Buch:
Es war ein ganz normaler Abend in einem Einkaufszentrum in Portland, Maine. Drei Teenager warten darauf, dass der Kinofilm anfängt. Ein junger Mann flirtet mit dem Mädchen, das die Sonnenbrillen verkauft. Mütter und Kinder kaufen zusammen ein. Doch dann fielen die Schüsse. Officer Essie McVee ist zufällig am Tatort, und sie handelt sofort: In nur acht Minuten überwältigen McVee und ihre Kollegen die Täter, für viele der Besucher ist das jedoch zu spät. Und während die Überlebenden langsam ihr Leben wieder aufbauen, müssen sie erfahren, dass ein weiterer Verschwörer nur darauf wartet, seine Mission zu beenden …
Autorin:
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.
Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.
Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet
und www.twitter.com/BlanvaletVerlag
Nora Roberts
Am dunkelsten Tag
Roman
Deutsch von
Margarethe van Pée
Die Originalausgabe erschien 2018
unter dem Titel »Shelter in Place« bei St. Martin’s Press, New York.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Copyright der Originalausgabe © 2018 by Nora Roberts
Published by Arrangement with Eleanor Wilder
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019
by Blanvalet Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: René Stein
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: Getty Images / Deb Snelson
LH ∙ Herstellung: wag
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-23195-8
V004
www.blanvalet.de
Im Gedenken an meine Großmutter
mit dem leuchtend roten Haar.
Zu diesem Zweck habe ich gezeigt, dass nichts schuldhaft Erworbenes den Verlust der festen, inneren Seelenruhe aufwiegt, die immer mit Unschuld und Tugend einhergeht, und dass es keinen Ausgleich für die Übel der Angst und des Schreckens bildet, welche die Schuld an ihrer Stelle in unserer Brust erweckt.
Henry Fielding, Tom Jones
Am 22. Juli 2005, einem Freitag, bestellte Simone Knox eine große Fanta Orange zu ihrem Popcorn und dem Weingummi. Ihre Wahl, Simones übliches Menü im Kino, veränderte ihr Leben, ja rettete es höchstwahrscheinlich. Trotzdem würde sie nie wieder Fanta trinken.
Aber in diesem Moment wollte sie sich nur mit ihren beiden allerbesten Freundinnen in den Kinosaal setzen und sich in der Dunkelheit verlieren.
Denn ihr Leben – derzeit und definitiv für den Rest des Sommers und vielleicht sogar für alle Zeit – war komplett ätzend.
Der Junge, den sie liebte und mit dem sie seit sieben Monaten, zwei Wochen und vier Tagen ausschließlich zusammen gewesen war, der Junge, mit dem sie gemeinsam durch das bevorstehende letzte Collegejahr hatte gehen wollen – Hand in Hand, Herz an Herz –, hatte Schluss gemacht.
Mit einer Textnachricht.
Will nicht mehr meine Zeit mit dir verschwenden, weil ich mit jemandem zusammen sein will, der auch zu allem bereit ist, und das bist du nicht. Wir sind fertig miteinander.
Das konnte er doch bestimmt nicht so gemeint haben, also versuchte sie, ihn anzurufen – aber er ging nicht ans Telefon. Sie hatte ihm drei Nachrichten geschickt und sich selbst gedemütigt.
Dann war sie auf seine Facebook-Seite gegangen. Demütigend war noch zu schwach für das, was sie dort lesen musste.
Habe das alte SCHADHAFTE Modell gegen ein heißes neues eingetauscht.
Simone ist out!
Tiffany ist in!
Der LOSER ist Vergangenheit, und ich werde den Sommer und das letzte Jahr mit dem heißesten Mädchen im Jahrgang 2006 verbringen.
Sein Post – mit Bildern – hatte schon Kommentare hervorgerufen. Sie wusste natürlich, dass er seine Freunde aufgefordert hatte, gemeine, hässliche Dinge über sie zu schreiben, aber deshalb tat es doch nicht weniger weh.
Tagelang hatte sie getrauert. Sie genoss den Trost und die gerechte Wut ihrer zwei besten Freundinnen. Sie ärgerte sich über die Sticheleien ihrer jüngeren Schwester, schleppte sich zu ihrem Sommerjob und einmal in der Woche zu den Trainerstunden im Tennisclub, auf die ihre Mutter bestand.
Eine Textnachricht von ihrer Großmutter brachte sie zum Weinen. CiCi mochte beim Dalai Lama in Tibet meditieren, mit den Stones in London um die Wette rocken oder in ihrem Atelier auf Tranquility Island malen, aber sie fand immer alles heraus.
Es tut jetzt weh, und der Schmerz ist real, also umarme ich dich, mein Schatz. Aber in ein paar Wochen wirst du merken, dass er einfach nur ein Arschloch ist. Lass ihn hinter dir. Namaste.
Simone fand nicht, dass Trent ein Arschloch war (Tish und Mi jedoch schlossen sich CiCis Meinung an). Vielleicht hatte er ja nur mit ihr Schluss gemacht – und zwar auf eine echt gemeine Art und Weise –, weil sie es nicht mit ihm machen wollte. Sie war einfach noch nicht bereit dazu. Außerdem hatte Tish es nach der Junior Prom – und noch zwei weitere Male – mit ihrem Exfreund getan, und er hatte sich trotzdem von ihr getrennt.
