Zum Buch
Wenn wir lieben, flirten wir mit dem Wahnsinn.
In der Liebe sind wir alle gleich: Jeder sehnt sich nach Liebe, jeder verliebt sich, jeder hat schon Liebeskummer erlebt. Aber was passiert, wenn die Liebe zur Obsession wird? Die Angestellte einer Anwaltskanzlei ist felsenfest davon überzeugt, dass ihr Zahnarzt sie liebt und dass das Schicksal sie beide füreinander bestimmt hat bis in alle Ewigkeit. Eine Witwe bekommt Besuche von dem Geist ihres verstorbenen Ehemanns. Ein Akademiker ist seinem Spiegelbild verfallen. Eine wunderschöne Frau wird von Eifersucht auf die Rivalin geplagt, die es gar nicht gibt. Ein Nachtportier ist besessen von lasziven Dämonen.
Mit diesen Fallgeschichten aus seiner Praxis nimmt uns der Schriftsteller und klinische Psychologe Dr. Frank Tallis mit auf eine höchst faszinierende Reise durch die Seelenlandschaft von Liebenden.
»Frank Tallis führt uns mitten in das Herz der Liebe.«
Ian McEwan
Zum Autor
FRANK TALLIS ist Schriftsteller und praktizierender klinischer Psychologe. Neben einer Vielzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist er vor allem für seine Erfolgsserie um den Wiener Psychoanalytiker Max Liebermann bekannt, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Tallis lebt in London.
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Uncurable Romantic« bei Little Brown, an imprint of Little, Brown Book Group, London.
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Deutsche Erstausgabe Juli 2019 btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © 2018 by Frank Tallis
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Covergestaltung: semper smile, München, unter Verwendung eines Entwurfs von Nico Taylor
Covermotiv: © Getty Images
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-22143-0
V002
www.btb-verlag.de
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Für Nicola, unheilbar
Der römische Philosoph Lukrez ist berühmt für sein umfangreiches Lehrgedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge). Es enthält Abschnitte über eine breite Palette von Themen, wie die Bewegung von Atomen, den Kosmos, Zeit – und eine ganze Menge über Psychologie.
Unter Lukrez’ Werken über Seele und Verhalten findet sich eine Beschreibung dazu, was geschieht, wenn sich Menschen verlieben. Er beobachtet, dass Liebestrunkene häufig durch unstillbare Sehnsüchte erregt und aufgewühlt werden. Sexuelle Vereinigung, oft leidenschaftlich und heftig, führt nur zu einer zeitweiligen Linderung, denn Liebende wollen immer mehr voneinander. Es ist, als beschriebe Lukrez eine Sucht. Er verwendet eine Sprache, die suggeriert, dass man, wenn man sich verliebt, krank oder – noch schlimmer – verrückt wird. Die Liebe, sagt er, ist wie eine unbesiegbare Krankheit, und Liebende siechen an unsichtbaren Wunden dahin. Sie sind liebeskrank: Sie sind schwach und vernachlässigen ihre Pflichten, sie verhalten sich närrisch und verprassen ein Vermögen mit übertriebenen Geschenken, sie werden eifersüchtig und unsicher.
Nachdem Lukrez all diese Symptome beschrieben hat, bedient er sich eines Hilfsmittels, das viele Komiker einsetzen. Er kehrt unsere Erwartungen um und bringt uns so zum Lachen. Er sagt: »So sieht es aus, wenn alles gut geht – aber stellen Sie sich vor, wie es aussieht, wenn es nicht gut geht.« Urplötzlich ist er kein klassischer Philosoph mehr, sondern ein Freund oder Trinkkumpan.
Lukrez führt weiter aus, was passiert, wenn die Liebe scheitert. Liebende verfallen einem Wahn und verlieren die Fähigkeit, objektive Urteile zu fällen. Sie erleben eine Art ständiger Halluzination. Gewöhnliches, ja sogar hässliches Aussehen wird als außerordentliche Schönheit wahrgenommen. Sie können nicht ohne ihre Liebste oder ihren Liebsten sein, und alle anderen Menschen werden unwichtig. Verliebte werden unterwürfig und hilflos, und was immer ihnen Freude macht – Sinnlichkeit, gemeinsame Lust – ist nur dazu angetan, sie einzuschränken. Die Göttin der Liebe, warnt Lukrez, hat starke Fesseln.
