft lag schon ein Hauch von Schärfe, ein Geruch, der eine Veränderung ankündigte. Bald würden sich diese Bäume langsam von Grün zu Bronze verfärben. Dann würden sie ihre Blätter verlieren, und endlich würde er den Fluss im Tal ausmachen können. In gewisser Hinsicht sehnte er sich danach, das Wasser zu sehen; wünschte sich verzweifelt etwas Neues in seinem Blickfeld. Andererseits fürchtete er sich davor. Der Anblick von allem, was sich draußen vor seinen Augen auf dem Weg von einem Ort zum anderen bewegte – ob nun Wasser, Wolken oder Vögel –, schmerzte ihn.

Als das Licht sich weiter ausbreitete und auf sein Gesicht fiel, schloss der Gefangene die Augen und versuchte, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, damit sie ihn wie auf Flügeln nach Hause trugen. Aber der blasse Sonnenschein und der Duft des feuchten Waldes ketteten ihn hier fest. Nach drei Jahren in der Fremde fiel es ihm sogar schwer, die Gesichter seiner Familie in allen Einzelheiten heraufzubeschwören, sie glichen alten Gemälden, deren Farben verblasst waren. Eines jedoch stand ihm klar und deutlich vor Augen. Er vermutete, dass dies auch noch so bleiben würde, wenn alles andere seinem Gedächtnis entschwunden war: der harte, kantige Kiefer, die Adlernase, die stählernen Augen, klar und gnadenlos. Das Gesicht seines Bruders. Die Hände des Gefangenen schlossen sich fester um die Gitterstäbe, aber nur einen Moment lang. Selbst die tiefe Quelle seiner Wut war aufgrund von Zeit und Stille nahezu versandet.

Er drehte sich um und ging zu dem Tisch, wo ihn ein Stapel von Büchern erwartete, jedes davon eine Welt, in die er dem Tag entfliehen konnte. Es gab religiöse Texte und große Romanzen, Werke über Recht und Philosophie, Poesie und Krieg. Seine Gefängniswärter, die seinen Hunger danach kannten, brachten ihm jeden Tag neue Lektüre. Er fragte sich, wo sie sie herbekamen. Aus einer Bibliothek in der Burg des Großmeisters vielleicht?

Einige waren alt, die Einbände morsch, das brüchige Papier knisterte unter seinen Fingerspitzen; ein paar, deren dünne äußere Holzbrettchen mit Samt bezogen waren, wirkten hingegen neu und unberührt. Einige wenige waren in seiner Sprache verfasst, weitaus mehr auf Französisch, Latein, Griechisch und Englisch. Die Sprachen, die er nicht beherrschte, eignete er sich mit Hilfe eines älteren Priesters des Ordens an. Oft schritt er beim Lesen durch die Kammer, versuchte seine Gliedmaßen muskulös und geschmeidig zu erhalten. Eines Tages würde er, so Gott wollte, seine Kräfte wieder brauchen. Eines Tages würde er vielleicht zurückkehren, um sich all das zurückzuholen, was ihm genommen worden war.

Er machte es sich in einem gepolsterten Stuhl bequem, schlug ein Buch auf und strich die Seiten glatt. Bald würden die Diener kommen, ihm seine Mahlzeit bringen, den Topf unter seinem Bett leeren und die Kissen aufklopfen. Er war gerne schon tief in den Text versunken, bevor sie den Raum betraten. Als er die zweite Seite zur Hälfte gelesen hatte, hörte er den Schrei.

Der selten ertönende menschliche Laut durchdrang die Stille und riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Er stand auf und lauschte angestrengt, hörte aber nur aufgeregtes Vogelgezwitscher. Einen Moment lang kehrte wieder Ruhe ein, dann erschollen barsche Rufe, gefolgt von dem vertrauten Klirren, mit dem Stahl auf Stahl traf, und Flügelflattern, als Schwärme von Vögeln voller Angst von den Bäumen außerhalb des Turms aufflogen. Der Gefangene ließ das Buch fallen und stürzte zum Fenster.

Von seinem Aussichtspunkt aus konnte er außer den Baumkronen nichts erkennen, doch weiteres Waffengeklirr und qualvolle Schreie verrieten ihm, dass der Kampf ganz in der Nähe tobte. Sein Herz hämmerte, das Blut rauschte durch seine Adern und schärfte seine Sinne. Während all dieser eintönigen Jahre war die drohende Gefahr eine Bestie gewesen, die ihn nie verlassen hatte, die, zum Zuschlagen bereit, stets unter der Oberfläche lauerte. Er wusste, dass sein Bruder ihn endgültig aus dem Weg räumen würde, wenn ihm das möglich war. Ein gut entlohnter gedungener Mörder mit einer verborgenen Klinge, ein mit Gift versetztes Getränk, das ein unbekannter Diener ihm reichte, ein von einem Dach aus abgeschossener Pfeil. Mit all dem hatte er ständig gerechnet.

Er packte einen silbernen Kerzenleuchter und erprobte ihn, indem er ihn durch die Luft schwang. Der Leuchter war schwer, aber kurz. Er brauchte etwas, womit er sich besser verteidigen konnte. Dumpfe Schläge ließen die Turmmauern erzittern, woraus er schloss, dass die Tür aufgebrochen wurde. Er warf den Kerzenhalter weg und griff nach einem Stuhl. Massives Eichenholz, Schild und Waffe zugleich. Ein splitterndes Krachen ertönte, Rufe und weitere Schreie, von denen einige abrupt abbrachen. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Angreifer, wer immer sie waren, durch die Wachräume in den unteren Stockwerken streiften. Er kannte jeden Winkel dieses Turms, denn er hatte zugesehen, wie Männer ihn eigens für ihn erbaut hatten – hoch und mächtig: ein Gefängnis, das dazu bestimmt war, tausend Jahre zu überdauern. Jeder Stein hatte sich schwer in sein Herz gegraben, jedes Kratzen der Sägen auf Holz ein Lied der Verzweiflung gesungen.

