Cover

Buch

Seit Harriet, Brian und ihre kleine Tochter Alice vor einigen Jahren in das Küstendorf Chiddenford in Dorset gezogen sind, hat die zurückhaltende Alice nicht viele Freundschaften geschlossen. Nur mit der lebenslustigen Charlotte trifft sie sich regelmäßig, und sie ist auch die Einzige, der sie die vierjährige Alice anvertrauen würde. Noch nie hat sie ihr Kind aus den Augen gelassen, doch als Charlotte ihr anbietet, Alice mit auf ein Schulfest zu nehmen, stimmt sie zu.

Dann passiert das Undenkbare: Gerade noch hat Alice mit Charlottes Kindern gespielt – in der nächsten Sekunde ist sie verschwunden. Charlotte ist am Boden zerstört. Sie würde alles tun, um ihren Fehler wiedergutzumachen, doch die völlig verzweifelte Harriet weigert sich, ihre Freundin zu sehen oder mit ihr zu sprechen, und auch Harriets Mann Brian gibt Charlotte die Schuld an Alices Verschwinden.

Doch beide Frauen scheinen etwas zu verbergen zu haben … Zwei Wochen nach den Geschehnissen auf dem Schulfest werden sie getrennt voneinander von der Polizei verhört, und beide haben große Angst, was die andere den Beamten erzählen könnte. Was ist geschehen? Und welche dunklen Geheimnisse warten nur darauf, ans Tageslicht befördert zu werden?

Autorin

Heidi Perks arbeitete als Marketingchefin eines Finanzunternehmens, bevor sie sich entschloss, Vollzeit-Mutter und -Autorin zu werden. Sie ist ein unersättlicher Fan von Kriminalromanen und Thrillern und will immer herausfinden, wie die Menschen ticken. Heidi Perks lebt mit ihrer Familie in Bournemouth an der Südküste Englands.

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HEIDI PERKS

DIE
FREUNDIN

PSYCHOTHRILLER

Deutsch von
Sabine Schilasky



Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Now You See Her« bei Century, London.



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Copyright der Originalausgabe © Heidi Perks 2018
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Michaela Kolodziejcok
Umschlaggestaltung: © Favoritbuero, München
Umschlagmotiv: © Michael Trevillion/Trevillion Images,
Quality Stock Arts/Shutterstock.com
AF · Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-23481-2
V001


www.blanvalet.de

Für Bethany und Joseph
Habt große Träume und glaubt an euch

HEUTE

»Ich heiße Charlotte Reynolds.« Ich beuge mich vor, als ich in das Aufnahmegerät spreche, obwohl ich nicht weiß, warum. Vielleicht ist es mir nur wichtig, dass ich zumindest meinen Namen klar und deutlich sage. Dann greife ich nach dem Glas vor mir, drehe es zwischen den Fingerspitzen gegen den Uhrzeigersinn und beobachte, wie sich die Wasseroberfläche darin kräuselt. Mir ist nicht bewusst, dass ich die Luft angehalten habe, bis ich pustend ausatme.

Die Uhr an der sonst kahlen weißen Wand zeigt 21:16 in grellroten Leuchtziffern. Meine Kinder werden schon im Bett sein. Tom will über Nacht bleiben und im Gästezimmer schlafen. »Keine Sorge«, hat er gesagt, als ich ihn vorhin anrief. »Ich bleibe hier, bis du wieder zu Hause bist.« Das ist es nicht, weswegen ich mich sorge, doch das sage ich nicht.

Zu Hause kommt mir in diesem luftleeren, weiß getünchten Raum mit den drei Stühlen, dem Schreibtisch und dem Aufnahmegerät an einem Ende so weit weg vor, dass ich mich frage, wie lange ich hier sein werde. Wie lange können sie mich festhalten, bevor sie entscheiden, was als Nächstes kommt? Seit dem Fest hat mir davor gegraut, meine Kinder zu verlassen. Ich würde alles dafür geben, könnte ich sie jetzt in ihren Betten zudecken, ihren vertrauten Geruch einatmen und ihnen die eine zusätzliche Geschichte vorlesen, um die sie immer betteln.

»Sie halten dich da doch nicht fest, oder?«, hatte Tom mich am Telefon gefragt.

»Nein, sie wollen mir nur einige Fragen stellen.« Ich winkte die Tatsache, dass ich auf einer Polizeiwache war, weg, als wäre es nichts. Ich habe Tom nicht erzählt, dass der weibliche Detective gefragt hat, ob ich jemanden bei mir haben wolle, was ich ablehnte und so lässig, wie ich konnte, versicherte, dass ich niemanden bräuchte, weil ich ihr gern alles erzählen würde, was ich weiß.

Meine Finger beginnen zu kribbeln, und ich ziehe sie von dem Glas weg, um sie unter dem Tisch zu massieren, damit das Blut wieder zirkuliert.

»Also, Charlotte«, beginnt der Detective langsam. Sie hat mich um Erlaubnis gefragt, mich mit Vornamen anzusprechen, jedoch nicht angeboten, dass ich es umgekehrt mit ihr auch tue. Ich weiß, dass sie Suzanne heißt, weil sie das aufs Band gesprochen hat, schätze aber, ihr ist klar, dass ich sie nicht so nennen werde. Nicht nachdem sie sich als Detective Inspector Rawlings vorgestellt hat. Es ist nur eine Kleinigkeit, doch sie untermauert, wer das Sagen hat.

Mein Atem steckt mir in der Kehle fest, als ich warte, dass sie mich fragt, was ich heute Abend dort wollte. In vielerlei Hinsicht wäre es leicht, die Wahrheit zu sagen. Ich frage mich, ob sie mich, sollte ich es ihr erzählen, nach Hause zu meinen Kindern gehen lässt.