Es ist wirklich bemerkenswert, dass ein römischer Philosoph, der vor mehr als zweitausend Jahren gestorben ist, mit einer Beschreibung von Liebeskummer aufwarten kann, die wir alle verstehen. So gesehen hat sich die menschliche Natur seit der Antike offenbar nicht sehr verändert. Aber Lukrez belässt es nicht dabei. Er verfeinert seine Argumentation und trifft einen Unterschied zwischen einer Liebe, die gut geht, und einer Liebe, die scheitert – einer Liebe, die normal ist, und einer abnormen Liebe. In einem allgemeineren Sinn basiert die gesamte Disziplin der Psychiatrie auf dieser Unterscheidung: der Identifizierung abnormer Menschen innerhalb der mehrheitlich »normalen« Bevölkerung.
Tatsächlich sind die Symptome, die Lukrez mit einer Liebe assoziiert, die gut geht, nur marginal weniger dramatisch als die Symptome, die er mit einer Liebe assoziiert, die scheitert. Dies deutet eher auf ein Kontinuum mit ansteigendem Schweregrad hin als auf einen tatsächlichen Unterschied zwischen normal und abnorm. Ich bezweifle, dass Lukrez sich zu diesem Thema wirklich tiefer gehende Gedanken gemacht hat, und die Unterscheidung, die er trifft, verfolgte in seinem Gedicht vielleicht nur den Zweck, seinen Späßen die Pointe zu sichern.
Lukrez beschrieb die Menschen, die unter Liebeskummer leiden, als Narren. Tatsächlich ist der Ton seiner Lyrik ziemlich despektierlich. Er ermuntert uns, gemeinsam mit ihm über deren Torheit zu lachen. Das ist eine Einstellung, die vielleicht viele Menschen teilen. Es mag ein gewisses fragwürdiges Vergnügen bereiten, Leute zu beobachten, wenn sie sich zum Narren machen. Doch wenn wir uns über den Liebeskummer von anderen lustig machen, sind wir entweder Heuchler oder gefühllose Roboter. Wer von uns hat sich nicht selbst schon zum Narren gemacht – oder zumindest auffallend untypisch verhalten –, wenn er verliebt war? Nur diejenigen sind immun, die sich aus der Gesellschaft ausklinken oder ihre Emotionen unterdrücken.
Wir wissen fast nichts über Lukrez. Der heilige Hieronymus berichtet uns, dass er in der Mitte seines Lebens Selbstmord begangen hat. Man vermutet, dass er durch einen Liebestrank den Verstand verloren hat. Vielleicht hätte er Liebeskummer ernster nehmen sollen.
Sie war clever, erfolgreich und schrecklich depressiv – eine Opernsängerin mit durchaus beeindruckendem Talent. Und wie es bei depressiven Menschen oft der Fall ist, war sie auch extrem reizbar. Sie erzählte mir, wie es mit ihrem Ehemann im Bett war: »Ich komme mir wie eine Gummipuppe vor«, sagte sie, machte ein »O« mit dem Mund und versteifte die Gliedmaßen. Dann sah sie mich entgeistert an, als hätte sie erst jetzt bemerkt, dass ich vor ihr saß. Ihre Augen verengten sich. »Warum machen Sie das?«, wollte sie wissen. Meine Antwort war gedankenlos und abgedroschen. »Es ist mein Beruf …« Ich hätte es wissen müssen und bekam keine Gelegenheit, weiter auszuholen. Sie hatte etwas Aufschlussreicheres von einem Psychologen erwartet. »Ständig nur Elend und unglückliche Menschen«, ereiferte sie sich, »sich Tag für Tag immer die gleiche Scheiße anhören – meine Scheiße anhören! Wer sucht sich so einen Beruf aus?« Dann erlosch das Feuer in ihren Augen, und ich sah ihr an, dass sie in einem Sumpf von Selbstverachtung versank. Sie machte eine schwache, entschuldigende Geste. »Schon gut«, sagte ich. Und ich gab ihr eine bessere Antwort – auch wenn sie noch immer lückenhaft und nicht ganz ehrlich war.