Schwere, zielgerichtete Schritte näherten sich. Er schob sich hinter die Tür, als Stimmen im Treppenhaus widerhallten. Zuerst dachte er, sie würden sich des Lateinischen bedienen, aber als die Männer näher kamen, stellte er fest, dass er die Sprache nicht kannte. Dennoch kam sie ihm vertraut vor, als wären die Worte verschiedene Noten, die auf demselben Instrument gespielt wurden. Allerdings gaben sie ihm keinen Hinweis auf die Absichten der Eindringlinge, daher umklammerte er den Stuhl fester. Sein Herz pochte immer heftiger. Schlüssel rasselten, Riegel wurden zurückgeschoben, dann flog die Tür auf.

Im selben Moment, in dem er eine Gestalt hereinkommen sah – einen Blick auf braunes Haar und einen blauen Umhang erhaschte –, griff er an. Der Stuhl traf den Mann mit solcher Wucht an der Schulter, dass eines der Beine abbrach. Der Mann wurde nach hinten geschleudert und ließ dabei das Schwert in seiner Hand fallen. Bei dem Sturz schlug er mit dem Kopf gegen die harte Bettkante und sackte auf dem Boden zusammen. Mit einem gellenden Schrei holte der Gefangene erneut mit seiner provisorischen Waffe aus, doch jetzt strömten weitere Männer in die Kammer. Zu viele, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen.

Einer duckte sich unter seinem Hieb hinweg, warf sich dann gegen ihn, fasste ihn um die Taille und warf ihn zu Boden. Ein anderer eilte rasch herbei, um ihm den Stuhl zu entwinden. Er hörte scharfe, gebieterische Worte, die von einem Mann kamen, der ein Breitschwert mit blutverschmierter Klinge schwang. Der Gefangene wurde auf die Füße gezerrt und zur Tür gestoßen. Er sah einen jungen Mann neben dem kauern, den er mit dem Stuhl niedergestreckt hatte und der jetzt regungslos, in seinen blauen Umhang verheddert, auf dem Boden lag. Der junge Mann schüttelte den Kopf in Richtung seines älteren Kameraden, woraufhin sich dessen Kiefermuskeln anspannten. Dann beschrieb er eine Geste mit seinem Schwert und bedeutete allen, den Raum zu verlassen.

Die Füße des Gefangenen glitten auf den schmalen Stufen aus, als er halb durch den Turm gestoßen, halb gezerrt wurde. Er war an so viel Bewegung nicht mehr gewöhnt. In den Wachräumen unten lagen umgestürzte Möbelstücke zwischen den Leichen von vier Männern verstreut. Leuchtend rote Blutspritzer besudelten die weiß getünchten Wände. Zwischen den drei toten Wächtern in ihren bunten Tuniken lag eine Gestalt in einem schwarzen Überwurf nebst Mantel, der sich wie Vogelschwingen um ihn bauschte. Seine Kleidungsstücke waren mit einem gegabelten weißen Kreuz bestickt – dem Symbol des Johanniterordens.

Der Gefangene wurde nach draußen geschleift, wo das taufeuchte Gras seine seidenen Pantoffeln durchnässte. Hier warteten noch mehr Männer, einige hatten Schwerter gezückt, andere hatten dickläufige Feuerwaffen und hielten glimmende Lunten in den Händen. Etliche waren verwundet und mussten sich auf ihre Kameraden stützen. Mit angespannten Gesichtern winkten die Männer die beiden, die den Gefangenen gepackt hielten, zu einem kleinen Tor in der Burgmauer hinüber. Eine Glocke begann zu läuten. Der Gefangene wand sich im Griff seiner Häscher und sah weitere Ritter aus der Burg kommen. Alle waren in schwarze Überwürfe gekleidet; die weißen Kreuze auf ihrer Brust leuchteten so hell wie Sterne im Morgenlicht.

Er wurde durch das Tor und in den dahinter liegenden Wald geführt, wo sich Dornen in seinen Gewändern verfingen und Zweige ihm das Gesicht zerkratzten. Einige der Männer ließen sich zurückfallen, um eine Verteidigungslinie zu bilden. Als seine Bewacher ihn zu einer Lichtung schafften, brach hinter ihnen das ohrenbetäubende Krachen von Geschützen los. Die Dutzende von Pferden, die hier standen, begannen wegen des Getöses zu stampfen und zu schnauben und mussten von weiteren Männern beruhigt werden. Der Gefangene wandte sich erst in seiner eigenen Sprache, dann auf Lateinisch an seine Häscher und erkundigte sich, wo sie sich befanden und wo sie ihn hinbrachten, doch sie ignorierten ihn und hoben ihn anstelle einer Antwort vor einem der ihren in den Sattel.

An den Sattelknauf gefesselt, konnte er nichts anderes tun, als sich festzuhalten, weil der Mann hinter ihm sein Pferd antrieb und zwischen den Bäumen, die sich zu einem schmalen Pfad hin öffneten, hindurchjagte. Als das Glockengeläute und der Kampflärm allmählich hinter ihnen verklangen, spürte der Gefangene, wie sein Herz ob des plötzlichen Rausches der Geschwindigkeit leichter wurde. Einen Moment lang vergaß er seine Angst und rang angesichts des Windes, der Sonne auf seinem Gesicht, der süß nach Gras duftenden Luft und des juwelenblau schimmernden Flusses im Tal nach Atem.

Mit einem Mal erstreckte sich seine Welt groß und weitläufig vor ihm.

2

Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu, als die fünf Männer sich der Stadt näherten und nah an dem Galgen von Montfaucon vorbeimarschierten, der zweistöckig auf seinem kahlen Hügel über der Straße aufragte. Die Leichen, die wie gedörrte Früchte an den Balken hingen, beschrieben in dem rauen Novemberwind träge Halbkreise, die Knochen wurden von Kleiderfetzen und Fleischresten, so braun und trocken wie gegerbtes Leder, notdürftig zusammengehalten. Die wechselnden Luftströme trugen den schalen Geruch von Verwesung zu ihnen herüber.