Das Schlimmste war, dass sie Trent immer noch liebte. In ihrem verzweifelten, sechzehnjährigen Herzen wusste sie, dass sie nie wieder jemand anderen lieben würde. Sie hatte die Seiten aus ihrem Tagebuch gerissen, auf denen ihre zukünftigen Namen geschrieben standen – Mrs. Trent Woolworth, Simone Knox Woolworth, S. K. Woolworth –, und sie in kleine Fetzchen gerissen. Zusammen mit allen Fotos, die sie von ihm besaß, hatte sie sie in der Feuerschale auf der Terrasse in einer feierlichen Zeremonie mit ihren Freundinnen verbrannt. Und trotz alledem: Sie liebte ihn immer noch.
Aber, wie Mi immer sagte, das Leben ging weiter, auch wenn ein Teil von ihr am liebsten gestorben wäre, deshalb ließ sie sich von ihren Freundinnen ins Kino mitschleppen.
Sie war es sowieso leid, schmollend allein in ihrem Zimmer zu sitzen oder mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester im Einkaufszentrum herumzuhängen, also ließ sie sich zum Kino überreden. Mi war an der Reihe, den Film auszusuchen, und so musste Simone wohl oder übel in einen Science-Fiction-Film mit dem Titel Die Insel mitgehen.
Tish hatte nichts gegen Mis Wahl. Als zukünftige Schauspielerin empfand sie alle Filme und Theaterstücke als Pflicht und Vorbereitung auf den Beruf. Außerdem rangierte Ewan McGregor unter den ersten fünf von Tishs »Freunden« aus Film und Fernsehen.
»Kommt, wir setzen uns schon mal. Ich will gute Plätze haben.« Mi, klein, kompakt, mit dunklen, dramatischen Augen und dicken schwarzen Haaren, ergriff ihr Popcorn – ohne falsche Butter –, ihr Getränk und die Erdnuss-M&Ms, die sie am liebsten aß.
Mi war im Mai siebzehn geworden, ging nur sporadisch mit Jungs aus, da sie in der letzten Zeit mehr auf Wissenschaft stand, und galt nur deshalb nicht als Nerd, weil sie gut im Turnen war und einen festen Platz in der Cheerleader-Truppe hatte.
Eine Truppe, deren Captain leider eine gewisse Tiffany Bryce war, Freund-Diebin und Schlampe.
»Ich muss noch schnell aufs Klo.« Tish – Popcorn mit doppelt falscher Butter, eine Cola und Junior Mints – drückte ihren Freundinnen ihre Snacks in die Hand. »Ich komme nach.«
»Mach dir nicht schon wieder das Gesicht und die Haare«, warnte Mi sie. »Wenn der Film angefangen hat, kann dich sowieso keiner sehen.«
Außerdem war sie bereits perfekt gestylt, dachte Simone, während sie Tishs Popcorn mit in eines der drei Kinos im DownEast Cineplex mitnahm.
Tish hatte lange glatte, seidige kastanienbraune Haare mit professionellen goldenen Highlights – ihre Mutter war nicht in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts stecken geblieben. Ihr Gesicht – Simone liebte es, Gesichter zu studieren – war ein klassisches Oval, dem Grübchen einen zusätzlichen flirtenden Charme verliehen; und die Grübchen flirteten oft, da Tish immer einen Grund zum Lächeln fand. Simone dachte, dass sie wahrscheinlich auch oft lächeln würde, wenn sie groß und kurvig mit hellblauen Augen und Grübchen wäre.
Und zu allem kam noch hinzu, dass Tishs Eltern sie total in ihren Schauspielambitionen unterstützten. In Simones Augen hatte sie wirklich das große Los gezogen. Aussehen, Persönlichkeit, Verstand und Eltern, die sie verstanden.
Aber Simone liebte Tish trotzdem.
Die drei hatten schon Pläne geschmiedet – geheime Pläne, da Simones Eltern überhaupt nicht cool waren –, den Sommer nach dem Abschluss in New York zu verbringen.
Vielleicht würden sie ja sogar dorthin ziehen – es war bestimmt viel aufregender dort als in Rockpoint, Maine (Simone dachte, dass sogar eine Sanddüne wahrscheinlich aufregender war als Rockpoint, Maine).
Aber New York? Helle Lichter, Horden von Menschen.
Freiheit!
Mi konnte an der Columbia Medizin studieren, Tish würde auf die Schauspielschule gehen und vorsprechen. Und sie … sie konnte irgendwas studieren.
Auf jeden Fall nicht Jura, was ihre uncoolen Eltern wollten. Das war nicht überraschend gekommen, aber so was von lahm und klischeebeladen, denn ihr Vater war ein angesehener Anwalt.
Ward Knox würde zwar enttäuscht sein, aber so war es eben.