Warum bin ich tatsächlich Psychotherapeut geworden?
Die zuckersüße und sichere Antwort ist die, dass ich den Menschen helfen wollte. Und das entspräche sogar der Wahrheit. Aber das ist ebenso offensichtlich wie banal. Fast so, als gäbe ein Feuermann auf die Frage, warum er bei der Feuerwehr ist, die platte Antwort: »Um Brände zu löschen.«
So weit ich zurückdenken kann, hat mich das Abseitige, haben mich Randgebiete, zwielichtige Orte und Skurrilität fasziniert. Als Jugendlicher habe ich tonnenweise Schauerromane und Gruselgeschichten verschlungen – vor allem deshalb, weil diese Genres üblicherweise die dunkleren Nischen der Seele und bizarre Verhaltensweisen bedienen. Als ich dann erwachsen wurde, entwickelte sich diese etwas sensationslüsterne Faszination für das Sonderbare (speziell wenn es psychologischer Natur war) zu einer eher intellektuellen Neugier. Aber im Wesentlichen geht es mir heute noch so.
Ich habe in vielen verschiedenen Einrichtungen gearbeitet, darunter in einigen sehr großen, weitläufigen Krankenhäusern. Immer wenn sich die Gelegenheit dazu ergab, flüchtete ich vor den betriebsamen, makellosen Bereichen im »Rampenlicht« – Aufnahme, Ambulanz, Stationen –, ließ die betriebsamen Passagen hinter mir und wanderte durch Keller, verlassene Korridore und leere Büros. Manchmal schlenderte ich eine ganze Weile durch unheimliche, stille Orte, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Auf einem meiner Ausflüge entdeckte ich einen Raum, dessen Decke aus Glasscheiben bestand und der sich als aufgelassener Operationssaal herausstellte. Viele der Scheiben waren zerbrochen, und Herbstblätter waren auf dem Fliesenboden verstreut. In der Mitte des Raums stand eine altertümliche Maschine mit weißen, emaillierten Oberflächen. Sie erinnerte vage an ein Teleskop, jedenfalls ankerte das ganze Ding auf einem runden Fundament und war mit Hebeln versehen. Irgendwie fühlte ich mich in einen Roman von H.G. Wells oder Jules Verne versetzt. Ein anderes Mal entdeckte ich ein Zimmer mit verstaubten Regalen. Auf jedem Regalbrett standen rechteckige Plexiglasbehälter mit in Formaldehyd konservierten menschlichen Hirnscheiben. Es war ein gespenstischer Anblick – wie eine Bibliothek von Erinnerungen. Auf dem Gelände eines viktorianischen Irrenhauses stieß ich auf ein winziges Museum mit einer Sammlung von Kunstwerken ehemaliger Patienten. Ich war der einzige Besucher. Als eine Aufseherin auftauchte – eine kleinwüchsige, hellwache Frau –, wollte sie sofort wissen, was ich von den Auswirkungen hoher Außentemperaturen auf das menschliche Verhalten hielt.
Symptome müssen Ursachen haben. Diese können durch Abnormitäten im Gehirn hervorgerufen werden, etwa eine Störung im Neurotransmitterhaushalt, unterdrückte Erinnerungen oder verzerrtes Denken. Aber Symptome sind auch der Endpunkt von Geschichten. Für mich ist bei der Psychotherapie das Erzählte ebenso wichtig wie Wissenschaft oder Mitgefühl, wenn nicht sogar wichtiger. Die etwas peinliche Wahrheit – die ich der depressiven Opernsängerin allerdings nicht verraten konnte – war, dass ich die täglichen Leidensgeschichten in der Psychotherapie deshalb ertragen konnte, weil ich sie mir gern anhörte. Ganz besonders galt das für solche, die irgendwie befremdlich waren und eine Erklärung für das Auftreten ungewöhnlicher klinischer Phänomene lieferten. Mein schlechtes Gewissen wird allerdings durch die Tatsache beruhigt, dass ich mich in dieser Hinsicht in der Gesellschaft durchaus illustrer Leute bewege.