Jack Wynters Blick wurde von der Hinrichtungsstätte magnetisch angezogen, seine Augen wanderten über die Stricke, die das Leben aus jedem dort baumelnden Mann herausgepresst hatten. Er stellte sich vor, wie einige Zuschauer in der Menge verstummten und andere johlten und grölten, als die zum Tode Verurteilten gezwungen wurden, das Schafott zu besteigen. Das Kratzen des Hanfs auf der Haut, der sich fester zuziehende Strick, der Knoten, der sich gegen das linke Ohr presste, ein letzter verzweifelter Atemzug. Er fragte sich, wie viele Hinrichtungen hier im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, gierig verfolgt von zahlreichen Schaulustigen, die das Gras unter ihren Füßen festgestampft hatten. Wie viele Männer hatte man hier aufgeknüpft? Diebe. Verräter. Fälschlich Beschuldigte. Sie blieben dort hängen – als Warnung und Versprechen zugleich –, bis ihre Knochen sich zersetzten und ihre Seelen ihre Wanderung antraten. Vor seinem geistigen Auge entstand das Bild seines Vaters, der sich in einer Burg weit oben im Norden an einem Seil drehte.

»Jack.«

Ihm wurde bewusst, dass er seine Schritte verlangsamt hatte; die anderen gingen jetzt ein Stück vor ihm.

Ned Draper nickte zu den Stadtmauern hinüber, die sich hinter schlammigen Feldern erhoben. Der hünenhafte Mann hob die Stimme, um den Wind zu übertönen, der ihm seinen Haarschopf ins Gesicht wehte. »Bald werden die Glocken zur Sperrstunde läuten.«

Jack gesellte sich zu seinen Gefährten und öffnete die Faust, an der sich der Goldring mit dem eingravierten Caduceus – zwei um einen geflügelten Stab gewundene Schlangen, eines der letzten greifbaren Stücke, die sein Vater ihm hinterlassen hatte – tief in seinen Finger gebohrt hatte. Ihm fiel auf, dass Valentin Holt die dunklen Augen unverwandt auf den Galgen geheftet hielt. Als er seinen Blick auffing, spie der Bulle von einem Mann in den Staub, bevor er weiterstapfte und dabei seine in Sackleinwand gewickelte Arkebuse höher auf seine Schulter wuchtete. Sein Packen mit den Kugeln und dem Schießpulver schwang gegen seinen Rücken. Jack fragte sich, ob er gleichfalls an Sir Thomas Vaughan gedacht oder ob sich die Gedanken des Kanoniers um seinen eigenen Hals gedreht hatten, der höchstwahrscheinlich auch in die Länge gezogen worden wäre, wenn sie die englische Heimat nicht verlassen hätten.

Auf Neds Pfiff hin löste sich Titan von einem Haufen Pferdeäpfel, an dem er geschnuppert hatte, und lief zu seinem Herrn. Sein weißer Bauch und seine Beine waren schmutzverklebt. Der kleine Hund hielt mit den Männern mit, als diese ihre Schritte beschleunigten und auf die Stadtmauern von Paris zusteuerten.

Sie erreichten die Tore gerade noch rechtzeitig; die Wächter schickten sich schon an, die schweren Balken vorzulegen, als die Glocken läuteten. Jack spürte, wie die Augen der Männer auf ihnen ruhten, als sie das Tor passierten. Fünf Männer in von der Reise abgenutzten Kleidern, die nur Packen bei sich trugen, mit Kampfnarben übersät waren und unter Kapuzen und Umhängen eine Sammlung von Waffen verbargen. Er erstarrte, wartete auf die Rufe, die hinter ihnen ertönten, auf die Fragen. Wer waren sie? Wo kamen sie her? Was wollten sie hier? Aber der schneidende Wind brachte Regenschwaden mit sich, und die Glocke lockte die Wächter jetzt, wo ihre Schicht beendet war, mit dem Versprechen eines warmen Feuers und Schutz vor dem Wetter ins Innere.

Während sie durch die schlammigen Straßen liefen, setzte sich Jack an die Spitze der Gruppe und heftete den Blick auf die Orientierungspunkte Notre-Dame und den Palast in der Ferne, die in den Lücken zwischen den Fachwerkhäusern zu sehen waren. Die beiden steinernen Ungetüme standen sich über die Ile de la Cité hinweg gegenüber, ihre Türme ragten wie bleiche Hörner in die Höhe. Der Regen war stärker geworden und durchweichte seinen Umhang. Dem Gewebe entstiegen die Gerüche ihrer Reise: säuerliches Meer, kalte Erde, Rauch von feuchten, freudlosen Feuern. Vor ihnen verschwanden zwei Männer in einem Wirtshaus, aus dessen offener Tür warmer Feuerschein und Gelächter drangen, bevor sie sich wieder hinter ihnen schloss.

Adam Foxley, dem Strähnen seines ergrauenden Haares an den windgeröteten Wangen klebten, nickte zu dem Gasthaus hinüber. »Sieht genauso gut aus wie jedes andere, das wir heute Abend noch finden können, nicht?«

»Einverstanden.« David fasste seinen Bruder an der Schulter und ging auf das Gebäude zu.

»Nein.«

Auf Jacks Ruf hin drehten sich die Foxleys um. Zwei scharfe blaue Augenpaare wurden schmal.