Vielleicht würde sie ja Kunst studieren und eine berühmte Künstlerin werden wie CiCi. Ihre Eltern würden außer sich sein. Und wie CiCi würde sie sich nach Lust und Laune Liebhaber nehmen und ihnen wieder den Laufpass geben (wenn sie dazu bereit war).
Sie würde es Trent Woolworth zeigen.
»Komm ins Hier und Jetzt!«, befahl Mi und versetzte ihr einen Stoß mit dem Ellbogen.
»Was? Ich bin doch hier.«
»Nein, du grübelst schon wieder. Also hör auf, nimm am Leben teil.«
Vielleicht gefiel es ihr ja zu grübeln, aber … »Ich muss die Tür ins Jetzt mit der Kraft meines Geistes öffnen, weil ich die Hände voll habe. Okay, geschafft. Da bin ich wieder.«
»Der Geist von Simone Knox hat’s aber mal echt drauf.«
»Ich muss ihn für wichtige Dinge benutzen und nicht dafür, Tiffany zu Schlampenschmalz zu zerschmelzen.«
»Das brauchst du gar nicht. Ihr Gehirn besteht bereits aus Schlampenschmalz.«
Freunde, dachte Simone, sagten immer das Richtige. Sie würde wieder am Leben teilnehmen mit Mi – und mit Tish, wenn die endlich aufgehört hatte, an ihrem sowieso schon perfekten Gesicht und ihren Haaren herumzuspielen. Sie, Simone, würde mit der Grübelei aufhören.
Da der Film an diesem Freitagabend Premiere hatte, war das Kino bereits halb voll, als sie hineingingen. Mi besetzte sofort drei Plätze in der Mitte. Sie setzte sich auf den dritten Platz vom Gang, sodass Simone – immer noch mit waidwundem Herzen – zwischen ihr und Tish saß, deren lange Beine am Gangplatz am besten aufgehoben waren.
Mi rutschte auf ihrem Sitz hin und her. Sie hatte bereits ausgerechnet, dass in sechs Minuten das Licht gedimmt wurde.
»Du musst morgen Abend auf Allies Party gehen.«
Sofort setzten die Grübeleien wieder ein. »Ich bin noch nicht bereit für eine Party, und du weißt doch, dass Trent mit dieser gehirnamputierten Schlampe Tiffany dahin geht.«
»Genau darum geht es doch, Sim. Wenn du nicht hingehst, denkt jeder, dass du dich versteckst, dass du noch nicht über ihn hinweg bist.«
»Das bin ich ja auch nicht.«
»Du darfst ihm aber nicht die Befriedigung lassen. Du kommst mit uns – Tish geht zwar mit Scott, aber der ist cool –, und du ziehst etwas Tolles an und lässt dich von Tish schminken, denn nur sie kann das richtig. Und du tust ganz gleichgültig: Wer, was, er? Du weißt schon, als wenn du absolut drüber weg wärst. Du legst einen richtigen Auftritt hin.«
Simone war nicht überzeugt. »Ich glaube nicht, dass ich das kann. Tish ist die Schauspielerin, nicht ich.«
»Du hast doch Rizzo in Grease beim Frühjahrsmusical gespielt. Tish war super als Sandy, aber du warst als Rizzo genauso toll.«
»Weil ich Tanzstunden genommen habe und ein bisschen singen kann.«
»Du singst großartig – und du hast es großartig gemacht. Sei auf Allies Party einfach Rizzo, selbstbewusst und sexy. Denk dir, du kannst mich mal.«
»Ich weiß nicht, Mi.« Aber irgendwie konnte sie es sich doch vorstellen. Wenn Trent sie so selbstbewusst, sexy und gleichgültig sah, würde er sie vielleicht wieder wollen.
Dann kam Tish hereingestürmt, ließ sich auf ihren Sitz plumpsen und ergriff Simones Hand. »Dreh jetzt nicht durch.«
»Warum sollte ich … Oh nein. Bitte!«
»Das Flittchen legt gerade frischen Lipgloss auf, und der Typ wartet wie ein braver Hund vor der Tür der Damentoilette.«
»Mist.« Mi legte Simone die Hand auf den Arm. »Vielleicht gehen sie in einen der anderen Filme.«
»Nein, sie kommen hierher. So was passiert nur mir«, jammerte Simone.
Mi packte ihren Arm fester. »Komm bloß nicht auf die Idee zu gehen. Er würde dich sehen, und du würdest dich wie ein Loser fühlen und auch so wirken. Aber du bist kein Loser. Heute ist deine Generalprobe für Allies Party.«
»Kommt sie mit?« Tishs Grübchen blitzten auf. »Hast du sie überredet?«
»Wir arbeiten noch dran. Bleib einfach sitzen.« Mi drehte sich so um, dass sie etwas sehen konnte. »Du hast recht, sie kommen gerade herein. Bleib hier«, zischte sie, als Simones Arm unter ihrer Hand zu zittern begann. »Du bemerkst ihn nicht einmal. Wir sind bei dir.«
»Für immer und ewig«, echote Tish und drückte Simones Hand. »Wir sind … eine Mauer der Verachtung. Kapiert?«
Sie gingen vorbei, das blonde Mädchen mit dem Lockenkopf und eng sitzenden Jeans und der Goldjunge – groß und gut aussehend, Quarterback der Championship Wildcats.