Die Praxis der Psychotherapie war über lange Zeit mit Geschichtenerzählen verbunden. Anna O., die allererste Patientin, die mit einem Verfahren behandelt wurde, aus dem sich irgendwann die Psychoanalyse entwickelte, trat in eine andere Bewusstseinsebene ein, in der sie Josef Breuer (Freuds väterlichem Gönner und Mitarbeiter) Geschichten erzählte, die ihn an Märchen von Hans Christian Andersen erinnerten. Diese Geschichten bildeten einen integralen Teil ihrer Behandlung und brachten sie dazu, Breuers Ansatz als »Gesprächstherapie« zu bezeichnen.
Menschen sind lebende Geschichtenbücher. Gesprächstherapien schlagen die Bücher auf und lassen die Geschichten heraus.
Den Kern des vorliegenden Buches bildet eine Reihe wahrer Geschichten über Menschen aus Fleisch und Blut, die, dadurch, dass sie sich verliebt hatten oder liebten, unter einem beachtlichen Leidensdruck standen und deshalb von mir psychotherapeutisch behandelt wurden. Ihre Probleme waren überwiegend emotionaler oder sexueller Natur oder eine Kombination aus beidem. Wie schon Lukrez angeführt hat, ist eine Liebesbeziehung fast immer mit physischem Begehren verbunden. Die klinischen Phänomene, die ich beschreibe (Symptome, Gefühle und Verhalten), sind authentisch; die Daten meiner Patienten habe ich jedoch verschleiert, um ihre Anonymität zu bewahren.
Die allerersten Gedichte wurden vor mehr als dreieinhalbtausend Jahren in Ägypten geschrieben – erlesene Liebeslieder, die die Verzweiflung von Liebenden als eine Art Krankheit beschreiben. Frühe medizinische Texte bezeichnen Verliebtheit als ein Leiden. Im zweiten Jahrhundert berichtete der griechische Arzt Galen über eine verheiratete Frau, die nicht schlafen konnte und seltsame Verhaltensweisen an den Tag legte, nachdem sie sich in einen Tänzer verliebt hatte. Liebeskummer galt von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein als legitime Diagnose, verschwand aber im 19. Jahrhundert fast völlig von der Bildfläche. Heutzutage ist der Begriff »Liebeskummer« eher eine Metapher denn eine Diagnose.
Wenn verliebte Leute ihre Beschwerden vorbringen, können sie bestenfalls auf ein wenig Mitgefühl und ein ironisches, wissendes Lächeln hoffen. Necken und Spötteln sind ebenfalls übliche Reaktionen.
Aber Liebeskummer ist keine triviale Angelegenheit. Unerwiderte Liebe ist häufig Anlass zu Selbstmord (besonders unter Jugendlichen), und etwa zehn Prozent aller Morde hängen mit sexueller Eifersucht zusammen. Darüber hinaus hat sich mittlerweile eine Ansicht in der Psychotherapie und der Psychologie etabliert, dass gestörte enge Beziehungen nicht nur mit seelischen Krankheiten in Zusammenhang stehen, sondern sogar deren Hauptursache sind.
Oft saß ich Patienten gegenüber, die Liebeskummer hatten und deren psychologische Qualen und Verhaltensstörungen ebenso ernst waren wie ein beliebiges Kardinalsymptom einer schweren psychiatrischen Krankheit. Solchen Patienten ist es normalerweise peinlich, ihre Gedanken und Gefühle zu offenbaren: Sie haben die weit verbreitete Ansicht verinnerlicht, dass Liebeskummer wieder vergeht, dass er pubertär, belanglos oder lächerlich ist. Nichts ist weiter entfernt von der Wahrheit. Wenn man sich verliebt, können die emotionalen und verhaltensbezogenen Konsequenzen lange andauern und tiefgreifend sein. Immer wieder habe ich ganz normale Lebensläufe auseinanderbrechen sehen, weil wilde Leidenschaften im Spiel waren; ich habe Menschen erlebt, die lange Zeit unter einer Zurückweisung litten; ich habe Patienten bis an den Rand psychologischer Abgründe begleitet – dunkle, beängstigende Orte – und gespürt, dass ein unglücklich gewähltes Wort oder eine ungeschickte Redewendung ausreichen konnte, um sie über die Kante zu treiben. Ich habe Patienten behandelt, die sich dem Sirenengesang des Vergessens ergaben, auf dessen Versprechungen von Erlösung und ewigem Frieden hörten, auch wenn ich sie noch so sehr, manchmal geradezu verzweifelt, zu überzeugen versuchte, einen Schritt zurückzutreten. Ich habe von Sehnsucht und Begierde ausgehöhlte Menschen gesehen, die reduziert waren auf ein schwaches Abbild ihres früheren Selbst. Bei keinem dieser Vorfälle war ich auch nur andeutungsweise versucht, ihnen ein ironisches, wissendes Lächeln zu schenken.