Adam, der um einige Jahre ältere der Brüder, kräftiger gebaut als David, aber mit demselben eingebrannten Buchstaben auf der Stirn – einem verblassten F für Felon, Verbrecher –, deutete auf das Wirtshaus. »Wir wollen ein Bett für die Nacht. Warum quartieren wir uns nicht hier ein, bevor wir bis auf die Haut nass sind?«

»Ich möchte ihn vorher sehen.«

Ned, dem Regenwasser von der Nase tropfte, mischte sich ein. Der zu seinen Füßen sitzende Titan zitterte, sein Fell klebte ihm am Körper. »Komm schon, Jack, lass uns hineingehen. Was für einen Unterschied macht eine Nacht schon aus? Wir gehen morgen gleich beim ersten Tageslicht zu ihm.«

Jack hatte seine Ungeduld die ganzen letzten Wochen lang bezähmt, während der Verzögerung in Dover, wo sie darauf gewartet hatten, dass die im Kanal tobenden Stürme abebbten, bevor sie mit einem Balinger übersetzten, einem mittelgroßen Schiff, das Wolle zu der englischen Enklave Calais brachte. Er hatte sie gezügelt, während sie Richtung Süden nach Paris reisten und in den Ruinen von Kirchen und Gehöften übernachteten – vielleicht alte Opfer des langen Krieges –, um die wenigen Münzen zu sparen, die ihnen noch geblieben waren. Aber jetzt war er hier, seinem Ziel so nah, und konnte sie nicht länger unterdrücken. »Ihr bleibt. Ich komme nach, sobald ich alles geregelt habe.«

»Nein.« Valentin hatte die Schultern zu seinem massigen Hals hochgezogen und drückte seinen Packen mit Schießpulver an die Brust, um ihn vor dem Regen zu schützen, aber sein breitflächiges grobes, mit Pulversprengseln übersätes Gesicht wirkte entschlossen. »Wir waren uns einig – wir bleiben zusammen.«

Über die Unterstützung erstaunt, blickte Jack zu ihm hinüber und sah sofort, dass in den Augen des Kanoniers keinerlei Sympathie zu lesen stand, sondern purer Eigennutz.

Ja, sie hatten abgemacht, sich nicht zu trennen. Die Ereignisse des letzten Jahres hatten sie auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet. Er kannte diese Männer, seit er ein Junge war. Ned, Valentin, die Foxleys – sie hatten unter dem Befehl seines Vaters während der Kriege der Häuser York und Lancaster gedient, waren mit Sir Thomas Vaughan in den Kampf gezogen und ihm in jede blutige Schlacht gefolgt. Sie waren es, an die sich Jack vor zwei Jahren Hilfe suchend gewandt hatte, als er aus Sevilla, wohin Vaughan ihn mit der Karte und der Anweisung, sie mit seinem Leben zu beschützen, geschickt hatte, zurückgekehrt war – nach Hause, nur um festzustellen, dass Richard, Duke of Gloucester, seinen Vater wegen Verrats hatte hinrichten lassen und seine Mutter ermordet worden war. Sie waren es, an die er sich gewandt hatte, als ihm außer Fragen und Kummer nichts geblieben war, und sie waren gekommen, hatten auf der Suche nach Antworten ihr Leben riskiert.

Sie waren an seiner Seite gewesen, als er in den Tower eingedrungen war, um Prinz Edward, den Neffen des Duke of Gloucester, zu befreien; den Jungen, der von Vaughan, seinem Kammerherrn, großgezogen worden war. Den Jungen, der König hätte werden sollen. Mit ihrer Hilfe hatte er Edward aus London fortgeschafft, nicht zuletzt in der Hoffnung, von dem jungen Prinzen die Geheimnisse seines Vaters zu erfahren: was die von dem britischen Handelsschiff TRINITY gestohlene Karte zeigte und wer die Männer waren, die danach suchten – diejenigen, die auf der Jagd danach seine Mutter umgebracht hatten. Sie hatten ihn begleitet, als er gebrochen und verzweifelt zurückgekehrt war, nachdem Edward seiner Obhut entrissen und dem neuen König Henry Tudor ausgeliefert worden war, der keinen Prinzen von königlichem Geblüt in Freiheit dulden wollte, weil dieser vielleicht einmal seine Herrschaft bedrohte.

Ihre Taten hatten sie zu Gesetzlosen gemacht, auf ihre Köpfe waren Preise ausgesetzt, was es ihnen unmöglich machte, sich in England irgendeine Art von Leben aufzubauen, und Tudor – ihr Erzfeind – saß auf dem Thron. Dadurch, dass sie Jack geholfen hatten, hatten sie ihre Heimat verloren. Ihnen allen war nur geblieben, was sie bei sich trugen, und Valentin gedachte nicht, zuzulassen, dass er sich alleine auf die Suche nach einer möglichen Zukunft begab, von der sie alle profitieren konnten.

Das war Jack ihnen schuldig.

»Wir suchen den Priester gemeinsam auf«, schloss der Kanonier – und warf dabei den Foxleys einen Blick zu.

»Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, gibt es auf der anderen Seite des Flusses Dutzende von Gasthäusern«, bemerkte Ned beiläufig, um die angespannte Stimmung zu lockern. Er zog seine Kapuze höher und bedeutete Titan mit einem Zungenschnalzen, ihm zu folgen. »Wir werden heute Abend mit Doktoren und Philosophen trinken.«

Die Seine war angestiegen, das dunkle Wasser schoss zwischen den Bögen von Le Pont Notre-Dame hindurch, Treibgut aus herabgefallenen Ästen, Laub und Unrat wirbelte um die Piere. Auf der Brücke herrschte ein heilloses Gedränge, Passanten eilten zwischen den Reihen von Läden und Häusern umher, die sich über die gesamte Länge hinzogen. Regen strömte aus den überhängenden Dachtraufen, und die letzten Händler schlugen ihre Türen zu. Sowie sie sich auf der Insel befanden, schlängelten sie sich durch das Gewirr von Häusern und Schänken zwischen Notre-Dame und dem Palais de la Cité, dessen Mauern Spuren des langen Krieges des Königreichs mit England aufwiesen, der zweiunddreißig Jahre zuvor bei Castillon in einem Hagel von Kugeln und Schießpulver mit der Niederlage der Engländer zu Ende gegangen war.

Als sie ihren Weg in Richtung Le Petit Pont fortsetzten, flammten glanzlosen Funken gleichende Erinnerungen in Jack auf. Erst vor wenigen Monaten hatte er sich durch diese Straßen geschleppt, in der Hitze des Sommers, vor der großen Schlacht bei Redemore Plain, in deren Verlauf König Richard, der Mann, der seinen Vater an den Galgen gebracht hatte, von den Klingen seiner eigenen Landsleute niedergestreckt worden war. Bevor Tudor die Krone von England an sich gerissen hatte. Die Erinnerungen waren verschwommen, fast wie Träume. Damals hatte er vor Fieber geglüht, war vor Rachegelüsten und den in seinen verbrannten Händen tobenden Schmerzen halb von Sinnen gewesen.