Trent bedachte Simone mit dem langsamen Lächeln, bei dem ihr früher das Herz zerschmolzen war. Er ließ seine Hand absichtlich über Tiffanys Rücken gleiten, sodass sie auf ihrem Hintern liegen blieb.
Tiffany wandte den Kopf, als Trent ihr etwas ins Ohr flüsterte, und warf einen Blick über die Schulter. Spöttisch verzog sie die perfekt geschminkten Lippen.
Und obwohl ihr Leben eine öde, Trent-lose Wüste war, war Simone ihrer Großmutter viel zu ähnlich, um so eine Beleidigung einfach hinzunehmen.
Sie erwiderte das spöttische Lächeln und zeigte den Mittelfinger.
Mi kicherte schnaubend. »Weiter so, Rizzo!«
Obwohl Simones gebrochenes Herz laut klopfte, wandte sie den Blick nicht ab, als Trent und Tiffany sich drei Reihen vor ihnen hinsetzten und sofort zu knutschen begannen.
»Alle Männer wollen Sex«, sagte Tish weise. »Ich meine, warum auch nicht? Aber wenn sie nur Sex wollen, taugen sie nichts.«
»Wir sind besser als sie.« Mi reichte Tish ihre Junior Mints und die Cola. »Sie kann nämlich nicht mehr aufweisen.«
»Du hast recht.« Ihre Augen brannten vielleicht ein bisschen, aber auch in ihrem Herzen brannte es, und dort fühlte es sich an wie Heilung. Sie reichte Tish ihr Popcorn. »Ich gehe auf Allies Party.«
Tish lachte – absichtlich laut und spöttisch. Es reichte aus, um Tiffany zusammenzucken zu lassen. Tish grinste Simone an. »Wir werden diese Party rocken.« Simone klemmte ihr Popcorn zwischen die Beine, damit sie die Hände ihrer Freundinnen ergreifen konnte. »Ich liebe euch.«
Als Werbung und Vorschau zu Ende waren, achtete Simone nicht mehr auf die Silhouetten drei Reihen vor ihnen. Meistens jedenfalls nicht. Sie hatte erwartet, den ganzen Film über finster vor sich hin zu brüten – eigentlich hatte sie das sogar vorgehabt –, aber stattdessen stellte sie fest, dass das Leinwandgeschehen sie fesselte. Ewan McGregor war wirklich ein Traumtyp, und auch Scarlett Johansson kam so stark und tapfer rüber.
Doch schon nach einer Viertelstunde merkte sie, dass sie besser noch einmal mit Tish zur Toilette gegangen wäre – auch wenn das ein Desaster bedeutet hätte, weil sie dann auf Lipgloss-Tiffany gestoßen wäre. Sie hatte entschieden zu viel Fanta getrunken.
Nach zwanzig Minuten gab sie auf. »Ich muss aufs Klo«, flüsterte sie.
»Dann geh!«, flüsterte Mi zurück.
»Ich beeile mich.«
»Soll ich mitkommen?«
Simone schüttelte den Kopf und gab Tish den Rest des Popcorns und der Fanta zum Halten.
Rasch eilte sie den Gang entlang. Dann wandte sie sich nach rechts zur Damentoilette und drückte die Tür auf.
In der Toilette war niemand. Erleichtert huschte sie in eine Kabine, und während sie ihre Blase leerte, ging ihr durch den Kopf, wie gut sie die Situation gemeistert hatte. Vielleicht kapierte sie ja langsam, dass Trent ein Arschloch war.
Aber er war so süß, und er hatte dieses Lächeln und …
»Egal«, murmelte sie. »Auch Arschlöcher können süß sein.«
Sie dachte immer noch darüber nach, als sie sich die Hände wusch und sich im Spiegel über dem Waschbecken betrachtete.
Sie hatte nicht Tishs lange blonde Locken oder ihre strahlend blauen Augen und den Wahnsinnskörper. Soweit sie das beurteilen konnte, war sie einfach nur Durchschnitt.
Durchschnittliche braune Haare, weil ihre Mutter ihr keine Highlights erlaubte. Also musste sie warten, bis sie achtzehn war und mit ihren eigenen Haaren tun konnte, was sie wollte. Sie hätte sie besser heute Abend nicht zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, weil sie damit auf einmal so jung aussah. Vielleicht würde sie sie einfach abschneiden lassen. Und dann würde sie sie mit Gel stachelig hoch frisieren. Vielleicht.
Ihr Mund war zu breit, auch wenn Tish meinte, er sei so sexy wie der von Julia Roberts.
Braune Augen, aber nicht so dunkelbraun und dramatisch wie Mis. Einfach nur braun wie ihre blöden Haare. Tish behauptete natürlich, sie seien bernsteinfarben.
Aber das war einfach nur ein beschönigendes Wort für braun.
Außerdem spielte es sowieso keine Rolle. Sie mochte durchschnittlich sein, aber an ihr war alles echt. Anders als bei Tiffany, deren Haare ungefärbt auch braun waren.