Der Begriff »unheilbarer Romantiker« ist mehr als nur eine witzige Formulierung – er bestätigt eine unbequeme klinische Realität. Einer der inbrünstigen Poeten des antiken Ägypten schrieb zutreffenderweise, dass Ärzte mit all ihren Arzneien nicht imstande wären, sein Herz zu heilen. Er könnte Recht gehabt haben.
Die Liebe ist eine große Gleichmacherin. Jeder will geliebt werden, jeder verliebt sich, jeder verliert die Liebe, und jeder weiß, wie verrückt die Liebe sein kann. Und wenn die Liebe scheitert, dann sind auch unser relativer Wohlstand, unsere Bildung und unser Status nichts mehr wert. Der sitzengelassene Lord ist genauso verletzlich wie der sitzengelassene Busfahrer. So gut wie alle bedeutenden Theoretiker der Psychotherapie seit Freud sind sich einig, dass die Liebe für das Glück der Menschen eine entscheidende Rolle spielt.
Ich bin überzeugt, dass die Probleme, die aus Liebe entstehen – Verblendung, Eifersucht, Liebeskummer, Trauma, unangemessene Bindung und Abhängigkeit, um nur einige zu nennen –, eine ernsthafte Zuwendung verdienen und dass die Grenze, die normale von abnormer Liebe trennt, häufig schwer zu ziehen ist. Ich hoffe, dass diese Position von den folgenden, manchmal ziemlich beunruhigenden Enthüllungen gestützt wird – beunruhigend deshalb, weil sie letztendlich das Vorhandensein tief verwurzelter und universeller Verletzlichkeiten zeigen, die durch evolutionäre Prozesse in unserem Nervensystem verankert sind. Schon der kleinste Funke einer sexuellen Anziehung kann einen Brand entfachen, der das Potenzial hat, uns zu verschlingen. Wir alle tragen diese schlummernde Gefahr in uns, weshalb Beispiele ihrer vollen Ausprägung im klinischen Alltag so fesselnd und zugleich so alarmierend sind. Sie liefern uns einen guten Grund, über unsere eigenen intimen Erfahrungen nachzudenken, und warnen uns vor möglicherweise vor uns lauernden Gefahren.
Die Psychotherapie ist eine bekanntermaßen gespaltene Disziplin. Es gibt viele unterschiedliche Denkschulen (z. B. Psychoanalyse, Gestalt- und rational-emotive Therapie), und jede dieser Schulen wird von Galionsfiguren vertreten, deren spezieller Ansatz – auch wenn bestimmte fest umrissene Werte und Normen akzeptiert werden – vom Mainstream abweicht. Dieses Abweichen von der Orthodoxie reicht von kleineren Veränderungen der Theorie bis hin zu großen inhaltlichen Überarbeitungen. Die Geschichte der Psychotherapie ist gekennzeichnet durch interne Grabenkämpfe, Schismen, Abspaltungen und intellektuelle Feindseligkeit. Man kann sie sich als ein komplexes Baumdiagramm mit mehreren Stämmen vorstellen, in welchem jeder Stamm zahlreiche Äste und Verzweigungen hervorbringt. Dieser Prozess von Wachstum und immer neuen Verzweigungen erstreckt sich über einen Zeitraum von etwas mehr als hundert Jahren und setzt sich bis heute fort.