Die Narben trug er immer noch, unter dem Schmutz waren seine Hände rosa und weiß gefleckt.

Auch jetzt noch wachte er in Schweiß gebadet und nach Atem ringend auf, weil er geträumt hatte, er könne Rauch riechen, der die Luft vergiftete und in seine Lunge drang, könne heiße Flammenzungen spüren, die an ihm leckten und sein Haar in Brand setzten, während er sich auf dem Boden der Jagdhütte wand und das Messer in seine Haut schnitt, während er versuchte, seine Fesseln zu durchtrennen. Mit Stricken zusammengeschnürt wie ein Beutetier und dem Feuertod überlassen. Von seinem eigenen Bruder.

Harry Vaughan.

Der bloße Gedanke an diesen Namen ließ nackten Hass in Jack aufwallen, und es juckte ihn in den Fingern, nach seinem Schwert zu greifen. Der Prinz, den er aus dem Tower befreit hatte, die Karte, von der er seinem Vater versprochen hatte, sie zu beschützen – Harry hatte ihm beides genommen. Und dazu noch so viel mehr.

Nachdem er mühsam und unter Qualen die endlosen Meilen von den rauchenden Trümmern der Jagdhütte bis hierher zurückgelegt hatte, war Jack hier in Paris gefunden und der Obhut von Amaury de la Croix übergeben worden. Nur der Priester hatte ihm in vieler Hinsicht Linderung verschafft: mit Salbe für seine blasenübersäten Hände, Wasser für seine ausgedörrte Kehle und dem Versprechen, ihm die Antworten zu geben, nach denen er lechzte, wenn Jack ihm zurückbrachte, was Harry gestohlen hatte.

Also war er nach England zurückgekehrt, um seinen Halbbruder ausfindig zu machen, aber er war gescheitert. Jetzt befand sich die kostbare Karte höchstwahrscheinlich in den Händen von Henry Tudor, dem Harry Vaughan den Treueeid geschworen und so das Vermögen ihres toten Vaters geerbt hatte. Und der Prinz …? Jack wusste es nicht mit Sicherheit, aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es für den jungen Edward und seinen Bruder, die beiden im Tower von London eingekerkerten Prinzen, schon lange keine Hoffnung mehr gab.

Doch all diese Fragen nagten immer noch an ihm, und Jack brauchte die Antworten darauf dringender denn je, wenn auch nur deshalb, weil sie ihm – ihnen allen – vielleicht eine Richtung aufzeigten. Darauf hatte er in diesen letzten Wochen hingesteuert wie ein Seemann, der nach Monaten auf See verzweifelt nach Land Ausschau hält, nach irgendeinem Zeichen, einem Kurs, dem er in der wilden Leere, zu der sein Leben jetzt geworden war, folgen konnte. Er hatte kein Heim, keine Familie, kein Geld und kein Königreich. Da sowohl sein Vater als auch seine Mutter tot und mit ihnen alle Hoffnungen auf die Ritterwürde gestorben waren, die er sich erträumt und auf die er hingearbeitet hatte, war er nur noch der einfache Jack Wynter. Der Bastard. Die Waise. Der Gesetzlose.

Nur der Priester hatte ihm etwas angeboten, das darüber hinausging.

»Wir sind da.«

Beim Klang von Neds Stimme erkannte Jack, dass sie in die vertraute Straße im Quartier Latin eingebogen waren, die sich vom Fluss fortwand und dem stinkenden Bièvre folgte, einem öligen Wasserlauf, der Abwasser in die Seine leitete. Ein Stück weiter die Straße hinunter lag zwischen zwei Buchhändlern die Bäckerei, über der Amaury de la Croix hauste. Fensterläden und Tür waren geschlossen, dahinter gab es kein Lebenszeichen. Jack blinzelte in die Regennadeln und starrte zu dem schmalen Gebäude hoch, dessen oberstes Stockwerk in die Straße hineinragte und den Eindruck erweckte, der gesamte Vorbau würde gleich auf ihn herabstürzen.

»Es ist dunkel.« Adam runzelte die Stirn.

Er hatte recht – von allen Häusern in der Straße war dies das einzige, hinter dessen Fenstern kein Feuerschein flackerte. Jack schüttelte den Kopf; nicht gewillt, sich damit abzufinden, dass Amaury vielleicht nicht daheim war. Der Mann war alt, hatte nur noch eine Hand und hinkte stark. Wo sollte er in einer Nacht wie dieser sein, außer vielleicht in der Messe? In diesem Fall würde er bald zurückkommen.

Als er laute Stimmen hörte, blickte Jack die Straße hinunter, wo eine Gruppe junger Studenten in ein Gasthaus strömte. »Warum besorgt ihr uns nicht hier eine Unterkunft für die Nacht?« Er drehte sich zu seinen Gefährten um. »Wenn der Priester nicht zu Hause ist, werde ich auf ihn warten.« Er begegnete Valentins schmaläugigem Blick. »Ich glaube, wenn ich alleine zu ihm gehe, wird er vielleicht mitteilsamer sein. Sobald ich mit ihm gesprochen habe, komme ich zurück.«

»Du wirst ihn fragen«, sagte Adam Foxley. Die schroffe Stimme des Soldaten äußerte eher eine Feststellung als eine Frage.

»Ja.«

Jack nahm seinen Packen von der Schulter und reichte ihn Ned. Der schlaffe Ledersack enthielt fast seine gesamten weltlichen Besitztümer: eine schmierige Decke, eine Hose, einen Beutel mit Münzen und das Stundenbuch – ein abgegriffenes Andenken –, das er aus dem verlassenen Haus seines Vaters am Londoner Strand geholt hatte. Unter den Falten seines Umhangs verborgen, hatte er sich das Schwert seines Vaters umgeschnallt; die breite Klinge steckte in einer alten Scheide, die Grace ihm an dem Tag, an dem sie nach Dover aufgebrochen waren, damals in Lewes gegeben hatte. Er vermutete, dass sie aus den Habseligkeiten ihres verstorbenen Mannes stammte.