Detective Rawlings wird von einem Klopfen an der Tür unterbrochen und blickt auf, als eine Polizistin den Kopf hereinsteckt. »DCI Hayes ist auf dem Weg her aus Dorset«, sagt die Polizistin. »Er schätzt, dass er in drei Stunden hier ist.«

Rawlings bedankt sich nickend, und die Tür geht wieder zu. Hayes ist der leitende Ermittler in dem, was zum Alice-Hodder-Fall geworden ist. In den letzten zwei Wochen war er eine feste Instanz in meinem Leben, und ich überlege, ob es bedeutet, dass sie mich hierbehalten werden, bis Detective Hayes da ist, denn ich vermute, dass er mich sprechen will. Bei dem Gedanken, noch drei weitere Stunden in diesem Raum eingepfercht zu sein, fühlt sich alles noch enger an. Ich erinnere mich nicht, jemals an Klaustrophobie gelitten zu haben, dennoch wird mir bei der Vorstellung, hier gefangen zu sein, schwindlig, und meine Sicht flackert, als meine Augen versuchen, einen Punkt zu fixieren.

»Geht es Ihnen gut?«, fragt DI Rawlings. Ihre Worte klingen schroff und signalisieren, dass sie genervt reagieren würde, sollte dem nicht so sein. Ihr blondiertes Haar ist zu einem strammen Knoten zurückgebunden, sodass die dunklen Ansätze zu sehen sind. Sie wirkt jung, nicht älter als dreißig, und hat zu viel knallroten Lippenstift auf ihre sehr vollen Lippen aufgetragen.

Ich halte mir eine Hand vor den Mund und hoffe, dass die Übelkeit vorbeigeht. Nickend greife ich zu dem Wasserglas und trinke einen Schluck. »Ja«, sage ich. »Danke, es geht schon. Mir ist nur ein bisschen übel.«

DI Rawlings schürzt die Lippen und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. Sie hat es nicht eilig. Vielleicht will sie den Anschein erwecken, die Ereignisse heute Abend hätten ihre Pläne durchkreuzt, doch ihre langen Redepausen verraten, dass sie nichts Besseres vorhatte.

»Also«, beginnt sie noch einmal und stellt ihre erste Frage. Es ist nicht die, mit der ich gerechnet habe. »Fangen wir an, indem Sie mir erzählen, was vor dreizehn Tagen passiert ist«, sagt sie stattdessen. »Dem Tag des Festes.«

CHARLOTTES GESCHICHTE

VORHER

Charlotte

Um Punkt zehn Uhr am Samstagmorgen klingelte es, und ich wusste, dass es Harriet war, weil sie nie auch nur eine Sekunde zu spät kam. Ich verließ das Bad noch im Pyjama, als es zum zweiten Mal läutete. Um sicherzugehen, zog ich die Vorhänge oben beiseite und sah Harriet unten an der Haustür stehen, einen Arm fest um die Schultern ihrer Tochter gelegt. Sie hatte den Kopf gesenkt, während sie mit Alice sprach. Das kleine Mädchen neben ihr nickte, drehte sich zur Seite und schmiegte sich an seine Mutter.

Die Schreie meiner eigenen Kinder hallten von unten herauf. Die beiden Mädchenstimmen kämpften darum, die lautere zu sein. Evie übertönte Molly jetzt mit einem anhaltenden, gellenden Heulen, und als ich die Treppe hinunterlief, konnte ich nur verstehen, dass Molly ihre kleine Schwester anschrie, ruhig zu sein.

»Ihr hört beide auf zu schreien!«, brüllte ich, unten angekommen. Mein Ältester, Jack, bekam von alledem nichts mit; er saß im Spielzimmer, die Ohrstöpsel drin, und war in ein Spiel auf dem iPad vertieft, von dem ich wünschte, Tom hätte es ihm nie gekauft. Wie ich Jack manchmal um diese Fähigkeit beneidete, sich in seine eigene Welt zu flüchten! Ich hob Evie hoch, wischte mit einer Hand über ihr feuchtes Gesicht und verrieb die Marmite-Spuren in ihren Mundwinkeln nach oben. »Jetzt siehst du aus wie der Joker.«

Evie starrte mich an; mit ihren drei Jahren steckte sie mitten in der Trotzphase. Wenigstens hatte sie inzwischen aufgehört zu plärren und schlug nun die Füße zusammen. »Jetzt sind wir lieb, ja? Für Alice«, sagte ich, während ich die Tür öffnete.

»Hi, Harriet, wie geht’s?« Ich ging vor Alice in die Hocke und lächelte sie an, doch sie vergrub weiterhin den Kopf im Rock ihrer Mutter. »Freust du dich schon auf das Schulfest heute, Alice?«

Zwar rechnete ich nicht mit einer Antwort, redete aber weiter auf sie ein. Hätte Molly sie erst mal unter ihre Fittiche genommen, würde Alice ihr vergnügt überallhin folgen wie ein Welpe. Und meine Sechsjährige wäre hochzufrieden und würde sich überlegen fühlen, weil endlich ein kleineres Kind zu ihr aufschaute.

»Nochmals danke für heute«, sagte Harriet, als ich mich aufrichtete.

Ich beugte mich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Mache ich gern, das weißt du doch. Ich kann schon gar nicht mehr mitzählen, wie oft ich dich angefleht habe, mal Alice übernehmen zu dürfen«, entgegnete ich grinsend.

Harriets rechte Hand spielte mit ihrem Rocksaum, knüllte und glättete ihn wieder, und für einen Moment konnte ich nicht aufhören hinzusehen. Ich war darauf gefasst gewesen, dass sie nervös wäre, hatte sogar halb erwartet, dass sie absagte.

»Aber vier von denen, bist du sicher …«, begann sie.

»Harriet«, unterbrach ich sie sofort. »Ich nehme Alice wirklich gern mit zu dem Fest. Mach dir bitte keine Sorgen.«

Harriet nickte. »Ich habe sie schon mit Sonnencreme eingeschmiert.«

»Oh, das ist gut.« Und bedeutete, dass ich jetzt Sonnencreme für meine eigenen Kinder finden musste. Hatte ich überhaupt welche?

»Na ja, es ist so heiß, und ich will nicht, dass sie einen Sonnenbrand bekommt …« Sie verstummte und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Du freust dich doch auf deinen Kurs heute, oder nicht?«, fragte ich. »Du siehst nämlich nicht so aus. Aber das solltest du. Es ist genau das, was du brauchst.«

Harriet zuckte mit den Schultern und sah mich an. »Es ist Buchhaltung«, sagte sie.