Für ein Buch dieser Art ist es üblich, dass es die theoretische Orientierung des Autors widerspiegelt. Normalerweise werden Symptome im Kontext der bevorzugten theoretischen Ausrichtung des Autors verstanden und interpretiert. Mir erscheint es jedoch unnötig limitierend, sich zu einer einzelnen Psychotherapieform zu bekennen, denn ich glaube, dass selbst die periphersten Innovatoren in der Geschichte dieser Fachrichtung etwas Wichtiges oder Nützliches über den Ursprung sowie den Umgang mit den Symptomen und deren Heilung zu sagen hatten. Daher werden die klinischen Beschreibungen in diesem Buch von Kommentaren begleitet, die sich auf viele unterschiedliche Perspektiven berufen.
Neben dem Umstand, dass Psychotherapeuten immer schon lebhaft ihre Meinungsverschiedenheiten untereinander ausgetragen haben, beteiligen sie sich jedoch auch als homogenere Gruppe an einem viel größeren, fortwährenden Streit mit Vertretern einer neurobiologisch orientierten Psychiatrie. Dabei geht es um die unterschiedliche Auffassung zum eigentlichen Ursprung von psychischen Erkrankungen. Die neurobiologische Perspektive basiert auf der Annahme, dass alle mentalen Erkrankungen von strukturellen oder chemischen Abnormitäten im Gehirn verursacht werden. Eine Begleiterscheinung dieser Annahme ist die Überzeugung, dass die Biologie als fundamentalere Wissenschaft die Psychologie übertrumpfe. Der unterschiedliche Stellenwert, der biologischen und psychologischen Erklärungsmodellen psychischer Erkrankungen beigemessen wird, polarisiert häufig die Sichtweisen, und die Kontrahenten beider Lager streiten üblicherweise engagiert und lautstark. Um es noch einmal zu sagen: Ich halte diese Debatte – in ihrer extremen Form – für ziemlich fruchtlos.
Selbst wenn jemand meint, dass alle Seelenzustände auf Zustände des Gehirns zurückzuführen sind, heißt das nicht, dass die Psychologie außer Kraft gesetzt wird, genauso wenig wie die Chemie von der Physik außer Kraft gesetzt wird. Fast alles auf der Welt kann auf verschiedene Art und Weise und auf verschiedenen Ebenen beschrieben werden, und das Seelenleben des Menschen macht da keine Ausnahme. Eine Vielzahl von Blickwinkeln ist aufschlussreich und liefert eine komplettere und zufriedenstellendere Betrachtung von Phänomenen. Folglich beinhalten meine Fallkommentare auch Referenzen zur biologischen Psychiatrie und zu den Neurowissenschaften.
Er war neunzehn, Philosophiestudent und erschien mit ungewaschenen Haaren und einem spärlich sprießenden Bart. Seine dunklen Ringe unter den Augen deuteten auf schlaflose Nächte hin, seine Kleidung roch nach Zigarettenrauch. Seine Freundin hatte ihn abserviert, und er zeigte viele der Symptome von Liebeskummer, wie sie seit Menschengedenken von Dichtern beschrieben werden. Seine Verzweiflung und seine Wut strömten in immer stärkeren Wellen aus seinem Körper.
»Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Ich verstehe es einfach nicht.« Ich registrierte, dass er mit dem Fuß ungeduldig auf und ab wippte. »Können Sie mir irgendeine Erklärung dafür geben?« Diese Betonung verwandelte eine unschuldige Frage in eine Kampfansage, die zudem leicht schnoddrig daherkam, so als hielte er mich für unfähig.
»Das hängt eher von Ihren Fragen ab«, gab ich zur Antwort.
Seine blassen Wangen bekamen etwas Farbe. »Worum geht es eigentlich? Ich meine … im Leben, in der Liebe. Worum geht es eigentlich?«
Die Liebe und das Leben sind eng miteinander verknüpft, denn es ist fast unmöglich, sich ein Leben ohne Liebe vorzustellen. Tatsächlich stellen wir, wenn wir Fragen zum Wesen der Liebe haben, auch sehr tiefgründige Fragen dazu, was es heißt, menschlich zu sein und wie man leben soll.
Mein junger Patient breitete die Arme aus und ließ sie in der Luft hängen: »Nun?«