»Ich hebe dir einen Becher Wein auf«, erbot sich Ned. Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht, die Jack übermittelten: Bleib nicht zu lange, vergiss uns nicht.

Jack sah ihnen nach, als sie zu dem Gasthaus gingen und Titan erwartungsvoll bellte, als die Tür geöffnet wurde. Valentin blieb stehen und blickte sich zu ihm um. Die Silhouette seiner stämmigen, untersetzten Gestalt hob sich von dem Laternenschein ab, sein narbiger Schädel glänzte. Als sie im Inneren verschwunden waren, trat Jack auf die Seitentür des Gebäudes zu, die zu der Unterkunft über der Bäckerei führte. Er war erleichtert, aber nicht überrascht, als sie sich aufstoßen ließ, denn ihm fiel ein, dass die Räume drinnen alle mit eigenen Schlössern und Riegeln versehen waren.

Die Tür öffnete sich zu einem feuchten Gang mit gesprungenen Bodenfliesen und abbröckelndem Wandputz. Eine hölzerne Treppe führte nach oben. Jack schloss die Tür und wartete darauf, dass sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnten. Aus seinen Kleidern tropfte Regenwasser auf den Boden. Er schlug seine Kapuze zurück und stieg die Treppe hoch, wobei die Stufen unter ihm knarrten. Adams Worte hallten in seinem Kopf wider.

Damals in Dover, als die Stürme riesige Wellen gegen die Klippen peitschten und die Boote im Hafen wie Spielzeuge umherwarfen, hatten sie besprochen, wie sie auf dem Kontinent überleben konnten. Sie konnten sich einer Söldnertruppe anschließen – sie waren alle erfahrene Kämpfer –, aber dafür würden sie mehr Waffen und Rüstungen brauchen, als sie besaßen, und sie verfügten nicht über die Mittel, diese zu kaufen.

Es war Ned, der vorschlug, dass Jack Amaury um Geld bitten sollte. Keiner von ihnen, noch nicht einmal Ned, kannte das volle Ausmaß dessen, was der Priester ihm über seinen Vater und die Akademie erzählt hatte, die Bruderschaft, für die Amaury Vaughan während seiner Zeit als Botschafter von König Edward IV. in Frankreich als Mitglied angeworben hatte; über die Karte von der TRINITY und der Vision von der seltsamen neuen Küstenlinie, die über ihren Rand verlief.

Wir nennen es das Neue Eden.

Jack hatte diesbezüglich Schweigen bewahrt, wie er es Amaury versprochen hatte. Aber seine Männer wussten genug, um sich zusammenzureimen, dass die Karte unermesslich wertvoll war und dass Vaughan irgendwelche Beziehungen zu dem Haus Medici unterhalten hatte: den Herrschern der Republik Florenz und einer der reichsten und mächtigsten Dynastien des Christentums, die in fast jeder Stadt von London bis Neapel Banken und andere Unternehmungen betrieb. Jack wusste, dass seine Männer während all der Monate, in denen sie ihm gefolgt waren, in Wirklichkeit dem Geist seines Vaters folgten, und da Vaughan sie nicht mehr für ihre treuen Dienste belohnen konnte, dachten sie nun, dass die Männer, die aus den Schatten heraus die Fäden zogen, dies vielleicht übernehmen würden.

Er hatte das obere Stockwerk erreicht. Der Gang, der zu einer Tür am anderen Ende führte, lag im Dunkel, nur um den Rahmen herum schimmerte ein schwacher Lichtschein. Jack steuerte darauf zu, beschleunigte seine Schritte. Bei der Tür angekommen, hob er die Faust, um zu klopfen, dann hielt er inne. Um das Schloss herum war die Tür stark beschädigt, Holzsplitter ragten wie Knochen eines zerschmetterten Körperteils heraus.

»Amaury?« Sein Murmeln klang in der Stille unnatürlich laut.

Keine Antwort.

Jack rüttelte an der Tür, die gegen etwas von der anderen Seite dagegen Geschobenes prallte. Dann stieß er sie ganz auf, wobei der besagte Gegenstand vernehmlich über den Boden kratzte.

Die lange, schmale Kammer mit der schrägen Gebälkdecke war dunkel, nur der letzte Rest der trüben Abenddämmerung sickerte durch die geschlossenen Fensterläden. In dem Raum herrschte ein fürchterliches Durcheinander, überall lagen Gegenstände verstreut. Das kleine Bett, in dem er während seines rauchgeschwängerten Deliriums gepflegt worden war, war umgeworfen, die Matratze aufgeschlitzt und die Strohfüllung herausgerissen worden; Truhen standen offen, ihr Inhalt lag achtlos überall herum, der Boden war mit Büchern und Papieren übersät. Bei dem vor die Tür geschobenen Möbelstück handelte es sich um das Schreibpult des Priesters. In den Schatten regte sich nichts. Es gab kein Anzeichen dafür, dass jemand hier war.

Die Kammer so verwüstet und ganz offensichtlich verlassen vorzufinden traf Jack fast wie ein körperlicher Schlag. Während all der Wochen, in denen er sein Ziel verfolgt hatte, war es ihm nie in den Sinn gekommen, was er tun würde, falls der Priester nicht hier war. Ihre Münzen waren fast aufgebraucht, sie konnten nur noch ihre Waffen verkaufen. Wie sollten sie Essen und Unterkunft bezahlen, zumal jetzt, wo der Winter nahte? Verschiedene Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf, doch keine davon erschien ihm verlockend. Würden sie in dieser fremden Stadt zum Betteln gezwungen sein oder zu Dieben werden und am Galgen enden? Wie der Vater, so der Sohn.