»Weiß ich, aber das willst du machen. Es ist super, dass du deine Zukunft planst.«

Ich meinte es ernst, auch wenn ich anfangs die Nase gerümpft hatte, weil es Buchhaltung war. Ich hatte noch versucht, Harriet zu einem Gartenbaukurs zu überreden, weil sie eine brillante Gärtnerin abgeben würde. Ich konnte sie mir lebhaft vorstellen, wie sie mit ihrem kleinen Van durch die Stadt fuhr, und versprach sogar, ihr eine Website zu gestalten. Harriet hatte ausgesehen, als würde sie darüber nachdenken, letztlich aber gesagt, dass Gartenarbeit nicht so gut bezahlt würde.

»Du könntest meinen Garten übernehmen«, hatte ich gesagt. »Ich brauche jemanden, der mir ein paar neue Ideen gibt. Ich würde …« Da hatte ich abrupt abgebrochen, denn ich war im Begriff ihr zu sagen, dass ich mehr als den üblichen Satz bezahlen würde. Doch wenn es um Geld ging, wurden meine guten Absichten bisweilen falsch verstanden.

»Wie wäre es mit Unterrichten?«, hatte ich rasch vorgeschlagen. »Du weißt selbst, dass du eine wunderbare Lehrerin wärst. Sieh dir nur an, wie du mit Jack warst, als ich dich kennengelernt habe.«

»Dafür müsste ich noch eine Ausbildung machen, und ich brauche diesen September einen bezahlten Job«, hatte sie geantwortet und sich abgewandt. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, wann ich aufhören musste.

»Dann also Buchhaltung«, hatte ich lächelnd gesagt. »Und darin wirst du super sein.« Auch wenn es nicht das wäre, was ich tun wollte, dachte Harriet immerhin über die Zeit ab September nach, wenn Alice in die Schule kam und sie sich auf etwas anderes konzentrieren konnte. Mir standen noch zwei lange Jahre bevor, ehe Evie eingeschult würde und ich mich wieder auf den Anschein einer Karriere stürzen könnte, anstatt zwei Tage die Woche für den Schnösel in den Zwanzigern zu arbeiten, der mir mal unterstellt gewesen war.

»Oh, ich habe ihr gar nichts zu essen eingepackt«, sagte Harriet plötzlich.

Ich winkte ab. »Braucht sie auch nicht. Wir können uns dort einen Snack besorgen. Der Elternrat investiert grundsätzlich mehr in Essensstände als in alles andere«, scherzte ich.

»Gut.« Harriet nickte, lächelte aber nicht und fügte nach einem Moment hinzu: »Dann gebe ich dir Geld.«

»Nein«, sagte ich entschieden und hoffentlich nicht zu streng. »Ist nicht nötig. Lass mich das machen.«

»Aber es ist kein Problem.«

»Weiß ich.« Ich lächelte. »Aber bitte trotzdem, Harriet. Die Mädchen freuen sich, dass Alice mitkommt, und wir werden einen tollen Tag haben. Sorg dich bitte nicht um sie«, wiederholte ich und streckte Alice meine Hand hin, die sie aber nicht nahm.

Harriet bückte sich, umarmte ihre Tochter, und ich beobachtete, wie die Kleine sich an die Brust ihrer Mutter drängte. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück, weil ich das Gefühl hatte, den beiden Raum geben zu müssen. Das Band zwischen Harriet und ihrer Tochter schien so stark und so viel enger als irgendwas, das ich mit meinen Kindern hatte, doch ich wusste auch, dass dies hier heute ein Riesending für sie war. Denn Alice war schon vier, aber Harriet hatte sie noch nie zuvor in der Obhut von jemand anderem gelassen.

Ich für meinen Teil war begeistert gewesen, als ich Evie zum ersten Mal über Nacht bei meiner Freundin Audrey ließ, und da war sie knapp zwei Monate alt gewesen. Ich musste Tom beschwatzen, mit mir in den Pub zu kommen, und auch wenn wir um halb zehn zu Hause waren und ich keine halbe Stunde später auf dem Sofa einschlief, war es die eine Nacht ungestörten Schlaf wert gewesen.

»Ich liebe dich«, flüsterte Harriet in Alices Haar. »Ich liebe dich so sehr. Sei schön artig, ja? Und pass auf dich auf.« Sie schlang die Arme noch fester um ihre Tochter. Als sie die Umarmung löste, legte sie die Hände an Alices Wangen und küsste sie sanft auf die Nase.

Ich wartete verlegen an der Tür, dass Harriet sich wieder aufrichtete. »Möchtest du mit Molly in ihrem Zimmer spielen, bevor wir zum Fest gehen?«, fragte ich Alice und wandte mich an Harriet. »Willst du immer noch, dass ich sie um fünf nach Hause bringe?«

Harriet nickte. »Ja, das wäre nett, danke«, sagte sie und machte keine Anstalten zu gehen.

»Hör bitte auf, dich zu bedanken«, erwiderte ich grinsend. »Ich bin deine beste Freundin. Dafür bin ich da.« Außerdem wollte ich ihr Alice abnehmen. Harriet war in den letzten zwei Jahren oft genug für mich da gewesen. »Du weißt, dass du mir vertrauen kannst«, ergänzte ich.

Andererseits waren wir wohl alle angespannter als sonst, weil letzten Oktober ein kleiner Junge aus dem Park entführt worden war. Er war neun – im selben Alter wie Jack. Es war am anderen Ende von Dorset passiert. Hinreichend nahe also, dass wir alle die Bedrohung empfanden, und bis heute wusste niemand, warum er entführt wurde oder was mit ihm geschehen war.

Ich legte eine Hand auf den Arm meiner Freundin. »Keine Bange. Ich passe gut auf sie auf.« Schließlich trat Harriet einen Schritt von der Tür zurück, und ich nahm Alices Hand.

»Du hast meine Nummer, falls du mich brauchst«, sagte Harriet.

»Ich rufe an, sollte es ein Problem geben. Aber das wird es nicht«, versicherte ich.

»Brian ist zum Angeln; er hat sein Handy dabei, geht aber meistens nicht ran.«

»Okay, ich melde mich bei dir, falls es nötig ist«, sagte ich. Brians Handynummer hatte ich sowieso nicht; es bestand kein Grund, weshalb ich sie haben sollte. Ich wollte, dass Harriet sich beeilte und ging. Schließlich war ich noch im Pyjama, und ich konnte sehen, wie Ray gegenüber bei seinem elend langsamen Rasenmähen immer wieder zu mir starrte. »Harriet, du kommst zu spät«, sagte ich, aus dem Gefühl heraus, dass ich strenger mit ihr sein musste, sonst würde sie noch den Rest des Tages vor meiner Haustür stehen.