»Ich bin absolut echt«, sagte sie zum Spiegel. »Und Trent Woolworth ist ein Arschloch. Tiffany Bryce ist ein Flittchen. Sie können sich beide zum Teufel scheren.«
Sie nickte entschlossen, hob den Kopf und ging aus der Toilette heraus.
Sie dachte, das laute Knallen – Feuerwerkskörper? – und die Schreie kämen aus dem Film. Fluchend, weil sie zu viel Zeit vertrödelt und eine wichtige Szene verpasst hatte, beschleunigte sie ihre Schritte.
Als sie sich den Saaltüren näherte, sprangen sie auf. Der Mann blickte wild um sich und tat taumelnd einen Schritt nach vorne, bevor er zusammenbrach.
Blut – war das Blut? Seine Finger krallten sich in den grünen Teppich, der auf einmal lauter rote Flecken hatte –, und dann bewegte er sich nicht mehr.
Blitze, sie sah Blitze durch den Türspalt zucken, der von den Beinen des Mannes einen Spalt offen gehalten wurde. Es knallte immer wieder, Schreie. Und Leute, Schatten und Silhouetten, die stürzten, rannten, hinfielen.
Und die Gestalt, dunkel im Dunkeln, die methodisch die Reihen entlangging.
Wie erstarrt beobachtete sie, wie diese Gestalt sich umdrehte und einer flüchtenden Frau in den Rücken schoss.
Sie konnte nicht atmen. Wenn sie nur einen einzigen Atemzug getan hätte, wäre er als Schrei herausgekommen.
Ein Teil ihres Gehirns lehnte das ab, was sie sah. Das konnte nicht real sein. Es musste so etwas wie ein Film sein. Einfach nur Erfindung. Aber dann setzte ihr Instinkt ein. Sie rannte zurück auf die Damentoilette und kauerte sich hinter die Tür.
Mit zitternden Händen kramte sie in ihrer Tasche und zog ihr Handy heraus.
Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass die Neun-eins-eins als erste Nummer auf ihrem Gerät gespeichert war.
Tränen verschleierten ihren Blick, und ihr Atem kam in keuchenden Stößen.
»Neun-eins-eins. Was für einen Notfall melden Sie?«
»Er tötet sie. Er tötet sie. Hilfe! Meine Freundinnen. Oh Gott, oh Gott. Er erschießt die Leute!«
Reed Quartermaine hasste es, am Wochenende arbeiten zu müssen. Er war auch nicht gerade versessen darauf, in dem kleinen Einkaufszentrum zu arbeiten, aber er wollte im Herbst wieder aufs College. Und zum College gehörten eben leider auch die Studiengebühren. Rechnete man dann noch Bücher, Wohnen und Essen dazu, dann musste man eben am Wochenende im Einkaufszentrum arbeiten.
Seine Eltern zahlten einen Großteil der Gebühren, aber alles schafften sie nicht. In einem Jahr wollte auch seine Schwester aufs College, und sein Bruder war bereits seit drei Jahren an der American University in Washington, D.C.
Natürlich wollte er nicht den Rest seines Lebens kellnern, also ging er aufs College. Und vielleicht würde er ja vor dem nächsten Abschluss wissen, was er mit seinem Leben anfangen wollte.
Doch jeden Sommer arbeitete er als Kellner und versuchte, das Ganze positiv zu sehen. Das Restaurant im Einkaufszentrum lief ganz gut, und die Trinkgelder waren nicht zu knapp. Es mochte ja seinem sozialen Leben schaden, wenn er fünf Abende in der Woche mit einer Doppelschicht an Samstagen arbeitete, aber das Essen war gut.
Pasta, Pizza und große Stücke von Tiramisu, für das das Manga berühmt war, hatten seinen langen knochigen Körper nicht dicker werden lassen, aber das lag ganz bestimmt nicht daran, dass er nicht alles probierte.
Sein Vater hatte einmal gehofft, sein mittleres Kind würde in seine Fußstapfen als Footballstar treten, so wie es sein ältester Sohn mit großem Erfolg gemacht hatte. Aber Reeds kompletter Mangel an Talent auf dem Spielfeld und seine dürre Gestalt zerstörten all diese Hoffnungen. Auch mit sechzehn waren seine Beine immer noch viel zu lang, aber seine Ausdauer hatte ihm einen gewissen Ruhm bei Langstreckenläufen eingebracht, was alles wieder ein bisschen ausglich. Schließlich hatte seine Schwester mit ihrem großen Talent auf dem Fußballplatz den Druck aus der Sache genommen.
Er brachte Vorspeisen zu einem Tisch mit vier Personen – Insalata mista für die Mutter, Gnocchi für den Vater, Mozzarella-Sticks für den Jungen und gebratene Ravioli für das Mädchen. Harmlos flirtete er mit Letzterer, die ihm schüchtern zulächelte. Harmlos deshalb, weil sie höchstens vierzehn war und für einen Collegestudenten im zweiten Jahr nicht infrage kam.