Es war nicht nur eine Geldfrage. Als er sich einen Weg zum Fenster bahnte und irgendetwas unter seinen Stiefeln knirschte, spürte Jack, wie der Abgrund in seinem Inneren größer wurde – jene nur von rastlosen Geistern bewohnte Leere. Konnte er heim nach Lewes gehen, zurück in Grace’ Arme? Den Vater für ihre Kinder spielen und ein neues Leben beginnen? Eine neue Familie gründen? Versuchen, alles zu vergessen, was geschehen war? Was er verloren hatte?

Der abenteuerliche Gedanke spendete ihm einen Moment lang Trost, und er schöpfte neue Hoffnung. Aber einen ernüchternden Augenblick später erlosch sie bereits wieder, wich der Realität. Er konnte nicht zurückgehen. Nach Hause. Dieses Zuhause existierte nicht mehr, und er würde Grace ein armseliges Leben zumuten; er, ein Schutz suchender Flüchtling, eine Gefahr für sie beide, verfolgt von dem verbrannten Stück Erde nur ein paar Schritte entfernt im Wald, auf dem einst ein kleines Holzhaus mit einem Blumengarten gestanden hatte und das von dem Lachen seiner Mutter erfüllt gewesen war.

Als er die Fensterläden aufstieß, nahmen das graue Licht sowie das Geräusch des auf das Dach prasselnden Regens an Intensität zu. Er bückte sich, um eine zerknitterte Pergamentrolle aufzuheben, und stellte fest, dass sie mit getrockneter Gallapfeltinte verschmiert war. Eine andere wies Flecken einer Substanz auf, die im Dämmerlicht rötlich wirkte. Tinte? Oder
Blut?

In der Nähe des Schreibpults beugte Jack sich über einen in zwei Teile zerbrochenen knorrigen Stock. Das Bild des alten Priesters, der mit dessen Hilfe auf ihn zuhumpelte, stieg vor ihm auf. Er richtete sich auf und blieb reglos stehen, während draußen der Regen prasselte und der letzte Rest Hoffnung in ihm erstarb.

Amaury hatte einige seiner Fragen bezüglich der Akademie, dem, worin sein Vater verstrickt gewesen war und des gefährlichen Spiels beantwortet, in das er nach dem Tod des Mannes hineingezogen worden war – ein Spiel, das seine Mutter das Leben gekostet, seine Welt aus den Fugen gehoben und alles in Frage gestellt hatte, was er über den Mann zu wissen geglaubt hatte, den er einst mehr bewundert hatte als irgendjemanden sonst. Aber die Erklärungen des Priesters, zu einer Zeit abgegeben, wo Jack nur daran hatte denken können, seinem verräterischen Bruder die Hände um den Hals zu legen, erschienen ihm jetzt unvollständig und verworren, all das Gerede von einer Weltseele, griechischen Philosophen und heidnischen Göttern. All diese Dinge, die nach Ketzerei klangen.

Er brauchte mehr Informationen. Musste wissen, wer sein Vater wirklich war und warum er, sein unehelicher Sohn, so verzweifelt an Vaughans Versprechen glauben wollte, ihn zum Ritter zu schlagen und die Tür zu einem glanzvollen Leben zu öffnen, dass er sich nie gefragt hatte, auf welche dunklen Pfade ihn sein Vater vielleicht lenkte. Er hatte Dover mit dem festen Vorsatz verlassen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, getrieben von dem Bedürfnis, seine Vergangenheit zu verstehen und seine Zukunft zu gestalten. Jetzt war ihm dieser Weg abrupt versperrt worden. Er konnte weder vorwärts noch zurück.

Jack blickte sich in der Kammer um, versuchte, dem Werk der Verwüstung einen Hinweis, eine Antwort zu entnehmen. Als er die Augen erneut auf das Schreibpult heftete, begriff er, dass etwas nicht stimmte. Wenn der Raum leer und verlassen war, wer hatte dann den schweren Tisch vor die Tür geschoben?

Augenblicklich auf der Hut, drehte er sich um und spähte in das Dunkel. Dort. Zusammengekauert vor dem Fenster. Ein Schatten, von dem er hätte schwören können, dass er zuvor noch nicht da gewesen war. Als er nach seinem Schwert griff, sprang der Schatten auf und stürzte sich mit einem Schrei auf ihn. Eine auf ihn zuschießende Klinge blitzte auf. Da ihm keine Zeit mehr blieb, seine Waffe zu ziehen, wich er dem Messer aus, packte das Handgelenk des Schattens und verdrehte es grob. Die Gestalt schrie auf und ließ die Klinge fallen, bevor sie sich duckte, um ihm die Zähne in die Hand zu schlagen. Jack brüllte vor Schmerz auf, griff mit beiden Händen nach dem Hals des Angreifers und drückte zu, bis die Zähne ihn freigaben und der Schatten sich hustend und sich krümmend aufrichtete. Die schmächtige Gestalt mit den kurzen, struppigen Haaren war völlig durchweicht. Ihm wurde klar, dass sie durch das Fenster hereingekommen sein musste.

»Amelot!«

Das Mädchen trat nach ihm und traf ihn am Knie, obwohl ihre weichen Lederschuhe ihm keinen großen Schaden zufügten.

»Amelot, c’est moi

Sie hörte auf, Widerstand zu leisten.

»C’est moi, James Wynter. Jack

Einen Moment lang verharrte das Mädchen angespannt in seinem Griff, dann verließ sie ihr Kampfgeist, sie sackte in sich zusammen und ließ die Fäuste an den Seiten herabfallen.

Als er sie losließ, wich sie zurück und berührte die Stelle an ihrem Hals, wo er sie gewürgt hatte. Schwer atmend, starrte sie ihn aus den Schatten heraus furchtlos an. Sie war magerer, als er sie in Erinnerung hatte, ihr Haar ein Wust abgesäbelter Strähnen, kurz geschnitten wie das eines Jungen, nur nicht so sorgfältig. Ihre Augen schienen das Größte an ihrer Erscheinung zu sein.