Als Harriet endlich gegangen war, schloss ich die Tür und atmete tief durch. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der hätte ich Tom zugerufen, dass Ray mich begaffte, und wir hätten darüber gelacht. Bei den merkwürdigsten Gelegenheiten fiel mir auf, dass ich seit der Trennung niemanden mehr hatte, mit dem ich solche Momente teilen konnte.

»Ray hat mich im Pyjama erwischt«, sagte ich grinsend zu Jack, der aus dem Spielzimmer kam.

Mein Sohn sah mich verständnislos an. »Kannst du mir einen Saft holen?«

Ich seufzte. »Nein, Jack. Du bist zehn und kannst dir selbst Saft holen. Und würdest du bitte Alice begrüßen?«

Jack blickte Alice an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. »Hallo, Alice«, sagte er und verschwand in die Küche.

»Tja, mehr darf man wohl leider nicht erwarten.« Ich lächelte Alice zu, die bereits Mollys Hand genommen hatte und nach oben geführt wurde. »Leute, ich muss duschen, und danach machen wir uns fertig für das Fest«, rief ich, was jedoch nichts als Schweigen erntete.

Als ich ins Schlafzimmer kam, läutete mein Handy. Toms Nummer leuchtete auf dem Display. »Wir hatten sieben Uhr heute Abend abgemacht«, meldete ich mich direkt.

»Was?«, rief er über lauten Verkehrslärm hinweg.

Stöhnend murmelte ich vor mich hin, er solle das verfluchte Verdeck hochklappen. Lauter sagte ich: »Ich habe gesagt, sieben Uhr. Ich vermute, du hast vergessen, wann du heute Abend kommen sollst, um auf die Kinder aufzupassen?« Dabei hatte ich es ihm erst gestern gesagt.

»Eigentlich wollte ich nur fragen, ob du mich wirklich immer noch brauchst.«

Zähneknirschend schloss ich die Augen. »Ja, Tom, ich habe immer noch vor auszugehen.« Ich bat ihn nicht oft, die Kinder zu hüten, da ich nur selten ausging. In den zwei Jahren seit unserer Trennung war mir erst nach und nach klar geworden, dass ich ihm nicht zeigen musste, ob ich mich noch amüsierte. Meistens tat ich es ohnehin nicht. Inzwischen fühlte ich mich mit meinem Single-Leben ausreichend wohl, um nur noch dann auszugehen, wenn ich es wollte. Wenn ich allerdings ehrlich war, hatte ich wenig Lust auf Drinks mit den Nachbarn heute Abend. Dennoch würde ich Tom nicht den Gefallen tun, mich in letzter Minute versetzen zu dürfen.

»Es hat sich nur was bei der Arbeit ergeben. Ich muss nicht hin, aber es würde besser aussehen, wenn ich dabei bin.«

Ich rieb mir die Augen und schrie im Geiste. Wie mein Abend würde, ahnte ich bereits: holprige Unterhaltungen bei zu viel Wein mit Nachbarn, mit denen ich wenig gemeinsam hatte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich hingehen sollte. Nicht nur hatte ich fest zugesagt, sondern ich hatte auch das letzte Mal gepasst, als sie sich trafen – und das vorletzte Mal.

»Du hast mir erzählt, dass du Zeit hast«, sagte ich matt.

»Weiß ich, und ich komme auch, wenn du mich wirklich brauchst. Es ist nur …«

»Ach, Tom«, seufzte ich.

»Ich sage ja nicht ab, falls ich immer noch kommen soll. Ich frage bloß, ob ich definitiv da sein soll, sonst nichts. Normalerweise willst du nie zu diesen Abenden.«

»Doch, will ich«, erwiderte ich und hasste es, dass er mich so gut kannte. Diesen Stress hätte ich mit einem Babysitter nicht, aber die Kinder würden sich freuen, ihn zu sehen.

»Okay, okay, ich komme«, sagte er. »Sieben Uhr.«

»Danke. Und komm allein«, platzte ich heraus. Ich wusste, dass er seine neue Freundin nicht mitbringen würde; er hatte sie den Kindern bisher nicht einmal vorgestellt.

»Charlotte«, sagte er, »ich weiß nicht, warum das sein musste.«

»Ich will ja nur sichergehen«, erwiderte ich scharf, warf das Telefon hin und hatte zu allem Überfluss ein schlechtes Gewissen. Natürlich hätte es nicht sein müssen, egal wie wütend er mich machen konnte. Daran, wie er seinen Pflichten als Vater nachkam, gab es nichts auszusetzen. Und wir wurschtelten uns verblüffend gut durch.

Als ich die Dusche aufdrehte, versuchte ich, nicht darüber nachzudenken, warum mich seine jüngsten Beziehungsneuigkeiten so verstörten. Es war ja nicht so, als wollte ich ihn zurück. Unsere fünfzehnjährige Ehe hatten wir nicht aus einer Laune heraus beendet; bis dahin hatten wir uns längst viel zu weit auseinandergelebt. Vielleicht mochte ich einfach keine Veränderung, dachte ich und stieg unter die Dusche. Vielleicht hatte ich mich zu sehr an mein ruhig dahinfließendes Leben gewöhnt.

Die zehnminütige Fahrt zur Schule führte uns durch unser Dorf Chiddenford in Richtung Ortsgrenze, wo die Dorfwiese und die malerischen kleinen Läden den weiten ländlichen Bereichen wichen. Gebäude und Außenanlagen der St. Mary’s School konnten es locker mit mancher Privatschule aufnehmen. Über die Straße von der Schule war die eindrucksvolle Festwiese, an die Weiden und kleine Haine anschlossen.

Hier war ich Harriet vor fünf Jahren zum ersten Mal begegnet; sie hatte als Hilfslehrerin gearbeitet. Ich hatte immer gedacht, sie würde Alice auf diese Schule schicken, doch die Fahrt von ihrem Haus aus war ein Albtraum. Was schade war, denn es hätte Alices Selbstvertrauen gestärkt, Molly zwei Jahrgänge über sich zu haben.