Reed verstand es, harmlos mit jungen Mädchen, älteren Frauen und so ziemlich allem dazwischen zu flirten. Trinkgelder waren wichtig, und nach vier Sommern Kellnern hatte er seinen Charme an Gästen erprobt.
Er blickte über den ihm zugewiesenen Bereich – Familien, ein paar alte Ehepaare, eine Handvoll Leute in den Dreißigern, die sich wahrscheinlich zu Abendessen und Kino verabredet hatten. Er würde Chaz – Assistant Manager im GameStop – fragen, ob sie nach ihren Schichten in die Spätvorstellung von Die Insel gehen wollten.
Er nahm Kreditkarten entgegen – dass er mit den Gästen an Tisch drei so freundlich geplaudert hatte, hatte ihm zwanzig Prozent Trinkgeld eingebracht –, schob Tische zusammen, lief ständig durch die Schwingtür in die chaotische Küche, bis endlich seine Pause anstand.
»Dory, ich mache zehn Minuten Pause.«
Die Oberkellnerin musterte mit einem raschen prüfenden Blick seinen Bereich und nickte.
Er trat aus den gläsernen Flügeltüren in den Trubel des Freitagabends. Zuerst hatte er überlegt, ob er Chaz eine Nachricht schicken und seine Pause in der Küche nehmen sollte, aber er wollte an die frische Luft. Außerdem wusste er, dass Angie freitagabends im Kiosk Fun In The Sun arbeitete, und er konnte vier oder fünf von seinen zehn Minuten für einen weniger harmlosen Flirt nutzen.
Sie war immer mal wieder mit ihrem Freund zusammen, aber seit Kurzem war es wohl wieder mal vorbei. Er konnte sein Glück bei ihr probieren, und vielleicht brachte er ja eine Verabredung mit jemandem zustande, dessen Arbeitszeiten genauso elend waren wie seine.
Rasch bewegte er sich auf seinen langen Beinen durch die Einkaufenden, durch Cliquen von halbwüchsigen Mädchen und den Jungs, die sie umlagerten, wich Müttern mit Kinderwagen oder Kleinkindern an der Hand aus. Die dumpf dröhnende Musik um ihn herum hörte er schon gar nicht mehr.
Er hatte dicke schwarze Haare – das italienische Erbteil seiner Mutter. Die Oberkellnerin Dory drängte ihn nicht, sich die Haare schneiden zu lassen, und sein Dad hatte irgendwann aufgegeben. Seine tiefliegenden hellgrünen Augen – ein schöner Kontrast zu seiner olivfarbenen Haut – leuchteten auf, als er Angie am Kiosk entdeckte. Er verlangsamte seine Schritte, steckte die Hände in die Hosentaschen, um möglichst lässig auszusehen, und schlenderte zu ihr.
»Hey. Wie läuft’s?«
Sie strahlte ihn an und verdrehte die hübschen braunen Augen. »Viel zu tun. Alle außer mir wollen zum Strand.«
»Ich auch nicht.« Er lehnte sich an die Theke, auf der ein Gestell mit Sonnenbrillen stand. Hoffentlich kam er cool rüber in seinem weißen Hemd, der schwarzen Weste und der Hose. »Ich überlege, ob ich mir Die Insel noch anschaue. Es gibt eine Spätvorstellung um zehn Uhr fünfundvierzig. Das ist doch fast wie ein Ausflug zum Strand, oder? Willst du mit?«
»Ach … Ich weiß nicht.« Sie fummelte an ihren hellblonden Haaren, die so gut zu ihrem goldbraunen Teint passten, den sie wahrscheinlich dem Selbstbräuner in einem anderen Gestell zu verdanken war. »Ich möchte ihn schon gerne sehen.«
In ihm keimte Hoffnung, und er strich Chaz von seiner Liste.
»Ich glaube, er ist ganz gut, oder?«
»Ja, aber … Ich habe Misty gesagt, dass wir noch rausgehen, wenn der Kiosk zu hat.«
Sofort sprang Chaz wieder auf die Liste. »Das ist doch cool. Ich war gerade auf dem Weg zu Chaz, um ihn zu fragen, ob er mitkommen will. Wir können doch alle zusammen gehen.«
»Vielleicht.« Erneut schenkte sie ihm ihr strahlendes Lächeln. »Ja, vielleicht. Ich frage Misty.«
»Gut. Ich laufe rasch zu Chaz.« Er trat zur Seite, um einer Frau Platz zu machen, die geduldig wartete, während ihre Tochter – schon wieder eine, die ungefähr vierzehn war – eine halbe Million Sonnenbrillen anprobierte. »Du kannst mir ja schreiben.«
»Wenn ich zwei haben könnte«, begann das Mädchen und betrachtete sich in einer Sonnenbrille mit metallisch blauen Gläsern, »hätte ich eine in Reserve.«
»Eine, Natalie. Das ist deine Reserve.«
»Ich schreibe dir«, murmelte Angie und ging wieder in den Arbeitsmodus. »Die Sonnenbrille steht dir richtig gut.«
»Wirklich?«
»Ja, total«, antwortete Angie, als Reed ging. Er beschleunigte seine Schritte. Er musste Zeit gutmachen.