»Amelot, où est Amaury?« Kaum hatte er die Frage gestellt, fiel ihm wieder ein, dass sie ja gar nicht sprechen konnte.

Sie wandte sich ab und schüttelte den Kopf. Jack trat ungeduldig auf sie zu, wollte sie drängen, aber sie zuckte argwöhnisch wie eine schreckhafte Katze zurück.

Er hob die Hände. »Ich möchte nur wissen, was hier passiert ist.« Er sprach langsam, denn es dauerte eine Weile, bis sein Französisch zurückkam.

Nach und nach schien sie sich zu beruhigen.

»Jemand hat das hier angerichtet?« Jack deutete in den Raum. »Nicht du? Nicht Amaury?«

Sie nickte.

Jack musterte die auf dem Boden verstreuten Papiere, von denen einige mit dunklen Flecken übersät waren. »War Amaury hier, als es passiert ist?«

Ihr Kopf sackte nach vorne. Ein kurzes Nicken erfolgte.

»War er verletzt?«

Das Seufzen, das über ihre Lippen wehte, hieß Ja.

»Wurde er …?« Er brachte die Worte kaum heraus, musste es aber wissen. »Getötet?«

Ihr Kopf fuhr mit einem Ruck hoch. Sie schüttelte ihn heftig und zeigte auf die Tür.

»Verschleppt?«

Ja.

»Wann war das?« Er formulierte die Frage neu. »Vor Tagen?« Nein. »Wochen?« Ihr Stirnrunzeln verriet ihm, dass sie vielleicht kein Zeitgefühl hatte. Nach einem Moment nickte sie unsicher. Also vielleicht Wochen, oder nicht ganz so lange her. Er fragte sich, wie sie unversehrt hatte entkommen können. Sein Blick wanderte zum Fenster. Vielleicht hatte sie von draußen oder irgendeinem anderen Versteck aus hilflos mit angesehen, wie der alte Mann überwältigt wurde. Der gequälte Ausdruck in ihren Augen sagte ihm, dass es sich so verhielt. »Weißt du, wer ihn entführt hat? Hast du sie erkannt?« Ein langes, langsames Kopfschütteln. Er überflog die Papiere erneut. »Haben sie nach etwas gesucht?« Vor seinem geistigen Auge entstand ein mit Tinte auf vergilbtes Pergament gezeichnetes Netz dunkler Küstenlinien und Inseln, und die Worte, die Hugh Pyke im Ferryman’s Arms gemurmelt hatte, kamen ihm wieder in den Sinn.

Und wenn dies hier eine Route zu den Gewürzinseln aufzeigt? Einen Weg, der an den Türken vorbeiführt? Dann würde ich sagen, sie wäre alles Gold der Welt wert.

»War es die Karte, Amelot? Sind sie deswegen gekommen?«

Sie nickte, dann stürmte sie auf ihn zu, um seinen Umhang zur Seite zu ziehen und ihn fragend zu mustern.

»Ich habe sie nicht. Ich habe versucht, sie ihm zurückzuholen, aber …« Jack brach ab. »Sie ist verschwunden.«

Ihre Schultern sackten wieder nach unten.

»Hast du nach ihm gesucht? Herauszufinden versucht, wo sie ihn hingebracht haben?«

Ein verächtliches Zischen verriet ihm, dass sie nichts anderes getan hatte. Amelot zögerte, dann beschrieb sie mit der Hand eine langsame, weit ausholende Geste.

Jack verstieg sich zu einer Vermutung. »Du glaubst, er wurde weggeschafft? Aus der Stadt hinaus?«

Sie nickte verloren und wiederholte die Bewegung, wie um entweder die Entfernung oder ihre eigene Verzweiflung zu unterstreichen. Nach einem Moment kauerte sie sich auf den Boden und begann dort herumzusuchen.

Jack wandte sich nachdenklich ab. Die Liste derer, die die Karte an sich bringen wollten, war zweifellos lang, aber wer würde darauf verfallen, hierherzukommen – zu Amaurys Wohnung? Das wusste er beim besten Willen nicht. Aber wie in Gottes Namen konnte er ohne dieses Wissen überhaupt mit der Suche nach dem Priester beginnen?

Seine Augen schweiften zu dem Bett, auf dem er mit verbrannten Händen und gebrochenem Herzen gesessen hatte, während Amaury ihn bat, sie zurückzuholen, und seine rasselnde Stimme kräftiger wurde, als er versprach, ihn, wenn er Erfolg hatte, persönlich zu dem Führer der Akademie zu bringen. Ihm sagte, dass es viel gab, was dieser Mann ihm vielleicht enthüllen konnte. Lorenzo de’ Medici: de facto Herrscher der Republik Florenz und Oberhaupt der Akademie. Der Mann, der als Nadel des Kompasses bekannt war. Der Mann, den er laut den letzten, am Morgen seiner Hinrichtung hingekritzelten Worten seines Vaters aufsuchen sollte.

Ich bete, dass du die Antworten gefunden hast, die ich dir nicht geben konnte. Dass die Nadel dir den Weg gezeigt hat.

Jack drehte sich um, als er ein Zupfen an seinem Umhang spürte. Amelot hielt ein zerknittertes Stück Papier in der Hand. Als sie es ihm reichte, sah er, dass ihre Finger mit schwarzer Tinte beschmutzt waren. Auf dem Papier prangte eine primitive Zeichnung, die er im Halbdunkel anstarrte. Es sah aus wie eine große Träne, aus der unten zwei Dornen herausragten und durch deren Mitte zwei diagonale Linien verliefen.

»Was ist das? Hat es etwas mit Amaury zu tun? Mit denen, die ihn verschleppt haben?«

Amelot nickte. Als Jack das Bild stirnrunzelnd betrachtete, griff sie ungeduldig danach und drehte es in seiner Hand um. Das Symbol veränderte sich – wurde zu einem spitz zulaufenden Tierkopf mit gespitzten Ohren und wilden schräg stehenden Augen.

Er erkannte, dass sie einen Wolf gezeichnet hatte.