Es musste weit nach zwölf gewesen sein, als wir endlich bei dem Fest ankamen und uns in die lange Autoschlange zu dem Abschnitt der Wiese einreihten, der zum Parkplatz umfunktioniert worden war.

Unter der bunten Wimpelgirlande an der Einfahrt stand Gail Turner und winkte die Wagen durch, als würde sie die Schule leiten, nicht bloß den Elternrat. Sowie sie mich sah, signalisierte sie mir, ich solle mein Fenster herunterlassen. Ihre weißen Zähne blitzten im Sonnenschein. »Hallo, Süße, haben wir nicht ein Glück mit dem Wetter?«, rief sie durch mein offenes Seitenfenster. »Mir kommt es vor wie ein persönliches Geschenk.«

»Ja, das ist wirklich Glück, Gail«, sagte ich. »Kann ich irgendwo parken?« Geländewagen und Vans wie meiner drängten sich bereits in Lücken, die viel zu eng waren und aus denen sie wohl nicht allzu leicht wieder herauskommen würden. »Warum ist so viel los?«

»Liegt bestimmt an meiner Werbung«, strahlte sie. »Ich habe mit so vielen Eltern wie möglich geredet, damit sie auch ja kommen.«

»Und wo kann ich parken?«, fragte ich und erwiderte geduldig ihr Lächeln.

»Warte, Süße, lass mich mal sehen, ob ich eine VIP-Lücke für dich finde.« Sie drehte sich vom Fenster weg, und ich wandte den Kopf zu Jack und rollte mit den Augen. Als Gail sich wieder zu mir umdrehte, zeigte sie auf eine Stelle ganz hinten. »Fahr dahin«, sagte sie lächelnd. »So weit hinten kann dich keiner einparken.«

»Danke, Gail.« Langsam fuhr ich weiter. Mit ihr befreundet zu sein, hatte einige Vorteile.

Es war der heißeste Maitag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, hatte der Radiomoderator morgens gesagt. Als ich aus dem Wagen stieg, begann bereits das pinke Sommerkleid, das ich aus dem Schrank gerupft hatte, mir unter den Achseln in die Haut zu schneiden, und ich bereute, keine Flip-Flops zu tragen. Ich band mein Haar zu einem Zopf und wühlte in meiner Handtasche nach der Sonnenbrille. Auf einem der Gläser war ein Kratzer, an dem ich rieb, bevor ich sie aufsetzte. Und ich nahm mir vor, nach dem Brillenetui zu suchen, wenn ich wieder zu Hause war. »Eine Oakley-Sonnenbrille für hundertfünfzig Pfund sollte nicht lose in deiner Tasche herumfliegen«, hatte Audrey einmal gesagt, und ich stimmte ihr zu, hatte jedoch keinen Schimmer, wo das Etui sein könnte.

»Mummy, ich muss mal!«, rief Evie, kaum dass wir es bis auf die Festwiese geschafft hatten.

»Oh, Evie, das ist nicht dein Ernst«, murmelte ich und rupfte mein Kleid aus ihren Händen. »Und zerr bitte nicht an meinen Sachen, Schatz.« Ich zog das Kleid wieder nach oben und sah nach, ob mein BH nicht rausblitzte. »Ich habe dich schon mal gebeten, das zu lassen.«

»Aber ich muss. Ich kann alleine gehen.«

»Nein, Evie, kannst du nicht«, seufzte ich. »Du bist erst drei.«

»Dann geh ich mit Jack.«

Ich drehte mich zu Jack um, der hinter mir herschlurfte, immer noch mit seinem iPad beschäftigt und mit gerunzelter Stirn, weil er sich ganz auf seinen Kampf gegen Drachen konzentrierte. Jack war inzwischen zehn und hatte enorme Fähigkeiten entwickelt, wenn es darum ging, alles wegzuwischen, wegzutippen oder wegzuschnippen, was eine Bedrohung darstellte. Selbstverständlich sollte ich darauf achten, dass er weniger Zeit mit Daddeln verbrachte. Mir war sogar schon gesagt worden, dass es seiner dürftigen sozialen Kompetenz wenig förderlich war. Nur wusste ich auch, dass mein Sohn in seiner eigenen kleinen Welt am glücklichsten war.

Mit seinem dichten dunklen Haar und der Art, wie er bei Anstrengung die Augen zukniff, sah er Tom unglaublich ähnlich. Ich lächelte ihm zu, obwohl er gar nichts mitbekam, und als ich mich wieder zu Evie drehte, bemerkte ich, dass ich die anderen beiden aus den Augen verloren hatte. »Wo sind Molly und Alice? Die waren doch eben noch hier. Evie?«, schrie ich. »Wo sind Molly und Alice hin?«

Evie zeigte mit einem kleinen Wurstfinger auf einen Kuchenstand. »Da drüben.«

Ich atmete auf. Die beiden starrten die kleinen Törtchen mit Zuckerglasur an, die von den Müttern zu Hunderten angeliefert worden waren. Meine Tochter hielt Alices Arm fest umklammert, redete auf sie ein und zeigte auf die Kuchen, als wolle sie zugreifen und sich einen mopsen.

»Mädchen, ihr bleibt bei mir!«, rief ich. Scharen von Menschen strömten zwischen den Ständen umher, und Molly und Alice verschwanden für einen Moment hinter einer Familie – einem massigen Vater mit einem T-Shirt, auf dem »Los Pollos Chicken« stand, und einer nicht minder kräftigen Frau, die sich einen Donut in den Mund stopfte. Ich steuerte auf den Kuchenstand zu und spähte zwischen Beinen hindurch nach den Kindern.

»Molly! Komm her, sofort.« Endlich tauchten die beiden Mädchen auf. Mittlerweile hüpfte Evie von einem Bein aufs andere und zog erneut an meinem Kleid.

»Wann dürfen wir Zuckerwatte?«, fragte Molly. »Ich habe so Hunger.«

»Und ich muss jetzt wirklich ganz doll, Mummy«, rief Evie und stampfte mit ihrem kleinen rosa Schuh ins Gras. »Iiiih, ich habe ganz viel Matsch auf den Füßen«, kreischte sie, schüttelte ihren Fuß und trat mir dabei ans Schienbein.