Im GameStop wimmelte es wie immer von Geeks und Nerds und den Eltern der jüngeren Geeks und Nerds, die sich mit glasigen Augen durch die Menge bewegten.
Auf Monitoren wurde eine Vielzahl von Spielen angeboten – die ab dreizehn Jahren auf den Bildschirmen an der Wand. Die weniger harmlosen auf individuellen Laptops – zu ihnen hatte nur Zugang, wer entweder über achtzehn war oder von seinen Eltern begleitet wurde.
Chaz – der König der Nerds – erklärte gerade einer verwirrt aussehenden Frau irgendein Spiel.
»Wenn er Spaß an militärischen Spielen hat, an strategischen Spannungsbogen und so, dann wird es ihm gefallen.« Chaz schob seine Brille mit den flaschenbodendicken Gläsern hoch. »Es ist erst seit ein paar Wochen draußen.«
»Es kommt mir so … gewalttätig vor. Ist es denn wirklich passend?«
»Sechzehnter Geburtstag, haben Sie gesagt.« Er nickte Reed zu. »Und er mag die Splinter-Cell-Serie. Wenn er darin gut ist, dann kann er das auch.«
Sie seufzte. »Jungs werden wahrscheinlich immer Krieg spielen. Ich nehme es, danke.«
»Sie können es an der Kasse bezahlen. Danke für Ihren Einkauf im GameStop. Hab keine Zeit, Mann«, sagte er zu Reed, als die Kundin wegging. »Hier ist es gerammelt voll.«
»Dreißig Sekunden. Spätvorstellung. Die Insel.«
»Bin dabei. Da geht’s um Klone.«
»Genau. Ich habe Angie am Haken, aber sie will Misty mitbringen.«
»Oh, na ja, ich …«
»Lass mich nicht hängen, Mann. So nahe war ich noch nie an einem Date mit ihr.«
»Ja, aber Misty jagt mir ein bisschen Angst ein. Und … muss ich für sie bezahlen?«
»Es ist kein Date. Ich arbeite noch daran, es in eins zu verwandeln. Du deckst meine Flanke und Misty Angies. Klone«, erinnerte er Chaz.
»Okay, na gut. Du lieber Himmel, ich hätte im Traum nicht gedacht …«
»Toll!«, sagte Reed, bevor Chaz seine Meinung ändern konnte. »Ich muss los. Wir sehen uns da.«
Er rannte hinaus. Er hatte es geschafft! Die Verabredung in der Gruppe konnte den Weg zu Zweisamkeit ebnen, und das eröffnete die Möglichkeit zu ein bisschen anfassen.
Und das könnte er wirklich ganz gut gebrauchen. Aber jetzt musste er es erst einmal in drei Minuten zurück zum Manga schaffen, sonst würde Dory ihm die Hölle heißmachen.
Er begann zu laufen, als er plötzlich so etwas wie Feuerwerkskörper oder eine Reihe von Fehlzündungen hörte, die wie die Schießspiele im GameStop klangen. Eher verwirrt als alarmiert blickte er sich um.
Dann begannen die Schreie. Und das Donnern.
Es kam nicht von hinten, stellte er fest, sondern von vorne. Das donnernde Geräusch kam von Dutzenden von Leuten, die rannten. Er sprang aus dem Weg, als eine Frau auf ihn zuraste. Sie schob einen Kinderwagen, in dem ein Kind schrie.
War das Blut auf ihrem Gesicht?
»Was …«
Sie rannte weiter, den Mund in einem stummen Schrei aufgerissen.
Hinter ihr wogte eine Lawine. Die Leute trampelten in wilder Flucht, ließen Einkaufstüten fallen, stolperten darüber, stürzten übereinander.
Ein Mann rutschte über den Boden, die Brille fiel ihm von der Nase und wurde unter dem Fuß von jemand anderem zermalmt. Reed packte ihn am Arm.
»Was ist los?«
»Er hat ein Gewehr. Er hat geschossen … geschossen …«
Der Mann rappelte sich auf, rannte humpelnd weiter. Ein paar Teenager liefen weinend und schreiend in einen Laden links von ihm.
Und Reed merkte, dass der Lärm – die Schüsse – nicht nur von vorne, sondern auch von hinten kamen. Er dachte an Chaz, der einen Dreißigsekundensprint hinter ihm lag, und an seine Restaurantfamilie, die die doppelte Strecke vor ihm lag.
»Versteck dich, Mann«, murmelte er für Chaz. »Such dir ein Versteck.«
Er rannte auf das Restaurant zu.
Das Krachen und Knallen dauerte an und schien mittlerweile von überall her zu kommen. Glas splitterte und zersprang, eine Frau mit einem blutenden Bein verkroch sich stöhnend unter einer Bank. Er hörte noch mehr Schreie, doch plötzlich brachen sie wie ein durchgeschnittenes Band ab, was fast noch schlimmer war.
Dann sah er den kleinen Jungen in roten Shorts und Elmo-T-Shirt. Wie ein Betrunkener taumelte er an Abercrombie & Fitch vorbei.