»Das ist nur ein bisschen Erde, und hatte ich dir nicht gesagt, dass diese Schuhe auf einer Wiese unpraktisch sind?«, antwortete ich, während ich den Schmutz von ihrem Fuß und meinem Schienbein wischte. »Jetzt pass bitte besser auf, Evie. Du tust Mummy weh.«

»Ich bin schmutzig«, kreischte Evie und ließ sich auf den Boden fallen. »Ich muss mal.« Ich blickte mich um und betete, dass niemand uns beobachtete. Ein paar Mütter schauten in unsere Richtung und gleich wieder weg. Ich fühlte, wie meine Wangen heiß wurden, als ich überlegte, ob ich weggehen und sie dort auf dem Boden liegen lassen oder sie hochheben und nachgeben sollte, nur um mein Gesicht zu wahren.

»Ach, Evie«, sagte ich erschöpft. »Wir gehen hinter den Baum dort.« Ich zeigte zum Wiesenrand.

Evies Augen leuchteten.

»Aber jetzt musst du still sein. Sonst lenkst du alle Blicke auf uns, und das wollen wir doch nicht«, sagte ich und zog sie zu dem Baum. »Danach können wir Zuckerwatte holen«, rief ich den anderen hinter mir zu. »Und wir suchen nach den Hüpfburgen, wie ist das?« Falls irgendwer von ihnen antwortete, hörte ich es in dem Lärm nicht.

Obwohl ich spürte, dass ich Kopfschmerzen bekam, bestellte ich mir einen Kaffee am Zuckerwattestand. Es kam mir falsch vor, mit einem Glas Pimm’s herumzulaufen, wenn ich vier Kinder zu beaufsichtigen hatte, und Kaffee war quasi die zweitbeste Wahl. Ich blickte mich um und winkte Freunden zu, die ich in der Ferne ausmachte. Audrey stakste in lächerlich hohen Sandalen über die Wiese. Ihr Haar war hoch aufgesteckt, und ihr langer Seidenrock flog beim Gehen hinter ihr auf. Sie war weder für das Wetter noch für das Schulfest halbwegs passend gekleidet, doch das scherte sie nicht. Sie winkte zurück und deutete mit übertrieben entsetzter Miene auf die vielen Kinder um mich herum. Ich zuckte mit den Schultern, als wäre es ein Lacher für mich, allein auf so viele Kinder aufzupassen.

Ich sah Karen und grinste, weil sie vor einem Bierzelt stand und übertrieben mit den Armen fuchtelte. Zweifellos bemühte sie sich nach Kräften, ihren Mann auf sich aufmerksam zu machen, der sich gewiss verstecken wollte, aber nie lange damit durchkam.

»Jetzt zu den Hüpfburgen?«, fragte ich, als alle Kinder glücklich an ihrer klebrigen Zuckerwatte zupften. Wir machten uns auf den Weg zum anderen Ende der Wiese, wo ich die Spitze einer aufblasbaren Tunnelrutsche erkennen konnte. »Seht mal, wie hoch die ist!«

»Da will ich lieber rein als in die Hüpfburg.« Molly hatte die Augen weit aufgerissen und zeigte zu dem gigantischen Ding direkt am Wiesenrand. Es war grellgrün mit aufgeblasenen Palmen, die obenauf hin und her schwankten, und auf der Seite stand groß »Jungle Run«. Molly rannte hinüber, um durch die Netzstoff-Fenster zu linsen, und ausnahmsweise war Jack ihr dicht auf den Fersen.

»Die ist irre!«, rief sie. »Komm mal her, Alice.« Brav ging Alice zu ihr und sah durch das Fenster. Wieder verspürte ich einen kleinen Stich im Herzen, weil es so oft schien, als würde Alice bereitwillig alles tun, was die anderen entschieden. Manchmal wünschte ich mir, sie würde mal den Mund aufmachen und sagen, was sie tun wollte. Es war unmöglich zu erkennen, ob sie glücklich war oder schlicht zu wenig Selbstvertrauen hatte, um auszusprechen, wenn nicht.

»Dürfen wir da rein, Mum?«, fragte Jack.

»Ja, natürlich dürft ihr.« Solch ein Ding hätte ich als Kind auch geliebt und sofort meine Schwester reingezerrt.

Alice wich zurück und sah mich an.

»Du musst nicht, wenn du nicht willst«, sagte ich.

»Klar willst du, oder, Alice?«, kam es umgehend von Molly.

»Molly, sie darf selbst entscheiden.« Ich holte mein Portemonnaie hervor und zählte Münzen ab. »Möchtest du lieber bei mir bleiben?«, fragte ich Alice.

»Ich will nicht da rein«, unterbrach Evie uns. »Ich gehe zur Rutsche.«

»Möchtest du mit Evie zur Rutsche gehen?«

»Nein, ich gehe mit Molly«, antwortete Alice leise, und ich stellte fest, dass es das Erste war, was sie heute überhaupt zu mir sagte.

»Na gut, aber ihr bleibt alle zusammen. Und, Jack, pass auf die Mädchen auf, ja?«, rief ich ihm nach, bezweifelte indes, dass er mich hörte. Er war bereits seitlich halb um das Ding herum.

Ich gab das Geld einer Mutter, die ich nicht kannte, und als ich mich wieder umdrehte, waren die Kinder nicht mehr zu sehen.

»Komm jetzt, Mummy.« Abermals zog Evie an meinem Kleid.

»Fünf Minuten noch, Evie«, sagte ich. »Sie dürfen fünf Minuten hier toben, und dann gehen wir zur Rutsche.« Ich musste mich in den Schatten setzen, denn mein Kopf begann zu pochen, was der Kaffee um nichts besser machte. »Sehen wir uns an, wie der Zauberer aufbaut, und danach darfst du rutschen, versprochen.«

Evie war gebannt von dem Zauberer, was bedeutete, dass sie vorübergehend Ruhe gab. Aus purer Gewohnheit holte ich mein Handy aus der Tasche und sah nach Nachrichten. Ich las eine Textnachricht von einem meiner Nachbarn wegen der Party abends; er bat, dass alle direkt nach hinten in den Garten kamen, damit wir das Baby nicht weckten.

Dann rief ich meine E-Mails auf und klickte einen Link an, der mich zu Facebook führte, wo ich ein bescheuertes Quiz las und mich dann durch Posts scrollte, mich in anderer Leute Leben verlor.

Ich blickte durch die Zeltöffnung hinüber und sah die Kinder die kleine Rutsche am Ende des Jungle Run herabgleiten und gleich wieder nach hinten zum Einstieg laufen, bevor ich oder irgendwer sonst ihnen sagen konnte, dass ihre Zeit um war. Ich tippte einen Kommentar zum Urlaubsfoto einer Freundin und ergänzte zu meinem Status, dass ich das Wetter bei einem Schulfest genoss.

Als ich schließlich aufstand, sagte ich Evie, dass sie zur Rutsche dürfe. Wir gingen zurück zum Jungle Run, wo wir beide loslachten, als Jack sich am unteren Ende über den Rand schwang und auf dem Hintern landete.

»Das war genial«, rief er, rappelte sich auf und kam zu mir.

Ich legte einen Arm um seine Schultern und drückte ihn an mich. Ausnahmsweise verspannte er sich nicht sofort. »Freut mich, dass es dir Spaß gemacht hat. Wo sind die Mädchen?«

Jack antwortete mit einem Achselzucken.

»Oh, Jack, ich hatte dir gesagt, dass du auf sie aufpassen sollst.«

»Dann hätten sie bei mir bleiben müssen«, konterte er überheblich.

Wir sahen, dass Molly sich oben auf die Rutsche warf und nach unten rauschte. »Ha, ich war dir ja wohl eine Meile voraus!«, lachte Jack.

»Weil du mich vorhin geschubst hast. Mummy, Jack hat mir am Arm wehgetan!«

»Ist sicher nicht schlimm«, sagte ich und rieb ihren Ellbogen, den sie mir hinhielt. »Wo ist Alice?«

»Ich habe gedacht, sie ist hinter mir.«

»Ist sie nicht, Molly. Wahrscheinlich steckt sie irgendwo fest und hat Angst. Einer von euch muss noch mal rein.«

»Ich gehe«, bot Jack sich an und rannte bereits zum Aufstieg.

»Ich auch.« Molly verschwand genauso schnell, und wieder waren beide außer Sicht. Ich wartete, blickte mich auf der Wiese um, staunte über die Unmenge Leute hier und entdeckte Audrey wieder, die jedoch zu weit weg war, um nach ihr zu rufen. Ich musste sie fragen, ob sie Jack am Montag mit zum Fußball nehmen konnte, daher sollte ich sie heute irgendwann noch abfangen.

Jack erschien oben an der Rutsche. »Hier drinnen ist sie nicht«, rief er und warf sich auf die Rutsche, um wenig später unten zu meinen Füßen zu landen.

»Was soll das heißen, da drinnen ist sie nicht? Natürlich ist sie das.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe sie nicht gesehen, und ich war überall drinnen, aber da ist sie nicht.«

»Molly? Hast du Alice gesehen?«, fragte ich meine Tochter, die nun ebenfalls am Rutschenende auftauchte. Molly schüttelte den Kopf. »Aber sie muss da sein. Sie kann doch nicht einfach verschwinden. Du musst noch mal rein, Jack«, sagte ich und schob ihn um die Rutsche herum. »Und diesmal findest du sie.«

Harriet

Zu Beginn des Kurses wurde Harriet gesagt, dass sie ihr Handy ausschalten sollte. Sie blickte sich im Raum um und wunderte sich, dass niemand sonst sich zu sträuben schien, alle ihre Handys ausstellten und sie achtlos in ihre Hand- oder Jackentaschen gleiten ließen. Waren hier denn sonst keine Leute, die Kinder hatten?

Natürlich war Harriet bewusst, dass ihr Widerstreben beinahe neurotisch anmutete. Aber ich habe meine Tochter noch nie zuvor verlassen, dachte sie im Stillen. Wie kann man von mir erwarten, dass ich nicht erreichbar sein soll, wenn Alice bei jemand anderem ist?

Letztlich entschied sie, ihr Handy lautlos zu stellen und es so obenauf in ihre Handtasche zu legen, dass sie das Aufleuchten des Displays sehen würde, wenn jemand anrief oder eine Textnachricht schickte. Mit dieser Entscheidung ging es ihr ein wenig besser, weil sie ein Problem gelöst hatte. Sie holte ihr iPad hervor und legte es vor sich hin, damit sie sich Notizen machen konnte.

Während sie der Kursleiterin Yvonne bei der Einführung in die Welt der Buchhaltung lauschte, überlegte Harriet, dass sie vielleicht doch lieber auf Charlotte gehört hätte und etwas gewählt, das sie interessierte. Schließlich hatte ihre Freundin recht; Harriet wäre eine gute Lehrerin, und es wäre schön, ihren Abschluss in Englisch besser zu nutzen. Doch hier ging es ums Geld, erinnerte sie sich und versuchte, sich zu konzentrieren.

Die Minuten dehnten sich langsam zu Stunden, und am frühen Nachmittag hatte Harriet das Gefühl, einen Großteil ihres Lebens in diesem kleinen Raum zu hocken. Es war unglaublich stickig, weil zu viele Leute hier hereingepfercht waren, was das Atmen schwierig machte. Harriet fächelte sich mit ihrem Notizheft Luft zu und wünschte, Yvonne würde ein Fenster öffnen, doch die Frau schien nicht mitzubekommen, wie unwohl sie sich fühlte. Nun bekam sie einen Krampf im rechten Bein, und obwohl sie sicher bald eine Pause machen würden, fragte sie sich, ob sie auf die Toilette verschwinden und sich die Stirn mit Wasser kühlen könnte. Dann würde sie auch gleich nach Nachrichten auf ihrem Handy sehen. Es war irgendwie tiefer in die Tasche gerutscht, und ohne auffallend danach zu kramen, konnte sie nicht herausfinden, ob es verpasste Anrufe gab.

Harriet traf einen spontanen Entschluss, nahm ihre Handtasche und drängte sich an den Leuten am Nachbartisch vorbei. Mit gesenktem Kopf verließ sie den Raum und trat in den hellen, luftigen Korridor. Schon jetzt bekam sie leichter Luft.

»Reicht es dir auch?«, fragte eine Stimme hinter ihr.

Harriet drehte sich um und sah, dass ihr ein junges Mädchen aus dem Kurs nach draußen gefolgt war.