Das Schaufenster zersplitterte. Die Leute rannten auseinander, suchten Schutz, und das Kind fiel hin und schrie weinend nach seiner Mutter.
Hinten im Einkaufszentrum sah er einen Schützen – ein Junge? –, der lachend immer weiter feuerte. Der Körper eines Mannes auf dem Boden zuckte, als die Kugeln ihn trafen.
Reed hob das Kind mit dem Elmo-T-Shirt auf und schob ihn sich wie einen Football unter den Arm.
Die Schüsse – und das Geräusch würde er nie wieder vergessen, nie – kamen näher. Von vorne und von hinten. Von überall her.
Bis zum Manga würde er es auf keinen Fall schaffen, nicht mit dem Kind. Instinktiv bog er zum Kiosk ab, in den er förmlich hineinsprang.
Angie, das Mädchen, mit dem er vor fünf Minuten in einem anderen Leben noch geflirtet hatte, lag mit gespreizten Armen und Beinen in einer Blutpfütze. Ihre hübschen braunen Augen starrten ihn an. Das Kind klammerte sich heulend an seinen Arm.
»Oh Gott! Himmel! Oh Gott, oh Gott!«
Die Schüsse hörten nicht auf, sie hörten nicht auf.
»Okay, okay, alles gut. Wie heißt du? Ich bin Reed, wie heißt du?«
»Brady. Ich will zu Mommy!«
»Okay, Brady, wir suchen sie gleich, aber jetzt müssen wir erst einmal ganz still sein. Brady! Wie alt bist du?«
»So viel.« Das Kind hielt vier Finger an seine Wange.
»Dann bist du ja schon ein großer Junge, was? Wir müssen still sein. Da sind böse Männer. Du weißt doch, was das ist, oder?«
Brady nickte mit tränen- und rotzverschmiertem Gesicht.
»Wir müssen ganz still sein, damit sie uns nicht finden. Und ich rufe die Guten an, die Polizei.« Er tat sein Bestes, um dem Jungen den Blick auf Angie zu versperren und auch für sich selbst die Vorstellung auszublenden, dass sie tot war.
Er öffnete einen der Wandschränke und zerrte die Vorräte heraus. »Kletter da hinein, okay? Wir spielen Verstecken. Ich bleibe hier stehen, aber du gehst da hinein, während ich die guten Männer anrufe.«
Er schob das Kind hinein und holte sein Handy heraus. Erst da bemerkte er, wie sehr seine Hände zitterten.
»Neun-eins-eins, was für einen Notfall melden Sie?«
»DownEast-Einkaufszentrum«, begann Reed.
»Polizei am Apparat. Sind Sie im Einkaufszentrum?«
»Ja. Ich habe ein Kind bei mir. Ich habe ihn in den Vorratsschrank im Fun-In-The-Sun-Kiosk gesteckt. Angie – das Mädchen, das hier gearbeitet hat – ist tot. Sie ist tot. Gott! Hier sind mindestens zwei Männer, die Leute erschießen.«
»Können Sie mir Ihren Namen sagen?«
»Reed Quartermaine.«
»Reed, fühlen Sie sich dort, wo Sie sind, sicher?«
»Machen Sie Witze?«
»Entschuldigung. Sie sind in einem Kiosk, also sind Sie in gewisser Weise geschützt. Ich rate Ihnen dringend, in Ihrem Schutzraum zu bleiben. Sie haben ein Kind bei sich?«
»Er hat gesagt, sein Name sei Brady, und er sei vier. Er ist von seiner Mutter getrennt worden. Ich weiß nicht, ob sie …« Er blickte sich um und sah, dass Brady sich zusammengerollt hatte und am Daumen lutschte. »Er steht wahrscheinlich unter Schock oder so.«
»Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, Reed, und seien Sie leise. Die Polizei trifft jeden Moment ein.«
»Sie schießen immer noch. Sie schießen einfach immer weiter. Sie lachen dabei. Ich habe ihn lachen gehört.«
»Wer hat gelacht, Reed?«
»Er hat geschossen, das Glas ist zersplittert, ein Mann lag auf dem Boden, und er hat immer weitergeschossen und dabei gelacht. Gott im Himmel!«
Er hörte Schreie – nicht die Schreie von vorhin, sondern Kriegsgeschrei. Wie ein triumphierendes Stammesritual.
»Es hat aufgehört. Das Schießen hat aufgehört«, flüsterte er.
»Bleiben Sie, wo Sie sind, Reed. Wir kommen zu Ihnen. Bleiben Sie, wo Sie sind.«
Wieder blickte er zu dem Jungen, der ihn aus glasigen Augen ansah. »Mommy«, jammerte er.
»Wir suchen sie gleich. Die guten Männer kommen jetzt. Sie kommen.«
Das war das Schlimmste, dachte er später. Das Warten … Der Geruch nach Schießpulver, der beißend in der Luft hing, die Hilferufe, das Stöhnen und Schluchzen. Und das Blut auf seinen Schuhen von dem Mädchen, mit dem er nie mehr ins Kino gehen würde.