»Wie bitte?«

»Mir reicht das da drinnen. Es ist viel zu heiß, oder?«

»Ja, ist es.«

»Und zu öde.« Das Mädchen kicherte. »Deshalb verschwinde ich.« Sie starrte Harriet an, und ihr Blick fiel auf ihren Mund.

Unsicher wischte Harriet sich über die Lippen, aber das Mädchen sah weiter hin. Sie hatte sich künstliche Wimpern angeklebt und blinzelte kaum.

»Ich kann dieser Yvette nicht eine Sekunde länger zuhören«, fuhr das Mädchen fort.

»Yvonne«, korrigierte Harriet unwillkürlich, ehe sie sich bremsen konnte.

»Stimmt«, sagte das Mädchen achselzuckend. »Du solltest auch gehen – es sei denn, dir macht das Spaß.« Ihre Mundwinkel zuckten.

Nein, Harriet machte es keinen Spaß, aber sie wusste auch, dass sie nicht gehen konnte. Sie durfte unmöglich vor dem Ende verschwinden.

Mit einem letzten Grinsen trottete das Mädchen den Korridor hinunter, bog um eine Ecke, und Harriet schlüpfte in die Toilette.

Sie atmete tief aus, als sie kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen ließ, und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihre Wangen waren gerötet von der Hitze und ihr Hals fleckig. Einzelne Strähnen hatten sich aus dem Knoten gelöst, und sie strich sie nach hinten, wobei sie graue Strähnen an ihrem Haaransatz bemerkte.

Harriet runzelte die Stirn. Sie war neununddreißig und alterte schnell – tat allerdings auch nichts, um es zu kaschieren. Sie trug kein Make-up, und ihr Haarschnitt war formlos. Charlotte schlug ihr dauernd Salons vor, in denen sie es richtig schneiden lassen könnte, aber fünfunddreißig Pfund schienen ihr viel zu übertrieben. Ein bisschen Wimperntusche hingegen könnte betonen, dass sie Wimpern besaß, und sie weniger müde aussehen lassen. Und ihre Kleidung schmeichelte ihr nicht. Ihre gesamte Garderobe war grau oder dunkelbraun. Einmal hatte sie sich einen von Charlottes grellpinken Schals geliehen und umgebunden, weil es im Park frisch geworden war, und sie wollte nicht glauben, welche Wirkung er gehabt hatte.

Sobald Harriet sich abgekühlt hatte, holte sie ihr Handy hervor und tippte auf die Taste, die das Display erhellte. Als nichts geschah, drückte sie den seitlichen Knopf, um es einzuschalten, doch es blieb alles schwarz.

»Komm schon«, murmelte sie, und reflexartig krampfte sich ihr Bauch zusammen. Immer wieder drückte sie den Knopf, aber nichts passierte. Sie hatte das Handy gestern Abend ans Ladekabel gestöpselt, so, wie sie es immer tat, wenn sie schlafen ging. Harriet erinnerte sich daran, weil sie gewusst hatte, dass sie das Telefon heute dringender denn je bräuchte.

Vielleicht hatte sie es vergessen.

Nein, hatte sie definitiv nicht. Sie hatte darauf geachtet, es an die Ladestation anzuschließen, bevor sie sich einen Tee machte, den sie mit an ihr Bett nahm. Sie erinnerte sich, dass sie es auf dem Weg in die Küche überprüft hatte. Dennoch blieb das Handy tot.

Harriet warf es zurück in die Tasche. Jetzt hatte sie keine Ahnung, wie es beim Schulfest lief, und niemand konnte ihr berichten. Plötzlich wollte sie wegen des blöden leeren Akkus in Tränen ausbrechen.

Sie unterdrückte ein Schluchzen. Es schmerzte sie, von Alice getrennt zu sein, es brach ihr das Herz, doch niemand verstand das. Also hatte Harriet gelernt herunterzuspielen, wie sehr sie sich an ihre Tochter klammern wollte und es hasste, sie aus den Augen zu lassen. Ihr entging nicht, dass Charlottes Freundinnen Blicke wechselten, als sie zugab, dass sie noch nie eine Nacht ohne Brian oder Alice verbracht hatte.

»Sie käme ohne dich klar«, hatte Charlotte gesagt. »Will Brian dich nicht ab und zu mal eine Nacht ganz für sich?« Harriet versuchte sich vorzustellen, was Brian sagen würde, sollte sie es vorschlagen. Wahrscheinlich wäre er begeistert.

»Oder du lässt sie bei Brian und kommst mal einen Abend mit uns mit«, hatte Charlotte beharrt.

Das wiederum konnte sie sich nicht vorstellen, was sie jedoch nicht durchblicken ließ, weil sie selbst hasste, dass sie so war. Niemand ahnte, wie viel es ihr abverlangte, Alice heute bei Charlotte zu lassen. Charlotte war entzückt gewesen, als Harriet sie gefragt hatte, also hatte Harriet ihr nicht erzählt, dass sie sonst niemanden fragen konnte.

»Irgendwann muss man sie loslassen«, hatte einmal eine Frau in einem Laden zu ihr gesagt. »Eines Tages werden sie flügge und fliegen davon. Wie ein Schmetterling«, fügte sie hinzu und wedelte mit den Armen in der Luft. Harriet hatte den Drang verspürt, ihr die Arme nach unten zu schlagen.

Alice würde irgendwann wegfliegen wollte, genau wie Harriet es getan hatte. Ihre eigene Mutter hatte sich zu sehr an sie geklammert, daher wusste Harriet, wie destruktiv solch ein Verhalten sein konnte. Sie hatte sich geschworen, bei ihren Kindern nicht so zu sein, und nun war sie es. Sie war zu der Mutter geworden, die sie nie sein wollte.

Harriet sollte das Handy vergessen, zurück in den Raum gehen und den Rest des Kurses durchstehen. Es spielte keine Rolle, sagte sie ihrem Spiegelbild. Es waren nur noch – sie blickte auf ihre Uhr – höchstens zwei Stunden, und sie wäre wie geplant um halb fünf zu Hause.

Oder sie könnte sich wegschleichen wie das Mädchen.

Harriet trommelte mit den Fingern auf dem Waschbeckenrand. Sie sollte wirklich imstande sein, simple Entscheidungen zu fällen.